Mythos Mutterliebe: Die Geschichte der “guten Mutter”

Kind­heit und Erziehung

Mythos Mutterliebe


In der Wie­ge unse­rer Zivi­li­sa­ti­on, im alten Grie­chen­land, aber auch bei den alten Römern und im Mit­tel­al­ter hielt man von müt­ter­li­chen Gefüh­len nicht viel.

„Erfun­den” wur­de unser heu­ti­ger Mythos Mut­ter­lie­be tat­säch­lich erst im 18. Jahr­hun­dert — dann aber mit vol­ler Wucht, denn ab da ent­brann­te die Fra­ge: „Was ist eine gute Mutter?”

Mythos Mutterliebe – Mutterrolle und Erziehung von der Antike bis heute

Mythos Mutterliebe in der Antike: Babycastings und Kopfgeburten

In der Wie­ge unse­rer Zivi­li­sa­ti­on, im alten Grie­chen­land, gab es kei­ne Dop­pel­be­las­tung für Müt­ter — und von einer weib­li­chen Sinn­kri­se konn­te erst recht kei­ne Rede sein: Auf Mut­ter­lie­be wur­de kein Wert gelegt.

Neu­ge­bo­re­ne  muss­ten kurz nach der Geburt dem Patri­ar­chen, also dem Vater, zur Begut­ach­tung prä­sen­tiert wer­den, der dann nach Augen­maß über Leben oder Tod ent­schied. Galt beim alt­grie­chi­schen Baby-Cas­ting ein Kind als „nicht lebens­wert“ – meist waren das Mäd­chen – wur­de es weg­ge­ge­ben, aus­ge­setzt oder getö­tet.

Die Sit­ten waren rau und nicht nur in der Mytho­lo­gie wim­mel­te es von klei­nen Grie­chen und Grie­chin­nen, die sich selbst über­las­sen her­um­irr­ten oder ein­fach an Ver­wahr­lo­sung star­ben.

Die, die blei­ben durf­ten – vor allem die Söh­ne – muss­ten dem Vater über­ge­ben wer­den, der sich, unter­stützt von männ­li­chen Skla­ven, lie­ber selbst um die adäqua­te Erzie­hung sei­nes Nach­wuch­ses küm­mer­te.

Die Müt­ter hielt man so gut es ging fern.
Mythos Mut­ter­lie­be? Der kommt bei den alten Grie­chen zumin­dest nicht vor.

Altgriechische Männerphantasien: Geburt ohne Mutter

Und über­haupt: Frau­en!?

Für die meis­ten alt­grie­chi­schen Män­ner waren Frau­en ein not­wen­di­ges Übel, das meis­ten nerv­te oder lang­weil­te. Ein paar gol­de­ne Aus­nah­men gab es immer­hin: Hetä­ren (so etwas wie die Urahn­in­nen der spä­te­ren Mätres­sen), Flö­ten­spie­le­rin­nen und hoch­be­gab­te Töch­ter.

Zeus‘ Lieb­lings­toch­ter Athe­ne bei­spiels­wei­se war gemäß der grie­chi­schen Mytho­lo­gie sei­nem Kopf ent­sprun­gen. Die­ser Mythos ent­sprang mit Sicher­heit kei­nem medi­zi­ni­schen Wun­der, son­dern vor allem einer alt­grie­chi­schen Män­ner­phan­ta­sie.

Sozu­sa­gen als Vater des Gedanken.

Athene Statue Kopf – Mythos Mutterliebe und antikes Mutterbild ohne Mutterrolle

Geburt ohne Mut­ter: Athe­ne ent­springt dem Kopf ihres Vaters Zeus

Zeus’ Toch­ter Athe­ne oder Athe­na ist die Göt­tin der Weis­heit, der Stra­te­gie und des Kamp­fes, der Kunst, des Hand­werks und der Hand­ar­beit.

Ihr römi­sches Pen­dant ist Miner­va. In der Mytho­lo­gie ent­springt sie in vol­ler Rüs­tung dem Kopf ihres Vaters Zeus.

Dem­entspre­chend ist sie streit­lus­tig — und eben­so wie Arte­mis, die Göt­tin der Jagd, jungfräulich.

Die alten Griechen: Keine Spur von Mutterliebe

Ihre Kin­der — natür­lich in ers­ter Linie Söh­ne — hät­ten alt­grie­chi­sche Män­ner am liebs­ten selbst bekom­men, denn wah­re Lie­be konn­te es nach ihrer Auf­fas­sung sowie­so nur zwi­schen Män­nern geben.

Auch wenn wir das nicht ger­ne hören: Die grie­chi­sche Kul­tur war eine Män­ner­kul­tur, Homo­phi­lie war weit ver­brei­tet und en vogue

Artemis mit Nymphen auf der Jagd – Mythos Mutterliebe und Frauenbild in der Antike

Arte­mis bricht mit den Nym­phen zur Jagd auf“ von Peter Paul Rubens – weib­li­che Unab­hän­gig­keit ohne Mutterrolle

Arte­mis ist in der grie­chi­schen Mytho­lo­gie die (jung­fräu­li­che) Göt­tin der Jagd, des Wal­des, des Mon­des und die Hüte­rin der Gebä­ren­den, der Frau­en und Kin­der. Ihr römi­sches Pen­dant ist Dia­na.

Sie hat den Ruf, eine grau­sa­me und stren­ge Göt­tin zu sein. Ihr Ver­hält­nis zum männ­li­chen Geschlecht ist ange­spannt, da sie Män­ner für die Geburts­we­hen der Frau­en ver­ant­wort­lich macht.

Arte­mis wird als wil­de, unbe­zähm­ba­re Göt­tin beschrie­ben, die nicht nur Leben schenkt, son­dern auch nimmt.

Unter Män­nern ging vie­les ein­fa­cher, sofern man(n) nicht gera­de Krieg gegen­ein­an­der führ­te. Denn so ein­heit­lich, wie wir heu­te die alten Hel­le­nen sehen, waren sie nicht.

Was wir heu­te als ‘alte Grie­chen’ bezeich­nen, war nichts wei­ter als einbun­ter Hau­fen kon­kur­rie­ren­der indo­ger­ma­ni­scher Volks­stäm­me – bei­spiels­wei­se die der Ioni­er, Dorer und Äolier –, die sich gemein­sam auf­ge­macht hat­ten, den öst­li­chen Mit­tel­meer­raum zu besie­deln.

Neben ihrem kolo­nia­len Tages­s­ge­schäf­ten (Krieg, Odys­see und Kampf – und dar­über reden und dich­ten) schu­fen sie in ihrer Män­ner­welt die Grund­la­gen unse­rer heu­ti­gen Zivi­li­sa­ti­on: Sport, Thea­ter, Päd­ago­gik, Demo­kra­tie, Phi­lo­so­phie, Öko­no­mie, Medi­zin und Kri­tik.

Fast alle wich­ti­gen Bestand­tei­le unse­res Zusam­men­le­bens heu­te wur­den in Grie­chen­land zumin­dest in Ansät­zen erdacht und erfun­den.

Bis auf: Mut­ter­lie­be.
Die kommt bei den alten Grie­chen weder im Him­mel noch auf der Erde geschwei­ge denn in der Unter­welt vor.

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Blutige Antike Griechen und Römer – wahre Geschichte hinter Mythos und Idealen

Blutige Antike

Macht­kämp­fe, Intri­gen, Ver­rat – und Gewalt als ganz nor­ma­les Mit­tel zum Zweck: Ein amü­san­tes Buch über die Geschich­te hin­ter gro­ßen Mythen, Hel­den und Halb­göt­tern. Lesenswert!

Götter, Halbgötter und Helden — aber keine Mütter

Ein Bei­spiel für ein unge­trüb­tes Mut­ter-Kind Ver­hält­nis bei den alten Grie­chen?
Fehl­an­zei­ge. Weder in alten Über­lie­fe­run­gen noch in Homers Epen oder bei den Göt­tern und Halb­göt­tern der grie­chi­schen Mytho­lo­gie zu fin­den.

Die Abwe­sen­heit jeg­li­cher Form von Mut­ter­lie­be in der grie­chi­schen Göt­ter­welt ist beson­ders ver­stö­rend, denn dort spiel­te sich das pral­le Leben ab.

Die grie­chi­sche Mytho­lo­gie war wich­tig, denn die Göt­ter waren der ein­zi­ge gemein­sa­me kul­tu­rel­ler Über­bau, der den gesam­ten grie­chi­schen Laden mit sei­nen ver­schie­de­nen Volks­stäm­men und Inter­es­sen­grup­pen zusam­men­hielt.

Hera und Zeus auf dem Berg Ida – Mythos Mutterliebe und antikes Beziehungsbild

Jupi­ter und Juno auf dem Ber­ge Ida“ von James Bar­ry –
eine Bezie­hung vol­ler Macht, Eifer­sucht und Konflikte

Hera (ihr römi­sches Pen­dant ist Juno) ist die Schwes­ter und Ehe­frau von Zeus. Sie ist die Hüte­rin der ehe­li­chen Sexua­li­tät, der Ehe und der Nie­der­kunft.

Hera beob­ach­tet eifer­süch­tig die zahl­rei­chen Lieb­schaf­ten ihres Gat­ten und bekun­det ihren Ärger durch Schmol­len und Gezänk. Der Mut zur Gegen­wehr fehlt ihr, aber sie ver­folgt Zeus’ außer­ehe­li­che Kin­der und stürzt vie­le von ihnen in Rase­rei und Tod.

Nichts war den Göt­tern, Halb­göt­tern, Nym­phen und Hel­den fremd.

Es ist nicht ver­wun­der­lich, dass sich Jahr­hun­der­te spä­ter die Väter der Psy­cho­lo­gie bei den Mythen und Epen der alten Grie­chen bedien­ten und vie­le psy­cho­lo­gi­sche Fach­be­grif­fe noch heu­te deren Namen tra­gen: Nar­ziss­mus zum Bei­spiel, oder Ödi­pus-Kom­plex.

Bei den Göt­tern ging‘s zu, wie im rich­ti­gen Leben: Man ver­führ­te sich – oder ver­such­te es wenigs­tens –, belog, hin­ter­ging und ver­stieß sich; wenn gar nichts mehr half, wur­de auch ent­führt, erschla­gen und ver­ge­wal­tigt.

Man ent­brann­te in ver­zeh­ren­der Lie­be zuein­an­der, ent­fes­sel­te Tra­gö­di­en und Krie­ge. Gele­gent­lich hei­ra­te­te ein Sohn ver­se­hent­lich sei­ne Mut­ter oder ein Vater sei­ne Toch­ter (das dann aber mit Absicht). Die Fami­li­en­ver­hält­nis­se neig­ten dazu, chao­tisch zu sein – wie das Leben damals und heu­te halt so spielt.

Der alte Auf­rei­ßer Zeus und sei­ne ewig nör­geln­de „kuh­äu­gi­ge“ Gat­tin Hera beka­men weder sich selbst noch ihre Ras­sel­ban­de aus Göt­tern, Halb­göt­tern und Men­schen in den Griff (übri­gens sind mit „kuh­äu­gig“ bei Homer Heras schö­ne gro­ßen Augen gemeint).

Aber Mut­ter­lie­be gab es nicht.

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Das bleibt in der Familie

Die Psy­cho­lo­gin San­dra Kon­rad beschreibt sehr lesens­wert und mit vie­len Fall­bei­spie­len, wie das unsicht­ba­re Erbe unse­rer Fami­lie zum Fall­strick für unser Leben heu­te wer­den kann.
Ein sehr lesens­wer­tes Buch über alte Mus­ter und Erwar­tun­gen — und wie man sie lösen kann.

Mütter im Mittelalter: Die Erbsünde

Das eher schnör­kel­lo­se Ver­hält­nis alt­grie­chi­scher Eltern zu ihrem Nach­wuchs wur­de wie fast alles ande­re auch von den alten Römern kopiert.

Kin­der wur­de gebo­ren und in jeder Fami­lie, die es sich leis­ten konn­te, gab es für ihre ers­ten Lebens­jah­re Ammen, die sie groß­zo­gen, und spä­ter Erzie­her, meis­tens hoch­ge­bil­de­te Grie­chen, die als Haus­skla­ven fun­gier­ten.

Und da die­ses Sys­tem prak­tisch und bewährt war, über­leb­te es auch den Zer­fall des Römi­schen Rei­ches und hielt sich – wie­der­um wie vie­les ande­re auch – bis weit ins Mit­tel­al­ter.

Eines änder­te sich aller­dings.
Hat­ten Frau­en in der Anti­ke schon kei­nen leich­ten Stand, so gebar die Kir­che im christ­li­chen Früh­mit­tel­al­ter ein Kon­zept, das ihnen das Leben zusätz­lich schwer mach­te: das der Erb­sün­de.

Das Prin­zip ‘Erb­sün­de’ ging auf den Kir­chen­leh­rer Augus­ti­nus (354 – 430) zurück und eig­ne­te sich her­vor­ra­gend als Druck­mit­tel, um die Kin­der Got­tes mit Welt­ge­richt und Apo­ka­lyp­se bei der Stan­ge zu hal­ten.

Die Idee der Erb­sün­de mach­te jeden Men­schen ab dem ers­ten Schrei zum Sün­der — und wehe dem, der kein gott­ge­fäl­li­ges Leben füh­ren und stän­dig Buße tun wollte.

Erbsünde Fresko Sixtinische Kapelle – Mythos Mutterliebe und Frauenbild im Mittelalter

Evas Schuld: Erb­sün­de und die Ver­trei­bung aus dem Para­dies
Decken­fres­ko zur Schöp­fungs­ge­schich­te in der Six­ti­ni­schen Kapel­le,
Haupt­sze­ne: Ursün­de und Ver­trei­bung aus dem Para­dies
Michel­an­ge­lo, Vati­kan, Six­ti­ni­sche Kapelle

Die Erb­sün­de war für die mäch­ti­ge Kir­che eine her­vor­ra­gen­des (und durch den Ablass­han­del auch sehr lukra­ti­ves) Druck­mit­tel, das vie­le Jahr­hun­der­te lang läs­ti­ge Fra­gen und Über­le­gun­gen ver­hin­der­te (zum Bei­spiel danach, war­um alle irdi­schen Güter so unge­recht und ungleich ver­teilt waren …).

Die mit­tel­al­ter­li­chen Frau­en traf sie beson­ders hart, denn bekann­ter­wei­se war es Eva, die Adam den ver­gif­te­ten Apfel reich­te und damit den Raus­wurf aus dem Para­dies ver­schul­det hat. Mit die­sem Kon­zept im Nacken waren Frau­en nicht nur wie bei Grie­chen und Römern ein biss­chen läs­tig, son­dern stan­den unter Gene­ral­ver­dacht für alles Sün­di­ge und Schlech­te.

Mutterliebe im Mittelalter: Kein Platz im Himmel

Kein Wun­der also, dass man(n) im Mit­tel­al­ter weder um Müt­ter noch um Kin­der viel Getö­se mach­te.
Kin­der wur­den gebo­ren, wuch­sen auf oder star­ben eben: Die Kin­der­sterb­lich­keit lag jahr­hun­der­te­lang bei etwa 50 Pro­zent; um die Müt­ter­sterb­lich­keit stand es nicht viel bes­ser.

Kin­der gal­ten im Mit­tel­al­ter als klei­ne Erwach­se­ne.

Mäd­chen wur­den mit 13 Jah­ren ver­hei­ra­tet, Jungs muss­ten in die­sem Alter den Hof über­neh­men oder ihre Aus­bil­dung zum Schild­knap­pen bei einem Rit­ter begin­nen.
(Ob tat­säch­lich Tau­sen­de Kin­der bei den soge­nann­ten Kin­der­kreuz­zü­gen in einem Mas­sen­rausch in ihren siche­ren Tod mar­schiert sind, ist bis heu­te nicht geklärt – denk­bar wäre es.)

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Die Päpstin Roman – Frauenrolle im Mittelalter zwischen Kirche, Macht und Unterdrückung

Frauen im Mittelalter

Eine Frau, die den­ken darf, ist gefähr­lich. Eine Frau, die han­delt, erst recht.
„Die Päps­tin“ zeigt, wie viel Mut es brauch­te, im Mit­tel­al­ter ein­fach nur ein eige­nes Leben zu wol­len – und wel­chen Preis Frau­en dafür zah­len mussten.

Man nahm ein kar­ges Leben und einen frü­hen Tod hin, denn nie­mand hat­te jemals etwas Ande­res gekannt oder konn­te sich vor­stel­len, dass es ein anders Leben geben könn­te.

Das Para­dies lag in jener Zeit irgend­wo im Him­mel­reich, die Erde war zum Pla­gen: Wer viel litt und wenig sün­dig­te (und sich per Ablass von sei­nen Sün­den frei­kauf­te), sicher­te sich nach ein­stim­mi­ger Über­zeu­gung sei­nen Platz im Him­mel und muss­te nicht in der Höl­le schmo­ren.

Das galt natür­lich beson­ders für erb­sün­di­ge Müt­ter und ihre Kinder.

Marienkult und Hexenverbrennung

Erst im Hoch­mit­tel­al­ter, zu Beginn des 13. Jahr­hun­derts, änder­te sich die Ein­stel­lung zu Mut­ter und Kind, denn der christ­li­che Mari­en­kult kam auf und wur­de schnell zur Mode.

Kunst und Kul­tur waren ver­narrt in die Madon­na mit ihrem Jesus­kind, und dem­entspre­chend wur­de Maria zum Ide­al der selbst­los lie­ben­den und auf­op­fe­rungs­vol­len Mut­ter, an dem sich welt­li­che Müt­ter ori­en­tie­ren sollten.

Madonna mit Kind Gemälde von Andrea Solario Mutterliebe Darstellung Renaissance Kunst

Wie das Mit­tel­al­ter die Mut­ter­lie­be erfand: Madon­na mit Kind – Andrea Sola­rio Dar­stel­lung von Mutterliebe

Die Erkennt­nis, dass das Jesus­kind auch eine Mut­ter hat­te, kam nicht von unge­fähr.

Kir­che und Fürs­ten hat­ten die ers­ten Ideen von Bevöl­ke­rungs­wachs­tum für sich und ihre Zwe­cke – Ablass­han­del und Krie­ge – entdeckt. 

Die Gebur­ten­ra­te soll­te stei­gen.
Für mehr Unter­ta­nen, Sol­da­ten und Ablass zah­len­de Sün­der pass­te die Ver­herr­li­chung der Madon­na mit Kind gut ins neue Kon­zept.

So schön die­se Ent­wick­lung für Frau­en und Müt­ter war, so unan­ge­nehm wur­de sie für heil- und kräu­ter­kun­di­ge Frau­en, die sich — auch — mit Ver­hü­tung und Abtrei­bun­gen aus­kann­ten.

Weil die­se „wei­sen Frau­en” und ihr Wis­sen nicht mehr ins Kon­zept pass­te, begann man, sie als Hexen zu ver­bren­nen.

Wobei der Vor­wurf der Hexe­rei oder Ket­ze­rei (bei Män­nern) so prak­tisch war, dass man ihn spä­ter auf alle unlieb­sa­me Per­so­nen aus­dehn­te: So ver­brann­ten die Eng­län­der 1431 bei­spiels­wei­se Jean­ne d’Arc als Hexe. Mit Dul­dung der Fran­zo­sen übri­gens, denen ihre Jung­frau von Orlé­ans ein­fach zu mäch­tig gewor­den war. Spä­ter ver­klär­ten sie Jean­ne dann zur Nationalheldin.

Was ist eine gute Mutter? Tod im Kindbett

Erb­sün­de und Mari­en­kult lie­ßen der mit­tel­al­ter­li­che Durch­schnitts-Mut­ter genau zwei Optio­nen für ihre Lebens­ge­stal­tung.
Ent­we­der die damals ein­zig siche­re Ver­hü­tungs­me­tho­de – Ent­halt­sam­keit –, oder sich dem Schick­sal von durch­schnitt­lich neun bis zehn Ent­bin­dun­gen in einem kur­zen und ent­beh­rungs­rei­chen Leben fügen.

Gebur­ten wohl­ge­merkt, die aus heu­ti­ger Sicht unter kata­stro­pha­len Bedin­gun­gen statt­fan­den: in der Regel allein und im Dreck, ohne sau­be­res Was­ser und meis­tens auch ohne den Bei­stand einer Heb­am­me, eines Arz­tes oder einer heil­kun­di­gen Frau.

Jede Geburt war für Mut­ter und Kind lebens­ge­fähr­lich, der Tod im Kind­bett Nor­ma­li­tät, fast jedes zwei­te Kind starb.

Die über­le­ben­den Babys wur­den in aris­to­kra­ti­schen Fami­li­en wei­ter­hin gegen Bezah­lung von Ammen groß­ge­zo­gen.

Wer sich kei­ne Amme leis­ten konn­te, hat­te ande­re Sor­gen und das drin­gen­de Pro­blem, die vie­len hung­ri­gen Mäu­ler der Kin­der satt zu bekom­men, die die Geburt und das Krab­bel­al­ter über­lebt hat­ten.

Für „Gedöns“ mit den Klei­nen hat­ten mit­tel­al­ter­li­che Müt­ter ein­fach kei­ne Zeit.

Säug­lin­ge, die an Ver­nach­läs­si­gung star­ben, ver­wahr­los­te und allein gelas­se­ne Kin­der, über­füll­te Fin­del­häu­ser und mut­ter­lo­se Klein­kin­der, die ein­fach ihrem Schick­sal über­las­sen wur­den, waren der nicht-idyl­li­sche All­tag bis weit ins 18. Jahr­hun­dert hin­ein.

Mut­ter­lie­be?
Trotz Madon­na mit Jesus­kind ab dem Hoch­mit­tel­al­ter: Fehlanzeige.

Mehr lesen:

Die Geburts­zan­ge war seit Jahr­hun­der­ten die ers­te Erfin­dung, die bei einer Geburt Leben ret­ten konn­te. Trotz­dem trak­tier­te man wer­den­de Müt­ter wei­ter­hin mit Ader­lass und kochend­hei­ßen Brei­um­schlä­gen, und brach­te allein dadurch vie­le zu Tode.
Das Ster­ben im Wochen­bett ging wei­ter — und ver­än­der­te auch die Welt­ge­schich­te.
Queen Vic­to­ria (I): Die Groß­mutter Europas

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phien, www​.bild​bio​gra​phien​.de 2014, über­ar­bei­tet 2026


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Weiterführende Beiträge über Mutterliebe:

Lie­be: Das 18. Jahr­hun­dert ent­deckt die Lie­be.
1762 erfin­det der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean-Jac­ques Rous­se­au ver­se­hent­lich die Mut­ter­lie­be, rund 30 Jah­re spä­ter fegt die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on das „Anci­en Régime“ aus sei­nen Paläs­ten. Damit hat auch die Mätres­sen­wirt­schaft aus­ge­dient, denn ab sofort kön­nen Ehe­paa­re sich schei­den las­sen. Ange­sichts sol­cher Aus­sich­ten ent­de­cken vie­le ein bis­lang unbe­kann­tes Gefühl: die Lie­be.
Mätres­sen­wirt­schaft, Revo­lu­ti­on und die gro­ße Liebe

Mut­ter­lie­be sorgt dafür, dass Frau­en über sich hin­aus­wach­sen und Din­ge tun, die sie nor­ma­ler­wei­se für ande­re Men­schen nicht tun wür­den. Fehlt Mut­ter­lie­be, muss ein Kind also „mut­ter­see­len­al­lein“ auf­wach­sen, wird es die­sen Man­gel ein Leben lang spü­ren. Aber was ist Mut­ter­lie­be und wie lässt sie sich erklä­ren?
Was heißt schon Mutterliebe?

Epi­ge­ne­tik & trans­ge­ne­ra­tio­na­le Ver­er­bung: Feh­len­de Mut­ter­lie­be und psy­chi­sche Trau­ma­ta wer­den oft über vie­le Gene­ra­tio­nen ver­erbt: unse­re Gene und unse­re Psy­che hän­gen viel enger zusam­men, als man lan­ge Zeit glaub­te. Win­zi­ge Ver­än­de­run­gen an unse­rem Erb­gut kön­nen bei­spiels­wei­se dar­über ent­schei­den, ob Müt­ter für­sorg­lich sind oder ihre Babys ver­nach­läs­si­gen.
Epi­ge­ne­tik und trans­ge­ne­ra­tio­na­le Ver­er­bung: Wenn Müt­ter nicht lieben

Die Gelieb­te eines mäch­ti­gen Man­nes zu wer­den, war vie­le Jahr­hun­der­te lang die ein­zi­ge Mög­lich­keit für Frau­en, poli­ti­sche Macht und Ein­fluss zu bekom­men. Beson­ders gut funk­tio­nier­ten Sex und Poli­tik im Abso­lu­tis­mus, des­sen Mätres­sen­wirt­schaft die Welt­ge­schich­te maß­geb­lich beein­flusst hat. Die berühm­tes­te und ein­fluss­reichs­te „maî­tres­se en tit­re“ war die Gelieb­te des Uren­kels des Son­nen­kö­nigs, die Mar­qui­se de Pom­pa­dour.
Die Mar­qui­se de Pompadour

Män­ner: Die meis­ten Part­ner­schaf­ten zer­bre­chen nicht an der einen gro­ßen Kri­se. Bis die Gelieb­te vor der Tür steht, ist die Lie­be meis­tens schon längst lei­se und still an der offe­nen Zahn­pas­ta-Tube gestor­ben, an den klei­nen All­tags-Ner­ve­rei­en und Unge­rech­tig­kei­ten, mit denen sich (Eltern-) Paa­re gegen­sei­tig oft bis auf’s Blut quä­len. Liegt das an der Kri­se der Männ­lich­keit?
Der Mann in der Krise


Bild­nach­wei­se

Kopf einer Sta­tue der Athe­na (Lie­bieg­haus, Frank­furt am Main) Von Dont­wor­ry — Eige­nes Werk, CC BY-SA 3.0
Arte­mis bricht mit den Nym­phen zur Jagd auf. Von Peter Paul Rubens — The Yorck Pro­ject. Gemein­frei.
Jupi­ter und Juno auf dem Ber­ge Ida. Detail eines Gemäl­des von James Bar­ry (Öl, 1789–1799, Art Gal­le­ries, Shef­field), Von James Bar­ry — The Yorck Pro­ject. Gemein­frei.
Decken­fres­ko zur Schöp­fungs­ge­schich­te in der Six­ti­ni­schen Kapel­le, Haupt­sze­ne: Ursün­de und Ver­trei­bung aus dem Para­dies (1508 — 1512), Michel­an­ge­lo, Vati­kan, Six­ti­ni­sche Kapel­le: The Yorck Pro­ject: 10.000 Meis­ter­wer­ke der Male­rei. Gemein­frei.
Madon­na mit Kind „Andrea Sola­rio 002“ von The Yorck Pro­ject: 10.000 Meis­ter­wer­ke der Male­rei. Gemeinfrei.


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Geschich­te und Psy­cho­lo­gie
Ver­gan­ge­nes ver­ste­hen, um mit der Zukunft bes­ser klar zu kommen.


Geschichte und Psychologie Vergangenheit verstehen um mit der Zukunft besser klar zu kommen
Dr. Susanne Gebert

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Susan­ne Autorin bei Gene­ra­tio­nen­ge­spräch & Agen­tur für Bildbiographien
Dr. Susan­ne Gebert schreibt über Psy­cho­lo­gie, Fami­li­en­ge­schich­te und emo­tio­na­le Prä­gun­gen. In ihrem Blog „Gene­ra­tio­nen­ge­spräch“ zeigt sie, wie unse­re Kind­heit uns formt – und wie wir uns von alten Mus­tern lösen können. 

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