Die Erlaubnis zu hassen

Aufmarschgelände Nürnberg, nationalsozialistischer Aufmarsch

SA-Auf­marsch, Reichs­par­tei­tag 1933. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183‑1987-0410–501

Was begeis­ter­te Mil­lio­nen Men­schen an Adolf Hit­ler? War­um folg­ten ihm vie­le bedin­gungs­los und wur­den selbst zu Ver­fol­gern? „Ver­fol­gen beruht auf abge­wehr­tem Opfer­sein“, lau­tet eine der wich­tigs­ten The­sen der Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Ali­ce Mil­ler: Hit­ler gab vie­len sei­ner Anhän­gern die Opfer, die sie brauch­ten. Und er gab ihnen die Erlaub­nis zu has­sen.

Das Phänomen Hitler

Aus der Sicht jener Zeit gab es vie­le gute Grün­de, Adolf Hit­ler und den Natio­nal­so­zia­lis­ten zu fol­gen.

Sebas­ti­an Haff­ner beschreibt in sei­nen ‘Anmer­kun­gen zu Hit­ler (1978) eine Stim­mung in Deutsch­land vom Früh­jahr 1938 bis zum Früh­jahr 1939, in der sich Hit­ler-Geg­ner frag­ten, ob nicht sie im Unrecht wären und sei­ne Anhän­ger recht hät­ten

Wenn Hit­ler Ende 1938 einem Atten­tat zum Opfer gefal­len wäre, wür­den nur weni­ge zögern, ihn einen der größ­ten Staats­män­ner der Deut­schen zu nen­nen.“
Joa­chim Fest, Hit­ler Eine Bio­gra­phie


In die­ser Zeit scheint dem Füh­rer alles zu gelin­gen.
Ende der 1930er Jah­re sol­len mehr als 90 Pro­zent der Deut­schen begeis­ter­te Hit­ler-Anhän­ger gewe­sen sein.

Der wich­tigs­te Grund für vie­le: Jeder, der arbei­ten woll­te und konn­te, hat­te Arbeit (bis auf die, die aus­ge­grenzt, ermor­det oder ver­haf­tet wor­den waren oder in der Emi­gra­ti­on leb­ten).
Mil­lio­nen neu­er Arbeits­plät­ze waren in Rekord­zeit ent­stan­den — eine uner­mess­lich gro­ße Erleich­te­rung nach den Jah­ren des Hun­gers, der Unsi­cher­heit und bei­spiel­lo­ser Armut.

ADN-ZB/­Ar­chiv Deutsch­land Ber­lin: Wohl­tä­tig­keits­spei­sung armer Leu­te durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de In Ber­lin Nie­der­schön­hau­sen wer­den durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de arme Leu­te gespeist. Die Reichs­wehr hat eine Gou­lasch­ka­no­ne und 2 Mann zur Ver­fü­gung gestellt. Die Kos­ten der Spei­sung bringt die Kir­chen­ge­mein­de durch frei­wil­li­ge Spen­den auf. Jedes Mit­glied zahlt pro Tag 10 Pfen­ni­ge vor­läu­fig für die Dau­er von 3 Mona­ten. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-T0706-501 / CC-BY-SA 3.0 (Auf­nah­me: 1931) 5417–31

Dafür wer­den die Deut­schen einen hohen Preis bezah­len.
Ab etwa 1936 steht fest, dass es Krieg geben wird. Die vie­len neu­en Arbeits­stel­len in der Rüs­tungs­in­dus­trie und im Stra­ßen­bau wer­den auf Pump finan­ziert, die Staats­ver­schul­dung und das Haus­halts­de­fi­zit des Drit­ten Rei­ches schie­ßen in astro­no­mi­sche Höhen und kön­nen — rea­lis­tisch gese­hen — nur mit einem gewon­ne­nen Krieg bezahlt wer­den. Auch die Dis­kri­mi­nie­rung und schließ­lich die Ver­fol­gung von Juden dient der Beschaf­fung von ‘fri­schem Geld’.


ANZEIGE

Die gewal­ti­gen Tur­bu­len­zen in der euro­päi­schen Geschich­te von 1914 bis 1949.  Ein meis­ter­haft erzähl­ter, fun­dier­ter und fes­seln­der Bericht über die wich­tigs­te Epo­che unse­rer jüngs­ten Geschich­te. Sehr lesens­wert! Ian Kers­haw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949*. Pan­the­on Ver­lag, 2017


Viel­leicht hät­te die Wei­ma­rer Repu­blik eine Chan­ce gehabt, wenn sich der wirt­schaft­li­che Auf­schwung, der ab Mit­te der 1920er Jah­re auch in Deutsch­land für Wohl­stand sorg­te, fort­ge­setzt hät­te.

Das tat er nicht. Die kata­stro­pha­le Welt­wirt­schafts­kri­se des Jah­res 1929 und ihre Fol­gen wur­den zum Fanal, nicht nur für die Deut­schen, son­dern auch für vie­le ande­re Demo­kra­ti­en auf der gan­zen Welt.

Hitlers Bewunderer

Auch in der Außen­po­li­tik jagt das wirt­schaft­lich schein­bar blü­hen­de  Reich ab Mit­te der 1930er Jah­re von einem Erfolg zum nächs­ten.
Öster­reich und das Sude­ten­land keh­ren „heim in Reich” und in Spa­ni­en rei­ßen faschis­ti­sche Natio­na­lis­ten unter Gene­ral Fran­cis­co Fran­co die Macht an sich.

Alle Droh­ge­bär­den und Erpres­sun­gen Hit­lers, mit denen der Welt­ge­mein­schaft ein Zuge­ständ­nis nach dem ande­ren abtrotzt, gelin­gen.


ANZEIGE

Nach wie vor eine der bes­ten, fun­dier­tes­ten - und umfang­reichs­ten (über 1000 Sei­ten) — Hit­ler-Bio­gra­fi­en. Sehr lesens­wert!
Joa­chim C. Fest, Hit­ler. Eine Bio­gra­phie*. Ull­stein Ver­lag GmbH Ber­lin, Taschen­buch, unge­kürz­te Aus­ga­be, 2002


Plötz­lich ste­hen die Deut­schen nicht mehr als Kriegs­ver­lie­rer da.
Sie sind eine Nati­on von Sie­gern — zumin­dest die, die sich zur “deut­schen Volks­gen­mein­schaft” zäh­len dür­fen. Der “Füh­rer” lässt Bri­ten, Fran­zo­sen und den Rest der Welt mit ihrer Appease­ment- oder Nicht-Ein­mi­schungs-Poli­tik ein­fach schlecht aus­se­hen.

Das beein­druckt sogar im Aus­land: Vie­le Poli­ti­ker in Euro­pa und in den USA bestaun­ten das Phä­no­men ‚Hit­ler‘ halb sor­gen­voll, halb bewun­dernd.
In deut­schen Nach­bar­län­dern ist Hit­ler popu­lär, Faschis­mus als Fol­ge der ver­hee­ren­den Fol­gen der Welt­wirt­schafts­kri­se in vie­len Län­dern der Erde salon­fä­hig.

Ber­lin, Olym­pia­de, Sie­ger­eh­rung Fünf­kampf Olym­pi­sche Spie­le 1936 Sie­ger-Ehrung im Fünf­kampf auf der Sie­ger-Tri­bü­ne von rechts nach links: Ober­leut­nant Abba-Ita­li­en (II.) Haupt­mann Hand­rick-Deutsch­land (I.) Leut­nant Leo­nard-USA (III.) Fot. Stemp­ka. Bun­des­ar­chiv, Bild 183-G00825 / Stemp­ka / CC-BY-SA 3.0

Die Bewun­de­rung kennt kei­ne Gren­zen: Zur Eröff­nung der Olym­pia­de 1936 in Ber­lin zie­hen die Sport­ler vie­ler Dele­ga­tio­nen mit dem Hit­ler­gruß ins Sta­di­on ein und noch 1939 erklärt das ame­ri­ka­ni­sche Nach­rich­ten­ma­ga­zin Time Hit­ler zum „Mann des Jah­res“.

Die Begrün­dung für die­se Wahl lau­te­te, dass er im Jahr zuvor, also 1938, den Gang der Ereig­nis­se (die “Sude­ten­kri­se” und das Münch­ner Abkom­men) am stärks­ten beein­flusst und die meis­ten Schlag­zei­len ver­ur­sacht habe.
(Eine Begrün­dung, die im Jahr 2001 auch auf Osa­ma bin Laden zuge­trof­fen hät­te, aller­dings sah man davon ab, auch ihn zum  „Mann des Jah­res“ zu wäh­len.)

Ist es das, wes­halb sie ihm folg­ten?


ANZEIGE

Preis: EUR 10,99

Was wäre gewe­sen, wenn …
Hit­ler den Krieg gewon­nen hät­te und Groß­deutsch­land vom Rhein bis zum Ural rei­chen wür­de. Ein groß­ar­ti­ges Buch zwi­schen Fic­tion, Kri­mi und vie­len his­to­risch aus­ge­spro­chen inter­es­san­ten Fak­ten.
Robert Har­ris, Vater­land*. Heyne Ver­lag, 2017


Am Anfang war Erziehung

Ober­fläch­lich betrach­tet war Hit­ler der Mann, der inner­halb weni­ger Jah­re ein zer­ris­se­nes Land vom Ran­de eines Bür­ger­kriegs in eine blü­hen­de “Volks­ge­mein­schaft” ver­wan­del­te.
Der Struk­tu­ren und Arbeit schuf, auf den der Rest der Welt nei­disch war, weil fast alle Natio­nen immer noch mit den Fol­gen der Welt­wirt­schafts­kri­se zu kämp­fen hat­ten.
Eben einer, der auf den Tisch haut, und damit immer recht zu haben scheint.
Die Bewun­de­rung in In- und Aus­land hat­te schein­bar gute Grün­de.

Über die fürch­ter­li­chen Kehr­sei­ten des brau­nen Regimes moch­te man nicht spre­chen.  Mil­lio­nen Men­schen soll­te ent­gan­gen sein, dass sie für Wohl­stand und Sicher­heit den Preis zahl­ten, in einer Dik­ta­tur zu leben?
Nie­mand sah, dass jüdi­sche Nach­barn, unlieb­sa­me Poli­ti­ker, Jour­na­lis­ten und Künst­ler ein­fach “ver­schwan­den”? Nie­mand bemerk­te, dass nicht nur der Reichs­tag, son­dern auch Bücher brann­ten, dass Men­schen aus KZs zurück­ka­men und über die Lager berich­te­ten?

Kei­ner wuss­te etwas? Oder muss­te man Dik­ta­tur und Ver­fol­gung als “guter Deut­scher” ein­fach hin­neh­men?

In ihrem Buch Am Anfang war Erzie­hung beschreibt die Schwei­zer Auto­rin und Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Ali­ce Mil­ler die Kind­heit und Jugend Adolf Hit­lers als “erzo­ge­nes Kind” eines tief gestör­ten und prü­geln­den Vaters und einer lie­be­vol­len, aber hilf­lo­sen Mut­ter: Vom ver­bor­ge­nen zum mani­fes­ten Grau­en

Adolf Hit­lers Kind­heit und Jugend waren weder beson­ders unge­wöhn­lich noch unter­schie­den sie sich wesent­lich von denen, die Mil­lio­nen ande­re erle­ben und erdul­den muss­ten.

In die­ser „Erzie­hung“ durch schwar­ze Päd­ago­gik — so wie sie in die­ser Zeit von vie­len Eltern (und Leh­rern) prak­ti­ziert wur­de —  sieht Mil­ler den eigent­li­chen Grund für das mil­lio­nen­fa­che Schwei­gen und Mit­ma­chen.

Alice Miller_Wenn man einem Kind Moral predigt„Denn jedes Kind lernt durch Nach­ah­mung. Sein Kör­per lernt nicht das, was wir ihm mit Wor­ten bei­brin­gen woll­ten, son­dern das, was die­ser Kör­per erfah­ren hat. Daher lernt ein geschla­ge­nes, ver­letz­tes Kind zu schla­gen und zu ver­let­zen, wäh­rend das beschütz­te und respek­tier­te Kind lernt, Schwä­che­re zu respek­tie­ren und zu beschüt­zen. Weil es nur die­se Erfah­rung kennt.“
Ali­ce Mil­ler, Dein geret­te­tes Leben

Die Ursa­che dafür, dass die meis­ten Deut­schen ihrem “Füh­rer” bedin­gungs­los folg­ten, sei­ne Gräu­el­ta­ten ent­schul­dig­ten (“Davon hat der Füh­rer bestimmt nichts gewusst!”), oft selbst zu Ver­fol­gern wur­den und für ihn in einen Krieg zogen, den vie­le fürch­te­ten.

Schläge und Schweigen

Die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Ali­ce Mil­ler hat ihr Lebens­werk der Erfor­schung von Kind­heit und Erzie­hung gewid­met.
Am Anfang war Erzie­hung könn­te ihr Lebens­mot­to sein, denn eine ihrer wich­tigs­ten The­sen geht davon aus, dass Erwach­se­ne oft unbe­wusst die Erfah­run­gen und Mus­ter nach­ah­men, die sie in ihrer Kind­heit gelernt haben.

Kind­li­ches Fehl­ver­hal­ten und psy­cho­so­ma­ti­sche oder psy­chi­sche Erkran­kun­gen im Erwach­se­nen­al­ter ent­ste­hen, so Ali­ce Mil­ler, häu­fig durch jah­re­lan­ge (oft unbe­wusst erleb­te) Erzie­hung, die die Per­sön­lich­keit eines Kin­des miss­ach­tet.

Schlä­ge und Beschimp­fun­gen als all­täg­li­che Erzie­hungs­maß­nah­men  — also alles, was man bis weit ins 20. Jahr­hun­dert für “gute” und “sinn­vol­le” Erzie­hung hielt — kön­nen fata­le Fol­gen haben. Doch schlim­mer als Schlä­ge und Här­te ist ein zwei­ter Aspekt, der die Wir­kung von Prü­ge­lei und Demü­ti­gun­gen poten­ziert: Die Opfer müs­sen schwei­gen.

Das “Gebot zur Scho­nung der Eltern“, wie es Ali­ce Mil­ler bezeich­net, ver­bie­tet dem ‚Erzo­ge­nen‘, an der Hal­tung und den Maß­nah­men ihrer Erzie­her zu lei­den oder gar zu zwei­feln. Kin­der wach­sen damit in dem Glau­ben auf, dass das, was ihnen an Stra­fe wider­fah­ren ist, völ­lig rech­tens und von ihnen selbst durch ‚Unar­tig­keit‘ pro­vo­ziert wor­den ist.


ANZEIGE


Ali­ce Mil­lers Klas­si­ker „Am Anfang war Erzie­hung“ ist heu­te aktu­el­ler denn je – gesell­schaft­lich, für vie­le aber auch sehr per­sön­lich. Die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin über Kind­heit, Erzie­hung und “schwar­ze Päd­ago­gik” — und ihre Fol­gen. Ali­ce Mil­ler, Am Anfang war Erzie­hung*. Suhr­kamp Ver­lag, Frank­furt am Main, Taschen­buch, unge­kürz­te Ausgabe,1980

Verdrängen und Neu Inszenieren

Das Ver­bot, an schwar­zer Päd­ago­gik und ihren Voll­stre­ckern lei­den zu dür­fen, kann bei den Betrof­fe­nen zu Ver­drän­gung und Lei­dens-Unfä­hig­keit füh­ren: „Ein India­ner kennt kei­nen Schmerz“ wird zur Lebens­ma­xi­me.

Hit­ler-Bio­graf J. Toland schreibt bei­spiels­wei­se:

Vie­le Jah­re spä­ter erzähl­te Hit­ler einer sei­ner Sekre­tä­rin­nen, er habe ein­mal in einem Aben­teu­er­ro­man gele­sen, es sei ein Zei­chen von Mut, sei­nen Schmerz nicht zu zei­gen. Und so ‘nahm ich mir vor, bei der nächs­ten Tracht Prü­gel kei­nen Laut von mir zu geben. Und als dies soweit war – ich weiß noch, mei­ne Mut­ter stand drau­ßen ängst­lich vor der Tür –, habe ich jeden Schlag mit­ge­zählt. Die Mut­ter dach­te, ich sei ver­rückt gewor­den, als ich ihr stolz strah­lend berich­te­te: ‚Zwei­und­drei­ßig Schlä­ge hat mir der Vater gege­ben!“
John Toland, zitiert nach A.Miller


Was macht ein Kind, das den Maß­nah­men sei­ner Erzie­her aus­ge­lie­fert ist und dar­über schwei­gen muss?

Es gibt unzäh­li­ge ‚Tech­ni­ken‘, damit umzu­ge­hen“, schreibt Ali­ce Mil­ler, doch oft blei­be dem Kind kei­ne ande­re Wahl, als das Trau­ma zu ver­drän­gen (Abspal­tung) und die Täter zu idea­li­sie­ren.
Der jäh­zor­ni­ge und prü­geln­de Vater kann dadurch in der Erin­ne­rung zum har­ten, aber gerech­ten und wohl­mei­nen­den Vater wer­den.

Die Wie­der­ho­lung und Neu-Insze­nie­rung der bekann­ten Kind­heits­mus­ter, ist ein wei­te­rer Ver­such, mit Erfah­run­gen und Ver­let­zun­gen aus der Kind­heit umzu­ge­hen, die­ses Mal aller­dings mit anders besetz­ten Rol­len.

Miss­han­del­te Kin­der demü­ti­gen und miss­han­deln als Eltern ihre eige­nen Kin­der, Müt­ter, die als Kind nicht geliebt wur­den, sind oft unfä­hig, ihre Kin­der zu lie­ben.
Eine ande­re Vari­an­te ist, das erlit­te­ne Trau­ma als Leh­rer, Chef oder Poli­ti­ker an macht- und hilf­lo­se ‘Unter­ge­be­ne’ wei­ter­zu­ge­ben.

Das ist der tra­gi­sche Weg, mit dem die Metho­den und Prin­zi­pi­en der Schwar­zen Päd­ago­gik von einer Gene­ra­ti­on auf die nächs­te über­tra­gen und neu insze­niert wer­den — aus Opfern wer­den Täter.

Die Erlaubnis zu hassen

Hit­ler und sein Regime zwan­gen ein Volk in einen tota­li­tä­ren Staat, in dem das Schick­sal der Schwä­che­ren von den Stim­mun­gen und Lau­nen eines unum­strit­te­nen Herr­schers — des “Vaters” — abhän­gig war.

Die Wur­zeln für Hit­lers Auf­stieg und Popu­la­ri­tät sieht Ali­ce Mil­ler vor allem in den  Metho­den der Schwar­zen Päd­ago­gik, die weit ver­brei­tet waren. Vie­le  taten ein­fach das, was sie in ihren Kin­der­jah­ren gelernt hat­ten. Sie gehorch­ten.

Wie wir wis­sen, eig­net sich fast jedes Gedan­ken­gut dazu, den in der Kind­heit miss­han­del­ten Men­schen als Mario­net­te für die jewei­li­gen per­sön­li­chen Inter­es­sen der Macht­ha­ber zu gebrau­chen” schreibt Ali­ce Mil­ler. Vie­le Anhän­ger Hit­lers gehorch­ten nicht nur, son­dern wur­den zum Teil selbst zu Ver­fol­gern.

Denn das Regime gab ihnen mit der Ver­fol­gung von Juden, Homo­se­xu­el­len und ande­ren Min­der­hei­ten, die irgend­wie “anders” waren, das Ven­til, um Demü­ti­gun­gen und Miss­hand­lun­gen aus ihrer Kind­heit neu zu insze­nie­ren.

Es gab ihnen Sün­den­bö­cke.
U
nd die Erlaub­nis, ihre Wut und ihren Frust über Demü­ti­gun­gen und Schlä­ge in der Kind­heit frei­en Lauf zu las­sen. Die Erlaub­nis zu has­sen.

“Viel­leicht wird jemand sagen: Nicht jeder, der als Kind geschla­gen wur­de, muss ein Mör­der wer­den, sonst wür­den doch fast alle Men­schen zu Mör­dern.
Das ist in gewis­sem Sinn rich­tig. Doch so fried­lich ist es heu­te nicht um die Mensch­heit bestellt, und wir wis­sen nie, was ein Kind aus dem ihm gegen­über began­ge­nen Unrecht machen wird und muss, es gibt unzäh­li­ge ‚Tech­ni­ken‘, damit umzu­ge­hen.
Aber vor allem wis­sen wir noch nicht, wie die Welt aus­se­hen könn­te, wenn Kin­der ohne Demü­ti­gung, von ihren Eltern als Mensch geach­tet und ernst­ge­nom­men, auf­wach­sen wür­den.
Mir ist jeden­falls kein Mensch bekannt, der als Kind die­se Ach­tung genos­sen und spä­ter als Erwach­se­ner das Bedürf­nis gehabt hät­te, ande­re Men­schen umzu­brin­gen.
Ali­ce Mil­ler, Am Anfang war Erzie­hung

Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: “Erfun­den” haben die Natio­nal­so­zia­lis­ten die ‘Erzie­hung mit har­ter Hand’ nicht, aber wie so vie­les ande­re auf die Spit­ze getrie­ben. Johan­na Haa­rers Kin­der­drill-Bibel war in der Nazi-Zeit ein Best­sel­ler und wur­de in der Nach­kriegs­zeit ent­na­zi­fi­ziert und mit leicht ver­än­der­tem Titel wie­der auf­ge­legt. Bis in die 1980er Jah­re trieb die­ses Buch sein Unwe­sen — und hat bis zu sei­nem end­gül­ti­gen Aus über vie­le Kin­der unend­li­ches Leid gebracht.
Zwi­schen Drill und Miss­hand­lung: Die deut­sche Mut­ter und ihr ers­tes Kind

Über Alice Miller:

Die Schwei­zer Auto­rin und Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin wur­de 1923 als ältes­te Toch­ter einer jüdisch-ortho­do­xen Fami­lie im pol­ni­schen Pio­trków gebo­ren, ihr eigent­li­cher Name lau­te­te Ali­ci­ja Englard.  Die deut­sche Besat­zung Polens wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges über­leb­te sie mit fal­scher Iden­ti­tät in War­schau, spä­ter stu­dier­te sie Lite­ra­tur­ge­schich­te und Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Basel, wo sie im Fach Phi­lo­so­phie ihren Dok­tor­ti­tel erlang­te. Nach Abschluss des geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­ums begann Mil­ler in Zürich eine Aus­bil­dung in freu­dia­ni­scher Psy­cho­ana­ly­se.
1980 gab Ali­ce Mil­ler nach über 20 Jah­ren ihre Arbeit als Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin und Lehr­ana­ly­ti­ke­rin auf, um sich sys­te­ma­tisch der Erfor­schung der Kind­heit wid­men zu kön­nen. Mehr und mehr setz­te sie sich kri­tisch mit der Psy­cho­ana­ly­se aus­ein­an­der, die ihrer Mei­nung nach zu sehr auf den Prin­zi­pi­en der „Schwar­ze Päd­ago­gik“ basie­re: „Bis­her schütz­te die Gesell­schaft die Erwach­se­nen und beschul­dig­te die Opfer“, lau­tet eine ihrer The­sen. 1984 erklär­te sie ihre Abkehr von der Psy­cho­ana­ly­se und woll­te auch nicht mehr als Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin bezeich­net wer­den.

Wie schwie­rig es ist, die eige­nen Erfah­run­gen als ‚gut erzo­ge­nes‘ Kind im Erwach­se­nen­al­ter abzu­le­gen und alte, über­kom­me­ne Mus­ter nicht an die eige­nen Kin­der wei­ter­zu­ge­ben, hat Ali­ce Mil­lers Sohn Mar­tin beschrie­ben: Drei Jah­re nach Tod sei­ner Mut­ter im Jahr 2010 ver­öf­fent­lich­te er sei­nen Lebens­be­richt als eige­nes Buch mit dem Titel: „Das wah­re Dra­ma des begab­ten Kin­des“, Unter­ti­tel: „Die Tra­gö­die Ali­ce Mil­lers – wie ver­dräng­te Kriegs­trau­ma­ta in der Fami­lie wir­ken“.


Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2016 (aktua­li­siert 2018)


 Wir müssten das alles mal aufschreiben  Die Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en bringt seit 2012 Lebens-. Fami­li­en- und Unter­neh­mens­bio­gra­fi­en als Bild­bio­gra­phi­en ins Buch und bie­tet außer­dem einen Ghost­wri­ting-Ser­vice mit den Schwer­punk­ten Geschich­te und Psy­cho­lo­gie an.
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auch auf unse­rer Home­page www.bildbiographien.de


Buch- und Film­emp­feh­lun­gen:
(Die mit * gekenn­zeich­ne­ten Links sind soge­nann­te Affi­la­te-Links, die hel­fen, den Blog Gene­ra­tio­nen­ge­spräch zu finan­zie­ren. Wenn Ihnen eine der ange­ge­be­nen Buch­emp­feh­lun­gen gefällt und Sie das Buch über die­sen Link bestel­len, erhält der Blog dafür eine klei­ne Pro­vi­si­on, ohne dass für Sie Mehr­kos­ten ent­ste­hen. Für Ihren Klick: Herz­li­chen Dank im Vor­aus!)

Preis: EUR 5,96


Film­tipp: Das wei­ße Band.
Ein bewe­gen­der Film über die Schwar­ze Päd­ago­gik, die vie­le Jahr­hun­der­te lang Kind­heit und Erzie­hung präg­te.
Micha­el Han­eke, Das wei­ße Band*, 2010. DVD
FSK: ab 12 Jah­ren

Die Geschich­te der Deut­schen gut, über­sicht­lich und ver­ständ­lich erklärt. Für alle Geschichts­in­ter­es­sier­ten pri­ma zum Nach­schla­gen und Quer­le­sen geeignet.Christian v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2012

Die gro­ßen Lini­en in der deut­schen Geschich­te glän­zend, fak­ten­reich und span­nend erzählt. “Es ent­hält auf 300 Sei­ten weit mehr klu­ge und ori­gi­nel­le Gedan­ken über die deut­sche Geschich­te zwi­schen 1871 und 1945 als der eine oder ande­re dicke Wäl­zer”, heißt es in einer Rezen­si­on. Stimmt!  Sebas­ti­an Haff­ner, Von Bis­marck zu Hit­ler: Ein Rück­blick*. Dro­emer Taschen­buch, 2015

Die gewal­ti­gen Tur­bu­len­zen in der euro­päi­schen Geschich­te von 1914 bis 1949.  Ein meis­ter­haft erzähl­ter, fun­dier­ter und fes­seln­der Bericht über die wich­tigs­te Epo­che unse­rer jüngs­ten Geschich­te. Sehr lesens­wert! Ian Kers­haw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949*. Pan­the­on Ver­lag, 2017

Nach wie vor eine der bes­ten, fun­dier­tes­ten - und umfang­reichs­ten (über 1000 Sei­ten) — Hit­ler-Bio­gra­fi­en. Sehr lesens­wert!
Joa­chim C. Fest, Hit­ler. Eine Bio­gra­phie*. Ull­stein Ver­lag GmbH Ber­lin, Taschen­buch, unge­kürz­te Aus­ga­be, 2002

Wei­ter­füh­ren­de Links zum The­ma:

Hit­ler, Sta­lin, Spa­ni­en und Olym­pia: Im Som­mer 1936 trifft die Welt zwei Mal auf­ein­an­der: Bei der Olym­pia­de in Ber­lin und auf den Schlacht­fel­dern des Bür­ger­kriegs in Spa­ni­en. Ein Jahr, das ver­hei­ßungs­voll und mit der Hoff­nung beginnt, den Hit­ler-Irr­sinn end­lich ver­eint zu stop­pen, endet in einem Rausch aus Blut und Ter­ror.
1936: Das Jahr des Schei­terns


Hit­ler und die Frau­en: Adolf Hit­ler hat­te ein sehr gro­ßes Inter­es­se an Frau­en (und umge­kehrt) und war bei wei­tem nicht der “ein­sa­me Wolf”, als der er sich in der Öffent­lich­keit ger­ne dar­stel­len ließ. Adolf Hit­ler, die Frau­en, sein deutsch-bri­ti­sches Tech­tel­mech­tel und die Fra­ge: Wäre Hit­ler ein guter Schwie­ger­sohn gewe­sen?
Vom It-Girl zur Wal­kü­re: Die Welt der Unity Mit­ford


Der eigent­li­che Irr­sinn ist, dass im Jahr 1939 fast nie­mand einen Krieg woll­te. Bri­ten und Fran­zo­sen nicht, die Sowjets nicht und auch nicht die meis­ten Deut­schen. Die ein­zi­ge trei­ben­de Kraft ist Adolf Hit­ler. Seit sei­ner „Macht­er­grei­fung“ im Jahr 1933 wird die deut­sche Außen- und Innen­po­li­tik, die Wirt­schafts- und Finanz­po­li­tik ein­zig und allein auf das Ziel Krieg aus­ge­rich­tet. Eine Chro­no­lo­gie der größ­ten Kata­stro­phe in der Geschich­te der Mensch­heit:
Vor 70 Jah­ren: Welt­kriegs­en­de-Zusam­men­bruch-Befrei­ung


Vor­bil­der? Lan­ge Zeit hat­te man ver­mu­tet, dass nur Kin­der und Jugend­li­che Vor­bil­der haben und sie auch brau­chen, um ihre Per­sön­lich­keit zu ent­wi­ckeln. Das stimmt nicht. Auch Erwach­se­ne haben Vor­bil­der, meis­tens ohne es zu mer­ken. Außer­dem glaub­te man, dass ein Vor­bild immer etwas Posi­ti­ves sein müss­te. Auch das ist nicht rich­tig — unse­re Vor­bil­der kön­nen uns gehö­rig in die Irre füh­ren und zu Hand­lun­gen ver­lei­ten, mit denen wir uns und ande­ren scha­den.
Rich­ti­ge und fal­sche Vor­bil­der/


Das Gene­ra­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert


Lese­emp­feh­lun­gen zum The­ma:


In zwei Mona­ten haben wir Hit­ler an die Wand gedrückt, dass er quietscht”, glaub­te Franz von Papen, als Adolf Hit­ler am 30. Janu­ar 1933 zum Reichs­kanz­ler ernannt wur­de. Von Papen irr­te sich, vie­le ande­re auch. Über die Reak­tio­nen im In- und Aus­land anläss­lich Hit­lers Ernen­nung:
Zeit online: Adolf Hit­ler: Ruhig abwar­ten

Spie­gel Online: Die deut­sche Kata­stro­phe. Georg Bönisch über Joa­chim Fests Meis­ter­werk „Hit­ler. Eine Bio­gra­phie“
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-50828283.html


Über das Buch „Das wah­re ‚Dra­ma des begab­ten Kin­des’“ von Mar­tin Mil­ler. Der Tages­spie­gel: “Die Mas­ke der Kin­der­recht­le­rin”:
http://www.tagesspiegel.de/kultur/martin-millers-buch-ueber-seine-mutter-alice-die-maske-der-kinderrechtlerin/8793762.html


Bild­nach­wei­se:
1. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183‑1987-0410–501 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5345947
2. ADN-ZB/­Ar­chiv Deutsch­land Ber­lin: Wohl­tä­tig­keits­spei­sung armer Leu­te durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de In Ber­lin Nie­der­schön­hau­sen wer­den durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de arme Leu­te gespeist. Die Reichs­wehr hat eine Gou­lasch­ka­no­ne und 2 Mann zur Ver­fü­gung gestellt. Die Kos­ten der Spei­sung bringt die Kir­chen­ge­mein­de durch frei­wil­li­ge Spen­den auf. Jedes Mit­glied zahlt pro Tag 10 Pfen­ni­ge vor­läu­fig für die Dau­er von 3 Mona­ten. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-T0706-501 / CC-BY-SA 3.0 (Auf­nah­me: 1931) 5417–31
3. Ber­lin, Olym­pia­de, Sie­ger­eh­rung Fünf­kampf Olym­pi­sche Spie­le 1936 Sie­ger-Ehrung im Fünf­kampf auf der Sie­ger-Tri­bü­ne von rechts nach links: Ober­leut­nant Abba-Ita­li­en (II.) Haupt­mann Hand­rick-Deutsch­land (I.) Leut­nant Leo­nard-USA (III.) Fot. Stemp­ka. Bun­des­ar­chiv, Bild 183-G00825 / Stemp­ka / CC-BY-SA 3.0

4. Zitat Ali­ce Mil­ler, Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en
5. Boy­kott der Natio­nal­so­zia­lis­ten gegen jüdi­sche Geschäf­te in Deutsch­land,
SA — Mit­glie­der kle­ben an das Schau­fens­ter eines Ber­li­ner jüdi­schen Geschäfts ein Schil­der mit der Auf­schrift “Deut­sche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden” Bun­des­ar­chiv, Bild 102–14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0



AGENTUR FÜR BILDBIOGRAPHIEN DR. SUSANNE GEBERT

 NEWSLETTER * FACEBOOK * XING * PINTEREST
Kon­takt * Daten­schutz * Impres­sum

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.