Ihr Flüchtlinge! Flucht und Vertreibung 1944 – 1950

„Ostpreußen, Flüchtlingtreck“ von Bundesarchiv, Bild 146-1976-072-09 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de

Von ‚Willkommens-Kultur‘ kann keine Rede sein, als in den Jahren zwischen 1944 und 1950 rund 12 Millionen Deutsche und Deutschstämmige aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudetenland in den Westen fliehen. In den Augen vieler Einheimischer sind sie die „Polacken“, die ihnen das Wenige, das sie nach dem verlorenen Krieg noch haben, wegnehmen wollen. Heute halten Wirtschaftshistoriker den „Braingain“, also den Gewinn an Talenten durch die Flüchtlingswelle, für eine der wichtigsten Grundlagen des  „Wirtschaftswunders“ – wichtiger als Marshall-Plan und Ludwig Erhard.

„Hildegard von Kamcke hatte keinerlei Talent für die Opferrolle. Den verlausten Kopf erhoben, dreihundert Jahre ostpreußischen Familienstammbaum im Rücken, war sie in die eiskalte Gesindekammer neben der Diele gezogen, die Ida Eckhoff ihnen als Unterkunft zugewiesen hatte.
Sie hatte das Kind auf die Strohmatratze gesetzt, ihren Rucksack abgestellt und Ida mit ruhiger Stimme und der korrekten Artikulation einer Sängerin den Krieg erklärt: ‚Meine Tochter bräuchte dann bitte etwas zu essen.‘
Und Ida Eckhoff, Altländer Bäuerin in sechster Generation, Witwe und Mutter eines verwundeten Frontsoldaten, hatte sofort zurückgefeuert: ‚Von mi gift dat nix!“
Aus: Altes Land von Dörte Hansen

Überrollt

Lange Zeit war den Bewohnern Ostpreußens unter Androhung schwerer Strafen die Flucht aus ihrer Heimat verboten worden.
An den „Endsieg“ glaubt schon lange niemand mehr, aber Hitler will der vorrückenden Roten Armee einen menschlichen „Schutzwall“ entgegenstellen. Natürlich hatten sich die Parteioberen schon längst abgesetzt, und da die Männer im Krieg sind, stehen für Hitlers ostpreußischen Schutzwall Frauen, Kinder und Alte zur Verfügung.

Als schließlich die sowjetische Großoffensive ab dem 12. Januar 1945 in kürzester Zeit die deutsche Front entlang der Memel und der Weichsel an vielen Stellen durchbricht, gibt es trotz aller Verbote kein Halten mehr: die Frauen, Kinder und Alten ziehen in großen und kleinen Trecks mit überladenen Pferdekarren, Kleinkindern und Gepäck im Bollerwagen oder zu Fuß mit einem Koffer in der Hand Richtung Westen.

Die Bedingungen sind denkbar schlecht, als es endlich losgeht: Es ist tiefster Winter und die Rote Armee erreicht noch vor den meisten Flüchtlings-Trecks das Frische Haff bei Elbing und versperrt ihnen den Landweg. Für viele hatte die Flucht viel zu spät begonnen, sie werden von der Ostfront einfach „überrollt“.

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U.S. Department of State, Karte vom 10. Januar 1945: Germany – Poland Proposed Territorial Changes – Secret („Vorschlag zur Gebietsveränderung – Geheim“)

Nachdem der Landweg abgeschnitten ist, leitet Großadmiral Karl Dönitz im Januar 1945 immerhin das Unternehmen „Hannibal“ ein, die größte Evakuierungsmaßnahme der Weltgeschichte, bei dem mit 700 Schiffen der Kriegsmarine über zwei Millionen Menschen aus dem Osten nach Mecklenburg und Schleswig-Holstein gebracht werden.

Dabei kommt es zu furchtbaren Katastrophen.
Am 30. Januar wird der zum Flüchtlingsschiff umfunktionierte ehemalige Truppentransporter Wilhelm Gustloff von 3 sowjetischen Torpedos getroffen und versinkt innerhalb kurzer Zeit, 5000 bis 9000 Menschen ertrinken.
Es ist die schlimmste Schiffskatastrophe in der Geschichte der Menschheit.

Das Lazarettschiff Wilhelm Gustloff im Osloer Hafen By Bundesarchiv, Bild 121-0665 / CC-BY-SA 3.0

„Diese Geschichte fing lange vor mir, vor mehr als hundert Jahren an, und zwar in der mecklenburgischen Residenzstadt Schwerin. Hier wird 1895 jener Mann geboren, der später als »Blutzeuge« gefeiert und einem Schiff den Namen geben wird, dessen Untergang am 30. Januar 1945 die größte Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt darstellt. Das ehemalige Kraft-durch-Freude-Kreuzschiff »Wilhelm Gustloff« mit Tausenden von Flüchtlingen und Soldaten an Bord wird von den Torpedos eines sowjetischen U-Boots versenkt, schätzungsweise fünf- bis neuntausend Menschen finden in der eisigen Ostsee den Tod.“
Günther Grass, Im Krebsgang


Die neue Reichshauptstadt: Flensburg

Gemessen an seiner Einwohnerzahl hat die Provinz und – später – das neu gegründete Bundesland Schleswig-Holstein die meisten Flüchtlinge und Heimatvertriebenen aus dem Osten aufgenommen.

Ein Grund für den Flüchtlingsansturm in den Norden ist der intakte Wohnraum, den es dort trotz des Luftangriffs auf Lübeck am 29. März 1942 und der Bombardements Kiels noch gibt.
Viele Hamburger waren nach der Operation Gomorrha aus ihrer zerstörten Stadt ins Umland geflohen, aber auch aus den zerbombten Städten im Westen des Deutschen Reiches sind seit 1943 über 200.000 Menschen in die Landgebiete nördlich der Unterelbe gebracht worden. Nun kommen die Menschen aus dem Osten noch dazu.


Für wenige Tage ist Flensburg hoch im Norden sogar die neue Reichshauptstadt.
Berlin ist von der Roten Armee eingekesselt, und so benennt der neue Reichspräsident Karl Dönitz nach Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 in Flensburg-Mürwik seine geschäftsführende Reichsregierung.
Dönitz ist ein Hardliner und treuer Gefolgsmann Hitlers, der weisungsgemäß dessen Erbe antritt und weiterkämpfen lässt, zumindest will er so lange durchhalten, bis Amerikanern, Briten und Franzosen einem Separatfrieden zustimmen, wie er hofft. Seine Hoffnungen werden enttäuscht: Am 8. Mai 1945 muss er über einen Flensburger Radiosender die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht verkünden, am 9. Mai 1945 unterzeichnet Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die bedingungslose Kapitulation gegenüber der Sowjetunion.

Der Krieg ist zu Ende, das Elend nicht. In der ersten Not weiß man sich kaum zu helfen.
Neuankommende Flüchtlings-Trecks aus dem Osten und zurückkehrende Wehrmachtsoldaten werden zunächst in Lagern untergebracht, wo sie immerhin ein Dach überm Kopf haben, um Nahrung und Kleidung muss sich jeder selbst kümmern.
Die Rationen, die es laut Lebensmittelkarten geben soll, reichen für’s Überleben bei weitem nicht aus, oft gibt es auf Marken aber einfach auch gar nichts. Man verteilt deshalb alle Neuankömmlinge so schnell wie möglich auf ländliche Gebiete, wo man durch Schrebergärten, Erntearbeit und „Nachstoppeln“ auf eine bessere Ernährungssituation hofft. Besonders den Flüchtlingen bleibt oft nur der Schwarzmarkt, um sich irgendwie durchzuschlagen.

Durch die Umverteilung steigt die Einwohnerzahl der norddeutschen Gemeinden und Kleinstädte rapide an:  In den Kreisen Eckernförde und Stormarn verdoppelt sie sich, in Großhansdorf zählt man kurz nach Kriegsende 1.500 Einheimischen und 3.500 Flüchtlinge, in Rendsburg beträgt der Bevölkerungszuwachs 65 Prozent.

Bei der ersten gesamtdeutschen Volkszählung im Oktober 1946 leben in Schleswig-Holstein 2,6 Millionen Menschen, das sind rund eine Million Einwohner mehr als vor Kriegsbeginn im Jahr 1939.
In Zahlen „kommen“ nach Kriegsende in Schleswig-Holstein drei Flüchtlinge auf auf vier Einheimische, in Niedersachsen ist das Verhältnis 1:2, in Bayern 1:3.

Von mi gift dat nix!

Mit der räumlichen Verteilung der Flüchtlinge wird für die Einheimischen auch der Mangel verteilt: Zimmer und Wohnungen müssen abgegeben, Küchen und Toiletten gemeinsam genutzt werden.
Da viele Notunterkünfte ungeheizt sind, werden primitiv zusammengezimmerte Brennhexen aufgestellt, oft ist Torf das einzige erschwingliche Heizmaterial – wenn es überhaupt etwas zum Heizen gibt.
Warme Kleidung ist knapp, man sammelt hängengebliebene Schafswolle von den Zäunen, um sie zu spinnen, neue Anzüge und Kleider entstehen aus alten Uniformen, Decken und Bettzeug.

Preis: EUR 10,00

Ein Roman über Familie, Flucht und Vertreibung und ihre Nachwehen, über gestern und heute, die Sehnsucht nach Heimat, Aussteigerphantasien und das Alte Land bei Hamburg, großartig und mit feiner Ironie geschrieben. Ein wunderbares Buch, das man erst schweren Herzens aus der Hand legt, wenn man „durch“ ist. Dörte Hansen, Altes Land*, Verlagsgruppe Random House GmbH, 2015

Die materielle Versorgung verbessert sich langsam, der Mangel an Wohnraum, Nahrung und Arbeitsplätzen wird aber noch über viele Jahre bestehen.

Was bleibt und für viele Flüchtlinge schlimmer als alles andere wiegt, ist die emotionale Lücke, die nicht geschlossen werden kann: Ihre alte Heimat haben sie verloren, willkommen sind sie in ihrer neuen aber nicht. 12 Millionen haben sich kurz vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudetenland auf die gefährliche Flucht Richtung Westen gemacht oder sind von den neuen Machthabern im Osten vertrieben worden.

Die, die Flucht und Vertreibung überleben, kommen ausgezehrt, traumatisiert und oft mit nichts mehr als den Kleidern am Leib – zunächst die Frauen, Kinder und Alten, später folgen die Männer, die nicht im Krieg geblieben oder in Gefangeschaft sind.
Zwölf Jahre lang hatte man die „Volksgemeinschaft“ der Deutschen propagiert und gefeiert, jetzt ist sie keinen Pfifferling mehr wert.

Für die meisten Einheimischen sind die Flüchtlinge aus dem Osten die „Habenichtse“, die uneingeladen gekommen sind, um von dem Wenigen, das noch übrig ist, zu nehmen; die „Polacken“ und „Asozialen“, die in Notunterkünften und Baracken hausen.
Sie sind die „Anderen“ – die 
outgroup – der 1950er und 1960er Jahre, die subjektiv als „schlechter“ und als „nicht dazugehörend“ wahrgenommen werden.
Und das wird noch eine ganze Weile so bleiben.

Es gibt zu viele Flüchtlinge, sagen die Menschen.
Es gibt zu wenig Menschen, sagen die Flüchtlinge.
Ernst Ferstl

Wir waren die ‚Russen‘

Als die erste Not vorüber ist und in Dörfern und Gemeinden die ersten Tanzveranstaltungen und Feste stattfinden, wird sehr genau darauf geachtet, dass sich die jungen Männer nicht mit den Flüchtlingsmädchen abgeben.
Man fürchtet sie, die aus dem Osten, denn sie sprechen einen fremden Dialekt, haben andere Sitten, pflegen Traditionen und Feiertage, die man nicht kennt.

„Dann kam ich nach Neuendorf, einem Dorf bei Elmshorn. Man wurde Familien zugewiesen. Da waren wir dann die ‚Russen‘, wir kamen ja aus dem Osten.“

In der sozialen Hackordnung sind die Flüchtlinge ganz unten.

Man mag ihren Dialekt, ihr Brauchtum und ihre Kultur nicht, in einigen Regionen stört man sich auch an ihrer Religion: Protestantische und „Pillkaller“ trinkende Ostpreußen sind für katholische Dorfgemeinschaften in Oberbayern in jener Zeit schlichtweg eine Zumutung und schon allein durch den falschen Glauben von vorneherein suspekt.

Ilse, eine junge Mutter, die mit Kindern und verwundetem Ehemann aus dem sudeten-deutschen Aussig ins fränkische Sterpersdorf zum Bruder ihres Mannes – einem Pastor – geflohen war, schreibt später in ihren Erinnerungen:

Lebensmittelkarte_Ihr_Fluechtlinge

Lebensmittelkarte

„Jenes Jahr ’45 wurde das schwerste unseres Lebens.

Es waren nicht die vielen Unzulänglichkeiten im Verhältnis zu unseren Verwandten, unter denen wir litten, es war der völlige Mangel an Verständnis für unsere Lage, der mein Herz fast stündlich wie mit kleinen Nadelstichen durchlöcherte. Es ist müßig im Einzelnen darüber zu berichten, es war sicher vieles nicht böser Wille, sondern einfach menschliches Versagen, Dummheit und Selbstgerechtigkeit. Möglicherweise war auch unsere Haltung manchmal ungeschickt. Auf alle Fälle wurde das Zusammenleben und Haushalten von Tag zu Tag schwieriger.“


1948: Das Jahr der Entscheidung

Es ist kaum zu glauben, aber aus dem demolierten und demoralisierten Deutschen Reich wächst in erstaunlich kurzer Zeit eine neue Nation.
Nach dem ‚Hungerwinter‘ 1946/47 und vor allem angesichts des heraufziehenden kalten Krieges änderten sich Einstellung und Politik der amerikanischen Besatzer gegenüber den Deutschen; aus Feinden sollten jetzt Freunde werden, nicht zuletzt um als ‚Bollwerk‘ gegen den neuen Feind, die Sowjetunion, zu dienen.

Nach Kriegsende, Heilbronn 1945 After the end of the war, 1945, By US Army, Public Domain

Der Marshall-Plan wird ins Leben gerufen, aber vor allem der Abbau von Handelsbeschränkungen in den drei westlichen Zonen bewirkte ab dem Spätsommer 1947 für die Menschen in „Trizonesien“ (die amerikanische, britische und französische Besatzungszonen unter gemeinsamer Verwaltung) einen zaghaften Wirtschaftsaufschwung.

Das Jahr 1948 wird dann zum Jahr der Entscheidung.
Die Zwangswirtschaft, also der rationierte Bezug von Nahrung und Kleidung auf Marken, wird  abgeschafft und die D-Mark eingeführt.
Beides ist ein absolutes Muss für ein politisch stabiles und wirtschaftlich starkes (West-) Deutschland, doch Währungsreform und die Einführung der D-Mark am 20. Juni 1948 manifestierten auch die politische und ökonomische Spaltung von Ost und West.


Die Geschichte der Deutschen gut verständlich erklärt. Für alle  Geschichtsinteressierten prima zum Nachschlagen und Querlesen geeignet. Bitte nicht vom etwas seltsamen Titel abschrecken lassen!
Christian v. Ditfurth: Deutsche Geschichte für Dummies*, Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim, 2012

Drei Tage nach der westdeutschen Währungsreform erhält die Sowjetisch Besetzte Zone (SBZ) mit der „Ostmark“ ihre eigene Währung.
Als die Westmächte in einer Art Machtprobe die D-Mark als Zahlungsmittel in den drei von ihnen kontrollierten Sektoren der ehemaligen Hauptstadt Berlin einsetzen, unterbrechen sowjetische Truppen alle Land- und Kanalverbindung in die geteilte Stadt.
Von Juni 1948 bis Mai 1949 fliegen die „Rosinenbomber“, um die Bewohner der westlichen Sektoren Berlins mit allem Lebensnotwendigen zu versorgen.

Wohlstand für alle

Nach und nach versucht man, Notunterkünfte und Flüchtlingslager aufzulösen.
Als es Anfang der 1950er Jahre wieder Kapital und Baustoff gibt, kommt der Wohnungsbau in Gang, es entstehen reine Flüchtlingssiedlungen wie beispielsweise Trappenkamp.
Trotz aller Anstrengungen leben aber allein in Schleswig-Holstein im Jahr 1950 noch mehr als 100.000 Menschen in über 700 Flüchtlingslagern.

Gesellschaftlich bleibt die Bundesrepublik noch in Flüchtlinge und Nicht-Flüchtlinge gespalten. Bezahlte Arbeit ist knapp, bis zu Beginn der 1950er Jahre ist die Arbeitslosenquote hoch, Flüchtlinge und Vertriebenen sind von Arbeitslosigkeit viel häufiger betroffen als Einheimische. Viele sind überqualifiziert und müssen umlernen, Glück haben dagegen die Handwerker, die mit Reparaturen gebrauchter oder beschädigter Güter in der Notzeit ein weites Betätigungsfeld haben.

Der 1950 ausbrechende Korea-Krieg, der erste Stellvertreter-Krieg zwischen Ost und West, änderte alles: Man braucht Waffen, und zwar schnell.

Der neue Krieg zündet ab 1950 ein Exportfeuerwerk in Deutschland, denn die modernen westdeutschen Industrieanlagen – viele von ihnen wurden erst vor oder während des Krieges gebaut – , sind anders als viele Innenstädte und Verkehrswege weitgehend intakt geblieben; sie haben Kapazitäten frei und können dank niedriger Löhne günstig liefern.
Nach dem Krieg ist Deutschland ein armes und hungriges Land, ein unterentwickeltes war es nie.

Herr Dr. Wehrenkamp (Ukon Verlag) überreicht Dr. Ludwig Erhard sein Buch "Wohlstand für Alle"

Ludwig Erhard mit seinem Buch“ von Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003 / Adrian, Doris / CC-BY-SA 3.0

Wohlstand für alle
Niemand ist mit dem deutschen Wirtschaftswunder so eng verbunden wie Ludwig Erhard, der von 1949 bis 1963 Wirtschaftsminister, später kurze Zeit auch (glückloser) Kanzler der Bundesrepublik war.
Bereits ab 1942 hatte sich der „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“ mit der ökonomischen Nachkriegsplanung beschäftigt, 1944 im Auftrag der „Reichsgruppe Industrie“ eine Denkschrift über Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung verfasst, in der er Überlegungen zum Neuaufbau der Wirtschaft nach dem Krieg anstellte.
Unter anderem empfahl er bereits in diesem Papier einen Währungsschnitt.

„Wohlstand für alle“ ist sein Slogan, und keiner verkörpert dieses Prinzip so wie er.
Damit wird er sehr bald zum Vater des Wirtschaftswunders“, für die Deutschen ein psychologischer Effekt, der nicht zu unterschätzen ist. Doch Deutschland ist ein besetztes Land, die wichtigen Entscheidungen treffen die Besatzungsmächte, im Wesentlichen die Amerikaner. (Sehr sehenswert dazu: „Das Märchen vom Wirtschaftswunder“, ein 45-minütiger Film aus der Reihe Das Erste Geschichte)


Es ist eine günstige Mischung aus vielen Faktoren, die Deutschland so kurz nach dem verlorenen Krieg einen Wirtschaftsaufschwung beschert, mit dem niemand gerechnet hatte.
Vor allem der Wohnungsbau und die traditionell starke Automobilindustrie werden zur Konjunkturlokomotive der boomenden Wirtschaft, der Nachholbedarf ist riesig.
Innerhalb weniger Jahre schaffen es die Westdeutschen von der „Stunde Null“ zur Vollbeschäftigung. Die Währungsreform, die Idee der sozialen Marktwirtschaft und Ludwig Erhard sind wichtig, doch die wichtigste Rolle beim Wirtschaftswunder dürfte der „Faktor Mensch“ gespielt haben.

Ohne die qualifizierten und gut ausgebildeten Arbeitskräfte, die hochmotiviert und bei einem im Vergleich niedrigen Lohnniveau schaffen, um voranzukommen, wäre das Wirtschaftswunder der 1950er und 1960er Jahre nicht möglich gewesen.
Besonders fleißig sind die, die alles verloren haben – die Flüchtlinge aus dem Osten – , der „Braingain“, der Talentschub, tut sein Übriges, sagen Wirtschaftshistoriker.

Plötzlich waren alle Rittergutbesitzer

Man hatte aus dem 20. Jahrhundert, einem Jahrhundert mit Diktaturen, zwei Weltkriegen, Millionen Kriegstoten, Verletzten, Flüchtlingen und Vertriebenen einiges gelernt.

Statt wie nach dem 1. Weltkrieg auf hohen Reparationsforderungen zu pochen, halbiert die Londoner Schuldenkonferenz auf Druck der Amerikaner bereits im Februar 1953 die Kriegsschulden der Deutschen und nimmt dadurch eine große Last von den Schultern der jungen Nachkriegswirtschaft.
Und bereits ab 1952 gilt der Lastenausgleich, ein groß angelegter Sozialausgleich, der die Idee verfolgt, dass es sozialen Frieden nur dort geben kann, wo alle ein gutes wirtschaftliches Auskommen haben – also jeder etwas zu verlieren hat.

Eine große Idee, die jedoch für neuen Unmut zwischen Flüchtlingen und Einheimischen sorgt. Mit dem „Gesetz über den Lastenausgleich“, so die offizielle Bezeichnung des Gesetzwerkes, sollten alle Deutschen finanziell entschädigt werden, die „infolge des Zweiten Weltkrieges und seiner Nachwirkungen Vermögensschäden oder besondere andere Nachteile erlitten hatten“.
Doch da die Flüchtlinge die größte Gruppe unter den Geschädigten sind, wird der Lastenausgleich in der Öffentlichkeit als Umverteilung nur zu ihren Gunsten wahrgenommen, man sieht in ihm ein weiteres „Bonbon“ , das man den ungebetenen Neuankömmlingen aus dem Osten in den Hintern schiebt.

Erneut werden die Flüchtlinge mit besonderem Missmut und Misstrauen beobachtet. Wenig hilfreich ist dabei, dass in Einzelfällen einige die Gunst der Stunde – den Verlust von Urkunden und Schriftstücken auf der Flucht – zu nutzen versuchen, um sich die Entschädigung für einen Wohlstand zu erschwindeln, den sie in ihrer verlorenen Heimat nie hatten: „Plötzlich waren alle Rittergutbesitzer“ , sagt eine Zeitzeugin.
Abfällige Bemerkungen, Stammtischdiskussionen, Rempeleien und gelegentlich auch Handgreiflichkeiten häufen sich, Freundschaft hat man man mit denen, die jetzt nach und nach in die Ostpreußenstraße oder den Pommernring ziehen, noch lange nicht geschlossen.
Über die Flüchtlinge, die keine Hilfe in Anspruch nehmen, weil sie es aus eigener Kraft schaffen wollen oder auf die Rückkehr in ihre Heimat hoffen, spricht niemand.

Es sind sehr viele.

Das hört nicht auf. Nie hört das auf.

Ohnehin stand für sie fest, dass sowas [wie das Auftreten jugendlicher Neonazis] nur passieren konnte, weil man jahrzehntelang ‚ieber die Justloff nich reden jedurft hat. Bai ons im Osten sowieso nich. Ond bai dir im Westen ham se, wenn ieberhaupt von frieher, denn immerzu nur von andre schlimme Sachen, von Auschwitz und sowas jeredet“ , lässt Günther Grass die Mutter seines Protagonisten, Tulla Pokriefke, in seiner Novelle Im Krebsgang sagen.

Es ist bereits 2002, als Im Krebsgang erscheint, und obwohl Flucht und Vertreibung schon viele Jahrzehnte zurückliegen, ist es ein ungeheurer Tabubruch: Grass widmet sich erstmals dem Leid der Deutschen am Ende des 2. Weltkrieges.
Mit viel Fingerspitzengefühl weist er auf die fatalen Folgen hin, die Deutschen einseitig als „Immer-Schuldige“ darzustellen und nie ihr Leid als  Opfer des Krieges sehen zu dürfen. Eine „politische Korrektheit“ mit Konsequenzen für die nächsten Generationen:

„[…] stellte sich in deutscher und englischer Sprache eine Website vor, die als „www.kameradschaft-konrad-pokriefke.de“ für jemanden warb, dessen Haltung und Gedankengut vorbildlich seien, den deshalb das verhasste System eingekerkert habe. „Wir glauben an dich, wir warten auf dich, wir folgen dir …“ Undsoweiter undsoweiter.
Das hört nicht auf. Nie hört das auf.“


Wir müssen uns wohl oder übel damit abfinden, dass wir – altes Steinzeitrelikt – Fremden gegenüber misstrauisch sind. Lesen Sie im nächsten Beitrag: Zuschauen kann töten – Gibt es falsche Vorbilder? – Lebenslanges Lernen durch Imitation – Wer sind unsere Vorbilder? – „Fremd“ ist uns nicht geheuer – Vertrauen durch „wiederholte Darbietung“
Richtige und falsche Vorbilder

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2015


Buchempfehlungen
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Ein Buch über Familie, Flucht und Vertreibung und ihre Nachwehen, über gestern und heute, die Sehnsucht nach Heimat, Aussteigerphantasien und das Alte Land bei Hamburg, großartig und mit feiner Ironie geschrieben. Ein wunderbarer Roman, den man erst schweren Herzens aus der Hand legt, wenn man „durch“ ist.Dörte Hansen, Altes Land*, Verlagsgruppe Random House GmbH, 2015

Erst im Jahr 2002 brach Günther Grass mit seiner Novelle „Im Krebsgang“ ein Tabu und beschrieb das Leid der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges – und die Folgen des langen Schweigens darüber. Eine vielschichtige Novelle, meisterhaft erzählt und nicht nur wegen der Thematik sehr lesenswert! Günther Grass, Im Krebsgang*, dtv Verlagsgesellschaft , 2004

Ein sehr lesenswertes Sachbuch über die „transgenerationale“ Vererbung von traumatischen Erlebnissen, nicht immer ganz einfach geschrieben, aber sehr fundiert und durch die vielen Beispiele berühmter Familien und Persönlichkeiten sehr anschaulich. Monica McGoldrick, Wieder heimkommen. Auf Spurensuche in Familiengeschichten*, Carl-Auer-Verlag, 2013

Freundschaft schließen mit unserem „inneren Kind“ , Glaubenssätze erkennen – und sie verändern, wenn es notwendig ist. Ein hilfreiches Buch. Auch und besonders für Männer.
Stefanie Stahl, Das Kind in dir muss Heimat finden*, Kailash Verlag, 2015

Nach wie vor eines der besten Bücher über die „vergessene Generation“ .
Sabine Bode, Die vergessene Generation: Kriegskinder brechen ihr Schweigen.*, Klett-Cotta, 2015

Weiterführende Links:


„Das Märchen vom Wirtschaftswunder“: Eine sehenswerte Zusammenfassung von Christoph Weber als Youtube-Film (ca. 45min):
https://www.youtube.com/watch?v=DV8DsMmS65I


Leseempfehlungen:


4474 Tage währte das 1000jährige Reich auf deutschem Boden.
Dann brach es am 8. Mai 1945 in einem Inferno aus Blut, Tränen und Abermillionen Toten zusammen. Eine kurze Chronologie zum 70. Jahrestag des Kriegsendes:
Vor 70 Jahren: Weltkriegsende – Zusammenbruch – Befreiung


Ein Jahrhundert mit Diktaturen, zwei Weltkriegen, Millionen Kriegstoten, Verletzten, Flüchtlingen und Vertriebenen, das uns heute noch in den Knochen steckt.
Das 20. Jahrhundert


Eine ‚outgroup‘ kann für eine Gruppe und ihre Gruppenmitglieder besonders sinnstiftend sein. Lesen Sie mehr über unser Bedürfnis nach Einzigartigkeit auf der einen Seite und Gruppenorientierung und Gruppennormen auf der anderen:
Sei einzigartig! Oder lieber doch nicht?


Zeit.de: Unsere Willkommenskultur. Ein Szenario von Thomas Assheuer
http://www.zeit.de/2015/44/fluechtlinge-willkommenskultur-rechte-konservative


Planet Wissen zum „Wirtschaftswunder“
http://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/wirtschaftswunder/index.html


Deutschlandfunk: Das Lastenausgleichsgesetz – Geld für Flüchtlinge, Vertriebene und andere Kriegsopfer:
http://www.deutschlandfunk.de/geschichte-aktuell-vor-50-jahren.724.de.html?dram:article_id=97439


Flucht und Vertreibung aus der Sicht von Zeitzeugen:
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg/kriegsverlauf/massenflucht


 Wir müssten das alles mal aufschreiben Die Agentur für Bildbiographien veröffentlicht seit 2012 hochwertige Bildbände und Chroniken über Familien- und Unternehmens-geschichten. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Homepage Bildbiographien: Wir müssten das alles mal aufschreiben!


 Bildnachweise:
1) „Ostpreußen, Flüchtlingtreck“ von Bundesarchiv, Bild 146-1976-072-09 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de 
2) U.S. Department of State, Karte vom 10. Januar 1945: Germany – Poland Proposed Territorial Changes – Secret („Vorschlag zur Gebietsveränderung – Geheim“), 4 Vorschläge des amerikanischen Außenministeriums, genutzt während der Konferenz von Jalta und der Potsdamer Konferenz. „Vertreibungsgebiet“ von amerikanisches Außenministerium – http://digicoll.library.wisc.edu/cgi-bin/FRUS/FRUS-idx?type=turn&entity=FRUS.FRUS1945Berlinv01.p0881&isize=M http://www.deutschlanddokumente.de/. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
3) Das Lazarettschiff Wilhelm Gustloff im Osloer Hafen By Bundesarchiv, Bild 121-0665 / CC-BY-SA 3.0,

4) Privatarchiv
5) Nach Kriegsende, 1945 After the end of the war, 1945, By US Army, Public Domain

6) „Bundesarchiv B 145 Bild-F004204-0003, Ludwig Erhard mit seinem Buch“ von Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003 / Adrian, Doris / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de

Ein Gedanke zu „Ihr Flüchtlinge! Flucht und Vertreibung 1944 – 1950

  1. ihr lieben menschen die ihr das alles lest,schaut zurück auf diese zeit,war das nicht auch traurig+grausam???? und was haben wir daraus gelernt ??????
    macht eure herzen auf,seid nicht so gemein zu euren mitmenschen,schenkt ein bisschen liebe +friede eurem nächsten das ist doch nicht viel oder???
    „denn die freude die wir geben kehrt ins eigene herz zurück“
    ich weiss von was ich rede,mir als waisenkind,hat auch die liebe +zuneigung gefehlt,zum glück gibt es sie noch die „netten menschen“

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