„Puppchen, Du bist mein Augenstern“: Alte Fotografien neu entdecken
In alten Fotografien kann ziemlich viel „Krimi“ stecken. Wenn man genau hinsieht, offenbaren sie manchmal völlig neue Aspekte in der Familiengeschichte. Oder neue Geheimnisse.
Wie aus einer Autobiografie plötzlich eine Auto-Biografie wurde. Denn: Auch unsere fahrbaren Untersätze erzählen Geschichte.

Urgroßvaters Leidenschaft für Autos und Motorräder
Mein Urgroßvater war ein Automobilist der ersten Stunde.
Er war ein begeisterter Auto- und Motorradfahrer und zwängte in jeder freien Minute mindestens eine seiner vier Töchter und/oder Gattin Olga auf die Sitze oder in den Sozius seines jeweils aktuellen Fahrzeugmodells.
So fuhr er mit ihnen von Chemnitz aus kreuz und quer durch Deutschland – erst durch das Kaiserreich, später durch die Weimarer Republik.

Vier Automobilisten der ersten Stunde mit ihren Fahrzeugen, fotografiert um 1913
Foto: Agentur für Bildbiographien
Dementsprechend sieht auch unser Fotoalbum aus:
Fotografien von Autos und Motorrädern unterschiedlichster Bauart vor unterschiedlicher Kulisse, mal mit anderen Auto- oder Motorradfahrern, mal mit der einen oder anderen seiner vier Töchter. Und natürlich sehr oft mit meiner Urgroßmutter, seiner Ehefrau Olga, im, auf oder neben dem jeweiligen Fahrzeug.
Der Fuhrpark meines Urgroßvaters und seine Reisen waren mir lange Zeit völlig egal, denn sein „Automobilisten“-Gen habe ich definitiv nicht geerbt.
Aber der Form halber und weil eben doch ein bisschen Familienstolz daran hängt, habe ich trotzdem bei einem Experten nachgefragt.
Die Antworten, die ich bekommen habe, waren überraschend und sehr spannend. Plötzlich wurden Urgroßvaters Automobile interessant, denn sie führten direkt in ein bislang unbekanntes Kapitel unserer Familiengeschichte.

Fahrspaß im Zweisitzer: Ein Wanderer-Puppchen in Aktion vor dem 1. Weltkrieg
Foto: Agentur für Bildbiographien
Das Wanderer-Puppchen und der Beginn des automobilen Zeitalters
Wie nicht anders zu erwarten, hatte mein Urgroßvater über die Jahre eine beachtliche Anzahl von „Wanderer“-Autos gesammelt und gefahren, wobei ihm vor allem das legendäre Wanderer-Modell „Puppchen“ am Herzen lag.
Die kleinen Wagen der Wanderer-Werke — gerade einmal etwa 1,5 Meter breit und 3 Meter lang — wurden ab 1913 serienmäßig produziert und entwickelten sich schnell zu einem echten Publikumsliebling.
Ursprünglich stellte Wanderer in Schönau bei Chemnitz vor allem Werkzeug- und Büromaschinen, Fahrräder und Motorräder her. Erst vergleichsweise spät wagte das Unternehmen den Schritt in die Automobilproduktion.
Mit dem „Wanderer 5/12 PS Typ W3“, (W3 für Wagen 3) — liebevoll „Puppchen“ genannt -, gelang schließlich der Durchbruch: Rund 8000 Fahrzeuge wurden verkauft — für die damalige Zeit eine beeindruckende Zahl.
Privatautos waren vor und auch unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg noch absoluter Luxus. Wer ein eigenes Automobil besaß, war seiner Zeit voraus, galt als modern und wohlhabend — und hatte meistens einen Chauffeur, der ihn kutschierte.
Das ändert sich in den 1920er Jahren schlagartig: Zwischen 1924 und 1932 vervierfacht sich die Zahl an Autos auf Deutschlands Straßen von 132.000 auf knapp eine halbe Million. Die Zahl an LKWs verfünffacht sich auf über 150.000 und die Zahl an Motorräder nimmt zwischen 1921 und 1931 sogar um das Dreißigfache auf 800.000 zu.
Das neue automobile Zeitalter faszinierte viele — und überforderte andere.
Zum Beispiel den Philosophen Theodor Lessing, den Harald Jähner in seinem lesenswerten Buch Höhenrausch: Das kurze Leben zwischen den Kriegen* zitiert:
Rülpsen, stöhnen und ächzen …
„ … Vierhundertpfündige Kraftbolzen rülpsen roh daher im tiefsten Tone der Übersättigung. Schrille Pfeiftöne gellen darein. Riesenautos, Achthundertpfünder, die jeden Rekord nehmen, stöhnen, ächzen, quietschen, hippen und huppen. Motorräder fauchen und schnauben durch die stille Nachte.“
Aus: Harald Jähner, Höhenrausch: Das kurze Leben zwischen den Kriegen*
„Puppchen, Du bist mein Augenstern“: Wie ein Auto Kultstatus bekam
Der Erfolg des Puppchens basierte zum einen auf seinen hohen technischen Reifegrad: Es fuhr immerhin 70 km/h schnell und galt auf steilen Bergstraßen als zuverlässiger „Klettermaxe“.
Doch die Wanderer-Werke bewiesen nicht nur technisches Können, sondern auch ein bemerkenswertes Gespür für Marketing.
In der 1913 uraufgeführten und damals äußerst beliebten Operette Die keusche Susanne von Jean Gilbert stand im ersten Akt ein Wanderer W3 als Requisite auf der Bühne. Der darin vorkommende Gassenhauer „Puppchen, Du bist mein Augenstern“ wurde schnell zu einem Ohrwurm — und lieferte den liebevollen Spitznamen für das erste serienreife Wanderer-Automobil.
So wurde aus einem Auto plötzlich ein emotional aufgeladenes Kultobjekt mit hohem Wiedererkennungswert.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das kleine „Puppchen“ erwachsen.
Die Modelle bekamen mehr PS und entwickelten sich vom engen Zweisitzer — bei dem Fahrer und Beifahrer noch hintereinander sitzen mussten — zum Drei- und schließlich sogar zum Viersitzer.
Den Urgroßvater wird’s gefreut haben, hatte er doch mit Ehefrau Olga und vier Töchtern insgesamt fünf Damen zu chauffieren.

Sonntagsausflug mit den Automobilen in den 1920er Jahren
Foto: Agentur für Bildbiographien
Die Weltwirtschaftskrise und die Geburt der Auto Union
Automodelle der Marke „Wanderer“ wurden bis in die 1930er Jahre produziert und waren als Inbegriff von Zuverlässigkeit und hoher Qualität besonders bei der deutschen Mittelschicht sehr begehrt.
Doch mit der Weltwirtschaftskrise änderte sich schlagartig alles.
Ab Herbst 1929 gerieten weltweit zahlreiche Industriezweige ins Wanken — darunter auch die traditionsreiche deutsche Automobilindustrie, deren Zentrum damals vor allem in Sachsen lag. Was zuvor als Erfolgsbranche gefeiert wurde, entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einem wirtschaftlichen Risiko.
Auch bei Wanderer schrieb die erfolgsverwöhnte Sparte Automobilbau plötzlich tiefrote Zahlen.

Mit dem Wanderer-Puppchen als Viersitzer unterwegs: Familienausflug in den 1920er Jahren
Foto: Agentur für Bildbiographien
Die gesamte Wanderer-Motorradproduktion hatte man bereits an NSU und an das tschechische Unternehmen Janecek verkauft, trotzdem blieb Wanderer wirtschaftlich angeschlagen. Trotzdem blieb die wirtschaftliche Lage angespannt: Wer kauft schon Autos, wenn das Geld fürs Nötigste fehlt?
Bei der Dresdner Bank, dem größten Aktionär der Wanderer-Werke, dachte man deshalb laut über den Verkauf des gesamten Automobilbereichs nach. Doch dazu kam es nicht.
Stattdessen entstand 1932 eine der bedeutendsten Fusionen der deutschen Automobilgeschichte: Audi, Horch, DKW und Wanderer schlossen sich zur neuen Auto Union AG zusammen.
Aus Imagegründen produzierten alle vier Hersteller weiterhin unter ihrem eigenen Markennamen. Als sichtbares Zeichen für den Zusammenschluss wurden jedoch alle Autos mit den vier ineinander verschlungenen Ringen der Auto Union versehen — das berühmte Symbol, das bis heute für die Marke Audi steht.

Die vier Ringe der Auto Union – Symbol des Zusammenschlusses von Audi, Horch, DKW und Wanderer
Aufstieg, Zäsur und Neubeginn: Die Auto Union im Wandel der Zeit
Während ihres nur 16 Jahre dauernden Bestehens entwickelte sich die Auto Union AG zu einem der bedeutendsten Automobilkonzerne Deutschlands. Unter ihrem Dach wurden Fahrzeuge aller Klassen angeboten — vom Kleinwagen bis zur Luxuslimousine.
Der Erfolg war enorm: 1938 war in Deutschland bereits jeder vierte zugelassene Personenwagen ein Fahrzeug der Auto Union. Damit rangierte das Unternehmen nach Opel auf Platz zwei der größten deutschen Automobilhersteller.

Wanderer W8 Typ NV 1936: Die Weiterentwicklung des klassischen Puppchens im Zeitalter der Auto Union
Foto: Agentur für Bildbiographien
Der Zweite Weltkrieg änderte alles: 1940 wurde die zivile Automobilproduktion eingestellt; fortan mussten alle Werke für die Rüstungsindustrie produzieren.
Nach dem Kriegsende folgten weitere Einschnitte: 1945 legte die US-Armee die verbliebenen Betriebe still. In der Sowjetischen Besatzungszone wurden alle Anlagen demontiert und als Reparation in die UdSSR verbracht. Nur wenige Jahre später, 1948, wurde die Auto Union AG aus dem Handelsregister in Chemnitz gelöscht.
Doch die Geschichte der vier Ringe war damit nicht zu Ende.
Im nordbayerischen Ingolstadt, wo einst ein ehemaliges Vertriebszentrum der Firma stand und einige Gebäude den Krieg überstanden hatten, wurde der Grundstein für den Neuanfang gelegt. Dort begann — fast unscheinbar — die nächste Phase einer Unternehmensgeschichte, die später erneut Automobilgeschichte schreiben sollte.
Aber das ist eine andere Geschichte …
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Das rätselhafte erste Auto: Ein Familiengeheimnis zwischen Technik und Erinnerung
Mit Hilfe der Wanderer-Fahrzeuge meines Urgroßvaters lässt sich die Kindheit und Jugend meiner Großmutter und ihrer Schwestern erstaunlich präzise nachvollziehen. Denn er wechselte seine Automobile regelmäßig und dokumentierte damit — ohne es zu ahnen — ganze Lebensabschnitte in der Familiengeschichte
Mittlerweile konnte ein Großteil seiner Fahrzeughistorie rekonstruiert und den jeweiligen Modellen zugeordnet werden. Fast alle Autos lassen sich eindeutig bestimmen — bis auf eines.

Die Fotografie dieses Automobils ist auf das Jahr 1910 datiert und zeigt laut Familiengeschichte „Urgroßvaters erstes Auto“. Es soll außerdem eines der ersten Automobile gewesen sein, die in Chemnitz fuhren.
Foto: Agentur für Bildbiographien
Denn bei genauem Hinsehen offenbart gerade die älteste Fotografie ein Rätsel: Der Kühler des sogenannten „ersten Autos“ ist untypischerweise völlig unbeschriftet. Kein Schriftzug, kein Markenemblem, keinerlei Hinweis auf Hersteller oder Modell.
War mein Urgroßvater also mit einem „Geistermobil“ unterwegs?
Wahrscheinlich nicht. Viel eher lohnt sich ein Blick auf seine berufliche Laufbahn: Ab 1903 war er über vier Jahrzehnte hinweg als Ingenieur und später Betriebsleiter bei den „Wanderer-Werken“ in Chemnitz tätig. Neben seiner Arbeit an Schreibmaschinen galt seine Leidenschaft jedoch auch der frühen Automobil- und Motorradtechnik.
Und genau hier bekommt ein altes Familiengerücht plötzlich neue Bedeutung.
Über Generationen hielt sich die Erzählung, er habe meine Urgroßmutter Olga verärgert, weil er sich in der Anfangszeit der automobilen Entwicklung zeitweise von seiner eigentlichen Arbeit an Schreibmaschinen abwandte — um angeblich bei der Entwicklung und Erprobung von Motorrädern und frühen Wanderer-Fahrzeugen mitzuwirken.
War er also nicht nur ein zuverlässiger Ingenieur und Familienvater, sondern möglicherweise sogar ein waghalsiger Puppchen-Testfahrer?
Beweise für seinen dienstlichen Ausflug in die Automobilsparte seines Arbeitgebers konnten nie gefunden werden.
Aber woher kam das Familiengerücht?

Ein verunfalltes Wanderer-Puppchen. Da es ind der Frühzeit des Automobilbaus keinerlei Sicherheitsmaßnahmen gab, endeten Unfälle häufig tödlich oder mit schweren Verletzungen.
Foto: Agentur für Bildbiographien
Zwischen Gerücht und Geschichte: Das rätselhafte erste Automobil
Die emblemfreie Kühlerhaube dieses frühen Fahrzeugs liefert reichlich Stoff für Spekulationen — auch über meinen Urgroßvater. Könnte er tatsächlich als Testfahrer für frühe Wanderer-Modelle unterwegs gewesen sein? Und war Olga womöglich zu Recht wenig begeistert von einem Ehemann, der sich in Zeiten ohne Airbags, Kopfstützen oder Sicherheitsgurte auf riskante Probefahrten einließ?
Neben dieser familiären Legendenbildung eröffnet das Foto jedoch auch einen spannenden Blick in die frühe Unternehmensgeschichte der Wanderer-Werke.
So ist bekannt, dass Wanderer in den Anfangsjahren unter anderem mit dem damals noch unbekannten Ettore Bugatti in Kontakt stand und einen Kleinwagen für Testzwecke über zwei Monate erprobte. Letztlich entschied man sich in Chemnitz jedoch für die Eigenentwicklung.
Vor dem legendären „Puppchen“ (W3), das ab 1913 in Serie ging, experimentierte Wanderer bereits mit frühen Fahrzeugkonzepten: dem „W1“ (Wanderermobil, heute im Verkehrsmuseum Dresden) sowie dem viersitzigen „W2“, die beide als Einzelstücke bzw. Versuchsfahrzeuge dienten.
Doch genau hier beginnt das Rätsel: Keines dieser bekannten Modelle passt eindeutig zu dem Fahrzeug auf der Fotografie.

Die älteste Fotografie von Urgroßvaters erstem Auto, ca. 1910
Foto: Agentur für Bildbiographien
Das als „Urgroßvaters erstes Auto“ überlieferte Fahrzeug, datiert auf etwa 1910, ist ein zugelassener Zweisitzer mit typischer Kühlerform der frühen Wanderer-Jahre — aber ohne jegliches Emblem. Weder ein W1 noch ein W2, und erst recht kein Bugatti.
Ist es ein unbekanntes Zwischenmodell? Oder bewegte sich mein Urgroßvater tatsächlich mit einem „Geistermobil“ durch die Straßen von Chemnitz?
Eine endgültige Antwort gibt es bis heute nicht.
Und vielleicht liegt genau hier der Reiz dieser Geschichte: eine kleine, scheinbar unscheinbare Fotografie, die plötzlich Fragen stellt — über Technik, Erinnerung und die Art, wie Familiengeschichte entsteht.
Denn manchmal steckt in einem alten Foto viel mehr Geschichte, als man auf den ersten Blick erkennen kann.
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Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de 2013, überarbeitet 2026
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Bildnachweise
Agentur für Bildbiographien
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Dr. Susanne Gebert
Generationengespräch
Agentur für Bildbiographien
Geschenke made for Mama
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Tolle Idee, Familiengeschichte aus Fotos über Autos & Familie abzuleiten, so nimmt das Auto noch heute einen Platz als wichtiges Familienmitglied ein, oder? Spannend, amüsant und treffend. Nicht nur, wenn es vor der Tür steht, schon lange vorher und am Ende ist jedes Auto ein wenig “my car is my castle…”
Grüße, Kerstin
DAS ist mal ein Spruch ganz in Urgroßvaters Sinn! 🙂 Aber wie wahr, das Auto war (und ist) ein nicht zu vernachlässigendes Familienmitglied. Weiterhin gute Fahrt und herzliche Grüße! Susanne