Sissis ‘Franzl’ und der große Knall: Krieg oder Frieden?

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Pho­to of Franz Josef, Emperor of Aus­tria (1830–1916), ca. 1915, Scan­ned from the book The Impe­ri­al Hou­se of Haps­burg by Johann Kauf­mann. Published by Brax­t­on

 

Ein alter Kai­ser, ein Viel­völ­ker­staat, von vie­len auch als “Völ­ker­ker­ker” bezeich­net, und jugend­li­che Ver­schwö­rer, die bereit sind, für ihre Über­zeu­gung zu mor­den. Das ist der Stoff, aus dem Alb­träu­me sind. Oder Welt­ge­schich­te.
Ein Hin­ter­grund­be­richt über die Aus­lö­ser des Ers­ten Welt­krie­ges.

Sei­ne k. u. k. (kai­ser­li­che und könig­li­che) apos­to­li­sche Majes­tät Franz Joseph I, Kai­ser von Öster­reich und König von Ungarn, scheint eigent­lich ein net­ter Mensch gewe­sen zu sein; zumin­dest wenn man dem jun­gen Karl­heinz Böhm als „Franzl“ in Ernst Marisch­kas „Sissi“-Filmtrilogie aus den 1950er Jah­ren Glau­ben schen­ken mag.

In der Rea­li­tät des Jah­res 1914 ist Franz Joseph ein alter, ver­bit­ter­ter Mann, der die Zei­chen sei­ner Zeit schon lan­ge nicht mehr ver­steht, oder sie mög­li­cher­wei­se auch noch nie ver­stan­den hat.
Im Jahr 1914 regier­te der 83jährige schon mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert sein Rie­sen­reich Öster­reich-Ungarn, einen Viel­völ­ker­staat, der gele­gent­lich auch als „Völ­ker­ker­ker“ bezeich­net wird.

An der schönen blauen Donau

Fast noch täg­lich lässt sich der alte Kai­ser in sei­ner ver­gol­de­ten Kut­sche von acht Schim­meln in sein Büro in der Wie­ner Hof­burg zie­hen, um dort zu regie­ren und alles beim Alten zu hal­ten.

Wäh­rend Franz Joseph bei sei­nen Geschäf­ten viel­leicht gele­gent­lich von der schö­nen blau­en Donau oder sei­ner gelieb­ten Frau Sis­si träumt, die 1898 in Genf von einem Atten­tä­ter ersto­chen wur­de, braut sich in Wien und andern­orts eini­ges zusam­men.
Denn anders als der Kai­ser sind vie­ler sei­ner Unter­ta­nen vom enor­men tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te beflü­gelt; das Bür­ger­tum ist selbst­be­wusst gewor­den, neue Ide­en und Lebens­kon­zep­te sind ent­stan­den, zu denen die stau­bi­ge Büro­kra­tie der 640 Jah­re wäh­ren­den Herr­schaft der Habs­bur­ger nicht mehr so recht passt.

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Kai­se­rin Eli­sa­beth von Öster­reich mit ihrem Lieb­lings­hund Shadow

Es fah­ren nicht mehr nur ver­gol­de­te Kut­schen, Drosch­ken und Rad­fah­rer auf Wiens Alle­en, son­dern auch moder­ne und gefähr­li­che Neu­hei­ten wie das Auto­mo­bil. Die Moder­ne macht sich in Archi­tek­tur, Male­rei, Musik und Lite­ra­tur breit, auch wenn das beim Wie­ner Esta­blish­ment nicht immer gut ankommt:
Im März 1913 muss bei­spiels­wei­se ein „Wat­schen­kon­zert“ abge­bro­chen wer­den – empö­rend moder­ne Wer­ke zeit­ge­nös­si­scher Kom­po­nis­ten unter der Lei­tung von Arnold Schön­berg wur­den im Wie­ner Musik­ver­eins­saal auf­ge­führt – , denn nach Tumul­ten und hand­greif­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen konn­te nicht mehr für die Sicher­heit des Orches­ters garan­tiert wer­den.

Alles wird anders“ liegt in der Luft.
Beson­ders in Wien, aber auch in ande­ren Haupt- und Groß­städ­ten Euro­pas, herrscht Auf­bruchs-, Umbruchs- und auch ein biss­chen Welt­un­ter­gangs­stim­mung. Vie­les ist neu, unbe­kannt, span­nend – und auch ein biss­chen mor­bi­de.

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Der Wie­ner Gra­ben, foto­gra­fiert von August Stau­da um 1890

Eine Merk­wür­dig­keit ist, dass sich aus­ge­rech­net ein Jahr vor Kriegs­be­ginn, im Jahr 1913, in der Donau­me­tro­po­le gleich­zei­tig die bei­den kom­men­den Tyran­nen des 20. Jahr­hun­derts auf­hal­ten:
Ios­seb Wis­sa­ri­o­no­witsch Dschu­gaschwi­li, der sich seit einem Jahr „Sta­lin“ nennt, ist im Auf­trag Lenins vor Ort, um einen grund­le­gen­den Auf­satz über Mar­xis­mus und die natio­na­le Fra­ge zu ver­fas­sen. Lenins „Mann für’s Gro­be“ lebt in sei­ner Wie­ner Zeit im hoch­herr­schaft­li­chen Appar­te­ment sei­nes Gast­ge­bers, des Aris­to­kra­ten, Hee­res­of­fi­zier und Mar­xis­ten Alex­an­der Tro­ja­now­ski in der Schön­brun­ner Schloss­stra­ße 30.

Eini­ge Stra­ßen­zü­ge wei­ter haust in einem Män­ner­wohn­heim in der Mel­de­mann­stra­ße der drei­und­zwan­zig­jäh­ri­ge Adolf Hit­ler, der sich ziem­lich glück­los als Kunst­ma­ler ver­sucht und vom Ver­kauf sei­ner hand­ge­mal­ten Post­kar­ten über Was­ser hält.
Bei­de Män­ner, die zwei Jahr­zehn­te spä­ter als die grau­sams­ten Dik­ta­to­ren aller Zei­ten Mil­lio­nen von Men­schen in Angst und Schre­cken ver­set­zen wer­den, gehen ger­ne im Park des kai­ser­li­chen Schlos­ses Schön­brunn spa­zie­ren.
Ob sie sich dort jemals begeg­net sind, ist nicht bekannt.


Die Serben und der Balkan

Neben sol­chen Peti­tes­sen haben der Kai­ser und sein Hof­staat aber ganz ande­re und wirk­lich ernst­haf­te Pro­ble­me: Tsche­chen, Slo­wa­ken, und Ungarn, Kroa­ten, Ser­ben, Rumä­nen, Alba­ner, Ita­lie­ner, Ukrai­ner und Polen —  von Amts wegen alle­samt Unter­ta­nen sei­ner k. u. k. apos­to­li­sche Majes­tät Franz Joseph I. — sind mit den Her­zen ganz woan­ders.

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Aus­tria-Hun­ga­ry 1914, physical/Mapa fizy­cz­na Aus­tro-Węgier 1914. Quel­le: Mari­usz Paźd­zio­ra, own work, 2008


Natio­na­lis­mus ist das Zau­ber­wort, das in jener Zeit vie­le Men­schen in Euro­pa bewegt: die Vor­stel­lung, dass jedes Volk einen eige­nen Staat haben soll­te.
Vie­le Jahr­hun­der­te lang war dynas­tisch gehei­ra­tet wor­den, es wur­de poli­tisch um Län­der und Gebie­te gescha­chert und Krie­ge geführt. An die Men­schen unter­schied­li­cher Natio­na­li­tä­ten, die dabei hin- und her­ge­schach­tert wur­den, dach­te man dabei nie — die ein­fa­chen Leu­te waren die Unter­ta­nen mal die­ser und mal jener Herr­scher; sie waren die Bau­ern auf dem glo­ba­len Schach­brett der Köni­ge und Kai­ser.

Mit zuneh­men­dem Selbst­be­wusst­sein hat­ten vie­le genug von Fremd­be­stim­mung und frem­den Herr­schern, die ihre Fami­li­en aus­ein­an­der­ris­sen und sie zwan­gen, eine für sie frem­de Amts­spra­che zu spre­chen.
Beson­ders der „Völ­ker­ker­ker“ Öster­reich-Ungarn, der unter der Habs­bur­ger Vor­herr­schaft vie­le unter­schied­li­che und ver­schie­denspra­chi­ge Natio­na­li­tä­ten über Jahr­hun­der­te anein­an­der­ge­ket­tet hat­te, kämpft mit gro­ßen Pro­ble­men gegen Natio­na­lis­ten, Frei­heits­kämp­fern, Rebel­len, Frei­schär­lern und Ver­schwö­rern.

“Ein Krieg zwi­schen Öster­reich und Russ­land”, schrieb Lenin 1913 an Maxim Gor­ki, “wür­de der Revo­lu­ti­on in West­eu­ro­pa sehr nütz­lich sein. Aller­dings kann man sich kaum vor­stel­len, dass Franz Joseph und Niko­laus uns die­sen Gefal­len tun wer­den.”
Flo­ri­an Illies, 1913. Der Som­mer des Jahr­hun­derts

Franz Joseph als “Mehrer des Reiches”

Es bro­delt im Rie­sen­reich der k.u.k. Mon­ar­chie und for­dert enor­me Anstren­gun­gen, den Natio­na­li­tä­ten-Dampf­druck­kes­sel Öster­reich-Ungarn unter Kon­trol­le zu hal­ten.
Doch Kai­ser Franz Joseph gefällt sich in der Rol­le als „Meh­rer des Rei­ches“, und ver­leibt sich im Jahr 1908 die von den Tür­ken befrei­ten Län­der Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na ein, statt lang bestehen­de Pro­ble­me zu lösen.
Ande­ren Bal­kan­staa­ten gefällt das weit weni­ger, denn man hat dort durch­aus eige­ne Plä­ne. Ohne Habs­bur­ger.

Die Welt in jenen Tagen gleicht einem Pul­ver­fass und das hat­te sei­ne Grün­de.
Im Zeit­al­ter des Impe­ria­lis­mus gilt in ganz Euro­pa die Glei­chung „groß gleich gut“; alle wol­len mehr Macht, mehr Ein­fluss und mehr Land.

Mit die­ser Stra­te­gie war Ärger war vor­pro­gram­miert: Wenn alle “mehr” wol­len, wird es irgend­wann eng. Bereits im Vor­feld des Jah­res 1914 jag­te eine Kri­se die nächs­te, und nicht nur Mili­tärs und Poli­ti­ker hat­ten sich schon längst an den Gedan­ken gewöhnt, dass es irgend­wann zum gro­ßen Knall kom­men wür­de.

Geschich­te wird immer von den Sie­gern geschrie­ben, daher scheint die „Kriegs­schuld­fra­ge“ oft ein­deu­tig geklärt zu sein. Für die Fra­ge, wer Schuld am Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges gehabt hat, gibt es kei­ne abschlie­ßen­de Ant­wort, kei­ne „rau­chen­den Colts“, und nie­man­den, der die „Ur-Kata­stro­phe“ des 20. Jahr­hun­derts bewusst her­bei­ge­führt hät­te.

Die einen such­ten ihren impe­ria­len „Platz an der Son­ne“ in Über­see, die ande­ren, wie etwa Öster­reich-Ungarn, hat­ten mit Schiff­e­fah­ren nicht viel am Hut und such­ten ihre Expan­si­ons­ge­bie­te in ihrer unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft: auf dem Bal­kan.

Nicht gele­gen kam den Habs­bur­gen, dass plötz­lich auch die Klei­nen mit­mi­schen woll­ten: Das König­reich Ser­bi­en bedient sich der ursprüng­lich roman­ti­schen Idee des „Pan­sla­wis­mus“ – Sla­wen aller Län­der ver­ei­nigt Euch! – und ver­folgt mit der nicht ganz unei­gen­nüt­zi­gen Unter­stüt­zung des Zaren­rei­ches Russ­land eben­falls aggres­si­ve und expan­si­ve Zie­le in sei­ner Nach­bar­schaft — also auf dem Bal­kan.
Füh­ren­de ser­bi­sche Poli­ti­ker und Mili­tärs ken­nen die Anschlags­plä­ne der „Schwar­zen Hand”, jener Geheim­or­ga­ni­sa­ti­on, die mit gewalt­sa­men Mit­teln die Ver­ei­ni­gung Ser­bi­ens mit Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na erzwin­gen will — und unter ande­rem dem 19jährigen Gavri­lo Princip das Schie­ßen bei­brin­gen ließ.

Das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau

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Gavri­lo Princip, from raven.cc.ukans.edu

War­um sich der 19jährige Ser­be Gavri­lo Princip und sei­ne Mit­ver­schwö­rer und Hin­ter­män­ner für den öster­rei­chi­schen Thron­fol­ger, Erz­her­zog Franz Fer­di­nand, als Atten­tats­op­fer ent­schie­den haben, ist bis heu­te nicht klar.
Ter­ro­ris­ti­sche Anschlä­ge auf hoch­ge­stell­te Per­sön­lich­kei­ten waren in die­ser Zeit durch­aus „en vogue“, oft wur­den sie vor allem began­gen, um ein Zei­chen zu set­zen wie bei­spiels­wei­se beim eigent­lich sinn­lo­sen Mes­ser­at­ten­tat auf Kai­se­rin Sis­si in Genf im Jahr 1898.

Der öster­rei­chisch-unga­ri­sche Erz­her­zog Franz Fer­di­nand hat­te aller­dings trotz sei­ner Unbe­liebt­heit bei sei­nem Onkel Franz Joseph und bei Hofe eini­gen Ein­fluss – und Ide­en.
Am plau­si­bels­ten ist daher die Ver­mu­tung Chris­to­pher Clarks, man habe im König­reich Ser­bi­en befürch­tet, Franz Fer­di­nand wür­de nach Franz Josephs Tod als Kai­ser wich­ti­ge Struk­tur­re­for­men durch­füh­ren, Kroa­ti­en, Bos­ni­en und Dal­ma­ti­en zu einem eigen­stän­di­gen, drit­ten Reichs­teil der k.u.k. Mon­ar­chie zusam­men­schlie­ßen und dadurch ihrem eige­nen Pro­jekt, der pan­sla­wis­ti­schen Ver­ei­ni­gung aller Ser­ben in einem eige­nen Staat, das Was­ser abgra­be
n.

Postcard_for_the_assassination_of_Archduke_Franz_Ferdinand_in_Sarajevo

Franz Fer­di­nand and his wife Sophie lea­ve the Sara­je­vo Guild­hall after rea­ding a speech on June 28 1914. They were assas­si­na­ted five minu­tes later. Quel­le: Euro­peana 1914–1918, Autor: Karl Tröstl?

Was auch immer der Grund für die Wahl ihrer Opfer war — das Atten­tat der jugend­li­chen ser­bi­schen Ver­schwö­rer auf das öster­rei­chisch-unga­ri­sche Thron­fol­ger­paar ist lan­ge vor­be­rei­tet, ver­läuft aber völ­lig chao­tisch. Viel­leicht wur­de Franz Fer­di­nand und sei­ner Frau das Datum ihres Besu­ches in der bos­ni­schen Haupt­stadt Sara­je­vo – der 28. Juni – zum Ver­häng­nis, denn an die­sem Tag, Vidov­dan (Sankt-Veits-Tag), geden­ken die Ser­ben tra­di­tio­nell ihrer ver­hee­ren­den Nie­der­la­ge gegen die mus­li­mi­schen Osma­nen (Tür­ken) in der Schlacht auf dem Amsel­feld im Jahr 1389. Das Datum des Anschlags war sorg­fäl­tig geplant, der Rest eher nicht:

Als es end­lich soweit ist, erkennt der ers­te Atten­tä­ter nicht, in wel­chem Auto der Wagen­ko­lon­ne der Erz­her­zog und sei­ne Frau Sophie sit­zen und lässt sei­ne Bom­be ste­cken.
Ein zwei­ter Atten­tä­ter erkun­digt sich bei einem Poli­zis­ten nach dem rich­ti­gen Fahr­zeug, zün­det, wirft – und rech­net nicht mit der schnel­len Reak­ti­on des Chauf­feurs, der einen dunk­len Gegen­stand auf sich zuflie­gen sieht und Gas gibt.

Franz Fer­di­nand hebt sei­nen Arm, um sei­ne Frau zu schüt­zen, die Bom­be prallt ab, fällt hin­ter das offe­ne Ver­deck und explo­diert erst dort.
Auf dem Weg zum Rat­haus fährt die Wagen­ko­lon­ne noch an meh­re­ren Atten­tä­tern vor­bei, die aber nichts unter­neh­men.
So wäre eines der ver­hee­rends­ten und fol­gen­reichs­ten Atten­ta­te der Welt­ge­schich­te fast nicht gelun­gen.

Herr Bür­ger­meis­ter, da kommt man nach Sara­je­vo, um einen Besuch zu machen, und wird mit Bom­ben bewor­fen! Das ist empö­rend!“, unter­bricht Franz Fer­di­nand Sara­je­vos Bür­ger­meis­ter ärger­lich, als der im Rat­haus zur Begrü­ßungs­re­de für das Thron­fol­ger­paar anset­zen will. Man ist pein­lich berührt, doch schließ­lich gelingt es, den Erz­her­zog und sei­ne Entou­ra­ge zu beru­hi­gen.
Alle den­ken, es wäre vor­bei.

Es wäre vor­bei gewe­sen, wenn man nicht wegen der Atten­tats­ver­su­che den Tages­plan und die Fahrt­rou­te der Öster­rei­cher geän­dert hät­te.
Offen­bar war Gavri­lo Princip selbst über­rascht, als der Wagen des Erz­her­zogs nach dem Ter­min im Rat­haus gegen 11 Uhr vor­mit­tags ganz in der Nähe sei­nes Stand­or­tes vor­fährt und dann auch noch anhält. Er zieht sei­ne Pis­to­le und schießt aus andert­halb Metern Ent­fer­nung auf das Thron­fol­ger­paar. Zunächst trifft er Erz­her­zo­gin Sophie in den Bauch. Ihre Bauch­schlag­ader ist getrof­fen, und in kür­zes­ter Zeit ver­blu­tet sie qual­voll in den Armen ihres Man­nes. Dann zer­fetzt eine wei­te­re Kugel Franz Fer­di­nands Hals­ve­ne.

Die Julikrise – Frieden ist keine Option mehr

Am 28. Juni 1914 genie­ßen die Wie­ner einen schläf­ri­gen Som­mer­sonn­tag im Pra­ter und in den Kaf­fee­häu­sern, als plötz­lich die Nach­richt über den Anschlag auf das Thron­fol­ger­paar in der bos­ni­schen Haupt­stadt Sara­je­vo die Run­de macht.
Musik und Gesprä­che ver­stum­men für kur­ze Zeit. Doch kaum ist der ers­te Schreck vor­über, setzt der hei­te­re Betrieb wie­der ein, so, als wäre nichts gesche­hen.

Der Tod des Thron­fol­gers wird in Öster­reich-Ungarn kaum betrau­ert. Vie­len in Wien war der Erz­her­zog sowie­so zu modern und damit suspekt. Es habe in Wien und Buda­pest „mehr Erfreu­te als Trau­ern­de“ gege­ben, bemerk­te der spä­te­re Außen­mi­nis­ter Otto­kar Graf Czer­nin.

Auch der leid­ge­prüf­te Franz Joseph nimmt den Tod sei­nes Nef­fen und Erben ziem­lich emo­ti­ons­los hin.
Mit Franz Fer­di­nand ist dem alten Kai­ser nun schon der zwei­te Thron­fol­ger auf unna­tür­li­che Wei­se abhan­den­ge­kom­men; der ers­te, Franz Josephs und Sis­sis gemein­sa­mer Sohn Rudolf, hat­te sich und sei­ne Gelieb­te im Jahr 1889 auf Schloss May­er­ling erschos­sen. Cou­sin Franz Fer­di­nand stand nach Rudolfs Tod auf Platz zwei der Thron­fol­ge; gro­ße Sym­pa­thi­en scheint es aber zwi­schen Kai­ser Franz Joseph und sei­nem Nef­fen nie gege­ben zu haben, denn der neue Erz­her­zog dach­te für den Geschmack des Wie­ner Hof­staa­tes zu anders und zu pro­gres­siv. Außer­dem woll­te er sich par­tout nicht stan­des­ge­mäß ver­hei­ra­ten las­sen, son­dern nahm sich lie­ber sein „Sopherl“ zur Frau.

Am 4. Juli 1914 wird das ermor­de­te Thron­fol­ger­paar schmuck­los und ohne ein ein­zi­ges euro­päi­sches Staats­ober­haupt oder Ver­tre­ter des inter­na­tio­na­len Hoch­adels als gela­de­ne Gäs­te auf Schloss Art­stet­ten begra­ben. Mit die­ser Beer­di­gung drit­ter Klas­se scheint die Auf­re­gung über den grau­sa­men Anschlag offi­zi­ell been­det zu sein.

Doch die Ruhe täuscht. Denn es waren Ser­ben, die das Atten­tat auf den unbe­lieb­ten Thron­fol­ger und sei­ne Frau ver­übt haben, und damit wird ‚Sara­je­vo‘ zur natio­na­len Fra­ge über Bestand oder Aus­ein­an­der­bre­chen des k.u.k. Viel­völ­ker­rei­ches und sei­ner Vor­macht­stel­lung auf dem Bal­kan.
Im Übri­gen lie­gen die Angriffs­plä­ne gegen Ser­bi­en bereits seit dem Jahr 1911 in diver­sen Wie­ner Schub­la­den.

Es waren nicht nur Mili­tärs und Mili­ta­ris­ten, denen im Jahr 1914 der ‚über­lan­ge Frie­den‘ zu lan­ge dau­er­te, auch Intel­lek­tu­el­le und ein gro­ßer Teil der Bevöl­ke­rung waren einem Krieg nicht abge­neigt, von eini­gen wur­de er sogar als “rei­ni­gen­des Gewit­ter” her­bei­ge­sehnt.
Eini­ge Male war man bereits an einem Waf­fen­gang zwi­schen den hoch­ge­rüs­te­ten Arme­en der ver­schwis­ter­ten Herr­scher Euro­pas vor­bei­ge­schrappt, denn Krieg galt in jener Zeit nicht nur als der „Vater aller Din­ge“, son­dern zähl­te auch als “ver­län­ger­ter Arm der Poli­tik”, mit dem man äuße­re (und inne­re) Kon­flik­te lösen konn­te, wenn Reden nicht mehr half.
Die ver­hee­ren­den Fol­gen eines “indus­tria­li­sier­ten Krie­ges” mit moder­nen Waf­fen waren fast allen der roman­tisch ange­hauch­ten Kriegs­be­für­wor­tern nicht bewusst.

Einen Tag nach der Beer­di­gung von Erz­her­zog und Erz­her­zo­gin gewin­nen schließ­lich die Hard­li­ner am Wie­ner Hof die Ober­hand. Am 28. Juli 1914, vier Wochen nach dem ver­häng­nis­vol­len, fast geschei­ter­ten Atten­tat auf Erz­her­zog Franz Fer­di­nand und sei­ne Frau Sophie, unter­zeich­net der 83jährige öster­rei­chi­sche Kai­ser Franz Joseph in sei­nem Urlaubs­ort Bad Ischl eine Kriegs­er­klä­rung, um den auf­müp­fi­gen Ser­ben (die ein “groß­mü­ti­ges” Ulti­ma­tum haben ver­strei­chen las­sen) einen „Denk­zet­tel“  zu ver­pas­sen.
Kurz zuvor war aus dem kai­ser­li­chen Ber­lin ein “Blan­ko­scheck” ein­ge­trof­fen, der den Habs­bur­gern die deut­sche Unter­stüt­zung gegen Ser­ben zusi­chert, wobei den Deut­schen vor allem dar­an gele­gen ist, die mit Ser­bi­en ver­bün­de­ten Rus­sen klein­zu­hal­ten.
Frie­den ist kei­ne Opti­on mehr.

Mit sei­ner Unter­schrift setzt der grei­se Kai­ser jedoch nicht, wie er glaub­te, einen klei­nen, begrenz­ten Feld­zug gegen eine wider­bors­ti­ge klei­ne Nati­on in sei­nem Herr­schafts­be­reich in Gang, son­dern ent­fes­selt ver­se­hent­lich eine fata­le Kriegs­ma­schi­ne­rie, die über 14 Mil­lio­nen Men­schen das Leben kos­ten wird und heu­te als „Ur-Kata­stro­phe“ des 20. Jahr­hun­derts gilt: Den Ers­ten Welt­krieg von 1914 bis 1918.

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiograhien.de, 2015


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Chris­to­pher Clark, Geschichts­pro­fes­sor aus Cam­bridge, über die Vor­ge­schich­te des 1. Welt­krie­ges: 900 Sei­ten, die völ­lig zurecht zum Best­sel­ler gewor­den sind. Prä­di­kat: beson­ders lesens­wert!
Chris­to­pher Clark, Die Schlaf­wand­ler. Wie Euro­pa in den 1. Welt­krieg zog*, Pan­the­on Ver­lag, Ver­lags­grup­pe Ran­dom Hou­se GmbH, 2015

Die Geschich­te Preu­ßens infor­ma­tiv und unter­halt­sam erzählt, span­nend wie eine Repor­ta­ge.
Chris­to­pher Clark, Preu­ßen. Auf­stieg und Nie­der­gang 1600 — 1947*, Pan­the­on Ver­lag, Ver­lags­grup­pe Ran­dom Hou­se GmbH, 2008

 
Flo­ri­an Illies’ Meis­ter­werk über Köni­ge und Kai­ser, Ril­ke, Kaf­ka, Sta­lin, Hit­ler und alle ande­ren, die 1913 zum Som­mer des Jahr­hun­derts wer­den lie­ßen. Her­vor­ra­gend recher­chiert und mit fei­ner Iro­nie geschrie­ben, ein Buch, das mit klei­nen Epi­so­den eine gan­ze Welt erklärt. Sehr lesens­wert — jede Sei­te lohnt sich!
Flo­ri­an Illies, 1913. Der Som­mer des Jahr­hun­derts*, S. Fischer Ver­lag GmbH, Taschen­buch, 2015

Die “Urka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts” und ihre Fol­gen: Ab dem 25. August 2017 ist die hoch­ka­rä­ti­ge BBC-Mini­se­rie “Gene­ra­ti­on der Ver­damm­ten”* in deut­scher Spra­che als DVD oder Blu-ray erhält­lich.

Wei­ter­füh­ren­de Links und Arti­kel:


Bil­der und Tex­te rund um die Habs­bur­ger Dynas­tie:
http://www.habsburger.net/de/habsburger#3


Zu den schil­lernds­ten Figu­ren der Welt­ge­schich­te zählt Kon­rad Hen­lein, der Mann, mit des­sen Hil­fe Adolf Hit­ler die Sude­ten­deut­schen im Herbst 1938 „heim ins Reich“ hol­te. Hen­lein, Sude­ten­deut­scher mit tsche­chi­schem Groß­va­ter, war Turn­leh­rer und woll­te nach eige­nem Bekun­den nichts ande­res sein. Er wur­de zum Aus­hän­ge­schild einer Bewe­gung, die in den 1930er Jah­re kräf­tig am Welt­frie­den zün­del­te. War Kon­rad Hen­lein nur Mario­net­te und Brand­stif­ter, ein ver­blen­de­ter Natio­nal­so­zia­list? Oder auch Bie­der­mann mit einem eigent­lich ernst­haf­ten Anlie­gen?
Bie­der­mann oder Brand­stif­ter? Kon­rad Hen­lein


Der deut­sche Kai­ser Wil­helm II., auf der Suche nach sei­nem Platz an der Son­ne. Unge­ach­tet sei­ner eng­li­schen Groß­mut­ter und Mut­ter gera­ten er und die Deut­schen mit dem Empi­re in Kon­kur­renz. “Gott stra­fe Eng­land” wird ab 1905 zum geflü­gel­ten (Un-)Wort und 1914 kommt es schließ­lich zur “Ur-Kata­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts”: dem 1. Welt­krieg
Ein Platz an der Son­ne oder: Wil­helm das Groß­maul
 


Ver­dun ist eine klei­ne Stadt ohne gro­ße Bedeu­tung. Es ist eine Fes­tungs­stadt in Loth­rin­gen mit noch nicht ein­mal 20.000 Ein­woh­nern, an einer Fluss­schlei­fe der Maas (Meu­se) gele­gen und mit einer schma­len Durch­gangs­stra­ße als ein­zi­ger Ver­bin­dung zum Rest der Welt. Eigent­lich ist sie kaum der Rede wert. Doch dann beginnt am Mor­gen des 21. Febru­ar 1916 die deut­sche Ope­ra­ti­on „Gericht“ und lässt die beschau­li­che Klein­stadt Ver­dun —  wie 27 Jah­re spä­ter auch Sta­lin­grad — zum Syn­onym für die Grau­sam­keit und Sinn­lo­sig­keit von Krie­gen wer­den.
Vor 100 Jah­ren: Die Höl­le von Ver­dun


Ios­seb Wis­sa­ri­o­no­witsch Dschu­gaschwi­li, genannt Sta­lin, gilt neben Adolf Hit­ler als einer der grau­sams­ten Dik­ta­to­ren in der Geschich­te der Mensch­heit. Als Lenins „Mann fürs Gro­be“ beginnt er sei­ne Kar­rie­re, mit Intel­li­genz und Skru­pel-losig­keit; durch men­schen­ver­ach­ten­de Här­te wird er nach Lenins Tod zum gefürch­te­ten Allein­herr­scher über die Sowjet­uni­on.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil1


Das 19. Jahr­hun­dert — Ein Jahr­hun­dert vol­ler Wider­sprü­che und Gegen­sät­ze: auf der einen Sei­te Wohl­stand und Fort­schritt in allen Lebens­be­rei­chen, auf der ande­ren Sei­te nie gekann­te Armut und Ver­wahr­lo­sung. Gegen­sät­ze, die die Kata­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts bereits in sich tra­gen und vor­an­trei­ben.
Welt­ge­schich­te zum Anfas­sen: Das 19. Jahr­hun­dert


 Wir müssten das alles mal aufschreiben Die Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en ver­öf­fent­licht seit 2012 hoch­wer­ti­ge Bild­bän­de und Chro­ni­ken über Fami­li­en- und Unter­neh­mens-geschich­te. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf unse­rer Home­page Bild­bio­gra­phi­en: Wir müss­ten das alles mal auf­schrei­ben!


 

Film:

Trai­ler zur Mini-Serie “Gene­ra­ti­on der Ver­damm­ten”, Pan­da­storm Pic­tures, You­Tube
https://www.youtube.com/watch?v=z8kXNZXxc8c

Bild­nach­wei­se:

1) Pho­to­gra­pher to the court of His Impe­ri­al Majes­ty, L. Schu­mann (1843–1912). — Scan­ned from the book The Impe­ri­al Hou­se of Haps­burg by Johann Kauf­mann. Published by Brax­t­on, 1968. Pho­to of Franz Josef, Emperor of Aus­tria (1830–1916)
2) Kai­se­rin Eli­sa­beth von Öster­reich mit ihrem Lieb­lings­hund Shadow
3) Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en

4) Der Wie­ner Gra­ben, foto­gra­fiert von August Stau­da um 1890, August Stau­da — Aus­stel­lungs­ka­ta­log des Wien Muse­ums: Blick­fän­ge einer Rei­se nach Wien
5) Aus­tria-Hun­ga­ry 1914, physical/Mapa fizy­cz­na Aus­tro-Węgier 1914. Quel­le: Mari­usz Paźd­zio­ra, own work, 2008
6) Gavri­lo Princip, from raven.cc.ukans.edu/~kansite/ww_one/photos/greatwar.html

7)  Franz Fer­di­nand and his wife Sophie lea­ve the Sara­je­vo Guild­hall after rea­ding a speech on June 28 1914. They were assas­si­na­ted five minu­tes later.Quelle: Euro­peana 1914–1918, Autor: Karl Tröstl?

 

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