Ist Fremdgehen angeboren?
Wer kennt es nicht, wenn sich der Liebste plötzlich rarmacht, um Bedenkzeit bittet, seltsame Erklärungen stammelt und schließlich zu einer anderen entschwindet?
Fremdgehen hat nicht immer etwas mit Liebe zu tun: Forscher sind einem Casanova-Gen auf der Spur, das Menschen anfällig für Affären macht.

Fremdgehen verstehen: Wenn aus Leidenschaft Ernüchterung wird
Natürlich ist es Unsinn, jedes unerwartete Liebesaus auf Natur, Gene und Veranlagung zu schieben.
Dass die Liebe — zumindest das körperliche Begehren — mit der Zeit nachlässt, ist nichts Ungewöhnliches.
Aus biologischer Sicht ist der Rausch der Gefühle nach dem ersten Kennenlernen in jeder Hinsicht sinnvoll: das heiße Begehren am Anfang, aber leider eben auch die Ernüchterung nach einiger Zeit des Zusammenseins.
Denn wenn unser Körper unseren Hormonhaushalt nicht irgendwann wieder auf eine normale Betriebstemperatur herunterfahren würde, würden wir im wahrsten Sinne des Wortes vor Glück sterben.
Männchen wären beispielsweise so glücklich (und mit Sex beschäftigt), dass sie die Nahrungsaufnahme vergessen und verhungern würden. Die Natur „will” aber beides: Fortpflanzung und funktionierende Eltern, die in der Lage sind, ihren Nachwuchs großzuziehen.
Was passiert also, wenn der Liebste sich plötzlich rarmacht?
Kühlt er gerade nur ein bisschen ab — oder hat er wirklich kein Interesse mehr?
Die Angst davor, nicht mehr geliebt zu werden …
„ … Die Angst davor, nicht mehr geliebt zu werden, wenn wir es anderen nicht recht machen, ist daher kein verlässlicher Schutz, sondern bewirkt nicht selten das komplette Gegenteil und führt oft zu genau diesem gefürchteten Ende …“
Aus: Andrea Weidlich, Wo ein Fuck it, da ein Weg: Wie plötzlich alles möglich wird, wenn du aufhörst, es allen recht zu machen*

Fremdgehen und Hormone: Warum Dopamin uns in die Irre führt
„Frauen wollen in der Liebe Romane erleben, Männer eher Kurzgeschichten“ – ein Klischee, das einen wahren Kern hat. Denn was wir als Liebe erleben, beginnt oft nicht mit Seelenverwandtschaft, sondern mit Chemie.
Am Anfang nach dem ersten Kennenlernen spielt dabei Dopamin die tragende Rolle, das Hormon des Begehrens und der freudigen Erwartung.
Es sorgt dafür, dass wir uns wach, motiviert und optimistisch fühlen und ist der Stoff, der uns in den Zustand erwartungsvolle Vorfreude und Neugierde versetzt. Dopamin ist das pure Kribbeln im Bauch.
Aber mit Liebe hat es absolut nichts zu tun.
Dopamin ist k e i n Glückshormon
„ … Dopamin ist kein Glückshormon, wie wir lange dachten. Es hängt nur gerne mit den Glückshormonen rum. Selbst weckt es in uns vor allem den inneren Dreijährigen: ‘Willhabenwillhabenwillhaben’. Aber wie bei dem Dreijährigen ist das Wollen nicht immer gleichbedeutend mit dem Genießen …“
Aus: Franca Parianen: Hormongesteuert ist immerhin selbstbestimmt. Wie Testosteron, Endorphine und Co. unser Leben beeinflussen*
Damit aus Leidenschaft Liebe wird, müssen noch ein paar weitere Hormone dazukommen: bei Frauen ist es vor allem das als Kuschel- oder Bindungshormon bekannte Oxytocin, bei Männer das „guter-Ehemann-Hormon” Vasopressin.
Sobald Oxytocin und Vasopressin im Spiel sind, kühlt das dopamingetränkte Begehren mit der Zeit ab.
Stattdessen wird die nächste Stufe, nämlich die tiefe innere Verbundenheit erreicht — aus Verliebtsein wird Liebe, die im günstigsten Fall ein Leben lang hält.
Aber eben nicht bei allen.
Warum Menschen fremdgehen: Der Dopamin-Kick und die Sucht nach dem Neuen
So wie es Menschen gibt, die an keinem Glücksspielautomaten vorbeigehen können, ohne ihn mit Geld füttern zu müssen, weil sie dieses Kribbeln im Bauch haben (… und dieses Mal bestimmt den Jackpot knacken …), so gibt es auch Menschen, die in der Liebe Dopamin-Junkies sind.
Oxytocin und Vasopressin sind ihnen herzlich egal, stattdessen setzen sie immer wieder auf’s Neue auf den Zauber, der in jedem Anfangs steckt.
Erste harte Daten und Fakten, dass Dopamin kein Glückshormon ist, sondern in uns in erster Linie ‘Willhabenwillhabenwillhaben’-Gefühle auslöst, lieferten Beobachtungen bei Nutz- und Labortieren.
Es ist schon lange bekannt, dass beispielsweise Zuchtbullen müde werden, wenn man ihnen immer nur ein und dieselbe Kuh zuführt, und auch Laborratten haben nach einiger Zeit keine Lust mehr auf traute Zweisamkeit.
Das Interesse von Rattenmännchen wird allerdings sofort wieder geweckt, wenn man ihnen ein neues Weibchen als potenzielle Gespielin in den Käfig setzt. Zunächst genügt allein ihr Anblick, um das Männchen in Hochzeitsstimmung zu versetzen.
Sein Hirn wird dabei mit Dopamin geflutet, was auch bei Ratten für erwartungsvolle Vorfreude sorgt.
Die „Neue“ ist weder besser oder schlauer, hübscher oder jünger als die „Alte“ – sie ist einfach nur neu. Und auch sie wird nach einiger Zeit — zumindest in der Tierwelt — für das Männchen langweilig und damit Opfer des sogenannten Coolidge-Effekts.
Dopamin — Vorfreude und Erwartung
„ … Dopamin wird nicht nur freigesetzt, wenn man Freude empfindet, sondern auch wenn man sie erwartet. Spielsüchtige erleben eine Dopaminspitze, kurz bevor sie ihren Einsatz machen, nicht nachdem sie gewonnen haben.
Bei Kokainsüchtigen steigt der Dopamonspiegel, wenn sie das Pulver sehen, nicht nachdem sie es genommen haben. Immer wenn Sie davon ausgehen, dass eine Belohnung bevorsteht, lässt die Erwartung Ihre Dopaminwerte steigen. Und wenn das Dopamin steigt, steigt auch Ihre Motivation zu handeln.“
Aus: James Clear: Die 1%-Methode – Minimale Veränderung, maximale Wirkung: Mit kleinen Gewohnheiten jedes Ziel erreichen*
Der Coolidge-Effekt
Das Phänomen nachlassender Lust ist nach dem 30. amerikanischen Präsidenten Calvin Coolidge benannt, der mit seiner Frau Grace von 1923 bis 1929 im Weißen Haus residierte.
Der wortkarge Präsident, der die USA bis kurz vor Beginn der Weltwirtschaftskrise führte und seine Amtszeit vor allem mit Nichtstun verbrachte (… lief ja alles rund …), war weder ein Casanova noch ein klassischer Fremdgänger.
Soweit man weiß, war seine Ehe mit Grace auf eine sehr traditionelle Weise ausgesprochen glücklich: Sie redete, er schwieg.
Einer oft erzählten, aber unbestätigten Anekdote zufolge, saß Coolidge eines Abends bei einem Dinner neben einer Dame, die mit ihm schäkern wollte: „Mr. President, meine Freundin hat mit mir gewettet, dass ich Ihnen heute Abend keine drei Worte entlocken kann.“ Darauf soll Coolidge trocken mit zwei Worten geantwortet haben: „Sie verlieren.“
Mr. und Mrs. Coolidge auf der Hühnerfarm
Die entscheidende Anekdote, die das Nachlassen der (ehelichen) Lust den Namen Coolidge-Effekt eingetragen hat, soll sich beim Besuch des Präsidentenpaares auf einer staatlichen Hühnerfarm ereignet haben: Der Präsident und seine Gattin wurden getrennt herumgeführt, und als Grace einen der Hühnerställe betrat, bemerkte sie einen Hahn, der sich gerade fröhlich mit einer Henne vergnügte.
Tief beeindruckt fragte sie, wie oft der Hahn seinen Pflichten nachkomme – „Dutzende Male am Tag“, lautete die Antwort.
Grace wirkte ein wenig verstört, bat aber: „Sagen Sie das bitte dem Präsidenten.“
Wenig später wurde der Präsident in die Ställe gebracht und weisungsgemäß vom Eifer des Hahns unterrichtet.
„Jedes Mal mit derselben Henne?“, lautete seine Frage – „Oh nein, Mr. President, immer mit einer anderen“.
Coolidge zufrieden: „Sagen Sie das bitte Mrs. Coolidge.“
Fremdgehen und das „Casanova-Gen“: Ausrede oder echte Veranlagung?
Warum fällt es manchen Menschen leicht, von der ersten großen Verliebtheit in eine stabile Beziehung zu wechseln – während andere genau in diesem Moment auf Distanz gehen?
Ist es Bindungsangst? Angst vor Nähe?
Manchmal. Aber oft ist die Erklärung einfacher – und unbequemer.
Wenn ER sich plötzlich rar macht, ist das meistens kein stummer Schrei nach Liebe.
Sondern schlicht: nachlassendes Interesse.
Oder ein Gehirn, das nach stärkeren Reizen als nach Verlässlichkeit sucht.
Denn seit einiger Zeit weiß man, dass etwa ein Drittel aller Männer die abenteuerlustigen Besitzer des sogenannten „Casanova-Gens“ sind, einem Gen, das mit einer Neigung zu häufigem Seitensprung (aber auch zu Suchterkrankungen) verbunden ist.
Benannt wurde das Gen nach dem legendären Casanova, der nicht nur für seine Verführungskünste bekannt ist, sondern auch für seine Spielleidenschaft. Letztere brachte ihn immer wieder in die Bredouille (und in die venezianischen Bleikammern).
Hinter dem Casanova-Gen verbirgt sich, das weiß man heute, das Gen für behäbige Dopamin-Rezeptoren, also Rezeptoren, die weniger gut auf das Hormon Dopamin anspringen.
Um das gleiche Maß an „Spiel, Spaß und Spannung“ empfinden zu können, brauchen die Männer, die dieses Gen haben, mehr Dopamin als Durchschnittstypen, was dazu führt, dass sie wagemutiger sind und einen größeren Drang nach Neuland und Abenteuer haben.
Gefährliche Liebschaften
Ein Spiel aus Verführung, Macht und kalkulierter Grausamkeit: In „Gefährliche Liebschaften“ wird Liebe zur Strategie – und Vertrauen zur gefährlichsten Schwäche.
Ein zeitloser Klassiker, der zeigt, wie nah Fremdgehen, Manipulation und emotionale Abhängigkeit beieinander liegen – und warum am Ende niemand ungeschoren davonkommt.
Ist Fremdgehen angeboren? Was Biologie erklärt – und was nicht
Ist Fremdgehen also angeboren?
Die Forschung zeigt tatsächlich Zusammenhänge:
Unsere individuelle Ausstattung mit Dopamin-Rezeptoren beeinflusst, wie stark wir auf Reize reagieren – und wie sehr wir nach neuen Kicks suchen. Auch fällt auf, dass Menschen mit einer höheren Neigung zu Seitensprüngen häufiger zu anderen „Dopamin-Quellen“ greifen, etwa Alkohol oder Nikotin.
Und doch greift diese Erklärung zu kurz.
Denn selbst wenn Biologie eine Rolle spielt, bleibt eine entscheidende Frage offen:
Bestimmt sie wirklich unser Verhalten – oder nur unsere Neigung?
Auch die Epigenetik wirft ein spannendes Licht auf das Thema.
Sie zeigt, dass nicht nur Gene, sondern auch Erfahrungen früherer Generationen unser Erleben prägen können. Das bedeutet: Was wir fühlen, suchen oder vermeiden, ist oft ein Zusammenspiel aus Veranlagung und Lebensgeschichte.
Was wir mit Sicherheit wissen:
Für ein erfülltes Leben brauchen wir beides – Sicherheit und Abwechslung, Nähe und Entwicklung, Verlässlichkeit und gelegentliches Risiko. Was uns wichtig ist, ist individuell ganz verschieden.
Die Biochemie unseres Körpers hat viel damit zu tun, ob wir glücklich sein können oder nicht:
Umwölkte Biochemie
„ … Wenn wir von einer Skala von 0 bis 10 ausgehen, kommen einige Menschen mit einem heiteren biochemischen System auf die Welt, das Stimmungsausschläge zwischen 6 und 10 erlaubt und sich langfristig irgendwo bei 8 einpendelt.
Solche Menschen sind relativ zufrieden, auch wenn sie in einer hektischen Großstadt leben, ihr ganzes Geld in einem Börsencrash verlieren und eine Diabetesdiagnose bekommen. Andere Menschen sind dagegen mit einer umwölkten Biochemie geschlagen, die zwischen 3 und 7 schwanken kann und sich bei 5 einpendelt.
Diese Menschen bleiben auch dann noch niedergeschlagen, wenn sie in einer liebevollen Gemeinschaft leben, Millionen im Lotto gewinnen und fit wie ein olympischer Marathonläufer sind.
Selbst wenn eine Frau mit diesem Gemüt am Morgen 50 Millionen im Lotto gewinnt, am Mittag eine Behandlungsmethode für Krebs und AIDS entdeckt, am Nachmittag Frieden zwischen Israelis und Palästinensern stiftet und am Abend ihr verloren geglaubtes Kind wiederfindet, wird ihr Glück nie über eine “7” hinauskommmen.
Ihr Gehirn ist einfach nicht für größere Ausschläge nach oben ausgelegt, egal was passiert.“
Aus: Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit*
Aber egal, ob es der Rezeptor ist oder etwas anderes:
Auch wenn es sehr schmerzhaft ist — Ziehende, vor allem die, die uns schlecht behandeln, soll man nicht aufhalten …
Denn: Unsere Hormone sorgen immer dafür, dass wir überleben. Auch in der Liebe.
Mehr lesen:
„Double Bind” — egal was du tust, es wird das Falsche sein — ist die Masche, mit der Narzissten ihre Mitmenschen manipulieren. Aber was ist Narzissmus? Und: kann man Narziss heilen, retten oder entkommen?
Das Zeitalter der Narzissten
Copyright: Agentur für Bildbiographien, www. bildbiographien.de, 2016, überarbeitet 2026
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Dopamin ist die Quelle unseres Verlangens …
… aber nicht die Erfüllung.
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