Im Krebsgang: Das lange Schweigen

Das Lazarettschiff Wilhelm Gustloff im Osloer Hafen

Das Lazarettschiff Wilhelm Gustloff im Osloer Hafen By Bundesarchiv, Bild 121-0665

Die ständige Angst vor dem nächsten Bombenangriff, Flucht und Vertreibung, die allgegenwärtige Konfrontation mit Tod und Trauer und  der traumatisierende Drill national-sozialistischer Erziehung wirken in der Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder lange nach. Erst im Jahr 2002 bricht Günther Grass mit seiner Novelle „Im Krebsgang“ ein Tabu und beschreibt das Leid der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges – und die Folgen eines langen Schweigens.

„Warum erst jetzt?“ lautet die erste Frage der Novelle „Im Krebsgang“.

Es ist ein komplexer Leitgedanke, der auch für die Erfahrungen vieler Kriegs- und Nachkriegskinder steht.
Warum erst jetzt? Über den langen Schatten des Krieges wurde in den Jahren nach 1945 nicht gesprochen, vor allem nicht mit den Kindern, die diesen Krieg und sein Ende zwar erlebt haben, aber ihn nie verstehen durften.

Viele Eltern und Lehrer waren selbst zu traumatisiert, um darüber sprechen zu können, viele fühlten sich schuldig und konnten (oder wollten) selbst nicht verstehen, was da in 12 Jahren Diktatur und sechs Jahren Krieg über sie hereingebrochen war.
Statt des heiklen Blicks zurück wollte man nach vorne sehen, man wollte Wiederaufbau und keine Vergangen-heitsbewältigung.

Im Krebsgang

„Diese Geschichte fing lange vor mir, vor mehr als hundert Jahren an, und zwar in der mecklenburgischen Residenzstadt Schwerin. Hier wird 1895 jener Mann geboren, der später als »Blutzeuge« gefeiert und einem Schiff den Namen geben wird, dessen Untergang am 30. Januar 1945 die größte Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt darstellt. Das ehemalige Kraft-durch-Freude-Kreuzschiff »Wilhelm Gustloff« mit Tausenden von Flüchtlingen und Soldaten an Bord wird von den Torpedos eines sowjetischen U-Boots versenkt, schätzungsweise fünf- bis neuntausend Menschen finden in der eisigen Ostsee den Tod.“
Günther Grass, Im Krebsgang


Als dann darüber gesprochen wurde – spät und durch die Jugend- und Studentenbewegung der 1960er Jahre erzwungen, – geht es vor allem um die Frage der Schuld, und die war schnell geklärt.
Erst Literaturnobelpreisträger Günther Grass durchbrach 2002 mit seiner großartigen Novelle „Im Krebsgang“ ein Tabu. Mit viel Fingerspitzengefühl weist er auf die fatalen Folgen hin, die Deutschen einseitig als „Immer-Schuldige“ darzustellen und nie ihr Leid als  Opfer des Krieges sehen zu dürfen.  RIAN_archive_137811_Children_during_air_raid

Das Geschehen, über das Grass in seiner Novelle erzählt, sind hundert Jahre deutsche Geschichte:
Im Krebsgang (also: seitwärts) lässt er seinen fast widerwilligen Ich-Erzähler Paul Pokriefke, einen Journalisten und typischen Vertreter der Nachkriegsgeneration, das sensible Thema Täter und Opfer ansteuern.

„Ohnehin stand für sie fest, dass sowas [wie das Auftreten jugendlicher Neonazis] nur passieren konnte, weil man jahrzehntelang ‚ieber die Justloff nich reden jedurft hat. Bai ons im Osten sowieso nich. Ond bai dir im Westen ham se, wenn ieberhaupt von frieher, denn immerzu nur von andre schlimme Sachen, von Auschwitz und sowas jeredet‘.“
Günther Grass, Im Krebsgang

Der Dreh- und Angelpunkt der Novelle ist die Torpedierung des völlig überfüllten Flüchtlingsschiffes Wilhelm Gustloff am 30. Januar 1945, eine der schlimmsten Schiffskatastrophen der Menschheit, bei der bis zu 9.000 Menschen in der eisigen Ostsee ertrunken und erfroren sind.

Im Krebsgang bewegt sich Paul Pokriefke bei seinen Recherchen, die er im Auftrag eines „Unbekannten“ durchführt, auch auf sein eigenes Schicksal zu.
Seine hochschwangere Mutter Tulla ist eine von tausenden Flüchtlingen auf der Gustloff, als die in der bitterkalten Nacht von einem russischen U-Boot torpediert wird. Tulla überlebt die Katastrophe knapp, wird gerettet und bringt in derselben Nacht zwischen Leichen und Erfrierenden ihren Sohn zur Welt. Seitdem, so Paul Pokriefke, sei seine Mutter von den Geschehnissen auf der Gustloff besessen; er bezeichnet sie als „Ewiggestrige“, die die Vergangenheit nicht auf sich beruhen lassen könne, er ist genervt von ihren Erzählungen, verweigert sich und hört ihr schließlich nicht mehr zu.

Doch der Kreis schließt sich auf fürchterliche Weise und Paul wird von der Vergangenheit eingeholt, von der er eigentlich nichts wissen will.
„Schlappjä“ nennt Mutter Tulla ihren einzigen Sohn, den sie am „verfluchten Datum“ zur Welt gebracht hat; auch Pauls Frau Gabi bezeichnet ihren Ex-Ehemann als „Versager“.
Tatsächlich gelingt Paul in seinem Leben nichts: Als die Ehe mit Gabi zerbricht, kämpft er nicht um sie, die Beziehung zu ihrem gemeinsamen Sohn Konrad lässt er im Sande verlaufen, obwohl er ihn eigentlich liebt. Paul steht für nichts und kämpft für nichts, er setzt sich für nichts und niemand ein, hat keine Ziele und keine erfüllenden Beziehungen.
Er existiert – mehr nicht.

Sein Sohn Konrad, zu dem er wenig Kontakt hat, wächst zunächst bei seiner Ex-Frau auf. Als Konrad sich mit 15 Jahren mehr und mehr Großmutter Tulla zuwendet und schließlich zu ihr nach Schwerin zieht, ist Paul irritiert, unternimmt aber nichts.
Erst als er während seiner Gustloff-Recherchen entdeckt, dass sein eigener, mittlerweile 17jähriger Sohn Webmaster einer rechtsradikalen Internetseite ist und die Geschichte der Wilhelm Gustloff ebenso zu Propagandazwecken nutzt wie die Ermordung ihres Namensgebers, des strammen Nationalsozialisten Wilhelm Gustloff, durch den Juden David Frankfurter im Jahr 1936, ist Paul alarmiert.
Jetzt wird es ihm Ernst – die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit seiner Familie, aber auch der Streit mit seiner Mutter Tulla, die ihn ihr ganzes Leben lang gedrängt hat, das verschwiegene Thema Gustloff öffentlich zu machen.

Das hört nicht auf. Nie hört das auf.

Doch es ist zu spät.
Pauls Sohn Konrad ist zum Sprachrohr seiner Großmutter geworden. Auf seiner Internetseite blutzeuge.de beschreibt er die Katastrophe des 30. Januar 1945, aber auch die glanzvolle Vergangenheit der Wilhelm Gustloff als Flaggschiff der Organisation KdF („Kraft-durch-Freude“); die für seine Großmutter – und damit auch für ihn – die Verwirklichung einer klassenlosen Gesellschaft ist und ein Beweis dafür, dass „nicht alles schlecht war“.

Konrad ist alles andere als ein typischer Neonazi – Paul beschreibt seinen Sohn als eine „nette Erscheinung“: hoch aufgeschossen, mit Brille, Norwegerpulli, Boots und Jeans. Er ist auch kein vulgärer Antisemit, sondern schreibt und argumentiert auf hohem intellektuellen Niveau – aber eben auf rechtsradikalem Niveau.
Die Situation eskaliert, als Konrad, der sich auf seiner Internetseite „Wilhelm“ nennt, im Chatroom Streit mit einem Jungen bekommt, der das Pseudonym „David“ gewählt hat. David – eigentlich ein Gymnasiast namens Wolfgang – ist Konrad in vielem sehr ähnlich, er ist isoliert, ein Sonderling und vom Vater entfremdet, nur identifiziert er sich nicht wie Konrad mit dem Aggressor, sondern macht sich fast ebenso fanatisch die Opferrolle der Juden zu eigen.

Zum Entsetzen aller erschießt Konrad alias „Wilhelm“ bei einem Treffen seinen Kontrhönten Wolfgang alias „David“ am Fundament des ehemaligen Gustloff-Denkmals, so wie 1936 der Jude David Frankfurter den Nationalsozialisten Wilhelm Gustloff erschossen hatte.

„Das hört nicht auf. Nie hört das auf“, heißt es am Ende der Novelle.
Konrad sitzt im Gefängnis, um seine siebenjährige Haft zu verbüßen; er baut die Gustloff nach, zerstört das Modell aber vor den Augen seines Vaters, um mit der Geschichte abzuschließen.
Wilhelm Gustloff, der Namensgeber des Schiffes, sei für Konrad anstelle des abwesenden Paul zur Vaterfigur geworden, hieß es im Prozess.

Sein Vater Paul fühlt sich für Konrads Mord schuldig, weil er mit aller Selbstdisziplin die politische Korrektheit über viele Jahrzehnte gewahrt hatte, anstatt sich seinen „verbotenen Gedanken“ zu stellen .

„[…] stellte sich in deutscher und englischer Sprache eine Website vor, die als „www.kameradschaft-konrad-pokriefke.de“ für jemanden warb, dessen Haltung und Gedankengut vorbildlich seien, den deshalb das verhasste System eingekerkert habe. „Wir glauben an dich, wir warten auf dich, wir folgen dir …“ Undsoweiter undsoweiter.
Das hört nicht auf. Nie hört das auf.“
Günther Grass, Im Krebsgang

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2014


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Günther Grass: Im Krebsgang, dtv 2004, ISBN 978-3-423-13176-6


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Bildnachweise:
1) Das Lazarettschiff Wilhelm Gustloff im Osloer Hafen By Bundesarchiv, Bild 121-0665 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de
2) Kinder während eines Luftangriffs (Sowjetische Kinder während eines deutschen Luftangriffs in den ersten Tagen des Krieges. Weißrussland), 24 June 1941, Source RIA Novosti archive, image #137811, http://visualrian.ru/ru/site/gallery/#137811 6×7 film / 6х7 негатив, Author Yaroslavtsev / Ярославцев, Commons:RIA Novosti

 

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