Der „Schwarze Freitag“: Vom Börsenkrach zur Weltwirtschaftskrise

Berlin, Bankenkrach, Andrang bei der Sparkasse

Im Kampf um ihre Spar­ein­la­gen! Mas­sen­an­drang der Spa­rer vor der städ­ti­schen Spar­kas­se in Ber­lin. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–12023 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

Tat­säch­lich ist der „Schwar­ze Frei­tag“ ein Don­ners­tag. Am 24. Okto­ber 1929 begin­nen an der New Yor­ker Wall Street die Akti­en­kur­se zu rut­schen. Gegen Mit­tag wird aus Ner­vo­si­tät Panik, der Dow Jones sackt ab, der Han­del bricht mehr­mals zusam­men. Der Crash wird schließ­lich zur Wirt­schafts­kri­se, als jeder ver­sucht zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist — egal, zu wel­chem Preis. Der Bör­sen­krach an der Wall Street, der zunächst von vie­len als Kor­rek­tur über­hitz­ter Märk­te gedeu­tet wur­de, stürz­te die Welt in eine der schlimms­ten und fol­gen­schwers­ten Kri­sen ihrer Geschich­te.

Lesen Sie im ers­ten Teil: 269 Mil­li­ar­den Gold­mark — Ruhr­kampf und Hyper­in­fla­ti­on — Die zwei­te, wirk­lich pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on? — Der Deut­sche Okto­ber
Deutsch­land 1923: Vom Ruhr­kampf zum Deut­schen Okto­ber

Nach den ers­ten fürch­ter­lich chao­ti­schen Jah­ren der Wei­ma­rer Repu­blik, nach Ruhr­kampf und Hyper­in­fla­ti­on 1923, ist auch Deutsch­land end­lich in den „Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­re“ ange­kom­men.

Es sind Boom­jah­re, in denen Autos, Radi­os, Kühl­schrän­ke und Staub­sauger die Welt erobern und zu den Stars eines lang­an­hal­ten­den Auf­schwungs wer­den. Wirt­schaft­lich geht es in der Wei­ma­rer Repu­blik das ers­te Mal seit 1918 wie­der auf­wärts.

Kon­zer­ne wie IG Far­ben, Sie­mens und AEG erobern den Welt­markt und ab August 1924 regelt der soge­nann­te Dawes-Plan (benannt nach dem US-Vize Charles G. Dawes) den Dau­er­bren­ner Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen neu und – wie es scheint – wenigs­tens eini­ger­ma­ßen zur Zufrie­den­heit aller Betei­lig­ten

Umsatz und Gewinn der dama­li­gen High-Tech-Unter­neh­men wach­sen in den Him­mel, Jahr für Jahr gibt es für die Akti­en­kur­se an den Bör­sen nur eine Rich­tung: auf­wärts.

Berlin, Tanztee im "Esplanade"

Ber­lin, Tanz­tee im “Espla­na­de”. Ber­lin 1926 Im Gar­ten des Ber­li­ner Hotels “Espla­na­da” spielt zum 5 Uhr-Tee eine Jazz­band. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-K0623-0502–001 / CC-BY-SA 3.0,

Es ist die beschwing­te Atem­pau­se zwi­schen zwei Kata­stro­phen.
Je län­ger der Boom anhält, des­to weni­ger kann man sich vor­stel­len, dass die­se schö­ne neue Zeit jemals enden könn­te.
Aber es gibt eine ticken­de Zeit­bom­be, von der kaum jemand etwas ahnt: Gold.

“Wäh­rend sich Prä­si­dent Coo­lidge in den Black Hills als Cow­boy ver­gnüg­te, leg­ten am ande­ren Ende des Lan­des und jen­seits sei­nes momen­ta­nen Inter­es­sen­spek­trums vier inter­na­tio­na­le Ban­ker still und heim­lich den Grund­stein für den Zusam­men­bruch des Akti­en­mark­tes und die anschlie­ßen­de Welt­wirt­schafts­kri­se. Selbst­ver­ständ­lich war Letz­te­res weder ihre Absicht noch ihre Erwar­tung.
Die frag­li­chen Män­ner waren: Ben­ja­min Strong, Gou­ver­neur der Federal Reser­ve Bank of New York; Sir Mon­ta­gu Nor­man, Gou­ver­neur der Bank of Eng­land; Hjal­mar Schacht, Prä­si­dent der deut­schen Reichs­bank, und Charles Rist, stell­ver­tre­ten­der Gou­ver­neur der Ban­que de Fran­ce. Gemes­sen an ihrer enor­men Bedeu­tung han­del­te es sich bei den vier Män­nern um ein recht eigen­ar­ti­ges Quar­tett: Einer von ihnen lag im Ster­ben, einer war völ­lig ver­schro­ben, einer war ein zukünf­ti­ger Nazi, und einer war ver­hält­nis­mä­ßig nor­mal, aber unter den gegen­wär­ti­gen Umstän­den mehr oder weni­ger bedeu­tungs­los.”
Bill Bry­son, Som­mer 1927

Everybody ought to be Rich: Jetzt kaufen, später zahlen

Jeder soll reich sein ist das Lebens­ge­fühl der Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­re. Aber die USA, die eigent­li­chen Gewin­ner des 1. Welt­krie­ges, haben ein Pro­blem: Den Ame­ri­ka­nern geht es zu gut. Zu gut im Ver­gleich zu den Euro­pä­ern, die sich immer noch nicht ganz von den Fol­gen des Ers­ten Welt­krie­ges erholt haben.

Das Wirt­schafts­wachs­tum beträgt durch­schnitt­lich 3,3 Pro­zent, seit Jah­ren gibt es kei­ne Infla­ti­on mehr, der Staats­haus­halt jagt von einem Rekord­über­schuss zum nächs­ten.
Auch der Akti­en­markt boomt und vie­le Ame­ri­ka­ner ent­de­cken das Spe­ku­lie­ren mit Akti­en als neu­en Zeit­ver­treib — und als lukra­ti­ven Neben­er­werb:

“Auf dem Akti­en­markt wur­de schein­bar mühe­los ein Ver­mö­gen ver­dient. In Frü­her Erfolg. Über Geld und Lie­be, Jugend und Kar­rie­re, Schrei­ben und Trin­ken berich­tet F. Scott Fitz­ge­rald vol­ler Ver­wun­de­rung, dass sein Fri­seur in den Ruhe­stand gegan­gen sei, nach­dem er mit einer ein­zi­gen Inves­ti­ti­on eine hal­be Mil­li­on Dol­lar ver­dient hat­te — zur dama­li­gen Zeit fast das Vier­hun­dert­fa­che eines durch­schnitt­li­chen Jah­res­ge­halts. Für vie­le wur­de das Spe­ku­lie­ren an der Bör­se bei­na­he zur Sucht.”
Bill Bry­son, Som­mer 1927

Mit dem Opti­mis­mus wächst die Risi­ko­be­reit­schaft.
Akti­en der pro­spe­rie­ren­den Unter­neh­men wer­den „auf Pump“ gekauft: Schon für eine Anzah­lung von 10 Dol­lar kann man bei Bro­kern Akti­en im Wert von 100 Dol­lar erwer­ben, den rest­li­chen Kauf­be­trag kann man spä­ter bequem mit den Gewin­nen der Akti­en bezah­len, die sich erfreu­li­cher­wei­se schnell und zuver­läs­sig ein­stel­len.
Jeder, der da nicht mit­macht, ist eigent­lich ein Idi­ot.

Jetzt kau­fen, spä­ter zah­len, kommt aber nicht nur für Akti­en in Mode, son­dern setzt sich auch als Kon­zept für den Haus­ge­brauch durch: Man spart nicht mehr auf’s neue Radio, Auto oder eines der vie­len neu­en und moder­nen Haus­halts­ge­rä­te, son­dern kon­su­miert auf Kre­dit. War­um war­ten, wenn man’s gleich haben kann?

Das funk­tio­niert gut, solan­ge man sei­nen Job behält und es wirt­schaft­lich auf­wärts geht.
Es funk­tio­niert nicht, wenn weder das eine noch das ande­re zutrifft.

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Die Goldfalle

Im Som­mer 1927 tref­fen sich also Ben­ja­min Strong, Gou­ver­neur der Federal Reser­ve Bank of New York; Sir Mon­ta­gu Nor­man, Gou­ver­neur der Bank of Eng­land; Hjal­mar Schacht, Prä­si­dent der deut­schen Reichs­bank, und Charles Rist, stell­ver­tre­ten­der Gou­ver­neur der Ban­que de Fran­ce zu gemein­sa­men Bera­tun­gen, um das Pro­blem “den Ame­ri­ka­nern geht es zu gut” zu behe­ben und die Welt­wirt­schaft anzu­kur­beln
Ver­se­hent­lich legt das illus­tre Ban­kiers­quar­tett dabei aller­dings den Grund­stein für den atem­be­rau­ben­den Absturz der Welt­wirt­schaft zwei Jah­re spä­ter.

Das Kern­pro­blem, das sie behe­ben wol­len, wird durch das unge­brems­te Wirt­schafts­wachs­tum der USA ver­ur­sacht. Es sorgt für einen ein­sei­ti­gen Gold­fluss von Euro­pa nach Ame­ri­ka und bringt auf Dau­er den inter­na­tio­nal gül­ti­gen Gold­stan­dard durch­ein­an­der. Denn das Gold fließt dank hoher Ein­künf­te immer in Rich­tung der stärks­ten Wirt­schaft, das heißt: zur stärks­ten Wirt­schafts­macht der Welt, in die USA.
Dort häuft es sich an, in ande­ren Län­dern fehlt es.

Der Gold­stan­dard leg­te fest, dass jeder Staat den Gegen­wert der sich im Umlauf befind­li­che Geld­men­ge in Form von Gold in den Tre­so­ren ihrer Zen­tral­ban­ken vor­rä­tig haben muss­te; zehn Gold­mark müs­sen — zumin­dest theo­re­tisch — gegen Gold im Wert von zehn Mark umtausch­bar sein; zehn Dol­lar gegen Gold im Wert von zehn Dol­lar.


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Die Idee dahin­ter hat­te durch­aus ihre Berech­ti­gung: Der Gold­stan­dard mach­te eine Infla­ti­on nahe­zu unmög­lich, da Staa­ten nicht ein­fach nach Belie­ben Geld dru­cken konn­ten (der Aus­lö­ser der Hyper­in­fla­ti­on 1923 in Deutsch­land). Er sorg­te für Sta­bi­li­tät bei Prei­sen und Wech­sel­kur­sen und war psy­cho­lo­gisch als “har­te Wäh­rung” ein Garant für eine funk­tio­nie­ren­den Wirt­schaft.

Aber er passt nicht mehr in die neue Zeit.

“In der Theo­rie mag es groß­ar­tig klin­gen, sämt­li­che Gold­vor­rä­te zu besit­zen, doch das wür­de in der Pra­xis bedeu­ten, dass ande­re Län­der kei­ne ein­hei­mi­schen Pro­duk­te mehr kau­fen könn­ten, da sie selbst kein Gold mehr besä­ßen, um die­se Pro­duk­te zu bezah­len. Im Inter­es­se des Han­dels und einer gesun­den Welt­wirt­schaft soll­te Gold zir­ku­lie­ren.”
Bill Bry­son, Som­mer 1927

Niedrige Zinssätze mit explosiver Wirkung

Die vier Ban­kiers, die sich getrof­fen haben, um Ame­ri­kas Gold-Pro­blem zu lösen, tren­nen sich am 7. Juli 1927 im guten Glau­ben, alles rich­tig gemacht zu haben.

Sie beschlie­ßen, den Dis­kont­sat­zes der ame­ri­ka­ni­schen Federal Reser­ve Bank von vier auf drei­ein­halb Pro­zent zu sen­ken und hof­fen, dadurch mehr ver­mö­gen­de Ame­ri­ka­ner dazu zu bewe­gen, ihr Kapi­tal in Euro­pa zu inves­tie­ren.

Man glaubt, die ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft kön­ne eine klei­ne Zins­sen­kung gut ver­kraf­ten und mehr ame­ri­ka­ni­sche Inves­to­ren wür­den in Euro­pa inves­tie­ren, da dort jetzt höhe­re Zin­sen locken. Dadurch, so die Erwar­tung, fließt mehr Gold in Rich­tung Euro­pa, der Welt­han­del wür­de ange­kur­belt wer­den und am Ende kön­nen alle pro­fi­tie­ren und mit­ein­an­der noch wohl­ha­ben­der wer­den.

Eine kapi­ta­le Fehl­ein­schät­zung.
Statt die euro­päi­schen Wäh­run­gen zu sta­bi­li­sie­ren, kur­belt der noch güns­ti­ge­re Zins­satz für Kre­di­te in den USA eine rie­si­ge Spe­ku­la­ti­ons­bla­se an — kau­fen auf Pump ist ja gera­de en vogue.

Die Sen­kung der Zins­sät­ze ist der Fun­ke, der das wack­li­ge Ban­ken- und Wirt­schafts­sys­tem der 1920er Jah­re zur Implo­si­on bringt.

Güns­ti­ge­re Kre­di­te bedeu­ten, dass man mit gelie­he­nem Geld noch mehr und güns­ti­ger kau­fen kann; und genau das tun vie­le ame­ri­ka­ni­schen Anle­ger.
Die bereits absurd hohen Akti­en­kur­se schnel­len nach der Sen­kung des Dis­kont­sat­zes wei­ter in die Höhe. Und da alle auf Pump kau­fen, ste­hen allein in den USA Inves­to­ren bei ihren Bro­kern kur­ze Zeit spä­ter mit schwin­del­erre­gen­den vier­ein­halb Mil­li­ar­den Dol­lar statt mit einer Mil­li­ar­de in der Krei­de.

Jeder kann reich wer­den, scheint für vie­le in greif­ba­rer Nähe gerückt zu sein.
Tat­säch­lich wird genau das Gegen­teil der ursprüng­li­chen Absicht ein­tre­ten.

Vom Börsenkrach zur Weltwirtschaftskrise

Die Wirt­schaft kann ein­fach nicht mit­hal­ten.
Bereits 1928 gibt es ers­te Brems­spu­ren, Fir­men­kon­kur­se häu­fen sich, weil Märk­te gesät­tigt und Prei­se durch gewal­ti­ge Über­pro­duk­tio­nen in den Kel­ler gedrückt wer­den. Die Bör­sen stört das zunächst nicht, der welt­wei­te Auf­wärts­trend an den Akti­en­märk­ten hat aber nichts mehr mit Pro­duk­ti­vi­tät oder Pro­fi­ten zu tun, son­dern nur mit der Bereit­schaft der Anle­ger, immer mehr Geld zu inves­tie­ren — auf Pump.

Ein Mil­li­ar­den­ver­mö­gen steckt in fau­len Kre­di­ten.
An jenem schwar­zen Don­ners­tag platzt die gigan­ti­sche Spe­ku­la­ti­ons­bla­se und die Akti­en­kur­se an der Wall Street stür­zen ins Boden­lo­se.

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Eine Men­schen­men­ge ver­sam­melt sich nach dem Bör­sen­crash von 1929 an der Wall Street. Gemein­frei

Als die Nach­richt vom Bör­sen­krach in den USA am Frei­tag, dem 25. Okto­ber, die euro­päi­schen Bör­sen erreicht, glau­ben vie­le zunächst an eine Kor­rek­tur­pha­se des ame­ri­ka­ni­schen Mark­tes.
Die Kur­se in Euro­pa stei­gen sogar leicht an, da man erwar­tet, dass Inves­to­ren sich jetzt stär­ker auf euro­päi­sche Akti­en kon­zen­trie­ren wür­den.

Doch die Tal­fahrt in den USA hält an, und am Diens­tag der dar­auf­fol­gen­den Woche bricht auch der euro­päi­sche Markt end­gül­tig zusam­men.
Akti­en wer­den zu Schleu­der­prei­sen ver­kauft, Ban­ken reagie­ren in Panik und for­dern Kre­di­te unver­züg­lich zurück, eine Maß­nah­me, die auch eigent­lich gesun­de Unter­neh­men über Nacht in den Bank­rott trei­ben.

Anle­ger, die Akti­en im Ver­trau­en auf einen ewig anhal­ten­den Boom kre­dit­fi­nan­ziert gekauft hat­ten, sind plötz­lich hoch ver­schul­det.
Doch allein durch die Kurs­stür­ze hät­te aus dem Bör­sen­crash nicht die nach­fol­gen­de welt­wei­te Wirt­schafts­kri­se wer­den müs­sen. Es ist wie­der der„Goldstandard“, der die schlin­gern­den Volks­wirt­schaf­ten ins Elend reißt.

Vom Ansturm der Sparer in den Abgrund

Oft reich­te das Gerücht, eine Bank sei durch Akti­en­ver­lus­te und insol­ven­te Schuld­ner in eine Schief­la­ge gera­ten, um einen Mas­sen­an­sturm besorg­ter Spa­rer zu pro­vo­zie­ren.
Men­schen ste­hen Schlan­ge und drän­gen an die Schal­ter, um ihre Ein­la­gen zurück­for­dern. Vie­le klei­ne­re, aber auch grö­ße­re Ban­ken über­le­ben einen sol­chen Ansturm nicht und machen Kon­kurs, vie­le Klein­spa­rer ver­lie­ren ihr sicher geglaub­tes Gut­ha­ben, das sie bei der Bank ihres Ver­trau­en für schlech­te Zei­ten oder teu­re Anschaf­fun­gen gespart hat­ten.

Soge­nann­te „Bank­fei­er­ta­ge“ wer­den ein­ge­führt, um den Ansturm der Mas­sen wenigs­tens etwas zu regu­lie­ren.
Die Ban­ken ver­su­chen in ihrer Not, mög­lichst liqui­de zu blei­ben: Nach und nach geben Bank­in­sti­tu­te eine ihrer Kern­auf­ga­ben – die Kre­dit­ver­ga­be – auf und hor­ten Geld nur noch.
Doch ohne Kre­di­te kön­nen Unter­neh­men nicht inves­tie­ren und Kun­den nicht kau­fen.
Durch das Geld­hor­ten wird eine fata­le Abwärts­spi­ra­le in Gang gesetzt, denn wenn Geld aus dem Ver­kehr gezo­gen und knapp wird, sin­ken die Prei­se, weil Käu­fer weni­ger Mit­tel zur Ver­fü­gung haben.

Defla­ti­on – Waren und Dienst­leis­tun­gen müs­sen immer bil­li­ger wer­den, damit sie über­haupt Käu­fer fin­den – würgt die Wirt­schaft ab und treibt Unter­neh­men in den Ruin.

Nach dem Crash folgt die Kri­se.
Hun­dert­tau­sen­de – teil­wei­se auch wirt­schaft­lich gesun­de – Unter­neh­men kol­la­bie­ren, Mil­lio­nen Men­schen ver­lie­ren ihre Arbeit: in Deutsch­land steigt die Zahl der Arbeits­lo­sen von 1,4 Mil­lio­nen ( Ende Sep­tem­ber 1929) auf 5 Mil­lio­nen (Ende 1930). Im Febru­ar 1932 sind in Deutsch­land 6 Mil­lio­nen Men­schen arbeits­los, 12 Mil­lio­nen haben noch eine Beschäf­ti­gung.
Zur wirt­schaft­li­chen Depres­si­on kommt die Hoff­nungs­lo­sig­keit der Men­schen.
Das Schlimms­te ist: Ein Ende ist nicht in Sicht. Welt­weit.

Die Not unse­rer Zeit! Arbeits­lo­se Hafen­ar­bei­ter auf Abruf bei der Stra­ßen-Arbeits­ver­mitt­lung am Baum­wall, Ham­burg, 1931. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–11008 / CC-BY-SA 3.0

Die Folgen der Krise

Viel­leicht hät­te die gro­ße Kri­se ver­hin­dert wer­den kön­nen.
Mit weni­ger Dog­ma und „fri­schem Geld“ hät­te die welt­wei­te Kre­dit­klem­me durch­bro­chen wer­den kön­nen, doch der damals maß­geb­li­che „Gold­stan­dard“ stellt für “fri­sches Geld” eine unüber­wind­li­che Hür­de dar — Geld­dru­cken ver­bo­ten.

Schlim­me­res wäre mög­li­cher­wei­se ver­hin­dert wor­den, hät­te man ange­sichts sin­ken­der Prei­se die Geld­men­ge im Umlauf wie­der erhöht.
Doch ein­fach die Noten­pres­se anzu­wer­fen und fri­sches Papier­geld zu dru­cken, geht nicht; die Noten­ban­ken sind ver­pflich­tet, jede gedruck­te Bank­no­te mit Gold­re­ser­ven in den Tre­so­ren decken zu kön­nen, das ist eine der Leh­ren, die man aus der Kriegs­fi­nan­zie­rung und der  deut­schen Hyper­in­fla­ti­on 1923 gelernt hat.

Die Poli­tik tut ein Übri­ges, um die Kri­se wei­ter zu ver­schär­fen.
Im hoch­ver­schul­de­ten Deutsch­land setzt die Regie­rung unter dem Hun­ger­kanz­ler“ Hein­rich Brü­ning auf einen rigi­den Spar­kurs, um sin­ken­de Steu­er­ein­nah­men und stei­gen­de Aus­ga­ben für Sozi­al­leis­tun­gen finan­zie­ren zu kön­nen.
Das Arbeits­lo­sen­geld wird rigo­ros gekürzt, staat­li­che Inves­ti­tio­nen ein­ge­stellt, Aus­ga­ben für Bil­dung und Wis­sen­schaft auf ein Mini­mum redu­ziert.

ADN-ZB/­Ar­chiv Deutsch­land Ber­lin: Wohl­tä­tig­keits­spei­sung armer Leu­te durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de In Ber­lin Nie­der­schön­hau­sen wer­den durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de arme Leu­te gespeist. Die Reichs­wehr hat eine Gou­lasch­ka­no­ne und 2 Mann zur Ver­fü­gung gestellt. Die Kos­ten der Spei­sung bringt die Kir­chen­ge­mein­de durch frei­wil­li­ge Spen­den auf. Jedes Mit­glied zahlt pro Tag 10 Pfen­ni­ge vor­läu­fig für die Dau­er von 3 Mona­ten. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-T0706-501 / CC-BY-SA 3.0 (Auf­nah­me: 1931) 5417–31

Ver­zwei­fel­te und hun­gern­de Men­schen schlie­ßen sich in ihrer Not radi­ka­len Par­tei­en an, weil sie die eta­blier­ten für ihr Elend ver­ant­wort­lich machen.
Vie­le der jun­gen Demo­kra­ti­en Euro­pas wer­den aus­ge­höhlt oder schaf­fen sich ange­sichts der bedroh­li­chen öko­no­mi­schen Lage gleich selbst ab.

Der „Schwar­ze Frei­tag“ steht in Deutsch­land (und in vie­len ande­ren Staa­ten) für das Erstar­ken der Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen und der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei, für Stra­ßen­schlach­ten und das Ende der Demo­kra­tie.

Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Die NSDAP: Von “fer­ner lie­fen” zur zweit­stärks­ten Frak­ti­on  — Min­der­heits­re­gie­rung von Hin­den­burgs Gna­den — “Hun­ger­kanz­ler” Hein­rich Brü­ning — Dau­er­bren­ner Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen
1932 — Das Ende der Repu­blik. Brü­ning, der Hun­ger­kanz­ler

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2013 (über­ar­bei­tet: 2017)


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Info­tain­ment vom Feins­ten: Curd Jür­gens in einer Para­de­rol­le im Film ‘Der schwar­ze Frei­tag’. Der schwar­ze Frei­tag*, 1 DVD, Pro­duk­ti­ons­jahr: 1966, Erschei­nungs­jahr 2016. FSK: ohne Alters­be­schrän­kung

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Wei­ter­füh­ren­de Arti­kel:

1923. Reichs­kanz­ler Wil­helm Cuno und sei­ne „Regie­rung der Wirt­schaft“ ver­su­chen, die Fran­zo­sen aus dem Ruhr­ge­biet zu ver­trei­ben und las­sen dafür Geld dru­cken. Sehr viel Geld. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen für die gebeu­tel­te Wei­ma­rer Repu­blik. Es scheint nur noch eine Fra­ge der Zeit bis zum Kol­laps zu sein. Bis zum rech­ten oder lin­ken Kol­laps, das ist auch noch nicht so ganz klar …
Vom Ruhr­kampf zum Deut­schen Okto­ber


Die “Reichs­kris­tall­nacht” war kein spon­ta­ner Aus­bruch des ‘Volks­zorns’, son­dern eine lan­ge geplan­te Akti­on des ‘Füh­rers’ und sei­ner Gefolgs­leu­te. Und wie­der geht es nicht um Ideo­lo­gie, Anti­se­mi­tis­mus oder Reli­gi­on. Es geht um Geld — viel Geld, das den maro­den Haus­halt des “Drit­ten Reichs” sanie­ren soll.
9. Novem­ber 1938: “Reichs­kris­tall­nacht”


Das Gene­ra­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, zwei Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert


Akti­en zu Alt­pa­pier: Aktio­nä­re in Lum­pen, Poli­ti­ker in Panik — und die Ban­ken? Mach­ten Urlaub. Der Absturz der Welt­wirt­schaft 1929 riss Mil­lio­nen in den Bank­rott. Beim jet­zi­gen Bör­sen­crash wird die­ser Super-Gau gern zitiert. Dabei war es gar nicht der Fall der Akti­en­kur­se, der Arbei­ter und Anle­ger in den Ruin trieb. Ein sehr lesens­wer­ter Arti­kel bei Spie­gel Online — Eines­ta­ges
http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/1347/aktien_zu_altpapier.html


Im Win­ter 1929/30 geriet Deutsch­land in den Stru­del der sich aus dem Zusam­men­bruch der New Yor­ker Bör­se im Okto­ber 1929 ent­wi­ckeln­den Welt­wirt­schafts­kri­se. Der Kapi­tal­strom nach Deutsch­land ver­sieg­te, als die für die deut­sche Wirt­schaft so drin­gend benö­tig­ten aus­län­di­schen Kre­di­te abge­zo­gen wur­den. Die Aus­wir­kun­gen der Welt­wirt­schafts­kri­se auf Deutsch­land, zusam­men­ge­fasst bei LeMO — Leben­di­ges Muse­um Online
http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/industrie/wirtschaftskrise/


 Wir müssten das alles mal aufschreibenDie Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en ver­öf­fent­licht seit 2012 hoch­wer­ti­ge Bild­bän­de und Chro­ni­ken über Fami­li­en- und Unter­neh­mens-geschich­ten. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf unse­rer Home­page Bild­bio­gra­phi­en: Wir müss­ten das alles mal auf­schrei­ben!



Bild­nach­wei­se:
1) Im Kampf um ihre Spar­ein­la­gen! Mas­sen­an­drang der Spa­rer vor der städ­ti­schen Spar­kas­se in Ber­lin. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–12023 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0
2) Ber­lin, Tanz­tee im “Espla­na­de” ADN-Zen­tral­bil­d/ Archiv Ber­lin 1926 Im Gar­ten des Ber­li­ner Hotels “Espla­na­da” spielt zum 5 Uhr-Tee eine Jazz­band. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-K0623-0502–001 / CC-BY-SA 3.0,
3) Eine Men­schen­men­ge ver­sam­melt sich nach dem Bör­sen­crash von 1929 an der Wall Street.Gemein­frei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=374410
4) Arbeits­lo­se Hafen­ar­bei­ter auf Abruf bei der Stra­ßen-Arbeits­ver­mitt­lung am Baum­wall, Ham­burg, 1931. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–11008 / CC-BY-SA 3.0
5) Armen­spei­sung 1931 in Ber­lin: Gulasch­ka­no­ne der Reichs­wehr. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-T0706-501 / CC-BY-SA 3.0

 

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