Hamburg auf den Barrikaden

Hafenarbeiter an einer Anlegestelle im Hamburger Hafen im Jahr 1900. Von Johann Hamann (1859-1935), Gemeinfrei
Hafen­ar­bei­ter an einer Anle­ge­stel­le im Ham­bur­ger Hafen im Jahr 1900. Von Johann Hamann (1859–1935), Gemein­frei

1923. Fünf Jah­re sind seit dem Ende des Welt­krie­ges ver­gan­gen, aber Deutsch­land kommt nicht zur Ruhe.
In Ham­burg üben die Kom­mu­nis­ten Welt­re­vo­lu­ti­on und für weni­ge Stun­den gibt es eine „Sowjet­re­pu­blik Stor­marn“. Ernst Thäl­mann, Ham­burgs cha­ris­ma­ti­scher KPD-Füh­rer, bringt sich für sei­ne wei­te­re Kar­rie­re in Stel­lung, Sta­lin und Hit­ler mischen auch schon irgend­wie mit.


Hamburg auf den Barrikaden

War­um im Okto­ber 1923 nur in Ham­burg die Revo­lu­ti­on — der mona­te­lang geplan­te  „Deut­sche Okto­ber“ — doch noch statt­fin­det, ist ein Rät­sel.

Viel­leicht haben die Ham­bur­ger Genos­sen um Ernst Thäl­mann und Hugo Urbahns tat­säch­lich nicht mit­be­kom­men, dass kom­mu­nis­ti­sche Arbei­ter- und Betriebs­rä­te die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on in Deutsch­land zwei Tage zuvor auf einer Kon­fe­renz abge­bla­sen hat­ten.

Viel­leicht woll­ten sie aber auch mit einem per­sön­li­chen revo­lu­tio­nä­ren Akt in der Han­se­stadt — damals nach Ber­lin die zweit­größ­te Stadt Deutsch­lands — den zöger­li­chen Genos­sen im Rest der Repu­blik zei­gen, dass die Zeit für die zwei­te, wirk­li­che pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on reif ist und sie in den Auf­stand zwin­gen.

In Ham­burg, in dem es statt Adels­häu­sern und Stän­de­ge­sell­schaft immer nur die Tra­di­ti­on der ein­fa­chen Hafen­ar­bei­ter, See­leu­te und rei­chen Pfef­fer­sä­cke gege­ben hat, ist vie­les anders.

In ihrer Repor­ta­ge „Ham­burg auf den Bar­ri­ka­den” beschreibt die sowje­ti­sche Schrift­stel­le­rin Laris­sa Reiss­ner im Okto­ber 1923 Ham­burg als Stadt, in dem es zwi­schen Reich und Arm fast kei­ne Berüh­rungs­ängs­te gibt:

” … Die Dir­ne aus Sankt Pau­li sitzt neben der Gat­tin eines Beam­ten, zwin­kert den Nach­barn zu und steigt an der nächs­ten Hal­te­stel­le aus – schon am Arm irgend­ei­nes von ihnen; der Arbei­ter umarmt sei­ne Frau oder sei­ne Freun­din; der Lösch­ar­bei­ter umwölkt sei­ne Nächs­ten mit sei­nem unmög­li­chen Tabak; Freun­de schlep­pen einen betrun­ke­nen Matro­sen nach Hau­se, und der gan­ze Wagen amü­siert sich mit ihnen, denkt, spricht und lacht im reins­ten Ham­bur­ger Platt, das geeig­net ist, jeden belie­bi­gen Ort sofort in eine lus­ti­ge Hafen­knei­pe zu ver­wan­deln.”


Viel­leicht sei das auf den ers­ten Blick nicht wich­tig, schreibt Reiss­ner, aber im Ver­gleich zu Ber­lin, ” … wo der Arbei­ter mit sei­nen Instru­men­ten nur in einem beson­ders schmut­zi­gen und unsau­be­ren Wagen fah­ren darf, wo das Vor­recht der Ers­ten und Zwei­ten Klas­se nahe­zu mit poli­zei­li­chem Auf­ge­bot ver­tei­digt wird; wo der Arbeits­lo­se, sich sei­ne vor Käl­te vio­let­ten Ohren rei­bend, es kaum wagen darf, sich auf einer der zahl­lo­sen, stets lee­ren Bän­ke des Tier­gar­tens aus­zu­ru­hen, …” im Ver­gleich zur Reichs­haupt­sadt ist Ham­burg ein­fach anders.

” … Nach dem offi­zi­el­len bür­ger­li­chen Ber­lin riecht allein schon die Luft von Ham­burg mit sei­ner Ein­fach­heit und sei­nen frei­en Sit­ten nach Revo­lu­ti­on.“


Viel­leicht ist das tat­säch­lich einer der Grün­de, wes­halb Ham­burg 1923 zum ein­zi­gen Aus­tra­gungs­ort des “Deut­schen Okto­ber” wird.

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Ham­burg his­to­risch
Über die Häu­ser der Armen, den Protz der Grün­der­zeit, die Inge­nieurs­leis­tung, die hin­ter dem alten Elb­tun­nel steckt, die Vor­lie­be des Kai­sers für die Han­se­stadt — und die von Hit­ler. Die Geschich­te Ham­burgs mit vie­len tol­len Fotos und groß­ar­ti­gen Arti­keln erzählt. Sehr lesens­wert!

Micha­el Scha­per (Her­aus­ge­ber): Geo Epo­che PANORAMA — Ham­burg. Die Geschich­te der Stadt in his­to­ri­schen Fotos*, Taschen­buch Sep­tem­ber 2016


Der Aufstand in Hamburg

Der Auf­stand in Ham­burg beginnt am 23. Okto­ber 1923 um 5 Uhr mor­gens mit einem Sturm auf ver­schie­de­ne Poli­zei­re­vie­re, um den Man­gel der Revo­lu­tio­nä­re an Waf­fen zu behe­ben.

Neben Ham­burg waren (das damals noch preu­ßi­sche) Alto­na und der Kreis Stor­marn Schau­platz des Umsturz­ver­su­ches.

So wur­den die Poli­zei­dienst­stel­len in den stor­mar­ni­schen Gemein­den Bram­feld und Schiff­bek über­fal­len und die Dienst­waf­fen erbeu­tet. In Bad Oldes­loe, Ahrens­burg und Rahlstedt wur­den Eisen­bahn- und Stra­ßen­blo­cka­den durch­ge­führt. In Barg­te­hei­de wur­de der Gemein­de­vor­ste­her von den Auf­stän­di­schen fest­ge­nom­men und eine „Sowjet­re­pu­blik Stor­marn“ aus­ge­ru­fen.

Bis auf Barm­bek, Eims­büt­tel und den stor­mar­ni­schen Ort Schiff­bek waren die Auf­stands­ver­su­che inner­halb weni­ger Stun­den nie­der­ge­schla­gen.

Nur in Barm­bek, wo bei der Wahl kurz zuvor etwa 20 Pro­zent der Wäh­ler für die KPD gestimmt hat­ten, erhiel­ten die Auf­stän­di­schen Unter­stüt­zung aus der Bevöl­ke­rung, die sich beim Bar­ri­ka­den­bau betei­lig­te und die Auf­stän­di­schen mit Lebens­mit­teln ver­sorg­te.

Hier konn­ten die­se sich unter dau­ern­dem Gewehr­feu­er den Tag über hal­ten. In der Nacht ver­lie­ßen sie, von der Aus­sichts­lo­sig­keit der Lage über­zeugt, heim­lich ihre Stel­lun­gen, so dass der Groß­an­griff der Ham­bur­ger Poli­zei am nächs­ten Tag ins Lee­re lief.“
(Wiki­pe­dia, “Ham­bur­ger Auf­stand“)

Stalins Mann in Deutschland: Ernst Thälmann

Der „Ham­bur­ger Auf­stand” schei­tert kläg­lich.
Nur 300 der 14.000 ein­ge­tra­ge­nen KPD-Mit­glie­der der Han­se­stadt betei­li­gen sich, die Zeit für einen pro­le­ta­ri­schen Auf­stand nach sowje­ti­schem Modell scheint in Deutsch­land doch nicht reif zu sein. Auch nicht in Ham­burg.

Ernst Thälmann als Kandidat bei der Reichspräsidentenwahl 1932. Bundesarchiv, Bild 102-12940 / CC BY-SA 3.0
Ernst Thäl­mann als Kan­di­dat bei der Reichs­prä­si­den­ten­wahl 1932. Bun­des­ar­chiv, Bild 102–12940 / CC BY-SA 3.0

Die „Bar­ri­ka­den­kämp­fe von Barm­bek“ wären heu­te nicht mehr der Rede wert, hät­ten sie nicht das Zer­würf­nis der bei­den Arbei­ter­par­tei­en SPD und KPD wei­ter ver­schärft — und erst­mals ein Schlag­licht auf die kom­men­de Licht­ge­stalt der tief zer­strit­te­nen KPD gewor­fen: Ernst Thäl­mann.

Thäl­mann, 1886 als Sohn eines Gemischt­wa­ren­händ­lers in Ham­burg gebo­ren und in beschei­de­nen Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen, ist intel­li­gent und begabt, muss aber zu sei­ner gro­ßen Ent­täu­schung sei­ne Schul­zeit nach sie­ben Jah­re Volks­schu­le been­den, weil sei­nen Eltern das Geld für eine höhe­re Schu­le fehlt.

Zunächst weiß er nicht, was er tun soll, schlägt sich als Gele­gen­heits­ar­bei­ter durch, tritt mit 17 Jah­ren in die SPD ein und macht sich bald als Gewerk­schaf­ter bei den Ham­bur­ger Hafen­ar­bei­tern einen Namen.

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Der Ham­bur­ger Hafen von 1870 bis 1970
in his­to­ri­schen Bil­dern erzählt von einem, der dabei war: Har­ry Braun hat als Ewer­füh­rer, Decks­mann und Schif­füh­rer auf Bar­kas­sen und Schlep­pern gear­bei­tet. Eine span­nen­de Zeit­rei­se — nicht nur für Land­rat­ten, son­dern auch für Ham­bur­ger, die ihren Hafen ken­nen.

Har­ry Braun, Der Ham­bur­ger Hafen — Eine Zeit­rei­se in Bil­dern*, Sut­ton Ver­lag, Juni 2014


Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs kämpft er als Sol­dat an der West­front.
Als er 1918 aus dem Krieg in sei­ne Hei­mat­stadt Ham­burg zurück­kehrt, ist sie in der Hand von Arbei­ter- und Sol­da­ten­rä­ten, für die er sich sofort begeis­tert. Er ver­lässt die SPD und tritt der Kon­kur­renz bei, der USPD, für die er 1920 ins Stadt­par­la­ment ein­zieht.

Thäl­mann ist 1923 nur einer der Orga­ni­sa­to­ren des Auf­stands, aber im Gegen­satz zu sei­nem direk­ten Kon­kur­ren­ten, dem eher nüch­ter­nen Volks­schul­leh­rer Hugo Urbahns, ver­steht er es, mit sei­ner lau­ten, pol­tern­den Art die Her­zen der Men­schen zu gewin­nen.
Vor allem gelingt es ihm, Sta­lins Ver­trau­en zu gewin­nen — ein Unter­fan­gen, an dem schon vie­le geschei­tert sind.

Nach dem Ham­bur­ger Auf­stand macht Thäl­mann eine erstaun­li­che Kar­rie­re.

Zunächst wird er 1924 in das neue KPD-Zen­tral­ko­mi­tee gewählt, das — noch — einen eige­nen, von Mos­kau unab­hän­gi­gen Weg ein­schlägt

Ein Jahr spä­ter sind die „Links­ab­weich­ler“ des Komi­tees beim mitt­ler­wei­le fast all­mäch­ti­gen Sta­lin so in Ungna­de gefal­len, dass sie alle­samt nach Mos­kau zitiert und abge­kan­zelt wer­den.
Nur Thäl­mann wird vom Vor­wurf, ein „Ultra­lin­ker“ zu sein, frei­ge­spro­chen und von der KPD auf Wunsch Sta­lins zum neu­en KPD-Füh­rer ernannt.

SPD und NSDAP sind Zwillinge!
Die Theorie vom Sozialfaschimus

Das eigent­li­che Desas­ter des geschei­ter­ten Ham­bur­ger Auf­stands war, dass die KPD wie­der ein­mal von der SPD ent­täuscht wor­den ist.
Gut war das Mit­ein­an­der bei­der Arbei­ter­par­tei­en noch nie, aber das sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Hin und Her im Kri­sen­jahr 1923 kommt für vie­le KPD-Anhän­ger einem Ver­rat gleich.

Verhaftung eines Mitglieds der Proletarischen Hundertschaften durch Reichswehr-Truppen.Bundesarchiv, Bild 102-00191 / CC-BY-SA 3.0
Vor­ge­hen der Reichs­wehr gegen die kom­mu­nis­ti­schen Hun­dert­schaf­ten in Sach­sen. Ver­haf­tung eines kom­mu­nis­ti­schen Rädels­füh­rers durch Reichs­wehr. Bun­des­ar­chiv, Bild 102–00191 / CC-BY-SA 3.0

Zunächst ver­stört sie die Zer­schla­gung der rot-roten Län­der­par­la­men­te in Thü­rin­gen und Sach­sen per Reichs­exe­ku­ti­on mit der Bil­li­gung der Ber­li­ner SPD-Füh­rung.

Im Novem­ber 1923 ver­bie­tet die Koali­ti­ons­re­gie­rung unter Reichs­kanz­ler Stre­se­mann mit Betei­li­gung der SPD alle extre­mis­ti­schen Par­tei­en: die NSDAP, aber eben auch die KPD.

Nicht nur deut­sche Kom­mu­nis­ten sind miss­traui­scher denn je.
Aus Mos­kau kommt im Jahr 1924 schließ­lich eine The­se, die in den kom­men­den Jah­ren eine ver­hee­ren­de Wir­kung ent­fal­ten und das Ende der Wei­ma­rer Repu­blik mit­ver­ur­sa­chen wird: die Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie.

„Der Faschis­mus ist eine Kampf­or­ga­ni­sa­ti­on der Bour­geoi­sie, die sich auf die akti­ve Unter­stüt­zung der Sozi­al­de­mo­kra­ten stützt. Die Sozi­al­de­mo­kra­tie ist objek­tiv der gemä­ßig­te Flü­gel des Faschis­mus.
Es liegt kein Grund zu der Annah­me vor, die Kampf­or­ga­ni­sa­tio­nen der Bour­geoi­sie könn­ten ohne die akti­ve Unter­stüt­zung durch die Sozi­al­de­mo­kra­ten ent­schei­den­de Erfol­ge in den Kämp­fen oder bei der Ver­wal­tung des Lan­des erzie­len. Die­se Orga­ni­sa­tio­nen schlie­ßen ein­an­der nicht aus, son­dern ergän­zen ein­an­der.
Das sind nicht Anti­po­den, son­dern Zwil­lings­brü­der.“

(Sta­lin, Wer­ke, Band VI, S.253 Ber­lin 1950)


Sta­lin, auf den die The­se im Wesent­li­chen zurück­geht, dach­te damals nicht an Hit­ler, denn des­sen NSDAP spiel­te nach dem geschei­ter­ten Putsch vor der Münch­ner Feld­her­ren­hal­le am 9. Novem­ber 1923 zunächst kei­ne Rol­le mehr.

Statt­des­sen wird jede Maß­nah­me, die sich gegen die deut­schen Kom­mu­nis­ten rich­tet, schlicht als Faschis­mus bezeich­net.

Jeder, der gegen Kom­mu­nis­ten vor­geht, ist ein Faschist, ohne Unter­schied und ohne Dif­fe­ren­zie­rung.
Eine gefähr­li­che Sack­gas­se, die in den kom­men­den Jah­ren ver­hin­dern wird, dass die star­ke kom­mu­nis­ti­sche Par­tei in Deutsch­land die Absich­ten der Natio­nal­so­zia­lis­ten wirk­lich begreift und bekämpft.

Damit ist der Grund­stein für die her­auf­zie­hen­de Kata­stro­phe gelegt.

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Die Zwi­schen­kriegs­zeit 1918 bis 1939
nicht von Wis­sen­schaft­lern und His­to­ri­kern erklärt, son­dern mit Tage­bü­chern, Brie­fen und Foto­gra­fi­en von Zeit­zeu­gen (u.a. Pola Negri und Unity Mit­ford) erzählt, Spiel­sze­nen wech­seln sich mit alten Film­auf­nah­men ab.
Eine fes­seln­de Mischung von Geschich­ten und Geschich­te, die uns die Men­schen und ihre Zeit nicht erklärt, son­dern erle­ben lässt.

Krieg der Träu­me 1918–1939 [3 DVDs]*, 2018, FSK 12


Beschwingte Atempause zwischen zwei Katastrophen: Die Goldenen Zwanziger Jahre

Im Jahr 1924 ist dem Kabi­nett Stre­se­mann das gelun­gen, was kaum jemand für mög­lich gehal­ten hat: Die Wäh­rungs­re­form und die Ein­füh­rung der “Ren­ten­mark” als Über­gangs­wäh­rung zei­gen Wir­kung, die deut­sche Wirt­schaft erholt sich, die poli­ti­sche Situa­ti­on im Land beru­higt sich.

Wirt­schaft­lich geht es das ers­te Mal seit 1918 wie­der berg­auf.

Auch poli­tisch wird es ruhi­ger.
KPD und NSPAP sind auch nach der Auf­he­bung der Par­tei­en­ver­bo­te im März 1924 kei­ne Bedro­hung mehr, denn bei­de Par­tei­en ver­lie­ren scha­ren­wei­se Anhän­ger.

Vie­le Deut­schen spü­ren die ers­ten Anzei­chen des wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs, es geht ihnen bes­ser. Nach vie­len Jah­ren Krieg und Bür­ger­krieg tan­zen sie jetzt lie­ber Tan­go, Shim­my oder Charles­ton, statt zu demons­trie­ren.

Aber: Die welt­wei­te wirt­schaft­li­che Erho­lung wäh­rend der Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­re führt zu einer gigan­ti­schen Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die am 24. Okto­ber 1929 , dem “Schwar­zen Frei­tag”, mit einem Rie­sen­knall platzt und die Welt in einen wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Abgrund reißt.

Jetzt zeigt sich die gewal­ti­ge Spreng­kraft, die im zer­rüt­te­ten Ver­hält­nis zwi­schen SPD und KPD und in der sta­li­nis­ti­schen Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie ste­cken.

Die wur­de mitt­ler­wei­le sogar noch ver­schärft, nach­dem Sta­lin 1928 auf dem sechs­ten Welt­kon­gress der Kom­in­tern (Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le) — für vie­le über­ra­schend — eine neue Pha­se des Klas­sen­kamp­fes ange­kün­digt hat­te.

Es ist die Zeit der Zwangs­kol­lek­ti­vie­run­gen in der UDSSR, in der Sta­lin ein gigan­ti­sches Indus­trie­ali­sie­rungs­pro­gramm auf­legt, um die rück­stän­di­ge Sowjet­uni­on auf Augen­hö­he mit ande­ren Natio­nen — und mög­li­chen Kriegs­geg­nern — zu peit­schen.
Auf der Stre­cke blei­ben Mil­lio­nen Men­schen, die er in den Hun­ger­tod treibt, und Mil­lio­nen Bau­ern – Kula­ken –, deren Leben in Todes­la­gern und vor Erschie­ßungs­kom­man­dos endet.

Der neue Kurs macht sich auch in der Außen­po­li­tik bemerk­bar:
Alle Kom­mu­nis­ten im Aus­land sol­len nach Sta­lins Wil­len gegen Par­tei­en und Poli­ti­ker vor­ge­hen, die man als Fein­de der UDSSR – als Faschis­ten – ansieht.
Damit ist auch und vor allem die SPD gemeint.

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Die Zer­ris­sen­heit der Wei­ma­rer Repu­blik zwi­schen Links und Rechts
und dazwi­schen zaris­ti­sche Rus­sen, Trotz­kis­ten und Sta­li­nis­ten, die sich in Ber­lin einen Show­down lie­fern.
Ein packen­der Kri­mi, per­fekt ein­ge­fan­gen in tol­len Bil­dern. Sehr emp­feh­lens­wert für alle, die Zeit­ge­schich­te nicht nur mit Zah­len und Fak­ten ver­ste­hen, son­dern auch die Men­schen dahin­ter begrei­fen wol­len. Sehens­wert!
Tom Tykwers Baby­lon Ber­lin Staf­fel 1 + 2*, 2018, FSK 12


Das Ende der Republik

Für Sta­lin ist in Deutsch­land der Haupt­feind die SPD, die 1928 die Regie­rung Mül­ler stellt und spä­ter Brü­ning tole­riert.
Als der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Poli­zei­prä­si­dent Zör­gie­bel 1929 eine kom­mu­nis­ti­sche Mai-Demons­tra­ti­on zusam­men­schie­ßen lässt und den Rot­front­kämp­fer­bund (RFB) ver­bie­tet, scheint das der end­gül­ti­ge Beweis zu sein, dass die SPD gemein­sa­me Sache mit den Reak­tio­nä­ren — Faschis­ten — macht.

In der Fol­ge­zeit ver­sucht die KPD eine eige­ne „Ein­heits­front“ auf­zu­bau­en, SPD-Mit­glie­der in ihre Orga­ni­sa­ti­on abzu­wer­ben, um die Füh­rung zu iso­lie­ren.
Bereits Brü­ning, spä­ter Papen wer­den als faschis­ti­sche Regie­run­gen bezeich­net, weil sie mit Not­ver­ord­nun­gen regie­ren. Da die SPD die­se Regie­run­gen unter­stützt, müs­se man vor allem die Sozi­al­de­mo­kra­tie bekämp­fen, so die Logik der KPD-Füh­rung.

Ernst Thäl­mann for­mu­liert den neu­en Kurs in einer Rede im Jahr 1928 so:

SPD und NSDAP sind Zwil­lin­ge!
Wie steht es nun mit dem Ver­hält­nis zwi­schen der Poli­tik der Hit­ler­par­tei und der Sozi­al­de­mo­kra­tie? Schon das XI. Ple­num hat von einer Ver­flech­tung die­ser bei­den Fak­to­ren im Diens­te des Finanz­ka­pi­tals gespro­chen. Am klars­ten hat Genos­se Sta­lin schon im Jah­re 1924 die Rol­le die­ser bei­den Flü­gel gekenn­zeich­net, indem er von ihnen als von „Zwil­lin­gen“ sprach, „die ein­an­der ergän­zen.”


His­to­ri­ker sind sich heu­te einig, dass die absur­de Gleich­set­zung von NSDAP und SPD den Weg in die Kata­stro­phe zumin­dest geeb­net hat.

ADN-ZB/IML-ZPA3. Reichstreffen des RFB vom 5.-6. Juni 1927 im Schiller-Park in Berlin-Wedding, Ernst Thälmann (l.) und Willy Leow an der Spitze des Demonstrationszuges. Bundesarchiv, Bild 183-Z0127-305 / CC-BY-SA 3.0
ADN-ZB/IML-ZPA 3. Reichs­tref­fen des RFB vom 5.–6. Juni 1927 im Schil­ler-Park in Ber­lin-Wed­ding Ernst Thäl­mann (l.) und Wil­ly Leow an der Spit­ze des Demons­tra­ti­ons­zu­ges.

Die bei­den Arbei­ter­par­tei­en zer­flei­schen sich in den kom­men­den Kri­sen­jah­ren bis 1933 gegen­sei­tig, teil­wei­se koope­riert die KPD sogar mit den Natio­nal­so­zia­lis­ten, nur um der SPD zu scha­den.
Die Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie erleich­ter­te Hit­ler den Auf­stieg zur Macht, denn die Arbei­ter­schaft blieb gespal­ten. Viel­leicht hat sie ihn sogar erst mög­lich gemacht

Ein Teil der Wur­zeln die­ses Desas­ters lie­gen im Jahr 1923, als der „Deut­sche Okto­ber“ nur in Ham­burg statt­fand.

Appen­dix:

Ernst Thäl­mann wird im März 1933 ver­haf­tet und stirbt 1944 nach lan­ger Gefan­gen­schaft und schwe­ren Miss­hand­lun­gen im KZ Buchen­wald.

Sta­lin wird selbst zum “Kol­la­bo­ra­teur” und unter­zeich­net im August 1939 den Deutsch-Sowje­ti­schen Nicht­an­griffs­pakt, der den 2. Welt­krieg für Hit­ler mög­lich mach­te. Obwohl er behaup­tet zu wis­sen, was Hit­ler im Schil­de führt, ist er vom Über­fall der Deut­schen, dem
Unter­neh­men Bar­ba­ros­sa” am 22. Juni 1941 kom­plett über­rum­pelt.

Josef Sta­lin wird zwei­mal für den Frie­dens­no­bel­preis nomi­niert, ein­mal 1945, als einer der Sie­ger des Zwei­ten Welt­krie­ges, und ein­mal 1948
Er stirbt am 5. März 1953 nach einem Schlag­an­fall.

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www​.bild​bio​gra​phi​en​.de, 2017 (über­ar­bei­tet 2019)

Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Die Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­re sind ein Tanz auf dem Vul­kan. Die “Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie” ist ein Fun­da­ment für die Kata­stro­phe des 30. Janu­ar 1933, das wirt­schaft­li­che Desas­ter folgt am 24. Okto­ber 1929. Akti­en und Kon­sum auf Pump: Jetzt kau­fen, spä­ter zah­len, und die “Gold­fal­le” füh­ren direkt vom Bör­sen­krach zur Welt­wirt­schafts­kri­se.
Der “Schwar­ze Frei­tag”: Vom Bör­sen­krach zur Welt­wirt­schafts­kri­se

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Ham­burg his­to­risch
Die Geschich­te Ham­burgs mit vie­len tol­len Fotos und Arti­keln span­nend erzählt.
Sehens- und lesens­wert!

Micha­el Scha­per (Her­aus­ge­ber): Geo Epo­che PANORAMA — Ham­burg. Die Geschich­te der Stadt in his­to­ri­schen Fotos*, Taschen­buch Sep­tem­ber 2016

Ham­burg rebel­lisch
Der ehe­ma­li­ge “Spiegel”-Fotograf Gün­ter Zint, Her­aus­ge­ber des sehens­wer­ten Bild­ban­des Ham­burg mei­ne Per­le* (mit Foto­gra­fi­en aus den 1940er, 1950er und 1960er Jah­ren), in sei­nem zwei­ten Bild­band über die wil­den 60er, 70er und 80er Jah­re. Drei Jahr­zehn­te Stadt­ge­schich­te in einem Band — muss man haben!
Gün­ter Zint, Wil­de Zei­ten: Ham­burg-Foto­gra­fi­en von Gün­ter Zint 1965 — 1989*, Döl­ling u. Galitz / Juni­us Ver­lag, Novem­ber 2018

Der Ham­bur­ger Hafen von 1870 bis 1970
in his­to­ri­schen Bil­dern. Eine Zeit­rei­se der beson­de­ren Art.
Nicht nur für Land­rat­ten, son­dern auch für alle Ham­bur­ger, die ihren Hafen ken­nen.

Har­ry Braun, Der Ham­bur­ger Hafen — Eine Zeit­rei­se in Bil­dern*, Sut­ton Ver­lag, Juni 2014

Die Geschich­te der Deut­schen gut, über­sicht­lich und ver­ständ­lich erklärt.
Neben allen wich­ti­gen Daten und Fak­ten gibt es vie­le Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Anek­do­ten, die das Lesen zum Ver­gnü­gen machen und das Ver­ste­hen von his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen erleich­tern. Für’s Nach­schla­gen und zum Quer­le­sen pri­ma geeig­net. Sehr emp­feh­lens­wert, — nur der Titel ist doof …
Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2012

Das Lebens­ge­fühl der Deut­schen Ende der 1920er Jah­re,
die Zer­ris­sen­heit der Wei­ma­rer Repu­blik zwi­schen Links und Rechts und ein packen­der Kri­mi — per­fekt ein­ge­fan­gen in tol­len Bil­dern. Sehr emp­feh­lens­wert für alle, die Zeit­ge­schich­te nicht nur mit Zah­len und Fak­ten ver­ste­hen, son­dern auch die Moti­ve begrei­fen wol­len. Sehens­wert!

Tom Tykwers Baby­lon Ber­lin Staf­fel 1 + 2*, 2018, FSK 12

Natio­nal­so­zia­lis­mus in Deutsch­land
Ein sehr lesens­wer­ter Geschichts-Thril­ler über Akteu­re und das kata­stro­pha­le Ende der Wei­ma­rer Repu­blik.

Rüdi­ger Barth, Hau­ke Fried­richs, Die Toten­grä­ber: Der letz­te Win­ter der Wei­ma­rer Repu­blik*, S. FISCHER Ver­lag, 2018


Wei­ter­füh­ren­de Bei­trä­ge:

Ham­burgs Grün­der­zeit: Es sind Grün­der wie der Ham­bur­ger Albert Bal­lin, die den Rei­chen und Schö­nen im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert das Leben schwer machen. Empor­kömm­lin­ge aus klei­nen Ver­hält­nis­sen, die eige­ne Unter­neh­men grün­den und sich mit eiser­nem Wil­len und Biss Wohl­stand und Ein­fluss erkämp­fen. Bal­lin steigt nicht nur zum Gene­ral­di­rek­tor der HAPAG auf, son­dern wird auch enger Ver­trau­ter und “Ree­der des Kai­sers”. Bei Hofe in Ber­lin sieht man das nicht ger­ne.
Die Welt ist fried­los gewor­den. Albert Bal­lin, der Ree­der des Kai­sers

Ham­burg im Krieg: 10 Tage und Näch­te lang bom­bar­die­ren 3000 bri­ti­sche und US-ame­ri­ka­ni­sche Flug­zeu­ge in der “Ope­ra­ti­on Gomor­rha” Ham­burg und wer­fen dabei 9000 Ton­nen ‘Mate­ri­al’ ab — zunächst ‘Wohn­block­kna­cker’, anschlie­ßend Brand­bom­ben. In der Nacht zum 28. Juli 1943 ent­zün­den sie dadurch im Ham­bur­ger Osten einen Feu­er­sturm, in dem über 30.000 Men­schen ster­ben.
Ham­burg 1943: Die Ope­ra­ti­on Gomor­rha

Die Hyper­in­fla­ti­on 1923: Reichs­kanz­ler Wil­helm Cuno und sei­ne „Regie­rung der Wirt­schaft“ ver­su­chen, die Fran­zo­sen aus dem Ruhr­ge­biet zu ver­trei­ben und las­sen dafür Geld dru­cken. Sehr viel Geld. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen für die gebeu­tel­te Wei­ma­rer Repu­blik. Es scheint nur noch eine Fra­ge der Zeit bis zum Kol­laps zu sein. Bis zum rech­ten oder lin­ken Kol­laps, das ist auch noch nicht so ganz klar …
Vom Ruhr­kampf zum Deut­schen Okto­ber

Sta­lin ist grob und unbe­herrscht – es kann durch­aus vor­kom­men, dass er im Ärger den Kopf eines Mit­ar­bei­ters packt und auf die Tisch­plat­te knallt. Doch mitt­ler­wei­le ist er als Par­tei-Gene­ral­se­kre­tär viel zu mäch­tig, als dass man Lenins letz­ten Wil­len befol­gen könn­te, sich einen ande­ren zu suchen. Sta­lin — die Zeit der „Ent­ku­la­ki­sie­rung“ und des „Gro­ßen Ter­rors“.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil 2

Das Ende der Repu­blik: Die letz­ten frei­en Wah­len am 6. Novem­ber 1932 besie­geln das Schick­sal der Deut­schen. Es ist aber nicht das Wäh­ler­vo­tum, das den roten Tep­pich für Adolf Hit­ler aus­rollt, son­dern das kata­stro­pha­le Agie­ren von mehr oder min­der demo­kra­ti­schen Poli­ti­kern, die mit einer Mischung aus Igno­ranz, Dumm­heit und Selbst­sucht die ers­te Demo­kra­tie auf deut­schem Boden gegen die Wand fah­ren.
1932- das Ende der Repu­blik. Brü­ning: Der Hun­ger­kanz­ler

Das Genera­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert

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Ori­gi­nal­text “Ham­burg auf den Bar­ri­ka­den” der sowje­ti­schen Schrift­stel­le­rin Laris­sa Reiss­ner
https://​guten​berg​.spie​gel​.de/​b​u​c​h​/​h​a​m​b​u​r​g​e​r​-​o​k​t​o​b​e​r​-​1​9​2​3​-​h​a​m​b​u​r​g​-​a​u​f​-​d​e​n​-​b​a​r​r​i​k​a​d​e​n​-​5​5​8​7/1

Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung: Der Kampf um die Repu­blik 1919 — 1923.
https://www.bpb.de/izpb/55958/kampf-um-die-republik-1919–1923?p=all

Bild­nach­wei­se:

Hafen­ar­bei­ter an einer Anle­ge­stel­le im Ham­bur­ger Hafen im Jahr 1900. Von Johann Hamann (1859–1935) — Johann Hamann: „Ham­burg um die Jahr­hun­dert­wen­de. Mit eini­gen Farb­auf­nah­men von Hein­rich Hamann. Hrsg. von Wal­ter Uka. Mit einem Text von Timm Starl, Nis­hen-Ver­lag, Ber­lin-Kreuz­berg 1987, S. 1928. ISBN 3–88940-009–4, Gemein­frei

Ernst Thäl­mann als Kan­di­dat bei der Reichs­prä­si­den­ten­wahl 1932. Bun­des­ar­chiv, Bild 102–12940 / CC BY-SA 3.0

Ver­haf­tung eines Mit­glieds der Pro­le­ta­ri­schen Hun­dert­schaf­ten durch Reichswehr-Truppen.Bundesarchiv, Bild 102–00191 / CC-BY-SA 3.0

Ber­lin, Tanz­tee im „Espla­na­de“ ADN-Zen­tral­bil­d/ Archiv Ber­lin 1926 Im Gar­ten des Ber­li­ner Hotels „Espla­na­da“ spielt zum 5 Uhr-Tee eine Jazz­band. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-K0623-0502–001 / CC-BY-SA 3.0,

ADN-ZB/IML-ZPA
3. Reichs­tref­fen des RFB vom 5.–6. Juni 1927 im Schil­ler-Park in Ber­lin-Wed­ding, Ernst Thäl­mann (l.) und Wil­ly Leow an der Spit­ze des Demons­tra­ti­ons­zu­ges. Bun­des­ar­chiv, Bild 183-Z0127-305 / CC-BY-SA 3.0


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