Das Ende der Weimarer Republik: Hungerkanzler Brüning

Das 20. Jahrhundert

1932 — das Ende der Weimarer Republik: Brüning, der Hungerkanzler


Nicht die Wahl­er­fol­ge der NSDAP zer­stö­ren die Wei­ma­rer Repu­blik, son­dern poli­ti­sche Fehl­ent­schei­dun­gen, Macht­spie­le und fata­le Fehl­ein­schät­zun­gen der regie­ren­den Eli­ten.

Mit Spar­po­li­tik, Intri­gen und Regie­ren am Par­la­ment vor­bei trei­ben sie Deutsch­land immer tie­fer in die Kri­se — und in die Arme Adolf Hitlers.

Heinrich Brüning, der „Hungerkanzler“, und das Ende der Weimarer Republik

Das Ende der Weimarer Republik

Es ist nicht das Wäh­ler­vo­tum, das Adolf Hit­ler und sei­ner NSDAP den roten Tep­pich aus­rollt.
Das Ende der Wei­ma­rer Repu­blik wird durch poli­ti­sche Intri­gen und eine kata­stro­pha­le Kri­sen­po­li­tik her­bei­ge­führt.

Im Jahr 1932 ver­schär­fen Welt­wirt­schafts­kri­se, Arbeits­lo­sig­keit, Defla­ti­on und Hein­rich Brü­nings rigo­ro­ser Spar­kurs die sozia­le Not im Land dra­ma­tisch. Wäh­rend Mil­lio­nen Men­schen ver­ar­men, regie­ren Reichs­prä­si­dent Paul von Hin­den­burg und sei­ne Kanz­ler Brü­ning zuneh­mend am Par­la­ment vor­bei — mit fata­len Fol­gen für die Demokratie.

Arbeitslose Hafenarbeiter bei der Arbeitsvermittlung am Baumwall in Hamburg während der Weltwirtschaftskrise 1931

Arbeits­lo­se Hafen­ar­bei­ter bei der Stra­ßen-Arbeits­ver­mitt­lung am Baum­wall in Ham­burg, 1931. Die Fol­gen der Welt­wirt­schafts­kri­se treibt Mil­lio­nen Men­schen in Armut und Hoff­nungs­lo­sig­keit.
Bun­des­ar­chiv, Bild 102–11008 / CC-BY-SA 3.0

Der „Hun­ger­kanz­ler“ Brü­ning woll­te Deutsch­land ret­ten.
Statt­des­sen beschleu­nig­te sei­ne Poli­tik den Zusam­men­bruch der Wei­ma­rer Repu­blik und mach­te Hit­lers Auf­stieg erst mög­lich.

Die Kauf­kraft sinkt, Prei­se fal­len, Löh­ne wer­den gekürzt, eine Ent­las­sungs­wel­le folgt der nächs­ten. Deutsch­land gerät in einen gefähr­li­chen Stru­del aus Armut, Angst und Orientierungslosigkeit.

Heinrich Brüning: Reichskanzler von Hindenburgs Gnaden

Im März 1930 kommt zur Wirt­schafts­kri­se noch eine poli­ti­sche Kri­se in Deutsch­land: Die SPD-geführ­te Gro­ße Koali­ti­on unter dem schwer erkrank­ten Reichs­kanz­ler Her­mann Mül­ler zer­bricht.

Der unmit­tel­ba­re Aus­lö­ser wirkt fast banal – die Par­tei­en kön­nen sich nicht auf die Höhe der Arbeits­lo­sen­un­ter­stüt­zung eini­gen. Doch hin­ter die­sem Streit steckt ein tie­fer Bruch, der die Gro­Ko end­gül­tig zu Fall bringt.

Reichs­prä­si­dent Paul von Hin­den­burg
, 83 Jah­re alt, Welt­kriegs­held und ehe­ma­li­ger Ober­be­fehls­ha­ber des Kai­sers, betrach­tet die­se Ent­wick­lung mit Genug­tu­ung. Die Sozi­al­de­mo­kra­ten sind für ihn, dem Erfin­der der „Dolch­stoß­le­gen­de”, ver­ant­wort­lich für die deut­schen Nie­der­la­ge 1918.

Paul von Hindenburg, Reichspräsident der Weimarer Republik und Generalfeldmarschall, historisches Foto Bundesarchiv 183-S51620

Paul von Hin­den­burg, Gene­ral­feld­mar­schall im Ers­ten Welt­krieg und Reichs­prä­si­dent der Wei­ma­rer Repu­blik.
Bun­des­ar­chiv, Bild 183-S51620 / CC BY-SA 3.0.

Denn die „Sozis“ tra­gen sei­ner Dolch­stoß­le­gen­den-Mei­nung nach die Schuld an der deut­schen Nie­der­la­ge 1918.

Er miss­traut den Sozi­al­de­mo­kra­ten als „vater­lands­lo­se Gesel­len” zutiefst und hält sie für nicht regie­rungs­fä­hig. Dass sie aus der Regie­rung gedrängt wer­den, erscheint ihm fol­ge­rich­tig.

In Hin­den­burgs Ver­ständ­nis ist es gut, dass sie nicht mehr an der Macht sind.

Nur drei Tage nach dem Ende der Gro­ßen Koali­ti­on ernennt Hin­den­burg den Vor­sit­zen­den der katho­li­schen Zen­trums­par­tei, Hein­rich Brü­ning, zum neu­en Reichs­kanz­ler.

For­mal ist die­se Ernen­nung am Par­la­ment vor­bei durch die Wei­ma­rer Ver­fas­sung gedeckt – poli­tisch jedoch ein Affront gegen­über dem Par­la­ment. Es ist ein deut­li­ches Signal, was der Reichs­prä­si­dent von der „Quas­sel­bu­de“ Reichs­tag hält: Nichts.


Hindenburgs Granitgesicht

… Hin­den­burg ist ein gra­nit­ge­sich­ti­ger, bass­stim­mi­ger Feld­mar­schall mit einem Befehls­geh­abe, das klei­ne Unter­of­fi­zie­re zit­tern lässt.“

Hubert Ren­fro Kni­cke­bo­cker, Kor­re­spon­dent der New York Evening Post
Zitiert nach: Rüdi­ger Barth, Hau­ke Fried­richs, Die Toten­grä­ber: Der letz­te Win­ter der Wei­ma­rer Repu­blik*


Wer war Heinrich Brüning?

Hein­rich Aloy­si­us Maria Eli­sa­beth Brü­ning, Sohn eines Essig­fa­bri­kan­ten aus Müns­ter, dürf­te kaum geahnt haben, dass sein Name ein­mal untrenn­bar mit dem Begriff „Hun­ger­kanz­ler“ ver­bun­den sein wür­de.
Eben­so wenig woll­te er als einer der poli­ti­schen Toten­grä­ber der Wei­ma­rer Repu­blik gel­ten — und doch wird er bei­des.

Der neu ernann­te Kanz­ler Brü­ning stellt inner­halb von zwei Tagen eine Min­der­heits­re­gie­rung auf die Bei­ne — wunsch­ge­mäß ohne die SPD. Als ehe­ma­li­ger Sol­dat kann sich Brü­ning dem Gehor­sam gegen­über dem „gro­ßen” und grei­sen Gene­ral­feld­mar­schall Hin­den­burg nicht entziehen.

Heinrich Brüning, Reichskanzler der Weimarer Republik, Politiker des Zentrums, historisches Porträt Bundesarchiv

Dr. Hein­rich Brü­ning, Reichs­kanz­ler von 1930 bis 1932. Sei­ne Poli­tik der Spar­maß­nah­men präg­te die End­pha­se der Wei­ma­rer Repu­blik.
Bun­des­ar­chiv, Bild 183‑1989-0630–504 / CC BY-SA 3.0 de (ADN-ZB/­Ar­chiv)

Die vom Reichs­prä­si­den­ten so tief ver­ach­te­ten Sozi­al­de­mo­kra­ten braucht man trotz­dem: Sie tole­rie­ren das Kabi­nett Brü­ning, um die Repu­blik nicht noch mehr in Schief­la­ge zu brin­gen.

Noch wäre es für Brü­ning und sei­ne Min­der­heits­re­gie­rung mög­lich gewe­sen, demo­kra­tisch zu regie­ren.

Das heißt: Gesetz­ent­wür­fe in den Reichs­tag ein­brin­gen und sich dafür bei ande­ren demo­kra­ti­schen Par­tei­en Mehr­hei­ten suchen.

Doch genau hier beginnt das Pro­blem: Brü­nings Pro­gram­me sind so unpo­pu­lär, dass kaum noch par­la­men­ta­ri­sche Unter­stüt­zung zu gewin­nen ist.

Um die schwe­re Wirt­schafts­kri­se zu bewäl­ti­gen, setzt er auf strik­te Spar­po­li­tik und folgt damit dem damals vor­herr­schen­den wirt­schaft­li­chen Den­ken: „Gesund­schrump­fen“ statt inves­tie­ren.

In einer Zeit, in der Pro­duk­ti­on und Nach­fra­ge ohne­hin ein­bre­chen, setzt Hein­rich Brü­ning den Rot­stift an: Er kürzt Aus­ga­ben, senkt Löh­ne und redu­ziert Sozi­al­leis­tun­gen — und sorgt so dafür, dass immer mehr Men­schen das Geld für’s Nötigs­te fehlt.

Für vie­le Men­schen bedeu­tet das: weni­ger Ein­kom­men, weni­ger Unter­stüt­zung, weni­ger Sicher­heit.

Die Situa­ti­on der „nor­ma­len Leu­te” wird immer schlim­mer: In Ber­lin und in ande­ren Groß­städ­ten bie­ten sich Zwölf­jäh­ri­ge für einen Tel­ler Sup­pe auf dem Stra­ßen­strich an.

Weltwirtschaftskrise: Brünings Sparpolitik verschärft die Not

Reichs­kanz­ler Hein­rich Brü­ning ver­schärft mit sei­ner rigo­ro­sen Spar­po­li­tik die ohne­hin schwer ange­schla­ge­ne Wirt­schafts­la­ge der Wei­ma­rer Repu­blik und würgt in der kri­sen­ge­schüt­tel­ten Wirt­schaft alles ab, was noch funk­tio­niert.

Die Fol­gen sind dra­ma­tisch: Die Arbeits­lo­sig­keit steigt explo­si­ons­ar­tig an, die Armut nimmt mas­siv zu – und mit ihr wach­sen Ver­zweif­lung, sozia­le Span­nun­gen und Gewalt auf den Stra­ßen.

Bereits im Febru­ar 1932 sind über sechs Mil­lio­nen Men­schen ohne Arbeit. Fast jeder fünf­te Deut­sche hat kein eige­nes Ein­kom­men mehr.

Armenspeisung für Arbeitslose und arme Menschen in Berlin während der Weltwirtschaftskrise 1931

Armen­spei­sung in Ber­lin-Nie­der­schön­hau­sen, 1931: Mil­lio­nen Men­schen lei­den wäh­rend der Welt­wirt­schafts­kri­se unter Arbeits­lo­sig­keit, Hun­ger und sozia­lem Elend.
Bun­des­ar­chiv, Bild 183-T0706-501 / CC-BY-SA 3.0

Öko­no­misch hät­te ein staat­li­ches Kon­junk­tur- und Inves­ti­ti­ons­pro­gramm gegen­steu­ern kön­nen – etwa durch öffent­li­che Auf­trä­ge, geziel­te Wirt­schafts­för­de­rung und mehr Kauf­kraft für die Bevöl­ke­rung.

Doch Brü­ning folgt der damals vor­herr­schen­den wirt­schafts­po­li­ti­schen Leh­re: spa­ren statt inves­tie­ren, Haus­halts­dis­zi­plin statt kre­dit­fi­nan­zier­ter Impul­se.

Die Not wird immer grö­ßer.
Sie ist der idea­le Nähr­bo­den für Hit­ler, der sich und sei­ne NSDAP als „Ret­ter“ insze­nie­ren kann


Finanzpolitische Orthodoxie

… Die Regie­rung beharr­te auf der finanz­po­li­ti­schen Ortho­do­xie, und die ver­lang­te einen aus­ge­gli­che­nen Haus­halt.
Noch steck­ten Theo­rien über unor­tho­do­xe Maß­nah­men gegen die Rezes­si­on, die Defi­zit­fi­nan­zie­rung etwa, in den Kin­der­schu­hen. Keynes, der, pein­lich genug, kurz nach dem Crash an der Wall Street vor­aus­ge­sagt hat­te, das wer­de für Lon­don kei­ne ernst­haf­ten Kon­se­quen­zen haben, die Aus­sich­ten sei­en viel­mehr ent­schie­den posi­tiv, hat­te sei­ne Theo­rie anti­zy­kli­scher Wirt­schafts­po­li­tik noch nicht abge­schlos­sen.

Als die Kri­se ein­setz­te war es Oswald Mos­ley, der das ambi­tio­nier­tes­te Modell einer geplan­ten Wirt­schaft vor­leg­te; er woll­te Wachs­tum durch Kre­dit­auf­nah­me finan­zie­ren.“


Aus: Ian Kers­haw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949*


Das Ende der Weimarer Republik: Regieren per Notverordnung

Der Zustand der Wei­ma­rer Repu­blik ist besorg­nis­er­re­gend: Wirt­schaft­li­che Not, poli­ti­sche Gewalt auf den Stra­ßen und eine ver­roh­te poli­ti­sche Kul­tur erschüt­tern das Land.

Zwar sit­zen im Reichs­tag noch mehr demo­kra­ti­sche als anti­de­mo­kra­ti­sche Abge­ord­ne­te, doch KPD und NSDAP, die das Ende der Repu­blik wol­len, gewin­nen an Ein­fluss.

Als sein unpo­pu­lä­rer Spar­haus­halt kei­ne Mehr­heit im Reichs­tag fin­det, sucht er zusam­men mit Reichs­prä­si­dent Hin­den­burg einen ande­ren Weg – und greift zu einem juris­ti­schen Mit­tel, das zur Abriss­bir­ne der Demo­kra­tie wird: Arti­kel 48 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung.

Ursprüng­lich wur­de Arti­kel 48 in die Ver­fas­sung geschrie­ben, um in Kri­sen­zei­ten hand­lungs­fä­hig zu blei­ben: Der Reichs­prä­si­dent durf­te bei „Gefahr für die öffent­li­che Sicher­heit und Ord­nung“ den Aus­nah­me­zu­stand ver­hän­gen und Not­ver­ord­nun­gen erlas­sen – not­falls auch ohne Zustim­mung des Reichs­tags.

Doch der Arti­kel war unprä­zi­se for­mu­liert und öff­ne­te Tür und Tor für auto­kra­ti­sches Regie­ren. In den Hän­den des grei­sen Gene­ral­feld­mar­schalls Hin­den­burg wur­de er zur gefähr­li­chen Waf­fe gegen die Demo­kra­tie.

Dazu kam ein wei­te­res Macht­in­stru­ment des Reichs­prä­si­den­ten: Arti­kel 25 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung. Er erlaub­te dem Reichs­prä­si­den­ten, das Par­la­ment bei Bedarf auf­zu­lö­sen und inner­halb einer Frist von 60 Tagen Neu­wah­len anzu­set­zen.

Eine von Hin­den­burg unter­schrie­be­ne Auf­lö­se-Order reich­te aus, um die gewähl­ten Abge­ord­ne­ten des Reichs­tags nach Hau­se zu schi­cken — Reichs­prä­si­dent und Reichs­kanz­ler konn­ten dann bis zur Wahl unge­stört mit­tels Not­ver­ord­nun­gen regie­ren.

So wur­den am Ende der Wei­ma­rer Repu­blik Par­la­ment und Demo­kra­tie sys­te­ma­tisch geschwächt und an den Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern vorbeiregiert.

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Das erste Präsidialkabinett: Brüning regiert ohne Parlament

Reichs­kanz­ler Hein­rich Brü­ning war mit Sicher­heit kein Geg­ner der Wei­ma­rer Repu­blik. Doch aus­ge­rech­net er ist es, der den Geist aus der Fla­sche lässt und unge­wollt das Ende der Wei­ma­rer Repu­blik ein­lei­tet.

Denn statt nach Kom­pro­mis­sen und par­la­men­ta­ri­schen Mehr­hei­ten zu suchen, ver­lässt er sich auf das Wohl­wol­len Hin­den­burgs und regiert per Not­ver­ord­nung. Noch wäre es mög­lich gewe­sen, mit demo­kra­ti­schen Kräf­ten im Reichs­tag zusam­men­zu­ar­bei­ten. Doch Brü­ning ent­schei­det sich für den auto­ri­tä­ren Weg – und wird, wenn auch unfrei­wil­lig, zum Weg­be­rei­ter der Dik­ta­tur.

Brü­ning wird zum will­fäh­ri­gen Hel­fer. Wäh­rend Hin­den­burg zu einer Art Ersatz­kai­ser der Deut­schen avan­ciert, regiert Brü­ning mit Not­ver­ord­nun­gen gemäß Arti­kel 48 am Par­la­ment vor­bei. Die Repu­blik zer­fällt vor aller Augen — völ­lig legal und ver­fas­sungs­kon­form.

Brü­nings Regie­rung wird das ers­te der nun fol­gen­den Prä­si­di­al­ka­bi­net­te.
Er und sei­ne Nach­fol­ger im Amt des Reichs­kanz­lers brau­chen zum Regie­ren weder Volk noch Par­la­ment. Das Wohl­wol­len des Reichs­prä­si­dent reicht.

Was das Regie­ren per Prä­si­di­al­macht so ver­füh­re­risch ein­fach macht, ist jedoch gleich­zei­tig der ent­schei­den­den Haken: Wer das Ver­trau­en Hin­den­burgs ver­liert, ist poli­tisch erle­digt.

Brü­ning selbst wird das bald erfahren.


Brüning, Papen, Schleicher: Die letzten Reichskanzler der Weimarer Republik

In den 14 Jah­ren ihres Bestehens hat­te die Wei­ma­rer Repu­blik 12 Reichs­kanz­ler.
Die letz­ten drei waren:

„Hun­ger­kanz­ler“ Hein­rich Brü­ning: 28. März 1930 bis 30. Mai 1932
Franz von Papen: 1. Juni 1932 bis 2. Dezem­ber 1932
Kurt von Schlei­cher: 3. Dezem­ber 1932 bis 28. Janu­ar 1933



Vom Rand ins Rampenlicht: Die NSDAP wird zweitstärkste Fraktion

Die Reichs­tags­wahl vom 14. Sep­tem­ber 1930 wird zum poli­ti­schen Erd­be­ben für die Wei­ma­rer Repu­blik.
Die Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler stra­fen Reichs­kanz­ler Hein­rich Brü­ning und sei­nen har­ten Spar­kurs ab, wäh­rend extre­mis­ti­sche Par­tei­en, vor allem KPD und NSDAP, gewal­tig zule­gen.

Für Adolf Hit­ler und sei­ne Natio­nal­so­zia­lis­ten bedeu­tet die Wahl den bis dahin größ­ten Erfolg ihrer Par­tei­ge­schich­te.

Noch 1928 waren sie unter „fer­ner lie­fen” zu fin­den: Mit gera­de ein­mal 2,6 Pro­zent der Stim­men war die NSDAP nicht mehr als eine Split­ter­par­tei und spiel­te kaum eine Rol­le. Doch nun erreicht sie aus dem Stand 18,3 Pro­zent und steigt zur zweit­stärks­ten Kraft im Reichs­tag auf — direkt hin­ter der SPD.

Die Zahl der NSDAP-Abge­ord­ne­ten ver­zehn­facht sich fast von 12 auf 107.
Mit einem Schlag sit­zen mehr als 100 grö­len­de und offen demo­kra­tie­feind­li­che NSDAP-Abge­ord­ne­ten im Reichs­tag.

Auch die KPD unter ihrem Chef Ernst Thäl­mann stramm mos­kau- und stal­in­treu und gegen die Wei­ma­rer Repu­blik gewinnt zahl­rei­che Man­da­te hin­zu.

Die Sep­tem­ber­wahl 1930 ist ein dra­ma­ti­sches Warn­si­gnal für den Zer­fall der poli­ti­schen Mit­te.
Und doch ändert sich nichts …

Young-Plan, Reparationszahlungen und der Absturz der Republik

Unge­ach­tet des desas­trö­sen Wahl­er­geb­nis­ses vom Sep­tem­ber 1930 macht Brü­ning wei­ter. Schließ­lich braucht er zum Regie­ren ledig­lich das Ver­trau­en Hin­den­burgs und die von ihm unter­schrie­be­nen Not­ver­ord­nun­gen.
Wäh­ler­stim­men braucht er nicht.

Die Spar­po­li­tik geht wei­ter, Löh­ne und Prei­se ver­fal­len, Sozi­al­aus­ga­ben wer­den wei­ter gekürzt, der Sozi­al­staat aus­ge­höhlt. Die „klei­nen Leu­te”, Arbei­ter, Arbeits­lo­se und sozi­al Schwä­che­re keh­ren der Wei­ma­rer Demo­kra­tie end­gül­tig den Rücken zu, aber auch die Mit­tel­schicht hat Angst vor dem Absturz.

Wäh­rend die Not wächst, beharrt Brü­ning wei­ter auf sei­nem wirt­schafts­po­li­ti­schen Kurs.

Er will den Staats­haus­halt sanie­ren — und gleich­zei­tig den Sie­ger­mäch­ten des Ers­ten Welt­kriegs bewei­sen, dass Deutsch­land wirt­schaft­lich nicht mehr in der Lage ist, die Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen zu erfül­len.


Schon mehr­mals waren die alli­ier­ten Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen nach dem Ers­ten Welt­krieg in Höhe von 269 Mil­li­ar­den Gold­mark gesenkt wor­den, zuletzt durch den soge­nann­ten Young-Plan, an dem sich die Rech­ten bis weit ins bür­ger­li­che Lager genüss­lich abar­bei­ten.

Deutsch­land müs­se für einen Krieg bezah­len, den die ande­ren ange­fan­gen hät­ten, lau­tet ihre argu­men­ta­ti­ve All­zweck­waf­fe, mit der sie sehr erfolg­reich auf Stim­men­fang gehen.

Die Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen aus dem „Schand­ver­trag von Ver­sailles” ist eine innen­po­li­ti­sche Treib­mi­ne.
Und genau die will Brü­ning entschärfen.


Zündstoff am Ende der Weimarer Republik: Der Young-Plan

Der Young-Plan wur­de 1929 als Nach­fol­ger des Dawes-Plans ent­wi­ckelt und regel­te die Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen Deutsch­lands nach dem Ers­ten Welt­krieg neu.

- Repa­ra­ti­ons­sum­me: rund 112 Mil­li­ar­den Reichs­mark (etwa 1 Bil­li­on Euro heu­ti­ger Kauf­kraft)
- Lauf­zeit: Zah­lun­gen bis 1988, ver­teilt auf jähr­li­che Raten
- Ziel: wirt­schaft­li­che Ent­las­tung Deutsch­lands und Sta­bi­li­sie­rung der Wei­ma­rer Repu­blik
- Kri­tik: Beson­ders rech­te und natio­na­lis­ti­sche Krei­se dif­fa­mier­ten den Plan als „Ver­skla­vung Deutsch­lands“
- Fol­ge: Der Young-Plan wur­de innen­po­li­tisch zum Zünd­stoff und trug zur wei­te­ren Radi­ka­li­sie­rung der Wei­ma­rer Gesell­schaft bei

Quel­le: Bun­des­ar­chiv, R 43 I/1332, Pro­to­koll über die Bera­tun­gen des Reichs­ka­bi­netts zum Young-Plan, 1929. Online zugäng­lich über: Bun­des­ar­chiv, Wei­ma­rer Repu­blik — Die ers­te deut­sche Demokratie


Brünings Sturz und Papens Aufstieg

Doch dann unter­läuft dem Hun­ger­kanz­ler ein kapi­ta­ler poli­ti­schen Feh­ler: Er setzt den Rot­stift auch bei der soge­nann­ten Ost­hil­fe an, einem Geset­zes­pa­ket, das ost­elbi­sche Rit­ter­gut­be­sit­zer sub­ven­tio­niert.

Das ent­täuscht Reichs­prä­si­dent Hin­den­burg sehr, denn auch er besitzt ein ent­spre­chen­des Rit­ter­gut.

Noch mehr ver­är­gern ihn Brü­nings Spar­plä­ne, weil sich sei­ne Nach­barn in Ost­preu­ßen bei ihm beschwe­ren.
Hat er, der Reichs­prä­si­dent, denn „sei­nen” Kanz­ler nicht mehr im Griff?

Hin­den­burg ent­zieht Brü­ning des­halb — wegen Kür­zungs­plä­nen für Sub­ven­tio­nen und erzürn­ten Nach­barn — nach zwei Jah­ren als Reichs­kanz­ler das Ver­trau­en.

Ohne Hin­den­burgs Segen und vor allem ohne vom Reichs­prä­si­den­ten unter­schrie­be­ne Not­ver­ord­nun­gen kann in Deutsch­land aber nie­mand mehr regie­ren.

Brü­ning tritt zurück.

Brü­nings Nach­fol­ger ist schnell gefun­den: Es ist Franz von Papen, poli­tisch farb­los und sogar in sei­ner eige­nen Par­tei, dem katho­li­schen Zen­trum, äußerst unbe­liebt, aber ade­lig und gut ver­netzt
Papen über­nimmt am 1. Juni 1932 die Regie­rungs­ge­schäf­te.

Sein Kabi­nett, spöt­tisch das „Kabi­nett der Baro­ne“ genannt, besteht fast aus­schließ­lich aus Aris­to­kra­ten und regiert — wie schon Brü­ning — aus­schließ­lich per prä­si­dia­ler Not­ver­ord­nun­gen.

Iro­nie der Geschich­te: Brü­nings größ­ter außen­po­li­ti­scher Erfolg kommt kurz nach sei­nem Rück­tritt. Im Juli 1932 ver­zich­ten die Alli­ier­ten spek­ta­ku­lär auf alle wei­te­ren Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen.

Mit­te 1932 kön­nen sich die Regie­rungs­par­tei­en im Reichs­tag sogar auf ein Kon­junk­tur­pro­gramm eini­gen — das aller­dings erst Mit­te 1933 sei­ne Wir­kung zu ent­fal­ten beginnt.

Doch weder das Ende der Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen noch die begin­nen­de Kon­junk­tur­be­le­bung kön­nen das Ende der Wei­ma­rer Repu­blik verhindern.

Mehr lesen:

Zu Hin­den­burgs prä­si­dia­ler All­macht, Brü­nings Spar­po­li­tik, Intri­gen und Hin­ter­zim­mer­ab­spra­chen kommt am Ende noch ver­letz­ter Män­ner­stolz. Papen und Schlei­cher: Eine Feind­schaft, über die die Wei­ma­rer Repu­blik am Ende stürz­te?
1932: Das Ende der Repu­blik. Papen und Schleicher

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phien, www​.bild​bio​gra​phien​.de, 2021, über­ar­bei­tet 2026


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TV-Serie „Krieg der Träume“ über Europa zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg

Zwi­schen Hoff­nung und Abgrund: Euro­pa zwi­schen 1918 und 1939

Die dra­ma­ti­sche Zwi­schen­kriegs­zeit von 1918 bis 1939 in Deutsch­land, Frank­reich, Ita­li­en, Öster­reich und Sowjet­russ­land in einem sehens­wer­ten Doku­dra­ma mit Spiel­sze­nen und bis­lang unver­öf­fent­lich­tem Ori­gi­nal-Film­ma­te­ri­al authen­tisch und sehr nach­voll­zieh­bar erzählt.

Auch als Prime Video*


Die Hohenzollern und die Nazis – Buch über die Verbindung zwischen Kaiserhaus und Nationalsozialismus

Braucht Deutsch­land wie­der einen Kaiser?

Nicht weni­ge wün­schen sich in der Kri­se den Kai­ser zurück. Oder noch bes­ser: sei­nen Sohn!

Wie Ex-Kai­ser Wil­helm II., sei­ne Söh­ne und sei­ne zwei­te Ehe­frau die Repu­blik bekämpf­ten und am Ende auf eine Rück­kehr auf den Thron mit­hil­fe der Nazis hofften.


Roman „Der stumme Tod“ von Volker Kutscher über Berlin 1930 und die Weimarer Republik

Ber­lin 1930

Vol­ker Kut­scher ent­führt uns mit Gere­on Rath mit­ten hin­ein in das fieb­ri­ge Ber­lin der spä­ten Wei­ma­rer Repu­blik — zwi­schen Film­stu­di­os, poli­ti­scher Gewalt, Welt­wirt­schafts­kri­se und den Stra­ßen­schlach­ten von SA und Rot­front.

Der stum­me Tod ist nicht nur ein packen­der Kri­mi­nal­ro­man, son­dern auch ein fas­zi­nie­ren­des Zeit­por­trät einer Gesell­schaft am Abgrund.


Weiterführende Beiträge Aufstieg der NSDAP

Die Welt­wirt­schafts­kri­se 1929 und ihre Fol­gen: Tat­säch­lich ist der „Schwar­ze Frei­tag“ ein Don­ners­tag. Am 24. Okto­ber 1929 begin­nen an der New Yor­ker Wall Street die Akti­en­kur­se zu rut­schen. Gegen Mit­tag wird aus Ner­vo­si­tät Panik, der Dow Jones sackt ab, der Han­del bricht mehr­mals zusam­men. Der Crash wird schließ­lich zur Wirt­schafts­kri­se, weil jeder ver­sucht zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist — egal, zu wel­chem Preis.
Der schwar­ze Frei­tag. Vom Bör­sen­krach zur Weltwirtschaftskrise

SPD und NSDAP sind Zwil­lin­ge! In den 1920er Jah­ren tobt ein hef­ti­ger Macht­kampf zwi­schen den bei­den Arbei­ter­par­tei­en SPD und KPD: Die Sozi­al­de­mo­kra­ten ver­su­chen, die Repu­blik zu schüt­zen, die Kom­mu­nis­ten arbei­ten an der ‘Sowjet­re­pu­blik Deutsch­land’. Über Sta­lin, Thäl­mann und die ver­häng­nis­vol­le Affä­re zwi­schen KPD und SPD in den 1920er Jah­ren.
Ham­burg auf den Barrikaden

Sir Oswald Mos­ley (1896 – 1980), sei­nes Zei­chens Erbe und 6. Baro­net, hat nicht nur Schlag bei den Frau­en, son­dern auch wech­seln­de poli­ti­sche Ein­stel­lun­gen, was mit einer abwechs­lungs­rei­chen Berufs­kar­rie­re ver­bun­den ist. Über sei­ne faschis­ti­sche BUF, die er 1932 grün­det, um sich als bri­ti­sche Kopie von Adolf Hit­ler zu ver­su­chen, und die Attrak­ti­vi­tät der faschis­ti­schen Ideo­lo­gie der 1930er Jah­re.
Hail Mos­ley!

Hit­lers “Macht­er­grei­fung”: Ende 1932 scheint Hit­lers Auf­stieg zur Macht end­gül­tig gestoppt zu sein: Die „Hit­ler-Par­tei“ ist plei­te, zer­strit­ten und hat am 6. Novem­ber 1932 – das ers­te Mal seit zwei Jah­ren – Wäh­ler­stim­men ver­lo­ren. Und trotz­dem ernennt der Prä­si­dent der Wei­ma­rer Repu­blik, Paul von Hin­den­burg, Adolf Hit­ler am 30. Janu­ar 1933 zum Reichs­kanz­ler.
Wie konn­te das pas­sie­ren?
1933- Das Ende der Repu­blik. Hit­lers Auf­stieg zur Macht


Bild­nach­wei­se

Die Not unse­rer Zeit! Arbeits­lo­se Hafen­ar­bei­ter auf Abruf bei der Stra­ßen-Arbeits­ver­mitt­lung am Baum­wall, Ham­burg, 1931. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–11008 / CC-BY-SA 3.0
Bun­des­ar­chiv Bild 183-S51620, Gene­ral­feld­mar­schall Paul v. Hin­den­burg“ von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-S51620 / CC BY-SA 3.0. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wiki­me­dia Com­mons
Dr. Hein­rich Brü­ning: Reichs­kanz­ler, Zen­trum, Deutsch­land. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183‑1989-0630–504 / CC BY-SA 3.0 de ADN-ZB/­Ar­chiv Hein­rich Brü­ning Poli­ti­ker des Zen­rums und Staats­mann geb. 26.11.1885 in Müns­ter gest. 30.3.1970 in Nor­wich (Vt.) Brü­ning war 1921/30 Geschäfts­füh­rer des Deut­schen Gewerkschaftsbundes,1924/33 Mit­glied des Reichs­ta­ges. Als Füh­rer der Zen­rums­frak­ti­on wur­de er 1930 Reichs­kan­ler, regier­te dik­ta­to­risch mit Not­ver­ord­nun­gen. Brü­ning mußte1932 zurück­tre­ten. 1933 emi­grier­te er in die USA und war 1934/52 Pro­fes­sor in Oxford, Bos­ton und Cam­bridge, dann 1952/55 an der Uni­ver­si­tät Köln. Bis zu sei­nem Tod leb­te er wie­der in den USA.
ADN-ZB/­Ar­chiv Deutsch­land Ber­lin: Wohl­tä­tig­keits­spei­sung armer Leu­te durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de In Ber­lin Nie­der­schön­hau­sen wer­den durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de arme Leu­te gespeist. Die Reichs­wehr hat eine Gou­lasch­ka­no­ne und 2 Mann zur Ver­fü­gung gestellt. Die Kos­ten der Spei­sung bringt die Kir­chen­ge­mein­de durch frei­wil­li­ge Spen­den auf. Jedes Mit­glied zahlt pro Tag 10 Pfen­ni­ge vor­läu­fig für die Dau­er von 3 Mona­ten. (Auf­nah­me: 1931). Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-T0706-501 / CC-BY-SA 3.0 (Auf­nah­me: 1931) 5417–31 5417–31


Generationengespräch

Geschich­te und Psy­cho­lo­gie
Ver­gan­ge­nes ver­ste­hen, um mit der Zukunft bes­ser klar zu kommen.


Geschichte und Psychologie Vergangenheit verstehen um mit der Zukunft besser klar zu kommen
Dr. Susanne Gebert

Gene­ra­tio­nen­ge­spräch
Agen­tur für Bild­bio­gra­phien
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Geschich­te & Psy­cho­lo­gie
Die Ver­gan­gen­heit ver­ste­hen, um mit der Zukunft bes­ser klar zu kommen

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Susan­ne Autorin bei Gene­ra­tio­nen­ge­spräch & Agen­tur für Bildbiographien
Dr. Susan­ne Gebert schreibt über Psy­cho­lo­gie, Fami­li­en­ge­schich­te und emo­tio­na­le Prä­gun­gen. In ihrem Blog „Gene­ra­tio­nen­ge­spräch“ zeigt sie, wie unse­re Kind­heit uns formt – und wie wir uns von alten Mus­tern lösen können. 

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