9. November 1938: „Kristallnacht“

Kristallnacht am 9. November 1938 www.generationengespräch.de

Am 7. Novem­ber 1938 ver­übt der 17jährige pol­ni­sche Jude Her­schel Grynszpan in Paris ein Atten­tat auf den deut­schen Diplo­ma­ten Ernst Edu­ard vom Rath.
Rath ist das Opfer, auf das man als Beweis für die jüdi­sche Welt­ver­schwö­rung schon lan­ge war­tet, um end­lich den geplan­ten „Volks­zorn“ zu ent­fes­seln.

Der 9. Novem­ber 1938 und sei­ne Hintergründe.

Schleichender Antisemitismus

Nach der “Macht­er­grei­fung” im Janu­ar 1933 machen sich die Natio­nal­so­zia­lis­ten dar­an, Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land mehr und mehr zum guten Ton wer­den zu las­sen. Bereits in ihrer Auf­stiegs- und “Kampf”-Phase in den 1920er und 1930er Jah­ren hat die NSDAP ver­sucht, alt­ein­ge­ses­se­ne Vor­ur­tei­le und Res­sen­ti­ments zu schüren.

  • Für die meis­ten Deut­schen ist Anti­se­mi­tis­mus zu die­sem Zeit­punkt aller­dings kein The­ma.
    Vie­le haben Res­sen­ti­ments; man macht anti­jü­di­sche Wit­ze — aber von Hit­lers Juden­hass füh­len sich vie­le sogar abge­sto­ßen, wes­halb die Natio­nal­so­zia­lis­ten am Ende der Wei­ma­rer Repu­blik bis zur Macht­er­grei­fung auf Hetz­kam­pa­gnen gegen Juden weit­ge­hend verzichten.

Den jüdi­schen Nach­barn gleich­zei­tig für den ‘jüdi­schen inter­na­tio­na­len Finanz­ka­pi­ta­lis­mus’ und die ‘jüdisch-bol­­sche­­wis­­ti­­schen Welt­ver­schwö­rung’ ver­ant­wort­lich zu machen, geht vie­len zu weit. Auf sol­che Ideen kom­men nur ein­ge­fleisch­te Nazis. Und das ist die Mehr­heit der Deut­schen 1933 eben nicht.

November 1938 Reichskristallnacht Generationengespräch
SA — Mit­glie­der kle­ben an das Schau­fens­ter eines Ber­li­ner jüdi­schen Geschäfts ein Schil­der mit der Auf­schrift “Deut­sche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden” Bun­des­ar­chiv, Bild 102–14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

Am 7. April 1933 ver­hängt die Reichs­re­gie­rung mit dem “Gesetz zur Wie­der­her­stel­lung des Berufs­be­am­ten­tums” und dem „Gesetz über die Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft“ ein Berufs­ver­bot für jüdi­sche und regime­kri­ti­sche Beamte. 

  • Etwa 37.000 Men­schen ver­lie­ren ihre beruf­li­che Exis­tenz.
    Nach einer Inter­ven­ti­on Hin­den­burgs wer­den jüdi­sche Vete­ra­nen des Welt­kriegs 1914 bis 1918 vom Berufs­ver­bot ausgenommen.
Zitat Joseph Goebbels Propaganda Magda Goebbels der Bock von Babalesberg Generationengespräch

Fünf Jah­re spä­ter hat sich das geän­dert.
Wer sich zur deut­schen ‘Volks­ge­mein­schaft’ zählt, unter­stützt in der Regel auch die sys­te­ma­ti­sche Aus­gren­zung von Men­schen jüdi­schen Glau­bens (oder Her­kunft) aus dem sozia­len und wirt­schaft­li­chen Leben.

Der Dau­er­be­schus­s aus Goeb­bels’ Pro­­pa­­gan­­da-Maschi­­ne­rie und ‘Stür­mer’-Het­ze zei­gen Wir­kung: Die meis­ten Deut­schen fol­gen dem knall­har­ten Abstam­­mungs-Anti­­se­­mi­­tis­­mus Hit­lers und sind bereit, die wil­den Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen des “Drit­ten Rei­ches” zu glauben.

Beschimp­fun­gen, Benach­tei­li­gun­gen und auch Gewalt gegen Juden waren für die meis­ten zur Nor­ma­li­tät geworden.

Die Ökonomie hinter Hitlers Judenhass: Jüdisches Vermögen zur Kriegsfinanzierung

Es sind vor allem Neid, Pro­fit­gier und Geld, die den Anti­se­mi­tis­mus der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Obrig­keit ab 1933 prä­gen. Hit­lers Juden­hass und sei­ne Ideo­lo­gie, die er bereits in ‘Mein Kampf’ mit sämt­li­chen Fol­gen beschreibt, spie­len zwar auch eine Rol­le, aber eine deut­lich gerin­ge­re als häu­fig vermutet. 

Juden wer­den zu den Sün­den­bö­cken sti­li­siert, die für alles, was schief­läuft, ver­ant­wort­lich gemacht wer­den. Aber der eigent­li­che Grund ist ein anderer. 

  • Es geht um Geld. Um viel Geld.

Denn man braucht das jüdi­sche Ver­mö­gen für das gigan­ti­sche Rüs­tungs­pro­gramm, mit dem der bevor­ste­hen­den Krieg — längst eine beschlos­se­ne Sache — vor­be­rei­tet wird. Wohl­ha­ben­de jüdi­sche Fami­li­en und Unter­neh­mer sol­len dabei die Rol­le des „Ass im Ärmel“ zur Finan­zie­rung von Hit­lers Kriegs­plä­nen spielen.

Hitlers Krieg die Deutsche Wirtschaft und der 2. Weltkrieg Generationengespräch
Krieg, Hun­ger und Ver­nich­tung: Adolf Hit­ler, die deut­sche Wirt­schaft und der 2. Weltkrieg
  • Reichs­wirt­schafts­mi­nis­ter Hjal­mar Schacht ist ein erklär­ter Geg­ner anti­jü­di­schen Boy­kot­te, weil er fürch­tet, dass sie der Wäh­rungs­sta­bi­li­tät der Reichs­mark scha­den und die Devi­sen­ein­nah­men in Gefahr bringen. 

Zeit­wei­se wer­den jüdi­sche Unter­neh­men aus­drück­lich nicht benach­tei­ligt, weil man nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf das Wirt­schafts­le­ben befürchtet.

Zudem sind beson­ders in der ers­ten Pha­se nach der “Macht­er­grei­fung” vie­le Deut­sche noch nicht auf Linie; es gibt zwar kei­nen offe­nen Wider­stand, aber die Unzu­frie­den­heit mit dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regime ist spür­bar. Das Regime ist noch nicht so fest im Sat­tel, dass es dem “Volk” sein kom­plet­tes Arse­nal an Radi­ka­li­tät zuzu­mu­ten wagt.

Vie­le, Juden eben­so wie Nicht-Juden, hof­fen auf ein bal­di­ges Ende des brau­nen Spuks. 

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Ber­lin 1933: Gere­on Raths fünf­ter Fall führt sei­ne Leser direkt in die Zeit der ‘Macht­er­grei­fung’: Reichs­tags­brand, Kom­mu­nis­ten­het­ze, die letz­te Reichs­tags­wahl im März 1933. Hit­ler-Geg­ner, sei­ne Befür­wor­ter und die gro­ße schwei­gen­de Mehr­heit, die hofft, dass die­ser Spuk bald vor­bei sein wird. Ein groß­ar­ti­ger Kri­mi­nal­ro­man vor his­to­ri­schem Hin­ter­grund — sehr lesens­wert!

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Entjudung“ und die Mobilisierung des „Volkszorns

Erst im Sep­tem­ber 1935 fühlt sich das Regime sat­tel­fest genug, um mit den Nürn­ber­ger Geset­zen“ zur Ras­sen­tren­nung den Druck zu ver­stär­ken. Unter­neh­mer jüdi­scher Her­kunft haben nach ihrer Ver­kün­dung auf dem Nürn­ber­ger Reichs­par­tei­tag 1935 kei­ne Opti­on mehr. Vie­le geben auf, ver­kau­fen ihre Betrie­be weit unter Wert oder schei­den aus der Geschäfts­lei­tung aus. 

Ab 1937 wird die Aus­gren­zung wei­ter zur exis­ten­zi­el­len Bedro­hung aus­ge­baut.
Denn das Regime braucht drin­gen­der denn je das jüdi­sche Ver­mö­gen zur Finan­zie­rung des längst beschlos­se­nen Zwei­ten Welt­kriegs. Die recht­mä­ßi­gen Besit­zer die­ses Ver­mö­gens braucht man nicht.

Aus­stel­lung “Der ewi­ge Jude” im Deut­schen Muse­um, 7.bis 8.11.1937
  • Im Novem­ber 1937 kommt es zwi­schen Reichs­wirt­schafts­mi­nis­ter Hjal­mar Schacht und Göring, seit kur­zem auch der neu­en Beauf­trag­te für den Vier­jah­res­plan, zu einem hef­ti­gen Streit über die deut­sche Aut­ar­kie­po­li­tik.
    Hit­ler lässt die bei­den strei­ten, aber schließ­lich wirft der eher mode­ra­te Schacht hin und wird aus sei­nem Amt entlassen. 

Schachts Aus­schei­den macht sich sofort bemerkbar.

Bereits für das Weih­nachts­ge­schäft 1937 wird ein Boy­kott gegen jüdi­sche Betrie­be und Läden orga­ni­siert. Mehr und mehr ver­än­der­te sich die Stra­te­gie von der schlei­chen­den „Ent­ju­dung“ des deut­schen Wirt­schafts­le­bens in Rich­tung Zwangs­ent­eig­nung.

Die – so „Reichs­füh­rer-SS“ Hein­rich Himm­ler – am bes­ten durch Mobi­li­sie­rung des „Volks­zorns“ und Aus­schrei­tun­gen erreicht wer­den könne.

Erschüt­ternd aktu­ell: BAP — Kris­tall­naach

Wolf­gang Nie­de­cken, Autor und Sän­ger von BAP, sie­delt sei­nen Song in der Gegen­wart an (also zu Beginn der 1980er Jah­re), in der Neo­na­zis euro­pa­weit gro­ßen Zulauf haben und wie­der salon­fä­hig zu wer­den dro­hen – und warnt vor einer Wie­der­ho­lung der Geschich­te. „Neid“, „Pro­fit­gier“ und „Geld“ wer­den im Text als Ursa­chen von Gewalt und Ver­fol­gung benannt.

In dem 1982 ver­öf­fent­lich­ten Lied „Kris­tall­naach“ heißt es:
https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​N​K​c​u​1​i​M​H​jJA

Lyrics — Kris­tall­naach:
https://​www​.bap​.de/​s​o​n​g​t​e​x​t​/​k​r​i​s​t​a​l​l​n​a​a​ch/

Mefo-Wechsel und der Anschluss Österreichs

Zu Beginn des Jah­res 1938 geht es gro­ßen Tei­len der deut­schen Bevöl­ke­rung wirt­schaft­lich so gut wie nie, wäh­rend das Drit­te Reich kurz vor der Staats­plei­te steht.

Das offi­zi­el­le staat­li­che Haus­halts­de­fi­zit liegt bei zwei Mil­li­ar­den Reichs­mark, tat­säch­lich feh­len aber 10 Mil­li­ar­den. Die Mög­lich­keit zur Schul­den­auf­nah­me stößt an ihre Gren­zen und vie­le der soge­nann­ten Mefo-Wech­sel zur Finan­zie­rung der Auf­rüs­tung wer­den fällig.

Sogar die Kriegs­vor­be­rei­tun­gen wer­den durch die deso­la­te wirt­schaft­li­che Situa­ti­on im Reich gefähr­det.

1937 wichtige Ereignisse Deutschland Generationengespräch
Deutsch­land 1937: Der Weg in den Zwei­ten Weltkrieg

Um das zu ver­hin­dern, über­nimmt Hit­ler per­sön­lich das Ober­kom­man­do der Wehr­macht und lässt sie am 4. März 1938 in Öster­reich einrücken.

Mit dem „Anschluss“ Öster­reichs ver­grö­ßert sich das Reich nicht nur, son­dern es kom­men auch wei­te­re 192.000 Men­schen jüdi­scher Her­kunft zu den noch 350.000 im „Alt­reich“ verbliebenen.

  • Beson­ders in Wien mit einem jüdi­schen Bevöl­ke­rungs­an­teil von neun Pro­zent ver­ste­hen vie­le Hit­ler-Anhän­ger die Zei­chen aus Ber­lin falsch und schla­gen los: In wochen­lan­gen Aus­schrei­tun­gen wer­den jüdi­schen Laden­be­sit­zer in unor­ga­ni­sier­ten Aktio­nen aus ihren Geschäf­ten geprü­gelt und von mit­tel­stän­di­schen NSDAP-Mit­glie­dern de fac­to zwangsenteignet.

Göring tobt ange­sichts der anar­chi­schen öster­rei­chi­schen Raub­zü­ge.
Das sei schließ­lich kein „Ver­sor­gungs­sys­tem untüch­ti­ger Par­tei­ge­nos­sen“, pol­tert er. Der bank­rot­te NS-Staat braucht das jüdi­sche Geld selbst.

  • Ende April 1938 erlässt Göring ein Gesetz, das alle Juden im Reich zunächst zwingt, ihre Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se beim Finanz­amt detail­liert offen zu legen. Das geschätz­te Gesamt­ver­mö­gen von etwa 8,5 Mil­li­ar­den Reichs­mark soll das Haus­halts­de­fi­zit ver­rin­gern und die Beraub­ten ins Aus­land vertreiben.

Für die Deut­schen sind alle die­se Maß­nah­men völ­lig in Ord­nung.
Till­mann Ben­di­kow­ski berich­tet in sei­nem lesens­wer­ten Buch Hit­ler­wet­ter: Das ganz nor­ma­le Leben in der Dik­ta­tur: Die Deut­schen und das Drit­te Reich 1938/39* dass an eini­gen Tagen die Hetz-Aus­stel­lung “Der ewi­ge Jude” vor­über­ge­hend geschlos­sen wer­den muss, weil der Andrang so groß ist.

Die Deut­schen besu­chen die Aus­stel­lung wohl­ge­merkt frei­wil­lig — nie­mand zwingt sie dazu.

Die Konferenz von Evian: Keine Chance für jüdische Flüchtlinge

Auf Betrei­ben des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten  Theo­do­re Roo­se­velt fin­det im Juli 1938 im fran­zö­si­schen Städt­chen Evi­an eine inter­na­tio­na­le Kon­fe­renz statt, um die Mög­lich­kei­ten der Aus­wan­de­rung von Juden aus Deutsch­land und Öster­reich zu verbessern.

  • Die euro­päi­schen Nach­barn Deutsch­lands befürch­ten eine Flücht­lings­wel­le und ver­su­chen, sie abzu­wen­den. Jedoch ist kei­ner der 32 Teil­neh­mer­staa­ten von Evi­an bereit, jüdi­sche Flücht­lin­ge in grö­ße­rem Maß­stab auf­zu­neh­men.
    Die Kon­fe­renz schei­tert, man trennt sich ergebnislos.

Die Schweiz pro­tes­tiert statt­des­sen gegen die dro­hen­de „Ver­ju­dungdurch Flücht­lin­ge aus dem an das Deut­sche Reich ange­schlos­se­ne Öster­reich und droht mit einer all­ge­mei­nen Visumspflicht. 

Und auch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sehen kei­ne Mög­lich­keit, den jüdi­schen Flücht­lin­gen aus Euro­pa Zuflucht zu gewäh­ren.
Sie hal­ten an ihrer nor­ma­len Quo­te von jähr­lich 27.370 Ein­wan­de­rern aus Deutsch­land und Öster­reich fest.

  • Wenig hilf­reich ist, dass man in vie­len Län­dern, allen vor­an in den USA, Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung kennt, tole­riert oder sogar poli­tisch erlaubt: In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind “Neger” — Men­schen mit dunk­ler Haut­far­be — die Bür­ger 2. Klas­se.

Juden” hat­ten in den meis­ten euro­päi­schen Staa­ten kein gro­ßes Ansehen. 

Vie­le glau­ben außer­dem, dass die Ver­fol­gung der Juden im Drit­ten Reich ihren Gip­fel bereits erreicht hät­te. Was soll­te denn jetzt noch kom­men? Soli­da­ri­tät mit den Ver­folg­ten gibt es auf die­ser Kon­fe­renz sehr zur Ent­täu­schung Roo­se­velts nicht.

… Der Bot­schaf­ter kam dann auf die Juden­fra­ge zu spre­chen und sag­te, daß sie natür­lich von gro­ßer Bedeu­tung für die deutsch-ame­ri­ka­ni­schen Bezie­hun­gen sei. Dabei sei es nicht so sehr die Tat­sa­che, daß wir die Juden los­wer­den woll­ten, die uns so schäd­lich sei, als viel­mehr das lär­men­de Getö­se, das wir mit die­ser Absicht ver­bän­den. Er selbst habe durch­aus Ver­ständ­nis für unse­re Juden­po­li­tik; er stam­me aus Bos­ton und dort wür­den in sei­nem Golf-Club und in ande­ren Clubs seit 50 Jah­ren kei­ne Juden zugelassen.”

US-Bot­schaf­ter in Groß­bri­tan­ni­en Joseph P. Ken­ne­dy, 1938
Zitiert nach: Robert Har­ris, Vater­land*

Als im Drit­ten Reich am 9. Novem­ber 1938 die Lage eska­liert (wird) und die blu­ti­ge Jagd beginnt, hält Luxem­burg sei­ne Gren­zen fest ver­schlos­sen und ver­stärkt die Grenz­kon­trol­len gegen Flüchtlinge.

Der 9. November 1938

Im Okto­ber 1938, kurz nach­dem das Sude­ten­land mit dem Segen des „Münch­ner Abkom­mens“ ver­meint­lich fried­lich „Heim ins Reich“ geholt wor­den war und Hit­ler intern die Vor­be­rei­tun­gen für die „Zer­schla­gung der Rest-Tsche­chei“ ange­ord­net hat­te, ver­kün­det Her­mann Göring ein wei­te­res gigan­ti­sches Rüstungsprogramm.

Die Pri­vat­wirt­schaft müs­se dar­an mit­wir­ken, die „Ari­sie­rung“ des jüdi­schen Ver­mö­gens sei nun unum­gäng­lich, betont er.

Das Atten­tat des 17jährigen pol­ni­schen Juden Her­schel Grynszpan am 7. Novem­ber 1938 auf den deut­schen Lega­ti­ons­se­kre­tär Ernst Edu­ard vom Rath kommt in die­ser Situa­ti­on gera­de recht.

Als vom Rath zwei Tage nach dem Anschlag an sei­nen Ver­let­zun­gen stirbt, wird er eben­so schnell wie fei­er­lich zum „Blut­zeu­gen“ erklärt.

  • Er ist das Opfer, auf das Hit­ler und sei­ne Entou­ra­ge als Beweis für die jüdi­sche Welt­ver­schwö­rung gewar­tet haben, um end­lich den akri­bisch geplan­ten „Volks­zorn“ zu entfesseln.
Herschel Grynspan kurz nach seiner Verhaftung am 7. November 1938, Autor: Unknown, Gemeinfrei
Her­schel Gryn­span kurz nach sei­ner Ver­haf­tung am 7. Novem­ber 1938

Die Hetz­jagd beginnt bereits am spä­ten Nach­mit­tag des 7. Novem­ber 1938 in Kur­hes­sen und Mag­de­burg-Anhalt durch Ange­hö­ri­ge der SA und SS in Zivilkleidung.

  • Zuvor hat­te Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Joseph Goeb­bels in einer Rede vor Gau­lei­tern und SA-Füh­rern die „jüdi­sche Welt­ver­schwö­rung“ für das Atten­tat ver­ant­wort­lich gemacht und lobt die „spon­ta­nen“, anti­jü­di­schen Aktio­nen, nament­lich in Kur­hes­sen und Magdeburg-Anhalt.

Zufrie­den notiert er spä­ter in sei­nem Tage­buch, wie die Funk­tio­nä­re nach sei­ner Redegleich an die Tele­pho­ne saus­ten“, um die ent­spre­chen­den Anwei­sun­gen an die Basis weiterzugeben.

Die Par­tei wol­le nicht als Orga­ni­sa­tor sol­cher Aktio­nen in Erschei­nung tre­ten, wer­de sie aber dort, wo sie ent­stün­den, nicht behin­dern, ver­spricht Goebbels.

In der Nacht vom 9. auf den 10. Novem­ber begin­nen die mehr­tä­gi­gen Exzes­se, bei denen etwa 400 Men­schen ermor­det oder in den Selbst­mord getrie­ben wer­den, 1400 Syn­ago­gen und Ver­samm­lungs­räu­me zer­stört, tau­sen­de Woh­nun­gen und Geschäf­te ver­wüs­tet und geplün­dert werden.

Zerstörtes jüdisches Geschäft in Magdeburg, November 1938 Von Bundesarchiv, Bild 146-1970-083-44 / Friedrich, H. / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de
Zer­stör­tes jüdi­sches Geschäft in Mag­de­burg, Novem­ber 1938, Bundesarchiv 
Magdeburg, zerstörtes jüdisches Geschäft By Bundesarchiv, Bild 146-1972-033-39 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de
Mag­de­burg, zer­stör­tes jüdi­sches Geschäft Bundesarchiv

Ab dem 10. Novem­ber wer­den 30.000 deut­sche Juden (oder jüdi­scher Abstam­mung) ver­haf­tet und in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger gebracht.
Hun­der­te ster­ben dort oder spä­ter an den Fol­gen der Haft. Unzäh­li­ge wäh­len ange­sichts ihrer aus­weg­lo­sen Lage den Freitod.

Für die Schä­den der „Reichs­kris­tall­nacht“ for­dert man von den jüdi­schen Gemein­den die Zah­lung einer „Süh­ne­leis­tung“ von 1 Mil­li­ar­de Reichs­mark.

Was kaum jemand ahnt: Der 9. Novem­ber 1938 ist erst der Anfang. 

Posener Rede Heinrich Himmler 1943 Generationengespräch
Hit­lers Krieg: Der tota­le Krieg 1943

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phien, 2013 (Über­ar­bei­tet 2024) 

Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Nach der Dau­er-Ehe­kri­se im Hau­se Goeb­bels spricht Hit­ler eines sei­ner berüch­tig­ten “Macht­wor­te” und stutzt sei­nen Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter zurecht. Der weiß, dass er bei sei­nem “Füh­rer” in Ungna­de gefal­len ist — und setzt auf Pogrom und Het­ze, um sich Hit­lers Gunst wie­der zu erar­bei­ten.
Mag­da Goeb­bels (2): “Der Bock von Babelsberg”

Buch- und Filmempfehlungen:

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Wei­ter­füh­ren­de Beiträge:

Hit­ler Bio­gra­fie: Der Wer­de­gang Adolf Hit­lers vom geprü­gel­ten Sohn eines „erzie­hen­den“ Vaters und einer lie­be­vol­len, aber schwa­chen Mut­ter zu einem der grau­sams­ten Dik­ta­to­ren der Mensch­heit.
Vom ver­bor­ge­nen zum mani­fes­ten Grau­en: Kind­heit und Jugend Adolf Hitlers

Was begeis­ter­te Mil­lio­nen Men­schen an Adolf Hit­ler?
Schlä­ge und schwei­gen, ver­drän­gen und neu insze­nie­ren sind die Mus­ter, mit denen die ‘Erzie­hung mit har­ter Hand’ von einer Gene­ra­ti­on an die nächs­te wei­ter­ge­ge­ben wird. Über Ali­ce Mil­ler, Hit­lers Mit­läu­fer und Mör­der und über schwar­ze Päd­ago­gik, die aus Opfern Täter macht.
Die Erlaub­nis zu hassen

Kriegs­wirt­schaft: Das Drit­te Reich benö­tigt drin­gend das jüdi­sche Ver­mö­gen für sei­ne Kriegs­wirt­schaft. Die Besit­zer die­ses Ver­mö­gens benö­tigt man nicht. Außer­dem sol­len ’nutz­lo­se’ Esser besei­tigt wer­den, um die Ver­sor­gung im Reich zu gewähr­leis­ten.
Hit­lers Kriegs­wirt­schaft: spa­ren, plün­dern, mor­den.
Krieg, Hun­ger und Ver­nich­tung: Adolf Hit­ler, die deut­sche Wirt­schaft und der 2. Welt­krieg

NS-Erzie­hung: Es war wäh­rend des Drit­ten Rei­ches ein Best­sel­ler und galt als d e r Leit­fa­den zur Kin­der­er­zie­hung. Über die NS-Päd­ago­gik und Johan­na Haa­r­ers Mach­werk.
Zwi­schen Drill und Miss­hand­lung: Die deut­sche Mut­ter und ihr ers­tes Kind

Der Zwei­te Welt­krieg und die “End­lö­sung”: Hit­lers Ras­sen­wahn ist sein eigent­li­ches Kriegs­ziel. Es ist also kein his­to­ri­scher Zufall, dass am 20. Janu­ar 1942 die Wann­see-Kon­fe­renz unter Lei­tung von Rein­hard Heyd­rich statt­fin­det, auf der der sys­te­ma­ti­sche Mord an 11 Mil­lio­nen Män­nern, Frau­en und Kin­der jüdi­schen Glau­bens oder jüdi­scher Abstam­mung beschlos­sen und bis zur Tak­tung der Eisen­bahn­fahr­plä­ne in die Todes­la­ger akri­bisch geplant und orga­ni­siert wird.
Hit­lers Krieg: Kriegs­wen­de 1942

Link­emp­feh­lun­gen:

Ole Löding, „… täg­lich Kris­tall­naach“. NS-Ver­gan­gen­heit und bun­des­deut­sche Gegen­wart in einem Song von BAP (1982), in: Zeit­his­to­ri­sche Forschungen/Studies in Con­tem­po­ra­ry Histo­ry, Online-Aus­ga­be, 9 (2012), H. 1,
https://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Loeding‑1–2012

Bild­nach­wei­se:

1. Her­schel Gryn­span kurz nach sei­ner Ver­haf­tung am 7. Novem­ber 1938, Autor: Unknown, Gemein­frei — https://​digi​tal​as​sets​.ushmm​.org/​p​h​o​t​o​a​r​c​h​i​v​e​s​/​d​e​t​a​i​l​.​a​s​p​x​?​i​d​=​3​1​253
2. Boy­kott der Natio­nal­so­zia­lis­ten gegen jüdi­sche Geschäf­te in Deutsch­land,
SA — Mit­glie­der kle­ben an das Schau­fens­ter eines Ber­li­ner jüdi­schen Geschäfts ein Schil­der mit der Auf­schrift “Deut­sche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden” Bun­des­ar­chiv, Bild 102–14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0
3. Aus­stel­lung “Der ewi­ge Jude” im Deut­schen Muse­um, 7.–8.11.1937, Bun­des­ar­chiv, Bild 119–04-29–38 / CC-BY-SA 3.0
4.Zerstörtes jüdi­sches Geschäft in Mag­de­burg, Novem­ber 1938 Von Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1970-083–44 / Fried­rich, H. / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​5​4​1​8​871
5. Mag­de­burg, zer­stör­tes jüdi­sches Geschäft By Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1972-033–39 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​5​4​1​8​923

Geschichte und Psychologie Vergangenheit verstehen um mit der Zukunft besser klar zu kommen
Geschich­te & Psy­cho­lo­gie:

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um mit der Zukunft besser klar zu kommen.

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1910coo­kie-check9. Novem­ber 1938: „Kris­tall­nacht“

1 Kommentar zu „9. November 1938: „Kristallnacht““

  1. Ich habe einen Groß­teil des Welt­krie­ges und die Nach­kriegs­zeit als Kind im Ruhr­ge­biet mit all sei­nen Scheuß­lich- und Schreck­lich­kei­ten erlebt.
    Gott sei Dank aber blieb mir das oben Beschrie­be­ne wegen der Gna­de der
    spä­ten Geburt erspart.

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