Ihr Flüchtlinge! Flucht und Vertreibung 1944 – 1950

Bild 146-1976-072-09, Ostpreußen, Flüchtlingtreck“ von Bundesarchiv

Von ‚Willkommens-Kultur‘ konnte keine Rede sein als sich in den Jahren zwischen 1944 und 1950 rund 12 Millionen Deutsche und Deutschstämmige aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudetenland auf die Flucht Richtung Westen machten oder vertrieben wurden. In den Augen vieler Einheimischer waren sie die „Polacken“, die ihnen das Wenige, das sie nach dem verlorenen Krieg noch hatten, wegnehmen wollten. Heute halten Wirtschaftshistoriker den „Braingain“, also den Gewinn an Talenten durch die Flüchtlingswelle, für eine der wichtigsten Grundlagen des in den 1950er Jahren einsetzenden „Wirtschaftswunders“ – wichtiger als Marshall-Plan und Ludwig Erhard.

Überrollt

Lange Zeit war den Bewohnern Ostpreußens unter Androhung schwerer Strafen die Flucht aus ihrer Heimat verboten worden. Hitler wollte der vorrückenden Roten Armee einen menschlichen „Schutzwall“ entgegenstellen.
Als die sowjetische Großoffensive ab dem 12. Januar 1945 in kürzester Zeit die deutsche Front entlang der Memel und der Weichsel an vielen Stellen durchstößt, helfen alle Verbote nichts mehr – viele machen sich trotz der angedrohten Strafen auf den Weg Richtung Westen.
Die Bedingungen sind denkbar schlecht: Es es ist tiefster Winter, die Rote Armee erreicht nach kurzer Zeit das Frische Haff bei Elbing und versperrt den Landweg. Für viele hatte die Flucht viel zu spät begonnen, viele Flüchtende werden von der Ostfront „überrollt“.

Mit bitteren Konsequenzen, wie sich Zeitzeugin Margarete erinnert:

„Das kommende Frühjahr und der Sommer 1945 waren ein Albtraum!
Immer wieder wurden Menschen verschleppt und Frauen vergewaltigt. Aber die russischen Soldaten sind da, Flucht ist unmöglich. Warten voller Angst. Man musste sich verstecken, Mutter nahm Margarete überallhin mit. Leider gab es immer wieder Leute, die den russischen Soldaten verraten haben, wo sich Frauen versteckt hielten. Vielleicht wollten sie sich dadurch auch selbst schützen.

Eine Erinnerung: In der Scheune des Bauernhofs sind wir Frauen und Mädchen ganz an die Wand gedrückt, versteckt hinter Strohballen. Mutti stupst Schlafende an, wenn sie schnarchen. Mit Bajonetten haben Männer durch die Strohballen gestochen. Die Ballen waren aber so tief geschichtet, dass niemand entdeckt wurde. Der Bauer, der nichts verraten hatte, wurde zusammengeschlagen.“

Die Körper der Frauen waren immer der Ort, wo Kriege stattgefunden haben
(Dominique Manotti): Allein in Berlin wurden nach Schätzungen in den Monaten April bis Juni 1945 100.000 Frauen und Mädchen vergewaltigt, also etwa jede 14. der 1,4 Millionen Berlinerinnen. Viele von ihnen mehrfach
.

Nachdem der Landweg abgeschnitten war, leitete Großadmiral Karl Dönitz im Januar 1945 das Unternehmen „Hannibal“ ein, die größte Evakuierungsmaßnahme der Weltgeschichte, bei dem mit 700 Schiffen der Kriegsmarine über zwei Millionen Menschen aus dem Osten nach Mecklenburg und Schleswig-Holstein gebracht wurden.
Dabei kam es zu fürchterlichen Katastrophen wie beispielsweise die Torpedierung des zum Flüchtlingsschiff umfunktionierten ehemaligen Truppentransporters „Wilhelm Gustloff“, bei dessen Untergang im Januar 1945 über 9000 Menschen in der eisigen Ostsee ertrinken.

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U.S. Department of State, Karte vom 10. Januar 1945: Germany – Poland Proposed Territorial Changes – Secret („Vorschlag zur Gebietsveränderung – Geheim“)

Im Westen marschierte die British Army in Niedersachsen ein, und Hunderttausende Soldaten und Flüchtlinge drängten nach Norden, nach Schleswig-Holstein und Dänemark.
In den letzten Tagen des „Dritten Reiches“ wird Flensburg zur provisorischen Reichshauptstadt.

Der neue Reichspräsident Dönitz lässt gemäß Hitlers letzten Willen zunächst weiterkämpfen und benennt am 2. Mai 1945 in Flensburg-Mürwik eine „geschäftsführende“ Reichsregierung.
Eine Gesamtkapitulation lehnt er ab, stattdessen soll ein Separatfrieden mit den westlichen Alliierten geschlossen und der Kampf gegen die Rote Armee fortgesetzt werden. Am gleichen Tag kapitulieren die verbliebenen deutschen Truppenteile in Berlin vor der Roten Armee.

Ihr Flüchtlinge!

In der ersten Not werden sie vor allem auf die ländlichen Gebiete verteilt, wo man auf eine etwas bessere Ernährungssituation hofft: Die Einwohnerzahl in den Kreisen Eckernförde und Stormarn verdoppelt sich, in Großhansdorf leben 1.500 Einheimischen und 3.500 Flüchtlinge, in Rendsburg beträgt der Bevölkerungszuwachs 65 %.

Mit der räumlichen Verteilung der Flüchtlinge wird für die Einheimischen auch der Mangel verteilt: Zimmer und Wohnungen müssen abgegeben, Küchen und Toiletten gemeinsam genutzt werden.
Da viele Notunterkünfte ungeheizt sind, werden primitiv zusammengezimmerte Brennhexen aufgestellt, oft ist Torf das einzige erschwingliche Heizmaterial – wenn es überhaupt etwas zum Heizen gibt.
Trotz aller Anstrengungen leben allein in Schleswig-Holstein im Jahr 1950 noch mehr als 100.000 Menschen in über 700 Flüchtlingslagern. Als es Anfang der 1950er Jahre wieder Kapital und Baustoff gibt, kommt der Wohnungsbau in Gang, es entstehen reine Flüchtlingssiedlungen wie beispielsweise Trappenkamp. Flüchtlinge sind die ‚outgroup‚ der 1950er und 1960er Jahre.

Gemessen an seiner Einwohnerzahl hat die Provinz und – später – das neu gegründete Bundesland Schleswig-Holstein die meisten Flüchtlinge und Heimatvertriebenen aus dem Osten aufgenommen. Ein Grund für den großen Flüchtlingsstrom nach Norden war der intakte Wohnraum, der trotz des Luftangriffs auf Lübeck am 29. März 1942 und der Bombardements Kiels erhalten geblieben war.
Schon seit 1943 waren über 200.000 Menschen aus den zerbombten Städten im Westen des Deutschen Reiches in die Landgebiete nördlich der Unterelbe gebracht worden. Hamburg war durch die Operation Gomorrha zerstört worden, auch von dort flohen viele Menschen in ihr nördliches Umland. Jetzt also noch die aus dem Osten …

Bei der ersten gesamtdeutschen Volkszählung im Oktober 1946 lebten in Schleswig-Holstein 2,6 Millionen Menschen, das waren rund eine Million Einwohner mehr als vor Kriegsbeginn im Jahr 1939. In Schleswig-Holstein „kamen“ drei Flüchtlinge auf auf vier Einheimische, in Niedersachsen war das Verhältnis 1:2, in Bayern 1:3.

Der Mangel an Wohnraum, Nahrung und Arbeitsplätzen bleibt über viele Jahre  erdrückend.

Wir waren die ‚Russen‘

Willkommen sind sie nirgendwo, die 12 Millionen, die sich kurz vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudetenland auf die gefährliche Flucht Richtung Westen machen, oder von den neuen Machthabern im Osten ausgewiesen werden.
Ausgezehrt, traumatisiert und oft mit nichts mehr als den Kleidern am Leib kommen sie – zunächst die Frauen, Kinder und Alte, denn die Männer waren noch im Krieg, in Gefangenschaft, tot oder verwundet – und werden trotz der zuvor 12 Jahre lang propagierten ‚Volksgemeinschaft‘ nicht mit offenen Armen empfangen.
Die, die man kurze Zeit zuvor jubelnd „heim ins Reich“ geholt hatte, sollten jetzt gefälligst dort bleiben, wo sie hergekommen sind Aus der materiellen Not entstehen Streit, Reibereien und manchmal sogar offener Hass zwischen Einheimischen und Flüchtlingen.

„Dann kam ich nach Neuendorf, einem Dorf bei Elmshorn. Man wurde Familien zugewiesen. Da waren wir dann die ‚Russen‘, wir kamen ja aus dem Osten“,

erinnert sich Anneliese, die im November 1945 als 18jährige aus Pommern gekommen war und auf der Flucht ihre Familie verloren hatte.
Als die erste Not überwunden war und auf den Dörfern und in den Gemeinden die ersten Tanzveranstaltungen und Feste stattfanden, wurde peinlichst darauf geachtet, dass sich die jungen Männer nicht mit den Flüchtlingsmädchen abgaben. Man fürchtete sie, die aus dem Osten, denn sie sprachen einen fremden Dialekt, sie hatten andere Sitten, pflegten Traditionen und Feiertage, die man nicht kannte.

Ilse, eine junge Mutter, die mit Kindern und verwundetem Ehemann aus dem sudeten-deutschen Aussig ins fränkische Sterpersdorf zum Bruder ihres Mannes – einem Pastor – geflohen war, schreibt später in ihren Erinnerungen:

„Jenes Jahr ’45 wurde das schwerste unseres Lebens. Es waren nicht die vielen Unzulänglichkeiten im Verhältnis zu unseren Verwandten, unter denen wir litten, es war der völlige Mangel an Verständnis für unsere Lage, der mein Herz fast stündlich wie mit kleinen Nadelstichen durchlöcherte. Es ist müßig im Einzelnen darüber zu berichten, es war sicher vieles nicht böser Wille, sondern einfach menschliches Versagen, Dummheit und Selbstgerechtigkeit. Möglicherweise war auch unsere Haltung manchmal ungeschickt. Auf alle Fälle wurde das Zusammenleben und Haushalten von Tag zu Tag schwieriger.“

In den ersten Nachkriegsjahren hungerten viele Menschen.
In Schleswig-Holstein wie anderswo reichten die Rationierungen auf den Lebensmittelkarten bei weitem nicht aus.
Neue Schrebergärten sollten bei der Selbstversorgung helfen, aber auch Schwarzmarkt, Lebensmittelkarte_Ihr_FluechtlingeErntearbeit und das „Nachstoppeln“ abgeernteter Felder boten die Aussicht auf Nahrung.
Warme Kleidung war ebenfalls knapp, und so wurde Wolle von den Zäunen gesammelt und versponnen, aus alten Uniformen, Decken und Bettzeug entstanden neue Anzüge und Kleider.

Plötzlich waren alle Rittergutbesitzer

In der sozialen Hackordnung jener Tage sind die Flüchtlinge ganz unten.
Zwölf Jahre „Volksgemeinschaft“ hin oder her – jetzt sind sie die „Habenichtse“, die uneingeladen gekommen sind, um von dem Wenigen, das noch übrig ist, zu nehmen; die „Asozialen“, die in Notunterkünften und Baracken hausen.
Man mag ihren Dialekt, ihr Brauchtum und ihre Kultur nicht, in einigen Regionen stört man sich auch an ihrer Religion: Protestantische und „Pillkaller“ trinkende Ostpreußen waren für katholische Dorfgemeinschaften in Oberbayern in jener Zeit schlichtweg eine Zumutung und allein schon durch den falschen Glauben von vorneherein suspekt.

Doch aus dem demolierten und demoralisierten Deutschland wächst in unglaublich kurzer Zeit ein neues.
Nach dem ‚Hungerwinter‘ 1946/47 und vor allem angesichts des herauf-ziehenden kalten Krieges änderten sich Einstellung und Politik der amerikanischen Besatzer gegenüber den Deutschen; aus Feinden sollten jetzt Freunde werden, nicht zuletzt um als ‚Bollwerk‘ gegen den neuen Feind, die Sowjetunion, zu dienen.

Der Marshall-Plan wird ins Leben gerufen, aber vor allem der Abbau von Handelsbeschränkungen in den drei westlichen Zonen bewirkte ab dem Spätsommer 1947 für die Menschen in „Trizonesien“ (die amerikanische, britische und französische Besatzungszonen unter gemeinsamer Verwaltung) einen zaghaften Wirtschaftsaufschwung.

Das Jahr 1948 wird dann zum Jahr der Entscheidung.
Die Zwangswirtschaft, also der rationierte Bezug von Nahrung und Kleidung auf Marken, wird  abgeschafft und die D-Mark eingeführt. Beides ist ein absolutes Muss für ein politisch stabiles und wirtschaftlich starkes (West-) Deutschland, doch Währungsreform und die Einführung der D-Mark am 20. Juni 1948 manifestierten auch die politische und ökonomische Spaltung von Ost und West.
Drei Tage nach der westdeutschen Währungsreform erhält die Sowjetisch Besetzte Zone (SBZ) mit der „Ostmark“ ihre eigene Währung. Als die Westmächte in einer Art Machtprobe die D-Mark als Zahlungsmittel in den drei von ihnen kontrollierten Sektoren der ehemaligen Hauptstadt Berlin einsetzen, unterbrechen sowjetische Truppen alle Land- und Kanalverbindung in die geteilte Stadt.
Von Juni 1948 bis Mai 1949 fliegen die „Rosinenbomber“, um die Bewohner der westlichen Sektoren Berlins mit allem Lebensnotwendigen zu versorgen.


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Gesellschaftlich bleibt die Bundesrepublik in Flüchtlinge und Nicht-Flüchtlinge gespalten.
Bezahlte Arbeit ist knapp, im Jahr 1950 liegt die Arbeitslosenquote bei 13,5 %. Flüchtlinge und Vertriebenen sind von Arbeitslosigkeit viel häufiger betroffen als Einheimische. Überqualifizierte müssen umlernen und annehmen, was sich bietet, leichter haben es nur die Handwerker, die mit Reparaturen gebrauchter oder beschädigter Güter in der Notzeit ein weites Betätigungsfeld hatten.

Der 1950 ausbrechende Korea-Krieg, der erste Stellvertreter-Krieg zwischen Ost und West, änderte alles: Man braucht Waffen, und zwar schnell, die überwiegend intakten und modernen Industrieanlagen Westdeutschlands haben Kapazitäten frei und können liefern. Das Wirtschaftswunder, ein jahrelang anhaltender Wirtschaftsboom, beginnt, und die Bundesrepublik macht sich auf den Weg, Exportweltmeister zu werden.
(Sehr sehenswert dazu: „Das Märchen vom Wirtschaftswunder“, ein 45-minütiger Film aus der Reihe Das Erste Geschichte)

FlüchtlingeJetzt endlich geht es den Deutschen spürbar besser. Man sieht wieder Licht am Ende des Tunnels, vom „Wohlstand für alle“ ist die junge Bundesrepublik allerdings noch weit entfernt. Neuen Unmut zwischen Flüchtlingen und Einheimischen schürt der ab 1952 geltende Lastenausgleich, der von vielen als weiteres „Bonbon“ nur für Flüchtlinge empfunden wurde
(tatsächlich galt er für alle Deutschen).
Die Idee des groß angelegten Sozialausgleiches war, dass es sozialen Frieden nur dort geben kann, wo alle ein gutes wirtschaftliches Auskommen haben – also jeder etwas zu verlieren hat.
Mit dem „Gesetz über den Lastenausgleich“, so die offizielle Bezeichnung des Gesetzwerkes, sollten alle Deutschen finanziell entschädigt werden, die „infolge des Zweiten Weltkrieges und seiner Nachwirkungen Vermögensschäden oder besondere andere Nachteile erlitten hatten“.
Doch da die Flüchtlinge die größte (und mittlerweile: lautstärkste) Gruppe unter den Geschädigten sind, wird der Lastenausgleich in der Öffentlichkeit als Umverteilung nur zu ihren Gunsten wahrgenommen. Wenig hilfreich ist dabei, dass in Einzelfällen einige die Gunst der Stunde – den Verlust von Urkunden und Schriftstücken auf der Flucht – zu nutzen versuchen, um sich einen Wohlstand zu erschwindeln, den sie in ihrer verlorenen Heimat nie hatten:


„Plötzlich waren alle Rittergutbesitzer“,


erinnert sich Flüchtlingsfrau Anneliese.

Berichte über die schwarzen Schafe unter den Flüchtlingen häufen sich, von denen, die keine Hilfe annehmen, weil sie es aus eigener Kraft schaffen wollen oder auf die Rückkehr in ihre Heimat hoffen, spricht keiner.
Es sind viele.

Zusätzliches Feuer erhält der Groll auf die ungeliebten Deutschen aus dem Osten bei einigen auch durch die sogenannte ‚Entnazifizierung‘, der Überprüfung der individuellen Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus, (vor allem in der amerikanischen Besatzungszone), denn Flüchtlinge können sich auch hier durch fehlende Dokumente leichter um eine eventuell dunkle Vergangenheit herummogeln als Nicht-Flüchtlinge.

Wohlstand für alle

Herr Dr. Wehrenkamp (Ukon Verlag) überreicht Dr. Ludwig Erhard sein Buch "Wohlstand für Alle"

Herr Dr. Wehrenkamp (Ukon Verlag) überreicht Dr. Ludwig Erhard sein Buch „Wohlstand für Alle“

Niemand ist mit dem deutschen Wirtschaftswunder so eng verbunden wie Ludwig Erhard, der von 1949 bis 1963 Wirtschaftsminister, später kurze Zeit auch (glückloser) Kanzler der Bundesrepublik war.

Bereits ab 1942 hatte sich der „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“ mit der öko- nomischen Nachkriegsplanung beschäftigt, 1944 im Auftrag der „Reichsgruppe Industrie“ eine Denkschrift über Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung verfasst, in der er Überlegungen zum Neuaufbau der Wirtschaft nach dem Krieg anstellte. Unter anderem empfahl er bereits in diesem Papier einen Währungsschnitt.

„Wohlstand für alle“ ist sein Slogan, und keiner verkörpert dieses Prinzip so wie er.
Damit wird er sehr bald zum Vater des Wirtschaftswunders“, für die Deutschen ein psychologischer Effekt, der nicht zu unterschätzen ist. Doch Deutschland ist ein besetztes Land, die wichtigen Entscheidungen treffen die Besatzungsmächte, im Wesentlichen die Amerikaner.

Es ist eine günstige Mischung aus vielen Faktoren, die Deutschland so kurz nach dem verlorenen Krieg einen Wirtschaftsaufschwung bescherte, mit dem niemand gerechnet hatte.
Innerhalb weniger Jahre schaffen es die Westdeutschen von der „Stunde Null“ zur Vollbeschäftigung. Die Währungsreform, die Idee der sozialen Marktwirtschaft und Ludwig Erhard sind wichtig, aber auch die „Altlasten“ der NS-Diktatur und des Krieges spielen ein große Rolle – beispielsweise die modernen Industrieanlagen, viele erst in der Vorkriegs- und Kriegszeit erbaut und zum großen Teil nicht zerstört (im Gegensatz zu den Innenstädten vieler Großestädte und den Verkehrswegen). Deutschland ist nach dem Krieg ein armes und hungriges Land, ein unterentwickeltes war es nie.

Vor allem der Wohnungsbau und die traditionell starke Automobilindustrie werden zur Konjunkturlokomotive der boomenden Wirtschaft, der Nachholbedarf ist enorm. Der Korea-Krieg zündet ab 1950 ein Exportfeuerwerk, denn die modernen westdeutschen Industrieanlagen haben Kapazitäten frei und können dank niedriger Löhne günstig liefern; die Londoner Schuldenkonferenz halbiert auf Druck der Amerikaner im Februar 1953 die hohen Kriegsschulden der Deutschen und nimmt dadurch eine große Last von den Schultern der jungen Nachkriegswirtschaft.

Doch die wichtigste Rolle beim Wirtschaftswunder dürfte der „Faktor Mensch“ gespielt haben: Ohne die qualifizierten und gut ausgebildeten Arbeitskräfte, die hochmotiviert und bei einem im Vergleich niedrigen Lohnniveau schaffen und vorankommen wollen, wäre das Wirtschaftswunder der 1950er und 1960er Jahre nicht möglich gewesen, der „Braingain“, der Talentschub durch die Flüchtlinge aus dem Osten, die oft noch viel weniger hatten als alle anderen, tut sein Übriges.

Es waren nicht nur Fleiß, Motivation und Talent, die zum Wunder führten.
Flüchtling oder nicht war in den 1950er Jahren in den Augen vieler noch eine Charaktereigenschaft, wer am „Ostpreußenring“ oder im „Pommernweg“ lebte, war anders. Dennoch bewahrten alle Teile der Bevölkerung trotz Reibereien, Missgunst und Streit den sozialen Frieden – ohne ihn wäre das Wirtschaftswunder nicht möglich gewesen.

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2015


Weiterführende Links:


„Das Märchen vom Wirtschaftswunder“: Eine sehenswerte Zusammenfassung von Christoph Weber als Youtube-Film (ca. 45min):
https://www.youtube.com/watch?v=DV8DsMmS65I


Buchempfehlungen
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Ein sehr spannendes Buch zum Thema „transgenerationale Vererbung“, nicht immer ganz einfach geschrieben, aber sehr fundiert und mit vielen Beispielen berühmter Familien und Persönlichkeiten.
Monica McGoldrick, Wieder heimkommen. Auf Spurensuche in Familiengeschichten*, Carl-Auer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-89670-597-6


Ein großartiges Buch über Familie, Flucht und Vertreibung und ihre Nachwehen, über gestern und heute, über Ostpreußen – und das Alte Land bei Hamburg. Großartig und mit feiner Ironie geschrieben, ein Buch, das man erst schweren Herzens aus der Hand legt, wenn man „durch“ ist.
Dörte Hansen, Altes Land*, 2015, Verlagsgruppe Random House GmbH, ISBN 978-3-328-10012-6


Leseempfehlungen:


4474 Tage währte das 1000jährige Reich auf deutschem Boden.
Dann brach es am 8. Mai 1945 in einem Inferno aus Blut, Tränen und Abermillionen Toten zusammen. Eine kurze Chronologie zum 70. Jahrestag des Kriegsendes:
Vor 70 Jahren: Weltkriegsende – Zusammenbruch – Befreiung


Eine ‚outgroup‘ kann für eine Gruppe und ihre Gruppenmitglieder besonders sinnstiftend sein. Lesen Sie mehr über unser Bedürfnis nach Einzigartigkeit auf der einen Seite und Gruppenorientierung und Gruppennormen auf der anderen:
Sei einzigartig! Oder lieber doch nicht?


Am 30. September 1938 wurde nach monatelanger Krise das „Münchner Abkommen“ zwischen England, Frankreich, Italien und Deutschland geschlossen. Die Welt und viele Deutsche hoffen, dass durch die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete Hitlers Gier endlich gestoppt, der Frieden gerettet wäre. Ein Zeitzeugenbericht.
30. September 1938. Das Münchner Abkommen. Trommeln in der Nacht


Die ständige Angst vor dem nächsten Bombenangriff, Flucht und Vertreibung, die allgegenwärtige Konfrontation mit Tod und Trauer und  der traumatisierende Drill nationalsozialistischer Erziehung wirken in der Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder lange nach. Erst im Jahr 2002 bricht Günther Grass mit seiner Novelle „Im Krebsgang“ ein Tabu und beschreibt das Leid der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges – und die Folgen eines langen Schweigens.
Im Krebsgang: Das lange Schweigen


Zeit.de: Unsere Willkommenskultur. Ein Szenario von Thomas Assheuer
http://www.zeit.de/2015/44/fluechtlinge-willkommenskultur-rechte-konservative


Planet Wissen zum „Wirtschaftswunder“
http://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/wirtschaftswunder/index.html


Deutschlandfunk: Das Lastenausgleichsgesetz – Geld für Flüchtlinge, Vertriebene und andere Kriegsopfer:
http://www.deutschlandfunk.de/geschichte-aktuell-vor-50-jahren.724.de.html?dram:article_id=97439


Flucht und Vertreibung aus der Sicht von Zeitzeugen:
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg/kriegsverlauf/massenflucht


 Wir müssten das alles mal aufschreiben Die Agentur für Bildbiographien veröffentlicht seit 2012 hochwertige Bildbände und Chroniken über Familien- und Unternehmens-geschichten. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Homepage Bildbiographien: Wir müssten das alles mal aufschreiben!


 Bildnachweise:
1) „Bundesarchiv Bild 146-1976-072-09, Ostpreußen, Flüchtlingtreck“ von Bundesarchiv, Bild 146-1976-072-09 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons –
2) U.S. Department of State, Karte vom 10. Januar 1945: Germany – Poland Proposed Territorial Changes – Secret („Vorschlag zur Gebietsveränderung – Geheim“), 4 Vorschläge des amerikanischen Außenministeriums, genutzt während der Konferenz von Jalta und der Potsdamer Konferenz. „Vertreibungsgebiet“ von amerikanisches Außenministerium – http://digicoll.library.wisc.edu/cgi-bin/FRUS/FRUS-idx?type=turn&entity=FRUS.FRUS1945Berlinv01.p0881&isize=M http://www.deutschlanddokumente.de/. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
4) Karl_D%C3%B6nitz.jpg#/media/File:Karl_D%C3%B6nitz.jpg, gemeinfrei

5) Privatarchiv
6) „Bundesarchiv B 145 Bild-F004204-0003, Ludwig Erhard mit seinem Buch“ von Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003 / Adrian, Doris / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F004204-0003,_Ludwig_Erhard_mit_seinem_Buch.jpg

Ein Gedanke zu „Ihr Flüchtlinge! Flucht und Vertreibung 1944 – 1950

  1. ihr lieben menschen die ihr das alles lest,schaut zurück auf diese zeit,war das nicht auch traurig+grausam???? und was haben wir daraus gelernt ??????
    macht eure herzen auf,seid nicht so gemein zu euren mitmenschen,schenkt ein bisschen liebe +friede eurem nächsten das ist doch nicht viel oder???
    „denn die freude die wir geben kehrt ins eigene herz zurück“
    ich weiss von was ich rede,mir als waisenkind,hat auch die liebe +zuneigung gefehlt,zum glück gibt es sie noch die „netten menschen“

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