Pains and Penalities: Scheidung auf britisch

George IV von England Lithographie 1821

Geor­ge IV (1821) by G. Atkin­son, Brigh­ton, UKIm­me­dia­te source: Samm­lung de Salis

Viel mehr als die Mode, kei­ne gepu­der­ten Perü­cken mehr zu tra­gen, die Stil­epo­che ‘Regen­cy’ und eini­ge Gebäu­de und Parks in Lon­don hat der bri­ti­sche Prinz-regent und spä­te­re König Geor­ge IV. nicht zustan­de gebracht. Das ist kaum ver­wun­der­lich, schließ­lich hat er sein hal­bes Leben lang ver­sucht, sich schei­den zu las­sen. Er setzt alle Hebel in Bewe­gung, um sei­ne deut­sche Ehe­frau Caro­li­ne von Braun­schweig end­lich los­zu­wer­den, bringt das bri­ti­sche Par­la­ment ins Schwit­zen und ver­scherzt es sich end­gül­tig mit sei­nen Unter­ta­nen. Es nützt nichts: Das sorg­fäl­tig vor­be­rei­tet Schei­dungs­ge­setz Pains and Pen­al­ties Bill (in etwa: Sor­gen und Sank­tio­nen Gesetz) schei­tert in der Anhö­rung vor dem Ober­haus und Geor­ge bleibt ver­hei­ra­tet.

Was bisher geschah

Mit Geor­ge, dem Prince of Wales, der wegen sei­ner Lei­bes­fül­le auch ger­ne als „Prince of Wha­les“ − Prinz der Wale – ver­spot­tet wird, ist kein Staat zu machen:
Der eng­li­sche Thron­er­be Geor­ge (1762 – 1830) ist fett, eitel, exzen­trisch und ego­zen­trisch; beim bri­ti­schen Volk ist er unbe­liebt wie kaum ein ande­rer. Das beruht auf Gegen­sei­tig­keit, denn für Dynas­tie und Empi­re inter­es­siert sich Geor­ge, der sich selbst als “füh­ren­den Gen­tle­man Euro­pas” bezeich­net, eigent­lich gar nicht.

1785, Geor­ge ist 23 Jah­re alt, hei­ra­tet er nach meh­re­ren kost­spie­li­gen und skan­da­lö­sen Amou­ren ohne die Ein­wil­li­gung sei­nes Vaters, König Geor­ge III.
Damit ver­stößt der Prince of Wales gleich gegen meh­re­re Geset­ze. Selbst­ver­ständ­lich hät­te Geor­ge sei­nen Vater, den König, um Erlaub­nis fra­gen müs­sen. Das hat er wohl­weis­lich nicht getan, denn sei­ne Ehe­frau ist nicht nur eine Bür­ger­li­che, son­dern auch noch Irin, Katho­li­kin und zwei­mal ver­wit­wet.
Wür­de die­se Ehe und dann auch noch sei­ne heim­li­che Hoch­zeit publik wer­den, wäre sei­ne Thron­fol­ge nicht mehr halt­bar. Doch Geor­ges ers­te Ehe wird nicht bekannt, son­dern von wil­li­gen Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ten ver­tuscht.

Caroline von BraunschweigZehn Jah­re spä­ter ist Geor­ge so plei­te, dass er sich mit dem bri­ti­schen Par­la­ment auf einen Hei­rats­han­del eini­gen muss, um sei­nen finan­zi­el­len Ruin abwen­den zu kön­nen.
Sei­ne ers­te Ehe besteht nach wie vor par­al­lel zu ver­schie­de­nen ande­ren Affä­ren Geor­ges, doch das alles spielt beim Hoch­zeits-Deal zwi­schen Thron­fol­ger und bri­ti­schem Par­la­ment kei­ne Rol­le.

Das Par­la­ment ver­spricht, für die Til­gung der Schul­den Geor­ges auf­zu­kom­men und sei­ne Apa­na­ge kräf­tig zu erhö­hen, wenn er sich bereit erklärt, eine stan­des­ge­mä­ße Ehe ein­zu­ge­hen.
Er wil­ligt ein – das Was­ser steht im wirk­lich bis zum Hals­tuch –, eine pas­sen­de Braut wird gesucht und die Wahl fällt schließ­lich auf sei­ne 27jährige Cou­si­ne Caro­li­ne von Braun­schweig, die selbst­be­wuss­te und hüb­sche Toch­ter einer ver­bit­ter­ten Mut­ter (eine Schwes­ter Königs Geor­ge III.) und eines über­für­sorg­li­chen Vaters (ein Kriegs­held und Lieb­lings­nef­fe Fried­richs des Gro­ßen).

Die arran­gier­te Ehe steht unter kei­nem guten Stern.
Schon beim ers­ten Ken­nen­ler­nen drei Tage vor der geplan­ten Hoch­zeit wer­den bei­de Braut­leu­te von einer hef­ti­gen Abnei­gung gegen­ein­an­der erfasst.
Immer­hin hält die Ehe lan­ge genug, um eine Thron­er­bin zu zeu­gen, doch kurz nach der Geburt der klei­nen Prin­zes­sin Char­lot­te Augus­ta teilt Geor­ge sei­ner Gat­tin schrift­lich mit, dass er sich von ihr tren­nen wer­de, und betont, er wer­de auf die Aus­übung sei­ner ehe­li­chen Rech­te zukünf­tig auch dann ver­zich­ten, wenn ihrer gemein­sa­men Toch­ter, der zukünf­ti­gen Thron­fol­ge­rin Groß­bri­tan­ni­ens, etwas zusto­ßen soll­te.
Caro­li­ne pfeift auf ihren exzen­tri­schen und ver­mut­lich nar­ziss­tisch ver­an­lag­ten Ehe­mann, zieht sich mit ihrer klei­nen Toch­ter auf’s Land zurück und führt ein für die dama­li­ge Zeit uner­hört unkon­ven­tio­nel­les Leben als allein­er­zie­hen­de und glück­li­che Mut­ter.

Das passt Geor­ge über­haupt nicht: Char­lot­te Augus­ta wird von Caro­li­ne getrennt und an sei­nem Hof unter­ge­bracht, wo sie eine ordent­li­che Erzie­hung bekom­men soll; Mut­ter und Toch­ter dür­fen sich nur noch zwei­mal im Monat sehen.
Der nächs­te Schritt: Geor­ge will die Schei­dung — kos­te es, was es wol­le.

Delicate Investigation

Geor­ges Schei­dungs­ab­sich­ten brin­gen Par­la­ment und Regie­rung ziem­lich ins Schwit­zen:
Die Gesetz­ge­bung erlaubt zwar die Schei­dung eines über alle Tadel erha­be­nen Man­nes von sei­ner sich unmo­ra­lisch ver­hal­ten­den Ehe­frau, nicht aber eine Tren­nung, weil einer der bei­den kei­ne Lust mehr auf den ande­ren hat.

Soll­te es zu einem Schei­dungs­pro­zess kom­men, wür­de unwei­ger­lich schmut­zi­ge Wäsche gewa­schen wer­den, und – so viel ist allen klar – davon gibt es im Leben des Thron­fol­gers deut­lich mehr als in dem sei­ner Frau.
Zudem hängt sei­ne (nicht geschie­de­ne) Ehe mit der „inof­fi­zi­el­len“ Gat­tin wie ein Damo­kles­schwert über sei­nem Leben und sei­ner Thron­fol­ge. Soll­te die her­aus­kom­men, hät­te man dem Volk gegen­über schwe­re Erklä­rungs­nö­te – und müss­te ver­mut­lich einen neu­en Thron­fol­ger suchen.

Nach lan­gem Hin und Her wird 1806 auf Geor­ges Drän­gen schließ­lich doch eine hoch­ka­rä­tig besetz­te vier­köp­fi­ge Kom­mis­si­on unter der Lei­tung des Pre­mier­mi­nis­ters ein­ge­setzt, um Caro­li­nes Lebens­wan­del mög­lichst ohne öffent­li­ches Auf­se­hen zu unter­su­chen.

Eigent­lich hat das Land ande­re Pro­ble­me:
Napo­le­ons Arme­en über­ren­nen gera­de halb Euro­pa und über Groß­bri­tan­ni­ens Wirt­schaft ver­hän­gen die Fran­zo­sen eine Blo­cka­de – die Kon­ti­nen­tal­sper­re – die bri­ti­schen Öko­no­men die Knie schla­ckern lässt.
Aber egal, die Deli­ca­te Inves­ti­ga­ti­on (deli­ka­te Unter­su­chung) wird durch­ge­zo­gen – und fin­det trotz aller Bemü­hun­gen nichts Anstö­ßi­ges im Leben der ver­sto­ße­nen Gemah­lin.

1814, Napo­le­on ist besiegt (zumin­dest vor­läu­fig) und es herrscht seit lan­ger Zeit wie­der Frie­den in Euro­pa (für kur­ze Zeit …). Caro­li­ne ist klug genug, Eng­land frei­wil­lig zu ver­las­sen, um sich im Alter von 46 Jah­ren der Tris­tesse ihrer eng­li­schen Ehe zu ent­zie­hen und – viel­leicht – doch noch ein biss­chen Spaß im Leben zu haben.
Sie reist nach Deutsch­land, Grie­chen­land, Kai­ro und Jeru­sa­lem und lässt sich schließ­lich in Cer­nob­bio am Comer See nie­der.

scheidung mit Hindernissen

König George IV von England

Der Prince of Wales Geor­ge regiert seit 1811 als Prinz­re­gent anstel­le sei­nes geis­tig völ­lig umnach­te­te Vaters Geor­ge III. (Der Prinz­re­gent baut ger­ne und begrün­det die nach ihm benann­te Stil­epo­che Regen­cy). Als der alte König Geor­ge III. im Jahr 1820 stirbt, und Geor­ge zum neu­en König Geor­ge IV. pro­kla­miert ist, unter­nimmt er einen neu­en Anlauf, um sei­ne läs­ti­ge Ehe­frau end­lich los­zu­wer­den: Zunächst ver­wei­gert er Caro­li­ne die ihr zuste­hen­de Aner­ken­nung als neue Köni­gin Groß­bri­tan­ni­ens, ver­folgt dann kurz­zei­tig die Idee, sie wegen Hoch­ver­rats ankla­gen zu las­sen, wovon ihn Ange­hö­ri­ge der bri­ti­schen Regie­rung müh­sam wie­der abbrin­gen kön­nen.

Den ein­zi­gen Aus­weg, ohne Schei­dungs­pro­zess aus die­ser Ehe her­aus­zu­kom­men, soll schließ­lich ein neu­es Gesetz brin­gen, das Pains and Pen­al­ties Bill (in etwa: Sor­gen und Sank­tio­nen Gesetz). Mit die­sem Gesetz, so Geor­ges Hoff­nung, kann das Par­la­ment sei­ne Ehe ohne Gerichts­ver­hand­lung und mit ein­fa­cher Mehr­heit auf­lö­sen.
König Geor­ge IV. lässt die Geset­zes­vor­la­ge aus­ar­bei­ten.
Bevor es rechts­kräf­tig wer­den kann, muss aller­dings sei­ne Vor­la­ge von den Lords des bri­ti­schen Ober­hau­ses abge­nickt wer­den. Das erscheint ein­fach, sind doch die Dukes, Baro­nets, Earls und Vis­counts immer gegen die unkon­ven­tio­nel­le Caro­li­ne und für den König gewe­sen.

Doch es kommt anders.

Am ers­ten Tag der Anhö­rung der Geset­zes­vor­la­ge vor dem Ober­haus, im August 1820, sind die Stra­ßen rund um das Par­la­ment mit Men­schen ver­stopft.
Die Lords, die zur Anhö­rung ins Par­la­ments­ge­bäu­de eilen, müs­sen sich durch die Men­schen­men­ge drän­geln und wer­den dabei aus­ge­pfif­fen und aus­ge­buht, ver­mu­ten vie­le doch zu Recht, dass sie für das Gesetz und damit gegen die ver­sto­ße­ne Köni­gin stim­men wer­den:
No Queen, no King“ (Ohne Köni­gin kein König), ist der Schlacht­ruf der Mas­sen.

Vor­der­grün­dig geht es um die Annul­lie­rung einer seit Jahr­zehn­ten nicht bestehen­den Ehe, doch Caro­li­ne ist schon längst zur Volks­hel­din und zur Gal­li­ons­fi­gur des Wider­stan­des gegen den ver­hass­ten König Geor­ge IV. und das fast eben­so ver­hass­te Esta­blish­ment gewor­den.

Die Not­wen­dig­keit des Pains and Pen­al­ties Bill soll – mal wie­der – mit dem Ehe­bruch der Ehe­frau belegt wer­den, wobei weder die inof­fi­zi­el­le ers­te Gat­tin noch die zahl­rei­chen Neben­bei-Affä­ren des Königs zur Spra­che kom­men sol­len.
Die­ses Mal hat man einen ita­lie­ni­schen Baron als poten­zi­el­len Lieb­ha­ber Caro­li­nes aus­fin­dig gemacht, der in ihrem Haus­halt am Comer See lebt und ihr – so sagt man – als eine Art Kurier zu Diens­ten ist.

No Queen, no King!

Die Anhö­rung wird zur Schlamm­schlacht.
Damit die Geset­zes­vor­la­ge zur Ehe­an­nul­lie­rung auch ja durch­kommt, wäscht man vor den fei­nen Ohren des Ober­hau­ses viel schmut­zi­ge Wäsche – Caro­li­nes, ver­steht sich.
Tage­lang wer­den ihre ita­lie­ni­schen Bediens­te­ten befragt; man erör­tert die Lage ihres Schlaf­zim­mer zu dem des ita­lie­ni­schen Barons (nah bei­ein­an­der­lie­gend), den Zustand der Bet­ten (das des Barons manch­mal unbe­nutzt), und den Zustand der Bett­la­ken Caro­li­nes (manch­mal mit Fle­cken).
Fast sieht es aus, als ob der könig­li­che Ehe­bruch anhand erdrü­cken­der Indi­zi­en nach­ge­wie­sen wer­den kann – beim Spa­zie­ren­ge­hen hat­te sie sich bei ihm ein­ge­hakt! Mehr­mals! –, doch dann kon­tert Caro­li­nes Anwalt und presst im Kreuz­ver­hör eini­gen Haus­an­ge­stell­ten das Geständ­nis ab, dass ihre Aus­sa­gen im Vor­feld gekauft wor­den waren.
Non mi ricordo“ – „ich kann mich nicht erin­nern“, ist das Ein­zi­ge, was der Haupt-belas­tungs­zeu­ge, der ita­lie­ni­sche But­ler Caro­li­nes, noch stam­meln kann, als ihr Anwalt mit ihm fer­tig ist.
Non mi ricordo“ wird in den kom­men­den Tagen zur höh­ni­schen Schlag­zei­le auf vie­len Zei­tun­gen und Gazet­ten, denn die meis­ten ste­hen auf Caro­li­nes Sei­te.

Es hilft nichts: Dem Pains and Pen­al­ties Bill fehlt die recht­li­che Grund­la­ge.
Die Geset­zes­vor­la­ge schei­tert im Novem­ber 1820 vor dem Ober­haus; die bri­ti­sche Regie­rung zieht sie weni­ge Tage spä­ter zurück.
Als die­se Ent­schei­dung bekannt­ge­ge­ben wird, tan­zen die Men­schen auf den Stra­ßen und fei­ern tage­lang eupho­risch den Fort­be­stand einer Ehe, die es eigent­lich seit Jahr­zehn­ten nicht mehr gibt.

Der Tod der Thronerbin

Doch Caro­li­ne, vom Volk geliebt und beju­belt, vom Ehe­mann gehasst, hat schon längst ihren Lebens­mut ver­lo­ren.
Ihr ein­zi­ges Kind ist tot.

Kron­prin­zes­sin Char­lot­te war 1817 bei der Geburt ihres ers­ten Kin­des, eines klei­nen Soh­nes, gestor­ben. Ein tra­gi­scher ärzt­li­cher Kunst­feh­ler, so wür­de man heu­te den grau­en­vol­len Tod der jun­gen Thron­er­bin im Wochen­bett nen­nen, denn der ver­ant­wort­li­che Arzt, Sir Richard Croft, hat­te den Gebrauch der rela­tiv neu erfun­de­nen Geburts­zan­ge nicht erlaubt.

Tod im Wochen­bett
Die Geburts­zan­ge war seit Jahr­hun­der­ten die ers­te Erfin­dung, die bei der Geburt Leben ret­ten konn­te. Sie war bereits im 17. Jahr­hun­dert von einem aus Frank­reich nach Eng­land emi­grier­ten huge­not­ti­schen Chir­ur­gen namens Peter Cam­ber­len erfun­den wor­den, der sein Wis­sen aller­dings für sich behielt. Auch sei­ne Nach­fol­ger hiel­ten Cam­ber­lens Erfin­dung geheim, man wand­te die Geburts­zan­ge nur in der eige­nen Pra­xis an. Eine bekla­gens­wer­te Tra­di­ti­on, die ver­mut­lich Tau­sen­den von Frau­en und Babys das Leben kos­te­te.

Glück­li­cher­wei­se waren außer Cam­ber­len noch ande­re auf ähn­li­che Ide­en gekom­men, und ab Mit­te des 18. Jahr­hun­derts war die Zan­gen­ge­burt allen Geburts­hel­fern bekannt.
Die Zan­ge hat­te Risi­ken, wenn sie – nicht ste­ri­li­siert – tief in den emp­find­li­chen Geburts­ka­nal ein­ge­führt wur­de, um das Kind her­aus­zu­zie­hen; aber rich­tig und mit Sorg­falt ange­wandt ret­te­te sie das Leben unzäh­li­ger Müt­ter und Kin­der.
Statt der vie­len Leben, die dank der Zan­ge geret­tet wur­den, waren jedoch haupt­säch­lich Berich­te über Todes­fäl­le bei Zan­gen­ge­bur­ten im Umlauf (die Geburts­zan­ge wur­de nun mal nur bei schwe­ren Gebur­ten ein­ge­setzt, bei denen sowie­so schon alles auf der Kip­pe stand); die Zan­gen­ge­burt galt als ris­kant.
Vie­len war sie zu ris­kant, und so wur­den wer­den­de Müt­ter statt mit der ein­zig lebens­ret­ten­den Maß­nah­me lie­ber wei­ter­hin mit jahr­hun­der­te­al­ten Haus­mit­teln trak­tiert, mit denen man schon vie­len den letz­ten Lebens­nerv geraubt hat­te: Man ließ sie zur Ader bis sie ohn­mäch­tig wur­den (was man als Erfolg ver­buch­te) oder wickel­te sie in kochend hei­ße Brei­um­schlä­ge; kurz – man tat alles, um eine schwie­ri­ge Geburt noch unver­träg­li­cher mit dem Leben zu machen.
Starb ein Kind im Mut­ter­leib, benutz­te man in einer grau­en­haf­ten Pro­ze­dur Haken, um das tote Baby in Stü­cken aus sei­ner Mut­ter her­aus­zu­zie­hen.


Caro­li­nes Toch­ter Char­lot­te und ihr Baby star­ben völ­lig erschöpft nach über fünf­zig Stun­den erfolg­lo­ser Wehen im Wochen­bett.
Das war der sehr trau­ri­ge Aus­gang einer glück­li­chen Geschich­te, denn Char­lot­tes Hoch­zeit mit Prinz Leo­pold von Sach­sen-Coburg, dem spä­te­ren König Leo­pold I. von Bel­gi­en, war eine Lie­bes­hei­rat, für die die jun­ge Prin­zes­sin sogar eine ande­re Ver­lo­bung gelöst hat­te.
Ihr Tod änder­te vie­les, vor allem aber den Lauf der Geschich­te:
Hät­ten Char­lot­te und ihr Baby über­lebt, hät­te es kein vik­to­ria­ni­sches Zeit­al­ter und vor allem: kei­ne Köni­gin Vic­to­ria gege­ben.

Aus der medi­zi­ni­schen Sicht sei­ner Zeit hat­te Char­lot­tes Arzt, der unglück­li­che Sir Richard Croft, alles rich­tig gemacht. Die damals bekann­te Form des Kai­ser­schnitts hät­te den siche­ren Tod der Thron­er­bin bedeu­tet; die Zan­gen­ge­burt war nicht sta­te of the art, son­dern bei der bri­ti­schen Medi­zi­ner-Com­mu­ni­ty ver­pönt und in den Augen vie­ler ein­fach zu hei­kel. Sowohl Char­lot­tes Mann Leo­pold als auch ihr Vater Geor­ge, spra­chen Croft von jeg­li­cher Mit­schuld an ihrem Tod frei; doch die Nati­on war scho­ckiert – es sei, als ob jeder Haus­halt Groß­bri­tan­ni­ens ein Kind ver­lo­ren hät­te, notiert eine auf­ge­wühl­te bri­ti­sche Tage­buch­schrei­be­rin.

Und auch Croft selbst konn­te sich nicht ver­zei­hen: 1818 fand man ihn tot mit einer Kugel im Kopf. Neben ihm lag ein Exem­plar von Shake­speares frü­her Komö­die Ver­lo­re­ne Lie­bes­müh, auf­ge­schla­gen im 5. Akt, 2. Sze­ne bei der bedeu­tungs­schwe­ren Pas­sa­ge:
Fair Sir, God save you! Whe­re is the Princess?”

Ein verlorenes Leben?

Das Leben von Caro­li­ne bot nach dem Tod ihrer ein­zi­gen Toch­ter nichts Erhei­tern­des:
Zwar bestand nach dem Ende der Pains and Pen­al­ties Anhö­rung im Jahr 1820 ihre Ehe mit dem König wei­ter­hin – finan­zi­ell war das für sie durch­aus von Bedeu­tung –, aber ihr ein­zi­ges Kind ist tot, sie selbst ein­sam und iso­liert.
Weni­ge Mona­te nach dem Ende der Anhö­rung, im Juli 1821, wird ihr Immer­noch-Ehe­mann Geor­ge IV. in der West­mins­ter Abbey mit einer pom­pö­sen Zere­mo­nie zum König gekrönt. Caro­li­ne ist zu den Fei­er­lich­kei­ten nicht ein­ge­la­den, erscheint aber trotz­dem – und wird nicht ein­ge­las­sen.

Drei Wochen spä­ter ist sie tot.
Noch Jah­re spä­ter hält sich das Gerücht, dass man ihren frü­hen Tod mit nur 53 Jah­ren mit einem ver­gif­te­ten Glas Limo­na­de her­bei­ge­führt habe, doch wahr­schein­li­cher als Todes­ur­sa­che ist ihre schon län­ge­re Zeit bestehen­de Unter­leibs­er­kran­kung.
Als Caro­li­nes Sarg in aller Heim­lich­keit durch abge­le­ge­ne Vor­or­te Lon­dons zur Küs­te und von dort aus zur letz­ten Ruhe­stät­te nach Braun­schweig über­führt wer­den soll, stür­men Demons­tran­ten den Lei­chen­zug ihrer ver­sto­ße­nen Köni­gin und zwin­gen die Gar­den, einen Weg mit­ten durch die City of Lon­don zu neh­men.
Bei den Aus­schrei­tun­gen und Tumul­ten im Anschluss wer­den zwei Men­schen getö­tet und meh­re­re ver­letzt.

König Geor­ge IV. stirbt neun Jah­re spä­ter als einer der meist­ge­hass­ten Köni­ge in der Geschich­te Groß­bri­tan­ni­ens – und ohne einen legi­ti­men Thron­er­ben als Nach­fol­ger.
Fast sein hal­bes Leben hat­te er damit ver­bracht, sich schei­den zu las­sen, – oder es zumin­dest ver­sucht –, sei­ne sons­ti­ge Belang­lo­sig­keit ist also nicht wei­ter ver­wun­der­lich.
Von 1811 bis 1820 war er als Prinz­re­gent der Stell­ver­tre­ter sei­nes an Por­phy­rie erkrank­ten Vaters Geor­ge III. (eine erb­li­che Stoff­wech­sel­er­kran­kung des blut­bil­den­den Sys­tems) und präg­te die nach ihm benann­te Kunst­epo­che Regen­cy.
Sei­ne wei­te­ren Errun­gen­schaf­ten: die neue Mode, kei­ne gepu­der­ten Perü­cken mehr zu tra­gen, Hals­tü­cher und die kost­spie­li­ge Gestal­tung meh­re­rer Bau­wer­ke, Parks und öffent­li­cher Plät­ze wie der Regent’s Parks, der Regent Street und des Tra­fal­gar Squa­res.
Viel mehr hat­te er als König sei­nem Volk nicht zu bie­ten.

Ein selbst­süch­ti­ges Leben – auch ein ver­lo­re­nes?.
Oder wie es die Lon­do­ner Times anläss­lich sei­nes fünf­zigs­ten Geburts­tags aus­drückt:


[… Ein] Wort­brü­chi­ger, ein bis über die Ohren ver­schul­de­ter und mit Schan­de bedeck­ter Wüst­ling, ein Ver­äch­ter ehe­li­cher Bin­dun­gen, ein Kum­pan von Spie­lern und Halb­welt­ge­stal­ten, ein Mann, der gera­de ein hal­bes Jahr­hun­dert voll­endet hat, ohne den gerings­ten Anspruch auf die Dank­bar­keit sei­nes Lan­des oder den Respekt nach­fol­gen­der Gene­ra­tio­nen ver­dient zu haben.“


Schon sei­ne Zeit als Thron­fol­ger und Prinz­re­gent war schwie­rig, sei­ne Herr­schaft als König Geor­ges IV. von 1820 bis 1830 und sei­ne vie­len Schei­dungs­ver­su­che brin­gen das Anse­hen des Königs­hau­ses bei den Bri­ten auf einen nie gekann­ten Tief­punkt.
Erst Geor­ges Nich­te, die jun­ge Queen Vic­to­ria, kann das Image des Königs­hau­ses ret­ten.

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2017


Lesen Sie im ers­ten Teil:
Sze­nen einer arran­gier­ten Ehe


Wei­ter­füh­ren­de Links zum The­ma:


Sehr emp­feh­lens­wer­ter BLOG (in Eng­lisch): Lau­ra Pur­cell – „His­to­ri­cal fic­tion, Geor­gi­an style“
http://laurapurcell.com/category/queen-of-misrule/


Queen Vic­to­ria, die legen­dä­re bri­ti­sche Köni­gin (1819 – 1901), lan­de­te aus Ver­se­hen auf dem eng­li­schen Thron. Der Grund für ihren Auf­stieg in der bri­ti­schen Thron­fol­ge war ihr dicker Onkel Geor­ge, der sein Leben nicht in den Griff bekam und mit einer Frau ver- hei­ra­tet war, die er nicht lei­den konn­te.
Die Groß­mut­ter Euro­pas (1)


Unter Nar­ziss­mus ver­steht man krank­haf­te Eigen­lie­be. Men­schen mit die­ser Neu­ro­se kann man nichts recht machen, sie sind mani­pu­la­tiv und las­sen jeden, der ihnen zu nahe kommt, am aus­ge­streck­ten Arm ver­hun­gern.
Das Zeit­al­ter der Nar­ziss­ten?


Mut­ter­lie­be, wah­re Lie­be und das Schei­dungs­recht kamen in Kon­ti­nen­tal-Euro­pa als Fol­ge der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und mit Napo­le­on in Mode. Mehr über die “neu­en” gro­ßen Gefüh­le:
Mätres­sen­wirt­schaft, Revo­lu­ti­on und die gro­ße Lie­be


Bild­nach­wei­se:

1) Geor­ge IV (1821) by G. Atkin­son, Brigh­ton, UKIm­me­dia­te source: Samm­lung de Salis), Public Domain
2) Por­trait of Caro­li­ne of Brunswick (1804), By Sir Tho­mas Lawrence, Natio­nal Por­trait Gal­le­ry, Public Domain
3) Geor­ge IV (1816) By Tho­mas Lawrence — File:George IVcoronation.jpg from Roy­al Collec­tion object 405918, Public domain


Wir müssten das alles mal aufschreibenDie Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en bringt seit 2012 Lebens-. Fami­li­en- und Unter­neh­mens­bio­gra­fi­en als Bild­bio­gra­phi­en ins Buch und bie­tet außer­dem einen bezahl­ba­ren Ghost­wri­ting-Ser­vice an.
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf unse­rer Home­page www.bildbiographien.de



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