Hail Mosley!

365px-Oswald_&_Cynthia_Mosley_1920

Bri­tish poli­ti­ci­an Sir Oswald Ernald Mos­ley, 6th Baro­net (1896–1980) and Lady Cyn­thia, née Cyn­thia Blan­che Cur­zon (1898–1933), on their wed­ding day. By Geor­ge Gran­t­ham Bain Collec­tion (Libra­ry of Con­gress)

Sir Oswald Mos­ley, seit 1928 Erbe des Fami­li­en­ti­tels und damit 6. Baro­net, hat nicht nur Schlag bei den Frau­en (unter ande­rem wer­den ihm Affä­ren mit der Schwes­ter und der Stief­mut­ter sei­ner Frau Cyn­thia nach­ge­sagt), son­dern zeich­net sich vor allem durch sei­ne wech­seln­den poli­ti­schen Ein­stel­lun­gen und – damit ver­bun­den – einer abwechs­lungs­rei­chen Berufs­kar­rie­re aus.

Wie vie­le ande­re sei­ner Gene­ra­ti­on ist Oswald Mos­ley ein Gestran­de­ter des Jah­res 1918: Nach einem Flug­zeug­ab­sturz und schwe­rer Bein­ver­let­zung kehrt der knapp 20jährige als Inva­li­de aus dem 1. Welt­krieg zurück und beschließt, Poli­ti­ker zu wer­den.

Sein Glück fin­det er zunächst bei den Kon­ser­va­ti­ven, für die er 1918 man­gels ernst­haf­ter Kon­kur­renz mühe­los einen Sitz im Unter­haus gewinnt.

Mos­ley macht sich trotz sei­ner Jugend schnell einen Namen als glän­zen­der Red­ner und selbst­be­wuss­ter Poli­ti­ker, aber nach nur zwei Jah­ren Par­la­ments­ar­beit zer­strei­tet er sich mit sei­ner Par­tei.
Für kur­ze Zeit drückt er als unab­hän­gi­ger Abge­ord­ne­ter die Oppo­si­ti­ons­bank, dann wen­det er sich der Kon­kur­renz, der Labour Par­tei, zu.

Aber auch die­se Liai­son endet im Zer­würf­nis.
Zwar erreicht der immer unge­dul­di­ge Mos­ley einen klei­nen Auf­stieg inner­halb Labours, doch statt des erhoff­ten Minis­ter­am­tes in einem wich­ti­gen Minis­te­ri­um wird er nach der Wahl von 1929 ledig­lich zum Minis­ter ohne Geschäfts­be­reich ernannt.
Das kränkt ihn zutiefst.

Als dann 1931 auch noch sein radi­ka­les Wirt­schafts­pro­gramm – das „Mos­ley Memo­ran­dum“ – von der gro­ßen Mehr­heit der Par­tei abge­lehnt wird, kehrt er auch Labour den Rücken und grün­det mit der „New Par­ty“ sei­ne eige­ne Par­tei.

Wie alle ande­ren Län­der der Welt wird auch Groß­bri­tan­ni­en von der Welt­wirt­schafts­kri­se 1929 schwer gebeu­telt:

…“Die Regie­rung beharr­te auf der finanz­po­li­ti­schen Ortho­do­xie, und die ver­lang­te einen aus­ge­gli­che­nen Haus­halt. Noch steck­ten Theo­ri­en über unor­tho­do­xe Maß­nah­men gegen die Rezes­si­on, die Defi­zit­fi­nan­zie­rung etwa, in den Kin­der­schu­hen. Keynes, der, pein­lich genug, kurz nach dem Crash an der Wall Street vor­aus­ge­sagt hat­te, das wer­de für Lon­don kei­ne ernst­haf­ten Kon­se­quen­zen haben, die Aus­sich­ten sei­en viel­mehr ent­schie­den posi­tiv, hat­te sei­ne Theo­rie anti­zy­kli­scher Wirt­schafts­po­li­tik noch nicht abge­schlos­sen. Als die Kri­se ein­setz­te war es Oswald Mos­ley, der das ambi­tio­nier­tes­te Modell einer geplan­ten Wirt­schaft vor­leg­te; er woll­te Wachs­tum durch Kre­dit­auf­nah­me finanzieren.Seinen unbe­streit­ba­ren Fähig­kei­ten ent­spra­chen sei­nen Ambi­tio­nen, sei­ne Unge­duld und sei­ne Hei­mat­lo­sig­keit …”
 aus: Ian Kers­haw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949

Vom Duce das Siegen lernen

Mos­leys „New Par­ty“ zeigt schon deut­li­che Ähn­lich­kei­ten zur deut­schen NSDAP und hat mit der dazu­ge­hö­ri­gen „Active Force“ sogar eine par­tei­ei­ge­ne Schlä­ger­trup­pe.

Aber trotz der faschis­to­iden Raub­ko­pie und trotz der andau­ern­den Welt­wirt­schafts­kri­se, die die Bri­ten eben­so hart getrof­fen hat wie ihre euro­päi­schen Nach­barn auf dem Kon­ti­nent, hat sie kei­ner­lei Erfolg.

Bei den Wah­len zum bri­ti­schen Unter­haus im Jahr 1931 bekommt die „New Par­ty“ kei­nen ein­zi­gen Sitz. Mos­ley zieht aus die­ser Nie­der­la­ge schnell sei­ne Kon­se­quen­zen, löst sei­ne Par­tei noch am Wahl­abend auf und begibt sich auf Rei­sen, um vom dama­li­gen Star der faschis­ti­schen Bewe­gung, Beni­to Mus­so­li­ni, per­sön­lich das Sie­gen zu ler­nen.

Hail Mosley!

Inspi­riert und voll­ends zum Faschis­mus bekehrt, gelingt es Mos­ley schließ­lich im Okto­ber 1932, alle bri­ti­schen rechts­ex­tre­men Split­ter­par­tei­en unter dem Dach der „BUF“ (Bri­tish Uni­on of Fascists) zu ver­ei­nen.

Vom euro­päi­schen Fest­land hat er dafür das kom­plet­te faschis­ti­sche Pro­gramm mit­ge­bracht: die straf­fe Par­tei­füh­rung, das Gedan­ken­gut, die Schwarz­hem­den („Blackshirts“) der SS als Par­tei­uni­form bis hin zum „Hail Mos­ley“ inklu­si­ve des „deut­schen Gru­ßes“ . Er selbst lässt sich von nun an als „Lea­der“ anspre­chen.

Die Maß­nah­men zei­gen schnell Wir­kung: Die BUF wird von der Tages­zei­tung Dai­ly Mail enthu­si­as­tisch unter­stützt, und angeb­lich sol­len sich der neu­en Par­tei in kür­zes­ter Zeit rund 50.000 Mit­glie­der ange­schlos­sen haben.

Reichsparteitag 1933, Aufmarsch der Fahnen der SA

Bundesarchiv_Bild_183-1987–0410-501, Nürn­berg, Reichs­par­tei­tag, SA-Auf­marsch. Licen­sed under CC BY-SA 3.0


Neben sei­nen poli­ti­schen Akti­vi­tä­ten fin­det Mos­ley auch immer noch Zeit, sei­nen Ruf als noto­ri­scher Frau­en­held zu pfle­gen. Als Dia­na Guin­ness, eine Schwes­ter von Unity Mit­ford, für ihn ihren Ehe­mann, den mil­lio­nen­schwe­ren Erben des Bier- und Whis­ky­im­pe­ri­ums Bryan Guin­ness, sit­zen­lässt, um sei­ne Gelieb­te zu wer­den, ist der Skan­dal per­fekt und erschüt­tert die bri­ti­sche High-Socie­ty ver­mut­lich mehr als die bit­te­re Armut der meis­ten ihrer Lands­leu­te infol­ge der Rezes­si­on.

An eine Tren­nung von sei­ner schö­nen Frau Cyn­thia („Cim­mie“) denkt Mos­ley nicht im Traum, schließ­lich ist sei­ne Gat­tin nicht Irgend­wer, son­dern die zweit­äl­tes­te Toch­ter des ehe­ma­li­gen Vize­kö­nigs von Indi­en, Lord Cur­zon. Sein Schwie­ger­va­ter ist reich und hat unge­heu­er viel Ein­fluss. Was aber schwe­rer wiegt, ist, dass bei sei­ner Hoch­zeit mit Cim­mie im Jahr 1920 fast der gesam­te euro­päi­sche Hoch­adel ein­schließ­lich vie­ler Mit­glie­der des eng­li­schen Königs­hau­ses zu den Gäs­ten zähl­ten.
Das ver­pflich­tet.

Als im Mai 1933 Cim­mie nach einer Ope­ra­ti­on an einer Bauch­fell­ent­zün­dung stirbt, denkt er trotz­dem nicht dar­an, Dia­na zu hei­ra­ten und stürzt sich statt­des­sen in Affä­ren mit ande­ren Frau­en. Erst drei Jah­re spä­ter, im Okto­ber 1936 nach­dem sei­ne BUF sich in Nichts auf­zu­lö­sen begann, hei­ra­te­te er Dia­na heim­lich im Ber­li­ner Büro Joseph Goeb­bels’. Außer den Trau­zeu­gen und dem Stan­des­be­am­ten waren nur Hit­ler und Goeb­bels anwe­send. Hit­ler schenk­te dem jun­gen Paar zur Hoch­zeit ein Por­trät von sich in einem sil­ber­nen Rah­men..

1936: Das Jahr des Scheiterns

Trotz aller Anstren­gun­gen gewinnt Mos­leys brau­ner Able­ger nie den glei­chen Schwung wie die rechts­ex­tre­men kon­ti­nen­ta­len Schwes­ter-Par­tei­en; die Bri­ten sind trotz aller Mühen kaum für rechts­ex­tre­mes Gedan­ken­gut zu begeis­tern.

Es wird viel Kra­wall gemacht, doch selbst in den Lon­do­ner Slums mag sich die Mehr­heit der Men­schen den Pro­test­mär­schen gegen Juden und Kom­mu­nis­ten nicht anschlie­ßen.

Nach einer Mas­sen­schlä­ge­rei auf einer Groß­ver­an­stal­tung im Juni 1934 ver­liert die BUF den größ­ten Teil ihrer Anhän­ger und schrumpft bis 1936 auf eine im Ver­gleich win­zi­ge Trup­pe von 8.000 Unent­weg­ten.

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, 2018


Buch­emp­feh­lun­gen:
Die mit * gekenn­zeich­ne­ten Links sind soge­nann­te Affi­la­te-Links, die hel­fen, den Blog Gene­ra­tio­nen­ge­spräch zu finan­zie­ren. Wenn Ihnen eine der ange­ge­be­nen Buch­emp­feh­lun­gen
gefällt und Sie das Buch über die­sen Link bestel­len, erhält der Blog dafür eine klei­ne Pro­vi­si­on, ohne dass für Sie Mehr­kos­ten ent­ste­hen. Für Ihren Klick: Herz­li­chen Dank im Vor­aus!

Die gewal­ti­gen Tur­bu­len­zen in der euro­päi­schen Geschich­te von 1914 bis 1949  meis­ter­haft, fun­diert und fes­selnd erzählt. Sehr lesens­wert auch für alle, die sich mit die­sem The­ma noch nicht aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Ian Kers­haw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949*. Pan­the­on Ver­lag, 2017

Basie­rend auf Tage­bü­chern und Brie­fen von Unity Mit­ford, Pola Negri und vie­len ande­ren wird die dra­ma­ti­sche Zwi­schen­kriegs­zeit 1918 bis 1939 mit Spiel­sze­nen und bis­lang unver­öf­fent­lich­tem Ori­gi­nal-Film­ma­te­ri­al per­fekt in Sze­ne gesetzt. Kei­ne Wis­sen­schaft­ler aus dem Off — son­dern Men­schen, ihre Träu­me und Schick­sa­le zusam­men­ge­fasst in tol­len neu­en und alten Bil­dern, die uns ihre Zeit nahe brin­gen. Sehr sehens­wert! Krieg der Träu­me 1918–1939 [3 DVDs]*, 2018, FSK 12

Das span­nen­de Buch über die Frau­en der Nazi­grö­ßen gibt einen tol­len Blick hin­ter die Kulis­sen der NS-High­so­cie­ty, durch den man vie­les viel bes­ser ver­ste­hen und nach­voll­zie­hen kann. Gut geschrie­ben und sehr lesens­wert! Anna Maria Sig­mund, Die Frau­en der Nazis*. Wil­helm Heyne Ver­lag, Mün­chen, 2013

Preis: EUR 10,99

Was wäre gewe­sen, wenn …
Hit­ler den Krieg gewon­nen hät­te und Groß­deutsch­land vom Rhein bis zum Ural rei­chen wür­de. Ein groß­ar­ti­ges Buch zwi­schen Fic­tion, Kri­mi und vie­len his­to­risch aus­ge­spro­chen inter­es­san­ten Fak­ten.

Robert Har­ris, Vater­land*. Heyne Ver­lag, 2017

Die unglaub­li­che Lebens­ge­schich­te der Unity Val­ky­rie Mit­ford, die von vie­len bereits als “Mrs. Hit­ler” gehan­delt wur­de. Michae­la Karl, Ich blät­ter­te gera­de in der Vogue, da sprach mich der Füh­rer an. Unity Mit­ford. Eine Bio­gra­fie*. Hoff­mann und Cam­pe Ver­lag, Gebun­den, 2016

Wei­ter­füh­ren­de Links zum The­ma:


Unity Mit­ford I: Unity Val­ky­rie Mit­ford ist in den 1930er Jah­ren eines der ange­sag­tes­ten „It-Girls“ der fei­nen Lon­do­ner Gesell­schaft, ver­wandt mit jedem, der in Groß­bri­tan­ni­en Rang und Namen hat. Sie ist schön, exzen­trisch und wild, wird zur glü­hen­den Faschis­tin und fasst den Plan, Adolf Hit­ler ken­nen zu ler­nen. Ihr Plan gelingt, aber Hit­lers „Gunst“ stürzt auch sie – wie vie­le ande­re — ins Ver­der­ben.
Vom It-Girl zur Wal­kü­re


Unity Mit­ford II: „Wir nann­ten sie die däni­sche Kuh, weil sie so groß, stark und dumm war.“ Unity Val­ky­rie Mit­ford ist in den 1930er Jah­ren ein exzen­tri­sches It-Girl der fei­nen Lon­do­ner Gesell­schaft. Ver­mut­lich mehr aus Lan­ge­wei­le schließt sie sich den bri­ti­schen Faschis­ten an, wird zur glü­hen­den Ver­eh­re­rin Adolf Hit­lers, reist nach Mün­chen, um den “Füh­rer” ken­nen­zu­ler­nen und in den “inner cir­cle” der neu­en natio­nal­so­zia­lis­ti­schen High-Socie­ty im Drit­ten Reich auf­zu­stei­gen. Ein deutsch-bri­ti­sches Tech­tel­mech­tel mit Fol­gen?
Hit­lers It-Girl


Hit­ler Bio­gra­phie: Der Wer­de­gang Adolf Hit­lers vom geprü­gel­ten Sohn eines „erzie­hen­den“ Vaters und einer lie­be­vol­len, aber schwa­chen Mut­ter zu einem der grau­sams­ten Dik­ta­to­ren der Mensch­heit.
Vom ver­bor­ge­nen zum mani­fes­ten Grau­en: Kind­heit und Jugend Adolf Hit­lers


1929: Tat­säch­lich ist der „Schwar­ze Frei­tag“ ein Don­ners­tag. Am 24. Okto­ber 1929 begin­nen an der New Yor­ker Wall Street die Akti­en­kur­se zu rut­schen. Gegen Mit­tag wird aus Ner­vo­si­tät Panik, der Dow Jones sackt ab, der Han­del bricht mehr­mals zusam­men. Der Crash wird schließ­lich zur Wirt­schafts­kri­se, als jeder ver­sucht zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist — egal, zu wel­chem Preis.
Der Schwar­ze Frei­tag: Vom Bör­sen­krach zur Welt­wirt­schafts­kri­se


Adolf Hit­ler und sei­ne Anhän­ger. Wer folg­te den Natio­nal­so­zia­lis­ten und was bringt Men­schen dazu, zu Mör­dern zu wer­den?
Die Erlaub­nis zu has­sen


Das Gene­ra­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert


 Wir müssten das alles mal aufschreiben  Die Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en bringt seit 2012 Lebens-. Fami­li­en- und Unter­neh­mens­bio­gra­fi­en als Bild­bio­gra­phi­en ins Buch und bie­tet außer­dem einen Ghost­wri­ting-Ser­vice mit den Schwer­punk­ten Geschich­te und Psy­cho­lo­gie an.
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auch auf unse­rer Home­page www.bildbiographien.de


Bild­nach­wei­se:
1. Bri­tish poli­ti­ci­an Sir Oswald Ernald Mos­ley, 6th Baro­net (1896–1980) and Lady Cyn­thia, née Cyn­thia Blan­che Cur­zon (1898–1933), on their wed­ding day. By Geor­ge Gran­t­ham Bain Collec­tion (Libra­ry of Con­gress) [Public domain]
2. Bundesarchiv_Bild_183-1987–0410-501, Nürn­berg, Reichs­par­tei­tag, SA-Auf­marsch. Licen­sed under CC BY-SA 3.0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.