1936: Das Jahr des Scheiterns

Ber­lin, Olym­pia­de 1936. Von Bun­des­ar­chiv, B 145 Bild-P017073 / Frankl, A. / CC BY-SA 3.0 de

Im Som­mer 1936 trifft die Welt zwei Mal auf­ein­an­der: Bei der Olym­pia­de in Ber­lin und auf den Schlacht­fel­dern des Bür­ger­kriegs in Spa­ni­en. Ein Jahr, das ver­hei­ßungs­voll und mit der Hoff­nung beginnt, den Hit­ler-Irr­sinn end­lich ver­eint zu stop­pen, endet in einem Rausch aus Blut und Ter­ror.

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Hit­lers It-Girl

Vie­le Deut­sche, aber auch Ita­lie­ner, Bri­ten, Fran­zo­sen, Öster­rei­cher, Ame­ri­ka­ner und Spa­ni­er sehen drei Jah­re nach Hit­lers Macht­er­grei­fung nur die schein­ba­ren wirt­schaft­li­chen Erfol­ge des Drit­ten Rei­ches und nicht sei­ne Kehr­sei­ten.

Eine gefähr­li­che Lieb­äu­ge­lei mit dem Faschis­mus macht sich in Euro­pa breit. Für vie­le gilt das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deutsch­land auch als ein „Boll­werk“ gegen den Kom­mu­nis­mus, vor dem sich alle Eta­blier­ten zu Tode fürch­ten.

Sogar in Län­dern wie Groß­bri­tan­ni­en reicht die Sym­pa­thie mit den Natio­nal­so­zia­lis­ten bis in die poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und intel­lek­tu­el­len Spit­zen der Gesell­schaft.

Wir Frem­de wer­den über­wäl­tigt, wenn wir dort­hin kom­men und uns umse­hen. Nein, ich habe nie­mals gedacht, so etwas in einem Land Euro­pas zu sehen … in frü­hen Tagen sprach man von Ame­ri­ka als dem Land der Wun­der­wer­ke – nun ist es Deutsch­land. Auch ich sage jetzt ‚Heil Hit­ler!‘”, lässt sich bei­spiels­wei­se der ehe­ma­li­ge bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter David Lloyd Geor­ge nach einem Besuch auf dem Berg­hof zitie­ren.

Adolf Hitler und Eva Braun auf dem Berghof

Adolf Hit­ler und Eva Braun auf dem Berg­hof“ by Bun­des­ar­chiv, B 145 Bild-F051673-0059 / CC-BY-SA 3.0

Ange­sichts der Begeis­te­rung, die Hit­ler nicht nur bei den meis­ten Deut­schen, son­dern in ganz Euro­pa aus­löst, drängt für Anti­fa­schis­ten und Lin­ke die Zeit für eine gemein­sa­me Volks­front.


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Die gewal­ti­gen Tur­bu­len­zen in der euro­päi­schen Geschich­te von 1914 bis 1949  meis­ter­haft, fun­diert und fes­selnd erzählt. Sehr lesens­wert auch für alle, die sich mit die­sem The­ma noch nicht aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Ian Kers­haw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949*. Pan­the­on Ver­lag, 2017


Volksfront gegen Hitler

Es scheint, als ob die Stra­te­gie einer Volks­front gegen den gefähr­li­chen Rechts­ruck Euro­pas Erfolg haben könn­te: Am 16. Febru­ar 1936 gewinnt im kri­sen­ge­schüt­tel­ten Spa­ni­en die Fren­te Popu­lar, eine Ein­heits­front aus Sozia­lis­ten, Repu­bli­ka­nern, libe­ra­len Kata­la­nen, der sta­li­nis­ti­sche Par­ti­do Comu­nis­ta de España (PCE) und der kom­mu­nis­ti­sche Par­ti­do Obre­ro de Uni­fi­cación Mar­xis­ta (POUM) die Par­la­ments­wah­len.

In Frank­reich hat­ten Sozia­lis­ten und Kom­mu­nis­ten bereits im Herbst 1934 unter dem Ein­druck der Macht­er­grei­fung Hit­lers in Deutsch­land einen Pakt geschlos­sen und waren bei den Wah­len im Früh­ling 1935 zur stärks­ten poli­ti­schen Kraft im Land gewor­den.

Auch bei den deut­schen Emi­gran­ten in Paris tut sich Unge­wöhn­li­ches. Am 2. Febru­ar 1936 fin­det im Hotel Lute­tia am Bou­le­vard Ras­pail 51 bereits die zwei­te Lute­tia-Kon­fe­renz statt.
Ein­ge­la­den hat der gut ver­netz­te KPD-Funk­tio­när Wil­li Mün­zen­berg, gekom­men ist die Crè­me de la Crè­me deut­scher Exi­lan­ten: die Sozi­al­de­mo­kra­ten Rudolf Breit­scheid und Max Braun, bekann­te Auto­ren wie Lion Feucht­wan­ger, Arnold Zweig, Egon Erwin Kisch und Johan­nes R. Becher sind dabei, und kein Gerin­ger als Hein­rich Mann ist der amtie­ren­de Prä­si­dent des Krei­ses.

Mün­zen­berg bringt mehr als 100 Teil­neh­mer an einen Tisch, dar­un­ter 20 Kom­mu­nis­ten, 27 Sozi­al­de­mo­kra­ten und 37 Ver­tre­ter bür­ger­li­cher Par­tei­en. Ein­schrän­kun­gen gibt es kei­ne: die Grund­la­ge des Lute­tia-Krei­ses ist völ­li­ge Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit; die Hoff­nung ist, mit Hil­fe nam­haf­ter Per­sön­lich­kei­ten aus Poli­tik und Kul­tur über die Gren­zen von Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit und Welt­an­schau­ung hin­aus das Drit­te Reich end­lich zu stop­pen.

Ein weg­wei­sen­der Schritt.
Denn seit dem sechs­ten Welt­kon­gress der Kom­in­tern 1928 galt bei den Kom­mu­nis­ten die ver­hee­ren­de Sozi­al­fa­schi­mus­theo­rie, laut der die Sozi­al­de­mo­kra­tie im Ver­gleich zu den Natio­nal­so­zia­lis­ten angeb­lich der schlim­me­re Feind sein soll­te.

Erst im Jahr zuvor hat­te man in Mos­kau den kata­stro­pha­len Slo­gan “SPD und NSDAP sind Zwil­lin­ge!” end­gül­tig begra­ben und damit den Weg für eine vor­sich­ti­ge Öff­nung gegen­über Sozi­al­de­mo­kra­ten und bür­ger­li­chen Par­tei­en frei­ge­macht.
Lute­tia ist die ers­te und ein­zi­ge Gele­gen­heit, bei der man ernst­haft über einen gemein­sa­men Wider­stand gegen das Drit­te Reich spricht.

Gelingt es, 1936 end­lich zu einem Jahr des gemein­sa­men Auf­bruchs zu machen? Nein. Aber zunächst ahnt nie­mand, dass alle Hoff­nun­gen in Ter­ror und Blut­ver­gie­ßen unter­ge­hen wer­den.

Bürgerkrieg in Spanien

Am 17. Juli 1936 begin­nen kon­ser­va­ti­ve spa­ni­sche Gene­ra­le in Spa­nisch-Marok­ko eine lan­ge geplan­te Revol­te gegen die lin­ke repu­bli­ka­ni­sche Volks­front­re­gie­rung Spa­ni­ens.
Der Kon­flikt wei­tet sich unter der Füh­rung von Gene­ral Fran­cis­co Fran­co schnell zum Bür­ger­krieg im Mut­ter­land aus.

Gene­ral mit Fis­tel­stim­me: Fran­cis­co Fran­co, 1930. Gemein­frei

Fran­co will in einem kur­zen Hand­streich die Macht über­neh­men, was sich als fol­gen­schwe­rer Irr­tum erweist.

Doch der Putsch scheint im Keim zu ersti­cken, nach­dem die legi­ti­me spa­ni­sche Volks­front-Regie­rung am 20. Juli die Mobil­ma­chung ver­kün­det und Waf­fen an die Bevöl­ke­rung aus­gibt.
Die regie­rungs­treu­en spa­ni­schen Armee­ver­bän­de sind bes­ser aus­ge­bil­det und denen der Put­schis­ten haus­hoch über­le­gen.
Außer­dem stel­len sich Arbei­ter mas­sen­haft Fran­cos Sol­da­ten in den Weg, stür­men Kaser­nen, Poli­zei­sta­tio­nen und Gefäng­nis­se.

Fran­co und sei­ne rech­te Kama­ril­la sind fast am Ende, als sich Hit­ler in den Kon­flikt ein­mischt.
Am 25. Juli 1936 beschließt er, dem Hil­fe­ge­such der Put­schis­ten nach­zu­kom­men und sie mili­tä­risch zu unter­stüt­zen. Eines sei­ner wich­tigs­ten Moti­ve ist sei­ne Furcht vor einem lin­ken Spa­ni­en, das sich eng mit Frank­reich und der Sowjet­uni­on ver­bün­den könn­te, denn das hät­te sei­ne Expan­si­ons­plä­ne erschwert.

Das Blatt wen­det sich. Fran­cos Put­schis­ten wer­den von den Ach­sen­mäch­ten Deutsch­land und Ita­li­en offen unter­stützt, die gewähl­te repu­bli­ka­ni­sche Regie­rung in Madrid steht ohne Bünd­nis­part­ner da.

Zwar fühlt sich die lin­ke Volks­front­re­gie­rung in Frank­reich den Spa­ni­ern poli­tisch und mora­lisch ver­bun­den, macht sich aber Sor­gen, dass der blu­ti­ge Kon­flikt zwi­schen rechts und links vom Nach­barn ins eige­ne Land schwap­pen könn­te.

Schließ­lich wird die Fra­ge des Ein­grei­fens oder Nicht-Ein­grei­fens von Groß­bri­tan­ni­en abhän­gig gemacht. Doch die Bri­ten hegen weder gro­ße Sym­pa­thi­en für Repu­bli­ka­ner und Lin­ke, noch sind sie bereit, sich auf ein mili­tä­ri­sches Wag­nis gegen Hit­ler ein­zu­las­sen.

Olympia und Großer terror:
Der Sommer 1936

Unter dem Ein­druck des spa­ni­schen Gemet­zels und der Unent­schlos­sen­heit Frank­reichs und Groß­bri­tan­ni­ens fin­den vom 1. bis 16. August in Ber­lin die olym­pi­schen Som­mer­spie­le statt.

Wäh­rend in Spa­ni­en der blu­ti­ge Bür­ger­krieg tobt, ist die Welt zu Gast im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land und ver­sucht, sich mit Haken­kreuz­fah­nen und dem selt­sa­men Gast­ge­ber zu arran­gie­ren. Immer­hin lässt sich die Dele­ga­ti­on der fran­zö­si­schen Mann­schaft dazu hin­rei­ßen, bei der fei­er­li­chen Eröff­nung mit Hit­ler­gruß ins Sta­di­on ein­zu­mar­schie­ren.

Ber­lin, Olym­pia­de, Sie­ger­eh­rung Fünf­kampf Olym­pi­sche Spie­le 1936 Sie­ger-Ehrung im Fünf­kampf auf der Sie­ger-Tri­bü­ne von rechts nach links: Ober­leut­nant Abba-Ita­li­en (II.) Haupt­mann Hand­rick-Deutsch­land (I.) Leut­nant Leo­nard-USA (III.) Fot. Stemp­ka. Bun­des­ar­chiv, Bild 183-G00825 / Stemp­ka / CC-BY-SA 3.0

Nur drei Tage nach dem Ende der Olym­pia­de in Ber­lin, am 19. August 1936, beginnt  im Okto­ber­saal des Mos­kau­er Gewerk­schafts­hau­ses ein ande­res maka­bres Schau­spiel: der ers­te von ins­ge­samt drei Mos­kau­er Pro­zes­sen gegen das „trotz­kis­tisch-sino­wje­wis­ti­sche ter­ro­ris­ti­sche Zen­trum“.

Nach Lenins Tod hat­te Sta­lin gan­ze Auf­räum­ar­beit geleis­tet, um sich als allei­ni­ger Herr­scher in der Sowjet­uni­on zu eta­blie­ren. Als einer der Ers­ten ist Sta­lins größ­ter Wider­sa­cher Leo Trotz­ki an der Rei­he, den Lenin kurz vor sei­nem Tod im Ver­gleich mit Sta­lin für den fähi­ge­ren Mann gehal­ten hat­te.

Sta­lin und Dimitrow (rechts) in Mos­kau (1936), Gemein­frei

Trotz­ki und nicht Sta­lin als „ bes­ter Schü­ler Lenins” und eigent­lich Aus­er­ko­re­ner? Das nimmt ihm Sta­lin übel. Ende 1927 wird Trotz­ki aus der Par­tei aus­ge­schlos­sen, spä­ter ins Exil geschickt, wo er schließ­lich 1940 unter mys­te­riö­sen Umstän­den mit einem Eis­pi­ckel umge­bracht wird.

Aber auch alte Weg­be­glei­ter und „Freun­de“ Sta­lins kön­nen sich ihrer Ämter und ihres Lebens nicht län­ger sicher sein
Ehe­mals enge Ver­bün­de­te, bei­spiels­wei­se lang­jäh­ri­ge Kampf­ge­fähr­ten wie Kamenew oder der frü­he­re Kom­in­tern-Füh­rer Zino­viev, die Sta­lin noch aus vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Zei­ten kennt, ver­lie­ren erst ihre Pos­ten und dann ihre Par­tei­mit­glied­schaft.
1936 auch ihr Leben.

Das größ­te Ver­gnü­gen”, hat­te Sta­lin ein­mal zu Kamenew gesagt, „ist es, den Feind aus­zu­ma­chen, alle Vor­be­rei­tun­gen zu tref­fen und dann ins Bett zu gehen.”

Die Not­stands­maß­nah­men, die seit der Ermor­dung des Lenin­gra­der Par­tei­se­kre­tärs Ser­gei Kirow in Kraft sind, geben ihm jetzt die Mög­lich­kei­ten dazu. (Chruscht­schow wird spä­ter behaup­ten, Sta­lin habe den Anschlag auf Kirow selbst ange­ord­net, um das Gesetz vom 1. Dezem­ber zu legi­ti­mie­ren.)

Urteils­ver­kün­dung im Schach­ty-Pro­zess durch And­rei Wyschin­ski (Mit­te, lesend). Säu­len­saal des Gewerk­schafts­hau­ses in Mos­kau. Autor unbe­kannt, ver­öf­fent­licht am 7. Juli 1928. Gemein­frei.

Mitt­ler­wei­le sind Tau­sen­de in NKWD- Gefäng­nis­sen und Lagern ver­schwun­den oder von Gerich­ten in Schnell­ver­fah­ren ver­ur­teilt und hin­ge­rich­tet wor­den. Der Beginn der Mos­kau­er Schau­pro­zes­se im August 1936 mar­kiert einen wei­te­ren Höhe­punkt der „gro­ßen Säu­be­rung”.


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Im ers­ten Schau­pro­zess sind 16 ehe­mals geach­te­te sowje­ti­sche Poli­ti­ker ange­klagt. Ihnen wird vor­ge­wor­fen, sich mit dem mitt­ler­wei­le im Exil in Mexi­ko leben­den Leo Trotz­ki ver­schwo­ren zu haben, die Ermor­dung Sta­lins geplant und sich kon­ter­re­vo­lu­tio­när betä­tigt zu haben. Zu den Pro­mi­nen­tes­ten gehö­ren besag­te Gri­gorij Zino­viev und Lev Kamenew als ehe­ma­li­ge Polit­bü­ro­mit­glie­der.

Alle 16 Ange­klag­ten wer­den zum Tode ver­ur­teilt und hin­ge­rich­tet.

Die Volksfront in Spanien

Nach­dem weder Bri­ten noch Fran­zo­sen sich dazu durch­rin­gen konn­ten, der bedräng­ten spa­ni­schen Regie­rung zu Hil­fe zu kom­men, ent­schließt sich Sta­lin im Spät­som­mer nach kur­zem Zögern, in den Bür­ger­krieg gegen Fran­cos Put­schis­ten-Armee ein­zu­grei­fen.

Ende August 1936 beginnt man — zunächst ver­deckt — Frei­wil­li­gen­ver­bän­de auf­zu­stel­len. In ganz Euro­pa wirbt die Kom­in­tern als Spa­ni­en-Komi­tee des jewei­li­gen Lan­des getarnt  um Frei­wil­li­ge, die bereit sind, in den Krieg gegen die spa­ni­schen Faschis­ten zu zie­hen.

Tau­sen­de jun­ge Män­ner und Frau­en fol­gen den Auf­ru­fen: Kom­mu­nis­ten, Sozia­lis­ten, Anar­chis­ten, Frei­heits­kämp­fer und Aben­teu­rer; unter ihnen auch Ernest Heming­way und Geor­ge Orwell. Und der min­der­jäh­ri­ge Nef­fe Winston Chur­chills.

ADN-ZB/­Ar­chiv
Natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­rer Krieg des spa­ni­schen Vol­kes vom 18.7.1936 bis 2.4.1939/ Inter­na­tio­na­le Bri­ga­den
Der Schrift­stel­ler Lud­wig Renn, Chef des Sta­bes der XI. Inter­na­tio­na­len Bri­ga­de im spa­ni­schen Frei­heits­kampf, Kom­man­deur des Thäl­mann-Batail­lons 1936/37 (rechts) mit dem nor­we­gi­schen Dich­ter Nordahl Grieg (Mit­te) der 1937 in Spa­ni­en kämpf­te.

Eigent­lich ist Sta­lin der bun­te Hau­fen der spa­ni­schen Repu­bli­ka­ner – inklu­si­ve Trotz­kis­ten und Anar­chis­ten – zuwi­der. Leu­te wie die lässt er für weit­aus gerin­ge­re „Ver­ge­hen“ zu Tau­sen­den im eige­nen Land ver­schwin­den oder stellt sie in Schau­pro­zes­sen öffent­lich vor Gericht.

Aber Spa­ni­en ist für ihn auch eine gute Gele­gen­heit, das Gros kom­mu­nis­ti­scher Exi­lan­ten los­zu­wer­den, die er als Risi­ko­fak­tor ansieht. Er will mehr als nur die Faschis­ten aus Spa­ni­en ver­trei­ben — er will auch sei­ne eige­nen Rei­hen säu­bern.

Offi­zi­ell for­dert Mos­kau die Wie­der­her­stel­lung der par­la­men­ta­ri­schen Repu­blik, beginnt aber gleich­zei­tig, lini­en­treue Kom­mu­nis­ten mög­lichst unauf­fäl­lig auf ein­fluss­rei­che Pos­ten in der spa­ni­schen Ver­wal­tung, bei Poli­zei und Mili­tär und den Inter­na­tio­na­len Bri­ga­den zu plat­zie­ren.

Trotz der vie­len Frei­wil­li­gen und der revo­lu­tio­nä­ren Begeis­te­rung sieht es für die Sache der Repu­bli­ka­ner zunächst nicht gut aus.

Am 21. Okto­ber erobern Fran­cos Trup­pen Naval­car­ne­ro und ste­hen damit nur noch 15 Kilo­me­ter vor Madrid. Not­ge­drun­gen mar­schie­ren die ers­ten Inter­na­tio­na­len Bri­ga­den Anfang Novem­ber has­tig aus­ge­bil­det an die Front.

Im Dezem­ber scheint es dann eine Wen­de zu geben: trotz der Unter­stüt­zung aus Deutsch­land und Ita­li­en und trotz einer zah­len­mä­ßi­gen Über­le­gen­heit von 3 zu 1 kön­nen Fran­cos Trup­pen kurz vor Madrid gestoppt wer­den. Die spa­ni­sche Haupt­stadt ist ein­ge­kes­selt, fällt aber nicht in die Hän­de der Put­schis­ten.

Die repu­bli­ka­ni­sche Regie­rung flieht nach Valen­cia.

Guernica und ein fürchterliches Ende

Am 26. April 1937 bom­bar­diert die deut­sche Legi­on Con­dor die bas­ki­sche Klein­stadt Guer­ni­ca und rich­tet ein fürch­ter­li­ches Blut­bad an. Es ist das ers­te Flä­chen­bom­bar­de­ment einer Stadt in der Geschich­te der Mensch­heit.

Die Rui­nen von Guer­ni­ca
Das von der Legi­on Con­dor zer­stör­te Ger­ni­ka. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-H25224 / Unbe­kannt / CC BY-SA 3.0 de

Aber es sind nicht Gräu­el­ta­ten wie die­se, die die Idee einer anti­fa­schis­ti­schen Volks­front schei­tern las­sen. Es ist Sta­lin und sei­ne Vor­stel­lung, in Spa­ni­en nicht nur gegen Fran­co zu kämp­fen, son­dern gleich­zei­tig auch ech­te und ver­meint­li­che Trotz­kis­ten zu jagen.

Im Visier ste­hen vor allem aus­län­di­sche Frei­wil­li­ge und Anhän­ger der POUM, zu denen auch Geor­ge Orwell und Wil­ly Brandt gehö­ren.
In den POUM-Mili­zen kämp­fen Mit­glie­der trotz­kis­ti­scher, links­so­zia­lis­ti­scher und oppo­si­tio­nel­ler kom­mu­nis­ti­scher Grup­pen wie der deut­schen SAP. Sie sind in den Augen der sta­li­nis­ti­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Spa­ni­ens, PCE, ein anar­chis­ti­scher Hau­fen trotz­kis­ti­scher Ver­rä­ter und damit eine Tarn­or­ga­ni­sa­ti­on der Faschis­ten.

Die Situa­ti­on eska­liert schließ­lich im Mai 1937, als es in Bar­ce­lo­na zu tage­lan­gen Stra­ßen­kämp­fen zwi­schen mos­kau­treu­en Kom­mu­nis­ten und Anhän­gern der POUM kommt.

Damit ist die gro­ße Idee einer ver­ein­ten Volks­front gegen Hit­ler und Faschis­mus end­gül­tig geschei­tert.

Der Lute­tia-Kreis erkennt, dass das Maß an Gemein­sam­kei­ten zwi­schen den Par­tei­en und Welt­an­schau­un­gen nicht aus­reicht und stellt sei­ne Akti­vi­tä­ten nach einer ver­häng­nis­vol­len Oster-Tagung ab April 1937 ein.

Die Appease­ment-Poli­ti­ker Groß­bri­tan­ni­ens und Frank­reichs geben im Sep­tem­ber 1938 auf der Münch­ner Kon­fe­renz das tsche­cho­slo­wa­ki­sche Sude­ten­land für einen brü­chi­gen Frie­den preis.

In Spa­ni­en ord­net die repu­bli­ka­ni­sche Regie­rung im Okto­ber 1938 den Abzug aller inter­na­tio­na­len Bri­ga­den an. Als im Novem­ber 1938 die Geheim­ver­hand­lun­gen zum Hit­ler-Sta­lin-Pakt begin­nen, zie­hen sich auch die rund 2000 sowje­ti­schen “Mili­tär­be­ra­ter” aus Spa­ni­en zurück.

Ende Janu­ar 1939 wird Bar­ce­lo­na in die Hän­de der Put­schis­ten fal­len, Ende März, nach drei Jah­ren Bela­ge­rung, auch Madrid. Mehr als 200.000 Repu­bli­ka­ner wer­den nach Fran­cos end­gül­ti­gem Sieg am 1. April 1939 von den Natio­na­lis­ten ermor­det.

Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Kon­rad Hen­lein, Sude­ten­deut­scher mit tsche­chi­schem Groß­va­ter, war Turn­leh­rer und woll­te nach eige­nem Bekun­den auch nie etwas ande­res sein. Er wur­de zum Aus­hän­ge­schild natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Sude­ten­deut­scher, die in den 1930er Jah­re kräf­tig am Welt­frie­den zün­del­ten. War Hen­lein nur Hit­lers Mario­net­te und Brand­stif­ter — oder auch Bie­der­mann mit einem eigent­lich ernst­haf­ten Anlie­gen?
Bie­der­mann oder Brand­stif­ter: Kon­rad Hen­lein

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2018


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Was wäre gewe­sen, wenn …
Hit­ler den Krieg gewon­nen hät­te und Groß­deutsch­land vom Rhein bis zum Ural rei­chen wür­de. Ein groß­ar­ti­ges Buch zwi­schen Fic­tion, Kri­mi und vie­len his­to­risch aus­ge­spro­chen inter­es­san­ten Fak­ten.

Robert Har­ris, Vater­land*. Heyne Ver­lag, 2017

Info­tain­ment vom Feins­ten!
Ein wei­te­rer Roman aus der Ber­nie Gun­ther-Kri­mi­rei­he von Phi­lip Kerr. Die­ses Mal ein packen­der Fall im Ber­lin des Jah­res 1934 kom­bi­niert mit einem Stim­mungs­be­richt über die Vor­be­rei­tun­gen zu den olym­pi­schen Som­mer­spie­len zwei Jah­re spä­ter. Sehr lesens­wert für alle, die die Kom­bi­na­ti­on aus span­nen­der Unter­hal­tungs­lek­tü­re mit gut recher­chier­ten his­to­ri­schen Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen mögen! Phi­lip Kerr, Die Adlon Ver­schwö­rung*. Rowohlt Taschen­buch Ver­lag, 2011

Nach wie vor eine der bes­ten, fun­dier­tes­ten — und umfang­reichs­ten (über 1000 Sei­ten) — Hit­ler-Bio­gra­fi­en. Prä­di­kat: Beson­ders lesens­wert!
Joa­chim C. Fest, Hit­ler. Eine Bio­gra­phie. Ull­stein Ver­lag GmbH Ber­lin, Taschen­buch, unge­kürz­te Aus­ga­be, 2002

Wei­ter­füh­ren­de Links zum The­ma:


Was begeis­ter­te Mil­lio­nen Men­schen an Adolf Hit­ler, war­um folg­ten sie ihm bis in den Unter­gang? Ging es tat­säch­lich nur um Arbeit und Volks­ge­mein­schaft — oder steckt mehr hin­ter dem “Phä­no­men Hit­ler”?
Die Erlaub­nis zu has­sen


Der eigent­li­che Irr­sinn ist, dass im Jahr 1939 fast nie­mand einen Krieg woll­te. Bri­ten und Fran­zo­sen nicht, die Sowjets nicht und auch nicht die meis­ten Deut­schen. Die ein­zi­ge trei­ben­de Kraft ist Adolf Hit­ler. Seit sei­ner „Macht­er­grei­fung“ im Jahr 1933 wird die deut­sche Außen- und Innen­po­li­tik, die Wirt­schafts- und Finanz­po­li­tik ein­zig und allein auf das Ziel Krieg aus­ge­rich­tet. Eine Chro­no­lo­gie der größ­ten Kata­stro­phe in der Geschich­te der Mensch­heit:
Vor 70 Jah­ren: Welt­kriegs­en­de-Zusam­men­bruch-Befrei­ung


Es war wäh­rend des Drit­ten Rei­ches ein Best­sel­ler und galt als d e r Leit­fa­den zur Kin­der­er­zie­hung. Über die NS-Päd­ago­gik und Johan­na Haa­rers Mach­werk.
Zwi­schen Drill und Miss­hand­lung: Die deut­sche Mut­ter und ihr ers­tes Kind


Die letz­ten frei­en Wah­len am 6. Novem­ber 1932 besie­geln das Schick­sal der Deut­schen. Es ist aber nicht das Wäh­ler­vo­tum, das den roten Tep­pich für Adolf Hit­ler aus­rollt, son­dern das kata­stro­pha­le Agie­ren von mehr oder min­der demo­kra­ti­schen Poli­ti­kern, die mit einer Mischung aus Igno­ranz, Dumm­heit und Selbst­sucht die ers­te Demo­kra­tie auf deut­schem Boden gegen die Wand fah­ren.
1932- das Ende der Repu­blik. Brü­ning: Der Hun­ger­kanz­ler


Lenins „Mann fürs Gro­be“ ist ihm am Ende doch zu grob. In sei­nem poli­ti­schen Tes­ta­ment emp­fiehlt der Begrün­der und ers­te Regie­rungs­chef Sowjet­russ­lands  drin­gend, Sta­lin als all­mäch­ti­gen Gene­ral­se­kre­tär der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Russ­lands abzu­lö­sen und einen ande­ren an sei­ne Stel­le zu set­zen. Doch es ist zu spät, Sta­lin setzt sich im Kampf um die Macht durch. Bis heu­te sind sich His­to­ri­ker nicht einig, ob er oder Hit­ler mehr Men­schen­le­ben gekos­tet haben.
Wer war eigent­lich Sta­lin?


Das Gene­ra­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert


Lese­emp­feh­lun­gen zum The­ma:


Der Spa­ni­sche Bür­ger­krieg (1936 — 1939): Der Spa­ni­sche Bür­ger­krieg wur­de zwi­schen der demo­kra­tisch gewähl­ten Volks­front­re­gie­rung und den rechts­ge­rich­te­ten Put­schis­ten unter Gene­ral Fran­cis­co Fran­co aus­ge­tra­gen. Bei­de Sei­ten hat­ten jedoch erheb­li­che aus­län­di­sche Unter­stüt­zung. Fran­cos Trup­pen sieg­ten und sein Regime (Fran­quis­mus) regier­te Spa­ni­en bis zu sei­nem Tode 1975.
https://www.andalusien360.de/magazin/spanischer-buergerkrieg


Bild­nach­wei­se:
1.Von Bun­des­ar­chiv, B 145 Bild-P017073 / Frankl, A. / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5474552
2. Adolf Hit­ler und Eva Braun auf dem Berg­hof” by Bun­des­ar­chiv, B 145 Bild-F051673-0059 / CC-BY-SA. Licen­sed under CC BY-SA 3.0
3. Pho­to­graph of Gene­ral Fran­co with win­ter cloak. / CC-BY-SA 1.0, Gemein­frei
5. Ber­lin, Olym­pia­de, Sie­ger­eh­rung Fünf­kampf Olym­pi­sche Spie­le 1936 Sie­ger-Ehrung im Fünf­kampf auf der Sie­ger-Tri­bü­ne von rechts nach links: Ober­leut­nant Abba-Ita­li­en (II.) Haupt­mann Hand­rick-Deutsch­land (I.) Leut­nant Leo­nard-USA (III.) Fot. Stemp­ka. Bun­des­ar­chiv, Bild 183-G00825 / Stemp­ka / CC-BY-SA 3.0
5. Sta­lin und Dimitrow (rechts) in Mos­kau (1936)
, Gemein­frei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=116040
6. Urteils­ver­kün­dung im Schach­ty-Pro­zess durch And­rei Wyschin­ski (Mit­te, lesend). Säu­len­saal des Gewerk­schafts­hau­ses in Mos­kau. Autor unbe­kannt, ver­öf­fent­licht am 7. Juli 1928. Gemein­frei. Quel­le:
http://s018.radikal.ru/i504/1203/a9/b8ea58fef723.jpg
7. ADN-ZB/Archiv.Nationalrevolutionärer Krieg des spa­ni­schen Vol­kes vom 18.7.1936 bis 2.4.1939/ Inter­na­tio­na le Brigaden<br />
Der Schrift­stel­ler Lud­wig Renn, Chef des Sta­bes der XI. Inter­na­tio­na­len Bri­ga­de im spa­ni­schen Frei­heits­kampf, Kom­man­deur des Thäl­mann-Batail­lons 1936/37 (rechts) mit dem nor­we­gi­schen Dich­ter Nordahl Grieg (Mit­te) der 1937 in Spa­ni­en kämpf­te. Bun­des­ar­chiv, Bild 183–17036-0005 / CC-BY-SA 3.0
8. Das von der Legi­on Con­dor zer­stör­te Ger­ni­ka. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-H25224 / Unbe­kannt / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5434009



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