Vom It-Girl zur Walküre

Bundesarchiv Bild 102-10460, Adolf Hitler, Rednerposen“

Unity Valkyrie Mitford ist in den 1930er Jahren eines der angesagtesten „It-Girls“ der feinen Londoner Gesellschaft, verwandt mit jedem, der in Großbritannien Rang und Namen hat. Sie ist schön, exzentrisch und wild, wird dann aber zur glühenden Faschistin und fasst den Plan, Adolf Hitler kennen zu lernen. Der Plan gelingt, doch Hitlers „Gunst“ stürzt auch sie – wie viele andere — ins Verderben.

Es war ihre vier Jahre ältere Schwester Diana, die klassische Schönheit der Familie und „Miss England“ des Jahres 1932, die Unitys Leben zweimal entscheidend veränderte.

Das erste Mal im Jahr 1929, als Diana den millionenschweren Erben des Bier- und Whiskyimperiums Bryan Guinness heiratete.
Erst ist die damals 15jährige Unity nur eine von vielen – eine von elf Brautjungfern –, aber schon bald nach der „Hochzeit des Jahres“ von Diana und Bryan, der „heißesten Partie“ auf dem englischen Heiratsmarkt, erobert auch die kleine Schwester die Londoner Szene.

Aus der adligen Landpomeranze Unity wird dank der guten Kontakte ihres neuen Schwagers schnell ein gefeiertes „It-Girl“, das gemeinsam mit ihrer schönen Schwester zu den exklusivsten Bällen und Partys der Londoner jeunesse dorée eingeladen wird.
Natürlich immer als glamouröser Mittelpunkt und häufig auch in der Hoffnung auf zumindest einen kleinen Skandal.

Die wilden Mitford-Schwestern

Von frühster Kindheit an ist Unity wild und unbändig.

Optisch wächst sie zu einer Debütantin mit beträchtlichen Maßen heran: allein ihre Körpergröße von über 1 Meter 80 lässt sie alle anderen überragen, dazu kommen ihre üppige blonde Haarmähne und ihre ungezähmter Lust zur Provokation.
Sie sähe aus „wie ein riesiger Pfau“ schreibt ihre jüngere Schwester Jessica voller Bewunderung (insgesamt gibt es sechs „Mitford-Sisters“ und einen Bruder).
Jessica erinnert sich später: „Zur Bestürzung meiner Mutter kaufte sie bei einem Theaterausstatter eine Tiara, besetzt mit unechten Perlen und falschen Diamanten. Sie war grundsätzlich darauf aus, zu schockieren …“

Die Allüren der beiden wilden Mitford-Schwestern Diana und Unity werden von allen britischen Gazetten genüsslich wiedergegeben und finden damit schnell den Weg von London nach Swinbrook, dem Sitz der Familie.

Entnervt schreibt Ihre leidgeprüfte Mutter, Lady Redesdale:

„Wenn ich lese ‚gewisse Töchter eines Lords‘, genügt mir das. Es seid immer ihr.“


Für Unitys und Dianas Eltern kommt es aber noch schlimmer.

Wenige Jahre nach ihrer Traumhochzeit mit Bryan Guinness lernt Unitys Schwester Diana auf einem Maskenball den Millionär und Politiker Oswald Mosley kennen.
Sie verliebt sich Hals über Kopf in den schneidigen, ganz in faschistisches Schwarz gekleideten, 15 Jahre älteren „Leader“ der „BUF“ (British Union of Fascists), lässt ihren Ehemann und Whiskyerben Bryan Knall auf Fall sitzen und zieht mit ihren beiden kleinen Kindern in ein elegantes Haus am Eaton Square, um Mosleys offizielle Geliebte zu werden.

An eine Scheidung von seiner schönen Frau Cynthia („Cimmie“) denkt Dianas neuer Liebhaber Mosley nicht im Traum, denn seine Gattin ist schließlich nicht Irgendwer, sondern die zweitälteste Tochter des ehemaligen Vizekönigs von Indien, Lord Curzon.

Mosleys Schwiegervater ist ungeheuer reich und hat Einfluss, eine Trennung kommt aber  in erster Linie wohl deshalb nicht infrage, weil bei Mosleys und Cimmies Trauung im Jahr 1920 fast der gesamte europäische Hochadel einschließlich vieler Mitglieder des eng- lischen Königshauses zu den Hochzeitsgästen zählten.
Das verpflichtet.
Diana ist und bleibt Mosleys offizielle Geliebte.
Lord und Lady Redesdale sind entsetzt.

„Hail Mosley!“

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British politician Sir Oswald Ernald Mosley, 6th Baronet (1896-1980) and Lady Cynthia, née Cynthia Blanche Curzon (1898-1933), on their wedding day. By George Grantham Bain Collection (Library of Congress)

Sir Oswald Mosley, seit 1928 Erbe des Familientitels und damit 6. Baronet, hat nicht nur Schlag bei den Frauen (unter anderem werden ihm auch Affären mit der Schwester und der Stiefmutter seiner Frau Cynthia nachgesagt), sondern zeichnet sich vor allem durch seine wechselnden politischen Einstellungen und – damit verbunden – einer abwechslungsreichen Berufskarriere aus.

Nach einem Flugzeugabsturz und schwerer Bein- verletzung kehrt der knapp 20jährige als Invalide aus dem 1. Weltkrieg zurück und beschließt, Politiker zu werden.
Sein Glück findet er zunächst bei den Konservativen, für die er 1918 mangels ernsthafter Konkurrenz mühelos einen Sitz im Unterhaus gewinnt.
Mosley macht sich trotz seiner Jugend schnell einen Namen als glänzender Redner und selbstbewusster Politiker, aber nach nur zwei Jahren Parlamentsarbeit zerstreitet er sich mit seiner Partei.
Für kurze Zeit drückt er als unabhängiger Abgeordneter die Oppositionsbank, dann wendet er sich der Konkurrenz, der  Labour Partei zu.

Aber auch diese Liaison endet im Zerwürfnis. Zwar erreicht der immer ungeduldige Mosley einen kleinen Aufstieg innerhalb Labours, doch statt des erhofften Ministeramtes in einem wichtigen Ministerium wird er nach der Wahl von 1929 lediglich zum Minister ohne Geschäftsbereich ernannt.
Das kränkt ihn zutiefst. Als dann 1931 auch noch sein radikales Wirtschaftsprogramm – das „Mosley Memorandum“ – von der großen Mehrheit der Partei abgelehnt wird, kehrt er auch Labour den Rücken und gründet mit der „New Party“ seine eigene Partei.

Mosleys „New Party“ zeigt schon deutliche Ähnlichkeiten zur deutschen NSDAP und hat mit der dazugehörigen „Active Force“ sogar eine parteieigene Schlägertruppe.
Aber trotz der faschistoiden Raubkopie und trotz der andauernden Weltwirtschaftskrise, die die Briten ebenso hart getroffen hat wie ihre europäischen Nachbarn auf dem Kontinent, hat sie keinerlei Erfolg.
Bei den Wahlen zum britischen Unterhaus im Jahr 1931 bekommt die „New Party“ keinen einzigen Sitz. Mosley zieht aus dieser Niederlage schnell seine Konsequenzen, löst seine Partei noch am Wahlabend auf und begibt sich auf Reisen, um vom damaligen Star der faschistischen Bewegung, Benito Mussolini, persönlich das Siegen zu lernen.


Inspiriert und vollends zum Faschismus „bekehrt“, gelingt es Mosley schließlich im Oktober 1932, alle britischen rechtsextremen Splitterparteien unter dem Dach der „BUF“ (British Union of Fascists) zu vereinen.
Vom europäischen Festland hat er dafür das komplette faschistische Programm mitgebracht: die straffe Parteiführung, das Gedankengut, die Schwarzhemden („Blackshirts“) der SS als Parteiuniform bis hin zum „Hail Mosley“ (einschließlich des „deutschen Grußes“).

Er selbst lässt sich von nun an als „Leader“ ansprechen.

Dieses Parteiprogramm zeigt sehr schnell Wirkung: Schon sehr früh wird die BUF von der Tageszeitung Daily Mail unterstützt, und nach eigenen Angaben sollen sich Mosleys Partei in kürzester Zeit rund 50.000 Mitglieder angeschlossen haben.

Reichsparteitag 1933, Aufmarsch der Fahnen der SA

Bundesarchiv_Bild_183-1987-0410-501, Nürnberg, Reichsparteitag, SA-Aufmarsch. Licensed under CC BY-SA 3.0

Trotz aller Anstrengungen gewinnt Mosleys brauner Ableger nie den gleichen Schwung wie die rechtsextremen kontinentalen Schwester-Parteien; die Briten sind trotz aller Mühen kaum für rechtsextremes Gedankengut zu begeistern.

Es wird viel Krawall gemacht, doch selbst in den Londoner Slums mag sich die Mehrheit der Menschen den Protestmärschen gegen Juden und Kommunisten nicht anschließen.
Nach einer Massenschlägerei auf einer Großveranstaltung im Juni 1934 verliert die BUF den größten Teil ihrer Anhänger und schrumpft bis 1936 auf eine im Vergleich winzige Truppe von 8.000 Unentwegten.


Auf der Jagd

Im Juni 1933 lernt Unity Valkyrie Mitford den neuen Liebhaber ihrer Schwester Diana kennen und schätzen (ihren zweiten Vornamen „Valkyrie“ verdankt Unity übrigens ihrem Großvater, dem ersten Baron Redesdale, der ein großer Verehrer Richard Wagners war).

Seine Theorien zu Faschismus und Nationalsozialismus ineressieren sie wenig, aber der attraktive Mosley in seiner schwarzen Parteiuniform gefällt ihr; ebenso die Marschmusik, die Kampfgesänge und Heilrufe, kurzum der gesamte Radau, der zu jedem BUF-Auftritt gehört.
Unity wird schnell zur begeisterten Anhängerin und verkauft – als feine Aristokratin, die bis dahin jede gewöhnliche Tätigkeit als langweilig abgetan hatte – in (maßgefertigter) Parteiuniform gekleidet auf der Straße das BUF-Blatt „The Blackshirt“.

Mehr und mehr begeistert sich die Lady aber auch für den „echten“ Führer und beschließt, nach München zu reisen, um Adolf Hitler persönlich kennen zu lernen.

Ihre erste Reise nach Deutschland unternehmen die beiden rührigen Schwestern Unity und Diana im Jahr 1933, dem Jahr der „Machtergreifung“.
Ernst Hanfstaengel (‚Putzi‘), Auslandspressechef der NSDAP, soll dabei helfen: Man kennt und schätzt sich von mehreren Partys der feinen Londoner Gesellschaft.
Allerdings haben die Schwestern ‚Putzis‘ Einflussmöglichkeiten falsch eingeschätzt – ebenso wie ihre eigene Wirkung.

Hanfstaengel schreibt später in seinen Memoiren:

„…Sie waren sehr hübsch, aber bis über die Augenbrauen derart zurecht gemacht, dass sie zu den neuerdings verkündeten Idealen deutschen Frauentums in krassem Widerspruch standen. Sie hatten die feste Absicht, bis zu Hitler vorzudringen. Auf dem Weg zu seinem Hotel ‚Deutscher Hof‘ gab es so viele Kommentare von Vorübergehenden, dass ich mit den beiden Schwestern hinter einer Wurstbude in Deckung ging. Ich zog mein großes Taschentuch heraus und sagte: „Meine Lieben, so geht es auf keinen Fall. Sie haben nicht die geringsten Aussicht, ihn zu sprechen, wenn Sie sich nicht das Zeug vom Gesicht wischen.“
Ernst S. Hanfstaengl,  Zwischen Weißem und Braunem Haus. Memoiren eines politischen Außenseiters


Doch auch ohne Make Up und dem deutschen Frauentum entsprechend zurechtgemacht, gelingt es nicht, bis zu „IHM“ vorzudringen.

Dafür können sie den Führer mehrmals bei öffentlichen Auftritten bewundern. Danach ist sich Unity mehr als sicher: „Als ich Adolf Hitler sah, wusste ich, dass ich niemanden anderen lieber treffen würde!“

Eine Urgroß­mut­ter namens ‚Fish‘

Der Win­ter 1933/34 muss für Lord und Lady Redes­dale eine wahre Eltern-Hölle gewe­sen sein.

Ihre aus Deutsch­land zurück­ge­kehrte und von Hit­ler „beseelte“ 19jährige Toch­ter Unity ver­bringt ihre Tage mit dem Sor­tie­ren unzäh­li­ger Hitler-Fotografien und spielt wäh­rend­des­sen stän­dig und in dröh­nen­der Laut­stärke das Horst-Wessel-Lied auf ihrem Gram­mo­phon ab. Ihr Zim­mer ist deko­riert mit Haken­kreuz­fah­nen und Hit­ler­bil­dern, und zu jeder Gele­gen­heit ent­bie­tet sie den „deut­schen Gruß“ oder ver­kün­det laut­stark natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Parolen.

Unitys drei Jahre jün­gere Schwes­ter Jes­sica hat zwi­schen­zeit­lich ihre Liebe zum Kom­mu­nis­mus ent­deckt und ver­teilt Lenin-Büsten im Haus. (Wenige Jahre spä­ter brennt sie – noch min­der­jäh­rig – mit einem Nef­fen Wins­ton Chur­chills durch, um im spa­ni­schen Bür­ger­krieg auf der Seite der Repu­bli­ka­ner zu kämp­fen.)
Die explo­sive Stim­mung auf dem Fami­li­en­sitz Swin­brook wird zusätz­lich durch die älteste Schwes­ter des Sex­tetts, der spä­te­ren Schrift­stel­le­rin Nancy Mit­ford, ange­heizt, die plötz­lich behaup­tet, im Stamm­baum der Fami­lie eine jüdi­sche Urgroß­mut­ter mit Namen Fish ent­deckt zu haben.
Sie droht ihren Schwes­tern Unity und der mit dem faschis­ti­schen BUF-„Leader“ Oswald Mos­ley liier­ten Diana, sie werde das Gerücht streuen, die „Mitford-Sisters“ seien zu einem Sech­zehn­tel Juden.

Die große Weltpolitik ist im Familiensitz Swinbrook eingezogen, stän­di­ger schwes­ter­li­cher Krach ist bei die­sen sechs selbst­be­wuss­ten Töch­tern vorprogrammiert.

Der Vater des Sextetts, Lord Redes­dale, gilt sogar für bri­ti­sche Ver­hält­nisse als Exzen­tri­ker, der gerne Nach­barn, Freunde und Ver­wandte mit sei­nen unver­blümt vor­ge­tra­ge­nen und har­schen Mei­nun­gen ver­schreckt.
Ver­söhn­lich kön­nen ihn eigent­lich nur seine sechs Töch­ter stim­men, die er abgöt­tisch liebt.
Aber was zu viel ist, ist zu viel.
Ver­mut­lich ist es reine Not­wehr als sich Lord und Lady Redes­dale schließ­lich von ihrer Toch­ter Unity über­re­den las­sen, für sie ein Sprach­stu­dium in Deutsch­land zu finan­zie­ren. Viel­leicht haben sie auch einen klei­nen Fun­ken Hoff­nung, ihre wilde und unbän­dige Toch­ter könnte end­lich etwas Sinn­vol­les mit ihrem Leben anfan­gen.

Groß kann die­ser Hoff­nungs­fun­ken aller­dings nicht gewe­sen sein.

Wer ist denn dieses Urbild einer Germanin?

Im Früh­jahr 1934 reist Unity mit einer groß­zü­gi­gen väter­li­chen Apa­nage von 100 Pfund im Gepäck wie­der nach Deutsch­land, quar­tiert sich dort im vor­neh­men Mäd­chen­pen­sio­nat der Baro­nin Laro­che in der König­straße in Mün­chen ein und begibt sich erneut auf die Jagd.
Gleich nach ihrer Ankunft schreibt sie an Hit­ler, bekommt aber nie eine Ant­wort.
Sie schafft es, seine pri­vate Tele­fon­num­mer her­aus­zu­fin­den, er ist aber nie zu spre­chen. Schließ­lich bekommt sie von ihrem Fri­seur den Tipp, dass Hit­ler samt Gefolge gerne in der „Oste­ria Bava­ria“ in Schwa­bing speise und geht fortan jeden Tag zum Mit­tag- und zum Abend­es­sen dorthin.

Tat­säch­lich dau­ert es zehn Monate, bis Adolf Hit­ler sich end­lich ken­nen­ler­nen lässt.
In die­ser Zeit sitzt Unity hart­nä­ckig jeden Mit­tag und jeden Abend mit auf­ge­schla­ge­nen Deutsch­bü­chern in der Nähe des Stamm­ti­sches, an dem der „Führer“ und seine Entou­rage zu sit­zen pfle­gen, wenn er in Mün­chen ist, und ihm der Sinn nach böhmisch-österreichischer Küche steht.

Beim Mit­tag­es­sen am 9. Februar 1935 ist es dann end­lich soweit: „ER“ wird auf Unity auf­merk­sam und soll sich mit den Wor­ten „Wer ist denn die­ses Urbild einer Ger­ma­nin?“ nach ihr erkun­digt haben.
Unity wird an sei­nen Tisch gebe­ten.

Spä­ter schreibt sie überglücklich an ihre Schwes­ter Diana:

„…Ich stand auf und ging zu sei­nem Tisch. Er stand auf, schüt­telte mir die Hand, grüßte … wir spra­chen min­des­tens eine halbe Stunde mit­ein­an­der. …Er ließ mich mei­nen Namen auf einen Zet­tel schrei­ben, was ich, wie du mir glau­ben kannst, mit zit­tern­der Hand tat … Ich kann dir nicht alles schrei­ben, wor­über wir spra­chen … er habe das Gefühl, Lon­don durch seine Archi­tek­tur­stu­dien gut zu ken­nen, und aus dem, was er gehört und gele­sen habe … sei Lon­don die beste Stadt der Welt … nie wie­der dürfe es dem inter­na­tio­na­len Juden­tum erlaubt wer­den, zwei nor­di­sche Ras­sen gegen­ein­an­der zu het­zen … schließ­lich musste er gehen. Den Zet­tel mit mei­ner Adresse steckte er ein … mei­nen Lunch ließ er auf seine Rech­nung set­zen. Du kannst dir vor­stel­len, wie ich mich fühle. Ich bin so glück­lich, dass ich am liebs­ten ster­ben möchte. Ich glaube, dass ich das glück­lichste Mäd­chen der Welt bin. Und ich habe nichts geleis­tet, wodurch ich diese Ehre ver­dient hätte.“


Hitler und die Frauen

Unge­ach­tet sei­nes sorg­fäl­tig auf­ge­bau­ten Images als Mann ohne Pri­vat­le­ben, der in völ­li­ger Askese nur für Volk und Vater­land lebt, hatte Hit­ler ein sehr gro­ßes Inter­esse an Frauen (und sie an ihm); vor allem an sol­chen, die leicht zu beherrschen und deutlich jünger als er waren.
Gegen­über Frauen konnte der Mas­sen­mör­der von einer aus­ge­such­ten Höf­lich­keit sein“, schreibt Klaus Wieg­refe in sei­nem Arti­kel „Die Braut des Bösen“.

Unitys Schwes­ter Diana berich­tet später:

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Bundesarchiv, Bild 183-S33882, Hitler, Adolf: Reichskanzler, Deutschland, 20 April 1937

„…Hit­ler war zu die­ser Zeit 45 Jahre alt, ca. 1 m 75 groß, weder dick noch dünn. Er hatte dun­kel­blaue Augen, eine helle Haut und feine, braune – stets gut gebürs­tete – Haare … Er bot einen der­art sau­be­ren und ordent­li­chen Anblick, dass fast jeder neben ihm unge­pflegt wirkte …
(In der Oste­ria:) Neben sei­nem Adju­tan­ten, meist Brück­ner oder Schaub, waren oft ein paar alte Freunde, meist Män­ner, aber auch einige Frauen anwe­send … häu­fig Hoff­mann, der Foto­graf, und Herr Wer­lin von Mercedes-Benz.
Es ging uns auf die Ner­ven, wenn sich die Kon­ver­sa­tion Autos zuwandte. Der Füh­rer war höchst inter­es­siert an Moto­ren und besaß augen­schein­lich pro­funde Kennt­nisse, wir aber lang­weil­ten uns.
Wie viele Poli­ti­ker liebte er es über Poli­tik zu reden … Sein Essen war karg. Als Vege­ta­rier aß er Eier und Mayon­naise, Gemüse und Nudeln und trank Fachinger-Wasser. In der Oste­ria wuss­ten sie genau, was er wollte. Zu Frauen war er außer­ge­wöhn­lich höf­lich. Er ver­beugte sich und küsste die Hand, wie das in Deutsch­land und Frank­reich üblich ist …“


Nachdem das Kennenlernen geschafft ist, ist Unity mehr Feuer und Flamme denn je.

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der CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons / Eröffnung des Deutsch-Polnischen Instituts Scherl: Festkonzert anlässlich der Eröffnung des Deutsch-Polnischen Instituts an der Lessing-Hochschule im Marmorsaal des Zoos

Bereits am 10. April 1935 sieht man sie an Hitlers Seite beim gesellschaftlichen NS-Groß-ereignis des Jahres, der Hochzeit Hermann Görings mit der Schauspielerin Emmy Sonnemann.
Dieser und viele weitere gemeinsame Auftritte öffnen der 21jährigen Britin in kurzer Zeit nicht nur sämtliche gesellschaftliche Türen in der neuen High-Society des Dritten Reiches; hinter vorgehaltener Hand wird bald auch über Hitlers neuste „First Lady“ gemunkelt.

Dass es da eigentlich schon eine andere gibt, wird Unity sehr schnell zugetragen.
Sie kann es kaum fassen, als man ihr von Hitlers mehrjähriger Beziehung zu einem kleinen Ladenmädel namens Eva Braun berichtet, die im Fotogeschäft von Hitlers Lieblingsfotografen Heinrich Hoffmann arbeiten soll.
Mit dem ihr eigenen Selbstbewusstsein der britischen Upperclass beschließt Unity, den Stier bei den Hörnern zu packen und sich dieses „Fräulein Braun“ genauer anzusehen.

Als sie in Hoffmanns Fotogeschäft ihrer mutmaßlichen Nebenbuhlerin Eva Braun gegenübersteht, um dort einen Film zum Entwickeln abzugeben, ist Unity zunächst beruhigt. Dieses schüchtern wirkende, einfach gekleidete Mädchen soll die Geliebte des „Führers“ sein?
No way! Aber dann – so will es zumindest die Anekdote – fällt Unitys Blick beim Verlassen des Ladens auf Brauns Schuhe: Ein luxuriöses und sündhaft teures Paar von Ferragamo aus Florenz, das es in Deutschland nicht zu kaufen gibt.

Ab diesem Moment soll der britischen Lady klar gewesen sein, dass sie nicht außer Konkurrenz läuft.

Adolf Hitler und Eva Braun auf dem Berghof

Adolf Hitler und Eva Braun auf dem Berghof“ by Bundesarchiv, B 145 Bild-F051673-0059 / CC-BY-SA

Für die betroffenen Frauen bedeutete eine Liaison mit dem „Führer“ vor allem eines: warten.

Warten auf den Anruf eines seiner Adjutanten, der sie zu „ihm“ in die Osteria oder zu einem anderen Treff- punkt rufen würde.
Im Falle Eva Brauns bleiben diese Anrufe im Frühjahr 1935 nach seiner Bekanntschaft mit der attraktiven Unity offenbar aus; Ende Mai 1935 schluckt die langjährige Geliebte Hitlers eine Über- dosis Schlaftabletten und versucht damit bereits zum zweiten Mal im Lauf ihrer damals sechsjährigen Beziehung, sich das Leben zu nehmen.

Copyright: Agentur für Bildbiographien, 2015

„Wir nannten sie die dänische Kuh, weil sie so groß, stark und dumm war.“
Lesen Sie im 2. Teil:
Hitlers It-Girl


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Anna Maria Sigmund, Die Frauen der Nazis*. Wilhelm Heyne Verlag, München, 2013

 

 


Weiterführende Links zum Thema:


„Auch Mörder fallen nicht einfach vom heiteren Himmel“, schreibt die Schweizer Autorin (und Psychoanalytikerin) Alice Miller in ihrem Buch Am Anfang war Erziehung. Oder doch?
Der Werdegang Adolf Hitlers vom geprügelten Sohn eines „erziehenden“ Vaters und einer liebevollen, aber schwachen Mutter zu einem der grausamsten Diktatoren der Menschheit.

Vom verborgenem zum manifesten Grauen: Kindheit und Jugend Adolf Hitlers


Adolf Hitler und seine Anhänger. Wer folgte den Nationalsozialisten und was bringt Menschen dazu, zu Mördern zu werden?
Die Erlaubnis zu hassen


4474 Tage währte das 1000jährige Reich auf deutschem Boden.
Dann brach es am 8. Mai 1945 in einem Inferno aus Blut, Tränen und Abermillionen Toten zusammen. Eine kurze Chronologie zum 70. Jahrestag des Kriegsendes:
Vor 70 Jahren: Weltkriegsende-Zusammenbruch-Befreiung


Über den GAU des 20. Jahrhunderts:
Der „Schwarze Freitag“: Vom Börsenkrach zur Welwirtschaftskrise


Die Folgen der Weltwirtschaftskrise am Beispiel der „Sudetenkrise“
Biedermann oder Brandstifter: Konrad Henlein


Weiterführende Artikel und Filme zum Thema:


Reinhard Kaiser: Witze und Wunden – Über Unity Mitfords Schwester Nancy und ihre Romane:
http://www.reinhardkaiser.com/LesesaalNeu/VerstreuteWerke/mitford.html


Spiegel Online EinesTages: Die Frau an Hitlers Seite. Braut des Bösen http://www.spiegel.de/einestages/die-frau-an-hitlers-seite-a-948728.html


Spiegel Online EinesTages: Die verrückten Mitford-Schwestern „Heil Hitler! Love, Bobo“ http://www.spiegel.de/einestages/die-verrueckten-mitford-schwestern-a-947885.html


ZDF-Mediathek: Hitler und die Frauen
https://www.zdf.de/dokumentation/zdf-history/hitler-und-die-frauen-100.html



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Bildnachweise:
1. Bundesarchiv Bild 102-10460, Adolf Hitler, Rednerposen“ von Bundesarchiv, Bild 102-10460 / Hoffmann, Heinrich / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons
2. British politician Sir Oswald Ernald Mosley, 6th Baronet (1896-1980) and Lady Cynthia, née Cynthia Blanche Curzon (1898-1933), on their wedding day. By George Grantham Bain Collection (Library of Congress) [Public domain]
3. Bundesarchiv_Bild_183-1987-0410-501, Nürnberg, Reichsparteitag, SA-Aufmarsch. Licensed under CC BY-SA 3.0
4. Bundesarchiv, Bild 183-S33882, Hitler, Adolf: Reichskanzler, Deutschland, 20 April 1937

Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de
5. Bundesarchiv Bild 183-1990-0309-506, Eröffnung des Deutsch-Polnischen Instituts“ Licensed under CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons / Eröffnung des Deutsch-Polnischen Instituts Scherl: Festkonzert anlässlich der Eröffnung des Deutsch-Polnischen Instituts an der Lessing-Hochschule im Marmorsaal des Zoos v.l.n.r. Frau Emmy Sonnemann, Ministerpräsident Göring, polnischer Botschafter Lipski, Herzog v. Sachsen-Coburg-Gotha, Reichsminister Dr. Goebbels 26. Feb. 1935 [Herausgabedatum] ADN-ZB/Archiv Faschistisches Deutschland 1933-1945 Festkonzert am 26.2.1935 im Marmorsaal des Zoos anlässlich der Eröffnung des Deutsch-Polnischen Instituts an der Lessing-Hochschule in Berlin. V.l.n.r.: Frau Emmy Sonnemann (spätere Frau Göring), Ministerpräsident Göring, der polnische Botschafter Lipski, der Herzog v. Sachsen-Coburg-Gotha, Reichsminister Goebbels
6. Adolf Hitler und Eva Braun auf dem Berghof“ by Bundesarchiv, B 145 Bild-F051673-0059 / CC-BY-SA. Licensed under CC BY-SA 3.0

2 Gedanken zu „Vom It-Girl zur Walküre

  1. Liebe Frau Gebert,

    ich habe Ihren Artikel im Seniorbook gefunden und finde ihn großartig. Toll geschrieben, dicht, atmosphärisch, informativ sowieso – ich bin wirklich begeistert.

    Ich denke dass man dies unter Mitbewerbern auch ruhig mal schreiben darf. 🙂

    Kühlfächelnde Grüße aus dem Backofen und dann ein erholsames Wochenende
    Petra Schaberger

    • Liebe Frau Scharberger, … darf man! 😉 Lieben Dank und herzliche Grüße aus dem mittlerweile etwas abgekühlten Lütjensee bei Hamburg.

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