Vom It-Girl zur Walküre

Adolf Hitler und die Frauen

Unity Val­ky­rie Mit­ford ist in den 1930er Jah­ren eines der ange­sag­tes­ten „It-Girls“ der fei­nen Lon­do­ner Gesell­schaft, ver­wandt mit jedem, der in Groß­bri­tan­ni­en Rang und Namen hat. Sie ist schön, exzen­trisch und wild, wird zur glü­hen­den Faschis­tin und fasst den Plan, Adolf Hit­ler ken­nen zu ler­nen. Ihr Plan gelingt, aber Hit­lers „Gunst“ stürzt auch sie – wie vie­le ande­re — ins Ver­der­ben. Unity Mit­fordTeil 1


Es war ihre älte­re Schwes­ter Dia­na, die klas­si­sche Schön­heit der Fami­lie und Miss Eng­land des Jah­res 1932, die Unity Mit­fords Leben zwei­mal ent­schei­dend ver­än­der­te.

Das ers­te Mal im Jahr 1929, als Dia­na mit der “hei­ßes­te Par­tie” des bri­ti­schen Hei­rats­mark­tes, dem mil­lio­nen­schwe­ren Erben des Bier- und Whis­ky­im­pe­ri­ums Bryan Guin­ness, vor dem Trau­al­tar steht.

Die damals 15jährige Unity Val­ky­rie Mit­ford ist nur eine von vie­len – eine von ins­ge­samt elf Braut­jung­fern (ihren zwei­ten Vor­na­men „Val­ky­rie“ ver­dankt Unity übri­gens ihrem Groß­va­ter, dem ers­ten Baron Redes­da­le, der ein gro­ßer Ver­eh­rer Richard Wag­ners war).
Aber schon bald nach der Hoch­zeit des Jah­res erobert sie als Dia­nas klei­ne Schwes­ter die Lon­do­ner Sze­ne für sich.

Aus der adli­gen Land­po­me­ran­ze Unity wird dank der guten Kon­tak­te ihres neu­en Schwa­gers schnell ein gefei­er­tes „It-Girl“, das gemein­sam mit ihrer schö­nen Schwes­ter zu den exklu­sivs­ten Bäl­len und Par­tys der Lon­do­ner jeu­nesse dorée ein­ge­la­den wird.

Dort wird sie mehr und mehr zum gla­mou­rö­sen Mit­tel­punkt — schließ­lich lädt man die wil­den “Mit­ford-Sis­ters” immer mit der Hoff­nung ein, dass sie wenigs­tens für einen klei­nen Skan­dal zu haben sind.

Unity ist immer für einen Skan­dal zu haben. Auch für einen gro­ßen.

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Die pol­ti­schen Ereig­nis­se in den Wochen und Mona­ten vor Kriegs­aus­bruch, und die Sor­gen und Ängs­te der “ein­fa­chen” Deut­schen und Bri­ten. Ein groß­ar­ti­ges Buch, das nicht nur die Abwärts­spi­ra­le jener Tage in der ‘gro­ßen’ Poli­tik beschreibt, son­dern sehr genau hin­sieht, was die Men­schen gefühlt und gedacht haben. Sehr span­nend geschrie­ben — ein Geschichts­buch, das unter die Haut geht! Fre­de­rick Tay­lor, Der Krieg, den kei­ner woll­te: Bri­ten und Deut­sche: Eine ande­re Geschich­te*, Sied­ler Ver­lag, Gebun­den, 2019


Die wilden Mitford-Schwestern

Unity ist nicht nur seit ihrer frü­hes­ten Kind­heit kaum zu bän­di­gen, son­dern wächst auch optisch zu einer Debü­tan­tin mit beträcht­li­chem Aus­maß her­an: Mit ihrer Kör­per­grö­ße von über 1 Meter 80 über­ragt sie fast alle, dazu kom­men ihre üppi­ge blon­de Haar­mäh­ne und ihre unge­zähm­ter Lust zur Pro­vo­ka­ti­on.

Sie sähe aus „wie ein rie­si­ger Pfau“ schreibt ihre jün­ge­re Schwes­ter Jes­si­ca vol­ler Bewun­de­rung (ins­ge­samt gibt es sechs „Mit­ford-Sis­ters“ und einen Bru­der).

Genüss­lich wer­den die Allü­ren von Dia­na und Unity von allen bri­ti­schen Gazet­ten auf­ge­grif­fen und bis ins letz­te skan­da­lö­se Detail berich­tet. Damit fin­den sie immer schnell den Weg von Lon­don nach Swin­brook, dem Sitz der Fami­lie, und dürf­ten den geplag­ten Eltern eini­ge Male Toast und Earl-Grey zum Früh­stück ver­dor­ben haben.

Wenn ich lese ‚gewis­se Töch­ter eines Lords‘, genügt mir das. Es seid immer ihr”, schreibt Lady Redes­da­le, ihre ent­nerv­te Mut­ter.

Für Lady Redes­da­le kommt es aber noch schlim­mer.
Weni­ge Jah­re nach ihrer Traum­hoch­zeit mit Bryan Guin­ness lernt Unitys Schwes­ter Dia­na auf einem Mas­ken­ball den Mil­lio­när und Poli­ti­ker Oswald Mos­ley ken­nen und ver­liebt sich Hals über Kopf in den schnei­di­gen, ganz in faschis­ti­sches Schwarz geklei­de­ten, 15 Jah­re älte­ren „Lea­der“ der „BUF“ (Bri­tish Uni­on of Fascists).

Dia­na lässt ihren Ehe­mann und Whis­ky­er­ben Bryan Knall auf Fall sit­zen und zieht mit ihren bei­den klei­nen Kin­dern in ein ele­gan­tes Haus am Eaton Squa­re, um Mos­leys offi­zi­el­le Gelieb­te zu wer­den.
An eine Schei­dung von sei­ner schö­nen Frau Cyn­thia („Cim­mie“) denkt Dia­nas neu­er Lieb­ha­ber Mos­ley nicht im Traum, schließ­lich ist sei­ne Gat­tin nicht Irgend­wer, son­dern die zweit­äl­tes­te Toch­ter des ehe­ma­li­gen Vize­kö­nigs von Indi­en, Lord Cur­zon.

Oswald Mosley und der britische Flirt mit den Nationalsozialisten

Mos­leys Schwie­ger­va­ter ist unge­heu­er reich und hat Ein­fluss.
Das sind aller­dings nicht die haupt­säch­li­chen Grün­de, die Mos­ley von einer Schei­dung abhal­ten. Eine Tren­nung von Cim­mie kommt für in wohl in ers­ter Linie des­halb nicht infra­ge, weil bei ihrer Hoch­zeit im Jahr 1920 fast der gesam­te euro­päi­sche Hoch­adel ein­schließ­lich vie­ler Mit­glie­der des eng­li­schen Königs­hau­ses zu den Gäs­ten zähl­ten.
Das ver­pflich­tet, sogar einen wie Mos­ley.

Auf der Jagd

Für die leid­ge­prüf­ten Eltern der wil­den Schwes­tern kommt es aber noch schlim­mer, denn im Juni 1933 lernt auch ihre jün­ge­re Toch­ter Unity den neu­en Gelieb­ten ihrer Schwes­ter ken­nen und schät­zen.

Mos­leys Theo­ri­en zu Faschis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus inter­es­sie­ren sie wenig, aber der attrak­ti­ve Typ in sei­ner schwar­zen Par­tei­uni­form gefällt ihr; eben­so die Marsch­mu­sik, die Kampf­ge­sän­ge und Heil­ru­fe, kurz­um der gesam­te Radau, der zu jedem BUF-Auf­tritt gehört.

Unity wird schnell zur begeis­ter­ten Anhän­ge­rin und ver­kauft – als fei­ne Aris­to­kra­tin, die bis dahin jede gewöhn­li­che Tätig­keit als lang­wei­lig abge­tan hat­te – in (maß­ge­fer­tig­ter) Par­tei­uni­form geklei­det auf der Stra­ße das BUF-Blatt „The Blackshirt“.

Mehr und mehr begeis­tert sich die Lady aber auch für den “ech­ten” Füh­rer und beschließt, nach Mün­chen zu rei­sen, um Adolf Hit­ler per­sön­lich ken­nen zu ler­nen.

Ihre ers­te Rei­se nach Deutsch­land unter­neh­men die bei­den umtrie­bi­gen Schwes­tern Unity und Dia­na im Jahr 1933, dem Jahr der „Macht­er­grei­fung“.

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Ber­lin 1933. Gere­on Raths fünf­ter Fall führt sei­ne Leser direkt in die Zeit der ‘Macht­er­grei­fung’: Reichs­tags­brand, Kom­mu­nis­ten­het­ze, die letz­te Reichs­tags­wahl im März 1933. Hit­ler-Geg­ner, sei­ne Befür­wor­ter — und die gro­ße schwei­gen­de Mehr­heit, die hofft, dass die­ser Spuk bald vor­bei sein wird. Span­nen­des Info­tain­ment UND span­nen­der Kri­mi — sehr lesens­wert! Vol­ker Kut­scher, März­ge­fal­le­ne*, KiWi-Taschen­buch, März 2016 (März­ge­fal­le­ne Gra­tis-Down­load im Audi­ble-Pro­be­mo­nat)


Ernst Hanf­sta­en­gel (‚Put­zi‘), Aus­lands­pres­se­chef der NSDAP, soll dabei hel­fen: Man kennt und schätzt sich von meh­re­ren Par­tys der fei­nen Lon­do­ner Gesell­schaft.
Aller­dings haben die Schwes­tern ‚Putzis‘ Ein­fluss­mög­lich­kei­ten falsch ein­ge­schätzt – eben­so wie ihre eige­ne Wir­kung.

Hanf­sta­en­gel schreibt spä­ter in sei­nen Memoi­ren:

…Sie waren sehr hübsch, aber bis über die Augen­brau­en der­art zurecht gemacht, dass sie zu den neu­er­dings ver­kün­de­ten Idea­len deut­schen Frau­en­tums in kras­sem Wider­spruch stan­den. Sie hat­ten die fes­te Absicht, bis zu Hit­ler vor­zu­drin­gen. Auf dem Weg zu sei­nem Hotel ‚Deut­scher Hof‘ gab es so vie­le Kom­men­ta­re von Vor­über­ge­hen­den, dass ich mit den bei­den Schwes­tern hin­ter einer Wurst­bu­de in Deckung ging. Ich zog mein gro­ßes Taschen­tuch her­aus und sag­te: „Mei­ne Lie­ben, so geht es auf kei­nen Fall. Sie haben nicht die gerings­ten Aus­sicht, ihn zu spre­chen, wenn Sie sich nicht das Zeug vom Gesicht wischen.“

Ernst S. Hanf­sta­engl,  Zwi­schen Wei­ßem und Brau­nem Haus. Memoi­ren eines poli­ti­schen Außen­sei­ters


Bundesarchiv Bild 102-10460, Adolf Hitler, Rednerposen“ von Bundesarchiv, Bild 102-10460 / Hoffmann, Heinrich / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons
Bun­des­ar­chiv Bild 102–10460, Adolf Hit­ler, Red­ner­po­sen“

Doch auch ohne Make Up und dem deut­schen Frau­en­tum ent­spre­chend zurecht­ge­macht, gelingt es den bei­den Schwes­tern nicht, bis zu „IHM“ vor­zu­drin­gen. Immer­hin dür­fen sie den Füh­rer mehr­mals bei öffent­li­chen Auf­trit­ten bewun­dern.

„Als ich Adolf Hit­ler sah, wuss­te ich, dass ich nie­man­den ande­ren lie­ber tref­fen wür­de!“, schreibt Unity spä­ter.

Eine Urgroßmutter namens ‘Fish’

Der Win­ter 1933/34 muss für Lord und Lady Redes­dale eine ech­te Eltern-Höl­le gewe­sen sein.
Ihre aus Deutsch­land zurück­ge­kehrte und von Hit­ler beseel­te 19jährige Toch­ter Unity ver­bringt ihre Tage mit dem Sor­tie­ren unzäh­li­ger Hit­ler-Foto­gra­fi­en und spielt wäh­rend­des­sen stän­dig und in dröh­nen­der Laut­stärke das Horst-Wes­sel-Lied auf ihrem Gram­mo­phon ab.

Ihr Zim­mer ist deko­riert mit Haken­kreuz­fah­nen und Hit­ler­bil­dern, und zu jeder Gele­gen­heit ent­bie­tet sie den „deut­schen Gruß“ oder ver­kün­det laut­stark natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Paro­len.

Unitys drei Jah­re jün­gere Schwes­ter Jes­sica hat zwi­schen­zeit­lich ihre Lie­be zum Kom­mu­nis­mus ent­deckt und ver­teilt Lenin-Büs­ten im Haus.
(Weni­ge Jah­re spä­ter brennt sie – noch min­der­jäh­rig – mit einem Nef­fen Wins­ton Chur­chills durch, um im spa­ni­schen Bür­ger­krieg gegen die Faschis­ten zu kämp­fen.)

Die explo­sive Stim­mung auf dem Fami­li­en­sitz Swin­brook droht end­gül­tig zu eska­lie­ren, als die ältes­te Schwes­ter des Sex­tetts, die spä­te­re Schrift­stel­le­rin Nan­cy Mit­ford, plötz­lich behaup­tet, im Stamm­baum der Fami­lie eine jüdi­sche Urgroß­mut­ter namens Fish ent­deckt zu haben, und ankün­digt, Dia­nas Gelieb­ten Mos­ley zu infor­mie­ren, dass die Schwes­tern zu einem Sech­zehn­tel Juden sei­en.

Vater Lord Redes­dale gilt zwar sogar für bri­ti­sche Ver­hält­nisse als Exzen­tri­ker und ver­schreckt ger­ne Nach­barn, Freun­de und Ver­wandte mit sei­nen unver­blümt vor­ge­tra­ge­nen und har­schen Mei­nun­gen.
Aber aus­ge­rech­net sei­ne Töch­ter, die er abgöt­tisch liebt, schei­nen ihn in die­ser Hin­sicht noch zu über­trump­fen.
Ver­mut­lich ist es rei­ne Not­wehr als sich Lord und Lady schließ­lich von ihrer Toch­ter Unity über­re­den las­sen, für sie ein Sprach­stu­dium in Deutsch­land zu finan­zie­ren.

Viel­leicht haben sie auch einen klei­nen Fun­ken Hoff­nung, ihre wil­de und unbän­dige Toch­ter könn­te end­lich etwas Sinn­vol­les mit ihrem Leben anfan­gen.

Das kurze Leben der Unity Mitford

Wer ist dieses Urbild einer Germanin?

Im Früh­jahr 1934 reist Unity mit einer groß­zü­gi­gen väter­li­chen Apa­nage von 100 Pfund im Gepäck wie­der nach Deutsch­land, quar­tiert sich dort im vor­neh­men Mäd­chen­pen­sio­nat der Baro­nin Laro­che in der König­straße in Mün­chen ein und begibt sich erneut auf die Jagd.

Gleich nach ihrer Ankunft schreibt sie an Hit­ler, bekommt aber nie eine Ant­wort. Schließ­lich schafft sie es, sei­ne pri­vate Tele­fon­num­mer her­aus­zu­fin­den, er ist aber nie zu spre­chen. Von ihrem Fri­seur bekommt sie den Tipp, dass Hit­ler samt Gefol­ge ger­ne in der „Oste­ria Bava­ria“ in Schwa­bing spei­se und geht fort­an jeden Tag zum Mit­­­tag- und zum Abend­es­sen dort­hin.

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Die Macht­er­grei­fung 1933, der Mythos ‘Auto­bahn­bau’, Röhm-Putsch, Volks­ge­mein­schaft und die Olym­pia­de 1936, aber auch ein sehr gut recher­chier­ter und aus­führ­li­cher Bei­trag über Hit­lers Wer­de­gang - span­nend, über­sicht­lich und sehr infor­ma­tiv beschrie­ben und in tol­len Bil­dern dar­ge­stellt. Ein lesens­wer­ter Blick hin­ter die Kulis­sen der ers­ten 1000 Tage des Nazi-Regimes. GEO Epo­che, Deutsch­land unter dem Haken­kreuz, Teil 1: 1933 — 1936. Die ers­ten 1000 Tage der Dik­ta­tur*, Gru­ner + Jahr, 2013


Es dau­ert zehn Mona­te, bis Adolf Hit­ler sich end­lich ken­nen­ler­nen lässt.
Unity sitzt hart­nä­ckig jeden Mit­tag und jeden Abend mit auf­ge­schla­ge­nen Deutsch­bü­chern in der Nähe des Stamm­ti­sches, an dem sich der “Füh­rer” mit­samt sei­ner Entou­rage nie­der­zu­las­sen pfle­gt, wenn er in Mün­chen ist und ihm der Sinn nach böh­misch-öster­rei­chi­scher Küche steht.

Beim Mit­tag­es­sen am 9. Febru­ar 1935 ist es dann end­lich soweit: „ER“ wird auf Unity auf­merk­sam und soll sich mit den Wor­ten „Wer ist denn die­ses Urbild einer Ger­ma­nin?“ nach ihr erkun­digt haben.
Unity wird an sei­nen Tisch gebe­ten.

Spä­ter schreibt sie über­glück­lich an ihre Schwes­ter Dia­na:

„…Ich stand auf und ging zu sei­nem Tisch. Er stand auf, schüt­telte mir die Hand, grüß­te … wir spra­chen min­des­tens eine hal­be Stun­de mit­ein­an­der. …
Er ließ mich mei­nen Namen auf einen Zet­tel schrei­ben, was ich, wie du mir glau­ben kannst, mit zit­tern­der Hand tat … Ich kann dir nicht alles schrei­ben, wor­über wir spra­chen … er habe das Gefühl, Lon­don durch sei­ne Archi­tek­tur­stu­dien gut zu ken­nen, und aus dem, was er gehört und gele­sen habe … sei Lon­don die bes­te Stadt der Welt … nie wie­der dür­fe es dem inter­na­tio­na­len Juden­tum erlaubt wer­den, zwei nor­di­sche Ras­sen gegen­ein­an­der zu het­zen … schließ­lich muss­te er gehen.
Den Zet­tel mit mei­ner Adres­se steck­te er ein … mei­nen Lunch ließ er auf sei­ne Rech­nung set­zen. Du kannst dir vor­stel­len, wie ich mich füh­le. Ich bin so glück­lich, dass ich am liebs­ten ster­ben möch­te. Ich glau­be, dass ich das glück­lichste Mäd­chen der Welt bin. Und ich habe nichts geleis­tet, wodurch ich die­se Ehre ver­dient hät­te.“


Hitler und die Frauen

Unge­ach­tet sei­nes sorg­fäl­tig auf­ge­bau­ten Images als Mann ohne Pri­vat­le­ben, der in völ­li­ger Aske­se nur für Volk und Vater­land lebt, hat­te Hit­ler ein sehr gro­ßes Inter­esse an Frau­en (und sie an ihm); vor allem an sol­chen, die leicht zu beherr­schen und deut­lich jün­ger als er waren.

Gegen­über Frau­en konn­te der Mas­sen­mör­der von einer aus­ge­such­ten Höf­lich­keit sein“, schreibt Klaus Wieg­refe in sei­nem Arti­kel „Die Braut des Bösen“.

Unitys Schwes­ter Dia­na erin­nert sich spä­ter:

Bundesarchiv, Bild 183-S33882, Hitler, Adolf: Reichskanzler, Deutschland, 20 April 1937
Bun­des­ar­chiv, Bild 183-S33882, Hit­ler, Adolf: Reichs­kanz­ler, Deutsch­land, 20 April 1937

„…Hit­ler war zu die­ser Zeit 45 Jah­re alt, ca. 1 m 75 groß, weder dick noch dünn. Er hat­te dun­kel­blaue Augen, eine hel­le Haut und fei­ne, brau­ne – stets gut gebürs­tete – Haa­re … Er bot einen der­art sau­be­ren und ordent­li­chen Anblick, dass fast jeder neben ihm unge­pflegt wirk­te …

(In der Oste­ria:) Neben sei­nem Adju­tan­ten, meist Brück­ner oder Schaub, waren oft ein paar alte Freun­de, meist Män­ner, aber auch eini­ge Frau­en anwe­send … häu­fig Hoff­mann, der Foto­graf, und Herr Wer­lin von Mer­ce­des-Benz.

Es ging uns auf die Ner­ven, wenn sich die Kon­ver­sa­tion Autos zuwand­te. Der Füh­rer war höchst inter­es­siert an Moto­ren und besaß augen­schein­lich pro­funde Kennt­nisse, wir aber lang­weil­ten uns.
Wie vie­le Poli­ti­ker lieb­te er es über Poli­tik zu reden … Sein Essen war karg. Als Vege­ta­rier aß er Eier und Mayon­naise, Gemü­se und Nudeln und trank Fach­in­ger-Was­ser. In der Oste­ria wuss­ten sie genau, was er woll­te. Zu Frau­en war er außer­ge­wöhn­lich höf­lich. Er ver­beugte sich und küss­te die Hand, wie das in Deutsch­land und Frank­reich üblich ist …“

Nach­dem das Ken­nen­ler­nen geschafft war, ist Unity mehr Feu­er und Flam­me denn je.
Bereits am 10. April 1935 sieht man sie an Hit­lers Sei­te beim gesell­schaft­li­chen NS-Groß­ereig­nis des Jah­res, der Hoch­zeit Her­mann Görings mit der Schau­spie­le­rin Emmy Son­ne­mann.

Vie­le wei­te­re gemein­sa­me Auf­trit­te öff­nen der 21jährigen Bri­tin in kur­zer Zeit nicht nur sämt­li­che gesell­schaft­li­che Türen in der neu­en High-Socie­ty des Drit­ten Rei­ches; hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand wird bald über Hit­lers neus­te „First Lady“ gemun­kelt.

Dass es da eigent­lich schon eine ande­re gibt, wird Unity sehr schnell zuge­tra­gen:
Sie kann es kaum fas­sen, als man ihr von Hit­lers mehr­jäh­ri­gen Bezie­hung zu einem klei­nen Laden­mäd­chen namens Eva Braun berich­tet, die im Foto­ge­schäft von Hit­lers Lieb­lings­fo­to­gra­fen Hein­rich Hoff­mann arbei­ten soll.

Adolf Hitler und Eva Braun auf dem Berghof“ by Bundesarchiv, B 145 Bild-F051673-0059 / CC-BY-SA 3.0
Adolf Hit­ler und Eva Braun auf dem Berg­hof“ by Bun­des­ar­chiv, B 145 Bild-F051673-0059 / CC-BY-SA 3.0

Mit dem Selbst­be­wusst­sein der bri­ti­schen Upper­class beschließt Unity, den Stier bei den Hör­nern zu packen und sich die­ses „Fräu­lein Braun“ genau­er anzu­se­hen.

Als sie in Hoff­manns Foto­ge­schäft ihrer mut­maß­li­chen Neben­buh­le­rin Eva Braun gegen­über­steht, um dort einen Film zum Ent­wi­ckeln abzu­ge­ben, ist Unity zunächst beru­higt. Die­ses schüch­tern wir­ken­de, ein­fach geklei­de­te Mäd­chen soll die Gelieb­te des „Füh­rers“ sein?

No way!
Aber dann – so will es zumin­dest die Anek­do­te – fällt Unitys Blick beim Ver­las­sen des Ladens auf Eva Brauns Schu­he: Ein luxu­riö­ses und sünd­haft teu­res Paar von Fer­ra­ga­mo aus Flo­renz, das es in Deutsch­land nicht zu kau­fen gibt.

Ab die­sem Moment soll Unity Mit­ford klar gewe­sen sein, dass sie nicht außer Kon­kur­renz läuft.


Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, 2015 (Über­ar­bei­tet 2019)

Lesen Sie im zwei­ten Teil: „Wir nann­ten sie die däni­sche Kuh, weil sie so groß, stark und dumm war.“ Nach­dem Unity Val­ky­rie Mit­ford end­lich den “Füh­rer” ken­nen­ge­lernt hat, beglei­tet sie ihn so oft, dass ihr Name von “Mit­ford” zu “Mit­fahrt” ver­ball­hornt wird. Offi­zi­ell geht es ihr nur um “die Sache”, aber es gibt vie­les, das auf Lie­be hin­weist. Ein deutsch-bri­ti­sches Tech­tel­mech­tel mit Fol­gen?
Hit­lers It-Girl

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Hit­ler und die Frau­en Ein span­nen­des Buch über die Frau­en der Nazi­grö­ßen und ein her­vor­ra­gen­der Blick hin­ter die Kulis­sen der NS-High­so­cie­ty, durch den man vie­les viel bes­ser ver­ste­hen und nach­voll­zie­hen kann.
Sehr gut geschrie­ben und sehr lesens­wert!

Anna Maria Sig­mund, Die Frau­en der Nazis*. Wil­helm Hey­ne Ver­lag, Mün­chen, 2013

Die His­to­ri­ke­rin Hei­ke Gör­te­ma­ker in einem span­nen­den Buch über Hit­lers ‘inner cir­cle’ und die High-Socie­ty der Natio­nal­so­zia­lis­ten. Span­nend zu lesen — und inter­es­sant zu wis­sen, dass auch nach der “Stun­de Null” vie­le alte Seil­schaf­ten wei­ter­hin bestan­den und funk­tio­nier­ten. Hei­ke Gör­te­ma­ker: Hit­lers Hof­staat. Der inne­re Kreis im Drit­ten Reich und danach*, C.H.Beck Ver­lag, 2019

Basie­rend auf Tage­buch­no­ti­zen und Brie­fen von Unity Mit­ford, Pola Negri und vie­len ande­ren wird die dra­ma­ti­sche Zwi­schen­kriegs­zeit 1918 bis 1939 mit Spiel­sze­nen und bis­lang unver­öf­fent­lich­tem Ori­gi­nal-Film­ma­te­ri­al per­fekt in Sze­ne gesetzt. Kei­ne Wis­sen­schaft­ler aus dem Off — son­dern Men­schen, ihre Träu­me und Schick­sa­le zusam­men­ge­fasst in tol­len neu­en und alten Bil­dern, die uns ihre Zeit nahe brin­gen. Sehens­wert! Krieg der Träu­me 1918–1939 [3 DVDs]*, 2018, FSK 12

Das Lebens­ge­fühl der Deut­schen Ende der 1920er Jah­re
und ein packen­der Kri­mi — nach den ‘Gere­on Rath’-Romanen von Vol­ker Kut­scher, von Tom Tykwer per­fekt ein­ge­fan­gen in tol­len Bil­dern. Sehr emp­feh­lens­wert für alle, die Zeit­ge­schich­te nicht nur mit Zah­len und Fak­ten ver­ste­hen, son­dern sie mit­er­le­ben wol­len. Sehens­wert!
Tom Tykwers Baby­lon Ber­lin Staf­fel 1 + 2*, 2018, FSK 12

Ber­lin 1934. Wie in allen Büchern der Gere­on-Rath-Rei­he geht es nicht nur um Spiel, Spaß und Kri­mi, son­dern auch um das Leben der Men­schen und ihre Beweg­grün­de. Im 6. Fall beschreibt Vol­ker Kut­scher atmo­sphä­risch dicht die Situa­ti­on der Deut­schen im Früh­jahr 1934, ein Jahr nach der Macht­er­grei­fung und kurz vor dem soge­nann­ten “Röhm-Putsch”. Ein Kri­mi-Histo­ry-Sah­ne­schnitt­chen — sehr lesens­wert! Vol­ker Kut­scher, Lun­a­park*, KiWi-Taschen­buch, März 2018 (Lun­a­park Gra­tis-Down­load im Audi­ble-Pro­be­mo­nat)

Die Macht­er­grei­fung 1933, der Mythos ‘Auto­bahn­bau’, Röhm-Putsch - und vie­les mehr über­sicht­lich und sehr infor­ma­tiv beschrie­ben und mit tol­len Bil­dern gezeigt. Der Wer­de­gang und die ers­ten 1000 Tage des Nazi-Regimes aus­ge­zeich­net erklärt und dar­ge­stellt — sehr emp­feh­lens­wer­ter Lese­stoff!.
GEO Epo­che, Deutsch­land unter dem Haken­kreuz, Teil 1: 1933 — 1936. Die ers­ten 1000 Tage der Dik­ta­tur*, Gru­ner + Jahr, 2013

Die Geschich­te der Deut­schen gut, über­sicht­lich und ver­ständ­lich erklärt. Neben allen wich­ti­gen Daten und Fak­ten gibt es vie­le Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Anek­do­ten, die das Lesen zum Ver­gnü­gen machen und das Ver­ste­hen von his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen erleich­tern. Für’s Nach­schla­gen und zum Quer­le­sen pri­ma geeig­net. Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2012


Wei­ter­füh­ren­de Bei­trä­ge:

Hit­ler Bio­gra­fie: Der Wer­de­gang Adolf Hit­lers vom geprü­gel­ten Sohn eines „erzie­hen­den“ Vaters und einer lie­be­vol­len, aber schwa­chen Mut­ter zu einem der grau­sams­ten Dik­ta­to­ren der Mensch­heit.
Vom ver­bor­ge­nen zum mani­fes­ten Grau­en: Kind­heit und Jugend Adolf Hit­lers

Hit­lers Mut­ter Kla­ra: Für die dama­li­ge Zeit hat­te Adolf Hit­ler eine ganz „nor­ma­le“ Kind­heit. Dis­zi­plin, Gehor­sam und Füg­sam­keit waren jahr­hun­der­te­lang nicht nur ers­te Untertanen‑, son­dern auch obers­te Kin­der­pflicht. Und so wächst Adolf Hit­ler auf wie vie­le ande­re auch: Als Sohn eines ‘erzie­hen­den’ — prü­geln­den — Vaters und einer Mut­ter, die zwar lie­be­voll, aber auch schwach ist.
Hit­lers Mut­ter Kla­ra

Welt­wirt­schafts­kri­se 1929: Tat­säch­lich ist der „Schwar­ze Frei­tag“ ein Don­ners­tag. Am 24. Okto­ber 1929 begin­nen an der New Yor­ker Wall Street die Akti­en­kur­se zu rut­schen. Gegen Mit­tag wird aus Ner­vo­si­tät Panik, der Dow Jones sackt ab, der Han­del bricht mehr­mals zusam­men. Der Crash wird schließ­lich zur Wirt­schafts­kri­se, als jeder ver­sucht zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist — egal, zu wel­chem Preis.
Der Schwar­ze Frei­tag: Vom Bör­sen­krach zur Welt­wirt­schafts­kri­se

Adolf Hit­ler und sei­ne Anhän­ger. Wer folg­te den Natio­nal­so­zia­lis­ten und was bringt Men­schen dazu, zu Mör­dern zu wer­den?
Die Erlaub­nis zu has­sen

Kind­heit & Lebens­glück: Die Kind­heit ist die prä­gends­te Zeit in unse­rem Leben. Über Müt­ter und Väter, Geschwis­ter­lie­be, trans­ge­nera­tio­na­le Ver­er­bung und Kind­heits­mus­ter, die uns unser gesam­tes Leben beglei­ten.
Kin­der, Kin­der

Das Genera­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert

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Rein­hard Kai­ser: Wit­ze und Wun­den — Über Unity Mit­fords Schwes­ter Nan­cy und ihre Roma­ne:
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Spie­gel Online Eines­Ta­ges: Die Frau an Hit­lers Sei­te. Braut des Bösen
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Spie­gel Online Eines­Ta­ges: Die ver­rück­ten Mit­ford-Schwes­tern “Heil Hit­ler! Love, Bobo“
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Bild­nach­wei­se:

Bri­tish poli­ti­ci­an Sir Oswald Ernald Mos­ley, 6th Baro­net (1896–1980) and Lady Cyn­thia, née Cyn­thia Blan­che Cur­zon (1898–1933), on their wed­ding day. By Geor­ge Gran­t­ham Bain Collec­tion (Libra­ry of Con­gress), public domain
Bun­des­ar­chiv Bild 102–10460, Adolf Hit­ler, Red­ner­po­sen“ von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–10460 / Hoff­mann, Hein­rich / CC-BY-SA. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 de
Bun­des­ar­chiv, Bild 183-S33882, Hit­ler, Adolf: Reichs­kanz­ler, Deutsch­land, 20 April 1937
Adolf Hit­ler und Eva Braun auf dem Berg­hof“ by Bun­des­ar­chiv, B 145 Bild-F051673-0059 / CC-BY-SA 3.0


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2 Gedanken zu „Vom It-Girl zur Walküre

  1. Lie­be Frau Gebert,

    ich habe Ihren Arti­kel im Senior­book gefun­den und fin­de ihn groß­ar­tig. Toll geschrie­ben, dicht, atmo­sphä­risch, infor­ma­tiv sowie­so — ich bin wirk­lich begeis­tert.

    Ich den­ke dass man dies unter Mit­be­wer­bern auch ruhig mal schrei­ben darf. 🙂

    Kühl­fä­cheln­de Grü­ße aus dem Back­ofen und dann ein erhol­sa­mes Wochen­en­de
    Petra Scha­ber­ger

    • Lie­be Frau Schar­ber­ger, … darf man! 😉 Lie­ben Dank und herz­li­che Grü­ße aus dem mitt­ler­wei­le etwas abge­kühl­ten Lüt­jen­see bei Ham­burg.

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