Zeitzeugen: Opas Krieg — Feldpost aus dem Schützengraben

Von Chris­ti­an Mack

Zeit­zeu­gen: Der 1. Weltkrieg

Opas Krieg: Feldpost aus dem Schützengraben


Wie fühl­te sich der Ers­te Welt­krieg wirk­lich an — fern­ab von Geschichts­bü­chern, Zah­len und Gene­rä­len?

„Opas Krieg“ von Chris­ti­an Mack erzählt die Geschich­te eines jun­gen Sol­da­ten anhand ech­ter Feld­post­kar­ten aus den Schüt­zen­grä­ben der West­front — und zeigt, wie Krieg Fami­li­en über Gene­ra­tio­nen hin­weg prägt.

Historisches Bild zu „Opas Krieg“ mit Feldpostkarten, Soldaten und Erinnerungen aus dem Ersten Weltkrieg

Feldpost aus dem Schützengraben: Wie Opa Franz den Krieg erlebte

Heu­te, für ein Men­schen­le­ben unend­lich lan­ge erschei­nen­de 100 Jah­re spä­ter, fin­det der Ers­te Welt­krieg zum „Jubi­lä­um” wie­der Beach­tung.

Dabei gibt es ein Pro­blem: Die Lebens­welt der Men­schen vor 100 Jah­ren ist uns fremd gewor­den — und somit auch die „Urka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts” (Geor­ge F. Kennan).

Der Zwei­te Welt­krieg scheint uns dage­gen leben­dig: An Hol­ly­wood­fil­men oder Fern­seh­do­ku­men­ta­tio­nen zum The­ma herrscht kein Man­gel, eben­so wenig an Zeit­zeu­gen.

Mit dem Ers­ten Welt­krieg sieht es da etwas anders aus: Wie war das damals — wie war Opas Krieg?

Junge deutsche Soldaten während einer Gefechtspause im Ersten Weltkrieg – Symbolbild für „Opas Krieg“

Opas Krieg — Opa twit­tert aus dem Schüt­zen­gra­ben
Foto: Chris­ti­an Mack, Opas Krieg

Hilfreich: Spätgebärende Vorfahren

Doch, ich habe „Glück”.
Mei­ne Eltern (Jahr­gang 1948) waren rela­tiv alt als sie mich (Jahr­gang 1984) in die Welt setz­ten. Mein Opa väter­li­cher­seits wie­der­um war noch älter, als er – lang davor – mei­nen Vater in eben­die­se Welt setz­te.

Das bedeu­tet: Mein Opa, Franz Mack, war dabei.

Dabei im Schüt­zen­gra­ben­krieg des Ers­ten Welt­kriegs an der West­front. Mit­ten­drin in der Schei­ße, im Blut und den Gedär­men, dem Gift­gas und den Schrei­en der Ster­ben­den, im Maschi­nen­ge­wehr­ha­gel und im Artil­le­rie­don­ner des Ers­ten Welt­krie­ges.

Erzählt hat er davon ver­mut­lich nie, wie es für die Kriegs­ge­nera­tio­nen aus bei­den Welt­krie­gen üblich war.
Jeden­falls weiß ich dar­über nichts.

Franz Mack als junger Soldat im Ersten Weltkrieg an der Westfront – historische Erinnerung aus „Opas Krieg“

Franz Mack als Sol­dat im Ers­ten Welt­krieg. Sei­ne Feld­post von der West­front ist Teil der Fami­li­en­ge­schich­te in „Opas Krieg“.

Gebo­ren 1894 in Nürn­berg, 90 Jah­re vor mei­ner eige­nen Geburt, war Opa Franz ein jun­ger Mann von 20 Jah­ren, als er in den Krieg ging..

Gestor­ben ist er 1981, drei Jah­re vor mei­ner Geburt. Opa Franz ken­ne ich also nur aus Erzäh­lun­gen und von alten Fotos.

Und von Feld­post­kar­ten.
Feld­post­kar­ten, die er zwi­schen 1915 und 1917 aus Frank­reich nach Hau­se geschickt hat.

Erster Weltkrieg — 90 Jahre danach

Lesen konn­te ich die­se Kar­ten aber nie.
Denn sie sind in Süt­ter­lin geschrie­ben, womit ich mich bis heu­te äußerst schwer tue.

Fas­zi­niert haben mich die alten Kar­ten, die Oma in einem eben­so alten und selt­sam ange­nehm-mod­rig rie­chen­den Album gesam­melt hat­te, schon immer.

Die Schwarz-Weiß-Foto­gra­fien zer­stör­ter Ort­schaf­ten mit bren­nen­den Kirch­turmrsprit­zen, die insze­nier­te Schüt­zen­gra­ben­ro­man­tik, die etwa eine Grup­pe Sol­da­ten bei der Mor­gen­toi­let­te zeigt, oder die bunt gemal­ten Pro­pa­gan­da-Witz­chen, wo bei­spiels­wei­se ein deut­scher Pickel­hau­ben-Sol­dat als Sinn­bild für den Zwei­fron­ten­krieg an zwei Tischen gleich­zei­tig Skat gegen ande­re Natio­nen spielt – und selbst­ver­ständ­lich gewinnt.

Altes Familienfotoalbum der Familie Mack mit Feldpostkarten und Erinnerungen aus dem Ersten Weltkrieg

Das Foto­al­bum der Fami­lie Mack ent­hält Feld­post­kar­ten aus dem Ers­ten Welt­krieg und doku­men­tiert die „Tour de Franz“.

Einen ers­ten, im Nach­hin­ein betrach­tet sehr gelun­ge­nen Ver­such der Auf­ar­bei­tung von Opas Kriegs­al­bum, hat vor zehn Jah­ren mein Vater unter­nom­men.

Auch er brauch­te wohl ein „run­des Jubi­lä­um” dafür und so mach­ten mei­ne Eltern, mein Bru­der und ich uns 2004 auf nach Frank­reich.

An die Schau­plät­ze der Feld­post­kar­ten von Opa, zur „Tour de Franz”, wie es mein Vater nann­te.

Mein Vater war es auch, der die Rei­se anhand der Feld­post sei­nes Vaters akri­bisch im stil­len Käm­mer­lein aus­ge­tüf­telt hat­te. Er hat­te wohl auch ange­fan­gen, die eine oder ande­re Post­kar­te zu „über­set­zen”. Aller­dings ging es ihm wahr­schein­lich eher um die Gefechts- und Auf­ent­halts­or­te sei­nes Vaters, als um die Schüt­zen­gra­ben-Kor­re­spon­denz von Opa Franz an sich.

Die „Tour de Franz”

Ich weiß noch, dass die­se Rei­se damals schon Ein­druck bei mir hin­ter­las­sen hat­te: Ich war – wie Opa Franz 90 Jah­re zuvor – 20 Jah­re alt, als ich an den Schau­plät­zen der Ver­gan­gen­heit stand.

Als ich in Wald­stü­cken und Äckern immer noch die Wir­kung der Artil­le­rie in Form von tie­fen Kra­tern sehen konn­te, obwohl die Kano­nen seit 90 Jah­ren ver­stummt waren.

Obwohl nach zwei Welt­krie­gen die Nar­ben der Ver­gan­gen­heit in der Euro­zo­ne längst ver­heilt schie­nen und aus „Erb­fein­den” fried­li­che Nach­barn gewor­den waren.

Ehemaliges Schlachtfeld von Verdun nahe dem Beinhaus von Douaumont heute

Schlacht­feld des ers­ten Welt­kriegs in der Nähe der Gedenk­stät­te Bein­haus von Douau­mont (fran­zö­sisch Ossuai­re de Douau­mont) heu­te
By Oeu­vre per­son­nel­le — Pho­to­gra­phie per­son­nel­le pri­se près de l’os­suai­re de Douaumont

Die Unend­lich­keit der so genann­ten „Hel­den­grä­ber”, die wir auf der „Tour de Franz” eben­so besuch­ten wie Fes­tun­gen und Muse­en, mach­ten Ein­druck auf mich. Soweit das Auge reich­te wei­ße Grab­kreu­ze mit Namen gefal­le­ner Sol­da­ten. Fran­zo­sen und Deut­sche.

Alle in dem Alter in dem ich damals war.

Alle in dem Alter, in dem Opa vor jetzt genau 100 Jah­ren war, als er in den Krieg zog.

Die vom Krieg unversehrte Familie Mack

Wei­te­re zehn Jah­re, den Tod des eige­nen Vaters und ein wei­te­res „Jubi­lä­um” hat es seit der „Tour de Franz” für mich gebraucht, bis ich mich erneut für Opas Post­kar­ten inter­es­siert habe.

Vor gut einem Jahr fie­len sie mir noch ein­mal in die Hand und ich stell­te fest: Anders als in vie­len ande­ren deut­schen Fami­li­en, kehr­ten die Söh­ne der Macks alle­samt von der Front zurück.

Für Opa Franz war der Krieg am 8. Mai 1917 vor­bei, als er von einem oder meh­re­ren Gra­nat­split­tern aus deut­scher Artil­le­rie in den Rücken getrof­fen wur­de.

Die nächs­ten 16 Mona­te muss­te er im Laza­rett ver­brin­gen, wo er in zwei Ope­ra­tio­nen wie­der zusam­men­ge­flickt wer­den muss­te.

Die­ser „Hei­mat­schuss”, iro­ni­scher­wei­se tat­säch­lich aus „hei­mi­schen” Kano­nen abge­feu­ert, brach­te ihm zeit­le­bens eine Behin­de­rung von 70 Pro­zent ein.

Soweit ich weiß, muss einer der Gra­nat­split­ter sei­ne Bla­se erwischt haben, wes­halb er sein Leben lang Pro­ble­me beim „Was­ser las­sen” hat­te.

Opas Feld­post brach­te aber auch Erkennt­nis­se über die Fami­li­en­struk­tur der Macks.
Anders als bei mei­nen Ver­wand­ten müt­ter­li­cher­seits, die einen sehr engen Kon­takt unter­ein­an­der pfle­gen, kann ich die ver­wor­re­nen Wur­zeln des Mackschen Fami­li­en­stamm­baums bis­lang noch nicht so recht entwirren.


Mehr lesen: Opa twittert aus dem Schützengraben

Im Febru­ar 2015 ist Opa Franz wie­der auf­er­stan­den und ver­schickt sei­ne Feld­post noch ein­mal. Ver­öf­fent­licht wird sie von mir seit­her „tages­ak­tu­ell von vor 100 Jah­ren”. Und zwar für alle sicht­bar im Inter­net.

Kon­kret heißt das: Ich ver­schi­cke über den X‑Account “Opas­Krieg” die Feld­post von Franz Mack, aber auch die Post­kar­ten an ihn und eini­ge sei­ner Ver­wand­ten. Zusätz­lich gibt es wei­te­re Infor­ma­tio­nen auf der eigens dafür ein­ge­rich­te­ten Web­site www​.opas​krieg​.de.


Agen­tur für Bild­bio­gra­phien, www​.bild​bio​gra​phien​.de, 2015

Mehr lesen:

Ver­dun ist eine klei­ne Stadt ohne gro­ße Bedeu­tung. Eigent­lich ist sie kaum der Rede wert. Doch dann beginnt am Mor­gen des 21. Febru­ar 1916 die deut­sche Ope­ra­ti­on „Gericht“ und lässt die beschau­li­che Klein­stadt Ver­dun wie 27 Jah­re spä­ter auch Sta­lin­grad zum Syn­onym für die Grau­sam­keit und Sinn­lo­sig­keit von Krie­gen wer­den.
Vor 100 Jah­ren: Die Höl­le von Verdun


Weiterführende Beiträge im Generationengespräch

Die Kai­ser­zeit : Die wil­hel­mi­ni­sche Epo­che und ein Kai­ser auf der Suche nach dem “Platz an der Son­ne”- zu Beginn des kri­sen­ge­schüt­tel­ten 20. Jahr­hun­derts ein­fach der fal­sche Mann am fal­schen Platz. Über den letz­ten deut­schen Kai­ser, sei­ne Zie­le und Plä­ne, sei­ne Unter­ta­nen — und sei­ne Schif­fe.
Ein Platz an der Son­ne oder: Wil­helm, das “Groß­maul”

Fami­li­en­ge­schich­te: In alten Foto­gra­fien kann ziem­lich viel „Kri­mi“ ste­cken. Wenn man genau hin­sieht, offen­ba­ren sie manch­mal völ­lig neue Aspek­te in der Fami­li­en­ge­schich­te. Oder neue Geheim­nis­se.
Pupp­chen, Du bist mein Augenstern

Alte Foto­gra­fien und Doku­men­te fin­den sich oft an den unmög­lichs­ten Stel­len. Oft sind sie dort, wo man sie nie­mals ver­mu­tet hät­te. Ein klei­ner Tipp für alle, die immer mal wie­der zufäl­lig über schö­ne und beson­de­re Fund­stü­cke stol­pern: ein Ord­ner, ein paar Ein­steck­fo­li­en, Trenn­blät­ter und ein win­zi­ges Plätz­chen im Regal oder Bücher­schrank.
Was tun mit alten Fami­li­en­fo­tos und Dokumenten?

Geschich­te im Über­blick: Was war eigent­lich in den letz­ten 300 Jah­ren los, wel­che Stim­mun­gen und Strö­mun­gen gab es — und war­um lagen die Gene­ra­tio­nen vor uns manch­mal so kom­plett dane­ben?
Das Gene­ra­tio­nen­ge­spräch im Über­blick mit Bio­gra­fien, Geschich­te und Geschich­ten, die unse­re Welt zu dem gemacht haben, die sie heu­te ist.
Das Gene­ra­tio­nen­ge­spräch: Geschichte(n) im Überblick


Link­emp­feh­lung

Urgroß­va­ter im Ers­ten Welt­krieg: Das Bun­des­ar­chiv prä­sen­tiert auf die­sem Por­tal als 700.000 digi­ta­li­sier­te Sei­ten aus den Akten des Ers­ten Welt­kriegs, Doku­men­te und Fotos zu zahl­rei­chen Ein­zel­the­men und wei­te­re Ange­bo­te für Recher­che und Wei­ter­bil­dung rund um den Ers­ten Welt­krieg.
https://​www​.erst​erwelt​krieg​.bun​des​ar​chiv​.de/​g​e​n​e​a​l​o​g​i​e​.​h​tml


Bild­nach­wei­se

Agen­tur für Bild­bio­gra­phien (Ori­gi­nal Chris­ti­an Mack)
Chris­ti­an Mack, Opas Krieg – Opa twit­tert aus dem Schüt­zen­gra­ben

By Oeu­vre per­son­nel­le — Pho­to­gra­phie per­son­nel­le pri­se près de l’os­suai­re de Douau­mont, Public Domain


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Susan­ne Autorin bei Gene­ra­tio­nen­ge­spräch & Agen­tur für Bildbiographien
Dr. Susan­ne Gebert schreibt über Psy­cho­lo­gie, Fami­li­en­ge­schich­te und emo­tio­na­le Prä­gun­gen. In ihrem Blog „Gene­ra­tio­nen­ge­spräch“ zeigt sie, wie unse­re Kind­heit uns formt – und wie wir uns von alten Mus­tern lösen können. 

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