Pains and Penalities: Scheidung auf britisch

Viel mehr als die Mode, kei­ne gepu­der­ten Perü­cken mehr zu tra­gen, die Stil­epo­che Regen­cy und eini­ge Gebäu­de und Parks in Lon­don hat der bri­ti­sche Prinz­re­gent und spä­te­re König Geor­ge IV. nicht zustan­de gebracht.
Das ist kaum ver­wun­der­lich, schließ­lich hat er sein hal­bes Leben lang ver­sucht, sich von sei­ner unge­lieb­ten Ehe­frau Caro­li­ne schei­den zu las­sen, was viel schwie­ri­ger als erwar­tet ist, weil sich auch noch Volk und Par­la­ment ein­mi­schen.

George IV von England Lithographie 1821
Geor­ge IV (1821) by G. Atkin­son, Brigh­ton, UKIm­me­dia­te source: Samm­lung de Salis

Scheidung auf britisch

Wäh­rend man sich im Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pa des begin­nen­den 19. Jahr­hun­derts erst lang­sam an das von Napo­le­on ein­ge­schlepp­te neue Schei­dungs­recht gewöhnt, ist es in Groß­bri­tan­ni­en schon seit dem 16. Jahr­hun­dert eta­bliert.

Aus­lö­ser und Vor­rei­ter war ein gewich­ti­ger bri­ti­scher Lady­kil­ler, König Hein­rich VIII. (1491 – 1547).

Aller­dings hat Hein­rich, der ins­ge­samt sechs Mal ver­hei­ra­tet war, das Schei­dungs-Thea­ter nur zwei­mal mit­ge­macht.
Für sei­ne ers­te Schei­dung muss­te er Him­mel und Höl­le in Bewe­gung set­zen. Das heißt: sich mit dem Papst anle­gen, die Staats­re­li­gi­on ändern und dar­auf­hin Rebel­lio­nen nie­der­knüp­peln, weil vie­le sei­ner Unter­ta­nen lie­ber katho­lisch blei­ben und nicht angli­ka­nisch wer­den woll­ten, nur damit der König sei­ne Ex los­wer­den konn­te.

Für wei­te­re Tren­nun­gen, bei­spiels­wei­se dem legen­dä­ren Schluss­ma­chen mit sei­ner zwei­ten Gat­tin Anne Boleyn, bevor­zug­te Hein­rich dann lie­ber ganz klas­sisch den schnel­le­ren und ein­fa­che­ren Weg: den Hen­ker.

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Toll gemach­te Serie
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Bei sei­ner Thron­be­stei­gung 1509 war Hein­rich übri­gens ein Hoff­nungs­trä­ger für sei­ne Unter­ta­nen. Er war ein sehr cha­ris­ma­ti­scher Mann und galt als gebil­det und fort­schritt­lich.
Doch im Lau­fe sei­ner knapp 40jährigen Herr­schaft, sei­ner ver­zwei­fel­ten Hoff­nung auf wah­re Lie­be, ech­te Freund­schaft und einen legi­ti­men Sohn als recht­mä­ßi­gen Thron­er­ben, sei­ne unglück­li­chen Ehen und chro­ni­schen Krank­hei­ten wur­de er zum miss­traui­schen Tyran­nen, der unzäh­li­ge Men­schen fol­tern und umbrin­gen ließ.

Delicate Investigation

Hein­richs Nach­fah­re und Bru­der im Geis­te was Lei­bes­fül­le und Frau­en­ver­schleiß angeht, der Thron­er­be Geor­ge, Prince of Wales, hat ganz ähn­li­che Pro­ble­me wie König Blau­bart, aller­dings ist ‘Köp­fen’ zu sei­ner Zeit kei­ne Opti­on mehr.
Geor­ge sieht sich mit der unan­ge­neh­men Tat­sa­che kon­fron­tiert, dass sich im König­reich nach bri­ti­schem Recht zwar Kre­thi und Ple­thi schei­den las­sen kann, er aber nicht.

Das hat er im Wesent­li­chen sich selbst zuzschrei­ben, denn eine nicht uner­heb­li­che Rol­le in sei­nem Schei­dungs-Dilem­ma spielt sei­ne als jun­ger Prinz ohne Geneh­mi­gung des Königs geschlos­se­ne ers­te Ehe mit einer katho­li­schen bür­ger­li­chen Wit­we, die vor sei­ner zwei­ten Ehe­schlie­ßung nicht geschie­den wor­den war.

Geor­ge war Biga­mist. Das wuss­ten nur weni­ge ein­ge­weih­te Krei­se und so soll­te es auch blei­ben.

Geor­ges ers­te “inof­fi­zi­el­le” Ehe mit der katho­li­schen Wit­we hat­te sei­ner zwei­ten, arran­gier­ten Ehe mit Cou­si­ne Caro­li­ne von Braun­schweig nicht im Weg gestan­den; eine Schei­dung von ihr macht sie aller­dings fast unmög­lich.

Als Geor­ge beschließt, nicht mehr mit Caro­li­ne ver­hei­ra­tet sein zu wol­len, bringt er mit sei­nen Schei­dungs­ab­sich­ten die wacke­ren Par­la­men­ta­ri­er, die in Groß­bri­tan­ni­en bei den Lie­bes- und Hei­rats­an­ge­le­gen­hei­ten des Königs­hau­ses immer ein Wort mit­zu­re­den haben, ziem­lich ins Schwit­zen.

Denn die bri­ti­sche Gesetz­ge­bung jener Zeit erlaubt zwar die Schei­dung eines über alle Tadel erha­be­nen Man­nes von sei­ner sich unmo­ra­lisch ver­hal­ten­den Ehe­frau, nicht aber eine Tren­nung, weil einer der bei­den kei­ne Lust mehr auf den ande­ren hat.

Caroline von Braunschweig
Por­trait of Caro­li­ne of Brunswick (1804), By Sir Tho­mas Law­rence, Natio­nal Por­trait Gal­le­ry, Public Domain

Soll­te es zu einem Schei­dungs­pro­zess kom­men, so die Befürch­tung vie­ler, wür­de unwei­ger­lich schmut­zi­ge Wäsche gewa­schen wer­den. Und – so viel ist allen klar – davon gibt es im Leben des Thron­fol­gers deut­lich mehr als in dem sei­ner Frau.
Geor­ges ers­te Ehe hängt wie ein Damo­kles­schwert über sei­nem Leben. Soll­te her­aus­kom­men, dass er ein Biga­mist ist, dürf­te sein Thron­an­spruch dahin sein, das Par­la­ment hät­te gegen­über dem Volk schwe­re Erklä­rungs­nö­te und müss­te einen neu­en Thron­fol­ger suchen.

Nach lan­gem Hin und Her wird 1806 auf Geor­ges Drän­gen schließ­lich doch noch eine hoch­ka­rä­tig besetz­te vier­köp­fi­ge Kom­mis­si­on unter der Lei­tung des Pre­mier­mi­nis­ters ein­ge­setzt, um Caro­li­nes Lebens­wan­del mög­lichst ohne öffent­li­ches Auf­se­hen zu unter­su­chen.

Eigent­lich hat das Land ande­re Pro­ble­me: Napo­le­ons Arme­en über­ren­nen gera­de halb Euro­pa und weil sie auf der bri­ti­schen Insel nicht lan­den kön­nen, ver­hän­gen die Fran­zo­sen über Groß­bri­tan­ni­ens Wirt­schaft eine Blo­cka­de – die Kon­ti­nen­tal­sper­re – die bri­ti­schen Öko­no­men die Knie schla­ckern lässt.

Aber egal, die Deli­ca­te Inves­ti­ga­ti­on (deli­ka­te Unter­su­chung) wird durch­ge­zo­gen – und fin­det trotz aller Bemü­hun­gen nichts Anstö­ßi­ges im Leben von Geor­ges ver­sto­ße­ner Gemah­lin Caro­li­ne.

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Her­vor­ra­gend recher­chiert, span­nend geschrie­ben:
Das Auf und Ab der bri­ti­schen Mon­ar­chie, die auch vor Charles und Lady Di viel Unglück und Tra­gö­di­en durch­lebt hat. Lesens­wert und sehr gut ver­ständ­lich auf­be­rei­tet als Geschich­te, die mit Geschich­ten erzählt wird.
Bet­ti­na Mus­all (Her­aus­ge­ber), Eva-Maria Schnurr (Her­aus­ge­ber), Eng­lands Kro­ne — die bri­ti­sche Mon­ar­chie im Wan­del der Zeit*, Ein SPIE­GEL-Buch, Deut­sche Ver­lags-Anstalt, März 2015


Scheidung mit Hindernissen

Ab 1811 regiert Geor­ge als Prinz­re­gent anstel­le sei­nes geis­tig völ­lig umnach­te­te Vaters Geor­ge III. Groß­bri­tan­ni­en.
Der Prinz­re­gent baut ger­ne. Des­we­gen ist die Stil­epo­che Regen­cy nach ihm benannt, in der er als Prinz­re­gent die kost­spie­li­gen Bau­wer­ke, Parks und öffent­li­che Plät­ze wie dem Regent’s Park, der Regent Street und dem Tra­fal­gar Squa­re errich­ten ließ, als stei­ner­ne Denk­mä­ler, die ihm sei­ner Mei­nung nach zustan­den.

Viel mehr hat­te er weder als Prinz­re­gent noch als König sei­nem Volk zu bie­ten. (Sieht man davon ab, dass er — ganz Dan­dy — Puder­pe­rü­cken aus der Mode bringt, dafür aber das Tra­gen von Hals­tüch­lein in die fei­ne Gesell­schaft ein­führt.)

Regent Street, Lon­don 2012. Von foto­goo­com, CC BY 3.0

Als der alte König Geor­ge III. im Jahr 1820 stirbt, und Geor­ge zum neu­en König Geor­ge IV. pro­kla­miert wird, unter­nimmt er einen neu­en Anlauf, um sei­ne läs­ti­ge Ehe­frau end­lich los­zu­wer­den.

Zunächst ver­wei­gert er Caro­li­ne die ihr zuste­hen­de Aner­ken­nung als Köni­gin Groß­bri­tan­ni­ens und ver­folgt dann kurz­zei­tig die Idee, sie wegen Hoch­ver­rats ankla­gen zu las­sen, wovon ihn Ange­hö­ri­ge der bri­ti­schen Regie­rung müh­sam wie­der abbrin­gen kön­nen.

Caro­li­ne war klug genug, Eng­land frei­wil­lig zu ver­las­sen, um sich 1814, nach­dem Napo­le­on besiegt und der Krieg in Euro­pa nach lan­ger Zeit been­det war, im Alter von 46 Jah­ren der Tris­tesse ihrer eng­li­schen Ehe zu ent­zie­hen und – viel­leicht – doch noch ein biss­chen Spaß im Leben zu haben.
Sie reis­te zunächst nach Deutsch­land, Grie­chen­land, Kai­ro und Jeru­sa­lem und ließ sich schließ­lich in Cernob­bio am Comer See nie­der.

Drei Jah­re nach dem qual­vol­len Tod ihrer ein­zi­gen Toch­ter 1817 errei­chen sie dort neue Nach­rich­ten aus ihrer bri­ti­schen Ehe­höl­le. Denn den Aus­weg aus der Ehe mit ihr sieht ihr ewig wüten­der Gat­te mitt­ler­wei­le in einem neu­en Gesetz, dem Pains and Pen­al­ties Bill (in etwa: Sor­gen und Sank­tio­nen Gesetz).
Geor­ges Hoff­nung ist, Caro­li­ne ohne Gerichts­ver­hand­lung und mit ein­fa­cher Mehr­heit im Par­la­ment los­zu­wer­den. Die Geset­zes­vor­la­ge ist bereits in Vor­be­rei­tung.

Bevor Geor­ges per­sön­li­ches Schei­dungs­ge­setz rechts­kräf­tig wer­den kann, muss aller­dings die Vor­la­ge von den Lords des bri­ti­schen Ober­hau­ses abge­nickt wer­den. Das erscheint ein­fach, sind doch die Dukes, Baro­nets, Earls und Vis­counts immer gegen die unkon­ven­tio­nel­le Caro­li­ne und für den König gewe­sen.

Doch es kommt anders.

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Bill Bry­son sehr amü­sant über die Bau­lust bri­ti­scher Köni­ge,
den Puder­pe­rü­cken-Knall des Abso­lu­tis­mus — und die Sor­gen und Nöte der klei­nen Leu­te, die den Spaß der obe­ren Zehn­tau­send finan­zie­ren muss­ten. Ein sehr lesens­wer­ter Streif­zug durch die Kul­tur­ge­schich­te Euro­pas. Und sehr hörens­wert: die Audio-Ver­si­on, gele­sen von Rufus Beck.
Bill Bry­son, Eine kur­ze Geschich­te der all­täg­li­chen Din­ge*, Gold­mann Taschen­buch, 2013


No Queen, no King

Am ers­ten Tag der Anhö­rung der Geset­zes­vor­la­ge vor dem Ober­haus, im August 1820, sind die Stra­ßen rund um das Par­la­ment mit Men­schen ver­stopft.
Die Lords, die zur Anhö­rung ins Par­la­ments­ge­bäu­de eilen, müs­sen sich durch die Men­schen­men­ge drän­geln und wer­den dabei aus­ge­pfif­fen und aus­ge­buht — ver­mu­ten doch vie­le zu Recht, dass sie für das Gesetz und damit gegen die ver­sto­ße­ne Köni­gin stim­men wer­den.

No Queen, no King“ (Ohne Köni­gin kein König), ist der Schlacht­ruf der Mas­sen.
Vor­der­grün­dig geht es um die Annul­lie­rung einer seit Jahr­zehn­ten nicht mehr bestehen­den Ehe, doch Caro­li­ne ist schon längst zur Volks­hel­din und zur Gal­li­ons­fi­gur des Wider­stan­des gegen den ver­hass­ten Geor­ge und das fast eben­so ver­hass­te Estab­lish­ment gewor­den.

Die Not­wen­dig­keit des Pains and Pen­al­ties Bill soll – mal wie­der – mit dem Ehe­bruch der Ehe­frau belegt wer­den.
Geor­ges nach wie vor exis­tie­ren­de inof­fi­zi­el­le ers­te Gat­tin und sei­ne zahl­rei­chen Neben­bei-Affä­ren sol­len selbst­ver­ständ­lich nicht zur Spra­che kom­men.

Die Anhö­rung vor den fei­nen Ohren des des bri­ti­schen Ober­hau­ses gerät trotz­dem zur Schlamm­schlacht.
Die­ses Mal hat man einen ita­lie­ni­schen Baron als poten­zi­el­len Lieb­ha­ber Caro­li­nes aus­fin­dig gemacht, der in ihrem Haus­halt am Comer See lebt und ihr – so sagt man – als eine Art Kurier zu Diens­ten ist.

Tage­lang wer­den ihre ita­lie­ni­schen Bediens­te­ten befragt; man erör­tert die Lage ihres Schlaf­zim­mer zu dem des ita­lie­ni­schen Barons (nah bei­ein­an­der­lie­gend), den Zustand der Bet­ten (das des Barons manch­mal unbe­nutzt), und den Zustand der Bett­la­ken Caro­li­nes (manch­mal mit Fle­cken).

Fast sieht es aus, als ob Caro­li­nes Ehe­bruch auf­grund erdrü­cken­der Indi­zi­en nach­ge­wie­sen wer­den kann – beim Spa­zie­ren­ge­hen hat sie sich bei ihrem Baron ein­ge­hakt! Mehr­mals! –, doch dann kon­tert Caro­li­nes Anwalt und presst im Kreuz­ver­hör eini­gen Haus­an­ge­stell­ten das Geständ­nis ab, dass ihre Aus­sa­gen im Vor­feld gekauft wor­den waren.

Non mi ricordo“ – „ich kann mich nicht erin­nern“, ist das Ein­zi­ge, was der Haupt­be­las­tungs­zeu­ge, der ita­lie­ni­sche But­ler Caro­li­nes, noch stam­meln kann, als ihr Anwalt mit ihm fer­tig ist.„Non mi ricordo“ wird in den kom­men­den Tagen zur höh­ni­schen Schlag­zei­le vie­ler Zei­tun­gen und Gazet­ten, denn die meis­ten ste­hen auf Caro­li­nes Sei­te.

Es hilft nichts: Dem Pains and Pen­al­ties Bill fehlt die recht­li­che Grund­la­ge.
Die Geset­zes­vor­la­ge schei­tert im Novem­ber 1820 vor dem Ober­haus; die bri­ti­sche Regie­rung zieht sie weni­ge Tage spä­ter zurück.
Als die Ent­schei­dung bekannt­ge­ge­ben wird, tan­zen die Men­schen auf den Stra­ßen und fei­ern tage­lang eupho­risch den Fort­be­stand einer Ehe, die es eigent­lich seit Jahr­zehn­ten nicht mehr gibt.

Where is the princess?

Doch Caro­li­ne, vom Volk geliebt und beju­belt, vom Ehe­mann gehasst, hat­te zu die­sem Zeit­punkt schon längst ihren Lebens­mut ver­lo­ren.
Ihr ein­zi­ges Kind ist tot.

Ihre und Geor­ges Toch­ter, Kron­prin­zes­sin Char­lot­te, war 1817 bei der Geburt ihres ers­ten Kin­des, eines klei­nen Soh­nes, gestor­ben. Ein tra­gi­scher ärzt­li­cher Kunst­feh­ler, so wür­de man heu­te den grau­en­vol­len Tod der jun­gen Thron­er­bin im Wochen­bett nen­nen, denn der ver­ant­wort­li­che Arzt hat­te den Gebrauch der rela­tiv neu erfun­de­nen, aber lebens­ret­ten­den Geburts­zan­ge nicht erlaubt.
Caro­li­nes Toch­ter Char­lot­te und ihr unge­bo­re­ner Enkel­sohn star­ben völ­lig erschöpft nach über fünf­zig Stun­den erfolg­lo­ser Wehen im Wochen­bett.

Aus der medi­zi­ni­schen Sicht sei­ner Zeit hat­te Char­lot­tes Arzt, der unglück­li­che Sir Richard Croft, alles rich­tig gemacht.Die damals bekann­te Form des Kai­ser­schnitts hät­te den siche­ren Tod der Thron­er­bin bedeu­tet; die Zan­gen­ge­burt, die das Leben von Mut­ter und Kind ret­ten konn­te, war nicht sta­te of the art.

Sie war nicht nur neu, son­dern bei der bri­ti­schen Medi­zi­ner-Com­mu­ni­ty ver­pönt und in den Augen vie­ler ein­fach zu hei­kel.

Sowohl Char­lot­tes Mann Leo­pold als auch ihr Vater Geor­ge, spra­chen Croft von jeg­li­cher Mit­schuld an ihrem Tod frei. Doch die Nati­on war scho­ckiert – es sei, als ob jeder Haus­halt Groß­bri­tan­ni­ens ein Kind ver­lo­ren hät­te, notiert eine auf­ge­wühl­te bri­ti­sche Tage­buch­schrei­be­rin.

Und auch Croft selbst konn­te sich nicht ver­zei­hen: 1818 fand man ihn tot mit einer Kugel im Kopf.
Neben ihm lag ein Exem­plar von Shake­speares frü­her Komö­die Ver­lo­re­ne Lie­bes­müh, auf­ge­schla­gen im 5. Akt, 2. Sze­ne bei der bedeu­tungs­schwe­ren Pas­sa­ge: Fair Sir, God save you! Whe­re is the Princess?

Ein verlorenes Leben?

Char­lot­tes frü­her Tod war der sehr trau­ri­ge Aus­gang einer glück­li­chen Geschich­te, denn ihre Hoch­zeit mit Prinz Leo­pold von Sach­sen-Coburg, dem spä­te­ren König Leo­pold I. von Bel­gi­en, war eine Lie­bes­hei­rat, für die die jun­ge Prin­zes­sin sogar eine ande­re Ver­lo­bung gelöst hat­te.

Ihr Tod änder­te vie­les, vor allem aber den Lauf der Geschich­te:
Hät­ten Char­lot­te und ihr Baby über­lebt, hät­te es kein vik­to­ria­ni­sches Zeit­al­ter gege­ben und vor allem: kei­ne Köni­gin Vic­to­ria.

König George IV von England
Geor­ge IV (1816) By Tho­mas Law­rence — File:George IVcoronation.jpg from Roy­al Collec­tion object 405918, Public domain

Weni­ge Mona­te nach dem Ende der Pains and Pen­al­ties Anhö­rung, im Juli 1821, wird ihr Immer­noch-Ehe­mann Geor­ge IV. in der West­mins­ter Abbey mit einer pom­pö­sen Zere­mo­nie zum König gekrönt.
Caro­li­ne ist zu den Fei­er­lich­kei­ten nicht ein­ge­la­den, erscheint trotz­dem – und wird nicht ein­ge­las­sen.

Drei Wochen spä­ter ist Caro­li­ne tot.
Noch Jah­re spä­ter hält sich das Gerücht, dass man ihren frü­hen Tod mit nur 53 Jah­ren mit einem ver­gif­te­ten Glas Limo­na­de her­bei­ge­führt habe, doch wahr­schein­li­cher als Todes­ur­sa­che ist ihre schon län­ge­re Zeit bestehen­de Unter­leibs­er­kran­kung.

Als Caro­li­nes Sarg in aller Heim­lich­keit durch abge­le­ge­ne Vor­or­te Lon­dons zur Küs­te und von dort aus zur letz­ten Ruhe­stät­te nach Braun­schweig über­führt wer­den soll, stür­men Demons­tran­ten den Lei­chen­zug ihrer ver­sto­ße­nen Köni­gin und zwin­gen die Gar­den, einen Weg mit­ten durch die City of Lon­don zu neh­men.
Bei den Aus­schrei­tun­gen und Tumul­ten im Anschluss wer­den zwei Men­schen getö­tet und meh­re­re ver­letzt.

König Geor­ge IV. stirbt neun Jah­re spä­ter als einer der meist­ge­hass­ten Köni­ge in der Geschich­te Groß­bri­tan­ni­ens – und ohne einen legi­ti­men Thron­er­ben als Nach­fol­ger.
Fast sein hal­bes Leben hat­te er damit ver­bracht, sich schei­den zu las­sen, – oder es zumin­dest ver­sucht.
Erstaun­lich ist sei­ne Belang­lo­sig­keit für das bri­ti­sche Empi­re daher nicht.

Ein selbst­süch­ti­ges Leben – auch ein ver­lo­re­nes?.
Oder, wie es die Lon­do­ner Times anläss­lich sei­nes fünf­zigs­ten Geburts­tags for­mu­liert hat:

[… Ein] Wort­brü­chi­ger, ein bis über die Ohren ver­schul­de­ter und mit Schan­de bedeck­ter Wüst­ling, ein Ver­äch­ter ehe­li­cher Bin­dun­gen, ein Kum­pan von Spie­lern und Halb­welt­ge­stal­ten, ein Mann, der gera­de ein hal­bes Jahr­hun­dert voll­endet hat, ohne den gerings­ten Anspruch auf die Dank­bar­keit sei­nes Lan­des oder den Respekt nach­fol­gen­der Genera­tio­nen ver­dient zu haben.“

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www​.bild​bio​gra​phi​en​.de, 2017 (über­ar­bei­tet 2019)

Lesen Sie im drit­ten Teil: Queen Vic­to­ria, die legen­dä­re bri­ti­sche Köni­gin (1819 – 1901), ret­tet das Anse­hen des bri­ti­schen Königs­hau­ses. Ihr Leben fängt mehr als beschei­den an, ohne Vater und mit einer Mut­ter, die sie als eine Art Faust­pfand für die eige­ne Zukunft betrach­tet. Zwei Onkel bestim­men Vic­to­ri­as Schick­sal: Ihr selt­sa­mer Onkel Geor­ge, den sie auf dem bri­ti­schen Thron beer­ben wird, und Onkel Leo­pold, der sich um ihr Lebens­glück und ihre Zukunft küm­mert.
Die Groß­mutter Euro­pas

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Ein groß­ar­ti­ges Buch über die Zeit,
als alle, die in Euro­pa Rang und Namen hat­ten (… und etwas zu sagen …) mit­ein­an­der ver­wandt waren.
Span­nend, infor­ma­tiv, sehr unter­halt­sam und mit fei­ner Iro­nie geschrie­ben — lesens­wert!

Leon­hard Horow­ski, Das Euro­pa der Köni­ge*, Rowohlt Buch­ver­lag, März 2017, 1120 Sei­ten

Nach wie vor die bes­te Emp­feh­lung für alle, die Spaß an ‘Geschich­te durch Geschich­ten’ haben.
Der His­to­ri­ker Bill Bry­son unter­halt­sam und wit­zig über die Kul­tur­ge­schich­te der Mensch­heit — Paläs­te, Perü­cken, Geburts­zan­gen und vie­les mehr.
Bill Bry­son, Eine kur­ze Geschich­te der all­täg­li­chen Din­ge*, Gold­mann Taschen­buch, 2013
Sehr hörens­wert ist übri­gens auch das Hör­buch, gele­sen von Rufus Beck.

Her­vor­ra­gend recher­chiert und span­nend geschrie­ben:
Das Auf und Ab der ältes­ten Mon­ar­chie der Welt, lesens­wert und sehr gut ver­ständ­lich auf­be­rei­tet als Geschich­te, die Spaß macht.
Bet­ti­na Mus­all (Her­aus­ge­ber), Eva-Maria Schnurr (Her­aus­ge­ber), Eng­lands Kro­ne — die bri­ti­sche Mon­ar­chie im Wan­del der Zeit*, Ein SPIE­GEL-Buch, Deut­sche Ver­lags-Anstalt, März 2015

König Hein­rich VIII. auf der Suche nach der rich­ti­gen Frau, der rich­ti­gen Reli­gi­on und dem gro­ßen Glück
Eine groß­ar­ti­ge Serie über Eng­lands Lady­kil­ler (1491 – 1547), toll insze­niert und sehr cha­ris­ma­tisch und viel­schich­tig dar­ge­stellt. Der Mann, die Zusam­men­hän­ge und die Hin­ter­grün­de sei­ner Zeit wer­den span­nend und mit tol­len Bil­dern erzählt. Sehr sehens­wert!
Die Tudors*, Sony Pic­tures Home Enter­tain­ment, April 2014, FSK:16


Wei­ter­füh­ren­de Bei­trä­ge:

Das Dra­ma beginnt: Der Prince of Wales Geor­ge kann sei­ne Finan­zen nicht in Ord­nung hal­ten. Von sei­nem auf­wän­di­gen Lebens­stil fast rui­niert, wil­ligt er schließ­lich in einen Hei­rats­han­del mit dem Par­la­ment ein: Sei­ne Schul­den wer­den bezahlt, dafür hei­ra­tet er sei­ne Cou­si­ne Caro­li­ne von Braun­schweig. Das ein­zi­ge Pro­blem: Das Braut­paar kann sich nicht aus­ste­hen …
Sze­nen einer arran­gier­te Ehe

Lie­be: Wer kennt es nicht, wenn sich nach weni­gen Wochen gro­ßer Lie­be, in denen See­len­ver­wandt­schaf­ten ent­deckt und Zukunfts­plä­ne geschmie­det wer­den, der ange­him­mel­te Liebs­te plötz­lich rar­macht, um Bedenk­zeit bit­tet, selt­sa­me Erklä­run­gen stam­melt und schließ­lich zu einer ande­ren ent­schwin­det? Ist das Psy­cho­lo­gie oder doch wie­der nur ein mise­ra­bler männ­li­cher Hor­mon­haus­halt?
Ist Fremd­ge­hen ange­bo­ren?

Die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, Napo­le­on und ganz neue Gefüh­le: Mut­ter­lie­be, wah­re Lie­be und das Schei­dungs­recht kamen in Kon­ti­nen­tal-Euro­pa als Fol­ge der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und mit Napo­le­on in Mode. Mehr über die “neu­en” gro­ßen Gefüh­le:
Mätres­sen­wirt­schaft, Revo­lu­ti­on und die gro­ße Lie­be

Kind­heit & Erzie­hung: Mit “Mut­ter­lie­be” hat­te der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean-Jac­ques Rous­se­au nichts im Sinn, als er 1762 sei­nen Roman “Emi­le oder über die Erzie­hung” ver­öf­fent­lich­te. Eigent­lich woll­te er mit sei­nem Roman ein Zei­chen gegen die abso­lu­tis­ti­sche Stän­de­ge­sell­schaft set­zen, die ihn anwi­der­te. Doch dann kommt die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, Mut­ter­lie­be wird zum neu­en Trend und bald zum ein­zi­gen Lebens­in­halt von Frau­en.
Die Erfin­dung der Mut­ter­lie­be

Das Genera­tionengs­präch über ein Jahr­hun­dert der Auf- und Umbrü­che, der Revo­lu­tio­nen und der Erfin­dung von Mut­ter- und roma­ti­scher Lie­be. Das Jahr­hun­dert der Auf­klä­rung und der “Aus­gang des Men­schen aus sei­ner selbst­ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit”.
Das 18. Jahr­hun­dert

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Span­nen­de Blog-Lek­tü­re über Queen Vic­to­ria und ihre Vor- und Nach­fah­ren:
https://​www​.nord​kom​plott​.de/​a​l​s​-​d​i​e​-​r​o​y​a​l​s​-​a​u​s​-​h​a​n​n​o​v​e​r​-​k​a​m​e​n​-​3​0​0​-​j​a​h​r​e​-​p​e​r​s​o​n​a​l​u​n​i​on/

Schei­dung: “Im Gesetz steht von Lie­be kein Wort” — lesens­wer­tes Inter­view mit der Schei­dungs­an­wäl­tin Hele­ne Kla­ar, erschie­nen 2016 im Süd­deut­sche Zei­tung Maga­zin
https://​sz​-maga​zin​.sued​deut​sche​.de/​l​i​e​b​e​-​u​n​d​-​p​a​r​t​n​e​r​s​c​h​a​f​t​/​i​m​-​g​e​s​e​t​z​-​s​t​e​h​t​-​v​o​n​-​l​i​e​b​e​-​k​e​i​n​-​w​o​r​t​-​8​2​190

Bild­nach­wei­se:

Geor­ge IV (1821) by G. Atkin­son, Brigh­ton, UKIm­me­dia­te source: Samm­lung de Salis), Public Domain

Por­trait of Caro­li­ne of Brunswick (1804), By Sir Tho­mas Law­rence, Natio­nal Por­trait Gal­le­ry, Public Domain

Regent Street, Lon­don 2012. Von foto­goo­com, CC BY 3.0, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​5​9​0​9​8​348

Geor­ge IV (1816) By Tho­mas Law­rence — File:George IVcoronation.jpg from Roy­al Collec­tion object 405918, Public domain

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