Pains and Penalities: Scheidung auf britisch

George IV von England Lithographie 1821

Geor­ge IV (1821) by G. Atkin­son, Brigh­ton, UKIm­me­dia­te source: Samm­lung de Salis

Viel mehr als die Mode, kei­ne gepu­der­ten Perü­cken mehr zu tra­gen, die Stil­epo­che Regen­cy und eini­ge Gebäu­de und Parks in Lon­don hat der bri­ti­sche Prinz­re­gent und spä­te­re König Geor­ge IV. nicht zustan­de gebracht.
Das ist nicht ver­wun­der­lich, schließ­lich hat er sein hal­bes Leben lang ver­sucht, sich schei­den zu las­sen. Er setzt alle Hebel in Bewe­gung, um sei­ne deut­sche Ehe­frau Caro­li­ne von Braun­schweig end­lich los­zu­wer­den. Aber es nützt nichts: Geor­ge bleibt ver­hei­ra­tet und macht sich immer mehr zum Gespött sei­ner Unter­ta­nen, die auf den Stra­ßen tan­zen, als bekannt wird, dass er sich nicht schei­den las­sen darf.

Lesen Sie im ers­ten Teil: Das Dra­ma beginnt. Der Prince of Wales Geor­ge kann sei­ne Finan­zen nicht in Ord­nung hal­ten. Von sei­nem auf­wän­di­gen Lebens­stil fast rui­niert, wil­ligt er schließ­lich in einen Hei­rats­han­del mit dem Par­la­ment ein: Sei­ne Schul­den wer­den bezahlt, dafür hei­ra­tet er sei­ne Cou­si­ne Caro­li­ne von Braun­schweig. Das ein­zi­ge Pro­blem: Das Braut­paar kann sich nicht aus­ste­hen, ein Umstand, dem die legen­dä­re Queen Vic­to­ria Leben und Kro­ne ver­dankt.
Sze­nen einer arran­gier­ten Ehe

Was bisher geschah

Die arran­gier­te Ehe des Prinz­re­gen­ten mit sei­ner Cou­si­ne Caro­li­ne von Braun­schweig steht unter kei­nem guten Stern.
Geor­ge, der Prince of Wales, der wegen sei­ner Lei­bes­fül­le auch ger­ne als „Prince of Wha­les“ − Prinz der Wale –  bezeich­net wird, und die selbst­be­wuss­te 27jährige Caro­li­ne, Toch­ter einer Schwes­ter Königs Geor­ge III. und eines über­für­sorg­li­chen Vaters (ein Kriegs­held und Lieb­lings­nef­fe Fried­richs des Gro­ßen), sind kein Traum­paar.

Caroline von Braunschweig

Por­trait of Caro­li­ne of Brunswick (1804), By Sir Tho­mas Lawrence, Natio­nal Por­trait Gal­le­ry, Public Domain

Schon bei ihrer ers­ten Begeg­nung drei Tage vor der geplan­ten Hoch­zeit ist zu spü­ren, dass sie nicht har­mo­nie­ren. Caro­li­ne ver­är­gert ihren zukünf­ti­gen Gat­ten mit einer äußerst däm­li­chen Bemer­kung: Er sähe auf den Por­träts viel bes­ser aus als in natu­ra. Das reicht ihm für sei­ne lebens­lan­ge tie­fe Abnei­gung gegen­über sei­ner Gat­tin.

Immer­hin hält die Ehe lan­ge genug, um eine Thron­er­bin zu zeu­gen.
Doch gleich nach der Geburt der klei­nen Prin­zes­sin Char­lot­te Augus­ta teilt Geor­ge — ganz bis ins Mark ver­letz­ter Nar­zisst — sei­ner Gat­tin schrift­lich mit, dass er sich von ihr tren­nen wer­de, und betont, er wer­de auf die Aus­übung sei­ner ehe­li­chen Rech­te zukünf­tig auch dann ver­zich­ten, wenn ihrer gemein­sa­men Toch­ter, der zukünf­ti­gen Thron­fol­ge­rin Groß­bri­tan­ni­ens, etwas zusto­ßen soll­te.

Caro­li­ne pfeift auf ihren exzen­tri­schen eng­li­schen Ehe­mann, zieht sich mit ihrer klei­nen Toch­ter auf’s Land zurück und führt ein für die dama­li­ge Zeit uner­hört unkon­ven­tio­nel­les Leben als allein­er­zie­hen­de und glück­li­che Mut­ter. (Besu­cher berich­ten halb ent­setzt, halb fas­zi­niert, dass Caro­li­ne sie auf dem Boden lie­gend emp­fan­gen habe. Was heu­te völ­lig nor­mal ist, war damals skan­da­lös: eine Mut­ter, die sich zum Spie­len zu ihrem Kind auf den Boden hockt, und der es völ­lig egal ist, was die Leu­te dar­über sagen und von ihr hal­ten. Das bri­ti­sche Volk liebt sie dafür.)

Caro­li­nes glück­li­ches Leben ohne ihn passt Geor­ge nicht. Er wirft ihr einen zügel­lo­sen Lebens­stil vor und “ret­tet” Char­lot­te Augus­ta vor ihrer Mut­ter, die nach sei­nem Emp­fin­den nicht mehr alle Tas­sen im Schrank hat.
Schließ­lich ist sei­ne Toch­ter sein bis­lang ein­zi­ges “offi­zi­el­les” Kind (und wird es auch blei­ben) und damit die bri­ti­sche Thron­er­bin. Die Prin­zes­sin wird von ihrer Mut­ter getrennt und bei Hofe unter­ge­bracht, wo sie eine ordent­li­che Erzie­hung bekom­men soll; die bei­den dür­fen sich nur noch zwei­mal im Monat sehen.

Der nächs­te Schritt: Geor­ge will die Schei­dung — kos­te es, was es wol­le.

Schei­dun­gen auf bri­tisch

Wäh­rend sich das Schei­dungs­recht in Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pa erst mit Napo­le­on ver­brei­tet, ist es in Groß­bri­tan­ni­en schon seit Jahr­hun­der­ten eta­bliert.
Vor­rei­ter war ein gewich­ti­ger Lady­kil­ler in der beweg­ten Geschich­te des Lan­des, König Hein­rich VIII. (1491 – 1547).

Aller­dings hat Hein­rich, der ins­ge­samt sechs Mal ver­hei­ra­tet war, das Schei­dungs-Thea­ter nur zwei­mal mit­ge­macht: Für sei­ne ers­te Schei­dung muss­te die Staats­re­li­gi­on geän­dert wer­den, wor­auf­hin Tei­le des Vol­kes rebel­lier­ten, weil sie lie­ber katho­lisch blei­ben und nicht angli­ka­nisch wer­den woll­ten. Der katho­li­sche Dau­er­feind Frank­reich nutzt dar­auf­hin die Gunst der Stun­de, um Eng­land (mal wie­der) den Krieg zu erklä­ren.
Für wei­te­re Tren­nun­gen, bei­spiels­wei­se dem legen­dä­ren Schluss­ma­chen mit sei­ner zwei­ten Gat­tin Anne Boleyn, bevor­zug­te Hein­rich dann lie­ber ganz klas­sisch den schnel­le­ren und ein­fa­che­ren Weg: den Hen­ker.

Bei sei­ner Thron­be­stei­gung 1509 war Hein­rich übri­gens ein Hoff­nungs­trä­ger für sei­ne Unter­ta­nen. Er war ein sehr cha­ris­ma­ti­scher Mann und galt als gebil­det und fort­schritt­lich.
Doch im Lau­fe sei­ner knapp 40jährigen Herr­schaft, sei­ner ver­zwei­fel­ten Hoff­nung auf wah­re Lie­be, ech­te Freund­schaft und einen legi­ti­men Sohn als recht­mä­ßi­gen Thron­er­ben, sei­nen unglück­li­chen Ehen und sei­nen chro­ni­schen Krank­hei­ten wur­de er zum miss­traui­schen Tyran­nen, der unzäh­li­ge Men­schen fol­tern und umbrin­gen ließ.


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Toll gemach­te Serie über Eng­lands Lady­kil­ler König Hein­rich VIII. (1491 – 1547), die neben — manch­mal zu vie­len Sex-Sze­nen — den Mann, die Zusam­men­hän­ge und die Hin­ter­grün­de sei­ner Zeit span­nend und sehr ein­gän­gig zeigt. Auf die his­to­ri­sche Gold­waa­ge soll­te man nicht alles legen; eini­ge Neben­as­pek­te sind dra­ma­tur­gisch sinn­voll, geschicht­lich aber falsch. Trotz­dem: die Rich­tung stimmt — sehr sehens­wert! Die Tudors*, Sony Pic­tures Home Enter­tain­ment, FSK: ab 12, 2010


Delicate Investigation

Anders als bei den abso­lu­tis­ti­schen Kol­le­gen auf dem Fest­land hat das bri­ti­sche Par­la­ment bei den Lie­bes- und Hei­rats­an­ge­le­gen­hei­ten der eng­li­schen Köni­ge ein erheb­li­ches Mit­spra­che­recht.

Recht bedeu­tet aber auch Ver­ant­wor­tung: Geor­ge bringt die wacke­ren Par­la­men­ta­ri­er mit sei­nen Schei­dungs­ab­sich­ten  ziem­lich ins Schwit­zen. Denn die Gesetz­ge­bung erlaubt zwar die Schei­dung eines über alle Tadel erha­be­nen Man­nes von sei­ner sich unmo­ra­lisch ver­hal­ten­den Ehe­frau, nicht aber eine Tren­nung, weil einer der bei­den kei­ne Lust mehr auf den ande­ren hat.

Soll­te es zu einem Schei­dungs­pro­zess kom­men, wür­de unwei­ger­lich schmut­zi­ge Wäsche gewa­schen wer­den. Und – so viel ist allen klar – davon gibt es im Leben des Thron­fol­gers deut­lich mehr als in dem sei­ner Frau.
Vor allem hängt sei­ne ers­te, nach wie vor nicht geschie­de­ne Ehe mit sei­ner „inof­fi­zi­el­len“ Gat­tin wie ein Damo­kles­schwert über sei­nem Leben und sei­ner Thron­fol­ge. Soll­te Geor­ges heim­li­che ers­te Hoch­zeit her­aus­kom­men (und ihn damit durch sei­ne zwei­te Ehe­schlie­ßung mit Caro­li­ne als Biga­mis­ten ent­lar­ven), hät­te man dem Volk gegen­über schwe­re Erklä­rungs­nö­te — und müss­te ver­mut­lich einen neu­en Thron­fol­ger suchen.

Nach lan­gem Hin und Her wird 1806 auf Geor­ges Drän­gen schließ­lich doch eine hoch­ka­rä­tig besetz­te vier­köp­fi­ge Kom­mis­si­on unter der Lei­tung des Pre­mier­mi­nis­ters ein­ge­setzt, um Caro­li­nes Lebens­wan­del mög­lichst ohne öffent­li­ches Auf­se­hen zu unter­su­chen.

Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard Gemälde von Jacques-Louis David, 1800

Bona­par­te beim Über­schrei­ten der Alpen am Gro­ßen Sankt Bern­hard, Von Jac­ques-Lou­is David — The Yorck Pro­ject.

Eigent­lich hat das Land ande­re Pro­ble­me:
Napo­le­ons Arme­en über­ren­nen gera­de halb Euro­pa und weil sie auf der Insel nicht lan­den kön­nen, ver­hän­gen die Fran­zo­sen über Groß­bri­tan­ni­ens Wirt­schaft eine Blo­cka­de – die Kon­ti­nen­tal­sper­re – die bri­ti­schen Öko­no­men die Knie schla­ckern lässt.
Aber egal, die Deli­ca­te Inves­ti­ga­ti­on (deli­ka­te Unter­su­chung) wird durch­ge­zo­gen – und fin­det trotz aller Bemü­hun­gen nichts Anstö­ßi­ges im Leben der ver­sto­ße­nen Gemah­lin.

1814, Napo­le­on ist besiegt (zumin­dest vor­läu­fig) und es herrscht seit lan­ger Zeit wie­der Frie­den in Euro­pa (für kur­ze Zeit …). Caro­li­ne ist klug genug, Eng­land frei­wil­lig zu ver­las­sen, um sich im Alter von 46 Jah­ren der Tris­tesse ihrer eng­li­schen Ehe zu ent­zie­hen und – viel­leicht – doch noch ein biss­chen Spaß im Leben zu haben.
Sie reist nach Deutsch­land, Grie­chen­land, Kai­ro und Jeru­sa­lem und lässt sich schließ­lich in Cer­nob­bio am Comer See nie­der.

scheidung mit Hindernissen

Der Prince of Wales Geor­ge regiert seit 1811 als Prinz­re­gent anstel­le sei­nes geis­tig völ­lig umnach­te­te Vaters Geor­ge III. Der alte König lei­det an Por­phy­rie, einer sel­te­nen erb­li­chen Erkran­kung des Blut­sys­tems, die unbe­han­delt zu Hirn­schä­den und Stö­run­gen bei der Blut­ge­rin­nung füh­ren kann. Eine Enke­lin Geor­ge III., die spä­te­re Queen Vic­to­ria, wird die­se Krank­heit als Trä­ge­rin an ihre zahl­rei­chen Nach­kom­men wei­ter­ge­ben (unter ande­rem lei­det einer ihrer Enkel­söh­ne, der klei­ne Zare­witsch, des­halb an der Blu­ter­krank­heit).

Der Prinz­re­gent baut ger­ne. Er begrün­det die nach ihm benann­te Stil­epo­che Regen­cy und errich­tet sich mit der kost­spie­li­gen Gestal­tung von Bau­wer­ken, Parks und öffent­li­chen Plät­zen wie dem Regent’s Park, der Regent Street und dem Tra­fal­gar Squa­re die stei­ner­nen Denk­mä­ler, die ihm sei­ner Mei­nung nach zuste­hen.
Viel mehr hat­te er weder als Prinz­re­gent noch als König sei­nem Volk zu bie­ten. (Sieht man davon ab, dass er Puder­pe­rü­cken aus der Mode brach­te, dafür aber das Tra­gen von Hals­tüch­lein in die fei­ne Gesell­schaft ein­führ­te.)

Regent Street, Lon­don 2012. Von foto­goo­com, CC BY 3.0

Als der alte König Geor­ge III. im Jahr 1820 stirbt, und Geor­ge zum neu­en König Geor­ge IV. pro­kla­miert wird, unter­nimmt er einen erneu­ten Anlauf, um sei­ne läs­ti­ge Ehe­frau end­lich los­zu­wer­den.
Zunächst ver­wei­gert er Caro­li­ne die ihr zuste­hen­de Aner­ken­nung als Köni­gin Groß­bri­tan­ni­ens und ver­folgt dann kurz­zei­tig die Idee, sie wegen Hoch­ver­rats ankla­gen zu las­sen, wovon ihn Ange­hö­ri­ge der bri­ti­schen Regie­rung müh­sam wie­der abbrin­gen kön­nen.

Den ein­zi­gen Aus­weg, ohne Schei­dungs­pro­zess aus die­ser Ehe her­aus­zu­kom­men, soll schließ­lich ein neu­es Gesetz brin­gen, das Pains and Pen­al­ties Bill (in etwa: Sor­gen und Sank­tio­nen Gesetz). Mit die­sem Gesetz, so Geor­ges Hoff­nung, kann das Par­la­ment sei­ne Ehe ohne Gerichts­ver­hand­lung und mit ein­fa­cher Mehr­heit auf­lö­sen.
Er lässt die Geset­zes­vor­la­ge aus­ar­bei­ten.

Bevor Geor­ges per­sön­li­ches Schei­dungs­ge­setz rechts­kräf­tig wer­den kann, muss aller­dings die Vor­la­ge von den Lords des bri­ti­schen Ober­hau­ses abge­nickt wer­den. Das erscheint ein­fach, sind doch die Dukes, Baro­nets, Earls und Vis­counts immer gegen die unkon­ven­tio­nel­le Caro­li­ne und für den König gewe­sen.

Doch es kommt anders.


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Über die Bau­lust bri­ti­scher Köni­ge, den Puder­pe­rü­cken-Knall des Abso­lu­tis­mus — und die Sor­gen und Nöte der klei­nen Leu­te, die den Adels­spaß der obe­ren Zehn­tau­send finan­zie­ren muss­ten. Bill Bry­sons sehr lesens­wer­ter Streif­zug durch die Kul­tur­ge­schich­te Euro­pas. Und sehr hörens­wert: die Audio-Ver­si­on, gele­sen von Rufus Beck. Bill Bry­son, Eine kur­ze Geschich­te der all­täg­li­chen Din­ge*, Gold­mann Taschen­buch, 2013


No Queen, no King!

Am ers­ten Tag der Anhö­rung der Geset­zes­vor­la­ge vor dem Ober­haus, im August 1820, sind die Stra­ßen rund um das Par­la­ment mit Men­schen ver­stopft.

Die Lords, die zur Anhö­rung ins Par­la­ments­ge­bäu­de eilen, müs­sen sich durch die Men­schen­men­ge drän­geln und wer­den dabei aus­ge­pfif­fen und aus­ge­buht — ver­mu­ten doch vie­le zu Recht, dass sie für das Gesetz und damit gegen die ver­sto­ße­ne Köni­gin stim­men wer­den:
No Queen, no King“ (Ohne Köni­gin kein König), ist der Schlacht­ruf der Mas­sen.
Vor­der­grün­dig geht es um die Annul­lie­rung einer seit Jahr­zehn­ten nicht bestehen­den Ehe, doch Caro­li­ne ist schon längst zur Volks­hel­din und zur Gal­li­ons­fi­gur des Wider­stan­des gegen den ver­hass­ten König Geor­ge IV. und das fast eben­so ver­hass­te Esta­blish­ment gewor­den.

Die Not­wen­dig­keit des Pains and Pen­al­ties Bill soll – mal wie­der – mit dem Ehe­bruch der Ehe­frau belegt wer­den.  Die nach wie vor exis­tie­ren­de inof­fi­zi­el­le ers­te Gat­tin des Königs und sei­ne zahl­rei­chen Neben­bei-Affä­ren sol­len selbst­ver­ständ­lich nicht zur Spra­che kom­men sol­len.
Die Anhö­rung vor den fei­nen Ohren des des bri­ti­schen Ober­hau­ses gerät trotz­dem zur Schlamm­schlacht.

Die­ses Mal hat man einen ita­lie­ni­schen Baron als poten­zi­el­len Lieb­ha­ber Caro­li­nes aus­fin­dig gemacht, der in ihrem Haus­halt am Comer See lebt und ihr – so sagt man – als eine Art Kurier zu Diens­ten ist.
Tage­lang wer­den ihre ita­lie­ni­schen Bediens­te­ten befragt; man erör­tert die Lage ihres Schlaf­zim­mer zu dem des ita­lie­ni­schen Barons (nah bei­ein­an­der­lie­gend), den Zustand der Bet­ten (das des Barons manch­mal unbe­nutzt), und den Zustand der Bett­la­ken Caro­li­nes (manch­mal mit Fle­cken).

Fast sieht es aus, als ob Caro­li­nes Ehe­bruch anhand erdrü­cken­der Indi­zi­en nach­ge­wie­sen wer­den kann – beim Spa­zie­ren­ge­hen hat­te sie sich bei ihrem Baron ein­ge­hakt! Mehr­mals! –, doch dann kon­tert Caro­li­nes Anwalt und presst im Kreuz­ver­hör eini­gen Haus­an­ge­stell­ten das Geständ­nis ab, dass ihre Aus­sa­gen im Vor­feld gekauft wor­den waren.
Non mi ricordo“ – „ich kann mich nicht erin­nern“, ist das Ein­zi­ge, was der Haupt-belas­tungs­zeu­ge, der ita­lie­ni­sche But­ler Caro­li­nes, noch stam­meln kann, als ihr Anwalt mit ihm fer­tig ist.

Non mi ricordo“ wird in den kom­men­den Tagen zur höh­ni­schen Schlag­zei­le auf vie­len Zei­tun­gen und Gazet­ten, denn die meis­ten ste­hen auf Caro­li­nes Sei­te.

Es hilft nichts: Dem Pains and Pen­al­ties Bill fehlt die recht­li­che Grund­la­ge.
Die Geset­zes­vor­la­ge schei­tert im Novem­ber 1820 vor dem Ober­haus; die bri­ti­sche Regie­rung zieht sie weni­ge Tage spä­ter zurück.
Als die Ent­schei­dung bekannt­ge­ge­ben wird, tan­zen die Men­schen auf den Stra­ßen und fei­ern tage­lang eupho­risch den Fort­be­stand einer Ehe, die es eigent­lich seit Jahr­zehn­ten nicht mehr gibt.

Where is the princess?

Doch Caro­li­ne, vom Volk geliebt und beju­belt, vom Ehe­mann gehasst, hat schon längst ihren Lebens­mut ver­lo­ren.

Ihr ein­zi­ges Kind ist tot.
Kron­prin­zes­sin Char­lot­te war 1817 bei der Geburt ihres ers­ten Kin­des, eines klei­nen Soh­nes, gestor­ben. Ein tra­gi­scher ärzt­li­cher Kunst­feh­ler, so wür­de man heu­te den grau­en­vol­len Tod der jun­gen Thron­er­bin im Wochen­bett nen­nen, denn der ver­ant­wort­li­che Arzt, Sir Richard Croft, hat­te den Gebrauch der rela­tiv neu erfun­de­nen, aber lebens­ret­ten­den Geburts­zan­ge nicht erlaubt.
Caro­li­nes Toch­ter Char­lot­te und ihr unge­bo­re­ner Enkel­sohn star­ben völ­lig erschöpft nach über fünf­zig Stun­den erfolg­lo­ser Wehen im Wochen­bett.
Das war der sehr trau­ri­ge Aus­gang einer glück­li­chen Geschich­te, denn Char­lot­tes Hoch­zeit mit Prinz Leo­pold von Sach­sen-Coburg, dem spä­te­ren König Leo­pold I. von Bel­gi­en, war eine Lie­bes­hei­rat, für die die jun­ge Prin­zes­sin sogar eine ande­re Ver­lo­bung gelöst hat­te.

Queen Vic­to­ria, 1847, Ölge­mäl­de von Franz Xaver Win­ter­hal­ter — Ori­gi­nal pain­ting owned by the Roy­al Collec­tion.

Ihr Tod änder­te vie­les, vor allem aber den Lauf der Geschich­te:
Hät­ten Char­lot­te und ihr Baby über­lebt, hät­te es kein vik­to­ria­ni­sches Zeit­al­ter gege­ben und vor allem: kei­ne Köni­gin Vic­to­ria.

Aus der medi­zi­ni­schen Sicht sei­ner Zeit hat­te Char­lot­tes Arzt, der unglück­li­che Sir Richard Croft, alles rich­tig gemacht.
Die damals bekann­te Form des Kai­ser­schnitts hät­te den siche­ren Tod der Thron­er­bin bedeu­tet; die Zan­gen­ge­burt, die das Leben von Mut­ter und Kind ret­ten konn­te, war nicht sta­te of the art.
Sie war nicht nur neu, son­dern bei der bri­ti­schen Medi­zi­ner-Com­mu­ni­ty ver­pönt und in den Augen vie­ler ein­fach zu hei­kel.
Sowohl Char­lot­tes Mann Leo­pold als auch ihr Vater Geor­ge, spra­chen Croft von jeg­li­cher Mit­schuld an ihrem Tod frei. Doch die Nati­on war scho­ckiert – es sei, als ob jeder Haus­halt Groß­bri­tan­ni­ens ein Kind ver­lo­ren hät­te, notiert eine auf­ge­wühl­te bri­ti­sche Tage­buch­schrei­be­rin.

Und auch Croft selbst konn­te sich nicht ver­zei­hen: 1818 fand man ihn tot mit einer Kugel im Kopf. Neben ihm lag ein Exem­plar von Shake­speares frü­her Komö­die Ver­lo­re­ne Lie­bes­müh, auf­ge­schla­gen im 5. Akt, 2. Sze­ne bei der bedeu­tungs­schwe­ren Pas­sa­ge:
Fair Sir, God save you! Whe­re is the Princess?

Ein verlorenes Leben?

König George IV von England

Geor­ge IV (1816) By Tho­mas Lawrence — File:George IVcoronation.jpg from Roy­al Collec­tion object 405918, Public domain

Das Leben von Caro­li­ne bot nach dem Tod ihrer ein­zi­gen Toch­ter nichts Erhei­tern­des:
Zwar bestand nach dem Ende der Pains and Pen­al­ties Anhö­rung im Jahr 1820 ihre Ehe mit dem König wei­ter­hin – finan­zi­ell war das für sie durch­aus von Bedeu­tung –, aber ihr ein­zi­ges Kind ist tot, sie selbst ein­sam und iso­liert.

Weni­ge Mona­te nach dem Ende der Anhö­rung, im Juli 1821, wird ihr Immer­noch-Ehe­mann Geor­ge IV. in der West­mins­ter Abbey mit einer pom­pö­sen Zere­mo­nie zum König gekrönt. Caro­li­ne ist zu den Fei­er­lich­kei­ten nicht ein­ge­la­den, erscheint aber trotz­dem – und wird nicht ein­ge­las­sen.

Drei Wochen spä­ter ist sie tot.
Noch Jah­re spä­ter hält sich das Gerücht, dass man ihren frü­hen Tod mit nur 53 Jah­ren mit einem ver­gif­te­ten Glas Limo­na­de her­bei­ge­führt habe, doch wahr­schein­li­cher als Todes­ur­sa­che ist ihre schon län­ge­re Zeit bestehen­de Unter­leibs­er­kran­kung.

Als Caro­li­nes Sarg in aller Heim­lich­keit durch abge­le­ge­ne Vor­or­te Lon­dons zur Küs­te und von dort aus zur letz­ten Ruhe­stät­te nach Braun­schweig über­führt wer­den soll, stür­men Demons­tran­ten den Lei­chen­zug ihrer ver­sto­ße­nen Köni­gin und zwin­gen die Gar­den, einen Weg mit­ten durch die City of Lon­don zu neh­men.
Bei den Aus­schrei­tun­gen und Tumul­ten im Anschluss wer­den zwei Men­schen getö­tet und meh­re­re ver­letzt.

König Geor­ge IV. stirbt neun Jah­re spä­ter als einer der meist­ge­hass­ten Köni­ge in der Geschich­te Groß­bri­tan­ni­ens – und ohne einen legi­ti­men Thron­er­ben als Nach­fol­ger.

Fast sein hal­bes Leben hat­te er damit ver­bracht, sich schei­den zu las­sen, – oder es zumin­dest ver­sucht. Sei­ne sons­ti­ge Belang­lo­sig­keit ist also nicht wei­ter ver­wun­der­lich.

Ein selbst­süch­ti­ges Leben – auch ein ver­lo­re­nes?.
Oder wie es die Lon­do­ner Times anläss­lich sei­nes fünf­zigs­ten Geburts­tags aus­drückt:


[… Ein] Wort­brü­chi­ger, ein bis über die Ohren ver­schul­de­ter und mit Schan­de bedeck­ter Wüst­ling, ein Ver­äch­ter ehe­li­cher Bin­dun­gen, ein Kum­pan von Spie­lern und Halb­welt­ge­stal­ten, ein Mann, der gera­de ein hal­bes Jahr­hun­dert voll­endet hat, ohne den gerings­ten Anspruch auf die Dank­bar­keit sei­nes Lan­des oder den Respekt nach­fol­gen­der Gene­ra­tio­nen ver­dient zu haben.“


Schon sei­ne Zeit als Thron­fol­ger und Prinz­re­gent war schwie­rig, sei­ne Herr­schaft als König Geor­ges IV. von 1820 bis 1830 und sei­ne vie­len Schei­dungs­ver­su­che brin­gen das Anse­hen des Königs­hau­ses bei den Bri­ten auf einen nie gekann­ten Tief­punkt.

Erst Geor­ges Nich­te, die jun­ge Queen Vic­to­ria, kann das Image des Königs­hau­ses ret­ten.

Lesen Sie im drit­ten Teil: Queen Vic­to­ria, die legen­dä­re bri­ti­sche Köni­gin (1819 – 1901), ret­tet das Anse­hen des Königs­hau­ses.
Ihr Leben fängt mehr als beschei­den an, ohne Vater und mit einer Mut­ter, die sie als eine Art Faust­pfand für die eige­ne Zukunft betrach­tet. Zwei Onkel bestim­men Vic­to­ri­as Schick­sal: Ihr selt­sa­mer Onkel Geor­ge, den sie auf dem bri­ti­schen Thron beer­ben wird, und Onkel Leo­pold, der sich um ihr Lebens­glück und ihre Zukunft küm­mert.
Die Groß­mut­ter Euro­pas

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2017


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Sehr emp­feh­lens­wer­ter BLOG (in Eng­lisch): Lau­ra Pur­cell – „His­to­ri­cal fic­tion, Geor­gi­an style“
http://laurapurcell.com/category/queen-of-misrule/


Nar­ziss­mus: Wer Nar­ziss begeg­net, ist schnell ver­führt. Aber sobald man einen nar­ziss­tisch ver­an­lag­ten Men­schen näher ken­nen­lernt, zei­gen sich Ris­se in sei­ner per­fek­ten Fas­sa­de: sei­ne Ego­zen­trik, sei­ne tie­fe Über­zeu­gung, allen ande­ren über­le­gen zu sein, sei­ne Wut, — kurz­um eine Per­sön­lich­keit, die vor allem ihren Mit­men­schen das Leben schwer macht.
Kann man Nar­ziss ent­kom­men?
Das Zeit­al­ter der Nar­ziss­ten?

Kind­heit: Die Kind­heit ist die prä­gends­te Zeit in unse­rem Leben. Über Müt­ter und Väter, Geschwis­ter­lie­be, trans­ge­ne­ra­tio­na­le Ver­er­bung und Kind­heits­mus­ter, die uns unser gesam­tes Leben beglei­ten.
Was heißt schon Lie­be? Kin­der, Kin­der

Die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, Napo­le­on und ganz neue gro­ße Gefüh­le: Mut­ter­lie­be, wah­re Lie­be und das Schei­dungs­recht kamen in Kon­ti­nen­tal-Euro­pa als Fol­ge der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und mit Napo­le­on in Mode. Mehr über die “neu­en” gro­ßen Gefüh­le:
Mätres­sen­wirt­schaft, Revo­lu­ti­on und die gro­ße Lie­be


Das Gene­ra­tioneng­s­präch über ein Jahr­hun­dert der Auf- und Umbrü­che, der Revo­lu­tio­nen und der Erfin­dung von Mut­ter- und roma­ti­scher Lie­be. Das Jahr­hun­dert der Auf­klä­rung und der “Aus­gang des Men­schen aus sei­ner selbst­ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit”.
Das 18. Jahr­hun­dert


Lebens­kunst & Resi­li­enz: Glück ist har­te Arbeit. Und: Sich als Opfer zu füh­len ud wütend und frus­triert durch sein Leben zu tram­peln, ist auch kei­ne Lösung.
Die Ener­gie folgt der Auf­merk­sam­keit


Bild­nach­wei­se:

1) Geor­ge IV (1821) by G. Atkin­son, Brigh­ton, UKIm­me­dia­te source: Samm­lung de Salis), Public Domain
2) Por­trait of Caro­li­ne of Brunswick (1804), By Sir Tho­mas Lawrence, Natio­nal Por­trait Gal­le­ry, Public Domain
3) Bona­par­te beim Über­schrei­ten der Alpen am Gro­ßen Sankt Bern­hard (Gemäl­de von Jac­ques-Lou­is David, 1800),Von Jac­ques-Lou­is David — The Yorck Pro­ject: 10.000 Meis­ter­wer­ke der Male­rei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Dis­tri­bu­t­ed by DIRECTMEDIA Publi­shing GmbH., Gemein­frei
4) Regent Street, Lon­don 2012. Von foto­goo­com, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59098348
5) Geor­ge IV (1816) By Tho­mas Lawrence — File:George IVcoronation.jpg from Roy­al Collec­tion object 405918, Public domain
6) Queen Vic­to­ria, 1847, Ölge­mäl­de von Franz Xaver Win­ter­hal­ter — Ori­gi­nal pain­ting owned by the Roy­al Collec­tion. Source of pho­to­graph unknown., Gemein­frei


Wir müssten das alles mal aufschreibenDie Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en bringt seit 2012 Lebens-. Fami­li­en- und Unter­neh­mens­bio­gra­fi­en als Bild­bio­gra­phi­en ins Buch und bie­tet außer­dem einen Ghost­wri­ting-Ser­vice mit den Schwer­punk­ten Geschich­te und Psy­cho­lo­gie an.
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