Einfach gute Texte schreiben

Viele Homepages verbarrikadieren sich hinter Worthülsen und haben deswegen nur wenig mit guten Texten zu tun

Gute Texte sind klar formuliert, haben keine Schachtelsätze oder Wortungetüme, dafür einen spannenden Einstieg. Das Wichtigste ist aber: Sie haben immer den Leser und seine Bedürfnisse im Blick, unterhalten, liefern nützliche Informationen und verbarrikadieren sich nicht hinter Worthülsen.

Fauler, dümmer oder bequemer sind heutige Leser im Vergleich zu früheren nicht; aber anspruchsvoller und ungeduldiger.
Die Zeit ist knapp, das Angebot groß, und das Gras im Garten vom Nachbarn bekanntlich grüner; das heißt: Auch spannende Themen fallen bei Lesern durch, wenn Inhalt, Mehrwert oder der Bezug zu Leserbedürfnissen schlecht dargestellt werden oder fehlen.

Wer schreibt, hat ein Anliegen und möchte Leser haben.
“ … Aber es wird unendlich viel mehr geschrieben als gelesen“, sagt Wolf Schneider, „Sprachpapst“, Stilkritiker und langjähriger Leiter der Hamburger Journalistenschule. Woran das liegt? Vermutlich an zu wenig Qual … ität:

„Und natürlich, Qualität kommt von Qual! Selbst wenn ihr euch nicht für Genies haltet, neigt ihr vermutlich dazu, euren frisch geschriebenen Text gut zu finden, bloß weil er von euch ist und weil die Grammatik stimmt. Und das gewöhnt euch bitte ab. Wenn der Text dasteht, dann beginnt die Arbeit: prüfen, feilen, umschreiben, wann immer die Zeit reicht! Einer muss sich plagen, der Schreiber oder der Leser! Der Leser will aber nicht.“
Wolf Schneider


Wenn der Leser nicht will, müssen sich Autor oder Autorin bemühen.
Das ist oft Quälerei, aber eine sinnvolle und lohnenswerte. Denn gleichgültig, ob wir über etwas nachdenken, mit Brainstorming Ideen sammeln oder einen Gedanken notieren, den wir uns unbedingt merken wollen: Wir schreiben es auf – und drehen keinen Film.

Geschrieben und gelesen wird immer; fragt sich nur, was und wie.

Qualität kommt von Qual …

Für’s Schreiben guter Texte gilt:

  • das Thema und den Nutzen des Themas für seine Leser genau kennen.
  • so präzise und klar wie möglich formulieren. Am besten gelingt das, wenn man so schreibt wie man spricht. Stellen Sie sich beim Schreiben Ihres Entwurfes am besten ein Gegenüber vor, dem Sie Ihr Thema erklären.
  • Texte sollten nach dem Schreiben „ruhen“. Nach dem Ruhen wird der erste Entwurf überarbeitet, wobei das Überarbeiten oft aufwändiger ist als das Schreiben – hier steckt die eigentliche Qual … ität.

„Wofür mache ich das eigentlich?“, ist eine ebenso banale wie entscheidende Frage, die man sich zu Beginn eines Schreibprojektes und auch zwischendurch hin und wieder stellen sollte: „Wofür und für Wen? Über sich selbst zu schreiben, ist eine gute Sache, nur für sich nicht, wenn man mehr als einen Leser haben möchte.
Beim Schreiben gilt: Leser und ihre Bedürfnisse im Blick haben und nicht seine eigenen.

Und dann kann’s auch schon losgehen mit dem ersten Entwurf:

  • Entwurf schreiben
  • Entwurf ausdrucken und weglegen (Lesemedium wechseln!)
  • Entwurf (laut) lesen, feilen, kürzen, Überflüssiges entfernen, sortieren, neu formulieren. Der Maßstab sind Sie selbst: Haben Sie als Leser Spaß an Ihrem Text?
  • Wenn Ihnen zwischendurch (beim Duschen oder Kartoffelschälen) eine gute Formulierung und/oder wichtige Aspekte einfallen: Unbedingt sofort aufschreiben! Die Erfahrung zeigt, dass man auch die besten Geistesblitze schnell wieder vergisst.

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20 Sekunden entscheiden (fast) alles

Der erste Eindruck dauert 20 Sekunden.
So lange haben Sie Zeit, andere Menschen beim Kennenlernen von sich zu überzeugen, so lange hat ein Text Zeit, auf einen potenziellen Leser zu wirken.
Nach diesen 20 Sekunden – in der Regel: 350 Zeichen – steht das Urteil Ihres Gegenübers fest: „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“. Eigentlich ist damit (fast) alles gelaufen; es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck. In der Regel auch keine für einen Text. Ein gelungener Einstieg macht den Unterschied und gibt den Ausschlag darüber, ob ein Text gelesen wird – oder auch nicht.
Als Beispiel für einen „guten“ ersten Satz dient hier ein kleines Kabinettstückchen von Katja Kessler. Wer würde nach so einem ersten Satz nicht gerne wissen, warum manche Frauen ihren Männern Strychnin ins Essen streuen?
Und genau darum geht es beim Schreiben und Gelesen-Werden:
Mit Überschrift und erstem Satz Interesse wecken und dem ersten Satz einen spannenden zweiten folgen zu lassen …

„Gestern war einer dieser Tage, an denen ich verstanden habe, warum Frauen ihren Männern Strychnin ins Essen rühren.“
Katja Kessler


Wissenschaftlich ist der erste Eindruck als Halo-Effekt bekannt (halo vom englischen „Heiligenschein“), in der Psychologie wird er auch als Effekt der kognitiven Verzerrung bezeichnet.
Verzerrung deshalb, weil Menschen nur das wahrnehmen, was sie wahrnehmen WOLLEN: Ist der erste Eindruck positiv, nehmen sie auch im Folgenden nur Positives wahr:
Dahinter verbirgt sich eine Gesetzmäßigkeit, die in der Psychologie auch als Vermeidung einer kognitiven Dissonanz bezeichnet wird: Wir Menschen sind darauf angelegt, unsere Entscheidungen, die wir einmal getroffen haben, so lange wie möglich für gut und richtig zu halten, alles andere verwirrt uns. Hat ein Text einen gelungenen Einstieg, bekommt er von seinem Leser eine Art ‚Heiligenschein‘ verpasst, das heißt, er wir ihm spätere Längen oder Schwächen vermutlich verzeihen, ohne das Lesen abzubrechen.

Sind dagegen Gegenüber oder potenzielle Leser nach dem ersten Eindruck nicht überzeugt, werden sie bei genauerem Hinsehen immer mehr Negatives entdecken; vielleicht gefiele ihnen das eine oder andere in einem anderen Kontext – in diesem sind die Daumen unten und die ersten 20 Sekunden vertan; eine zweite Chance wird es nicht geben.

Genau deswegen ist der erste Eindruck Ihres Textes – die Überschrift und der erste Satz – so wichtig; und genau deswegen sollten Sie in beides besonders viel Zeit und Kreativität investieren.

Bullshit-Bingo für Webseiten
Bullshit Bingo mit Begriffen die einfach nicht auf eine Homepage gehören

Aus Angst, irgendetwas falsch zu machen und Kunden zu verprellen, verbarrikadieren sich Homepages besonders gerne hinter Worthülsen. Leider so, dass Leser und Interessenten nach dem Lesen auch nicht mehr wissen als vor dem Lesen. Wertschätzung und Kundenorientierung? Ist für ein Unternehmen eigentlich eine Selbstverständlichkeit, es sei denn, man ist ein – wirklich! – geniales Arschl … und zieht trotz ausgesuchter Unfreundlichkeit Kunden und Aufträge magnetisch an. Für freundliche Unternehmer gilt: Lassen Sie Worthülsen wie „auf Augenhöhe“ einfach weg, sagen Sie klar, was Sie zu bieten haben und welchen Nutzen Ihr Kunde von Ihrem Angebot hat.
Machen Sie sich unterscheidbar. Und einzigartig. Denn das sind Sie!

Der Teufel steckt immer im detail

Viele Schreibratgeber empfehlen, einen Entwurf möglichst „in einem Rutsch“ zu schreiben und sich die Quälerei für später aufzuheben.
Letztendlich spielt es aber keine Rolle, wie man es macht. Die Hauptsache ist, dass man es angeht und sich nicht in den Fängen der „Aufschieberitis“ verheddert oder so lange an einer Formulierung hängenbleibt, bis man die Lust verloren hat. Je besser man sein
Thema und den Nutzen des Themas für seine Leser kennt, desto einfacher ist es, einen lesenswerten Text rund um den „roten Faden“ zu stricken.

Nach dem „Stricken“ sollte der Text unbedingt ruhen, und erst nach einer Pause überarbeitet werden. Das Redigieren ist oft viel aufwändiger als den ersten Wurf zu schreiben, aber die Mühe, das Ringen um treffende Formulierungen und Vergleiche, die richtige Gliederung und das Rundfeilen des Textes wird sich lohnen.
Der wichtige erste Satz findet sich oft auch erst beim zweiten Lesen (meistens steht er mittendrin und fällt beim zweiten Mal plötzlich auf), alles Überflüssige muss gehen, Adjektive sollten sparsam eingesetzt werden, Passiv in Aktiv umgewandelt werden und Füllwörter wie: eben, nämlich, also, halt, quasi, überhaupt, ganz/gänzlich, geradezu, usw. müssen verschwinden.

Wortdreimaster
Einfach gute Texte schreiben - der Teufel steckt immer im Detail
Mögen Sie Wörter wie “ Gefährdungspotenzial“, „Befindlichkeitsstörungen“ oder „Motivationsstruktur“?
Nein?
Ihre Leser auch nicht.
„Wortdreimaster“ ( Wolf Schneider), also Wörter, die aus drei und mehr Wörtern zusammengesetzt sind, lassen sich manchmal nicht vermeiden, besonders dann, wenn es Fachbegriffe sind und man für Fachpublikum schreibt.
Oft stehen sie aber auch aus purer Bequemlichkeit da, weil einem gerade nichts Besseres eingefallen ist oder schlimmer noch, weil der Autor sie für gute Formulierungen hält.
Lassen Sie sie weg. Reduzieren Sie „Gefährdungspotenzial“ zur „Gefahr“ und „widrige Witterungsbedingungen“ zu „schlechtem Wetter“.
Ihre Leser werden es Ihnen danken!

„Wer im Orkan gehört werden will

… muss sich kurz fassen“ – Walter Muschg.

Orkan ist im Moment überall.
Es wird so viel geschrieben, gefilmt, fotografiert und gepostet wie noch nie, schließlich sind „Content“ und Storytelling im Marketing hip, und inhaltliches Geben seliger als Nehmen.
Mitten im Gebrüll gehört zu werden, ist schwierig. Aber machbar.

In erster Linie zählen Herzblut und echtes Interesse an Themen und Lesern, in zweiter ein paar Regeln, die mit ein bisschen Übung viel einfacher zu befolgen sind, als sich schwierige Schachtelsätze auszudenken oder komplizierte Worthülsen zu merken.

Wichtig ist, dass man sowohl sein Thema als auch die, die’s lesen sollen, gut kennt.
Und das beginnt – na, Sie können es sich schon denken: mit Lesen!

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2016


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Das „Must-Have“ für alle, die schreiben – und gelesen werden wollen.
Wolf Schneider: Deutsch für junge Profis. Wie man gut und lebendig schreibt*, Rowolth Taschenbuch Verlag,  2010

 


 

 

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Weiterführende Links zum Thema Schreiben:


Ein großartiger Blog über’s Bloggen und Texte schreiben: Schreibsuchti – Walther Epp:
http://www.schreibsuchti.de/2016/04/12/schreibstil/


Sind Sie Kundenversteher oder machen Sie’s so wie alle anderen? Ein herrlich offener Brief an Unternehmer und Marketingprofis – von Stephanie Wagner
Achtung: Ein offener Brief von Ihrer Zielgruppe


Wer kommt eigentlich auf die bescheuerte Idee, bares Geld – das heißt in unserer Zeit: Wissen und Informationen – zu verschenken?
Wer? Ganz einfach: gute Verkäufer.

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Bildnachweis: Agentur für Bildbiographien, 2016


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