Biedermann oder Brandstifter: Konrad Henlein

Bundesarchiv_Bild_183-H13160,_Beim_Einmarsch_deutscher_Truppen_in_Eger

Beset­zung der Tsche­cho­slo­wa­kei durch die deut­schen Trup­pen, Okto­ber 1938, UBz: Ein­woh­ner von Eger beim Ein­rü­cken deut­scher faschis­ti­schen Ver­bän­de. Her­aus­ga­be­da­tum: 5. Okto­ber 1938, Scherl / Welt­bild, Bun­des­ar­chiv, Bild 183-H13160 / CC BY-SA 3.0

Zu den schil­lernds­ten Figu­ren der Welt­ge­schich­te zählt Kon­rad Hen­lein, der Mann, mit des­sen Hil­fe Adolf Hit­ler die Sude­ten­deut­schen im Herbst 1938 „heim ins Reich“ hol­te.
Hen­lein, Sude­ten­deut­scher mit tsche­chi­schem Groß­va­ter, war Turn­leh­rer und woll­te nach eige­nem Bekun­den nichts ande­res sein. Er wur­de zum Aus­hän­ge­schild einer Bewe­gung, die in den 1930er Jah­re kräf­tig am Welt­frie­den zün­del­te.
War Kon­rad Hen­lein nur Mario­net­te und Brand­stif­ter, ein ver­blen­de­ter Natio­nal­so­zia­list? Oder auch Bie­der­mann mit einem eigent­lich ernst­haf­ten Anlie­gen?

Am Ende war es schnell vor­bei mit der eins­ti­gen Pracht und Herr­lich­keit:
Bin­nen weni­ger Tage löst sich im Herbst 1918 die Herr­schaft der Habs­bur­ger in Öster­reich, Ungarn und wei­ten Tei­len des Bal­kans nach fast 640 Jah­ren in Nichts auf.

Die Tsche­cho­slo­wa­kei ist eine Ver­bin­dung von Fet­zen und Fli­cken, für die kein bri­ti­scher Sol­dat ster­ben soll.
Nevil­le Cham­ber­lain, bri­ti­scher Pre­mier­mi­nis­ter 1937 — 1940


Eine Verbindung von Fetzen und Flicken

Aus der Kon­kurs­mas­se Öster­reich-Ungarns, einem Viel­völ­ker­staat, der von vie­len auch als ‚Völ­ker­ker­ker’ bezeich­net wur­de, ent­ste­hen neue Natio­nal­staa­ten.

Vie­le Volks­ge­mein­schaf­ten und Natio­na­li­tä­ten gab es schon, bevor sie auf die eine oder ande­re Wei­se und in der Regel unfrei­wil­lig plötz­lich zu Öster­reich-Ungarn gehör­ten, ande­re nicht.
Zu den Natio­nen, die nach dem Endes des Ers­ten Welt­krie­ges neu “erfun­den” wer­den, gehört auch die Repu­blik Tsche­cho­slo­wa­kei; eine Repu­blik mit einem gro­ßen Geburts- und Schön­heits­feh­ler:

Das, was da ent­steht, ist wie­der ein Viel­völ­ker­staat, mit gro­ßen Min­der­hei­ten und klei­nen Mehr­hei­ten, die sich unter­ein­an­der nicht beson­ders mögen.

MasarykFotoPrvniPoselstviTGM

Der ers­te Prä­si­dent der Tsche­cho­slo­wa­kei, Tomáš Gar­ri­gue Masa­ryk, 1918

Trei­ben­de Kraft hin­ter der bis 1918 völ­lig unbe­kann­ten Nati­on Tsche­cho­slo­wa­kei sind der tsche­chi­sche Phi­lo­so­phie-Pro­fes­sor, Poli­ti­ker und spä­te­re Staats­prä­si­dent Tomáš Gar­ri­gue Masa­ryk und sein engs­ter Mit­ar­bei­ter Edvard Beneš.
Bei­de emi­grier­ten bei Kriegs­aus­bruch im August 1914 und leb­ten in Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en im Exil.
Mit viel Zähig­keit und diplo­ma­ti­schem Geschick errei­chen sie, dass die bei den Kriegs­geg­nern Öster­reich-Ungarns eigent­lich unbe­deu­ten­de ‚tschecho-slo­wa­ki­sche Fra­ge’ schließ­lich auf die Tages­ord­nung kommt und nach Kriegs­en­de gelöst wer­den soll.

Das vom US-ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Woo­d­row Wil­son dekla­rier­te Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker ist ihr schla­gen­des Argu­ment.
Nach lan­gen und zähen Ver­hand­lun­gen schaf­fen es Masa­ryk und Beneš, die Alli­ier­ten von der Bil­dung einer tsche­cho­slo­wa­ki­schen Repu­blik zu über­zeu­gen, zumal eine tsche­cho­slo­wa­ki­sche Exi­l­ar­mee (Tsche­cho­slo­wa­ki­sche Legi­on) an der Sei­te der Entente-Streit­kräf­te auf den Schlacht­fel­dern des Ers­ten Welt­krie­ges gegen Öster­reich-Ungarn und das Deut­sche Reich kämpft.


Die Slo­wa­ken, die nach dem Wil­len Masa­ryks und Beneš Teil der neu­zu­grün­den­den Repu­blik sein sol­len, zie­ren sich lan­ge.

Slo­wa­ken spre­chen eine ande­re Spra­che, haben ande­re Wur­zeln und Tra­di­tio­nen und fühl­ten sich zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts gegen­über den moder­nen und auf- geschlos­se­nen Tsche­chen als Hin­ter­wäld­ler — als klei­ne, häss­li­che Brü­der.
Ein Gefühl, das Jahr­zehn­te über­dau­ern wird.
Ein Gefühl das maß­geb­lich zum Ende der neu­ge­grün­de­ten Repu­blik Tsche­cho­slo­wa­kei bei­tra­gen wird.

Masa­ryk und Beneš sind sich der Gefahr, die von den stör­ri­schen Slo­wa­ken aus­geht, durch­aus bewusst, aber sie brau­chen sie für die Grün­dung ihres neu­en Staa­tes: Es gibt zu vie­le Deutsch­stäm­mi­ge und zu weni­ge Tsche­chen.
Für die jun­ge Repu­blik muss eine genü­gend gro­ße Bevöl­ke­rungs­zahl geschaf­fen wer­den, um drei Mil­lio­nen deutsch­spra­chi­ge Bür­ger als Min­der­heit dekla­rie­ren zu kön­nen.

Nach mona­te­lan­gen Geheim­ver­hand­lun­gen wil­li­gen die Slo­wa­ken schließ­lich ein, Teil der neu­en Repu­blik zu wer­den.
Ein Deal, der sich für die Tsche­chen spä­ter bit­ter rächen wird.


2000px-Tschechoslowakei_Sprachverteilung_um_1930_-_erstellt_2008-10-29.svg

Sprach­ver­tei­lung in der Tsche­cho­slo­wa­kei um 1930, „Tsche­cho­slo­wa­kei Sprach­ver­tei­lung um 1930 — erstellt 2008–10-29“ von deri­va­ti­ve work: Hen­ry Mühl­pfordt (talk)Czechoslovakia1930linguistic.jpg: Mari­usz Pazd­zio­ra — Czechoslovakia1930linguistic.jpg. Lizen­ziert unter CC BY 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons


Die Wür­fel sind längst gefal­len, als im Okto­ber 1918 die deutsch­spra­chi­ge Bevöl­ke­rung in Böh­men und Mäh­ren auf­wacht und sich als Bür­ger und gleich­zei­tig Min­der­heit der neu gegrün­de­ten Repu­blik Tsche­cho­slo­wa­kei wie­der­fin­det.

Auch die deutsch­stäm­mi­gen beru­fen sich auf Wil­sons Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker und möch­ten sich lie­ber der gera­de ent­ste­hen­den Repu­blik Deutsch­ös­ter­reich anschlie­ßen. Aber es ist zu spät.
Bei den Frie­dens­ver­hand­lun­gen — den Pari­ser Vor­ort­ver­trä­gen — sit­zen die Tschecho-slo­wa­ken mit den Sie­gern am Tisch, wäh­rend öster­rei­chi­sche und deut­sche Gesand­te als Ver­lie­rer oft genug vor der Tür blei­ben müs­sen, ohne über­haupt ange­hört zu wer­den.
Als Tei­le der Bevöl­ke­rung  Pro-Öster­rei­chi­schen Demons­tra­tio­nen orga­ni­siert, schießt das tsche­chi­sche Mili­tär in die wüten­de Men­ge, es gibt meh­re­re Tote.

Ein wei­te­rer Geburts­feh­ler der jun­gen Nati­on

Die zweite Schweiz Europas

Plötz­lich Min­der­heit zu sein, fällt den zwangs­re­kru­tier­ten deutsch­spra­chi­gen Neu­bür­gern der Tsche­cho­slo­wa­kei sehr schwer.

Trotz garan­tier­ter Min­der­hei­ten­rech­te  hand­ha­ben die neu­en Herr­scher vie­les genau­so wie ihre Vor­gän­ger, nur mit umge­kehr­ten Vor­zei­chen.
Hat­te das alte Regime in Wien sei­ne Unter­ta­nen unter­schied­lichs­ter Natio­na­li­tä­ten bis 1918 mit Deutsch als allein­gül­ti­ger Amts­spra­che drang­sa­liert, so ver­lan­gen die Tsche­chen nun von ihren deutsch­spra­chi­gen Staats­be­diens­te­ten per­fek­tes Tsche­chisch.
Das gilt für ein­fa­che Brief­trä­ger genau­so wie für Hoch­schul­pro­fes­so­ren.
Die Sprach­prü­fung ist schwer und wird bei den Deut­schen gefürch­tet: Latein­leh­rer müs­sen bei­spiels­wei­se Goe­thes ‚Faust’ auf Tsche­chisch rezi­tie­ren kön­nen, um zu bestehen.
Vie­le bis dahin wacke­re deutsch­spra­chi­gen Beam­te und Behör­den­ver­tre­ter schei­tern und ver­lie­ren nicht nur ihre “alte” Hei­mat, son­dern auch ihre Pos­ten.

Vie­le füh­len sich als Frem­de im eige­nen Land und sehen sich zusätz­lich wirt­schaft­lich benach­tei­ligt.

Deutsch­böh­men und Deutschmäh­ren sind die Filet­stück­chen aus der Kon­kurs­mas­se der k.u.k. Dop­pel­mon­ar­chie und für die jun­ge Repu­blik Tsche­cho­slo­wa­kei ein uner­mess­lich wert­vol­ler Gewinn.
Seit der Zeit der Habs­bur­ger Mon­ar­chie lie­fern die hoch­in­dus­tria­li­sier­ten Pro­vin­zen mit gut aus­ge­bil­de­ten Arbeits­kräf­ten rund zwei Drit­tel aller Indus­trie­pro­duk­te.
Nach Kriegs­en­de geht es auch der tsche­cho­slo­wa­ki­schen Wirt­schaft ähn­lich wie der im besieg­ten Deutsch­land oder Öster­reich schlecht.
Doch ihre Start­be­din­gun­gen sind deut­lich bes­ser: Ohne Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen, mit der leis­tungs­fä­hi­gen Indus­trie vor allem in den dazu­ge­won­ne­nen deutsch­spra­chi­gen Gebie­ten, geschick­ter Poli­tik und gut aus­ge­bil­de­ten Fach­ar­bei­tern kann der jun­ge Staat inner­halb kur­zer Zeit sei­ne Wirt­schaft ankur­beln.


Dank ihrer guten Start­be­din­gun­gen ist die Tsche­cho­slo­wa­kei bald eine der stärks­ten Volks-wirt­schaf­ten Euro­pas, bewun­dernd spricht man auch von der „zwei­te Schweiz Euro­pas“.
Der wach­sen­de Wohl­stand und eine für die­se Zeit bemer­kens­wer­te Sozi­al­ge­setz­ge­bung mit Ein­füh­rung des Acht-Stun­den-Tages, einer Sozi­al­ver­si­che­rung und einem Pro­gramm für sozia­len Woh­nungs­bau bil­den den Kitt für das neue Zusam­men­le­ben von Tsche­chen, Deut­schen und Slo­wa­ken.

Die gute öko­no­mi­sche Ent­wick­lung beru­higt die Gemü­ter  – auch wenn der Groll bleibt.

Die Weltwirtschaftskrise

Das ändert sich mit der Welt­wirt­schafts­kri­se und ihren ver­häng­nis­vol­len Fol­gen.

Die Export-Pro­duk­te, die die Wirt­schaft der Tsche­cho­slo­wa­kei stark gemacht haben – ver­edel­ter Stahl, Autos, Flug­zeu­ge und hoch­ent­wi­ckel­te Waf­fen — kann nie­mand mehr bezah­len, Absatz und Pro­duk­ti­on sin­ken rapi­de.
Ver­spä­tet, aber mit vol­ler Wucht trifft die welt­wei­te Wirt­schafts­kri­se auch Tsche­chen, Slo­wa­ken und Deut­sche – in der Tsche­cho­slo­wa­kei hat sie 1933 ihren Höhe­punkt.
Wie über­all auf der Welt ste­hen immer mehr Men­schen am Ran­de des exis­ten­zi­el­len Ab- grun­des, doch noch schlim­mer als die wirt­schaft­li­che Not, sind die Span­nun­gen zwi­schen den Natio­na­li­tä­ten, die jetzt wie­der auf­bre­chen.

Der sozia­le Kitt zer­brö­selt.

Vor allem die Deut­schen, immer­hin mit 3 Mil­lio­nen Men­schen im Ver­gleich zu 7 Mil­lio­nen Tsche­chen und 2 Mil­lio­nen Slo­wa­ken eine sehr gro­ße Min­der­heit, sehen sich benach­tei­ligt.
Die Kri­se trifft die sude­ten­deut­schen Gebie­te wesent­lich här­ter als den Rest der Repu­blik.
Ins­be­son­de­re die Leicht- und Kon­sum­gü­ter­in­dus­trie im Sude­ten­land lei­det stär­ker unter man­geln­dem Absatz als die Schwer- und Nah­rungs­mit­tel­in­dus­trie im tsche­chi­schen Lan­des­in­ne­ren. Das Eger­land lebt bei­spiels­wei­se vor allem von sei­ner Por­zel­lan­in­dus­trie, aber wer kauft schon Por­zel­lan, wenn das Geld kaum fürs täg­li­che Brot reicht?


Meh­re­re Koali­ti­ons­re­gie­run­gen in Prag bemü­hen sich, die Fol­gen des Wirt­schafts-ein­bruchs durch Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­men, Staats­auf­trä­gen und Agrar­zöl­le zu mil­dern, die Zahl der Arbeits­lo­sen steigt trotz­dem rasant an, beson­ders bei den Sude­ten-deut­schen.
Ihren Höhe­punkt erreicht die Kri­se in der Tsche­cho­slo­wa­kei im März 1933.
Jeder fünf­te Sude­ten­deut­sche ist arbeits­los, die Arbeits­lo­sen­quo­te der Deut­schen liegt weit über dem Lan­des­durch­schnitt, Kin­der und Alte ver­hun­gern.

Die deutsch­spra­chi­ge Min­der­heit beginnt, auf­zu­be­geh­ren: gegen Hun­ger, gegen die hohe Arbeits­lo­sig­keit, gegen Tsche­chisch als ein­zi­ge offi­zi­el­le Amts­spra­che.
Sie füh­len sich unge­recht behan­delt, und zum Teil ist das wohl auch so.

Kon­rad Hen­lein betritt die Büh­ne.

Konrad Henlein

Kon­rad Hen­lein in Kar­lo­vy Vary (Karls­bad), 1937, unbe­kann­ter Foto­graf

Kon­rad Hen­lein ist ein ehe­ma­li­ger Bank­an­ge­stell­ter, der 1925 das Tur­nen zu sei­nem Beruf macht.
Er über­nimmt eine Leh­rer­stel­le beim Turn­ver­ein in Asch und woll­te — nach eige­nem Bekun­den — nichts ande­res als Turn­leh­rer sein.

Hen­lein gilt als red­li­che und gewin­nen­de Per­sön­lich­keit, die leicht zu beein­flus­sen ist, und wird trotz­dem – oder viel­leicht gera­de des­halb – im Jahr 1931 zum Füh­rer des Sude­ten­deut­schen Turn­ver­ban­des in der ČSR gewählt.
Wie so oft in jener Zeit gehen auch beim sude­ten­deut­schen Turn­ver­band Sport und Poli­tik Hand in Hand, und Hen­lein beginnt, tief ent­täuscht von den gerin­gen bis­he­ri­gen Erfol­gen (eigent­lich: Miss­er­fol­gen) sude­ten­deut­scher Par­tei­en in Prag, sei­ne Tur­ner­be­we­gung zur poli­ti­schen Kraft aus­zu­bau­en.

Nur eine Ein­heits­front aller nicht-sozia­lis­ti­scher Par­tei­en kön­ne eine gerech­te­re Min­der­hei­ten­po­li­tik in Prag vor­an­trei­ben, lau­tet sein Cre­do.


Die Pra­ger Regie­rung beob­ach­tet Hit­lers ‚Macht­er­grei­fung’ im benach­bar­ten Deutsch­land sehr genau und ver­bie­tet schließ­lich zwei rechts­ra­di­ka­le sude­ten­deut­sche Par­tei­en.
Dar­auf­hin sieht Hen­lein sei­ne Chan­ce gekom­men und grün­det sei­ner­seits die „Sude­ten­deut­sche Hei­mat­front” als neu­es rech­tes Sam­mel­be­cken für alle Wüten­den und Frus­trier­ten.

Zunächst will Hen­lein vor allem eines: reden.
Die „Hei­mat­front“, spä­ter in SdP – Sude­ten­deut­sche Par­tei – umbe­nannt, fei­ert einen Wahl­sieg nach dem ande­ren und stellt schließ­lich die stärks­te Frak­ti­on im Pra­ger Par­la­ment.
Hen­lein und vie­le sei­ner Anhän­ger hof­fen, dass sich die Wahl­er­fol­ge in der Min­der­hei­ten-poli­tik der tsche­cho­slo­wa­ki­schen Regie­rung bemerk­bar machen.
Aber es pas­siert — nichts.

Edvard_Beneš

Edvard Beneš

Staats­ober­haupt der Tsche­cho­slo­wa­kei ist mitt­ler­wei­le Edvard Beneš, Mit­be­grün­der der Repu­blik, Dau­er-Außen­mi­nis­ter und nach Masa­ryks alters­be­ding­tem Rück­zug aus der Poli­tik Staats­prä­si­dent.
Beneš schal­tet auf stur und lehnt jede Ver­hand­lung mit dem rechts­las­ti­gen, aber zunächst nicht natio­nal­so­zia­lis­tisch gesinn­ten Hen­lein und sei­ner Par­tei ab.


Mit Zuckerbrot und Peitsche

In Ber­lin ist man mitt­ler­wei­le eben­falls auf den ambi­tio­nier­ten Sport­leh­rer Hen­lein auf­merk­sam gewor­den.

Die hoch­ent­wi­ckel­te Tsche­cho­slo­wa­kei mit ihrer moder­nen Auto­mo­bil- und Waf­fen-indus­trie steht vschon lan­ge auf Hit­lers Agen­da und spielt in sei­nen All­machts­phan­ta­si­en eine wich­ti­ge Rol­le.
Von Anfang an ist klar, dass die hoch­ge­rüs­te­te und moder­ne Tsche­cho­slo­wa­kei Hit­lers Kriegs­plä­nen im Osten im Weg ist und des­we­gen weg muss.
Ein Über­fall auf die mit Frank­reich ver­bün­de­te Repu­blik erscheint ris­kant — man weiß nicht, wie die Fran­zo­sen reagie­ren und möch­te einen Zwei­fron­ten­krieg ver­mei­den.
Hen­lein und die von ihm orga­ni­sier­ten wüten­den Sude­ten­deut­schen kommt dem Füh­rer gera­de recht, um sein tsche­cho­slo­wa­ki­sches Dilem­ma zu lösen.

Mit „Zucker­brot und Peit­sche” wird der zunächst wider­spens­ti­ge Hen­lein und sei­ne ‚Hen­lein-Par­tei’ zur „Fünf­ten Kolon­ne” Ber­lins umfunk­tio­niert, straff orga­ni­siert und zum Zün­deln bes­tens geeig­net.

Ab 1937 bro­delt es hef­tig in den deutsch­spra­chi­gen Gebie­ten der Tsche­cho­slo­wa­kei.
Nach wie vor sind beson­ders vie­le Sude­ten­deut­sche ohne Arbeit und füh­len sich von der Regie­rung in Prag zurück­ge­setzt, benach­tei­ligt, bes­ten­falls gleich­gül­tig behan­delt.

Vie­le Sude­ten­deut­sche bli­cken mitt­ler­wei­le auch sehn­süch­tig auf den Wohl­stand und die wirt­schaft­li­chen Erfol­ge im benach­bar­ten Deut­schen Reich, das die Fol­gen der Welt­wirt­schafts­kri­se über­wun­den zu haben scheint. Im Drit­ten Reich scheint es Arbeit und Brot für alle reich­lich zu geben — das lässt die eige­ne Mise­re noch bewuss­ter wer­den.
Unter den Sude­ten­deut­schen gibt es immer mehr Sym­pa­thi­san­ten der nach außen so glanz­voll und glück­lich wir­ken­den benach­bar­ten „Volks­ge­mein­schaft“ und ihrem „Füh­rer“ Adolf Hit­ler.
Die Ers­ten wol­len „heim ins Reich“.
Und im Gegen­satz zur eige­nen Regie­rung in Prag ver­mit­telt „das Reich“ ganz offen­kun­dig das Gefühl, sie auch haben zu wol­len.


In gewohn­ter Manier wird die Stim­mung ange­heizt.

SdP -Drü­cker­ko­lon­nen zie­hen in Städ­ten und Dör­fern von Tür zu Tür und wer­ben neue Mit­glie­der. Das — eben­falls in gewohn­ter Manier — offen­siv und  oft mit frag­wür­di­gen Me- tho­den, deutsch­spra­chi­ge Gast­wir­te und Laden­be­sit­zer, die eine Mit­glied­schaft ver- wei­gern, sol­len bei­spiels­wei­se boy­kot­tiert wer­den. Vie­le Sude­ten­deut­sche hal­ten sich an sol­che Boy­kott­auf­for­de­run­gen — ent­we­der, Du bist für uns, oder Du bist rui­niert.
Orga­ni­sier­te Kund­ge­bun­gen und Auf­mär­sche sind an der Tages­ord­nung, SdP-Schlä­ger­trupps lie­fern sich ers­te Stra­ßen­schlach­ten mit tsche­chi­schen Poli­zis­ten.

Die Lage eska­liert end­gül­tig nach dem Anschluss Öster­reichs im März 1938, der von vie­len Sude­ten­deut­schen als Vor­zei­chen ihrer eige­nen „Heim ins Reich“-Bewegung gese­hen wird.
Im April 1938 eröff­net Kon­rad Hen­lein schließ­lich mit dem Karls­ba­der Pro­gramm den fron­ta­len Angriff auf die tsche­cho­slo­wa­ki­sche Regie­rung, streng nach Hit­lers Mot­to, immer so viel zu for­dern, dass man nicht zufrie­den gestellt wer­den kann.

Das Münchner Abkommen

Staats­prä­si­dent Beneš durch­schaut Hit­lers Stra­te­gie, die Tsche­cho­slo­wa­kei zer­schla­gen zu wol­len, und ver­sucht zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist.

Er ver­hängt in den sude­ten­deut­schen Gebie­ten das Stand­recht, mobi­li­siert sei­ne Armee und hofft auf sei­nen Bünd­nis­part­ner Frank­reich.
Aber es nützt nichts.
Frank­reich ist nicht bereit, für die Tsche­chen in den Krieg zu zie­hen, Groß­bri­tan­ni­en auch nicht. Statt­des­sen wird im Sep­tem­ber 1938 im Münch­ner Abkom­men (ohne Betei­li­gung der Tsche­cho­slo­wa­ken) die Abtre­tung des Sude­ten­lands an das Deut­sche Reich beschlos­sen.

Am 1. Okto­ber 1938 zie­hen sich tsche­cho­slo­wa­ki­sche Grenz­pos­ten aus den sude­ten-deut­schen Gebie­ten zurück.
Die ers­ten Ver­bän­de der deut­schen Wehr­macht tau­chen hin­ter der ehe­ma­li­gen deutsch-tsche­cho­slo­wa­ki­schen Gren­ze auf. Die Bevöl­ke­rung jubelt.
Der größ­te Teil zumin­dest — wer sich zu den sude­ten­deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­ten, Kom­mu­nis­ten oder Juden zählt, tut gut dar­an, jetzt schleu­nigst zu ver­schwin­den.

Dies sei nun die letz­te For­de­rung, die er an die Welt zu stel­len habe, betont Hit­ler kurz nach der Beset­zung in einer Rede.

Abgebildet: ? , v. Bomhard, Krebs, Dr. Stuckart, Henlein (2.v.r.), Frick ( 1.v.r.), 1938

Staats­be­such des Reichs- und Preu­ßi­schen Minis­ters des Innern Dr. Frick in Süd­deutsch­land (ohne Orts­an­ga­ben), 23 Sep­tem­ber 1938, unbe­kann­ter Foto­graf. Abge­bil­det: ? , v. Bom­hard, Krebs, Dr. Stuck­art, Hen­lein (2.v.r.), Frick ( 1.v.r.); Frick, Wil­helm Dr.: NSDAP, MdR, Reichs­in­nen­mi­nis­ter, 1946 hin­ge­rich­tet, Hen­lein, Kon­rad: Reichs­kom­mis­sar, Gau­lei­ter im Sude­ten­land, Bom­hard, Adolf von: Gene­ral­leut­nant, Chef der Ord­nungs­po­li­zei, Bür­ger­meis­ter Prien am Chiem­see; Bun­des­ar­chiv, Bild 121‑0009 / CC-BY-SA

Die Auf­lö­sung der Repu­blik Tsche­cho­slo­wa­kei hat am 1. Okto­ber 1938 begon­nen, denn auch ande­re Staa­ten beglei­chen jetzt alte offe­ne Rech­nun­gen.

Einen Tag nach der Beset­zung des Sude­ten­lan­des mar­schiert die pol­ni­sche Armee – ohne Man­dat der Welt­ge­mein­schaft – in das umstrit­te­ne Olsa­ge­biet ein.
Kur­ze Zeit spä­ter muss ein Teil der Slo­wa­kei an das mit dem Deut­schen Reich ver­bün­de­te Ungarn abge­tre­ten wer­den.

Die Slo­wa­kei ernennt eine Teil­re­gie­rung, die beim nächs­ten Coup Hit­lers – der „Zer­schla­gung der Rest-Tsche­chei“ – im März 1939 den Deut­schen mit einem “Hil­fe­ruf” behilf­lich sein wird.
(Zu die­sem Zeit­punkt ist Prä­si­dent Beneš längst zurück­ge­tre­ten und ins Lon­do­ner Exil geflüch­tet. Nach 1945 kehrt er zurück und spielt mit sei­nen Dekre­ten eine maß­geb­li­che Rol­le bei der Ver­trei­bung der Sude­ten­deut­schen.)

Zum Dank für sei­nen Ein­satz als Brand­stif­ter wird Kon­rad Hen­lein zum Reich­statt­hal­ter und Gau­lei­ter ernannt, tritt aber kaum noch in Erschei­nung.

1945 nimmt er sich im Alter von 47 Jah­ren das Leben.


Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2014


Wei­ter­füh­ren­de Links zum The­ma:


Am 30. Sep­tem­ber 1938 wur­de nach mona­te­lan­ger Kri­se das „Münch­ner Abkom­men“ zwi­schen Eng­land, Frank­reich, Ita­li­en und Deutsch­land geschlos­sen. Die Welt und vie­le Deut­sche hof­fen, dass durch die Abtre­tung der sude­ten­deut­schen Gebie­te Hit­lers Gier end­lich gestoppt, der Frie­den geret­tet wäre. Ein Zeit­zeu­gen­be­richt.
30. Sep­tem­ber 1938. Das Münch­ner Abkom­men. Trom­meln in der Nacht


Ein alter Kai­ser, ein Viel­völ­ker­staat, von vie­len auch als „Völ­ker­ker­ker“ bezeich­net, und jugend­li­che Ver­schwö­rer, die bereit sind, für ihre Über­zeu­gung zu mor­den. Das ist der Stoff, aus dem Alb­träu­me sind. Oder Welt­ge­schich­te. Ein Hin­ter­grund­be­richt über die Aus­lö­ser des Ers­ten Welt­krie­ges.
Sis­sis Franzl und der gro­ße Knall: Krieg oder Frie­den?


4474 Tage währ­te das 1000jährige Reich auf deut­schem Boden.
Dann brach es am 8. Mai 1945 in einem Infer­no aus Blut, Trä­nen und Aber­mil­lio­nen Toten zusam­men. Eine kur­ze Chro­no­lo­gie zum 70. Jah­res­tag des Kriegs­en­des:
Vor 70 Jah­ren: Welt­kriegs­en­de-Zusam­men­bruch-Befrei­ung


Flucht und Ver­trei­bung 1944 – 1950
Ihr Flücht­lin­ge!


Über den GAU des 20. Jahr­hun­derts:
Der “Schwar­ze Frei­tag”: Vom Bör­sen­krach zur Wel­wirt­schafts­kri­se


…Sie waren sehr hübsch, aber bis über die Augen­brau­en der­art zurecht gemacht, dass sie zu den neu­er­dings ver­kün­de­ten Idea­len deut­schen Frau­en­tums in kras­sem Wider­spruch stan­den. Sie hat­ten die fes­te Absicht, bis zu Hit­ler vor­zu­drin­gen …” Hit­ler und die Frau­en. Lesen Sie im 1. Teil:
Die Welt der Unity Mit­ford


Wei­ter­füh­ren­de Arti­kel:


Einen wis­sen­schaft­lich sehr gut fun­dier­ten Über­blick über die Situa­ti­on im Sude­ten­land gibt der Arti­kel „Besin­nungs­lo­ser Tau­mel und maß­lo­se Ein­schüch­te­rung. Die Situa­ti­on der Sude­ten­deut­schen im Jahr 1938.“ von Det­lev Bran­des, Jahr­buch 2004 der Uni Düs­sel­dorf (ab Sei­te 13):
http://www.uni-duesseldorf.de/Jahrbuch/2004/PDF/Brandes.pdf


Kohen ist nicht zu fas­sen.“ Ein Por­trät. Welt ‚1999:
http://www.welt.de/print-welt/article581192/Kohen-ist-nicht-zu-fassen.html


 Wir müssten das alles mal aufschreiben Die Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en ver­öf­fent­licht seit 2012 hoch­wer­ti­ge Bild­bän­de und Chro­ni­ken über Fami­li­en- und Unter­neh­mens-geschich­ten. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf unse­rer Home­page Bild­bio­gra­phi­en: Wir müss­ten das alles mal auf­schrei­ben!


 

Bild­nach­wei­se:

1) Beset­zung der Tsche­cho­slo­wa­kei durch die deut­schen Trup­pen, Okto­ber 1938, UBz: Ein­woh­ner von Eger beim Ein­rü­cken deut­scher faschis­ti­schen Ver­bän­de. Her­aus­ga­be­da­tum: 5. Okto­ber 1938, Scherl / Welt­bild, Bun­des­ar­chiv, Bild 183-H13160 / Unknown / CC-BY-SA 3.0
2) Der ers­te Prä­si­dent der Tsche­cho­slo­wa­kei, Tomáš Gar­ri­gue Masa­ryk., 1918, gemein­frei
3) Sprach­ver­tei­lung in der Tsche­cho­slo­wa­kei um 1930, „Tsche­cho­slo­wa­kei Sprach­ver­tei­lung um 1930 — erstellt 2008–10-29“ von deri­va­ti­ve work: Hen­ry Mühl­pfordt (talk)Czechoslovakia1930linguistic.jpg: Mari­usz Pazd­zio­ra — Czechoslovakia1930linguistic.jpg. Lizen­ziert unter CC BY 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons
4) Kon­rad Hen­lein in Kar­lo­vy Vary (Karls­bad), 1937, unbe­kann­ter Foto­graf, gemein­frei

5) Edvard Beneš – Zwei­ter Prä­si­dent der Repu­blik Tsche­cho­slo­wa­kei, gemein­frei
6) Staats­be­such des Reichs- und Preu­ßi­schen Minis­ters des Innern Dr. Frick in Süd­deutsch­land (ohne Orts­an­ga­ben), 23 Sep­tem­ber 1938, unbe­kann­ter Foto­graf; Abge­bil­det: ? , v. Bom­hard, Krebs, Dr. Stuck­art, Hen­lein (2.v.r.), Frick ( 1.v.r.); Frick, Wil­helm Dr.: NSDAP, MdR, Reichs­in­nen­mi­nis­ter, 1946 hin­ge­rich­tet, Hen­lein, Kon­rad: Reichs­kom­mis­sar, Gau­lei­ter im Sude­ten­land, Bom­hard, Adolf von: Gene­ral­leut­nant, Chef der Ord­nungs­po­li­zei, Bür­ger­meis­ter Prien am Chiem­see; Bun­des­ar­chiv, Bild 121‑0009 / CC-BY-SA

3 Gedanken zu „Biedermann oder Brandstifter: Konrad Henlein

  1. Kon­rad Hen­lein war mein Tauf­pa­te. Lei­der habe ich das erst erfah­ren, als er und auch mei­ne Eltern gestor­ben waren. Ich hät­te ger­ne mehr über ihn erfah­ren. Wenn noch Nach­kom­men leben, wür­de ich ger­ne Kon­takt mit die­sen auf­neh­men.
    T.D. geb. 21.08.1938 in Dres­den

  2. In dem Satz, in dem von Wohl­stand, wirt­schaft­li­chen Erfol­gen u. fast Voll­be­schäf­ti­gung im deut­schen Reich die Rede ist, müss­te jeweils das Wort “schein­bar” ein­ge­fügt wer­den. Der Satz zeigt so, dass die Nazi-Pro­pa­gan­da immer noch wirk­sam ist. Zwar ist in den Wochen unmit­tel­bar nach der Macht­er­grei­fung die Arbeits­lo­sig­keit stark zurück­ge­gan­gen, was aber wohl kaum das ver­dienst der neu­en Regie­rung war, aber danach ist die Arbeits­lo­sig­keit bis zum Kriegs­aus­bruch immer noch hoch geblie­ben, obwohl 3 Jahr­gän­ge jun­ger Män­ner und ein Jahr­gang jun­ger Frau­en vom Arbeits­markt genom­men waren. Im März 1939 konn­te das Deut­sche Reich die Zah­lungs­un­fä­hig­keit nur durch die Ein­nah­me der tsche­chi­schen Gold- u. Devi­sen­re­ser­ven ver­mei­den.
    Die Sol­da­ten aus dem Reich kehr­ten reich­be­packt nach Hau­se zurück, denn sie konn­ten in der Tsche­chei vie­le Waren kau­fen, die es zu Hau­se gar nicht oder nur ein­ge­schränkt oder viel teu­rer gab.
    “Die einen kamen heim ins Reich, die ande­ren reich ins Heim”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.