Das Spiel mit der Vergangenheit. ERINNERN WIR UNS! Oder lieber doch nicht?

Zitat Erich Kästner Es ist leicht das Leben schwer zu nehmen Und es ist schwer das Leben leicht zu nehmenDas Leben ist manchmal wie eine Ketchupflasche. Lange Zeit passiert nichts, dann kommt es knüppeldick.
Wer’s mit seinem Leben gerade schwer hat, flüchtet sich gerne in schöne Erinnerungen. War früher alles besser? Jein.
Aus unseren Erinnerungen können wir neue Kraft schöpfen. Oder wir nutzen sie, um uns noch unglücklicher zu machen.

Was uns Gott, Welt, Schicksal, Natur, Chromosomen und Hormone, Gesellschaft, Eltern, Verwandte, Polizei, Lehrer, Ärzte, Chefs oder besonders Freunde antaten, wiegt so schwer, dass die bloße Insinuation, vielleicht etwas dagegen tun zu können, schon eine Beleidigung ist.
Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein


Wir Menschen haben einen besonderen Hang zur Tragik.
Wir alle besitzen einen sehr sensiblen Nerv für schlechte Gefühle – unser Unglück liegt uns viel näher als unser Glück.
Unsere Natur ist auf ein halbleeres Glas gepolt und nicht auf ein halbvolles.
Das ist Evolution. Und dagegen hilft weder gutes Zureden noch „positives Denken“.

Immer mit dem schlimmsten rechnen

Negative Gefühle, Ängstlichkeit und unser „Immer-mit-dem-Schlimmsten-rechnen“ sind ein Relikt aus grauer Vorzeit. Misstrauisch und ständig auf der Hut zu sein, hatte für unsere Steinzeit-Vorfahren klare Vorteile: Wer als Frühmensch, hinter jedem merkwürdigen Rascheln im Gebüsch einen Säbelzahntiger vermutet hat und weggelaufen ist, hatte größere Chancen zu überleben und sich fortzupflanzen, als sein Höhlennachbar, der lieber weiter süße Beeren gesucht hat.
Und dabei dem Säbelzahntiger möglicherweise direkt vor’s Maul gelaufen ist.

Negative Gefühle sagen uns, was wir vermeiden, positive, was wir tun sollen.


Wir Menschen sind Vermeider.
Das hat uns erfolgreich gemacht. Säbelzahntiger sind keine Bedrohung mehr für Leib und Leben (wenigstens das!), aber mit unserem Steinzeitrelikten haben wir trotzdem noch oft zu kämpfen.
Denn es sind meistens nicht die großen „kalten Duschen des Schicksals“ – Krankheit oder der Verlust eines geliebten Menschen –, die uns unglücklich, unzufrieden oder misstrauisch machen, sondern häufig die kleinen Quälereien des Alltags, die uns die gute Laune verhageln: der Ehepartner, das Haus mit seinen finanziellen Verpflichtungen, der Job, die bösen Nachbarn.

Durch Erinnerungen und der Analyse unserer Situation können wir lernen, mit der Ketchupflasche „Leben“ besser umzugehen.

Aber wer beim Nachdenken und Erinnern zum Schluss kommt, dass früher sowieso alles besser war und die „anderen“ immer schuld sind, kann sich auch einen sicheren Weg zum dauerhaften Unglücklichsein bauen..

Wir Opfer der Umstände

Kein Mensch erträgt Unglück und eine (scheinbar) ausweglose Situation auf Dauer.
Wunde Punkte liegen uns nicht und so stellen wir statt einer – vermutlich zielführenden – Frage als echte Vermeider lieber eine andere:  Was, wenn wir an unserem Unglücklichsein unbeteiligt sind? Wenn wir ganz unschuldig in ein Schlamassel geraten sind, dass andere verursacht haben?

Wenn schon unglücklich, dann wenigstens als unschuldiges Opfer.

Das habe ich so nicht gewollt“ , ist das schlagende Argument, mit dem man getrost die Hände in den Schoß legen kann. Die Basis als unschuldiges und hilfloses „Opfer der Umstände“ ist angerichtet, die Situation verfahren, die Lage hoffnungslos.
(Wehe dem, der versucht, an unserem Opferstatus zu rütteln, oder erwartet, dass wir etwas gegen unser Unglück unternehmen!)

Der einzige Schönheitsfehler, um als Opfer rundum unglücklich sein zu können:
Gewollt hat man seine persönliche „Opfer-Story“ vermutlich nicht. Gewählt schon.

Denn irgendwann hat man sich für das entschieden, was jetzt unglücklich oder unzufrieden macht – für den Ehepartner, das Haus, den Job oder die Nachbarschaft.
Und selbst wenn man durch Nichtstun keine eigene Entscheidung getroffen hat, hat man entschieden: die Entscheidung anderen zu überlassen.

Vielleicht waren frühere Entscheidungen nicht sehr bewusst.
Man hat entschieden, konnte aber die Konsequenzen nicht abschätzen (man kann nie im Voraus alles absehen – schön wär’s!).
Man musste sich für „Cholera“ entscheiden, um die „Pest“ zu vermeiden.

Das alles sind trifftige Gründe für eine falsche Entscheidung, aber trotzdem keine Begründung für Resignation durch Hilflosigkeit.
Ob einer Entscheidung viele Überlegungen vorangegangen sind oder nicht, ob sie ge- troffen wurde, um anderes zu vermeiden, oder ob man ein Getriebener war – es ist und bleibt eine Entscheidung.
Unsere Entscheidung – und nicht die der Umstände, „der anderen“, der Eltern, der Lehrer oder des Ehepartners.

Unsere Entscheidungen sind immer unsere eigenen.


ANZEIGE

Nichts für „Opfer-Storys“, sondern für die schönen, lustigen, traurigen und bemerkenswerten Geschichten, die das Leben schreibt:

Hilfe beim biografischen Schreiben Frag Oma‘Frag’ Oma — Wich­tige Fra­gen an Oma und Opa’, Agen­tur für Bild­bio­gra­phien, 2015, ISBN 978-3-7386-3009-1. Mit Tipps und Tricks für die eigene Biografiearbeit, Wissenswertes über die digitale Bearbeitung alter Familienfotografien, Fragenkatalogen und vielem mehr. Ab sofort im Buch­han­del oder bei amazon bestellbar. 

Hilfe beim biografischen Schreiben Frag Opa‘Frag’ Opa — Wich­tige Fra­gen an Opa und Oma’, Agen­tur für Bild­bio­gra­phien, 2015,  ISBN 978-3-7386-3011-4. Anleitung, Inspiration und Fragenkataloge für’s biografische Schreiben speziell für  Opas und alle anderen männlichen Familienmitglieder, die etwas zu erzählen haben. Ab sofort im Buch­han­del oder bei amazon. 


Früher war alles besser

War früher alles besser?

Der „Plastizität“ unseres Gehirns haben wir es zu verdanken, dass unsere Erinnerungen nicht statisch sind, sondern durch unsere augenblickliche Gefühlslage beeinflusst werden – zum Guten oder zum Schlechten.
Unser Gedächtnis kann je nach Stimmungslage schlechte Erfahrungen in schöne Erinnerungen umdeuten:
Beispielsweise eine „Beziehungshölle“ in eine traumhaft schöne Partnerschaft, wie es Paul Watzlawick, Psychotherapeut und Kommunikations-wissenschaftler, in seinem sehr lesenswerten Anti-Ratgeber „Anleitung zum Unglücklich- sein“ beschreibt:

“ …  Widerstehen Sie den Einflüsterungen Ihrer Vernunft, Ihres Gedächtnisses und Ihrer wohlmeinenden Freunde, die Ihnen einreden wollen, dass die Beziehung schon längst todkrank war und Sie nur zu oft zähneknirschend fragten, wie Sie dieser Hölle entrinnen könnten. Glauben Sie einfach nicht, dass die Trennung bei weitem kleiner Übel ist. Überzeugen Sie sich vielmehr zum x-ten Male, dass ein ernsthafter, ehrlicher „Neuanfang“ diesmal den idealen Erfolg haben wird (Er wird es nicht.) Lassen sie sich ferner von der eminent logischen Überlegung leiten: Wenn der Verlust des geliebten Wesens so höllisch schmerzt, wie himmlisch muss dann das Wiederfinden sein. Sondern Sie sich von allen Mitmenschen ab, bleiben Sie daheim, in unmittelbarer Nähe des Telefons, um sofort und voll verfügbar zu sein, wenn die glückhafte Stunde schlägt.
Sollte das Warten Ihnen aber doch zu lange werden, dann empfiehlt uralte menschliche Erfahrung das Anknüpfen einer in allen Einzelheiten identischen Beziehung zu einem ganz ähnlichen Partner – wie grundverschieden dieser Mensch anfangs auch scheinen mag.
Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein


Der umgekehrte Weg – aus schön mach‘ schlecht – funktioniert aber auch bei unserem „Spiel mit der Vergangenheit“. Der italienische Psychiater Giovanni Fava hatte in einem Experiment Patienten mit Depressionen aufgefordert, ihre guten Momente in einem „Glücks-Tagebuch“ aufzuschreiben.
Viele seiner Patienten weigerten sich und vermuteten, dass sie mit leeren Seiten zur nächsten Therapiestunde erscheinen würden.
Das war nie der Fall.
Alle Patienten hatten glückliche Momente, die ihnen aber erst durch das Aufschreiben bewusst geworden sind.

Favas Fazit: Sogar im Zustand größter Niedergeschlagenheit und Unzufriedenheit erlebt jeder von uns glückliche Momente, aber wir registrieren sie nicht. Wer bedrückt ist, dem kommt alles andere auch bedrückend vor.
Positives wird übersehen oder nicht erinnert.

„Nichts ist gut oder schlecht, nur Dein Denken macht es dazu.“
William Shakespeare


Die hohe Kunst des Wundenleckens

Wer bei anderen immer die Schuld sucht (und findet), hat es natürlich bequem und kann leiden, ohne etwas tun zu müssen. Wenn man sich mies und elend fühlt, ist es verführerisch, sich zum unschuldigen Opfer zu erklären.
Dazu kommt, dass uns unser Gedächtnis gelegentlich einen Streich spielt und wir uns – je nachdem, wie wir uns fühlen – mit übertrieben guten oder übertrieben schlechten Erinnerungen versorgt.

Die höchste Vollendung des Opferseins ist aber sicherlich das Jetzt-will-ich-auch-nicht-mehr-Schmollen, falls man – durch zähes Ringen, oder weil die anderen einfach nicht mehr können – schließlich doch noch das bekommt, was man sich so sehnlich gewünscht hat.

Die in der Vergangenheit geschlagenen Wunden durch allzu eifriges Lecken am Heilen hindern„, nennt das Paul Watzlawick, und fährt fort:

Das Nonplusultra aber, das freilich Genialität voraussetzt, besteht darin, die Vergangenheit für Gutes verantwortlich zu machen und daraus Kapital für gegenwärtiges Unglück zu schlagen. Unübertroffen als Beispiel für diese Variation des Themas ist der in der Geschichte eingegangene Ausspruch eines venezianischen Hafenarbeiters nach Abzug der Habsburger aus Venetien: „Verflucht seien die Österreicher, die uns gelehrt haben, dreimal täglich zu essen.“ …
Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein


Handlungsspielraum statt Aufopfern

Wir Menschen tun uns oft nicht leicht mit unserem Lebensglück.
Dank Säbelzahntiger und Steinzeit haben wir einen „Hang zur Tragik“ und außerdem führt uns unser plastisches Gedächtnis je nach Stimmungslage gerne in die Irre.
Kein Wunder, dass wir uns oft als “ Opfer der Umstände“ fühlen – und daran leiden.

Besser ist es, das Aufopfern schnell wieder aufzugeben.
Das Zepter in die Hand zu nehmen und für Entscheidungen – seine eigenen Ent- scheidungen – gerade zu stehen.
Kein „Opfer der Umstände“ zu sein, ist anstrengend, hat aber unschlagbare Vorteile:
Es fühlt sich besser an.

Wer sich immer nur als machtloses „Opfer der Umstände“ begreift, verliert nicht nur seinen Handlungsspielraum, sondern opfert auf Dauer auch seine Selbstachtung.
Aber: Wer will sich schon auf Dauer „ohn – mächtig“ und wirkungslos fühlen?

Wer sich dagegen entscheidet, ein „Opfer der Umstände“ zu sein, gewinnt Handlungs-spielraum und seine Entscheidungsfreiheit zurück.
Denn freie Entscheidungen auch immer frei abwählbar.
Man kann seine „Umstände“ – den Ehepartner, das Haus, den Job oder die Nachbarschaft – abwählen.
Der Job nervt, der Lebenspartner auch?
Wie könnte denn „Plan B“ aussehen – und was wäre sein Preis: Scheidung, Umzug oder eine neue Arbeitsstelle?

Viele Situationen, die uns unglücklich machen, können geändert werden. Aber dafür muss man mutig sein, sich neu entscheiden, Änderungen in Kauf nehmen und bereit sein, den Preis zu bezahlen.
Veränderungen sind anstrengend und bergen immer das Risiko des Scheiterns in sich – wer gibt durch Veränderungen schon gerne freiwillig (scheinbare) Sicherheit auf?

Tatsächlich sind wir ins eigene Leiden manchmal auch ein bisschen verliebt, erklärt es doch, weshalb wir langgehegte Ziel immer noch nicht erreicht haben.

Trotzdem sollten wir uns daran erinnern, dass unser Unglücklichsein nicht alternativlos ist.Wenn es einen Glauben gibt der Berge versetzen kann dann ist es der Glaube an sich selbst Marie von Ebner-Eschenbach Und wenn der Preis für die Alternative beim Überdenken zu hoch scheint, bleibt es eben bei der ursprünglichen Entscheidung.

Bei der eigene Entscheidung – und nicht beim Aufopfern!

 



Über Paul Watzlawick:

„Jeder kann glücklich sein, aber sich unglücklich machen, muss man lernen“, ist das Credo des österreichischen Psychotherapeuten und Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick (1921 – 2007). Watzlawick war einer der ersten Verfechter der Kurzzeittherapie, bei der das Problem direkt angegangen wird, um eine schnelle Lösung herbeizuführen. Er widersprach der Auffassung, man müsse die Wurzeln und emotionalen Muster kennen, um ein Leid zu überwinden. Watzlawick sagte einmal, ihm sei kein einziger Fall bekannt, in dem ein tieferes Selbstverständnis einen Menschen tatsächlich verändert habe. Ihm zufolge basiert das menschliche Verhalten nicht auf dem Prinzip von Ursache und Wirkung, Einsicht könne sogar zu Blindheit gegenüber dem Problem und der Lösung führen.


Weiterführende Links zum Thema Glück und Unglück:


Im „Erinnern – wiederholen – durcharbeiten“ liegt die Kraft des Schreibens. Gedanken allein sind oft flüchtig, wer sie dagegen zu Papier bringt, setzt sich noch einmal besonders mit dem auseinander, was ihm im Kopf herumschwirrt und sein Herz bewegt.
Wer schreibt, kann sein Leben verändern – und glücklicher werden.

Das Glücks-Tagebuch


Sei spontan! Paul Watzlawick über die Absurdität der Forderungen „Sei spontan!“ oder „Sei fröhlich!“. Denn die Erwartungen der anderen sind die Erwartungen der anderen …
Sei spontan


Wer seine Ziele in unerreichbare Höhe hängt, erspart sich zum einen Ärger und Anstrengung, zum anderen den Katzenjammer des Ankommens. Denn spätestens seit George Bernard Shaw wissen wir, dass es im Leben zwei Tragödien gibt: Die Nichterfüllung eines Herzenswunsches – und seine Erfüllung.
Vor Ankommen wird gewarnt


Der „Flow“ macht‘s! Die drei Formen des glücklichen Lebens und die Geschichte der positiven Psychologie:
Die Energie folgt der Aufmerksamkeit


Mit erlernter Hilflosigkeit und selbsterfüllenden Prophezeiungen kann man sich selbst sehr wirkungsvoll sabotieren.Noch ein Watzlawick über die Stolperfallen auf dem Weg zum Lebensglück:
Selbsterfüllende Prophezeiungen


Buchempfehlung:
Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein, Piper Verlag GmbH, München, 1983 ISBN: 978-3-492-24938-6


 Wir müssten das alles mal aufschreiben Die Agentur für Bildbiographien veröffentlicht seit 2012 hochwertige Bildbände und Chroniken über Familien- und Unternehmens-geschichten. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Homepage Bildbiographien: Wir müssten das alles mal aufschreiben!


 

Bildnachweis:
Agentur für Bildbiographien, 2015

Copyright:
Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2015


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.