Ihr Flüchtlinge! Flucht und Vertreibung 1944 – 1950

Bild 146-1976-072-09, Ostpreußen, Flüchtlingtreck“ von Bundesarchiv

Von ‚Willkommens-Kultur‘ konnte keine Rede sein als sich in den Jahren zwischen 1944 und 1950 rund 12 Millionen Deutsche und Deutschstämmige aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudetenland auf die Flucht Richtung Westen machten oder vertrieben wurden. In den Augen vieler Einheimischer waren sie die „Polacken“, die ihnen das Wenige, das sie nach dem verlorenen Krieg noch hatten, wegnehmen wollten. Heute halten Wirtschaftshistoriker den „Braingain“, also den Gewinn an Talenten durch die Flüchtlingswelle, für eine der wichtigsten Grundlagen des in den 1950er Jahren einsetzenden „Wirtschaftswunders“ – wichtiger als Marshall-Plan und Ludwig Erhard. Weiterlesen

Im Krebsgang: Das lange Schweigen

Das Lazarettschiff Wilhelm Gustloff im Osloer Hafen

Das Lazarettschiff Wilhelm Gustloff im Osloer Hafen By Bundesarchiv, Bild 121-0665

Die ständige Angst vor dem nächsten Bombenangriff, Flucht und Vertreibung, die allgegenwärtige Konfrontation mit Tod und Trauer und  der traumatisierende Drill national-sozialistischer Erziehung wirken in der Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder lange nach. Erst im Jahr 2002 bricht Günther Grass mit seiner Novelle „Im Krebsgang“ ein Tabu und beschreibt das Leid der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges – und die Folgen eines langen Schweigens.

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Der Junge mit der roten Mütze

Von Gerhard Sielhorst

RIAN_archive_137811_Children_during_air_raidSicher weiß ich vieles bis zu meinem 4. – 5. Lebensjahr von meiner Mutter.
Aber das meiste, was danach passier- te, ist mir optisch, akustisch und ge- fühlsmäßig sehr gut in Erinnerung und präsent. Ich höre heute noch die Sirenen heulen und die heran-nahenden US-Panzer dröhnen, sehe die grauen deutschen Soldaten, die Menschen mit Hakenkreuz-Arm- binden, den feuerroten Himmel am westlichen Ruhrgebietshorizont nach den Bombenangriffen und die Obdachlosentrecks. Ich rieche den Brandgeruch nach den Fliegerangriffen und fühle noch bis heute die Angst im Bauch, wenn die Bomben einschlugen und die Luftschutzkellertür heftig vibrierte.

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