Ein Platz an der Sonne oder: Wilhelm, das „Großmaul”

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Kai­ser Wil­helm II zwi­schen 1910 und 1914, E. Bie­ber, Hof­pho­to­graph, Libra­ry of Con­gress, Prints and Pho­to­graphs Divi­si­on, Washing­ton, D.C. 20540 US

 

 

In Ber­lin hat man mit Ser­bi­en und dem Bal­kan eigent­lich nichts am Hut, sei­ne Majes­tät, der 55-Jäh­ri­ge Kai­ser Wil­helm II — auch „Wil­helm das Großmaul”´genannt — sucht den “Platz an der Son­ne” in Über­see. Trotz­dem gibt es für ihn und sei­ne Entou­ra­ge gute Grün­de, war­um die Deut­schen auf die Ermor­dung des öster­rei­chisch-unga­ri­schen Thron­fol­ger­paars mit einem “Denk­zet­tel für Ser­bi­en” ant­wor­ten sol­len.

Lesen Sie auch: Albert Bal­lin war das 13. Kind eines däni­schen Juden in Ham­burg. Kei­ne guten Start­be­din­gun­gen, aber mit Geschick und Fleiß wird er schließ­lich zum „Ree­der des Kai­sers“, der mit ihm, den „jüdi­schen Par­ve­nü“, sogar befreun­det ist. Am Ende schei­tert Bal­lin aber doch an sei­ner Her­kunft und an der größ­ten Auf­ga­be sei­nes Lebens — der Fra­ge nach Krieg oder Frie­den im Jahr 1914.
Die Welt ist fried­los gewor­den. Albert Bal­lin, der Ree­der des Kai­sers

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Kai­ser Wil­helms II Mut­ter Vic­to­ria: „Vic­to­ria Princess Roy­al , 1857“ von Franz Xaver Win­ter­hal­ter, Gemein­frei

Es wäre bes­ser gewe­sen, Du wärest nie gebo­ren wor­den“, soll ihm sei­ne Mut­ter Vic­to­ria, die ältes­te Toch­ter der legen­dä­ren bri­ti­schen Queen Vic­to­ria, an den Kopf gewor­fen haben.

Ob die­ser müt­ter­li­che Aus­bruch tat­säch­lich so statt­ge­fun­den hat, ist nicht bekannt, aber eine glück­li­che Kind­heit hat­te Kai­ser Wil­helm II, in spä­te­ren Jah­ren auch „Wil­helm das Groß­maul“ genannt, mit Sicher­heit nicht. Sein per­sön­li­cher Kampf galt aber weni­ger der Mut­ter, son­dern zeit­le­bens vor allem sei­nem ver­kürz­ten lin­ken Arm.

Der war ver­mut­lich nicht unwe­sent­lich für den wei­te­ren Lauf der Geschich­te.

Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt

Die­ser Arm ist von Geburt an zu kurz und zu unbe­weg­lich gera­ten.

Es wird alles ver­sucht, um das unglück­se­li­ge Kör­per­teil mit diver­sen schmerz­haf­ten Pro­ze­du­ren wie Streck­ver­bän­den, Strom­stö­ßen oder auch „ani­ma­li­schen“ Bädern in Hasen­blut zu kurie­ren, durch­schla­gen­de Erfol­ge blei­ben aus.
Der jun­ge Thron­fol­ger bringt Schmer­zen und Maß­nah­men fast trä­nen­los hin­ter sich, doch der Arm bleibt zu kurz, und Wil­helm ent­wi­ckelt sich zu einem Mann, bei dem man aus heu­ti­ger Sicht ver­mut­lich eine gestör­te Per­sön­lich­keit dia­gnos­ti­zie­ren wür­de.

Ob es nun der Arm, die Mut­ter oder sein Natu­rell war: Wil­helm wird zu einem Herr­scher, der zu Beginn des kri­sen­ge­schüt­tel­ten 20. Jahr­hun­derts ein­fach der fal­sche Mann am fal­schen Platz ist.


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Wer war Wil­helm II.?
Eine her­aus­ra­gen­den Doku­men­ta­ti­on über das Leben und Wir­ken des letz­ten deut­schen Kai­sers, span­nend auf­be­rei­tet mit gespiel­ten Sze­nen, Kom­men­ta­ren von His­to­ri­kern und vie­len wis­sens­wer­ten Infor­ma­tio­nen über Wil­helm und die Deut­schen. Staf­fel 1 der ZDF-Rei­he in der Box mit ins­ge­samt 10 Bei­trä­gen oder über Ama­zon prime als Ein­zel­epi­so­de. Die Deut­schen, Staf­fel 1*, Kom­plett-Media, 2008


Mehr­ma­li­ger Kos­tüm­wech­sel pro Tag – vor allem jede Art von Uni­form stan­den hoch im Kurs –, Pomp, Eitel­keit und das krampf­haf­te Ver­ste­cken des behin­der­ten Armes mögen in sei­ner Posi­ti­on durch­aus erklär­bar sein.
Sei­ne Groß­mäu­lig­keit dage­gen, ver­bun­den mit sei­ner unbe­darf­ten Un-Infor­miert­heit waren für den Kai­ser eines der fort­schritt­lichs­ten Län­der der Erde aber eigent­lich ein „No-Go“.

Und tat­säch­lich ver­such­ten deut­sche Poli­ti­ker und Mili­tärs ihren Mon­ar­chen soweit es ging aus der Tages­po­li­tik her­aus­zu­hal­ten.
Wil­helms Lau­nen waren gefürch­tet, er han­del­te unüber­legt und undi­plo­ma­tisch. Vor allem aber glänz­te er damit, dass er von den Din­gen, über die er ent­schei­den soll­te, meis­tens kei­ne Ahnung hat­te.

War „Wil­helm Zwo“ also nur ein Ope­ret­ten-Kai­ser?

Wilhelm, das Großmaul

Wil­helm war vor allem eines: der fal­sche Mann zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort. Ein Ope­ret­ten-Kai­ser war er mit Sicher­heit nicht.

Denn natür­lich such­te er sich als Kai­ser sei­ne mili­tä­ri­schen und poli­ti­schen Bera­ter ein­schließ­lich sei­nes jewei­li­gen Kanz­lers aus.
Wer etwas vom Kai­ser woll­te, der brach mit ihm nach dem Essen zu einem aus­ge­dehn­ten Wald­spa­zier­gang auf; traf er beim Spa­zie­ren­ge­hen den rich­ti­gen Ton, traf der Kai­ser danach die „rich­ti­ge“ Ent­schei­dung.

Gele­gent­lich gab Wil­helm aber auch ger­ne den abso­lu­tis­ti­schen Allein­herr­scher, der vor allem mit unbe­darf­tem Reden­schwin­gen Volk und Vater­land gehö­rig in die Bre­douil­le brach­te.
So bei­spiels­wei­se im Jahr 1908 bei der soge­nann­ten „Dai­ly Tele­graph-Affä­re“, einem unkon­trol­liert frei­ge­ge­be­nen Inter­view für die bri­ti­sche Zei­tung Dai­ly Tele­graph.
In die­sem Inter­view erklär­te sich Wil­helm zum ein­zig wah­ren Freund Eng­lands im ansons­ten anti­bri­tisch gesinn­ten Deut­schen Reich und behaup­te­te außer­dem, er habe sei­ner Groß­mut­ter Queen Vic­to­ria wich­ti­ge Rat­schlä­ge im Buren­krieg gege­ben, die den Bri­ten letzt­end­lich zum Sieg ver­hol­fen hät­ten. Nütz­li­che Tipps vom deut­schen Kai­ser für das Empi­re, einem Reich, in dem zur dama­li­gen Zeit die Son­nen nie unter­ging?

Wil­helm Groß­maul eben.


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Die gewal­ti­gen Tur­bu­len­zen in der euro­päi­schen Geschich­te von 1914 bis 1949  meis­ter­haft, fun­diert und fes­selnd erzählt. Sehr lesens­wert auch für alle, die sich mit die­sem The­ma noch nicht aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Ian Kers­haw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949*. Pan­the­on Ver­lag, 2017


Die Bri­ten nah­men des Kai­sers Behaup­tun­gen erstaun­lich gelas­sen hin, auch wenn sie sich weder damals noch heu­te ger­ne sagen las­sen, dass sie angeb­lich nur wegen deut­scher Rat­schlä­ge erfolg­reich waren.

Im Kai­ser­reich wur­de das Inter­view trotz­dem zur Affä­re: Nach einer hit­zi­gen Debat­te im Reichs­tag for­der­ten alle Abge­ord­ne­ten ein­schließ­lich der kai­ser­treu­en Kon­ser­va­ti­ven, der Kai­ser möge sich zukünf­tig in sei­nen Äuße­run­gen etwas zurück­neh­men.

Das wilhelminische Deutschland

Foto: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en

Die „wil­hel­mi­ni­sche“ Epo­che war das Spie­gel­bild eines Kai­sers, der offen­bar nur die See­len­zu­stän­de „him­mel­hoch jauch­zend“ oder „zu Tode betrübt“ kann­te.

Wil­helms Regent­schaft ist einer­seits geprägt von einem bis dahin nie gekann­ten Fort­schritt in den Berei­chen Tech­nik, Medi­zin und Indus­tria­li­sie­rung.
Doch auf der Schat­ten­sei­te der boo­men­den Wirt­schaft ent­steht als neue Bevöl­ke­rungs­schicht das Pro­le­ta­ri­at; Indus­trie­ar­bei­ter und Zechenkum­pel, die ihre Arbeits­kraft, ihre Gesund­heit und oft genug ihr Leben geben, um die Schif­fe und Waf­fen zu bau­en, die der Kai­ser braucht, oder den „Treib­stoff“ des Booms – die Koh­le – zu för­dern.


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Preis: EUR 13,99

Eine groß­ar­ti­ge Mini-Serie, nicht nur über Medi­zin­ge­schich­te. Robert Koch, Rudolf Virchow, Paul Ehr­lich, Wil­helm II. und die wil­hel­mi­ni­sche Epo­che erwa­chen zum Leben — sehens­wer­tes Info­tain­ment! Cha­rité* von Regis­seur Sön­ke Wort­mann, Uni­ver­sum Film GmbH, 2017


Wäh­rend sich in Wien, Ber­lin, Paris, und Lon­don wohl­ha­ben­de Bür­ger und Aris­to­kra­ten über Kunst, Kul­tur und – in ihren Augen merk­wür­di­ge – neue Ide­en wie etwa das Frau­en­wahl­recht die Köp­fe heiß reden, erschre­cken euro­pa­weit Sozia­lis­ten und Kom­mu­nis­ten die Mon­ar­chi­en und ihre Gefol­ge.

Ein Gespenst geht um in Europa

In einer Zeit, in der das Mot­to „Jeder ist sei­nes Glü­ckes Schmied“ zum geflü­gel­ten Wort wird, sind Elend und Armut auch ein sozia­ler Makel. Charles Dar­wins Evo­lu­ti­ons­theo­rie “sur­vi­val if the fit­test” wird auch auf Men­schen und Völ­ker über­tra­gen — es ist die Hoch-Zeit sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Gedan­ken­guts. Für die, die im Elend leben — Fabrik- und Zechen­ar­bei­ter und ihre Fami­li­en — bedeu­tet das nichts ande­res als „selbst Schuld“.

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Fami­lie um 1900“ von Ori­gi­nal uploa­der was St.Krekeler at de. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons


Die Bevöl­ke­rung wuchs auch dank des medi­zi­ni­schen Fort­schritts in der wil­hel­mi­ni­schen Epo­che rasant, die Zahl der Arbeits­plät­ze konn­te damit nicht Schritt hal­ten. In den Städ­ten und Indus­trie­ge­bie­ten leb­ten min­des­tens 50 bis 60 Pro­zent der Bevöl­ke­rung in Schmutz, Elend und immer am Ran­de des Hun­gers. 

Aus die­ser Unter­schicht rekru­tier­te sich im Lau­fe der Indus­tria­li­sie­rung die neue gesell­schaft­li­che Klas­se des Indus­trie­pro­le­ta­ri­ats. Die Unzu­frie­den­heit mit ihren erbärm­li­chen Lebens­be­din­gun­gen wuchs, eben­so der Wider­stand gegen täg­lich zehn, zwölf oder mehr Stun­den Schuf­te­rei für einen küm­mer­li­chen Lohn in dre­cki­gen, lau­ten und oft gefähr­li­chen Fabri­ken oder Berg­wer­ken: „Ein Gespenst geht um in Euro­pa – das Gespenst des Kom­mu­nis­mus“ (der ers­te Satz des „Mani­fest der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei“, von Karl Marx und Fried­rich Engels, erschie­nen 1848).


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Marx hat­te nicht die Ant­wort, aber er hat die rich­ti­gen Fra­gen gestellt”: Deut­sche Geschich­te als Doku­men­ta­ti­on, span­nend mit Spiel­sze­nen auf­be­rei­tet und durch die Kom­men­ta­re wich­ti­ger His­to­ri­ker sehr gut erklärt. Sehr sehens­wert in Staf­fel 2 ist der Bei­trag über Karl Marx, den es in der Box mit ins­ge­samt 10 Bei­trä­gen über her­aus­ra­gen­de Deut­sche gibt (u.a. Gus­tav Stre­se­mann) oder auch über Ama­zon prime als Ein­zel­epi­so­de. Die Deut­schen, Staf­fel 2*, Kom­plett-Media, 2010


Es gibt zwar ein paar halb­her­zi­ge Ver­su­che, die Situa­ti­on der ver­elen­de­ten Mas­sen zu ver­bes­sern, um sie wie­der fried­lich zu stim­men (die Idee der Ren­ten- und Kran­ken­ver­si­che­rung stammt von Bis­marck); im Gro­ßen und Gan­zen ver­sucht man aber in allen Staa­ten Euro­pas das Pro­blem mit den auf­müp­fi­gen Unter­ta­nen durch Repres­sio­nen zu lösen.

Oder durch ein “rei­ni­gen­des Gewit­ter” — einen Krieg — , der von vie­len mehr und mehr sogar her­bei­sehnt wird. Es ist kein Zufall, dass in der wil­hel­mi­ni­schen Zeit Matro­sen­an­zü­ge und -klei­der für Kin­der in Mode kamen.

Ein Platz an der Sonne

Sozi­al­dar­wi­nis­tisch wird in jener Zeit nicht nur nach innen son­dern auch nach außen gedacht.
Es ist nicht nur das Deut­sche Kai­ser­reich, das sei­nen „Platz an der Son­ne“ fin­den möch­te, es sind alle Euro­pä­er, die bei dem Spiel „grö­ßer, schnel­ler, wei­ter“ mit­spie­len.
Allen vor­an Eng­land – Groß­bri­tan­ni­en –, das sich mit sei­ner Insel­la­ge und der dafür not­wen­di­gen Schiffs­flot­te ein Kolo­ni­al­reich auf­ge­baut hat, in dem die Son­ne nie­mals unter­geht.

Kamerun, Duala, Polizeitruppe

Hoch­ru­fe anläss­lich des Geburts­tags Kai­ser Wil­helm II., 27. Janu­ar 1901, Carl Hohl. Bun­des­ar­chiv Bild 163–161, Kame­run, Dua­la, Poli­zei­trup­pe“ von Bun­des­ar­chiv, Bild 163–161 / CC-BY-SA


Im deut­schen Kai­ser­reich steht dage­gen der vie­le Jah­re alles beherr­schen­de Reichs­kanz­ler Bis­marck auf der Brem­se und ver­tritt die Ansicht, dass sich Deutsch­land kei­ne ver­wund­ba­ren Punk­te in fer­nen Welt­tei­len“ leis­ten dür­fe.

Das Augen­merk liegt zu Bis­marcks Zei­ten auf einer aus­ge­feil­ten inner­eu­ro­päi­schen Bünd­nis­po­li­tik, denn die „ein­ge­kes­sel­te“ Lage Deutsch­lands in der Mit­te Euro­pas und damit die Gefahr eines Zwei- oder sogar Mehr­fron­ten­krie­ges sind ihm sehr bewusst.


412px-1890_Bismarcks_RuecktrittAls Bis­marck sich ab dem Jahr 1884 in Bezug auf deut­sche Kolo­ni­en umori­en­tiert, ist es reich­lich spät – die ande­ren sind alle schon längst unter­wegs und haben sich in Über­see die Filet­stü­cke gesi­chert.

Und als schließ­lich der 29jährige schnei­di­ge „Wil­helm Zwo“ den Groß­va­ter und kur­ze Zeit spä­ter auch sei­nen Vater beerbt und Kai­ser wird (das „Drei­kai­ser­jahr“ 1888), sind die Tage des über 70jährigen Dau­er­kanz­lers eben­falls gezählt – 1890 muss der Lot­se von Bord gehen.


Spät waren sie dran, die Deut­schen.

Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Spa­ni­en und Por­tu­gal hat­ten sich vie­le Sah­ne­stück­chen auf der Land­kar­te schon längst unter den Nagel geris­sen. Jetzt soll­te das deut­sche Kai­ser­reich end­lich auch Kolo­ni­al­macht wer­den und man raff­te in Über­see zusam­men, was noch übrig und erreich­bar war.

Die ver­spä­te­te Ein­kaufs­tour der Deut­schen ver­lief nicht ohne außen­po­li­ti­sche Kol­la­te­ral­schä­den: Durch Auf­rüs­tung, Mili­ta­ris­mus und einer außer­or­dent­lich unge­schick­ten Diplo­ma­tie zer­schlug man Stück für Stück die von Reichs­kanz­ler Bis­marck sorg­sam aus­ba­lan­cier­te euro­päi­sche Bünd­nis­po­li­tik und ver­grätz­te einen euro­päi­schen Nach­barn nach dem ande­ren. 

Doch im all­ge­mei­nen Kli­ma der Groß­manns­sucht schenk­te man dem Man­gel an Bünd­nis­part­nern und der ste­tig wach­sen­den Zahl von unfreund­lich gesinn­ten Nach­barn wenig Beach­tung (Viel Feind, viel Ehr”), immer­hin hat­te man ja noch Öster­reich-Ungarn, das Rie­sen­reich der Habs­bur­ger, an sei­ner Sei­te.
Kopf­zer­bre­chen berei­te­ten eher die „Sozia­lis­ten“.

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Flo­ri­an Illies’ Meis­ter­werk über Köni­ge und Kai­ser, Ril­ke, Kaf­ka, Sta­lin, Hit­ler und alle ande­ren, die 1913 zum Som­mer des Jahr­hun­derts wer­den lie­ßen. Her­vor­ra­gend recher­chiert und mit fei­ner Iro­nie geschrie­ben, ein Buch, das mit klei­nen Epi­so­den eine gan­ze Welt erklärt. Sehr lesens­wert! Flo­ri­an Illies, 1913. Der Som­mer des Jahr­hun­derts*, S. Fischer Ver­lag GmbH, Taschen­buch, 2015

Aufrüstung als gesellschaftliches Schmiermittel

Wer einen Platz an der Son­ne haben und Groß­macht wer­den möch­te, braucht Schif­fe.
Und die hat das Kai­ser­reich nicht, geschwei­ge denn Werf­ten, die sol­che Schif­fe hät­ten bau­en oder auch nur repa­rie­ren kön­nen.

Benö­tig­te eines der Kriegs­schif­fe sei­ner Majes­tät – ein paar ält­li­che Pan­zer­schif­fe, die im Win­ter vor­sichts­hal­ber im Hafen blei­ben – eine Werft zum Kes­sel­fli­cken, so muss­te es das eng­li­sche Ports­mouth anlau­fen.

Das ändert Wil­helm II gründ­lich.
Im Jahr 1891 lernt er den Mari­ne­of­fi­zier Alfred von Tir­pitz ken­nen – den „bösen Geis­te der deut­schen Außen­po­li­tik“, wie ihn His­to­ri­ker nen­nen –, und die­ser hat ganz erstaun­li­che Ide­en, die dem Kai­ser außer­or­dent­lich gut gefal­len.
In den kom­men­den 20 Jah­ren peit­schen der Kai­ser und sein Admi­ral meh­re­re Rüs­tungs-pro­gram­me durch den Reichs­tag, der den kai­ser­li­chen Schiffs­plä­nen zunächst sehr skep­tisch gegen­über steht, die benö­tig­ten Finanz­mit­tel aber trotz­dem bewil­ligt.
Der Kai­ser bekommt sei­ne Schif­fe, und auf­merk­sa­men Beob­ach­tern wird nach und nach klar, dass die­se Flot­te viel zu groß ist, um nur die deut­schen Kolo­ni­en zu schüt­zen.

Zunächst pro­fi­tie­ren alle, die Han­dels­ma­ri­ne und die deut­sche Wirt­schaft, denn mit den Werf­ten für Groß­schif­fe ent­steht ein völ­lig neu­er Indus­trie­zweig im boo­men­den Deut­schen Kai­ser­reich.
1895 wird d
er Kai­ser-Wil­helm-Kanal (Nord­ost­see­ka­nal) ein­ge­weiht, der die Weg­stre­cke zwi­schen Nord- und Ost­see um 85 Pro­zent für Han­dels- und Kriegs­schif­fe glei­cher­ma­ßen ver­kürzt.

Ein wei­te­rer posi­ti­ver Neben­ef­fekt der Auf­rüs­tung ist, dass Wil­helms Schiffs-Enthu­si­as­mus anste­ckend wirkt; unab­hän­gig von Her­kunft oder Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit wer­den die Deut­schen stol­ze und patrio­ti­sche Flot­ten­lieb­ha­ber, die loy­al zu Kai­ser und Vater­land (und sei­nen Schif­fen) ste­hen.
Die Kriegs­ma­ri­ne wird zum klas­sen­über­grei­fen­den Schmier­mit­tel der Gesell­schaft.

Gott strafe England“

Die, denen die Plä­ne des kai­ser­li­chen Admi­rals Tir­pitz eigent­lich von vor­ne­her­ein gal­ten, beob­ach­te­ten die Ent­wick­lun­gen im deut­schen Kai­ser­reich sehr genau.
Bis etwa ins Jahr 1905 wur­den Deutsch­lands Flot­ten-Anstren­gun­gen, sei­ne kolo­nia­len Träu­me und das all­jähr­lich statt­fin­den­de „Kai­ser­ma­nö­ver“ (am liebs­ten bei „Kai­ser­wet­ter“) von den Bri­ten mil­de belä­chelt.

HMS_Dreadnought_1906

Die “Dre­ad­nought” (frei über­setzt: Fürch­te­nichts) war ein revo­lu­tio­när neu­es Schlacht­schiff , das sowohl in Pan­ze­rung wie auch in Bewaff­nung alles bis­her Dage­we­se­ne in den Schat­ten stellt. Das ers­te Schiff die­ser Art sticht 1906 in Eng­land in See. „HMS Dre­ad­nought 1906“ von not sta­ted — US Navy His­to­ri­cal Cen­ter Pho­to # NH 63367. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons


Doch der Ton wird rau­er und die ent­spre­chen­de bri­ti­sche Reak­ti­on bleibt nicht aus.
1906 sticht in Eng­land das ers­te Schiff der „Dre­ad­nought“-Klas­se (frei über­setzt etwa „Fürch­te­nichts“) in See, ein völ­lig neu­es Schlacht­schiff mit über­le­ge­ner Pan­ze­rung und Bewaff­nung.

Nach „Dre­ad­nought“ haben der Kai­ser und sein Admi­ral das mari­ne Wett­rüs­ten eigent­lich ver­lo­ren. Die bri­ti­schen “Fürch­te­nicht­se” sind eine schwim­men­de Revo­lu­ti­on, eine völ­lig neue Kate­go­rie von Schlacht­schif­fen, die die gesam­te, sorg­sam auf­ge­bau­te deut­sche Flot­te mit einem Schlag ver­al­ten lässt

Wil­helm und von Tir­pitz geben natür­lich nicht auf.
Sie machen wei­ter, wol­len ihre eige­nen „Fürchtenichts“-Schiffe bau­en und legen das nächs­te Rüs­tungs­pro­gramm auf, kos­te es, was es wol­le.
1908 beträgt das Haus­halts­de­fi­zit des Kai­ser­rei­ches eine hal­be Mil­li­ar­de Mark; die eigens für den Schlacht­schiff­bau erfun­de­ne Sekt­steu­er ist uns bis heu­te erhal­ten geblie­ben.

Etwa ab dem Jahr 1909 wird „Gott stra­fe Eng­land“ zu einer all­ge­mein gebräuch­li­chen Begrü­ßungs­for­mel im deut­schen Kai­ser­reich, häu­fig gedan­ken­los dahin­ge­sagt, aber mit sehr erns­tem Hin­ter­grund. 


Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Ein alter Kai­ser, ein Viel­völ­ker­staat, von vie­len auch als “Völ­ker­ker­ker” bezeich­net, und jugend­li­che Ver­schwö­rer, die bereit sind, für ihre Über­zeu­gung zu mor­den. Das ist der Stoff, aus dem Alb­träu­me sind. Oder Welt­ge­schich­te.
Ein Hin­ter­grund­be­richt über die Aus­lö­ser des Ers­ten Welt­krie­ges.
Sis­sis Franzl und der gro­ße Knall

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2015 (über­ar­bei­tet 2017)


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Die Geschich­te der Deut­schen gut ver­ständ­lich erklärt. Für alle  Geschichts­in­ter­es­sier­ten pri­ma zum Nach­schla­gen und Quer­le­sen geeig­net. (Bit­te nicht vom etwas selt­sa­men Titel abschre­cken las­sen!) Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2012

Die Geschich­te Preu­ßens infor­ma­tiv und unter­halt­sam erzählt, span­nend wie eine Repor­ta­ge.
Chris­to­pher Clark, Preu­ßen. Auf­stieg und Nie­der­gang 1600 — 1947*, Pan­the­on Ver­lag, Ver­lags­grup­pe Ran­dom Hou­se GmbH, 2008


Chris­to­pher Clark, Geschichts­pro­fes­sor aus Cam­bridge, über die Vor­ge­schich­te des 1. Welt­krie­ges: 900 Sei­ten, die völ­lig zurecht zum Best­sel­ler gewor­den sind. Prä­di­kat: beson­ders lesens­wert! Chris­to­pher Clark, Die Schlaf­wand­ler. Wie Euro­pa in den 1. Welt­krieg zog*, Pan­the­on Ver­lag, Ver­lags­grup­pe Ran­dom Hou­se GmbH, 2015

Flo­ri­an Illies’ Meis­ter­werk über Köni­ge und Kai­ser, Ril­ke, Kaf­ka, Sta­lin, Hit­ler und alle ande­ren, die 1913 zum Som­mer des Jahr­hun­derts wer­den lie­ßen. Her­vor­ra­gend recher­chiert und mit fei­ner Iro­nie geschrie­ben, ein Buch, das mit klei­nen Epi­so­den eine gan­ze Welt erklärt. Sehr lesens­wert — jede Sei­te lohnt sich! Flo­ri­an Illies, 1913. Der Som­mer des Jahr­hun­derts*, S. Fischer Ver­lag GmbH, Taschen­buch, 2015


Die “Urka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts” und ihre Fol­gen:
Ab dem 25. August 2017 ist die hoch­ka­rä­ti­ge BBC-Mini­se­rie “Gene­ra­ti­on der Ver­damm­ten”* in deut­scher Spra­che als DVD oder Blu-ray erhält­lich.

Wei­ter­füh­ren­de Arti­kel:


Ver­dun ist eine klei­ne Stadt ohne gro­ße Bedeu­tung. Eigent­lich ist sie kaum der Rede wert. Doch dann beginnt am Mor­gen des 21. Febru­ar 1916 die deut­sche Ope­ra­ti­on „Gericht“ und lässt die beschau­li­che Klein­stadt Ver­dun — wie 27 Jah­re spä­ter auch Sta­lin­grad — zum Syn­onym für die Grau­sam­keit und Sinn­lo­sig­keit von Krie­gen wer­den.
Vor 100 Jah­ren: Die Höl­le von Ver­dun


Mit dem 20. Jahr­hun­dert beginnt auch deut­sche Auto­mo­bil­ge­schich­te. Vie­le gro­ße Namen wie Wan­de­rer, Horch, NSU und ande­re kennt man heu­te gar nicht mehr. Trotz­dem lohnt sich ein Blick zurück:
Pupp­chen, Du bist mein Augen­stern. Das Geheim­nis in alten Foto­gra­fi­en


Queen Vic­to­ria drück­te dem 19. Jahr­hun­dert ihren Stem­pel auf und bestimm­te als „Groß­mut­ter Euro­pas“ auch die Geschich­te des 20. Ihr Leben begann mehr als beschei­den – und war eigent­lich nur eine Not­lö­sung …
Die Groß­mut­ter Euro­pas (1)


Er war das 13. Kind eines däni­schen Juden in Ham­burg und hat sich mit nur weni­gen Schul­jah­ren und ohne Stu­di­um zum Gene­ral­di­rek­tor der größ- ten Ree­de­rei der Welt, der Hapag, hoch­ge­ar­bei­tet. Mit Geschick und Fleiß wird er schließ­lich zum „Ree­der des Kai­sers“, der ihm, den „jüdi­schen Par­ve­nü“, wie ihn nei­di­sche Höf­lin­ge nen­nen, freund­schaft­lich ver­bun­den ist. In vie­lem sind sich der Kai­ser und sein Ree­der einig, aber in der Fra­ge über Krieg oder Frie­den schei­den sich ihre Geis­ter.
Die Welt ist fried­los gewor­den. Albert Bal­lin, der Ree­der des Kai­sers


Das Gene­ra­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert


Opa twit­tert aus dem Schüt­zen­gra­ben”: Chris­ti­an Macks Fami­li­en­for­schung “Opas Krieg”
Opas Krieg


Link­emp­feh­lun­gen:


ZDF „Wel­ten­brand“: Die Höl­le von Ver­dun
https://www.youtube.com/watch?v=–gDhlsJAQU


Por­trät: Wil­helm II
http://www.zeit.de/2014/08/kaiser-wilhelm-der-zweite-erster-weltkrieg


 Wir müssten das alles mal aufschreibenDie Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en bringt seit 2012 Lebens-. Fami­li­en- und Unter­neh­mens­bio­gra­fi­en als Bild­bio­gra­phi­en ins Buch und bie­tet außer­dem einen Ghost­wri­ting-Ser­vice mit den Schwer­punk­ten Geschich­te und Psy­cho­lo­gie an.
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Film:

Trai­ler zur Mini-Serie “Gene­ra­ti­on der Ver­damm­ten”, Pan­da­storm Pic­tures, You­Tube
https://www.youtube.com/watch?v=z8kXNZXxc8c

Bild­nach­wei­se:

1) Kai­ser Wil­helm II zwi­schen 1910 und 1914, E. Bie­ber, Hof­pho­to­graph, Libra­ry of Con­gress, Prints and Pho­to­graphs Divi­si­on, Washing­ton, D.C. 20540 USA
2) Kai­ser Wil­helms II Mut­ter Vic­to­ria: „Vic­to­ria Princess Roy­al , 1857“ von Franz Xaver Win­ter­hal­ter — Win­ter­hal­ter and the courts of Euro­pe. Trans­fe­red from de:Image:Victoria Princess Roy­al , 1857.jpg. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons.
3) Hoch­ru­fe anläss­lich des Geburts­tags Kai­ser Wil­helm II., 27. Janu­ar 1901, Carl Hohl. Bun­des­ar­chiv Bild 163–161, Kame­run, Dua­la, Poli­zei­trup­pe“ von Bun­des­ar­chiv, Bild 163–161 / CC-BY-SA.
4) „Fami­lie um 1900“ von Ori­gi­nal uploa­der was St.Krekeler at de. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons
5) “Drop­ping the Pilot”. Kar­ri­ka­tur von Sir John Ten­ni­el (1820–1914), März 1890 im bri­ti­schen Maga­zin “Punch”.Lizenziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia
6) Die “Dre­ad­nought” (frei über­setzt: Fürch­te­nichts) war ein revo­lu­tio­när neu­es Schlacht­schiff , das sowohl in Pan­ze­rung wie auch in Bewaff­nung alles bis­her Dage­we­se­ne in den Schat­ten stellt. Das ers­te Schiff die­ser Art sticht 1906 in Eng­land in See. „HMS Dre­ad­nought 1906“ von not sta­ted — US Navy His­to­ri­cal Cen­ter Pho­to # NH 63367. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons.

 

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