Ein Platz an der Sonne oder: Wilhelm, das „Großmaul“


In Berlin hat man mit dem Balkan eigentlich nichts am Hut. Seine Majestät, Kaiser Wilhelm II – auch „Wilhelm das Großmaul“´genannt – sucht den „Platz an der Sonne“ in Übersee.

Trotzdem gibt es für ihn und seine Entourage gute Gründe, sich 1914 am „Denkzettel für Serbien“ zu beteiligen.

Wilhelm - letzter deutscher Kaiser und Großmaul www.generationengespräch.de

Es wäre besser gewesen, Du wärest nie geboren worden“, soll ihm seine Mutter Victoria, die älteste Tochter der legendären britischen Queen Victoria, an den Kopf geworfen haben.

Ob dieser mütterliche Wutausbruch tatsächlich so stattgefunden hat, ist historisch nicht eindeutig belegt, aber eine glückliche Kindheit hatte Kaiser Wilhelm II, in späteren Jahren auch „Wilhelm das Großmaulgenannt, mit Sicherheit nicht.

Sein persönlicher Kampf seit Kindertagen galt aber weniger seiner Mutter, sondern vor allem seinem verkürzten linken Arm. Der spielte vermutlich eine wesentliche Rolle für den weiteren Lauf der Geschichte.

Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt

Wilhelms Arm ist von Geburt an zu kurz und zu unbeweglich geraten.
Der behinderte Arm ist vermutlich die Folge eines Geburtsfehlers, der vermeidbar gewesen wäre, hätte sich der behandelnde Arzt getraut, während der Niederkunft Wilhelms Mutter unter die Röcke zu schauen.

Das tat er, ganz Zeitgeist, natürlich nicht. Stattdessen musste er sich durch eine schwierige Geburt mit einem großen und falsch platzierten Baby hindurchtasten.

Der kleine Junge überlebt die Geburt, aber der linke Arm war in Mitleidenschaft gezogen und blieb es auch.

Es wird alles versucht, um den unglückselige Arm mit diversen schmerzhaften Prozeduren wie Streckverbänden, Stromstößen oder auch „animalischen“ Bädern in Hasenblut zu kurieren.

Ohne durchschlagenden Erfolg.

Kaiser Wilhelms II Mutter Victoria: „Victoria Princess Royal , 1857“ von Franz Xaver Winterhalter, Gemeinfrei
Kaiser Wilhelms II Mutter Victoria: „Victoria Princess Royal , 1857“ von Franz Xaver Winterhalter, Gemeinfrei

Der kleine Thronfolger bringt Schmerzen und Maßnahmen fast tränenlos hinter sich, aber der Arm bleibt zu kurz. Ein schwerer Makel zu jener Zeit, vor allem für einen zukünftigen Regenten und Kaiser.

Der entwickelt sich, vermutlich auch wegen seines Geburts- „Fehlers“, zu einem launischen Mann, bei dem man aus heutiger Sicht vermutlich eine gestörte Persönlichkeit diagnostizieren würde.

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Wilhelm, das Großmaul

Ob es nun der Arm, die Mutter oder sein Naturell war: Wilhelm wird zu einem Herrscher, der zu Beginn des krisengeschüttelten 20. Jahrhunderts einfach der falsche Mann am falschen Platz ist.

Mehrmaliger Kostümwechsel pro Tag – vor allem jede Art von Uniform standen hoch im Kurs; außerdem Pomp, Eitelkeit und der Versuch, den behinderten linken unter irgendwelchen Jacken und Überwürfen krampfhaft zu verstecken.

Dazu kamen seine Großmäuligkeit, verbunden mit einer unbedarften Un-Informiertheit. Für den Kaiser eines der fortschrittlichsten Länder der Erde eigentlich ein „No-Go“.

Zum Repräsentieren taugt er, sonst kann er nichts.
Er hätte Maschinenschlosser werden sollen.

Georg Hinzpeter, Erzieher des jungen Wilhelm II

Politiker und Militärs versuchten Seine Majestät so gut es ging aus der Tagespolitik herauszuhalten. Außerdem waren Wilhelms Launen gefürchtet, er handelte meistens unüberlegt und undiplomatisch.

Vor allem aber glänzte er dadurch, dass er von den Dingen, über die er entscheiden sollte, meistens keine Ahnung hatte.

War „Wilhelm Zwo“ also nur ein pompös ausgestatteter Operetten-Kaiser zu Repräsentationszwecken?

Der letzte deutsche Kaiser

Wilhelm, der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort, war mit Sicherheit kein Operetten-Kaiser. Er traf weitreichende politische Entscheidungen und suchte sich seine militärischen und politischen Berater einschließlich seines jeweiligen Kanzlers aus.

Wer etwas vom Kaiser wollte, brach mit ihm nach dem Mittagessen zu einem ausgedehnten Waldspaziergang auf, um mit ihm zu plaudern. Traf man beim Spazierengehen den richtigen Ton, traf der Kaiser anschließend die „richtige“ Entscheidung. Ohne großes Nachdenken oder Zögern, sondern spontan aus dem Bauch heraus.

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Den absolutistischen Alleinherrscher gab Wilhelm sehr gerne, auch wenn das Parlament immer ein Wort mitzureden hatte. Bei den wichtigen finanziellen Fragen beispielsweise.

Fast noch problematischer als seine Entscheidungen waren seine Reden.
Er schwang sie ebenso unüberlegt wie unbedarft und brachte dadurch Volk und Vaterland oft gehörig in die Bredouille.

Dazu gehört mit Sicherheit seine berüchtigte Hunnenrede, allerdings war für seine Zeitgenossen die sogenannten „Daily Telegraph-Affäreaus dem Jahr 1908 noch wesentlich unangenehmer.

In diesem (nicht freigegebenen) Interview für die britische Zeitung Daily Telegraph erklärt sich Kaiser Wilhelm zum einzig wahren Freund der Briten im ansonsten anti-britisch gesinnten Deutschen Reich und behauptete außerdem, er habe seiner Großmutter Queen Victoria wichtige Tipps im Burenkrieg gegeben, die Großbritannien letztendlich zum Sieg verholfen hätten.

Tipps und Tricks für’s Regieren und Kriegführen vom deutschen Kaiser?

Die Briten, die damals ein Empire regierten, in dem die Sonne nie unterging, waren not amused.

Aber sie nahmen des Kaisers Behauptungen erstaunlich gelassen hin, auch wenn sie sich weder damals noch heute gerne sagen lassen, dass sie deutsche Ratschläge für ihre Erfolge bräuchten.

Wilhelm Großmaul eben.

Queen Victoria (1819 - 1901) anlässlich ihres Thronjubiläums 1887
Queen Victoria (1819 – 1901) anlässlich ihres Thronjubiläums 1887

Im deutschen Kaiserreich wurde das Interview zur Affäre.
Nach einer hitzigen Debatte im Reichstag forderten alle Abgeordneten einschließlich der kaisertreuen Konservativen, seine Majestät möge sich zukünftig in seinen Äußerungen etwas zurücknehmen.

Das wilhelminische Deutschland

Die „wilhelminische“ Epoche war das Spiegelbild eines Kaisers, der nur die beiden Seelenzustände „himmelhoch jauchzend“ oder „zu Tode betrübt“ kannte.

Wilhelms Regentschaft ist einerseits geprägt von einem bis dahin nie gekannten Fortschritt in den Bereichen Technik, Verkehr und Medizin.

Auf der Schattenseite der boomenden Wirtschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand als neue Bevölkerungsschicht das Proletariat: Industriearbeiter und Zechenkumpel, die ihre Arbeitskraft, ihre Gesundheit und oft genug ihr Leben gaben, um die Schiffe und Waffen zu bauen, die der Kaiser braucht, oder den „Treibstoff“ des Booms – die Kohle – zu fördern.

Sie hausen mit ihren Familien auf engstem Raum in schäbigen Mietskasernen und haben trotz 12-Stunden-Schichten oft nicht das Nötigste zum Leben. Krankheiten wie die Tuberkulose grassieren, die Kindersterblichkeit ist hoch, Armut und Verzweiflung ebenso.

In den Städten und Industriegebieten leben um 1900 mindestens 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung in Schmutz, Elend und immer am Rande des Hungers. 

„Familie um 1900“ von Original uploader was St.Krekeler at de. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons
„Familie um 1900“ von Original uploader was St.Krekeler at de. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

In einer Zeit, in der das Motto „Jeder ist seines Glückes Schmied“ zum geflügelten Wort wird, sind Elend und Armut ein sozialer Makel.

Charles Darwins Evolutionstheorie „survival if the fittest“ wird gründlich als „Überlebenskampf der Stärkeren“ missverstanden und uminterpretiert.

Es ist die Hoch-Zeit sozialdarwinistischen Gedankenguts.
Für die, die im Elend leben – Fabrik- und Zechenarbeiter und ihre Familien, aber auch Afrikaner und Asiaten, die kolonialisiert und „zivilisiert“ werden, – bedeutet das nichts anderes als „selbst schuld“ am eigenen Elend.

Und tatsächlich nimmt das Lumpenproletariat sein Elend selbst in die Hand.
Aus der Unzufriedenheit mit den erbärmlichen Lebensbedingungen wächst der Widerstand gegen täglich zehn, zwölf oder mehr Stunden Schufterei für einen Hungerlohn in dreckigen, lauten und oft gefährlichen Fabriken oder Bergwerken.

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus

Manifest der kommunistischen Partei, 1848

Bismarck geht über Bord

Sozialdarwinistisch wird in jener Zeit nicht nur nach innen, sondern auch nach außen gedacht. Es ist nicht nur das Deutsche Kaiserreich, das seinen „Platz an der Sonne“ finden möchte, es sind alle Europäer, die bei dem Spiel „größer, schneller, weiter“ mitmachen.

Allen voran Großbritannien, das sich mit seiner Insellage und der dafür notwendigen Schiffsflotte ein Kolonialreich aufgebaut hat, in dem die Sonne tatsächlich niemals untergeht.

Im deutschen Kaiserreich steht dagegen bei der Kolonialfrage viele Jahre der alles beherrschende Reichskanzler Bismarck auf der Bremse.
Der gibt die Losung aus, dass das Deutsche Kaiserreich sich keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen“ leisten dürfe.

Bismarcks Augenmerk liegt auf einer ausgefeilten innereuropäischen Bündnispolitik, denn die „eingekesselte“ Lage Deutschlands in der Mitte Europas und damit die Gefahr eines Zwei- oder sogar Mehrfrontenkrieges sind ihm sehr bewusst.

“Dropping the Pilot”. Karrikatur von Sir John Tenniel (1820-1914), März 1890 im britischen Magazin “Punch”
“Dropping the Pilot”. Karrikatur von Sir John Tenniel (1820-1914), März 1890 im britischen Magazin “Punch”

Als er sich ab 1884 doch noch umorientiert, ist es reichlich spät. Die anderen Nationen sind alle schon längst unterwegs und haben sich in Übersee die Filetstücke gesichert.

Bismarcks Tage als Dauerkanzler sind gezählt, als der 29-jährige Wilhelm im „Dreikaiserjahr“ 1888 nach dem Tod seines Großvaters und seines Vaters die Regentschaft im deutschen Kaiserreich übernimmt.

1890 muss der Lotse von Bord gehen.
Er wird vom jungen Wilhelm II. in den Ruhestand geschickt und zieht sich stinksauer auf sein Landgut in Norddeutschland zurück.

Ein Platz an der Sonne

Die verspätete Einkaufstour verlief wie zu erwarten nicht ohne außenpolitische Kollateralschäden. Großbritannien, Frankreich, Spanien und Portugal haben sich viele Sahnestückchen auf der Landkarte schon längst unter den Nagel gerissen.
Aber mit Wilhelm an der Macht soll das deutsche Kaiserreich nun mit aller Macht auch Kolonialmacht werden.

Man beginnt, in Übersee alles zusammenzuraffen, was noch übrig und erreichbar war.
Durch Aufrüstung, Militarismus und einer außerordentlich ungeschickten Diplomatie zerschlägt man dabei Stück für Stück die von Reichskanzler Bismarck sorgsam ausbalancierte europäische Bündnispolitik. Es ist Armdrücken und Kräftemessen in ganz großem Stil.

Dass dadurch ein europäischer Nachbar nach dem anderen vergrätzt wird, stört niemanden. Im allgemeinen Klima der Großmannssucht schenkt man dem Mangel an Bündnispartnern und der wachsenden Zahl von unfreundlich gesinnten Nachbarn wenig Beachtung.

Es geht ja um den Kampf und das Recht als Stärkster: Viel Feind, viel Ehr!

Immerhin hat man ja noch Österreich-Ungarn, das Riesenreich der Habsburger, an seiner Seite.

Kopfzerbrechen bereiteten eigentlich nur die „Sozialisten“.

Hochrufe anlässlich des Geburtstags Kaiser Wilhelm II., 27. Januar 1901, Carl Hohl. Bundesarchiv Bild 163-161, Kamerun, Duala, Polizeitruppe“ von Bundesarchiv, Bild 163-161 / CC-BY-SA 3.0
Hochrufe anlässlich des Geburtstags Kaiser Wilhelm II., 27. Januar 1901, Carl Hohl. Bundesarchiv Bild 163-161, Kamerun, Duala, Polizeitruppe“ von Bundesarchiv, Bild 163-161 / CC-BY-SA 3.0

Viel Feind, viel Ehr‘

Während sich in den feinen Salons der wohlhabende Bürger und Aristokraten über Kunst, Kultur und merkwürdigen neue Ideen wie etwa das Frauenwahlrecht die Köpfe heiß redet, erschrecken europaweit Sozialisten und Kommunisten die Monarchien, die immer mehr Zulauf bekommen.

Angst geht um, was passieren könnte, wenn die Massen sich plötzlich erheben. Es gibt ein paar halbherzige Versuche, die Situation des Massenelends der einfachen Leute zu verbessern (die Idee der Renten- und Krankenversicherung stammt von Bismarck), aber wirklich befrieden kann man die Lage dadurch nicht.

Im Großen und Ganzen versucht man in allen Staaten Europas das Problem mit den aufmüpfigen Untertanen durch Repressionen zu lösen.

Als Alternative kommt für viele auch ein Krieg als reinigendes Gewitter infrage.
Krieg als „Vater aller Dinge“ und finale Lösung für alle schwelende Konflikte – für die inneren wie für die äußeren.

Von vielen wird ein Krieg herbeigesehnt. Nicht nur im deutschen Kaiserreich.

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Der Kaiser, das Volk und ein Reich patriotischer Flottenliebhaber

Wer einen Platz an der Sonne haben und Großmacht werden möchte, braucht Schiffe.
Und die hat das Kaiserreich nicht, geschweige denn Werften, die solche Schiffe hätten bauen oder auch nur reparieren können.

Benötigte eines der Kriegsschiffe seiner Majestät – ein paar ältliche Panzerschiffe, die im Winter vorsichtshalber im Hafen blieben – eine Werft zum Kesselflicken, so musste es das englische Portsmouth anlaufen.

Das ändert Wilhelm II gründlich.
Im Jahr 1891 lernt er den Marineoffizier Alfred von Tirpitz kennen – den „bösen Geiste der deutschen Außenpolitik“, wie ihn Historiker nennen.

Tirpitz hat ganz erstaunliche Ideen und wird in den kommenden Jahren ein enger Vertrauter des Kaisers.

In den kommenden 20 Jahren peitschen der Kaiser und sein Admiral mehrere Rüstungsprogramme durch den Reichstag. Der steht den kaiserlichen Schiffsplänen zunächst sehr skeptisch gegenüber, bewilligt die benötigten Finanzmittel aber trotzdem.

Wilhelm ii der letzte deutsche Kaiser
Kaiser Wilhelm II zwischen 1910 und 1914, E. Bieber, Hofphotograph, Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, D.C. 20540 US

Der Kaiser bekommt seine Schiffe und zunächst profitieren alle: Die Handelsmarine und die deutsche Wirtschaft, denn mit den Werften für Großschiffe entsteht ein völlig neuer Industriezweig im boomenden Deutschen Kaiserreich.

1895 wird der Kaiser-Wilhelm-Kanal (Nordostseekanal) eingeweiht, der die Wegstrecke zwischen Nord- und Ostsee um 85 Prozent für Handels- und Kriegsschiffe gleichermaßen verkürzt.

Außerdem wirkt Wilhelms Schiffs-Enthusiasmus ansteckend: Alle lieben die Marine, die Kinder tragen stolze Marineanzüge und Marinekleidchen und die Erwachsenen werden, gleichgültig welcher Klasse sie angehören, zu Fähnchen-schwingenden Flottenliebhabern, die loyal zu Kaiser und Vaterland (und seinen Schiffen) stehen.

Die Kriegsmarine wird zum klassenübergreifenden sozialen Schmiermittel der Gesellschaft.

Nur wenige Nörgler stören das friedliche Bild mit der Behauptung, dass diese Flotte nicht nur sehr teuer, sondern auch viel zu groß ist, um nur die deutschen Kolonien zu schützen.

Gott strafe England

Die, denen die Pläne des kaiserlichen Admirals Tirpitz eigentlich galten, beobachteten die Entwicklungen im deutschen Kaiserreich sehr genau.

Bis etwa ins Jahr 1905 werden die deutschen Flotten-Anstrengungen, die kolonialen Träume und das alljährlich stattfindende „Kaisermanöver“ (am liebsten bei „Kaiserwetter“) von den Briten milde belächelt.

Doch der Ton wird rauer und die entsprechende britische Reaktion bleibt nicht aus.
1906 sticht in England das erste Schiff der „Dreadnought“-Klasse (frei übersetzt etwa „Fürchtenichts“) in See, ein völlig neues Schlachtschiff mit überlegener Panzerung und Bewaffnung.

Die “Dreadnought” (frei übersetzt: Fürchtenichts) war ein revolutionär neues Schlachtschiff , das sowohl in Panzerung wie auch in Bewaffnung alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Das erste Schiff dieser Art sticht 1906 in England in See. „HMS Dreadnought 1906“ von not stated - US Navy Historical Center Photo # NH 63367. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons
Die “Dreadnought” (frei übersetzt: Fürchtenichts) war ein revolutionär neues Schlachtschiff , das sowohl in Panzerung wie auch in Bewaffnung alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Das erste Schiff dieser Art sticht 1906 in England in See. „HMS Dreadnought 1906“ von not stated – US Navy Historical Center Photo # NH 63367. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

Nach dem Stapellauf der ersten „Dreadnought“ hatten der Kaiser und sein Admiral das marine Wettrüsten eigentlich verloren.

Die britischen „Fürchtenichtse“ waren eine schwimmende Revolution, eine völlig neue Kategorie von Schlachtschiffen, die die gesamte, sorgsam aufgebaute deutsche Flotte mit einem Schlag alt aussehen ließen.

Aufgeben will der Kaiser trotzdem nicht.

Er macht weiter, will seine eigenen „Fürchtenichts“-Schiffe bauen und lässt das nächste Rüstungsprogramm auflegen. Koste es, was es wolle. Zu einem hohen Preis: 1908 beträgt das Haushaltsdefizit des Kaiserreiches eine halbe Milliarde Mark.

Es müssen neue Geldquellen erschlossen werden, um die nächste Runde des gigantischen Rüstungsprogramms zu finanzieren: Die eigens für den Schlachtschiffbau erfundene Sektsteuer beispielsweise, die uns bis heute erhalten geblieben ist.

Etwa ab dem Jahr 1909 wird „Gott strafe England“ zu einer allgemein gebräuchlichen Begrüßungsformel im deutschen Kaiserreich.
Sie wird oft gedankenlos dahingesagt, hat aber einen sehr ernsten Hintergrund. 

Denn der Krieg als Vater aller Dinge und reinigendes Gewitter, um die Karten neu zu mischen und die Grenzen neu zu ziehen, hat schon längst in den Köpfen und Herzen Einzug gehalten. In ganz Europa.

Die Nationen Europas schlitterten über den Rand, hinein in den brodelnden Hexenkessel des Krieges ohne eine Spur von Verständnis oder Bestürzung

David Lloyd George

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2015 (überarbeitet 2022)

Lesen Sie im nächsten Beitrag: Verdun ist eine kleine Stadt ohne große Bedeutung. Eigentlich ist sie kaum der Rede wert. Doch dann beginnt am Morgen des 21. Februar 1916 die deutsche Operation „Gericht“ und lässt die beschauliche Kleinstadt Verdun — wie 27 Jahre später auch Stalingrad — zum Synonym für die Grausamkeit und Sinnlosigkeit von Kriegen werden.
Vor 100 Jahren: Die Hölle von Verdun

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Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn Wilhelms liberal denkender Vater, der Kurzzeit-Kaiser Friedrich III., 1888 nicht an Kehlkopfkrebs gestorben wäre?
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New York, 1900:
Oscar-Preisträger Steven Soderbergh erzählt in dieser atemberaubenden Serie die Geschichte des New Yorker Knickerbocker Hospitals (kurz: The Knick) mit seiner Belegschaft um den genial-exzentrischen und kokainsüchtigen Chefchirurgen Dr. Thackery (Clive Owen). Eine großartige Mischung aus Denver-Clan (mit ernsten Problemen), Zeitgeschichte und dem aufregenden Aufbruch in die moderne Medizin (In manchen Szenen fließt viel Blut … )

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Linkempfehlungen:

Blut muss fließen, viel Blut. Die bizarrsten Zitate von Kaiser Wilhelm II.:
https://www.sueddeutsche.de/politik/die-bizarrsten-zitate-von-kaiser-wilhelm-ii-blut-muss-fliessen-viel-blut-1.470594

ZDF „Weltenbrand“: Die Hölle von Verdun
https://www.youtube.com/watch?v=–gDhlsJAQU

Bildnachweise:

Kaiser Wilhelm II zwischen 1910 und 1914, E. Bieber, Hofphotograph, Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, D.C. 20540 USA
Kaiser Wilhelms II Mutter Victoria: „Victoria Princess Royal , 1857“ von Franz Xaver Winterhalter – Winterhalter and the courts of Europe. Transfered from de:Image:Victoria Princess Royal , 1857.jpg. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.
Agentur für Bildbiographien
Königin Victoria am Tag ihres goldenen Thronjubiläums 1887, von Alexander Bassano – https://www.royalcollection.org.uk/collection/2105818/portrait-photograph-of-queen-victoria-1819-1901
„Familie um 1900“ von Original uploader was St.Krekeler at de. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons
Hochrufe anlässlich des Geburtstags Kaiser Wilhelm II., 27. Januar 1901, Carl Hohl. Bundesarchiv Bild 163-161, Kamerun, Duala, Polizeitruppe“ von Bundesarchiv, Bild 163-161 / CC-BY-SA 3.0
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Ich bringe mit meinem Team Lebens-, Familien- und Unternehmensgeschichten ins Buch und schreibe als Ghostwriterin Bücher mit den Schwerpunkten Geschichte und Psychologie.

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