Der Junge mit der roten Mütze

Von Ger­hard Siel­horst

RIAN_archive_137811_Children_during_air_raidSicher weiß ich vie­les bis zu mei­nem 4. – 5. Lebens­jahr von mei­ner Mut­ter.
Aber das meis­te, was danach pas­sier- te, ist mir optisch, akus­tisch und ge- fühls­mä­ßig sehr gut in Erin­ne­rung und prä­sent. Ich höre heu­te noch die Sire­nen heu­len und die her­an-nahen­den US-Pan­zer dröh­nen, sehe die grau­en deut­schen Sol­da­ten, die Men­schen mit Haken­kreuz-Arm- bin­den, den feu­er­ro­ten Him­mel am west­li­chen Ruhr­ge­biets­ho­ri­zont nach den Bom­ben­an­grif­fen und die Obdach­lo­sentrecks. Ich rie­che den Brand­ge­ruch nach den Flie­ger­an­grif­fen und füh­le noch bis heu­te die Angst im Bauch, wenn die Bom­ben ein­schlu­gen und die Luft­schutz­kel­ler­tür hef­tig vibrier­te.

Ich den­ke, wir alle haben damals sehr inten­siv am Leben teil­neh­men müs­sen, auf engs­tem Raum, erfüllt von den glei­chen Ängs­ten, den glei­chen Nöten durch Hun­ger, Käl­te, Dun­kel­heit und Ver­las­sen­heit gequält und von Tag zu Tag und Nacht zu Nacht gelebt. Kei­ner wag­te es aus­zu­spre­chen, jeder aber hoff­te, dass es bald zu Ende sein möge – erzähl­te mir mei­ne Mut­ter spä­ter.

Die Lage der Woh­nung Auf dem Hoh­wart 121 war für uns Kin­der ein Eldo­ra­do.
Hier wohn­ten, auf neun Mehr­fa­mi­li­en- Häu­ser ver­teilt, vie­le jun­ge Fami­li­en. Es gab in unse­rem Haus einen Milch­mann und einen Tan­te Emma-Laden, groß genug, um in der dama­li­gen Zeit alle Anlie­ger mit dem „täg­li­chen Brot“ zu ver­sor­gen.

Etwa ab mei­nem 3. Lebens­jahr konn­te ich mich sehr gut an all die Umstän­de erin­nern, die damals in der sehr tur­bu­len­ten Zeit des gro­ßen Krie­ges um mich her­um in mei­ner Kin­der­welt gescha­hen. Spä­ter mein­te mei­ne Mut­ter, vie­les wüss­te ich wohl mehr vom Hören­sa­gen als vom Selbst­er­leb­ten.
Die­se klei­ne 9-Häu­ser-Sied­lung war für uns Kin­der beson­ders inter­es­sant und auf­re­gend, da sich in unmit­tel­ba­rer Nähe zwei Kaser­nen, die gro­ße Dort­mun­der Pfer­de­renn­bahn, eine gro­ße Stra­ßen­bah­nend­sta­ti­on in Form eines Ron­dells und eine Zie­ge­lei befan­den.
Hier gab es für Kin­der jeden Alters alle nur erdenk­li­chen „Spiel­plät­ze“.

In den Kaser­nen war ich „der Klei­ne mit der roten Müt­ze“ bei den dort sta­tio­nier­ten Sol­da­ten immer herz­lich will­kom­men, waren die meis­ten von ihnen doch selbst Fami­li­en­vä­ter.
Ich durf­te mit ihnen im LKW mit­fah­ren, natür­lich vor­ne im Füh­rer­haus, ich durf­te mit ihnen in der Kan­ti­ne essen und ich durf­te auch mit­ex­er­zie­ren ganz hin­ten in der letz­ten Rei­he mit einem eige­nen Gewehr, das sie mir aus Holz geschnitzt hat­ten. Oft war ich als 4–5-Jähriger den gan­zen Tag „unter Sol­da­ten“ – bis mei­ne Mut­ter sich doch Sor­gen mach­te und nach mir such­te, dem Jun­gen mit der roten Müt­ze.

Aber sobald sie am Kaser­nen­tor auf­kreuz­te, wur­de sie schon vom Wach­ha­ben­den beru­higt: „Ihrem Sohn geht es gut, er exer­ziert gera­de“ oder „Er ist gera­de mit einem Pan­zer­späh­wa­gen im Gelän­de. “Welch´ ein Ver­gnü­gen!

Wir spiel­ten damals fast nur drau­ßen.

B-17_Flying_FortressEtwa ab 1943 wur­den die Luft­an­grif­fe der Alli­ier­ten hef­ti­ger und zahl­rei­cher, sowohl am Tage als auch des Nachts.
Wir muss­ten immer öfter nach Vor­alarm schnells­tens in die Kel­ler oder in den etwa 400 Meter ent­fernt lie­gen­den Bun­ker lau­fen. Unse­re Mut­ter ist mit uns nur ein­mal in den Bun­ker geflüch­tet. Es war dort eng, halb­dun­kel, feucht und eine gespens­ti­sche Angst lag über allem – soweit ich mich als damals 5-Jäh­ri­ger an die Situa­ti­on erin­nern kann.
Wir sind von da an immer nur in unse­ren Kel­ler gelau­fen: das ging schnel­ler, war nicht so eng, und wir hat­ten unse­re eige­nen Bet­ten und waren nach Ent­war­nung auch schnell wie­der in unse­rer war­men Woh­nung – ohne Het­ze. Ab 1944 konn­te es pas­sie­ren, dass es drei bis vier Mal in der Nacht Voll­alarm gab.

Ruhrgebiet, Luftschutzstollen während FliegeralarmDann hetz­ten die ande­ren Haus-Mit­be­woh­ner angst­er­füllt und schrei­end in den Bun­ker – und waren so man­che Nacht fast nur unter­wegs aber nicht im Bett gewe­sen. Mei­ne Mut­ter hat­te da bes­se­re Ner­ven: Wenn es uns erwi­schen soll, dann kann es im Bun­ker genau­so pas­sie­ren wie im Luft­schutz­kel­ler.
Ihre Ruhe hat­te sich damals auch auf mei­nen Bru­der und mich über­tra­gen.
So geschah es ein­mal, dass wegen eines direk­ten Voll­alarms für die ande­ren der Bun­ker nicht mehr zu errei­chen war und sie auch in den Luft­schutz­kel­ler muss­ten. Die Luft­schutz-Kel­ler­tü­ren vibrier­ten mit einem hohen Pfeif­ton bei jedem näher­kom­men­den Bom­ben­ein­schlag. Als dann noch das Licht aus­fiel und das Ofen­rohr nach einer beson­ders hef­ti­gen Deto­na­ti­on aus der Wand flog, da war es um die Fas­sung der ver­hin­der­ten Bun­ker­läu­fer gesche­hen: Alles schrie und wim­mer­te durch­ein­an­der, und als das Licht wie­der anging, saßen uns und dem Kamin­loch gegen­über nur schwar­ze, ruß­ge­färb­te Gesich­ter.

Eini­ge Nicht­ge­schwärz­te muss­ten los­la­chen, ich frag­te mei­ne Mut­ter: „Wie sehen die denn aus?“ und mein Bru­der Her­bert frag­te in die anschlie­ßen­de Stil­le. „Mut­ter, hast du ein Bon­bon?“

Wenn wir dann tags­über nach Ent­war­nung die Kel­ler wie­der ver­las­sen durf­ten, roch die Luft eigen­ar­tig nach Brand, Phos­phor und Schwe­fel.
Wir Kin­der schwärm­ten aus, um Bom­ben­split­ter zu suchen. Wer den größ­ten fand, der war Tages­sie­ger. Ein­mal hat­te einer von uns ein Rie­sen­ding gefun­den – fast direkt vor dem Kaser­nen­tor. Er hielt es tri­um­phie­rend in die Höhe, etwa 40 cm lang, acht­eckig und matt­silb­rig – es war ein Stab­brand­bom­ben­blind­gän­ger. Der Wach­ha­ben­de vor dem Kaser­nen­tor rief dem Jun­gen zu, das Ding vor­sich­tig auf den Boden zu legen. Doch er warf es, so gut er konn­te eini­ge Meter weit auf die Stra­ße – und es explo­dier­te nicht, weil der Blind­gän­ger mit der Rück­sei­te auf dem Asphalt auf­schlug. Der Sol­dat war schon in Deckung gegan­gen.

Spä­ter hat er ihm den Hin­tern ver­sohlt. Er wur­de nicht Tages­sie­ger.

Royal_Air_Force_Bomber_Command,_1942-1945._C5083Nach jedem Luft­an­griff, beson­ders nachts, war der Him­mel gen Wes­ten, also Dort­mund Zen­trum, Bochum, Essen usw. immer blut­rot erleuch­tet.
Ein schreck­lich fas­zi­nie­ren­der Anblick! Dazu die­ser grau­sa­me Geruch von Feu­er. Sin­nes­ein­drü­cke, die ich bis heu­te nicht ver­ges­sen kann. Noch in der Nacht oder am frü­hen Mor­gen nach den Angrif­fen kamen dann die Trecks der Aus­ge­bomb­ten mit Kind und Kegel und den weni­gen Hab­se­lig­kei­ten, die ihnen geblie­ben waren. Sie such­ten Unter­kunft oder auch Ange­hö­ri­ge, die irgend­wie ver­lo­ren­ge­gan­gen waren.
Eine immer wie­der­keh­ren­de, trau­ri­ge Pro­zes­si­on, die sich immer öfter wie­der­hol­te, je näher der Krieg sei­nem Ende ent­ge­gen ging.

Eine schreck­li­che Situa­ti­on muss­te mei­ne Mut­ter 1944 durch­ste­hen: Wie­der ein­mal Voll­alarm ohne Vor­ankün­di­gung. Alle hat­ten es noch in den Luft­schutz­kel­ler geschafft. Nur einer nicht; der Klei­ne mit der roten Müt­ze, der Gerd.
Er hat­te sich mal wie­der in den Stra­ßen­bahn­wa­gen ver­spielt und den Alarm nicht wahr- genom­men. Als er dann los­rann­te, kamen sie schon im Tief­flug her­an: die Tief­flie­ger der Amis oder Tomis. Ich wur­de von einem Sol­da­ten aus der Kaser­ne nie­der­ge­ris­sen, und wir duck­ten uns hin­ter einer Eck­mau­er der Kaser­ne; und schon pras­sel­te eine Bord­ka­no­nen­sal­ve knapp über uns gegen die Wand. Der Putz reg­ne­te auf uns nie­der, aber wir blie­ben unver­sehrt.
Wie­der ein­mal hat­te der „Rote-Müt­zen-Trä­ger“ einen Schutz­en­gel in Gestalt eines unbe­kann­ten Sol­da­ten. Er brach­te mich nach dem Angriff wohl­be­hal­ten nach Hau­se. Und ich bekam erst mal eine Tracht Prü­gel von Mut­ter.


RueckblickeDer Jun­ge mit der roten Müt­ze“, ist ein Aus­zug aus der Bild­bio­gra­phie Rück­bli­cke von Dr. med. Ger­hard Siel­horst, Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, 2014. (Zum Blät­tern im Buch bit­te hier kli­cken)


 

Wei­ter­füh­ren­de Links:
Vor 70 Jah­ren: Welt­kriegs­en­de — Zusam­men­bruch — Befrei­ung
http://generationen-gespräch.de/vor-70-jahren-weltkriegsende-zusammenbruch-befreiung/


Deutsch­land nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges: Ihr Flücht­lin­ge. Flucht und Ver­trei­bung 1944 — 1950
http://generationen-gespräch.de/ihr-fluechtlinge/


Zuge­wand­te Men­schen sind für die Ent­wick­lung von “Resi­li­enz” außer­or­dent­lich wich­tig. Über Trau­men, Lebens­kri­sen und die drei For­men eines glück­li­chen Lebens:
http://generationen-gespräch.de/die-energie-folgt-der-aufmerksamkeit/


Wir müssten das alles mal aufschreiben Die Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en ver­öf­fent­licht seit 2012 hoch­wer­ti­ge Bild­bän­de und Chro­ni­ken über Fami­li­en- und Unter­neh­mens-geschich­te. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf unse­rer Home­page Bild­bio­gra­phi­en: Wir müss­ten das alles mal auf­schrei­ben!


Bild­nach­wei­se:
1) Kin­der wäh­rend eines Luft­an­griffs (Sowje­ti­sche Kin­der wäh­rend eines deut­schen Luft­an­griffs in den ers­ten Tagen des Krie­ges. Weiß­russ­land), 24 June 1941, Source RIA Novos­ti archi­ve, image #137811, http://visualrian.ru/ru/site/gallery/#137811 6x7 film / 6х7 негатив, Aut­hor Yaros­lavts­ev / Ярославцев, Commons:RIA Novos­ti
2) B-17 Fly­ing For­t­ress, gemein­frei, Two B-17 Fly­ing For­tres­ses’ vapor trails light up the night sky over Eas­tern Euro­pe
3) Ruhr­ge­biet, Luft­schutz­stol­len wäh­rend Flie­ger­alarm, Zen­tral­bild II. Welt­krieg 1939 — 45 Luft­schutz­stol­len im Ruhr­ge­biet, um 1943. Wäh­rend eines Flie­ger­alarms, Ruhr­ge­biet, 1943, Pho­to­gra­pher Unknown, Bun­des­ar­chiv, Bild 183-R71086 / CC-BY-SA
4) Auf­nah­me des Angriffs auf Pforz­heim aus einem der Bom­ber, Roy­al Air Force offi­ci­al pho­to­gra­pher — http://media.iwm.org.uk/iwm/mediaLib//9/media-9684/large.jpg This is pho­to­graph C 5083 from the collec­tions of the Impe­ri­al War Muse­ums

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