Die Großmutter Europas (II): Onkel Leopold

Eine Kind­heit in bes­se­ren Krei­sen ist im Groß­bri­tan­ni­en des 19. Jahr­hun­derts kein Zucker­schle­cken. Die­se Erfah­rung muss auch Prin­zes­sin Vic­to­ria machen, die ver­einsamt und unglück­lich bei ihrer Mut­ter im Ken­sing­ton Palast auf­wächst.

Aber Vic­to­ria hat Glück. Sie hat Onkel Leo­pold, der sich um ihre Zukunft und den pas­sen­den Prinz­ge­mahl küm­mert.

Manchmal sind Männer die besseren Mütter

Eine Kindheit in besseren Kreisen

Eine Kind­heit war auch als Spross einer Adels­fa­mi­lie oder einer bür­ger­li­chen Upper-Class-Sip­pe im 19. Jahr­hun­dert kein Zucker­schle­cken.

Für schreck­li­che Kind­heits­er­fah­run­gen brauch­te man — wie in Vic­to­ri­as Fall — kei­nen John Conroy.

Prinzessin Victoria im Alter von vier Jahren, 1823, von Stephen Poyntz Denning (1795–1864) - Dulwich College Picture Gallery, Gemeinfrei
Prin­zes­sin Vic­to­ria im Alter von vier Jah­ren, 1823, von Ste­phen Poyn­tz Den­ning (1795–1864) — Dul­wich Col­le­ge Pic­tu­re Gal­le­ry, Gemein­frei


Kin­der gal­ten wahl­wei­se als klei­ne Erwach­se­ne oder — wenn sie “unge­zo­gen” waren — als eine Art wil­der Tier­chen, die man mit Zucht und Ord­nung in den Griff bekom­men muss­te.

Beson­de­res Auf­he­ben um Kin­der­see­len, Zärt­lich­kei­ten oder sogar Mut­ter­lie­be waren nicht üblich und gal­ten sogar als schäd­lich, denn nie­mand woll­te den Nach­wuchs ver­weich­li­chen.

Wer als höhe­re Toch­ter oder höhe­rer Sohn zur Welt kam, muss­te in der Regel mit einem gele­gent­li­chen Hän­de­druck als Höhe­punkt elter­li­cher Zuwen­dung aus­kom­men. Selbst­ge­nüg­sam­keit, Fleiß, Pflicht­be­wusst­sein und Gehor­sam – vor allem Gehor­sam – waren ers­te Kin­der­pflicht.

Die revo­lu­tio­när neu­en Ide­en in Sachen Mut­ter­lie­be und roman­ti­scher Lie­be, die mit der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und den napo­leo­ni­schen Krie­gen nach Euro­pa kamen, ver­än­der­ten die Gewohn­hei­ten und den All­tag von Kin­dern und Eltern nur quä­lend lang­sam.

Bis auf weni­ge gol­de­ne Aus­nah­men war die Bot­schaft der neu­en Zeit bei den meis­ten Eltern und Päd­ago­gen noch nicht ange­kom­men.

Die Erzie­hung zu einem ordent­li­chen und cha­rak­ter­star­ken Men­schen war natür­lich kei­ne Sache der viel­be­schäf­tig­ten Eltern, son­dern lag in den Hän­den von Gou­ver­nan­ten und Haus­leh­rern, denen die Kin­der unbe­auf­sich­tigt und hilf­los aus­ge­lie­fert waren.

Es kam schon vor, dass im Kin­der­zim­mer ein ganz per­sön­li­ches Süpp­chen in Fra­gen der Erzie­hung gekocht wur­de: Kin­der die zu päd­ago­gi­schen Zwe­cken stun­den­lang in Schrän­ke ein­ge­sperrt wur­den, waren kei­ne Sel­ten­heit (böse Zun­gen behaup­ten, dass sich die Gou­ver­nan­te in der Zeit ein Päu­schen gegönnt hat). Schau­er­mär­chen zur Abschre­ckung waren üblich und gal­ten als päd­ago­gisch sinn­voll.

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In den öffent­li­chen Schu­len und Inter­na­ten wur­de geprü­gelt, was die Rute her­gab.
Die kör­per­li­che Züch­ti­gung galt neben Furcht und Angst als d a s päd­ago­gi­sche All­heil­mit­tel gegen alles, und kam auch “zur Vor­beu­gung” häu­fig zum Ein­satz.

So man­cher hat­te übri­gens nach sei­nen Jugend­er­leb­nis­se Gefal­len an der Rute gefun­den; so wird bei­spiels­wei­se von Vic­to­ri­as spä­te­ren Lieb­lings-Pre­mier­mi­nis­ter, Lord Mel­bourne, behaup­tet, er hät­te sich als Erwach­se­ner pri­vat ger­ne ver­hau­en las­sen. Und Jean-Jac­ques Rous­se­au berich­tet über sei­ne Vor­lie­be an Schlä­gen als Erwach­se­ner sogar selbst in einem sei­ner Bücher.


König Leopold und seine beiden Sorgenkinder

Onkel Leo­pold, der Bru­der ihrer Mut­ter Vic­toire und Wit­wer der unglück­li­chen Thron­er­bin Char­lot­te, die bei der Nie­der­kunft ihres gemein­sa­men Babys so qual­voll starb, ist der ein­zi­ge Licht­blick in Vic­to­ri­as Kind­heits- und Jugend-Tris­tesse.

Seit 1830 amtiert er als Leo­pold I. als ers­ter gewähl­ter König der Bel­gi­er
und hat trotz­dem — oder viel­leicht gera­de des­we­gen — immer Zeit für sei­ne unglück­li­chen Nich­ten und Nef­fen.

Leopold I., König der Belgier, Gemälde von Franz Xaver Winterhalter, gemeinfrei
Leo­pold I., König der Bel­gi­er, Gemäl­de von Franz Xaver Win­ter­hal­ter, gemein­frei

Fast unbe­merkt und über vie­le Jah­re unter­hält er einen regen Brief­wech­sel mit sei­ner ein­sa­men und unglück­li­chen Nich­te Vic­to­ria.
Per Brief ver­sucht er, ihre man­gel­haf­te Bil­dung zu ver­bes­sern, emp­fiehlt Bücher und schickt ihr Manu­skrip­te als Lese­stoff. Er ist ihr wich­tigs­ter Rat­ge­ber, auch und vor allem im Streit mit ihrer Mut­ter und John Conroy.

Vic­to­ria ist aller­dings nicht sein ein­zi­ges Sor­gen­kind.
Auch sein Nef­fe Albert, Sohn sei­nes Bru­ders Ernst von Sach­sen-Coburg-Saal­feld, lei­det unter schwie­ri­gen Fami­li­en­ver­hält­nis­sen.

Prinz Albert wird wie sei­ne Cou­si­ne Vic­to­ria 1819 gebo­ren und ist der jüngs­te Sohn im win­zi­gen Her­zog­tum Sach­sen-Coburg-Saal­feld, das mit knapp 1500 Qua­drat­ki­lo­me­tern nicht viel grö­ßer ist als ein her­zög­li­ches ‘Lum­mer­land’.

Doch der Haus­segen in die­sem ‘Lum­mer­land’ hängt schief, denn die Ehe von Her­zog und Her­zo­gin ist zer­rüt­tet.
Alberts Vater, Her­zog Ernst, hat nach der Geburt sei­ner bei­den Söh­ne kein Inter­es­se mehr an sei­ner jun­gen Frau Lui­se und bean­sprucht für sich das Recht, eine außer­ehe­li­che Bezie­hung zu füh­ren.

Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, Lithographie von Franz Hanfstaengl, 1840
Albert von Sach­sen-Coburg und Gotha, Litho­gra­phie von Franz Hanf­sta­engl, 1840

Aller­dings hält er nichts von der Idee, sei­ner Frau das glei­che Recht ein­zu­räu­men. Alberts Mut­ter hält sich nicht an die Vor­stel­lun­gen ihres Gemahls und lässt auch noch drei Mal erwi­schen.

Das ers­te Mal bei einer ver­mut­lich nur pla­to­ni­schen Tän­de­lei, deren Auf­de­ckung zu einem hef­ti­gen Ehe­krach führt. Das zwei­te Mal ist es erns­ter, denn Lui­se hat ver­mut­lich eine ernst­zu­neh­men­de Affä­re mit einem Kam­mer­jun­ker namens von Bülow. Als die auf­fliegt, lan­det die Ange­le­gen­heit vor einer her­zog­li­chen Kom­mis­si­on und wird akri­bisch unter­sucht.

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Nach der drit­ten Lieb­schaft sei­ner Gat­tin ist Schluss mit der her­zog­li­chen Geduld.
Her­zog Ernst ließ sich schei­den, ver­bannt sei­ne untreue Ehe­frau und erlässt außer­dem eine Kon­takt­sper­re zwi­schen Mut­ter und Söh­nen.

Albert sieht sei­ne Mut­ter als Fünf­jäh­ri­ger zum letz­ten Mal.
Als er 11 Jah­re alt ist, stirbt sie in Paris an Gebär­mut­ter­hals­krebs.

Die Erziehung zum Prinzgemahl

Äußer­lich wächst Albert zu einem gut­aus­se­hen­den, erns­ten, pflicht­be­wuss­ten und ein wenig pedan­ti­schen jun­gen Mann her­an, dem der frü­he Ver­lust sei­ner Mut­ter nicht anzu­mer­ken ist.

Nur sei­ner ältes­ten Toch­ter Vic­to­ria (der spä­te­ren Mut­ter des deut­schen Kai­sers Wil­helm II.), zu der er ein beson­ders enges Ver­hält­nis hat, ver­traut er ein­mal an, dass sei­ne Kind­heit “unglück­lich und elend” gewe­sen sei und er sich oft “aus die­ser Welt fort­ge­wünscht” habe.

Ver­mut­lich liegt Onkel Leo­pold das Schick­sal sei­ner Nich­te Vic­to­ria und sei­nes Nef­fen Albert wirk­lich am Her­zen; aber er ist eben auch König, Poli­ti­ker, Stra­te­ge und ein “Kind sei­ner Zeit”.
Denn Euro­pa kämpft in jener Zeit immer noch mit den Fol­gen der Krie­ge gegen Napo­le­on, der mit sei­nen Arme­en und Ver­bün­de­ten den euro­päi­schen Kon­ti­nent über­rannt und jahr­hun­der­te­al­te Mon­ar­chi­en ein­fach weg­ge­fegt hat­te.

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Die neue Frie­dens­ord­nung, die der Wie­ner Kon­gress nach zähem Rin­gen aus­ge­han­delt hat, wird zwar eini­ger­ma­ßen umge­setzt; aber die neu­en euro­päi­schen Macht­ver­hält­nis­se sind äußerst wack­lig und sämt­li­chen Mon­ar­chen sitzt der “Napoleon”-Schock noch tief in den Kno­chen.

König Leo­pold ver­sucht, die brü­chi­ge neue euro­päi­sche Ord­nung zu sta­bi­li­sie­ren — und vor allem das klei­ne Bel­gi­en, das ihn zum König gewählt hat, vor den Macht­ge­lüs­ten der gro­ßen Nach­barn zu schüt­zen.
Er setzt dabei auf das stärks­te Bünd­nis jener Zeit: Auf’s “ver­nünf­ti­ge” Hei­ra­ten, so wie es seit Jahr­hun­der­ten zwi­schen den Herr­scher­häu­sern Euro­pas prak­ti­ziert wor­den ist.

Er selbst hat­te kurz nach sei­ner Thron­be­stei­gung als gewähl­ter König der Bel­gi­er die fran­zö­si­sche Königs­toch­ter Loui­se von Orléans gehei­ra­tet, um even­tu­el­len Begehr­lich­kei­ten des gro­ßen Nach­barn Frank­reich am klei­nen und jun­gen König­reich Bel­gi­en vor­zu­beu­gen. Sei­nen Cobur­ger Nef­fen Fer­di­nand bringt er bei der por­tu­gie­si­schen Köni­gin Maria II. unter und selbst­ver­ständ­lich hat er auch Plä­ne für sei­ne Schütz­lin­ge Vic­to­ria und Albert.

Um her­aus­zu­be­kom­men, ob sein Nef­fe tat­säch­lich für die schwie­ri­ge Posi­ti­on eines bri­ti­schen Prinz­ge­mahls geeig­net ist — immer­hin wäre er Unter­tan sei­ner Frau -, lässt er sich regel­mä­ßig von des­sen Haus­leh­rer Bericht erstat­ten.
Als abseh­bar wird, dass Vic­to­ria die neue Köni­gin der Bri­ten wer­den wür­de, schickt er Albert einen sei­ner engs­ten Bera­ter, der einen Maß­nah­men­ka­ta­log für die Erzie­hung des zukünf­ti­gen Prinz­ge­mahls fest­legt.

Unter ande­rem wird vor­ge­schla­gen:

… so ver­langt die Gewis­sen­haf­tig­keit, dass man zuerst ihm das Schwie­ri­ge des Unter­neh­mens von allen Sei­ten dar­stel­le. Schreckt ihn dies nicht ab, so tre­ten nach mei­ner Mei­nung zwei Not­wen­dig­kei­ten ein. Die ers­te ist die einer plan­mä­ßi­gen, kon­se­quent durch­ge­führ­ten Erzie­hung für sei­ne künf­ti­ge Lauf­bahn mit ste­ter Rück­sicht auf das so eigen­tüm­li­che Land und Volk, und die zwei­te ist die, sich die Nei­gung der Prin­zes­sin noch vor der Bewer­bung zu gewin­nen und die Bewer­bung selbst nur erst auf die­se Nei­gung zu grün­den.”

Die ersten Affären als Königin

Vic­to­ria denkt gar nicht dar­an, sich ver­hei­ra­ten zu las­sen.
Sie ist froh, dem Ken­sing­ton-Sys­tem ihrer Kind­heit ent­kom­men zu sein, und fürch­tet, dass ein Mann ver­su­chen wür­de, sie wie ihre Mut­ter und deren Bera­ter John Conroy zu beherr­schen.
Außer­dem hat sie Angst vor Schwan­ger­schaf­ten.

Den Bri­ten ist das zunächst egal und sie jubeln, als 1837 ihr grei­ser “Zwi­schen­kö­nig” Wil­helm IV. stirbt und nach ihm die blut­jun­ge Vic­to­ria den Thron besteigt.

Queen Victoria, 1847, Ölgemälde von Franz Xaver Winterhalter
Queen Vic­to­ria, 1847, Ölge­mäl­de von Franz Xaver Win­ter­hal­ter

Nach Geor­ge III., der die letz­ten 20 Jah­re sei­nes Lebens im Deli­ri­um ver­bracht hat, sei­nem Sohn Geor­ge IV., der die Bri­ten mit sei­ner Arro­ganz und Maß­lo­sig­keit, aber auch durch sei­ne jahr­zehn­te­lan­ge Schei­dungs­af­fä­re zur Weiß­glut brach­te, und schließ­lich sei­nem eher rus­ti­ka­len Bru­der Wil­helm IV., der von Glanz, Eti­ket­te und vor­neh­men Beneh­men unge­fähr so weit ent­fernt war wie die stin­ken­de, mit Schmutz und Unrat über­frach­te­te Them­se der dama­li­gen Zeit von einem Trink­was­serres­ser­voir, fei­ern sie ihre jun­ge Köni­gin als Licht­blick nach einem sehr, sehr lan­gen dunk­len Tun­nel.

Die ers­ten zwei Jah­re als Köni­gin schlägt sie sich über­ra­schend gut. Zu ihrem gro­ßen Glück fin­det sie in „ihrem“ ers­ten Pre­mier­mi­nis­ter, Lord Mel­bourne, einen väter­li­chen Freund und Rat­ge­ber, der sie bis hin zu Klei­der­fra­gen geschickt um poli­ti­sche und sons­ti­ge Klip­pen ihres neu­en Köni­gin­nen-Daseins manö­vriert.

Dann patzt sie zwei Mal kurz hin­ter­ein­an­der und stol­pert durch zwei Affä­ren, die sie erheb­lich an Anse­hen kos­ten.

Beim ers­ten Skan­dal unter­stellt sie einer Hof­da­me, die an einem Leber­tu­mor erkrankt ist, eine unehe­li­che Schwan­ger­schaft. So viel Herz­lo­sig­keit ihrer jun­gen Köni­gin empört die Bri­ten.
Poli­tisch gra­vie­ren­der ist aller­dings der zwei­te Skan­dal, die soge­nann­ten „Hof­da­men-Affä­re“.

Die beginnt damit, dass sich Vic­to­ria hals­star­rig wei­gert, auch eini­ge Damen als Hof­da­men zu akzep­tie­ren, die zur poli­ti­schen Par­tei der Torys gerech­net wer­den.
Die Wahl der Hof­da­men sei ihre Pri­vat­an­ge­le­gen­heit. Fin­det sie und beharrt auf ihrem Irr­tum, denn pri­vat ist für eine bri­ti­sche Köni­gin — Groß­bri­tan­ni­en ist seit Jahr­hun­der­ten eine kon­sti­tu­tio­nel­len Mon­ar­chie — so gut wie gar nichts.

Zwar schafft sie es durch ihre Wei­ge­rung ihren Lieb­lings-Pre­mier Mel­bourne, der zur Par­tei der Whigs gehört, im Amt zu hal­ten. Tory-Kon­kur­ren­ten und desi­gnier­ter Nach­fol­ger von Mel­bourne, Sir Robert Peel, will ohne könig­li­che Hof­da­men, die sei­ner Par­tei nahe ste­hen, nicht antre­ten und zieht sich schmol­lend zurück.
Aber der Scha­den ist ange­rich­tet und der par­la­men­ta­ri­sche Betrieb Groß­bri­tan­ni­ens durch die Köni­gin höchst­per­sön­lich beträcht­lich ins Stol­pern gera­ten.

Dar­über ist das Volk not amu­sed. Die „Hof­da­men-Affä­re“ wird in der Öffent­lich­keit als gro­be Ein­mi­schung ihrer Köni­gin in die Ange­le­gen­hei­ten des Par­la­ments gese­hen und dort hat Vic­to­ria gemäß des bri­ti­schen Bills of Right nichts zu suchen.

Sie sol­le sich end­lich ver­hei­ra­ten, ist eine For­de­rung, die immer häu­fi­ger auf der Stra­ße, in der Pres­se und in den fei­nen Salons und Clubs zu lesen und zu hören ist.
Ein Ehe­mann, so die all­ge­mei­ne Hoff­nung, könn­te sie viel­leicht etwas mäßi­gen, denn mit zuneh­men­dem Selbst­be­wusst­sein ent­wi­ckelt Vic­to­ria auch den Eigen­sinn, für den sie spä­ter berühmt und berüch­tigt sein wird.

Onkel Leo­polds akri­bisch vor­be­rei­te­ter Plan für Nich­te und Nef­fe nimmt Fahrt auf.


Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www​.bild​bio​gra​phi​en​.de, 2017, über­ar­bei­tet 2019

Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag:Es wäre bes­ser gewe­sen, Du wärest nie gebo­ren wor­den“, soll ihm sei­ne Mut­ter Vic­to­ria, die ältes­te Toch­ter der legen­dä­ren bri­ti­schen Queen Vic­to­ria, an den Kopf gewor­fen haben. Ob die­ser müt­ter­li­che Wut­aus­bruch tat­säch­lich so statt­ge­fun­den hat, ist his­to­risch nicht ein­deu­tig belegt, aber eine glück­li­che Kind­heit hat­te Kai­ser Wil­helm II. mit Sicher­heit nicht.
Wil­helm, das Groß­maul

APPENDIX

Ins­ge­samt 63 Jah­re, sie­ben Mona­te und zwei Tage wird Vic­to­ria die Köni­gin der Bri­ten sein und dabei ein Zeit­al­ter, das “vik­to­ria­ni­sche Zeit­al­ter”, prä­gen.

Ihre Regent­schaft steht sowohl für den Glanz als auch für das Elend des bri­ti­schen Empi­res.

Sie ist Köni­gin (und wird Kai­se­rin von Indi­en) eines Welt­reichs, in dem die Son­ne nie unter­geht: mit unge­ahn­tem Wohl­stand und Fort­schritt auf der einen Sei­te, blu­ti­gen Kolo­ni­al­krie­gen, Kin­der­ar­beit und nie gekann­ter Armut und Aus­beu­tung auf der ande­ren.
Sie ist nicht nur die Herr­sche­rin der Bri­ten, son­dern auch die unan­ge­foch­te­ne Köni­gin der Hei­rats­po­li­tik.
Am Ende ihres Lebens hat sie alle ihrer zahl­rei­chen Kin­der mit sämt­li­chen wich­ti­gen euro­päi­schen Fürs­ten- und Königs­häu­ser ver­mählt.

Des­we­gen trägt sie auch den stol­zen Bei­na­men “Groß­mutter Euro­pas” (… eine Hoch­zeits-Poli­tik, die ihre Enkel aller­dings nicht davon abge­hal­ten hat, gegen­ein­an­der in den 1. Welt­krieg zu zie­hen, wodurch sie die “Urka­ta­stro­phe” des 20. Jahr­hun­derts aus­ge­löst haben.)

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Her­vor­ra­gend recher­chiert und span­nend geschrie­ben: Das Auf und Ab der ältes­ten Mon­ar­chie der Welt, lesens­wert und sehr gut ver­ständ­lich auf­be­rei­tet als Geschich­te, die Spaß macht.
Bet­ti­na Mus­all (Her­aus­ge­ber), Eva-Maria Schnurr (Her­aus­ge­ber), Eng­lands Kro­ne — die bri­ti­sche Mon­ar­chie im Wan­del der Zeit*, Ein SPIE­GEL-Buch, Deut­sche Ver­lags-Anstalt, März 2015

Der His­to­ri­ker Bill Bry­son über die Geburts­zan­ge, Kind­heit und Erzie­hung im Empi­re, den Puder­pe­rü­cken- Knall des Abso­lu­tis­mus und vie­lem mehr.
Bill Bry­son, Eine kur­ze Geschich­te der all­täg­li­chen Din­ge*, Gold­mann Taschen­buch, 2013 Sehr hörens­wert ist übri­gens das Hör­buch*, gele­sen von Rufus Beck ( im Audi­ble-Pro­be­mo­nat kos­ten­los)

5000 Jah­re Welt­ge­schich­te:
Das bril­lan­te Begleit­buch der sechs­tei­li­gen ZDF-Rei­he von Hans-Chris­ti­an Huf und Gero von Boehm, wun­der­bar und augen­zwin­kernd gespro­chen von Hape Ker­ke­ling.
Uner­reicht hörens­wert! Hans-Chris­ti­an Huf, Gero von Boehm, Unter­wegs in der Welt­ge­schich­te*, Ran­dom House Audio, 2011

Ein span­nen­des Buch über die Zeit,
als alle, die in Euro­pa Rang und Namen hat­ten (… und etwas zu sagen …)
mit­ein­an­der ver­wandt waren. Sehr unter­halt­sam und mit fei­ner Iro­nie geschrie­ben — sehr infor­ma­tiv und lesens­wert!
Leon­hard Horow­ski, Das Euro­pa der Köni­ge*, Rowohlt Buch­ver­lag, März 2017, 1120 Sei­ten


Wei­ter­füh­ren­de Bei­trä­ge:

Mit “Mut­ter­lie­be” hat­te der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean-Jac­ques Rous­se­au nichts im Sinn, als er 1762 sei­nen Roman “Emi­le oder über die Erzie­hung” ver­öf­fent­lich­te. Eigent­lich woll­te er mit sei­nem Roman ein Zei­chen gegen die abso­lu­tis­ti­sche Stän­de­ge­sell­schaft set­zen, die ihn anwi­der­te. Doch dann kommt die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on und Mut­tetschaft wird bald zum ein­zi­gen Lebens­in­halt von Frau­en.
Die Erfin­dung der Mut­ter­lie­be

Das Ken­sing­ton-Sys­tem: Vic­to­ri­as Leben fängt mehr als beschei­den an, ohne Vater und mit einer Mut­ter, die sie als eine Art Faust­pfand für die eige­ne Zukunft betrach­tet. Zwei Onkel bestim­men Vic­to­ri­as Schick­sal: Ihr selt­sa­mer Onkel Geor­ge, den sie auf dem bri­ti­schen Thron beer­ben wird, und Onkel Leo­pold, der sich um ihr Lebens­glück und ihre Zukunft küm­mert.
Die Groß­mutter Euro­pas (I)

Die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, Napo­le­on und die gro­ße Lie­be: Mut­ter­lie­be, wah­re Lie­be und das Schei­dungs­recht kamen in Kon­ti­nen­tal-Euro­pa als Fol­ge der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und mit Napo­le­on in Mode. Mehr über die “neu­en” gro­ßen Gefüh­le:
Mätres­sen­wirt­schaft, Revo­lu­ti­on und die gro­ße Lie­be

Lie­be: Wer kennt es nicht, wenn sich nach weni­gen Wochen gro­ßer Lie­be, in denen See­len­ver­wandt­schaf­ten ent­deckt und Zukunfts­plä­ne geschmie­det wer­den, der ange­him­mel­te Liebs­te plötz­lich rar­macht, um Bedenk­zeit bit­tet, selt­sa­me Erklä­run­gen stam­melt und schließ­lich zu einer ande­ren ent­schwin­det? Ist das Psy­cho­lo­gie oder doch wie­der nur ein mise­ra­bler männ­li­cher Hor­mon­haus­halt?
Ist Fremd­ge­hen ange­bo­ren?

Kind­heit & Lebens­glück: Die Kind­heit ist die prä­gends­te Zeit in unse­rem Leben. Über Müt­ter und Väter, Geschwis­ter­lie­be, trans­ge­nera­tio­na­le Ver­er­bung und Kind­heits­mus­ter, die uns unser gesam­tes Leben beglei­ten.
Kin­der, Kin­der

Bild­nach­wei­se:

Ori­gi­nal: Leo­pold I., König der Bel­gi­er, Gemäl­de von Franz Xaver Win­ter­hal­ter, gemein­frei
Prin­zes­sin Vic­to­ria im Alter von vier Jah­ren, 1823, von Ste­phen Poyn­tz Den­ning (1795–1864) — Dul­wich Col­le­ge Pic­tu­re Gal­le­ry, Gemein­frei
Albert von Sach­sen-Coburg und Gotha, Litho­gra­phie von Franz Hanf­sta­engl, 1840, Gemein­frei
Vic­to­ria, 1847, Ölge­mäl­de von Franz Xaver Win­ter­hal­ter — Ori­gi­nal pain­ting owned by the Roy­al Collec­tion. Source of pho­to­graph unknown, Gemein­frei


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