Humpelrock und Vatermörder: Die Geschichte der Mode von 1900 bis 1930
Die Geschichte der Mode von 1900 bis 1930: Wie Krieg, Emanzipation und gesellschaftlicher Wandel die Mode vom grotesken Humpelrock und steifen Vatermörderkragen zur trag- und tanzbaren Flapper-Mode der Goldenen Zwanziger Jahre veränderten.

Ohnmachtsanfälle und Riechfläschchen: Die Mode im „nervösen Zeitalter”
Die Mode von 1900 bis 1930 entstand in einer Zeit voller Hektik, Umbrüche und wachsender Nervosität.
Ende des 19. Jahrhunderts begann das, was Historiker heute oft als das „nervöse Zeitalter“ bezeichnen — eine Epoche, in der Fortschritt, Industrialisierung und gesellschaftlicher Wandel viele Menschen körperlich und seelisch an ihre Grenzen brachten.
Vor allem Frauen fielen damals reihenweise in Ohnmacht und mussten mit sogenannten Riechfläschchen — häufig gefüllt mit stechend riechendem Aceton — wieder ins Hier und Jetzt zurückgeholt werden.

Belle Epoque: Dame im roten Kostüm mit Wagenradhut
Lange hielt man diese Ohnmachtsanfälle für eine modische Marotte der feinen Gesellschaft — eine theatralische Inszenierung weiblicher Zartheit und Empfindsamkeit.
Heute geht man dagegen davon aus, dass viele Frauen — und auch manche Männer — keineswegs simulierten. Hinter den plötzlichen Blackouts steckten oft echter Stress, Überforderung und die enormen körperlichen Belastungen jener Zeit.
Mode um 1900: Fest verschnürt mit Mieder und Korsett
Denn besonders die sensibleren Menschen der sogenannten Belle Époque (1884–1914) standen wirklich unter Stress.
Viele verkrafteten die neue Geschwindigkeit dieser Epoche schlicht nicht mehr.
Die Eisenbahn hatte den Alltag bereits revolutioniert, nun ratterten auch noch die ersten Automobile mit damals atemberaubenden 30 km/h durch die Städte — ein Tempo, das vielen Zeitgenossen geradezu unheimlich erschien.
Als die Industrialisierung Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts endgültig Fahrt aufnahm, geriet die Welt für viele aus dem Gleichgewicht. Technischer Fortschritt, Lärm, Hektik und gesellschaftliche Umbrüche raubten vielen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes den Atem.
Und dann war da noch die Mode — allen voran das unvermeidliche Korsett. Für viele Frauen wurde es zur zusätzlichen Belastung.
Seit Jahrhunderten galt die schmale Taille über weitem Rock — oben schmal und unten bauschig — als Ideal eines anmutigen weiblichen Körpers. Doch um die Jahrhundertwende trieb man dieses Schönheitsideal auf die Spitze.
Busen, Bauch und Hüften wurden eingeschnürt, zurechtgedrückt und modelliert, bis die gewünschte Silhouette entstand. Keine Frau, die etwas auf sich hielt, kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts ohne Korsett oder Mieder aus — selbst wenn ihr dabei buchstäblich die Luft wegblieb.
Eine kurze Geschichte des Korsetts
„Erfunden“ hatte man die Verschnürungen im Mittelalter als Stütze, um hochwohlgeborenen Männern und Frauen das Tragen ihrer schweren Mäntel, Schleppen und Schleier aus Samt, Brokat und anderen schweren, oft mit Gold und Edelsteinen besetzten Stoffe während langwieriger Hofzeremonien im Stehen zu erleichtern.

Patentzeichnung für ein Korsett, 1913
In der Herrenmode verschwanden die künstlichen Stützen mitsamt wallenden Gewändern nach und nach und wurden von den wesentlich praktischeren Hosen als Beinbekleidung ersetzt.
Zurück blieb das Korsett für den Herren nur als sogenannter „Bauchgürtel“, der sich vor allem bei besonders Wohlbeleibten großer Beliebtheit erfreute. Beispielsweise beim britischen König George IV., der damit seine überquellende Leibesfülle zu kaschieren versuchte.
Eingeschnürt für Schönheit und Anstand: Die Macht des Korsetts
In der Damenmode hielten sich Korsetts aus Fischbein, Leder und Metall jahrhundertelang hartnäckig. Mal sollten sie Busen und Dekolleté besonders wirkungsvoll in Szene setzen, mal sämtliche weiblichen Rundungen sittsam verstecken und den Körper unter Kontrolle bringen.
Was Frauenkörper formte und disziplinierte, verschwand oft unsichtbar unter den Roben der jeweiligen Epoche. Manchmal durfte das Korsett jedoch auch hervorblitzen oder wurde als reich verziertes Mieder sogar offen und ausgesprochen verführerisch getragen.
Doch egal, ob versteckt oder demonstrativ präsentiert — eines hatten Korsetts, Turnüren und Mieder gemeinsam: Sie schnürten ein.
Schon 1788 warnte der deutsche Anatom Samuel Thomas von Sömmering in seiner Schrift „Über die Schädlichkeit der Schnürbrüste“ vor den gesundheitlichen Folgen der extremen Verschnürungen. Doch seine Kritik verhallte ebenso ungehört wie die Mahnungen anderer Ärzte.
Nur während der von der Antike, der Französischen Revolution und Napoleon inspirierten Modeepochen Directoire und Empire (1795 bis etwa 1815/20, in Großbritannien: Regency) durften Frauen für kurze Zeit aufatmen.
Unter den fließenden Empire-Kleidern trug man statt körperverformender Korsetts lediglich leichte Brustbänder.
Doch die lockeren Zeiten waren bald vorbei und das Korsett kam zurück: Ab 1820 wurde es wieder eingeführt — auch als Zeichen dafür, dass mit den nachlässigen Sitten der französischen Revolution ein für alle Mal Schluss sein sollte.
Fast wie zur Strafe wurde das Korsett von nun an immer länger und modellierte die Taille und die Hüften schließlich zur Kürasstaille, die idealerweise auf einen Umfang von 43 bis 53 cm geschnürt werden sollte.
Die Folgen waren deutlich sichtbar: Der Oberkörper wurde nach vorne gedrückt, der Rücken ins Hohlkreuz gezwungen und das Gesäß stärker betont. Die korsettierte Frau bewegte sich dadurch automatisch in jener künstlichen S‑förmigen Haltung, die bis heute als typisches Schönheitsideal der Belle Époque gilt.
Humpelrock statt Freiheit: Mode mit „Geschwindigkeitsbeschränkung“
Ausgerechnet in einer Zeit, in der Frauen zunehmend selbstbewusster wurden, nicht mehr länger nur die zarte und anmutige Zierde eines (Ehe-)Mannes sein wollten und sogar sportliche Aktivitäten wie beispielsweise Tennisspielen, Fahrrad- oder sogar Autofahren für sich entdeckten, gewährten Mode und Kleiderordnung immer weniger Beinfreiheit.

Satirische Postkarte von 1911: Der Humpelrock wurde wegen seiner extrem engen Schnittform als „Rock mit Geschwindigkeitsbeschränkung“ verspottet.
1910 sorgte der vom damals tonangebenden Pariser Modeschöpfer Paul Poiret kreierte Humpelrock für Furore — ein extrem eng geschnittener knöchellanger Rock, dessen Rocksaum durch eine enge Bordüre zusätzlich verstärkt wurde.
Um den engen Rocksaum nicht zu zerreißen, wurde der Humpelrock oft mit einer sogenannten Fußfessel getragen, einem breiten Band, mit denen die Waden zusammengebunden wurden, damit die modebewusste Dame bloß nicht aus Versehen einen großen Ausfallschritt machen und ihren feinen Rock zur Explosion bringen konnte.
Vatermörderkragen und Matrosenlook: Wenn Mode Haltung erzwingt
Aber auch die Herren der Schöpfung hatten es modisch nicht gerade bequem.
Zwar blieben Männern Korsetts, kunstvoll ondulierte Hochsteckfrisuren und riesige Wagenradhüte mit Federbesatz erspart, doch von echtem Tragekomfort konnte auch in der Herrenmode um 1900 kaum die Rede sein.
Besonders gefürchtet war der sogenannte Vatermörderkragen: ein extrem steifer, vorne offener Stehkragen, der ans Oberhemd geknöpft wurde und weit über Kinn und Krawatte hinausragte.
Bereits in den 1820er- und 1830er-Jahren hatte er seine erste Blütezeit erlebt, hielt sich in leicht abgewandelter Form aber hartnäckig vor allem bei offiziellen Anlässen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Familie Münzberg, ca. 1899, Kinder im Matrosenanzug
Besonders im Sommer wurde der Vatermörder für Männer eine mörderisch schweißtreibende und kratzige Tortur. Der starre Kragen scheuerte am Hals, schränkte jede Bewegung ein und zwang seinen Träger buchstäblich zur Haltung.
Steif, unbequem und unpraktisch – je mehr das beginnende 20. Jahrhundert seine Fassung zu verlieren drohte, desto stärker mussten Mode und Kleiderordnung dafür sorgen, dass Männer, Frauen und sogar Kinder ihre Façon behielten.
Zwar versuchten Künstler und Reformbewegungen bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts, besonders Frauen mit lockeren Reformkleidern vom Korsett zu befreien, doch diese Ideen blieben zunächst Randerscheinungen.
Ein neuer Trend setzte sich dagegen erstaunlich erfolgreich durch: der Matrosenlook.
Kaiser Wilhelm II., leidenschaftlicher Bewunderer von Schiffen und Marine, machte die maritime Mode populär. Zunächst eroberte der Matrosenanzug die Kinderzimmer des Bürgertums, später fand der Look auch Eingang in die Damenmode.
Kriegskrinoline und Frauen in Hosen: Wie der Erste Weltkrieg die Mode veränderte
Während in der Herrenmode zu Beginn des 20. Jahrhunderts Großbritannien den Ton angab — um 1900 mit dem eleganten Edward VII., später mit dem stilprägenden Prince of Wales, dem späteren Kurzzeit-König Edward VIII. — orientierten sich die Damen, die es sich leisten konnten, vor allem an den berühmten Modeschöpfern von Paris.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 wurde das ein Problem, denn Deutschland führte Krieg mit genau jenen Ländern, die bislang als Vorbilder in Sachen Stil und Eleganz galten.
Ende 1914 wurde deshalb sogar ein Reichsausschuss gebildet, in dem über eine eigene deutsche Mode, eine „teutsche Tracht“, diskutiert werden sollte. Viel kam dabei allerdings nicht heraus. Die Diskussion verlief im Sand, denn schon bald bestimmten ganz andere Themen den Alltag: Verdun, Hungerwinter und die britische Seeblockade, die im Deutschen Kaiserreich schnell zu Not und Elend führte.

Kleines Mädchen ca. 1916 in einer schlichten Kriegskrinoline. Der beliebte Matrosen-Look verschwand während des Ersten Weltkriegs zunehmend aus der Kindermode.
Auch die Mode änderte sich unter dem Druck des Krieges radikal.
Ab 1915 wurde europaweit die sogenannte Kriegskrinoline populär: ein weiter, schlichter Rock aus einfachem Stoff, getragen mit mehreren Unterröcken.
Entworfen wurde diese Mode nicht von Pariser Couturiers, sondern von praktischen Schneiderinnen als Antwort auf Stoffmangel und Kriegswirtschaft — und zugleich als nostalgischer Rückgriff auf vermeintlich bessere Zeiten.
Immerhin: Die Röcke wurden kürzer und reichten nun nur noch bis zur Wade. Trotzdem sorgten hohe Schnürstiefel dafür, dass weiterhin möglichst wenig Bein sichtbar blieb.
Für viele Frauen spielte die Frage „Was ziehe ich heute an?“ aber ohnehin nur noch eine Nebenrolle. Während Millionen Männer an der Front kämpften, mussten Frauen im Alltag einspringen: in Fabriken, Straßenbahnen, Krankenhäusern und Büros.
Die neue Realität verlangte praktische Kleidung statt modischer Zwänge.
Frauen trugen plötzlich Schürzenhosen, Arbeitsblusen oder gleich die Kleidung ihrer Männer. Selbst die lange Hose für Damen — mit der Modeschöpfer Paul Poiret wenige Jahre zuvor noch einen Skandal ausgelöst hatte — wurde nun alltagstauglich.
Der Erste Weltkrieg veränderte damit nicht nur Europa, sondern auch das Frauenbild — und die Mode von Grund auf.
Coco Chanel, Bubikopf und Flapper: Die Mode der Goldenen Zwanziger Jahre
Bereits vor dem Krieg hatte sich eine junge Hutmacherin namens Coco (Gabrielle) Chanel einen Namen gemacht und in Paris und im französischen Badeort Deauville ihre ersten eigenen Modesalons eröffnet, in denen sie ihre revolutionär schlichten Entwürfe verkaufte.

Schauspielerin Gabrielle Dorziat trägt 1912 eines der frühen Hutmodelle von Coco Chanel. Foto: Talbot, veröffentlicht in Les Modes.
Diesem Stil blieb sie während und nach dem Krieg treu und entwarf einfache, gerade geschnittene und wadenlange Kleider aus Baumwolle.
Taille, Busen und Hüfte wurden ignorierten, weshalb das Korsett überflüssig wurde. Die geraden Etuikleider und lose fallende Hemdblusenkleider waren ebenso praktisch wie angenehm zu tragen und stoffsparend.
Das endgültige Aus für das Korsett
„ …Es deutete sich an, dass die Herrschaft des Korsetts sich ebenso ihrem Ende näherte wie die extravaganten Silhouetten mit ihren hoch getürmten Hinterteilen, flach gepressten Bäuchen und ragenden Busen …“
Aus: Gertrud Lehnert, Frauen mit Stil: Modeträume aus drei Jahrhunderten*
Die riesigen Wagenrad-Hüte als weibliche Kopfbedeckung waren bereits in den Kriegsjahren einen stillen Mode-Tod gestorben, doch nun, nach den Jahren des verheerenden Krieges und in einer Zeit voller Unruhen, Arbeitslosigkeit und Not, ging es auch anderen alten Zöpfen an den Kragen.
Bereits vor 1920 sah man Coco Chanel und andere Trendsetterinnen mit einer Kurzhaarfrisur in der Art eines Pagenkopfs: der Bubikopf war geboren. Er trat in rasender Geschwindigkeit seinen Siegeszug unter den Frauen auf der ganzen Welt an.
Auch wenn der Bubikopf noch bei vielen verpönt ist — noch 1928 werden zwei Krankenpflegerinnen im jüdischen Krankenhaus Köln entlassen, weil sie sich einen Bubikopf haben schneiden lassen. Und trotzdem: Androgynie heißt das Zauberwort der Stunde.
Flapper werden die jungen selbstbewussten und berufstätigen Frauen genannt, die kurze Haare und kurze Kleider tragen, auf gutes Benehmen pfeifen, in der Öffentlichkeit rauchen, Hochprozentiges trinken und leidenschaftlich die neuen und schockierenden Tänze wie Charleston und Foxtrott oder den skandalösen Shimmy tanzen.
Die Mode wird nicht nur trag- und tanzbarer, sondern auch demokratischer.
Mit Strumpfhosen aus Kunstseide und anderen neue Materialien wie Kunstwolle und Viskose konnten sich auch Frauen mit kleinem Geldbeutel modische Kleidung leisten.
Stresemann, Trenchcoat und Filmstars: Die Herrenmode der Goldenen Zwanziger
Auch in der Herrenmode lockern sich nach dem Ersten Weltkrieg das jahrzehntelang strenge Kleiderreglement.
Neue Vorbilder sind jetzt nicht mehr geschniegelt-steife Patriarchen des Kaiserreichs, sondern elegante Bühnen- und Filmstars wie Clark Gable, Richard Tauber oder Victor de Kowa.
Sie tragen lockere Sakkos, weich fallende Stoffe und selbstverständlich keine kratzigen Vatermörderkragen mehr. Der steife Halszwang verschwindet endgültig in der Mottenkiste der Geschichte.
Die Anzüge der 1920er Jahre werden insgesamt bequemer und lässiger. Sakkos sitzen nun lockerer oder sind nur noch leicht tailliert, während die Hosen weiter und komfortabler geschnitten werden.
Mit dem Ende der Hyperinflation und dem Beginn der „Goldenen Zwanziger“ setzt sich ab 1924 der sogenannte Stresemann-Anzug durch — benannt nach dem Reichskanzler und späteren Außenminister Gustav Stresemann, der diesen Stil bevorzugte.
Der „Stresemann“ besteht aus einem schwarzen Jackett, dunkler Weste und gestreifter Hose und war vor allem praktisch: Herren konnten damit direkt vom Büro zu einer Abendveranstaltung wechseln, ohne sich komplett umziehen zu müssen.
Überhaupt wird die Herrenmode moderner und alltagstauglicher.
Gürtel verdrängen die traditionellen Hosenträger, Armbanduhren ersetzen die Taschenuhr und weiche Filzhüte aus den USA lösen zunehmend die steifen Homburg-Hüte des Kaiserreichs ab.
Wer sportlich wirken will, trägt Knickerbocker, Schirmmütze und Trenchcoat — ein Mantel, der ursprünglich Ende des 19. Jahrhunderts von Burberry und Aquascutum für britische Soldaten entwickelt worden war.
Die Herrenmode der 1920er Jahre spiegelte damit denselben Wandel wider wie die Damenmode: weniger Zwang, mehr Bewegungsfreiheit — und ein neues Lebensgefühl zwischen Moderne, Großstadt und Aufbruch.
Charleston, kurze Röcke und schnelle Autos: Das neue Lebensgefühl der 1920er Jahre
Die neue Leichtigkeit der Goldenen Zwanziger macht sich nicht nur in der Mode bemerkbar, sondern auch in Musik, Tanz und Lebensstil.
Aus der Operette, die vor dem Ersten Weltkrieg die großen Gassenhauer geliefert hat, entwickelt sich der moderne Schlager. Dank Grammophonplatten und dem noch jungen Rundfunk verbreiten sich die neuen Ohrwürmer rasend schnell.
Plötzlich sang man überall Zeilen wie „Was macht der Mayer am Himalaya“, „Unter den Pinien von Argentinien“ oder „Mein Onkel Bumba aus Kalumba“. Es sind Evergreens mit deutlich erotischen Botschaften: Wer bei „Veronika, der Spargel wächst“ an Gemüse denkt, liegt falsch.
„Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“, fragt ein anderer Schlagertext.
Die jungen und selbstbewussten Frauen der Goldenen Zwanziger Jahre fragen sich das auch.
Denn vor allem Frauen erleben während und nach dem Ersten Weltkrieg einen gewaltigen gesellschaftlichen Wandel.
Die moderne Frau der 1920er Jahre raucht, arbeitet, tanzt Charleston — und sitzt selbstbewusst am Steuer eines Autos.

Puppchen, du bist mein Augenstern
Dieses Bild der unabhängigen und mobilen Frau wird zum Symbol einer ganzen Epoche.
Die Realität vieler Frauen sieht allerdings deutlich nüchterner aus. Verkäuferinnen, Telefonistinnen oder Stenotypistinnen arbeiten hart und verdienen wenig. Luxus und Glamour können sich die meisten nicht leisten.
Trotzdem blicken viele fasziniert auf die modernen „It-Girls“ ihrer Zeit: Frauen wie Erika Mann oder Annemarie Schwarzenbach, die in Illustrierten beim Tennisspielen, Autofahren oder auf eleganten Partys zu sehen sind.
Besonders das Automobil wird zum Symbol weiblicher Freiheit.
Es gibt unzählige Titelbilder und Werbeillustrationen, in denen schöne Frauen am Steuer schöner Autos sitzen (oft in Begleitung eines schönen Windhunds). Frauen machen in den 1920er Jahren mobil, denn sie wollen nicht länger hinter den „Herrenfahrern” zurückstehen.
Doch die neue Freiheit hatte manchmal auch ihre gefährlichen Seiten.
1927 kommt die berühmte Tänzerin Isadora Duncan (1877 — 1927) auf tragische Weise ums Leben, als sich ihr langer Seidenschal beim Anfahren ihres Bugatti im Hinterrad verfängt und sie erdrosselt.
Der Unfall wird zur düsteren Metapher einer Zeit, die zwischen berauschender Freiheit, technischem Fortschritt und unterschwelliger Gefahr schwankte.
Tanz auf dem Vulkan: Wie Weltwirtschaftskrise und Angst die Mode veränderten
Die Goldenen Zwanziger Jahre wirken bis heute wie ein rauschendes Fest ohne Ende — voller Jazz, Charleston, Bubikopf und neuer Freiheiten. Doch hinter der glänzenden Fassade braut sich bereits eine Krise zusammen.
Während man in Berlin, Hamburg oder München tanzt und feiert, kämpfen viele Bauern auf dem Land ums Überleben. Zahlreiche Höfe arbeiten noch mit Ochsengespannen und Methoden aus dem 19. Jahrhundert — romantisch vielleicht, wirtschaftlich jedoch fatal. Gegen industriell erzeugten Billigimporte aus Übersee haben viele keine Chance.
Noch dramatischer wird die Lage 1929 mit dem Börsencrash in den USA.
Die gigantische Spekulationsblase der „Roaring Twenties“ platzt mit voller Wucht — und reißt die neugewonnene Leichtigkeit der Nachkriegsjahre gleich mit in den Abgrund.
Eines der ersten Opfer der beginnenden Weltwirtschaftskrise ab 1929 ist die Emanzipation der Frauen und ihre Mode.
Die Röcke werden wieder länger, die Frisuren weicher, der „Garconne”-Typ weicht dem „modernisierten Gretchentyp”.
Hatten es berufstätige Frauen auf dem Arbeitsmarkt sowieso schon schwer — sie wurden schlechter bezahlt und wer mit 40 immer noch unverheiratet ist und sein eigenes Geld verdienen muss, gilt als „zu alt” und läuft Gefahr, aus dem Job gedrängt zu werden — , so kippt jetzt die Stimmung: Der Ruf wird lauter, dass Frauen Familienvätern und Ernährern nicht den Arbeitsplatz wegnehmen sollen …
1933 heißt es in der populären Zeitschrift Tempo bezeichnend: „Weiblich, bescheiden, hilflos — das ist die große Mode in der Mode”.
Die Journalistin Paula von Reznicek schreibt empört:
Die Rocklänge als Kriegserklärung gegen die Emanzipation!
„ … Macht euch klar, auf was ihr verzichten sollt. Ihr sollt aufgeben die Mode des kurzen Kleides, der knappen Linien. Und was empfiehlt man Euch dafür? Was will man Euch aufzwingen? Ihr sollt wieder eine vertrackte, versteckte, grunderlogene Weibchenhaftigkeit annoncieren, sollt bei Eurer Arbeit in Laboratorien, Büros und Fabriken den Staub mit wallenden Rocksäumen aufwirbeln …“
Aus: Harald Jähner, Höhenrausch: Das kurze Leben zwischen den Kriegen*
Die Zeiten haben sich wieder geändert.
Die Mode auch.
Mehr lesen:
Der „Schwarze Freitag“ ist in Wirklichkeit ein Donnerstag.
Am 24. Oktober 1929 beginnen an der New Yorker Wall Street die Aktienkurse zu rutschen. Gegen Mittag wird aus Nervosität Panik, der Dow Jones sackt ab, der Handel bricht mehrmals zusammen. Der Crash wird schließlich zur Wirtschaftskrise, weil jeder versucht zu retten, was noch zu retten ist — egal, zu welchem Preis.
Der schwarze Freitag. Vom Börsenkrach zur Weltwirtschaftskrise
Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de 2022, überarbeitet 2026
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Zwischen Korsett, Garçonne und Femme fatale
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Höhenrausch – Aufbruch, Freiheit und Abgrund der 1920er Jahre
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Bildnachweise
Dame im roten Kleid mit Wagenradhut, Edwardian, Darkmoon Art, Pixabay License
Patentzeichnung Korsett (USA), 1913, Gemeinfrei
Prinzessin Victoria mit Spaniel Dash, Sir George Hayter, 1833, Von nach George Hayter — First upload: Scanned from Hibbert, Christopher (2000) Queen Victoria: A Personal
Satirische Postkarte, ca. 1911. Bildunterschrift: „Was das ist? Ein Rock mit Geschwindigkeitsbeschränkung!“, Gemeinfrei
Kinder im Matrosenanzug, Familie Münzberg, 1899, Privatarchiv Ilse Schulz/Heidi Marx
Hutmodell von Coco Chanel (1912), Talbot (photographer) & Gabrielle Chanel (designer) — Originally published in Les Modes no. 137 (page 8), Gemeinfrei. Originaltitel: Mlle Gabrielle Dorziat wearing one of Chanel’s first hats. Photograph by Talbot.
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Dr. Susanne Gebert
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