30. September 1938: Das Münchner Abkommen. Trommeln in der Nacht …

Heim ins ReichAm 30. September 1938 wurde nach monatelanger Krise das „Münchner Abkommen“ zwischen England, Frankreich, Italien und Deutschland geschlossen. Die Welt und viele Deutsche hoffen, dass durch die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete Hitlers  Gier endlich gestoppt, der Frieden gerettet wäre.
Ein Zeitzeugenbericht.

Die 25jährige Ilse ist im  nordböhmischen Aussig aufgewachsen und lebt als Deutsche mit tschechoslowakischem Pass seit einigen Jahren mit ihrem Mann Georg und ihrer gemeinsamen kleinen Tochter in Prag.
Nachdem Hitler mit Hilfe der ‚Sudetendeutschen Partei‘ (SdP) Unruhen im ganzen Land angezettelt hat und nun lautstark den Anschluss der von Tschechen und Slowaken angeblich gefährdeten Sudetendeutschen fordert, spitzt sich die Lage in der Tschecho-slowakei bedrohlich zu.

In ihren Erinnerungen schreibt Ilse:

„… Eines Abends kehrte Georg mit sorgenvoller Miene aus dem Büro nach Hause zurück. Man hatte ihn von der deutschen Botschaft aus angerufen und ihm, als Reichsdeutschen, die sofortige Ausreise aus der ČSR nahegelegt.
Am späten Abend erfuhren wir aus den Nachrichten, dass für das Tschechische Heer die Mobilisierung ausgerufen sei, und Prag mit seinen Verbündeten England und Frankreich über ein militärisches Eingreifen verhandle. …“


Es folgt eine unruhige Nacht.
Nicht allzu weit von ihrer Wohnung führen die Eisenbahngleise durch Prag, das Rollen der Eisenbahnzüge verstummt in dieser Nacht nicht. Im Haus hört man das Trappeln der Stiefel vieler junger Tschechen, die ihren Stellungsbefehl erhalten haben.
Ilse und Georg beschließen, am Vormittag über Eger nach Bayern abzureisen:

„… Am Bahnhof ging es turbulent zu. Nicht nur wir hatten uns zur Abreise entschlossen.
Mit Müh und Not fanden wir noch 2 Plätze in dem völlig überfüllten Zug nach Eger. Es war ein sonniger Septembertag und unsere Stirnen wurden bald feucht von Schweiß, mussten wir doch abwechselnd unsere kleine Tochter bei Laune halten. Nur langsam kam der Zug voran.
Es war Nachmittag, als wir Eger erreichten. Hier hieß es plötzlich: „Alles aussteigen, der Zug fährt nicht weiter“. Ratlos saßen wir auf dem Bahnsteig und lauschten auf die um uns schwir-renden Gerüchte. Die Gleise seien wenige Kilometer hinter Eger gesprengt – man suche in unserem Zug nach fahnenflüchtigen Sudetendeutschen – alles keine guten Nachrichten. …“


Ilse und Georg sind ratlos.
Auch auf der Flucht braucht ein Baby frische Windeln und etwas zu Essen. In ihrer Not macht sich Ilse auf die Suche nach einem Telefon, um einen Onkel in Eger anzurufen und um Hilfe zu bitten.

Als sie das Bahnhofsgebäude verlässt, findet sie die Stadt menschenleer. Auf den Gehsteigen liegt das Glas zertrümmerter Glasscheiben, in den Mauern sieht sie Spuren von Einschüssen, Zeugnisse eines der vielen Kämpfe zwischen SdP-Anhängern und Tschechen am Abend zuvor.
Endlich findet sie eine Telefonzelle, erreicht Onkel Willi aber nicht. Unverrichteter Dinge kehrt sie zu Mann und Tochter auf die Bahngleise zurück:

„… Da wurde endlich ein leerer Zug auf den Bahnsteig geschoben. Es hieß einsteigen!
Erleichtert fanden wir ein Plätzchen. Es hieß dann, die deutsche Botschaft habe es bei der tschechischen Regierung erreicht, dass noch dieser Zug und zwar nur für Deutsche mit einem gültigen Pass zusammengestellt worden war.
Im Schritttempo verließ er die Station. Es hieß, die Tschechen hätten schon überall Sprengsätze gelegt, um die Grenze im Falle eines Krieges unpassierbar zu machen.
Endlich tauchten neben dem Bahnkörper die deutlich sichtbaren Grenzsteine mit dem deutschen Hoheitszeichen auf. Wie ein Aufatmen ging es durch den ganzen Zug, und dann tönte es zaghaft erst, dann aber immer lauter aus allen Kehlen: „Deutschland, Deutschland, über alles …
Stark war nach Stunden der Angst und Unsicherheit das Gefühl: Nun sind wir auf deutschem Heimatboden, nun kann uns nichts mehr geschehen. …“


Ihre erste Station ist Mitterteich, wo der Bürgermeister mit Helfern zum Bahnhof geeilt ist, um persönlich Verpflegung an die erschöpften Flüchtlinge auszugeben.
Anschließend fährt der Zug weiter ins oberfränkische Marktredwitz. Hier endet die Reise. Müde, beklommen und ratlos stehen Ilse und Georg mit ihrem schlafenden Baby auf dem Bahnsteig, bis ihnen eine Rotkreuz-Schwester eine Übernachtungsmöglichkeit im Krankenhaus anbietet.
Georg erreicht seinen Bruder, einen Pfarrer im Fränkischen, telefonisch. Am nächsten Tag holt er die drei Prager in seinem neuen VW-Käfer (die Produktion in Wolfsburg ist gerade angelaufen) in sein Pfarrhaus.

„… Unser Hauptinteresse galt in jenen Tagen den Nachrichten im Radio.
Im Wohnzimmer meines Schwagers stand natürlich auch schon ein sogenannter Volksempfänger, ein sehr preiswerter und leistungsfähiger Apparat. Die Propaganda des Großdeutschen Reiches hatte ihren Schwerpunkt auf den Rundfunk gelegt und beherrschte dieses Instrument geradezu meisterhaft. Nur so ist zu erklären, dass die Bevölkerung bis ins letzte Dorf am politischen Geschehen mit Begeisterung teilnahm.
Wir erlebten das bei der großen sogenannten „Sportpalastrede“ Hitlers, als nicht nur wir, sondern eine beträchtliche Anzahl Leute aus der Nachbarschaft, die eben noch kein Radio hatten, daran teilnahmen.
…In dieser Rede forderte Hitler die Welt auf, das 1918 an den Sudetendeutschen begangene Unrecht wieder gutzumachen, indem sie den Anschluss dieser Gebiete an Deutschland billigend zuließen. Den Tschechen drohte er unmissverständlich mit militärischer Gewalt.
Uns wurde heiß und kalt bei dieser Rede. …“


Auch die reichsdeutsche Presse wird „von der Leine gelassen“:
Unter dem Blutregime. Neue tschechische Morde an Deutschen. Giftattacke auf Deutsche in Aussig geplant. Erpressungen, Plünderungen, Erschießungen – Der tschechische Terror in den Sudetengebieten wird von Tag zu Tag schlimmer“,
sind nur einige Schlagzeilen dieser Tage.

Einen Tag  nach Hitlers „Sportpalastrede“, am 27. September 1938, bringt Ilses Schwager die drei Prager mit dem Auto auf der damals gerade fertig gewordenen Autobahn Berlin – München zu den Eltern nach München.
Wie sich bald herausstellt, werden genau hier in den kommenden Tagen die Weichen für die „große Politik“ gestellt:

„… In den nächsten Tagen überstürzten sich dann die Ereignisse.
Wir hatten am Nachmittag des 28.9. zusammen mit Paula und Hannes das Oktoberfest besucht mit recht bedrückten Gefühlen, die sich aber schnell zu einer Art Euphorie steigerten, als die ersten Extrablätter verkündeten, für den nächsten Tag sei eine Konferenz in München einberufen, an der sich Italien, England und Frankreich beteiligen sollten.
Den berühmten Tag erlebten wir  in der Brienner Straße. In offenen Wagen fuhren an uns in Sichtweite vorbei: Chamberlain für England, Daladier für Frankreich Mussolini für Italien und Hitler. Alle in Begleitung ihrer engsten Mitarbeiter. Es war ein sonniger Tag und ganz München geradezu in Hochstimmung. Es war der 29.9.38. Am Abend wurde dann verkündet, dass England und Frankreich dem Anschluss des sudetendeutschen Sprachgebietes an Deutschland zustimmten. Gleichzeitig war zwischen England und Deutschland ein Friedenspakt unterzeichnet worden. Unsere Freude war übergroß. Noch einmal war der Friede gerettet worden. Wir hofften, dass nun Hitlers Machtansprüche befriedigt seien. …“


Kurz nach dem Münchner Abkommen tritt Georg die Heimreise über Wien nach Prag an. Ilse muss fast sechs Wochen mit ihrem Baby in München ausharren, bis die neue Grenze konsolidiert und zum Teil schon zerstörte Grenzübergänge wieder in Betrieb sind. Schließlich wird ihre Reise zunächst bis Aussig genehmigt: Als Ilse mit ihrem Kind nach einer langen Nacht und einem langen Tag im Zug endlich bei ihren Eltern eintrifft, ist ihre Familie erfreut und erschrocken zugleich: Da die Post noch nicht funktioniert, konnte sie ihr Kommen nicht anmelden, alle Zimmer des Hauses sind belegt, denn ihre Eltern haben freiwillig drei deutsche Soldaten einquartiert.
Ilses Eltern wissen nicht viel über die Ereignisse der letzten Wochen, denn die wichtigste Informationsquelle jener Tage, die Radiogeräte, waren zu Beginn der Krise von einer tschechoslowakischen Abordnung in der gesamten Nachbarschaft eingesammelt worden.

Doch lange hält es Ilse bei ihrer Familie nicht aus, sie möchte heim zu ihrem Mann nach Prag. So begibt sie sich nach wenigen Tagen Aufenthalt mit ihrer Tochter auf eine mittlerweile abenteuerliche Reise:

„… Früher fuhr man mit dem Schnellzug knappe 1½ Stunden nach Prag. Zu dieser Zeit kam man mit dem Zug nur bis Lobositz. Dort musste man sich zu dem Grenzposten an der Prager Straße begeben, der meinen Pass strengstens daraufhin  prüfte, ob mir die Einreise in die nach der Abtretung des Sudetengaus neu entstandene „Rest-Tschechoslowakei“ zu gestatten sei.
Bis hierher hatte mich meine Mutter begleitet. Nun mussten wir Abschied voneinander nehmen, nicht wissend, wann ein Wiedersehen möglich sein würde. Der Schlagbaum wurde für mich geöffnet, ich bestieg mit meiner Kleinen ein für solche Fälle bereitgestelltes Taxi, welches mich zum Bahnhof Bauschowitz brachte, von wo aus Züge ins Landesinnere verkehrten. Fast 3 Stunden war ich mit meinem Baby unterwegs, eingepfercht in einem überfüllten Zug und ängstlich jedes deutsche Wort vermeidend, da ich aus Reden und Mienen der tschechischen Zuginsassen deutlich den Hass gegen alles Deutsche verspürte. Zum Glück war zu jener Zeit Ullis Gejuchze und Gebrabbel noch nicht als deutsch zu identifizieren …“


Mit der Besetzung der Sudetengebiete nach dem Münchner Abkommen hat die Auflösung der Tschechoslowakei begonnen: Auch Polen und Ungarn haben noch alte Rechnungen offen und nutzen jetzt die Gunst der Stunde.
Einen Tag nach der Besetzung des Sudetenlandes durch die deutsche Wehrmacht besetzt Polen nach einem Ultimatum das tschechoslowakische Olsagebiet, wenig später wird ein Teil der Slowakei an das mit Deutschland verbündete Ungarn abgetreten.
Präsident Beneš tritt zurück und geht nach England ins Exil, sein Nachfolger wird Emil Hácha, ein hoch angesehener Staatsrechtler.
Die Slowaken ernennen eine eigene Teilregierung und dienen dem „Führer“ bei seinem nächsten Coup.

„… Leider zogen am politischen Himmel dunkle Wolken auf.
Immer öfter mussten wir im deutschen Rundfunk hören, dass die Rest-Tschechoslowakei kein lebensfähiger Staat sei. Die deutsche Generalität machte sich Gedanken über die geopolitische Lage dieses Staates, der – auf der Landkarte betrachtet – wie ein Pfahl im Fleisch des großdeutschen Reiches saß. Immer wieder hieß es, dass Böhmen für die Russen eine ideale Flugbasis bilde.
Trommeln in der Nacht. …“



Es-war-einmal-Cover-300x250„Trommeln in der Nacht“ ist ein Auszug aus der Bildbiographie „Es war einmal“ von Ilse Schulz, Agentur für Bildbiographien, 2013.
(Zum Blättern im Buch bitte hier klicken)


 

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2013


Weiterführende Links zum Thema:


Zu den schillerndsten Figuren der Weltgeschichte zählt Konrad Henlein, der Mann, mit dessen Hilfe Adolf Hitler die Sudetendeutschen im Herbst 1938 „heim ins Reich“ holte.
War Konrad Henlein nur Marionette und Brandstifter, ein verblendeter Nationalsozialist? Oder auch Biedermann mit einem eigentlich ernsthaften Anliegen?
Biedermann oder Brandstifter: Konrad Henlein


4474 Tage währte das 1000jährige Reich auf deutschem Boden.
Dann brach es am 8. Mai 1945 in einem Inferno aus Blut, Tränen und Abermillionen Toten zusammen. Eine kurze Chronologie zum 70. Jahrestag des Kriegsendes:
Vor 70 Jahren: Weltkriegsende-Zusammenbruch-Befreiung


Von ‚Willkommens-Kultur‘ konnte keine Rede sein als sich in den Jahren zwischen 1944 und 1950 rund 12 Millionen Deutsche und Deutschstämmige aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudetenland auf die Flucht Richtung Westen machten oder vertrieben wurden. In den Augen vieler Einheimischer waren sie die „Polacken“, die ihnen das Wenige, das sie nach dem verlorenen Krieg noch hatten, wegnehmen wollten. Heute halten Wirtschaftshistoriker den „Braingain“, also den Gewinn an Talenten durch die Flüchtlingswelle, für eine der wichtigsten Grundlagen des in den 1950er Jahren einsetzenden „Wirtschaftswunders“ – wichtiger als Marshall-Plan und Ludwig Erhard.
Ihr Flüchtlinge!


Über den GAU des 20. Jahrhunderts:
Der „Schwarze Freitag“: Vom Börsenkrach zur Welwirtschaftskrise


Nach der ‚Machtergreifung‘ wurde Deutschland zum strahlenden Mittelpunkt Europas, von seinen Nachbarländern mit Sorge, aber auch mit Bewunderung beobachtet. Über die deutsche ‚Volksgemeinschaft‘ Hitlers Anhänger und einer Politik, die nur ein Ziel kannte: Krieg.
Die Erlaubnis zu hassen


Erinnerungen bewahren und an die Nachkommen weitergeben:
11 Tipps, die Sie beim biografischen Schreiben beachten sollten


 Wir müssten das alles mal aufschreiben Die Agentur für Bildbiographien veröffentlicht seit 2012 hochwertige Bildbände und Chroniken über Familien- und Unternehmens-geschichten. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Homepage Bildbiographien: Wir müssten das alles mal aufschreiben!


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.