1932 — Das Ende der Republik. Brüning, der Hungerkanzler

Das Ende der Weimarer Republik

Die letz­ten frei­en Wah­len am 6. Novem­ber 1932 besie­geln das Schick­sal der Deut­schen.

Es ist aber nicht das Wäh­ler­vo­tum, das den roten Tep­pich für Adolf Hit­ler aus­rollt, son­dern das kata­stro­pha­le Agie­ren von mehr oder min­der demo­kra­ti­schen Poli­ti­kern, die mit einer Mischung aus Igno­ranz, Dumm­heit und Selbst­sucht die ers­te Demo­kra­tie auf deut­schem Boden gegen die Wand fah­ren.

Nichts fürch­tet Adolf Hit­ler so sehr wie einen mög­li­chen Absturz sei­ner Par­tei in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit.
Die „Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­re“ von 1924 bis 1929, in denen es für die Deut­schen wirt­schaft­lich, aber auch poli­tisch auf­wärts geht, sind eine har­te Zeit für ihn und die Natio­nal­so­zia­lis­ten..

Die NSDAP ist in die­ser Zeit nicht mehr als ein klei­ner Hau­fen in einem Meer von Split­ter­par­tei­en. Und obwohl Hit­ler und sei­ne brau­nen Trup­pen über­all dort, wo sie auf­mar­schie­ren, viel Kra­wall machen, sind sie nicht mehr als eine radi­ka­le brau­ne Sek­te, die unter „fer­ner lie­fen“ zu fin­den ist.

Bei der Reichs­tags­wahl im Mai 1928 bekom­men die Nazis gera­de ein­mal 2,6 % der Wäh­ler­stim­men. Die NSDAP — wer soll das sein? Im ARD-Wahl­stu­dio von heu­te wären sie bei den Wahl­er­geb­nis­sen als klei­ner grau­er Bal­ken ganz rechts unter “Ande­re” zusam­men­ge­fasst und Jörg Schö­nen­born wür­de kein Wort über sie ver­lie­ren.
Andert­halb Jah­re spä­ter ist alles anders.

Der Bör­sen­krach vom 24. Okto­ber 1929 ver­än­dert die Welt.
Statt der Wirt­schaft erle­ben jetzt Extre­mis­ten rech­ter und lin­ker Prä­gung auf der gan­zen Welt einen nie dage­we­se­nen Auf­schwung.

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Die Zwi­schen­kriegs­zeit 1918 bis 1939. Nicht von Wis­sen­schaft­lern und His­to­ri­kern erklärt, son­dern durch Zeit­zeu­gen anhand von Tage­bü­chern, Brie­fen und Foto­gra­fi­en erzählt. Spiel­sze­nen wech­seln sich mit alten Film­auf­nah­men ab — eine sehr sehens­wer­te und authen­ti­sche Mischung von Geschich­ten und Geschich­te, die uns die­se Zeit mit ihren Träu­men und Abgrün­den her­vor­ra­gend nahe bringt. Krieg der Träu­me 1918–1939 [3 DVDs]*, 2018, FSK 12


Letzt­end­lich sind es aber nicht die Wäh­ler, die Adolf Hit­ler zur Macht ver­hel­fen, son­dern Brü­ning, von Papen, von Schlei­cher, Paul von Hin­den­burg und Oskar von Hin­den­burg, der „in der Ver­fas­sung nicht vor­ge­se­he­ne Sohn des Reichs­prä­si­den­ten“ (Kurt Tuchol­sky), sind die eigent­li­chen Weg­be­rei­ter der „Macht­er­grei­fung“ im Jahr 1933.

Hitlers NSDAP: Von “ferner liefen” zur zweitstärksten Fraktion

Dem Akti­en­crash am „Schwar­zen Frei­tag“ folgt der welt­wei­te Zusam­men­bruch von Ban­ken und schließ­lich der Nie­der­gang der gesam­ten Welt­wirt­schaft.
Hun­dert­tau­sen­de – zum Teil auch wirt­schaft­lich gesun­de – Unter­neh­men kol­la­bie­ren, weil Ban­ken auf rie­si­gen Ber­gen fau­ler Kre­di­te sit­zen und jetzt alle Schul­den sofort ein­trei­ben, kei­ne Kre­di­te mehr gewäh­ren oder ein­fach mit den Erspar­nis­sen ihrer Kun­den plei­te machen.

Fir­men­chefs kön­nen nicht mehr inves­tie­ren, Mil­lio­nen Men­schen ver­lie­ren ihre Arbeit. Defla­ti­on und Rezes­si­on fol­gen auf Kre­dit­klem­me und Mas­sen­ver­elen­dung.

Die Not unserer Zeit! Arbeitslose Hafenarbeiter auf Abruf bei der Straßen-Arbeitsvermittlung am Baumwall, Hamburg, 1931. Von Bundesarchiv, Bild 102-11008 / CC-BY-SA 3.0
Die Not unse­rer Zeit! Arbeits­lo­se Hafen­ar­bei­ter auf Abruf bei der Stra­ßen-Arbeits­ver­mitt­lung am Baum­wall, Ham­burg, 1931. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–11008 / CC-BY-SA 3.0

Es ist ein nie dage­we­se­nes wirt­schaft­li­ches Schre­ckens­sze­na­rio, denn selbst die Unter­neh­men, die den Bör­sen- und Ban­ken­krach über­le­ben, müs­sen ihre Waren und Dienst­leis­tun­gen zu immer nied­ri­ge­ren Prei­sen anbie­ten, um über­haupt etwas zu ver­kau­fen.

Umsät­ze und Gewin­ne bre­chen ein, Löh­ne sin­ken und es kommt zu Ent­las­sungs­wel­len, die noch mehr Men­schen ohne Lohn und Brot auf die Stra­ße set­zen.
Eine kata­stro­pha­le Abwärts­spi­ra­le kommt in Gang.

ADN-ZB/Archiv Deutschland Berlin: Wohltätigkeitsspeisung armer Leute durch die evangelische Kirchengemeinde In Berlin Niederschönhausen werden durch die evangelische Kirchengemeinde arme Leute gespeist. Die Reichswehr hat eine Goulaschkanone und 2 Mann zur Verfügung gestellt. Die Kosten der Speisung bringt die Kirchengemeinde durch freiwillige Spenden auf. Jedes Mitglied zahlt pro Tag 10 Pfennige vorläufig für die Dauer von 3 Monaten. (Aufnahme: 1931). Von Bundesarchiv, Bild 183-T0706-501 / CC-BY-SA 3.0 (Aufnahme: 1931) 5417-31 5417-31
ADN-ZB/­Ar­chiv Deutsch­land Ber­lin: Wohl­tä­tig­keits­spei­sung armer Leu­te durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de In Ber­lin Nie­der­schön­hau­sen wer­den durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de arme Leu­te gespeist. Die Reichs­wehr hat eine Gou­lasch­ka­no­ne und 2 Mann zur Ver­fü­gung gestellt. Die Kos­ten der Spei­sung bringt die Kir­chen­ge­mein­de durch frei­wil­li­ge Spen­den auf. Jedes Mit­glied zahlt pro Tag 10 Pfen­ni­ge vor­läu­fig für die Dau­er von 3 Mona­ten. (Auf­nah­me: 1931) 5417–31

Auch poli­tisch.
Das Unvor­stell­ba­re geschieht: Bei der Reichs­tags­wahl am 14. Sep­tem­ber 1930 erhält die NSDAP 18,3 Pro­zent der Wäh­ler­stim­men und ver­zehn­facht im Ver­gleich zu 1928 bei­na­he die Zahl ihrer Abge­ord­ne­ten von 12 auf 107.

Minderheitenregierungen von Hindenburgs Gnaden

Die kom­men­de Kata­stro­phe beginnt, weil Deutsch­land nicht nur von der Welt­wirt­schafts­kri­se mit vol­ler Wucht erwischt wird, son­dern vor allem weil die Repu­blik von einem grei­sen Reichs­prä­si­den­ten regiert wird, der viel von „Durch­re­gie­ren“ und wenig von demo­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en hält.
Die 107 NSDAP-Abge­ord­ne­ten, die nach der Sep­tem­ber­wahl 1930 in den Reichs­tag ein­zie­hen, sind ein Wen­de­punkt in der Geschich­te der Deut­schen, aber noch lan­ge nicht das Ende.

Weil die Wei­ma­rer Ver­fas­sung zwar eine der fort­schritt­lichs­ten ihrer Zeit ist, aber auch einen Para­gra­phen 48 ent­hält, der in den Hän­den eines starr­sin­ni­gen Gene­ral­feld­mar­schall a.D. als Reichs­prä­si­den­ten fürch­ter­li­che Fol­gen hat.

Dazu kom­men unver­dros­sen, aber außer­or­dent­lich unge­schickt agie­ren­de Reichs­kanz­ler, die eif­rig dabei hel­fen, den Boden für eine zukünf­ti­ge Dik­ta­tur zu berei­ten.

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Ber­lin, Mai 1929: Das ers­te Buch aus Vol­ker Kut­schers sehr lesens­wer­ter Gere­on-Rath-Kri­mi­rei­he (die Vor­la­ge zur TV-Serie Baby­lon Ber­lin*). Span­nend geschrie­ben und “neben­bei” ein her­vor­ra­gend recher­chier­tes Sit­ten­ge­mäl­de der Wei­ma­rer Repu­blik Ende der 1920er Jah­re. Sehr lesens­wert!
Vol­ker Kut­scher: Der nas­se Fisch*, Kie­pen­heu­er & Witsch, Köln, 2008


Ein hal­bes Jahr vor der Kata­stro­phen-Wahl im Sep­tem­ber 1930 war die SPD-geführ­te Gro­ße Koali­ti­on unter Kanz­ler Her­mann Mül­ler wegen einer Lap­pa­lie geplatzt.

Dem 83jährigen Reichs­prä­si­den­ten Paul von Hin­den­burg, Welt­kriegs­held von Tan­nen­berg und ehe­ma­li­ger Ober­be­fehls­ha­ber sei­ner Majes­tät des Kai­sers ist das nur recht, denn die „Sozis“ tra­gen sei­ner Dolch­stoß­le­gen­den-Mei­nung nach die Schuld an der deut­schen Nie­der­la­ge anno 1918 und er will sie beim Regie­ren nicht dabei haben.

Hin­den­burg beruft schließ­lich den ihn geneh­men Hein­rich Brü­ning zum neu­en Reichs­kanz­ler, dem Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den der katho­li­schen Zen­trums-Par­tei, der pflicht­ge­mäß und in Win­des­ei­le inner­halb von zwei Tagen eine Min­der­heits­re­gie­rung auf die Bei­ne stellt.
Ohne SPD ver­steht sich, aber mit deren Tole­rie­rung.

Hungerkanzler” Heinrich Brüning

Mit Sicher­heit woll­te Hein­rich Aloy­si­us Maria Eli­sa­beth Brü­ning, Sohn eines Essig­fa­bri­kan­ten aus Müns­ter, nicht als „Hun­ger­kanz­ler“ in die Geschich­te der Deut­schen ein­ge­hen.

Aber er kann — als ehe­ma­li­ger Sol­dat — weder sei­nen Gehor­sam gegen­über dem ehe­ma­li­gen Gene­ral­feld­mar­schall Hin­den­burg able­gen noch sich dem vor­herr­schen­den wirt­schafts­po­li­ti­schen Zeit­geist ent­zie­hen.

Dr. Heinrich Brüning: Reichskanzler, Zentrum, Deutschland. Von Bundesarchiv, Bild 183-1989-0630-504 / CC BY-SA 3.0 de
Dr. Hein­rich Brü­ning: Reichs­kanz­ler, Zen­trum, Deutsch­land. Bun­des­ar­chiv

Der neue Reichs­kanz­ler macht sich an die Arbeit.
Eile ist gebo­ten, denn seit Ende 1929 ist die Wirt­schaft auf Tal­fahrt, die Zahl der Arbeits­lo­sen schnellt in die Höhe, Unru­hen und Stra­ßen­schlach­ten zwi­schen roten und brau­nen Schlä­ger­trupps erschüt­tern das Land.

Brü­ning ver­sucht, von 1930 bis 1932 mit har­ten Spar­maß­nah­men den Haus­halt zu sanie­ren: Löh­ne und Gehäl­ter wer­den gekürzt, Arbeits­lo­se bekom­men weni­ger Unter­stüt­zung, staat­li­che Inves­ti­tio­nen und Aus­ga­ben für Bil­dung und Wis­sen­schaft wer­den radi­kal gesenkt.

In einer Zeit, in der Men­schen und Wirt­schaft in der Kri­se ver­sin­ken, setzt Hein­rich Brü­ning den Rot­stift an und spart, obwohl die Nach­fra­ge im In- und Aus­land sowie­so schon zusam­men­bricht.
Durch sei­ne har­ten Ein­schnit­te hofft er, die Wirt­schafts­mi­se­re in den Griff zu bekom­men. Statt­des­sen würgt er das ab, was noch eini­ger­ma­ßen funk­tio­niert.

Mit einem anti­zy­kli­schen Kon­junk­tur- und Beschäf­ti­gungs­pro­gramm, mit dem Arbeits­lo­sig­keit und Rezes­si­on bekämpft wor­den wären, hät­te Hit­ler viel­leicht ver­hin­dert wer­den kön­nen.

Doch die dama­li­ge Lehr­mei­nung hält nicht viel von anti­zy­kli­schem Agie­ren und Brü­ning ent­schei­det sich anders.

…“Die Regie­rung beharr­te auf der finanz­po­li­ti­schen Ortho­do­xie, und die ver­lang­te einen aus­ge­gli­che­nen Haus­halt.
Noch steck­ten Theo­ri­en über unor­tho­do­xe Maß­nah­men gegen die Rezes­si­on, die Defi­zit­fi­nan­zie­rung etwa, in den Kin­der­schu­hen. Keynes, der, pein­lich genug, kurz nach dem Crash an der Wall Street vor­aus­ge­sagt hat­te, das wer­de für Lon­don kei­ne ernst­haf­ten Kon­se­quen­zen haben, die Aus­sich­ten sei­en viel­mehr ent­schie­den posi­tiv, hat­te sei­ne Theo­rie anti­zy­kli­scher Wirt­schafts­po­li­tik noch nicht abge­schlos­sen.
Als die Kri­se ein­setz­te war es Oswald Mos­ley, der das ambi­tio­nier­tes­te Modell einer geplan­ten Wirt­schaft vor­leg­te; er woll­te Wachs­tum durch Kre­dit­auf­nah­me finan­zie­ren …“

Aus: Ian Kers­haw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949*


Dauerbrenner Reparationszahlung

Hein­rich Brü­ning ent­schei­det sich weder aus böser Absicht für’s dra­ko­ni­sche Spa­ren noch will er Hit­ler stark machen: Er glaubt schlicht und ein­fach wie vie­le sei­ner Zeit­ge­nos­sen dar­an, dass Staa­ten bei stei­gen­den Aus­ga­ben und nied­ri­gen Ein­nah­men spar­sam wirt­schaf­ten müss­ten.

Sich gesund spa­ren“ ist das Kon­zept, das welt­weit vie­le Natio­nen zur Bekämp­fung der Kri­se ange­wen­den. Ein Kon­zept, das dafür sorgt, dass die Wirt­schaft in die Abwärts­spi­ra­le einer Defla­ti­on gerät und kom­plett abge­würgt wird.

Brü­ning ver­folgt mit sei­ner Spar­sam­keit aber noch ein ande­res Ziel: Er hofft, wie bereits ein­mal nach dem „Ruhr­kampf“ im Jahr 1923 gesche­hen, dass die schwie­ri­gen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se in Deutsch­land die Alli­ier­ten end­lich dazu zwin­gen, ihre Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen auf­zu­ge­ben.

Mehr­mals waren die For­de­run­gen für Wie­der­gut­ma­chung von 269 Mil­li­ar­den Gold­mark (das ent­spricht etwa 1 Bil­li­on Euro) gesenkt und gemil­dert wor­den, zuletzt durch den soge­nann­ten Young-Plan, der eine Raten­zah­lung bis ins Jahr 1988 vor­sah.

Wirt­schaft­lich waren die Deut­schen mit Beginn des Auf­schwungs ab 1924 eini­ger­ma­ßen klar gekom­men, innen­po­li­tisch sind und blei­ben die Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen ein kata­stro­pha­ler Zünd­stoff, an dem sich vor allem die Rech­ten abar­bei­ten: Deutsch­land müs­se für einen Krieg bezah­len, den die ande­ren ange­fan­gen hät­ten, lau­tet ihr immer und immer wie­der stra­pa­zier­tes Argu­ment, mit den sie – sehr erfolg­reich – auf Stim­men­fang gehen.

Brü­ning wit­tert eine Chan­ce, die in der Wirt­schafts­kri­se ste­cken könn­te.
Er spart eisern wei­ter, auch nach der Sep­tem­ber­wahl 1930, aus der radi­ka­le Par­tei­en wie NSDAP und KPD als deut­li­che Wahl­ge­win­ner her­vor­ge­hen, wäh­rend alle gemä­ßig­ten Par­tei­en wei­ter Federn las­sen müs­sen.

Und hat tat­säch­lich Erfolg: Im Juli 1932 ver­zich­ten die Alli­ier­ten spek­ta­ku­lär auf alle wei­te­ren Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen.

“Nach­dem vor allem die Bri­ten schon lan­ge ver­stan­den hat­ten, dass der Ver­sail­ler Ver­trag nicht nur unge­recht war, son­dern auch dumm und wirt­schafts­po­li­tisch schäd­lich, akzep­tie­ren nun end­lich alle Sie­ger­mäch­te, dass Deutsch­land kei­ne Ent­schä­di­gun­gen zah­len muss.
Das schwächt die Chan­cen der Natio­na­lis­ten, die von der Empö­rung gut gelebt hat­ten. Und ent­las­tet den Staats­haus­halt. Und doch geht die Spar­po­li­tik wei­ter, wird wei­ter Nach­fra­ge aus dem Markt genom­men, ver­fal­len wei­ter Löh­ne und Prei­se. Kri­se als Pro­gramm auch innen­po­li­tisch: Immer stär­ker wer­den die Sozi­al­aus­ga­ben gekürzt, der Sozi­al­staat aus­ge­höhlt, der die Arbei­ter und die sozi­al Schwa­chen an die Repu­blik gebun­den hat­te. Die meis­ten Arbeits­lo­sen keh­ren der Repu­blik von Wei­mar den Rücken.“

Aus: Chris­ti­an v. Dit­furth, Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*


Die Regierung Papen

Fei­ern kann Brü­ning sei­nen Erfolg nicht mehr.
Der „Hun­ger­kanz­ler“ ist nicht mehr im Amt als die Alli­ier­ten das Ende der Repa­ra­ti­on erklä­ren – Hin­den­burg hat­te ihm zwei Mona­te zuvor sein Ver­trau­en ent­zo­gen, nach­dem die Spar­maß­nah­men auch die soge­nann­te Ost­hil­fe erreicht hat­ten, Unter­stüt­zungs­zah­lun­gen für ost­el­bi­sche Groß­grund­be­sit­zer. (Das war Hin­den­burg ent­schie­den zu weit gegan­gen, schließ­lich hät­te die­se Kür­zung auch ihn und sei­ne Nach­barn per­sön­lich betrof­fen.)

Brü­nings Nach­fol­ger ist schnell gefun­den: Es ist Franz von Papen, ein Bewun­de­rer Hin­den­burgs, der mit sei­nem “Kabi­nett der natio­na­len Kon­zen­tra­ti­on” (böse Zun­gen nen­nen es das „Kabi­nett der Baro­ne“) die Grund­la­gen Brü­nings vom Elend zur Kata­stro­phe aus­bau­en wird.

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Ein sehr lesens­wer­ter Geschichts-Thril­ler über die letz­ten 10 Wochen der Wei­ma­rer Repu­blik. Fak­ten­reich und span­nend wird das zähe Rin­gen aller Akteu­re — Hin­den­burg, Hit­ler, Papen, Schlei­cher — um die Macht beschrie­ben. Ein tol­les Lese­er­leb­nis; nur scha­de, dass alles so wahr ist und in die größ­te Kata­stro­phe der deut­schen Geschich­te geführt hat. Rüdi­ger Barth, Hau­ke Fried­richs, Die Toten­grä­ber: Der letz­te Win­ter der Wei­ma­rer Repu­blik*, S. FISCHER Ver­lag, 2018


Die letz­ten frei­en Wah­len der Wei­ma­rer Repu­blik zet­telt von Papen an, weil er Ärger mit dem Reichs­tag hat.
Sie fin­den am 6. Novem­ber 1932 statt und hät­ten der Anfang vom Ende des brau­nen Spuks in Deutsch­land sein kön­nen.

Die NSDAP ist nach die­ser Wahl plei­te, zer­strit­ten und hat – das ers­te Mal seit zwei Jah­ren – Wäh­ler­stim­men ein­ge­büßt: Ein Minus von 4,2 Pro­zent Stim­men hat sie ein­ge­fah­ren, das bedeu­tet 34 Sit­ze weni­ger im Reichs­tag.
Statt 230 Abge­ord­ne­te stellt sie jetzt „nur“ noch 196.
Der Ver­zicht der Alli­ier­ten auf wei­ter Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen, für den Brü­ning gekämpft hat, macht sich bemerk­bar und lässt die Wäh­ler­gunst für die Rech­ten brö­ckeln.

Die NSDAP vor dem Aus? Die letzten freien Wahlen der Weimarer Republik im November 1932

Schlap­pe“ notiert Goeb­bels nach der Reichs­tags­wahl frus­triert in sein Tage­buch, „Abwärts mit Hit­ler“ jubelt die SPD-Par­tei­zei­tung Vor­wärts.
Die Deut­sche All­ge­mei­ne Zei­tung sieht im Ergeb­nis eine „poli­ti­sche Mah­nung an die Natio­nal­so­zia­lis­ten, weil der Zau­ber der Unwi­der­steh­lich­keit gebro­chen“ sei.

Vor dem 6. Novem­ber 1932 hat­te es noch eine rech­ne­ri­sche Mög­lich­keit für eine Regie­rungs­ko­ali­ti­on aus NSDAP, BVP (Baye­ri­sche Volks­par­tei) und Zen­trum gege­ben, die­se Opti­on ist jetzt ver­lo­ren.

Der Nim­bus der NSDAP als „unbe­sieg­bar“ scheint Ende 1932 gebro­chen zu sein und es sieht nicht mehr danach aus, dass Adolf Hit­ler in Deutsch­land legal an die Macht kom­men könn­te.

Vie­le Men­schen atmen auf.

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www​.bild​bio​gra​phi​en​.de, 2017 (über­ar­bei­tet 2019)

Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Was begeis­ter­te Mil­lio­nen Men­schen an Adolf Hit­ler, war­um folg­ten sie ihm bis in den Unter­gang? Ging es tat­säch­lich nur um Arbeit und Volks­ge­mein­schaft — oder steckt mehr hin­ter dem “Phä­no­men Hit­ler”?
Die Erlaub­nis zu has­sen

Buch- und Film­emp­feh­lun­gen:

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Die Macht­er­grei­fung 1933, der Mythos ‘Auto­bahn­bau’, Röhm-Putsch - und vie­les mehr über­sicht­lich und sehr infor­ma­tiv beschrie­ben und mit tol­len Bil­dern gezeigt. Der Wer­de­gang Hit­lers und der NSDAP und die ers­ten 1000 Tage des Nazi-Regimes in span­nen­den Tex­ten und Fotos — sehr lesens­wert! GEO Epo­che, Deutsch­land unter dem Haken­kreuz, Teil 1: 1933 — 1936. Die ers­ten 1000 Tage der Dik­ta­tur*, Gru­ner + Jahr, 2013

Die Geschich­te der Deut­schen gut, über­sicht­lich und ver­ständ­lich erklärt. Neben allen wich­ti­gen Daten und Fak­ten gibt es vie­le Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Anek­do­ten, die das Lesen zum Ver­gnü­gen machen und das Ver­ste­hen von his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen erleich­tern. Für’s Nach­schla­gen und zum Quer­le­sen pri­ma geeig­net! Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2012

Das Lebens­ge­fühl der Deut­schen Ende der 1920er Jah­re, die Zer­ris­sen­heit der Wei­ma­rer Repu­blik zwi­schen Links und Rechts und ein packen­der Kri­mi nach Vol­ker Kut­schers Gere­on-Rath-Kri­mi­rei­he* per­fekt in Sze­ne gesetzt. Eine sehens­wer­te Serie für alle, die sich für die Zwan­zi­ger Jah­re begeis­tern — und für die, die Zeit­ge­schich­te vor allem durch die Men­schen, die damals gelebt haben, begrei­fen wol­len. Tom Tykwers Baby­lon Ber­lin Staf­fel 1 + 2*, 2018, FSK 12

Die dra­ma­ti­sche Zwi­schen­kriegs­zeit 1918 bis 1939 mit Spiel­sze­nen und bis­lang unver­öf­fent­lich­tem Ori­gi­nal-Film­ma­te­ri­al authen­tisch und sehr nach­voll­zieh­bar erzählt. Basis sind Tage­buch­ein­trä­ge und Brie­fe von Unity Mit­ford, Pola Negri und vie­len ande­ren. Kei­ne Wis­sen­schaft­ler aus dem Off — son­dern rea­le Men­schen, ihre Träu­me und Schick­sa­le zusam­men­ge­fasst in tol­len neu­en und alten Bil­dern. Sehr sehens­wert!. Krieg der Träu­me 1918–1939 [3 DVDs]*, 2018, FSK 12

Die gewal­ti­gen Tur­bu­len­zen in der euro­päi­schen Geschich­te von 1914 bis 1949 
meis­ter­haft, fun­diert und fes­selnd erzählt. Ein tol­ler Ein­stieg mit vie­len neu­en und weit­ge­hend unbe­kann­ten Aspek­te für alle, die sich schon inten­siv mit die­ser Epo­che befasst haben.
Ian Kers­haw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949*. Pan­the­on Ver­lag, 2017


Wei­ter­füh­ren­de Bei­trä­ge:

Die Hyper­in­fla­ti­on 1923: Reichs­kanz­ler Wil­helm Cuno und sei­ne „Regie­rung der Wirt­schaft“ ver­su­chen, die Fran­zo­sen aus dem Ruhr­ge­biet zu ver­trei­ben und las­sen dafür Geld dru­cken. Sehr viel Geld. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen für die gebeu­tel­te Wei­ma­rer Repu­blik. Es scheint nur noch eine Fra­ge der Zeit bis zum Kol­laps zu sein. Bis zum rech­ten oder lin­ken Kol­laps, das ist auch noch nicht so ganz klar …
Vom Ruhr­kampf zum Deut­schen Okto­ber

Die Welt­wirt­schafts­kri­se 1929 und ihre Fol­gen: Tat­säch­lich ist der „Schwar­ze Frei­tag“ ein Don­ners­tag. Am 24. Okto­ber 1929 begin­nen an der New Yor­ker Wall Street die Akti­en­kur­se zu rut­schen. Gegen Mit­tag wird aus Ner­vo­si­tät Panik, der Dow Jones sackt ab, der Han­del bricht mehr­mals zusam­men. Der Crash wird schließ­lich zur Wirt­schafts­kri­se, weil jeder ver­sucht zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist — egal, zu wel­chem Preis.
Der schwar­ze Frei­tag. Vom Bör­sen­krach zur Welt­wirt­schafts­kri­se.

Sir Oswald Mos­ley, seit 1928 Erbe des Fami­li­en­ti­tels und damit 6. Baro­net, hat­te nicht nur Schlag bei den Frau­en, son­dern zeich­ne­te sich vor allem auch durch sei­ne wech­seln­den poli­ti­schen Ein­stel­lun­gen und – damit ver­bun­den – einer abwechs­lungs­rei­chen Berufs­kar­rie­re aus. Nach­dem er in Groß­bri­tan­ni­en allen demo­kra­ti­schen Par­tei­en ange­hört hat, grün­det er 1932 die faschis­ti­sche ‘BUF’ und ver­sucht sich als bri­ti­sche Aus­ga­be Adolf Hit­lers. Anfangs hat er damit sogar Erfolg …
Hail Mos­ley!

Sta­lin ist grob und unbe­herrscht – es kann durch­aus vor­kom­men, dass er im Ärger den Kopf eines Mit­ar­bei­ters packt und auf die Tisch­plat­te knallt. Doch mitt­ler­wei­le ist er als Par­tei-Gene­ral­se­kre­tär viel zu mäch­tig, als dass man Lenins letz­ten Wil­len befol­gen könn­te, sich einen ande­ren zu suchen. Sta­lin — die Zeit der „Ent­ku­la­ki­sie­rung“ und des „Gro­ßen Ter­rors“.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil 2

Das Genera­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert

Bild­nach­wei­se:

Die Not unse­rer Zeit! Arbeits­lo­se Hafen­ar­bei­ter auf Abruf bei der Stra­ßen-Arbeits­ver­mitt­lung am Baum­wall, Ham­burg, 1931. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–11008 / CC-BY-SA 3.0

ADN-ZB/­Ar­chiv Deutsch­land Ber­lin: Wohl­tä­tig­keits­spei­sung armer Leu­te durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de In Ber­lin Nie­der­schön­hau­sen wer­den durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de arme Leu­te gespeist. Die Reichs­wehr hat eine Gou­lasch­ka­no­ne und 2 Mann zur Ver­fü­gung gestellt. Die Kos­ten der Spei­sung bringt die Kir­chen­ge­mein­de durch frei­wil­li­ge Spen­den auf. Jedes Mit­glied zahlt pro Tag 10 Pfen­ni­ge vor­läu­fig für die Dau­er von 3 Mona­ten. (Auf­nah­me: 1931). Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-T0706-501 / CC-BY-SA 3.0 (Auf­nah­me: 1931) 5417–31 5417–31

Dr. Hein­rich Brü­ning: Reichs­kanz­ler, Zen­trum, Deutsch­land. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183‑1989-0630–504 / CC BY-SA 3.0 de ADN-ZB/­Ar­chiv Hein­rich Brü­ning Poli­ti­ker des Zen­rums und Staats­mann geb. 26.11.1885 in Müns­ter gest. 30.3.1970 in Nor­wich (Vt.) Brü­ning war 1921/30 Geschäfts­füh­rer des Deut­schen Gewerkschaftsbundes,1924/33 Mit­glied des Reichs­ta­ges. Als Füh­rer der Zen­rums­frak­ti­on wur­de er 1930 Reichskan­ler, regier­te dik­ta­to­risch mit Not­ver­ord­nun­gen. Brü­ning mußte1932 zurück­tre­ten. 1933 emi­grier­te er in die USA und war 1934/52 Pro­fes­sor in Oxford, Bos­ton und Cam­bridge, dann 1952/55 an der Uni­ver­si­tät Köln. Bis zu sei­nem Tod leb­te er wie­der in den USA.


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