Wer war eigentlich „Stalin“? (1)

Iosseb Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, gilt neben Adolf Hitler als einer der grausamsten Diktatoren in der Geschichte der Menschheit.
Als Lenins „Mann fürs Grobe“ beginnt er seine Karriere, mit Intelligenz und Skrupel-losigkeit; durch menschenverachtende Härte wird er nach Lenins Tod zum gefürchteten Alleinherrscher über die Sowjetunion.

Ein geprügeltes Kind, das nie weint

Stalin_1894Er war ein geprügeltes Kind, das niemals weinte.
Stalins Vater, der Schuhmacher Bessarion Dschugaschwili ist eigentlich ein wohlhabender Mann in Gori, Stalins georgische Heimatstadt.
Doch Vater Dschugaschwili liebt den Alkohol und verfällt ihm in den 1880er Jahren mehr und mehr, verliert schließlich Geschäft und Vermögen. Seine Wut darüber lässt er in Form von Prügel an Frau und Sohn aus, die er schließlich im Jahr 1888 verlässt, der kleine Iosseb ist zehn Jahre alt.

Sosso“, so Iossebs Kinder-Spitzname, bleibt mit seiner Mutter Ketewan (Keke) Geladse zurück, die als Wäscherin und Näherin für reiche Familien sich und ihren Sohn irgendwie durchbringt.

Iosseb ist arm und vaterlos, aber begabt.
In der Schule, die er ab 1887 besucht, lernt er nicht nur Russisch sondern begreift auch sehr schnell die ersten Grundzüge der Manipulation: Zunächst wird er von seinen Schulkameraden wegen seines pockennarbigen Gesichts und seines niedrigen sozialen Status gehänselt, aber dank seiner guten Auffassungs- und Beobachtungsgabe übernimmt er bald eine Führungsrolle in seiner Klasse.
Er schließt die Schule im Jahr 1894 als bester Schüler ab und kann mit der Unterstützung eines wohlhabenden Mäzens das orthodoxe Priesterseminar in Tiflis besuchen, zu dieser Zeit die bedeutendste höhere Bildungsanstalt Georgiens.

Schmutzige Arbeit für die Revolution

Doch ungeachtet seiner schönen Singstimme wird „Sosso“ statt Priester doch lieber Berufsrevolutionär.
Der brutale Drill des Priesterseminars fördert seinen rebellischen Geist:
Anstatt ihn zu brechen, und trotz strenger Verbote, liest der kleingewachsenen Georgier alles an weltlicher Literatur, was er in die Finger bekommt, schwatzt während des Unterrichts, stört den streng reglementierten Tagesablauf, und wird im Alter von 20 Jahren auch noch Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR).
Ein Jahr später, im Jahr 1899, fliegt er wegen Beteiligung an revolutionären Aktivitäten aus dem Seminar.

Nicht wenige Biografen glauben, dass Iosseb Dschugaschwili den Weg zum Sozialismus nur findet, weil er damit seiner Rebellion einen tieferen Sinn geben und sie ideologisch untermauern kann.
Um die Jahrhundertwende brodelt es im kleinen Georgien, das im riesigen russischen Zarenreich nicht mehr als eine kleine Kolonie ist.
Arbeiter und Bauern leben in erbärmlichen Verhältnissen und begehren dagegen auf, georgische Intellektuelle wehren sich gegen die Russifizierungspolitik des Zaren.
Mitten in der Umbruch- und Aufbruchstimmung agitieren zornige junge Männer wie Iosseb, der sich nun nach einer damals populären georgischen Legende den Kampfnamen „Koba“ (Der Unbeugsame) zulegt.

„Koba“ taucht im Jahr 1901 unter und organisiert aus dem Untergrund Streiks und Demon-strationen, ist aber auch an Waffenhandel, Schutzgelderpressungen und blutigen Banküberfällen beteiligt, um die Parteikasse aufzufüllen.
Er macht die „schmutzige Arbeit für die Revolution“, die geleistet werden muss.
Sein bis an Paranoia grenzendes Misstrauen, seine Vorsicht und seine menschenverachtende Härte, die später Hunderttausenden das Leben kosten wird, erklärt man häufig mit dieser Zeit im Untergrund.

Trotz aller Vorsicht wird „Koba“ insgesamt acht Mal verhaftet und verbannt – und kann immer wieder fliehen.
Ob seine zahlreichen gelungen Fluchten auf der Halbherzigkeit des zaristischen Polizeiapparates, an den vielen Unterstützern in der Bevölkerung oder an guten Kontakten zur Geheimpolizei liegen, ist bis heute ungeklärt.

Lenins „Mann fürs Grobe“

Im Jahr 1905 begegnet Untergrundkämpfer „Koba“ auf einer Konferenz in Tampere zum ersten Mal Lenin persönlich.
Die Sozialistische Arbeiterpartei (SDAPR) ist zu diesem Zeitpunkt bereits in „Bolschewiki“ – „Mehrheit“ – und „Menschewiki – „Minderheit“ – gespalten.
Den Sturz des russischen Zaren und seines überkommenen Systems, wollen beide Fraktionen, aber über das „Wie“ und die Geschwindigkeit der Revolution wird gestritten – wenige Jahre später auch blutig.

Lenin und „Koba“ gJoseph Stalin's Mug Shotsehören beide dem Flügel der „Bolschewiki“ an und fordern eine straffe Kaderführung der Partei und einen schnellen Umsturz.
Lenin ist unbestritten der intellektuelle Kopf der Bolschewiki, und schon bald ist der „prächtige Georgier“, so Lenin, an seiner Seite als Organisator und „Mann fürs Grobe“ nicht mehr weg- zudenken.

Von nun an macht „Koba“ eine steile Karriere und gelangt schließlich in den „inner circle“, dem engsten Führungszirkel um Lenin.

Ein Jahr nach seiner ersten Begegnung mit Lenin, im Jahr 1906, heiratet der nun fast dreißigjährige Berufsrevolutionär die Schneiderin Ketewan Swanidse, die gemeinsam mit ihrer Schwester das Modegeschäft „Atelier Hervieu“ in Tiflis führt.
Als Ketewan ein Jahr später an Fleckfieber stirbt, ist er am Boden zerstört, fängt sich aber und stürzt sich mehr denn je in seine revolutionären Aufgaben.
Für ihren gemeinsamen kleinen Sohn Jakow hat er nicht viel übrig und kümmert sich kaum um ihn.

Im Zweiten Weltkrieg gerät Stalins ältester Sohn Jakow in deutsche Kriegsgefangenschaft, Die Deutschen schlagen einen Austausch gegen den bei der Kapitulation von Stalingrad gefangenen deutschen Generalfeldmarschall Friedrich Paulus vor, aber Stalin lehnt ab.
Überliefert ist seine Begründung, man tausche keinen einfachen Soldaten gegen einen General.
Stalins Sohn stirbt im April 1943 im deutschen Konzentrationslager Sachsenhausen.

Nach dem Tod seiner ersten Frau setzt „Lenins Mann fürs Grobe“ sein ruheloses Rebellen-Leben fort.
Er gilt als einer der Drahtzieher für einen besonders brutalen Raub mit 40 Toten in Tiflis, füllt die Parteikasse mit Waffenhandel und Schutzgelderpressungen, reist zu geheimen Zusammenkünften nach England, Deutschland und Österreich-Ungarn.
Ab dem Jahr 1912 gehört er nach dem Willen Lenins dem Zentralkomitee der Bolschewiki an und nennt sich Stalin – „der Stählerne

Wien ist vor dem Ersten Weltkrieg neben Paris d i e kulturelle Metropole Europas und einer der wichtigsten Treffpunkte für Kunst und Kultur. Kein Wunder also, dass sich in Wien 1913 eine der bizarrsten Gleichzeitigkeiten der Weltgeschichte ereignet: Trotzki ist da, Stalin und sein späterer Kurzzeit-Verbündeter und Kriegsgegner Adolf Hitler auch.
Stalin ist im Auftrag Lenins vor Ort, um einen grundlegenden Aufsatz über Marxismus und die nationale Frage zu verfassen. Lenins „Mann für’s Grobe“ lebt in seiner Wiener Zeit im hoch- herrschaftlichen Appartement seines Gastgebers, des Aristokraten, Heeresoffizier und Marxisten Alexander Trojanowski in der Schönbrunner Schlossstraße 30.
Einige Straßenzüge weiter haust in einem Männerwohnheim in der Meldemannstraße der dreiundzwanzigjährige Adolf Hitler, der sich ziemlich glücklos als Kunstmaler versucht und vom Verkauf seiner handgemalten Postkarten über Wasser hält.
Beide Männer, die zwei Jahrzehnte später als die grausamsten Diktatoren aller Zeiten Millionen von Menschen in den Tod treiben werden, gehen gerne im Park des kaiserlichen Schlosses Schönbrunn spazieren; ob sie sich dort jemals begegnet sind, ist nicht bekannt.

Der Aufstieg zum Sowjet-Zar

Den Ersten Weltkrieg „überwintert“ Stalin in Sibirien.
Der für ihn ungewöhnlich lange Aufenthalt von 1913 bis 1916 am Verbannungsort Turuchansk wird häufig mit seiner Befürchtung in Verbindung gebracht, nach seiner nächsten Verhaftung in die Russische Armee eingezogen zu werden.

Als Lenin im Oktober 1917 die Bolschewiki in Sankt Petersburg (Petrograd) an die Macht putscht, ist Stalin dabei.
Als Dank für seine Loyalität wird er zum Volkskommissar für Nationalitätenfragen ernannt und ist damit wohl die Nummer drei in der Hierarchie der Revolutionäre.

Es folgen unruhige Jahre des Bürgerkriegs und der innerparteilichen Konkurrenzkämpfe.
Die neu geschaffene Sowjetregierung ist noch schwach, das ehemalige Zarenreich riesig; viele Völker des zusammengewürfelten Riesenreiches – auch die Georgier – sehen endlich die Chance auf nationale Selbständigkeit und erklären sich für unabhängig.

Unabhängigkeit passt allerdings nicht ins Konzept der neuen Herrscher, und Stalin als neu ernannter Volkskommissar für Nationalitätenfragen versucht die Rebellionen erst mit Zuckerbrot, später dann mit der Peitsche zu unterdrücken:
Mit Hilfe der von Leo Trotzki neu geschaffenen Roten Armee gliedert er die widerspenstigen Kaukasusvölker nach und nach gewaltsam wieder ein. Die Phase des sogenannten Kriegskommunismus wird mir der Rückeroberung Georgiens für das Sowjetreich im Februar 1921 abgeschlossen.

Stalin ist seit 1919 wieder verheiratet, die glückliche Braut ist die 18jährige Nadeschda Sergejewna Allilujewa, die als Sekretärin in Lenins Büro arbeitet. Ihren zukünftigen Mann soll sie seit ihrer Verlobungszeit mit Informationen über Lenin aus erster Hand versorgt haben.
Es ist die Zeit innerparteilicher Richtungs- und Machtkämpfe; Lenin steht unangefochten an der Spitze der Partei, doch eine Ebene unter ihm tobt der Kampf um den zweiten Platz.
Das heißt vor allem: Stalin gegen Trotzki, der Mann „fürs Grobe“ gegen das egozentrische Genie und Redetalent der Revolution.

Im Jahr 1922 wird schließlich das Amt eines Generalsekretärs der Kommunistischen Partei neu geschaffen.
Erster Amtsinhaber wird Stalin, der damit einen fast uneinholbaren strategischen Vorteil gegen- über seinem Widersacher Trotzki hat. Er baut sein Amt im Laufe weniger Jahre zum wichtigsten in der Partei und im Staat aus und verleiht sich selbst nach und nach diktatorische Vollmachten.
Bis 1941 hat Stalin kein offizielles Staatsamt inne und kann allein mit diesem Parteiamt sein Reich beherrschen und Millionen Menschen in Angst und Schrecken versetzen – und töten.

Vladimir_Lenin_and_Joseph_Stalin,_1919Im Januar 1924 stirbt Lenin im Alter von 53 Jahren.
Nach seinem Tod entbrennt der schwelende Machtkampf zwischen den Anhängern Stalins und der Linken Opposition um Leo Trotzki.

Lenins Urteil über seine langjährigen Kampfgefährten und potenziellen Nach- folger, sein politisches Testament, ist vernichtend, seine Meinung über Stalin hat sich im Laufe der Zeit gründlich geändert:
Lenins Vermächtnis wird zwar bekannt, kann aber mit Hilfe klugen Taktierens und geschickt manipulierter „Freunde“ heruntergespielt werden:

„Stalin ist zu grob, und dieser Fehler (…) kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden. Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte, und jemand anderen an diese Stelle zu setzen, der sich in jeder Hinsicht von dem Genossen Stalin nur durch einen Vorzug unterscheidet, nämlich dadurch, dass er toleranter, loyaler, höflicher und den Genossen gegenüber aufmerksamer, weniger launenhaft usw. ist.“
Wladimir Iljitsch Lenin, Brief an die KPDSU (Nachschrift vom 4. Januar 1923)

Stalin ist grob und unbeherrscht – es kann durchaus vorkommen, dass er im Ärger den Kopf eines Mitarbeiters packt und auf die Tischplatte knallt. Doch mittlerweile ist er als Generalsekretär der Partei zu mächtig und hat zu viele Verbündete, als dass Lenins Ratschlag be- folgt werden könnte.

Stalin bleibt, Trotzki geht: Ein Jahr nach Lenins Tod wird er zunächst zusammen mit weiteren Gefolgsleuten Lenins aus dem Kriegskommissariat ausgeschlossen und im Jahr 1929 schließlich ins Exil entsorgt.
Im August 1940 wird Trotzki in Mexiko mit einem Eispickel erschlagen.

Stalin, der kleine Mann aus Georgien mit der schönen Stimme, macht sich nun daran, seine Macht zu festigen und errichtet eine Schreckensherrschaft, die Millionen Menschen den Tod bringen wird …

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2014


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Der Weg „Sossos“ vom Kind, das nie weinte, zum Priesterschüler, Gangster und Revolutionär, hervorragend recherchiert und spannend geschrieben:
Simon Sebag Montefiore: Der junge Stalin*, Fischer Taschenbuch Verlag, 2008


Das Leben des „roten Zaren“ von 1917 bis 1935. Ein intensiver Blick hinter die Kulissen, der sich oft wie ein Krimi liest.
Simon Sebag Montefiore: Stalin: Am Hof des roten Zaren*, Fischer Taschenbuch Verlag, 2006

Weiterführender Artikel:


Lenins „Mann fürs Grobe“ ist ihm am Ende doch zu grob.
In seinem politischen Testament empfiehlt der Begründer und erste Regierungschef Sowjetrusslands (ab 1922 in Sowjetunion umbenannt) dringend, Stalin als allmächtigen Generalsekretär der Kommunistischen Partei Russlands abzulösen und einen anderen an seine Stelle zu setzen. Einen anderen Generalsekretär, der sich „in jeder Hinsicht“ vom Genossen Stalin „nur durch einen Vorzug“ unterscheidet, wie Lenin schreibt: „nämlich dadurch, dass er toleranter, loyaler, höflicher und den Genossen gegenüber aufmerksamer, weniger launenhaft usw. ist.“
Wer war eigentlich Stalin? Teil 2


Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet der sonst bis zur Paranoia misstrauische Stalin die Zeichen der Zeit nicht erkennt: Das Unternehmen „Barbarossa“ und der „große vaterländische Krieg“.
Wer war eigentlich Stalin? Teil 3


Leo Trotzki: Der überhebliche Killer ohne Killerinstinkt:
http://www.welt.de/kultur/history/article107617646/Trotzki-ueberheblicher-Killer-ohne-Killerinstinkt.html


Was treibt Tyrannen wie Stalin oder Hitler? Werden sie als grausame und empathielose Menschen geboren oder dazu gemacht? Über Kinder, die nie weinen, und die Folgen der „schwarzen Pädagogik“: Eine Analyse der Psychoanalytikerin Alice Miller:
Vom verborgenen zum manifesten Grauen: Die Kindheit und Jugend Adolf Hitlers


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 Bildnachweise:
1. Mutter mit Kindern, SS-Leitheft 9/2 Februar 1943, unbekannter Fotograf, Bundesarchiv, Bild 146-1973-010-31 / CC-BY-SA
2. Urkunde zum Mutterkreuz, Privatarchiv

Ein Gedanke zu „Wer war eigentlich „Stalin“? (1)

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