1932 — Das Ende der Republik: Papen und Schleicher
Was will eigentlich dieser Schleicher?
Während Brüning als „Hungerkanzler“ und Franz von Papen als Hitlers Steigbügelhalter in die Geschichte eingegangen sind, ist Schleichers Rolle beim Ende der Weimarer Republik bis heute nicht klar.
Papen und Schleicher: Eine Feindschaft, über die die Republik am Ende stürzte?

Papen und Schleicher: Der Machtkampf am Ende der Weimarer Republik
Papen und Schleicher – zwei Namen, die untrennbar mit dem Ende der Weimarer Republik verbunden sind.
Während Franz von Papen als eitler Steigbügelhalter Hitlers in die Geschichte eingegangen ist, bleibt Kurt von Schleicher schwer zu fassen.
Der einflussreiche „Bürogeneral”, Reichswehrminister und politische Strippenzieher agiert im Hintergrund, zieht die Fäden, intrigiert – und verliert dabei die Kontrolle über die politische Dynamik der späten Republik.
Was als Zusammenarbeit begann, entwickelte sich schnell zu einem gefährlichen Machtkampf. Papen und Schleicher stehen für zwei konkurrierende Konzepte in einer Zeit der Krise: konservative Elitenherrschaft gegen autoritäre Militärpolitik — oder der verzweifelte Versuch, die Demokratie doch noch zu retten?
Ihre Rivalität, ihre Intrigen und ihre verheerenden Fehleinschätzungen ebneten Hitler den Weg – und besiegelten das Schicksal der Weimarer Republik.
Brüning, Papen, Schleicher: Die letzten Reichskanzler der Weimarer Republik
In den 14 Jahren ihres Bestehens hatte die Weimarer Republik 12 Reichskanzler.
Die letzten drei waren:
„Hungerkanzler“ Heinrich Brüning: 28. März 1930 bis 30. Mai 1932
Franz von Papen: 1. Juni 1932 bis 2. Dezember 1932
Kurt von Schleicher: 3. Dezember 1932 bis 28. Januar 1933
Papen, Schleicher und der letzte Akt der Demokratie
Selbst Franz von Papen war überrascht, als Hindenburg ihn im Juni 1932 plötzlich zum neuen Reichskanzler der gefährlich schlingernden Weimarer Republik ernennt.
Und selbst einem wie Papen muss klar gewesen sein, dass er dieses Amt nicht seinem begrenzten Talent als Politiker verdankt. Hat er auch nicht. Es ist sein alter Kriegskamerad Kurt von Schleicher, der ihm ins Kanzleramt verhilft.
Die Zahl echter Papen-Fans ist überschaubar, das weiß jeder in der Weimarer Republik.
Und auch Kurt von Schleicher hält nicht besonders viel von seinem Fränzchen, wie er ihn zu nennen pflegt:
Kein Kopf, aber ein Hut
„ … Auf die erstaunte Bemerkung, Papen sei doch kein Kopf, soll Schleicher erwidert haben: „Das soll er ja auch nicht sein. Aber er ist ein Hut.“
Aus: Rüdiger Barth, Hauke Friedrichs, Die Totengräber: Der letzte Winter der Weimarer Republik*
Kurt von Schleicher als Strippenzieher der Weimarer Republik
In den letzten Jahren der Weimarer Republik ist Kurt von Schleicher der starke Mann hinter den Kulissen. Schleicher ist nie gewählt worden und lange Zeit kennt ihn außerhalb des politischen Berlins kaum jemand.
Schleicher ist es, der Papens Vorgänger im Kanzleramt, Heinrich Brüning, bei Reichspräsident Hindenburg diskreditiert und dadurch zu Fall gebracht hat.
Um Papen als neuen Reichskanzler zu installieren? Warum?
Während das historische Urteil über Franz von Papen eindeutig ist: eitel, Hitlers Steigbügelhalter, kurzsichtiger Reaktionär, politischer Dilettant, „ich dien‘ – egal wem“ (Alfred Polgar), scheiden sich an Kurt von Schleicher die Geister.
Was will dieser Schleicher mit seinem Kanzler-Roulette erreichen — er, „der begabteste Intrigant einer an begabten Intriganten nicht armen Zeit“?
Der junge Papen: Vom Kadetten zum kaiserlichen Spion
Franz Joseph Hermann Michael Maria von Papen, Erbsälzer zu Werl und Neuwerk, entstammt einem alten westfälischen Adelsgeschlecht, das mit Salzgewinnung zu Wohlstand und Adelstiteln gelangt ist.
Geboren 1879 als drittes von fünf Kindern, wird er früh für den Militärdienst vorbereitet: Bereits mit elf Jahren besucht er die Kadettenschule und dient später als Page am Kaiserhof in Berlin.
Spionage mit Pannen: Papen als Heeresattaché in den USA
Franz von Papen ist eloquent, gut vernetzt, aber politisch völlig naiv.
Er glaubt, durch seine Verbindungen zur Reichswehr und zum Zentrum die Republik stabilisieren zu können. Tatsächlich wird er rasch zum willfährigen Spielball verschiedener Kräfte – ein Kanzler ohne Rückhalt im Parlament und ohne eigene Hausmacht.
Eine Neigung zur strategischen Tapsigkeit zeigt Papen bereits als junger Mann.

Franz von Papen als deutscher Militärattaché in Washington, D.C. (ca. 1915)
Bundesarchiv, Bild 102–13680 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0
1913 wird Papen – auf Vermittlung seines Vaters und mit Unterstützung von Wilhelm II. — Heeresattaché an der deutschen Botschaft in Washington.
Dort beginnt er, unter diplomatischem Deckmantel, eine dilettantische Spionagekarriere: Mit Hilfe einer Scheinfirma versucht er, kriegswichtige Rohstoffe aufzukaufen, um die Rüstungsindustrie der Alliierten zu behindern.
Allerdings gelingt ihm die Konspiration als eine Art kaiserlicher 007 nur mäßig; er fliegt auf und wird 1916 des Landes verwiesen.
In der Annahme, sein Diplomatenstatus schütze auch sein Gepäck, nimmt er brisante Dokumente aus seiner Spionage-Tätigkeit auf die Reise zurück nach Deutschland mit – was zur Verhaftung zahlreicher Mitverschwörer in den USA führt, nachdem die Briten seine Koffer durchsucht haben.
Netzwerke aus Kaisers Zeiten: Hindenburg, Schleicher und Ribbentrop
Nach seiner Rückkehr ins Deutsche Reich orientiert sich Papen neu und macht im Heer Karriere.
Aus dieser Zeit stammen seine Verbindungen zu bedeutenden Akteuren der späteren Weimarer Krisenjahr: Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, damals Weltkriegsheld und Chef der Obersten Heeresleitung, ist ein alter Bekannter aus Kaisers Zeiten, ebenso wie Kurt von Schleicher und auch Joachim Ribbentrop, die beim Papen-Hitler-Deal im Januar 1933 zwar unterschiedliche, im Ergebnis aber unselige Rollen spielen werden.
Franz von Papens Einstieg in die Politik
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg scheidet Papen 1919 als hochdekorierter Oberstleutnant aus der Armee aus.
Während viele seiner Kameraden ins Leere fallen, fällt er weich: Durch sein eigenes Vermögen und das seiner Frau Martha von Boch-Galhau, einer millionenschweren Erbin der Keramikdynastie Villeroy & Boch, ist Papen auch in den ersten Krisenjahren der Weimarer Republik finanziell gut gepolstert.
Als katholischer Adliger mit viel Freizeit schließt er sich der katholischen Zentrumspartei an, hat allerdings für Demokratie und Republik nicht viel übrig.
Papen bekennt sich offen zur Monarchie und gerät deshalb regelmäßig mit der Parteilinie in Konflikt – insbesondere, wenn das Zentrum mit der SPD kooperiert und manchmal auch koaliert.
Intrigen und Einfluss: Papens Weg ins Kanzleramt
1925 unterstützt Papen nicht den offiziellen Zentrums-Kandidaten Wilhelm Marx bei der Reichspräsidentenwahl, sondern Hindenburg – gegen die Parteilinie. Ein drohender Parteiausschluss wird nur verhindert, weil Papen kurz zuvor ein großes Aktienpaket der parteieigenen Zeitung Germania gekauft hat.
Trotz politischer Mittelmäßigkeit ist Papen gut vernetzt und in den höchsten Kreisen akzeptiert.
Sein Stand, sein Reichtum und seine Kontakte – nicht seine Fähigkeiten – machen ihn zum politischen Akteur. Trotzdem überrascht es viele, als Kurt von Schleicher ihn im Sommer 1932 als Nachfolger des geschassten „Hungerkanzlers“ Heinrich Brüning ins Spiel bringt.
Intrigant oder Retter der Republik? Der „Bürogeneral” Kurt von Schleicher
Für die einen ist er die dunkle Macht, die der Republik den endgültigen Todesstoß versetzt.
Für die anderen ein Pragmatiker, der im Fadenkreuz zwischen dem (alters-) starrsinnigen und allmächtigen Hindenburg, den antirepublikanischen Bedrohungen von rechts und links und einem Parlament, das sich selbst lahmgelegt, versucht, zu retten, was noch zu retten ist.

Reichswehrminister Kurt von Schleicher
Von Bundesarchiv, Bild 136-B0228 / CC-BY-SA 3.0
Auch Kurt Ferdinand Friedrich Hermann von Schleicher hat im 1. Weltkrieg beim Militär Karriere gemacht und dort wichtige Kontakte geknüpft.
Unter anderem zu Oskar von Hindenburg, dem Sohn von Paul von Hindenburg, der im weiteren Verlauf der Dauer-Staatskrise noch eine unrühmliche Rolle spielen wird.
Anders als Papen bleibt Schleicher nach 1918 in der Reichswehr und arbeitet weiter an seiner Laufbahn.
Er gilt als fleißig, ehrgeizig, charmant und ist ein brillanter Netzwerker.
Schleicher wird schließlich General, ohne je ein Kommando geführt zu haben – was ihm den hämischen Beinamen „Bürogeneral“ einbringt: Er ist der erste General in der Geschichte, der seinen Rang durch politische (Büro-)Arbeit erreicht.
Unter Reichswehrminister Wilhelm Groener, seinem Mentor, steigt er rasch auf – und drängt diesen schließlich aus dem Amt, um selbst Reichswehrminister zu werden.
Schleicher und die „Entzauberung” der Nationalsozialisten
Anders als Franz von Papen, der politisch oft planlos wirkt, verfolgt Schleicher eine langfristige Strategie.
Nach dem Wahlerfolg der NSDAP im September 1930 beginnt er, Kontakte zu führenden Nationalsozialisten aufzubauen. Sein Plan: Die Nazis in die Regierung einbinden, um sie zu „entzaubern“ und politisch zu schwächen.
Von Schleicher – und nicht von Papen – stammt die Idee, Hitler in die Regierung einzubinden, in der Hoffnung, ihn dadurch „abnutzen“ und blamieren zu können.
Kann das funktionieren – die Nazis durch Umarmen entschärfen?
Schleicher scheint fest daran zu glauben.
Es ist Schleichers Plan, der 1933 der Weimarer Republik den Todesstoß versetzen wird — allerdings anders umgesetzt und mit anderem Personal.
Oder sieht Schleicher in Hitler und den Nationalsozialisten das Rohmaterial, mit deren Hilfe er die Weimarer Republik zur rechtsgerichteten Militärdiktatur umbauen kann?
Was dieser Bürogeneral wirklich will, bleibt oft im Verborgenen.
Berlin 1931
Die Wirtschaftskrise, bittere Armut und Hoffnungslosigkeit, gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen SA und Rotfront, der Machtkampf zwischen kriminellen Ringvereinen, die die Stadt unter sich aufgeteilt haben — Volker Kutschers dritter Gereon-Rath-Roman führt mitten hinein in die bedrückende Stimmung des Jahres 1931.
Ein spannender, sehr lesenswerter Krimi. Und sehr sehenswert: Tom Tykwers Babylon Berlin Collection Staffel 1–4*
Ein gefährlicher Deal mit den Nazis
Es ist ein gefährliches Spiel, das Schleicher treibt, um Reichskanzler Brüning durch Papen zu ersetzen.
Denn Fränzchen ist den demokratischen Parteien der Weimarer Republik als Kanzler nicht vermittelbar; nicht mal seiner eigenen Partei, dem Zentrum.
Deshalb braucht das neue Kabinett Papen im Reichstag die Tolerierung durch Abgeordnete nicht-demokratischer Parteien.
Schleichers Kalkül geht zunächst auf: Die Nationalsozialisten dulden die neue Regierung unter Reichskanzler Papen. Damit kann verhindert werden, dass die neue Regierung durch ein gemeinsames Misstrauensvotum von NSDAP und KPD sofort wieder aus dem Amt gejagt wird.
Als Gegenleistung dafür hebt Schleichers Marionetten-Kanzler Papen vereinbarungsgemäß das Verbot von SA und SS auf, das seit April 1932 gilt, und setzt Neuwahlen für den Sommer 1932 an.
Der Altonaer Blutsonntag: Eskalation der Gewalt
Kaum sind die nationalsozialistischen Schlägertruppen wieder von der Leine gelassen, kommt es im ganzen Land zu schweren Ausschreitungen. Das Ziel: Unruhen erzeugen, um anschließend der Regierung Versagen und „bürgerkriegsähnliche” Zustände vorwerfen zu können.
Am 17. Juli 1932 erreicht die inszenierte Gewalt ihren Höhepunkt: In der preußischen Arbeiterstadt Altona kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen SA, SS, Kommunisten und der Polizei. 18 Menschen sterben.
Die Reaktion der Reichsregierung Papen auf den Gewaltausbruch ist eigenwillig: Anstatt die Provokateure der Ausschreitungen – SA und SS – erneut zu verbieten, wirft man der preußischen Landesregierung unter dem SPD-Ministerpräsident Otto Braun vor, sie sei nicht in der Lage, für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen — und setzt sie am 20. Juli 1932 per Notverordnung ab.

Nach dem Altonaer Blutsonntag im Juli 1932 verschärfte die Reichsregierung unter Franz von Papen den Ausnahmezustand und nutzte die Gewalt als Vorwand für den sogenannten „Preußenschlag“
Von Bundesarchiv, Bild 102–13680 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0 de
Der Preußenschlag: Papens Staatsstreich von oben
Diese Aktion, mit der man Preußens langjährigen und beliebten und einflussreichen Ministerpräsidenten Otto Braun entmachtet, geht als „Preußenschlag” in die Geschichte ein.
Preußen war bis dahin das letzte große republikanische Machtzentrum. Mit seiner Entmachtung durch Papen – mit Unterstützung Schleichers und Billigung Hindenburgs – wird ein weiteres Bollwerk der Demokratie zerschlagen.
Papen übernimmt selbst das Amt des Reichskommissars für Preußen.
Die SPD reagiert nicht mit Protest oder Widerstand auf die verfassungsrechtlich höchst fragwürdige Aktion, sondern mit einem Appell, Ruhe zu bewahren, und dem festen Glauben an den Rechtsstaat.
Sie klagt vor dem Staatsgerichtshof – und verliert.
Die Strategie der Besonnenheit ist demokratisch und ehrenhaft, in dieser Situation politisch aber völlig wirkungslos.
31. Juli 1932: Ein Erdrutschsieg für die NSDAP
Papens Putsch von oben und der allgegenwärtige braunen und rote Terror auf den Straßen verunsichert die Bevölkerung noch mehr; der Wunsch nach einer „Ordnungsmacht” wird immer größer, denn man hofft, dass sie tatsächlich für Ruhe und Ordnung sorgen kann.
Im Wahlkampf nutzt die NSDAP diese Unsicherheit geschickt aus.
Mit Hilfe von Goebbels’ Propagandaapparat und Hitlers Dauerpräsenz im Land erreicht die NSDAP bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 einen historischen Erfolg.
Nach der Wahl am 31. Juli 1932 zieht die NSDAP mit 37,4 Prozent der Wählerstimmen als die mit Abstand stärkste Fraktion in den neuen Reichstag ein.

Die Sitzverteilung nach der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 zeigt den historischen Wahlerfolg der NSDAP, die mit 37,4 Prozent stärkste Kraft im Reichstag wird.
Alankazame, „Composition du Reichstag allemand après les élections fédérales de juillet 1932“, Wikimedia Commons, 2008
Hindenburg und Hitler
Nach der Reichstagswahl im Juli 1932 halten zwei offen republikfeindliche Parteien – die NSDAP und die KPD – die sogenannte negative Mehrheit: Gemeinsam verfügen sie über mehr Sitze als alle demokratischen Kräfte zusammen.
Es ist eine Konstellation, die das politische System der Weimarer Republik an den Rand des Zusammenbruchs bringt.

Wahlplakat für Reichspräsident Paul von Hindenburg während des erbitterten Wahlkampfs zur Reichspräsidentenwahl im Frühjahr 1932.
Von Bundesarchiv, Bild 183-R99203 / CC-BY-SA 3.0
Die neue Realität nach der Wahl im Juli 1932: Der NSDAP-Vize Hermann Göring wird neuer Präsident des Reichstags.
Und Hitler?
Der eilt am 13. August 1932 gemeinsam mit Papen zur Audienz beim Reichspräsidenten.
Vermutlich voller Vorfreude, denn eigentlich muss Hindenburg ihn, Hitler, als eindeutigen Wahlsieger mit der Regierungsbildung beauftragen.
Aber dann kommt der Tiefschlag.
Hindenburg lässt sich nicht bequatschen, sondern beharrt auf „seinem“ Kanzler Papen. Er bietet Hitler, der im Frühjahr 1932 auch noch gegen ihn, dem Helden von Tannenberg, bei der Reichspräsidentenwahl angetreten ist, die Vizekanzlerschaft an.
Hindenburg, der Ersatzkaiser der Deutschen, mag Hitler einfach nicht.
Der „Führer“ schäumt vor Wut und wittert Verrat.
Misstrauensvotum gegen Papen
Wütend kündigt Hitler die Tolerierung der Regierung Papen im Parlament auf.
Bei der konstituierenden Sitzung des neugewählten Parlaments am 6. September 1932 bringt die KPD – mit Unterstützung der NSDAP – ein Misstrauensvotum gegen Papen ein. Das Ergebnis ist eindeutig: 512 Abgeordnete stimmen gegen die Regierung.
Doch Papen ist vorbereitet: In der Tasche hat er bereits die von Hindenburg unterschriebene Verordnung zur Auflösung des Reichstags, die er demonstrativ Reichstagspräsident Göring auf den Tisch knallt.
Der neugewählte Reichstag ist somit gleich wieder aufgelöst und die Deutschen werden – nach der Reichspräsidentenwahl im Frühling und der Reichstagswahl im Juli – für den 6. November 1932 zum dritten Mal an die Urnen gerufen.

Präsidialkabinette: Die Stolperfalle der Weimarer Republik
Bis zur Wahl im November bleiben Papen und sein „Kabinett der Barone” im Amt und regieren ohne Parlament und mit Notverordnungen, die Reichspräsident Hindenburg bereitwillig unterzeichnet.
Das System der Präsidialkabinette hatte sich bereits unter „Hungerkanzler” Heinrich Brüning etabliert: Das Regieren ohne parlamentarische Mehrheit, nur gestützt auf Notverordnungen (Artikel 48 der Weimarer Verfassung) und der Möglichkeit, ein gewähltes Parlament aufzulösen (Artikel 25).
Beide Artikel zusammen — ursprünglich als Notfallparagrafen zum Schutz der Republik in die Verfassung geschrieben — machen Reichspräsident Hindenburg zum eigentlich Herrscher der Republik.
Bei der NSDAP hofft man derweil auf einen weiteren Erdrutschsieg bei der Novemberwahl — vielleicht sogar mit der absoluten Mehrheit für Hitler.
Die Weimarer Republik scheint im freien Fall ihrem Ende entgegenzustürzen
Abwärts mit Hitler: Die Novemberwahlschlappe der NSDAP 1932
Doch es kommt anders.
Die Stimmung bei vielen Wählerinnen und Wählern hat sich gedreht.
Der harte Sparkurs Brünings hatte immerhin dazu geführt, dass der Versailler Vertrag als Lieblings-Zündstoff brauner Wahlkampfrhetorik nicht mehr herhalten kann, denn die Reparationszahlungen werden im Juli 1932 ersatzlos gestrichen.
Die Weimarer Republik verlässt Schritt für Schritt den Katzentisch der Weltpolitik; in Genf verhandelt man bereits mit den ehemaligen Kriegsgegnern Großbritannien und Frankreich über eine Wiederaufrüstung.
Der „Schandvertrag von Versailles“ verliert für die Rechten seine rhetorische Schlagkraft.
Bei den Novemberwahlen 1932 verliert die NSDAP 2 Millionen Stimmen, obwohl Hitler und Goebbels bis zur Erschöpfung im Dauereinsatz sind. Zwar bleibt die NSDAP trotz des herben Verlusts in der Wählergunst die stärkste Kraft im Reichstag, aber der Mythos der Unaufhaltsamkeit ist gebrochen.
„Schlappe“ notiert Goebbels tief enttäuscht in sein Tagebuch, „Abwärts mit Hitler“, jubelt die SPD-Parteizeitung Vorwärts.
Winter 1932: Die NSDAP am Ende?
Ist der „Zauber der Unwiderstehlichkeit gebrochen“, wie die Deutsche Allgemeine Zeitung schreibt, — und Hitler am Ende? Fast sieht es so aus, denn nach der Wahl im November gehen für die Nationalsozialisten noch weitere Wahlen verloren, auch die wichtige Kommunalwahl in Thüringen.
Flauheit unter den NSDAP-Mitgliedern
„ … Wenn Joseph Goebbels die Analyse der Politischen Polizei in München über seine NSDAP lesen würde, wäre ihm das Alpenpanorama egal: ‚Nicht nur, dass die Neuaufnahmen fast ganz ausgeblieben sind, macht sich auch eine Flauheit unter den Mitgliedern bemerkbar; zahlreiche Austritte sind an der Tagesordnung, die Beiträge gehen stockend ein. …‘
Die Anschauung, dass der Höhepunkt überschritten ist und vielleicht günstige Aussichten verpasst wurden, ist Gemeingut vieler Nationalsozialisten geworden.“
Aus: Rüdiger Barth, Hauke Friedrichs, Die Totengräber: Der letzte Winter der Weimarer Republik*
Dazu kommt, dass die NSDAP nach so vielen Wahlkämpfen hoch verschuldet ist: Mit 14 Millionen Reichsmark steht sie in der Kreide.
Und nicht nur Lieferanten und Druckereien mahnen zunehmend ungeduldig ihre Bezahlung an, auch 450.000 SA-Männer warten auf ihren Sold. Und auf Macht, Pöstchen und Posten, die viele sich ausrechnen, wenn sie auf den kommenden Mann, für den sie Hitler bislang hielten, setzen.
Diese Aussichten scheinen jetzt vorbei zu sein.
Hitler hat das Machtpokern verloren. So scheint es wenigstens Ende 1932.
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Ende 1932 scheint Hitlers Aufstieg zur Macht endgültig gestoppt zu sein: Die „Hitler-Partei“ ist pleite, zerstritten und hat am 6. November 1932 – das erste Mal seit zwei Jahren – Wählerstimmen verloren. Und trotzdem ernennt Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler.
Wie konnte das passieren?
1933 Das Ende der Republik. Hitlers Aufstieg zur Macht
Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de 2021, überarbeitet 2026
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Hamburg auf den Barrikaden
Bildnachweise
Franz von Papen als deutscher Militärattaché in Washington, D.C. (1914), gemeinfrei
Von Bundesarchiv, Bild 102–13680 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons
Reichswehrminister Kurt von Schleicher, Bundesarchiv, Bild 136-B0228 / CC-BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons
Es folgt die historische Originalbeschreibung, die das Bundesarchiv aus dokumentarischen Gründen übernommen hat. Diese kann allerdings fehlerhaft, tendenziös, überholt oder politisch extrem sein. Kurt von Schleicher Reichsminister General Kurt von Schleicher (erschossen 1934 bei Röhm-Revolte) in Uniform, Porträt Abgebildete Personen: Schleicher, Kurt von: Reichskanzler, Reichswehrminister, General, 1934 ermordet, Deutschland (GND 118608037)
Der Altonaer Blutsonntag Juli 1932, Bundesarchiv, Bild 102–13680 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons
Es folgt die historische Originalbeschreibung, die das Bundesarchiv aus dokumentarischen Gründen übernommen hat. Diese kann allerdings fehlerhaft, tendenziös, überholt oder politisch extrem sein. Der Ausnahmezustand in Berlin! Die von der Militärbehörde verhafteten und ihres Amtes enthobenen preussischen Polizeiminister Severing, Grzesinsky, Dr. Weiss und Kommandeur Heimannsberg Die Verordnung des Reichspräsidenten von Hindenburg über den Ausnahmezustand an den Litfassäulen in den Strassen Berlins.
Reichstagswahl Juli 1932 – Sitzverteilung im Reichstag, Quelle: Alankazame, „Composition du Reichstag allemand après les élections fédérales de juillet 1932“, Wikimedia Commons, 2008
Wahlplakat für Reichspräsident Paul von Hindenburg während des erbitterten Wahlkampfs zur Reichspräsidentenwahl im Frühjahr 1932, Bundesarchiv, Bild 183-R99203 / CC-BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons
Hindenburgs Verachtung für Hitler: Historisches Bildmotiv mit Reichspräsident Paul von Hindenburg auf Briefmarken des Deutschen Reichs und dem bekannten, ihm zugeschriebenen Zitat über Adolf Hitler aus der Endphase der Weimarer Republik, Generationengespräch / CC BY-SA 3.0.
Generationengespräch
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Vergangenes verstehen, um mit der Zukunft besser klar zu kommen.

Dr. Susanne Gebert
Generationengespräch
Agentur für Bildbiographien
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Geschichte & Psychologie
Die Vergangenheit verstehen, um mit der Zukunft besser klar zu kommen





“.……Hermann Göring wird neuer Präsident des Reichstags
Und Hitler? — Der eilt am 13. August 1932 gemeinsam mit Papen zur Audienz beim Reichskanzler. Müsste es hier nicht > beim Reichspräsidenten Röhmputsch< gleich mit umgebracht ?].….. “
Absolut richtig! Danke fürs aufmerksame Lesen und den Hinweis (… ist jetzt korrigiert!) Herzliche Grüße!