Hamburg auf den Barrikaden

Hafen­ar­bei­ter an einer Anle­ge­stel­le im Ham­bur­ger Hafen im Jahr 1900. Von Johann Hamann (1859–1935), Gemein­frei

1923. Fünf Jah­re sind seit dem Ende des Welt­krie­ges ver­gan­gen, aber Deutsch­land kommt nicht zur Ruhe. In Ham­burg üben die Kom­mu­nis­ten Welt­re­vo­lu­ti­on und für weni­ge Stun­den gibt es eine „Sowjet­re­pu­blik Stor­marn“. Ernst Thäl­mann, Ham­burgs cha­ris­ma­ti­scher KPD-Füh­rer, bringt sich für sei­ne wei­te­re Kar­rie­re in Stel­lung, Sta­lin und Hit­ler mischen auch schon irgend­wie mit.

Hamburg Auf den Barrikaden

War­um im Okto­ber 1923 nur in Ham­burg die Revo­lu­ti­on — der mona­te­lang geplan­te  „Deut­sche Okto­ber“ — doch noch statt­fin­det, ist ein Rät­sel.

Viel­leicht haben die Ham­bur­ger Genos­sen um Ernst Thäl­mann und Hugo Urbahns tat­säch­lich nicht mit­be­kom­men, dass kom­mu­nis­ti­sche Arbei­ter- und Betriebs­rä­te die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on zwei Tage zuvor auf einer Kon­fe­renz abge­bla­sen hat­ten.

Viel­leicht woll­ten sie aber auch mit einem per­sön­li­chen revo­lu­tio­nä­ren Akt in der Han­se­stadt — damals nach Ber­lin die zweit­größ­te Stadt Deutsch­lands — den zöger­li­chen Genos­sen im Rest der Repu­blik zei­gen, dass die Zeit für die zwei­te, wirk­li­che pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on reif ist und sie in den Auf­stand zwin­gen.

Ver­haf­tung eines Mit­glieds der Pro­le­ta­ri­schen Hun­dert­schaf­ten durch Reichswehr-Truppen.Bundesarchiv, Bild 102–00191 / CC-BY-SA 3.0


Allein die Luft in Hamburg riecht nach Revolution”

In Ham­burg, in dem es statt Adels­häu­sern und Stän­de­ge­sell­schaft immer nur die Tra­di­ti­on der ein­fa­chen Hafen­ar­bei­ter, See­leu­te und rei­chen Pfef­fer­sä­cke gege­ben hat, ist vie­les anders.

In ihrer Repor­ta­ge „Ham­burg auf den Bar­ri­ka­den” beschreibt die sowje­ti­sche Schrift­stel­le­rin Laris­sa Reiss­ner im Okto­ber 1923 Ham­burg als Stadt, in dem es zwi­schen Reich und Arm fast kei­ne Berüh­rungs­ängs­te gibt:

” … Die Dir­ne aus Sankt Pau­li sitzt neben der Gat­tin eines Beam­ten, zwin­kert den Nach­barn zu und steigt an der nächs­ten Hal­te­stel­le aus – schon am Arm irgend­ei­nes von ihnen; der Arbei­ter umarmt sei­ne Frau oder sei­ne Freun­din; der Lösch­ar­bei­ter umwölkt sei­ne Nächs­ten mit sei­nem unmög­li­chen Tabak; Freun­de schlep­pen einen betrun­ke­nen Matro­sen nach Hau­se, und der gan­ze Wagen amü­siert sich mit ihnen, denkt, spricht und lacht im reins­ten Ham­bur­ger Platt, das geeig­net ist, jeden belie­bi­gen Ort sofort in eine lus­ti­ge Hafen­knei­pe zu ver­wan­deln.”


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Har­ry Braun, Der Ham­bur­ger Hafen — Eine Zeit­rei­se in Bil­dern*, Sut­ton Ver­lag, Juni 2014


Viel­leicht sei das auf den ers­ten Blick nicht wich­tig, schreibt Reiss­ner, aber im Ver­gleich zu Ber­lin, … wo der Arbei­ter mit sei­nen Instru­men­ten nur in einem beson­ders schmut­zi­gen und unsau­be­ren Wagen fah­ren darf, wo das Vor­recht der Ers­ten und Zwei­ten Klas­se nahe­zu mit poli­zei­li­chem Auf­ge­bot ver­tei­digt wird; wo der Arbeits­lo­se, sich sei­ne vor Käl­te vio­let­ten Ohren rei­bend, es kaum wagen darf, sich auf einer der zahl­lo­sen, stets lee­ren Bän­ke des Tier­gar­tens aus­zu­ru­hen, … im Ver­gleich zur Reichs­haupt­sadt ist Ham­burg ein­fach anders.

” … Nach dem offi­zi­el­len bür­ger­li­chen Ber­lin riecht allein schon die Luft von Ham­burg mit sei­ner Ein­fach­heit und sei­nen frei­en Sit­ten nach Revo­lu­ti­on“, ist Reiss­ners Fazit.

Viel­leicht ist das tat­säch­lich einer der Grün­de, wes­halb Ham­burg 1923 zum ein­zi­gen Aus­tra­gungs­ort des “Deut­schen Okto­ber” wird.


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Der Aufstand in Hamburg

Der Auf­stand in Ham­burg beginnt am 23. Okto­ber 1923 um 5 Uhr mor­gens mit einem Sturm auf ver­schie­de­ne Poli­zei­re­vie­re, um den Man­gel der Revo­lu­tio­nä­re an Waf­fen zu behe­ben.

Neben Ham­burg waren (das damals noch preu­ßi­sche) Alto­na und der Kreis Stor­marn Schau­platz des Umsturz­ver­su­ches.

So wur­den die Poli­zei­dienst­stel­len in den stor­mar­ni­schen Gemein­den Bram­feld und Schiff­bek über­fal­len und die Dienst­waf­fen erbeu­tet. In Bad Oldes­loe, Ahrens­burg und Rahlstedt wur­den Eisen­bahn- und Stra­ßen­blo­cka­den durch­ge­führt. In Barg­te­hei­de wur­de der Gemein­de­vor­ste­her von den Auf­stän­di­schen fest­ge­nom­men und eine „Sowjet­re­pu­blik Stor­marn“ aus­ge­ru­fen.

Bis auf Barm­bek, Eims­büt­tel und den stor­mar­ni­schen Ort Schiff­bek waren die Auf­stands­ver­su­che inner­halb weni­ger Stun­den nie­der­ge­schla­gen.

Nur in Barm­bek, wo bei der Wahl kurz zuvor etwa 20 Pro­zent der Wäh­ler für die KPD gestimmt hat­ten, erhiel­ten die Auf­stän­di­schen Unter­stüt­zung aus der Bevöl­ke­rung, die sich beim Bar­ri­ka­den­bau betei­lig­te und die Auf­stän­di­schen mit Lebens­mit­teln ver­sorg­te.

Hier konn­ten die­se sich unter dau­ern­dem Gewehr­feu­er den Tag über hal­ten. In der Nacht ver­lie­ßen sie, von der Aus­sichts­lo­sig­keit der Lage über­zeugt, heim­lich ihre Stel­lun­gen, so dass der Groß­an­griff der Ham­bur­ger Poli­zei am nächs­ten Tag ins Lee­re lief.“
(Wiki­pe­dia, “Ham­bur­ger Auf­stand“)


Stalins Mann in Deutschland:
Ernst Thälmann

Ernst Thäl­mann als Kan­di­dat bei der Reichs­prä­si­den­ten­wahl 1932. Bun­des­ar­chiv, Bild 102–12940 / CC BY-SA 3.0

Der „Ham­bur­ger Auf­stand” schei­tert kläg­lich.

Nur 300 der 14.000 ein­ge­tra­ge­nen KPD-Mit­glie­der der Han­se­stadt betei­li­gen sich, die Zeit für einen pro­le­ta­ri­schen Auf­stand nach sowje­ti­schem Modell scheint in Deutsch­land doch nicht reif zu sein. Auch nicht in Ham­burg.

Die „Bar­ri­ka­den­kämp­fe von Barm­bek“ wären heu­te nicht mehr der Rede wert, hät­ten sie nicht das Zer­würf­nis der bei­den Arbei­ter­par­tei­en SPD und KPD wei­ter ver­schärft — und erst­mals ein Schlag­licht auf die kom­men­de Licht­ge­stalt der tief zer­strit­te­nen KPD gewor­fen: Ernst Thäl­mann.

Thäl­mann, 1886 als Sohn eines Gemischt­wa­ren­händ­lers in Ham­burg gebo­ren und in beschei­de­nen Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen, ist intel­li­gent und begabt, muss aber zu sei­ner gro­ßen Ent­täu­schung sei­ne Schul­zeit nach sie­ben Jah­re Volks­schu­le been­den, weil sei­nen Eltern das Geld für eine höhe­re Schu­le fehlt.

Zunächst weiß er nicht, was er tun soll, schlägt sich als Gele­gen­heits­ar­bei­ter durch, tritt mit 17 Jah­ren in die SPD ein und macht sich bald als Gewerk­schaf­ter bei den Ham­bur­ger Hafen­ar­bei­tern einen Namen.

Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs kämpft er als Sol­dat an der West­front. Als er 1918 aus dem Krieg in sei­ne Hei­mat­stadt Ham­burg zurück­kehrt, ist sie in der Hand von Arbei­ter- und Sol­da­ten­rä­ten, für die er sich sofort begeis­tert. Er ver­lässt die SPD und tritt der Kon­kur­renz bei, der USPD, für die er 1920 ins Stadt­par­la­ment ein­zieht.


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Die Zwi­schen­kriegs­zeit 1918 bis 1939. Nicht von Wis­sen­schaft­lern und His­to­ri­kern erklärt, son­dern mit Tage­bü­chern, Brie­fen und Foto­gra­fi­en von Zeit­zeu­gen (u.a. Pola Negri und Unity Mit­ford) erzählt. Spiel­sze­nen wech­seln sich mit alten Film­auf­nah­men ab — eine sehr sehens­wer­te und authen­ti­sche Mischung von Geschich­ten und Geschich­te, die die­se Zeit nicht erklärt, son­dern sie uns erle­ben lässt. Krieg der Träu­me 1918–1939 [3 DVDs]*, 2018, FSK 12


Thäl­mann ist 1923 nur einer der Orga­ni­sa­to­ren des Auf­stands, aber im Gegen­satz zu sei­nem direk­ten Kon­kur­ren­ten, dem eher nüch­ter­nen Volks­schul­leh­rer Hugo Urbahns, ver­steht er es, mit sei­ner lau­ten, pol­tern­den Art die Her­zen der Men­schen zu gewin­nen.

Vor allem gelingt es ihm, Sta­lins Ver­trau­en zu gewin­nen — ein Unter­fan­gen, an dem schon vie­le geschei­tert sind.

Nach dem Ham­bur­ger Auf­stand macht Thäl­mann eine erstaun­li­che Kar­rie­re.

Zunächst wird er 1924 in das neue KPD-Zen­tral­ko­mi­tee gewählt, das — noch — einen eige­nen, von Mos­kau unab­hän­gi­gen Weg ein­schlägt.

Ein Jahr spä­ter sind die „Links­ab­weich­ler“ des Komi­tees beim mitt­ler­wei­le fast all­mäch­ti­gen Sta­lin so in Ungna­de gefal­len, dass sie alle­samt nach Mos­kau zitiert und abge­kan­zelt wer­den. Nur Thäl­mann wird vom Vor­wurf, ein „Ultra­lin­ker“ zu sein, frei­ge­spro­chen und von der KPD auf Wunsch Sta­lins zum neu­en KPD-Füh­rer ernannt.

SPD und NSDAP sind Zwillinge!
Die “Sozialfaschismustheorie”

Das eigent­li­che Desas­ter des geschei­ter­ten Ham­bur­ger Auf­stands war, dass die KPD wie­der ein­mal von der SPD ent­täuscht wor­den ist.

Gut war das Mit­ein­an­der bei­der Arbei­ter­par­tei­en noch nie, aber das sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Hin und Her im Kri­sen­jahr 1923 kommt für vie­le KPD-Anhän­ger einem Ver­rat gleich.

Zunächst ver­stört die Zer­schla­gung der rot-roten Län­der­par­la­men­te in Thü­rin­gen und Sach­sen per Reichs­exe­ku­ti­on mit der Bil­li­gung der Ber­li­ner SPD-Füh­rung, im Novem­ber 1923 ver­bie­tet die Koali­ti­ons­re­gie­rung unter Reichs­kanz­ler Stre­se­mann mit Betei­li­gung der SPD alle extre­mis­ti­schen Par­tei­en: die NSDAP, aber auch die KPD.

Nicht nur deut­sche Kom­mu­nis­ten sind miss­traui­scher denn je.
Aus Mos­kau kommt im Jahr 1924 schließ­lich eine The­se, die in den kom­men­den Jah­ren eine ver­hee­ren­de Wir­kung ent­fal­ten und das Ende der Wei­ma­rer Repu­blik mit ver­ur­sa­chen wird:
die Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie.

„Der Faschis­mus ist eine Kampf­or­ga­ni­sa­ti­on der Bour­geoi­sie, die sich auf die akti­ve Unter­stüt­zung der Sozi­al­de­mo­kra­ten stützt. Die Sozi­al­de­mo­kra­tie ist objek­tiv der gemä­ßig­te Flü­gel des Faschis­mus. Es liegt kein Grund zu der Annah­me vor, die Kampf­or­ga­ni­sa­tio­nen der Bour­geoi­sie könn­ten ohne die akti­ve Unter­stüt­zung durch die Sozi­al­de­mo­kra­ten ent­schei­den­de Erfol­ge in den Kämp­fen oder bei der Ver­wal­tung des Lan­des erzie­len. Die­se Orga­ni­sa­tio­nen schlie­ßen ein­an­der nicht aus, son­dern ergän­zen ein­an­der. Das sind nicht Anti­po­den, son­dern Zwil­lings­brü­der.“

(Sta­lin, Wer­ke, Band VI, S.253 Ber­lin 1950)

Sta­lin, auf den die The­se im Wesent­li­chen zurück­geht, dach­te damals nicht an Hit­ler, denn des­sen NSDAP spiel­te nach dem geschei­ter­ten Putsch vor der Münch­ner Feld­her­ren­hal­le am 9. Novem­ber 1923 zunächst kei­ne Rol­le mehr.

Statt­des­sen wird jede Maß­nah­me, die sich gegen die deut­schen Kom­mu­nis­ten rich­tet, schlicht als Faschis­mus bezeich­net.

Jeder, der gegen Kom­mu­nis­ten vor­geht, ist ein Faschist, ohne Unter­schied und ohne Dif­fe­ren­zie­rung.
Eine gefähr­li­che Sack­gas­se, die in den kom­men­den Jah­ren ver­hin­dern wird, dass die star­ke kom­mu­nis­ti­sche Par­tei in Deutsch­land die Absich­ten der Natio­nal­so­zia­lis­ten wirk­lich begreift und bekämpft.

Damit ist der Grund­stein für die her­auf­zie­hen­de Kata­stro­phe gelegt.


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Die Goldenen Zwanziger Jahre

Im Jahr 1924 ist dem Kabi­nett Stre­se­mann das gelun­gen, was kaum jemand für mög­lich gehal­ten hat: Die Wäh­rungs­re­form und die Ein­füh­rung der “Ren­ten­mark” als Über­gangs­wäh­rung zei­gen Wir­kung, die deut­sche Wirt­schaft erholt sich, die poli­ti­sche Situa­ti­on im Land beru­higt sich.

Wirt­schaft­lich geht es das ers­te Mal seit 1918 wie­der berg­auf.

Auch poli­tisch wird es ruhi­ger. KPD und NSPAP sind auch nach der Auf­he­bung der Par­tei­en­ver­bo­te im März 1924 kei­ne Bedro­hung mehr, denn bei­de Par­tei­en ver­lie­ren scha­ren­wei­se Anhän­ger. Vie­le Deut­schen spü­ren die ers­ten Anzei­chen des wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs, es geht ihnen bes­ser. Nach vie­len Jah­ren Krieg und Bür­ger­krieg tan­zen sie jetzt lie­ber Tan­go, Shim­my oder Charles­ton, statt zu demons­trie­ren.

1924 begin­nen die „Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­re“ auch in der Wei­ma­rer Repu­blik, die beschwing­te Atem­pau­se zwi­schen zwei Kata­stro­phen.

Ber­lin, Tanz­tee im „Espla­na­de“ ADN-Zen­tral­bil­d/ Archiv Ber­lin 1926 Im Gar­ten des Ber­li­ner Hotels „Espla­na­da“ spielt zum 5 Uhr-Tee eine Jazz­band. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-K0623-0502–001 / CC-BY-SA 3.0,

Am Abgrund

Die welt­wei­te wirt­schaft­li­che Erho­lung wäh­rend der Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­re führt zu einer gigan­ti­schen Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die am 24. Okto­ber 1929 , dem “Schwar­zen Frei­tag” , platzt und die Welt in einen wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Abgrund reißt.

Jetzt zeigt sich die gewal­ti­ge Spreng­kraft, die im zer­rüt­te­ten Ver­hält­nis zwi­schen SPD und KPD und in der sta­li­nis­ti­schen Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie ste­cken.

Ver­schärft wur­de die Theo­rie 1928 auf dem sechs­ten Welt­kon­gress der Kom­in­tern (Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le), der — für vie­le über­ra­schend — eine neue Pha­se des Klas­sen­kamp­fes ankün­digt.

Es ist die Zeit der Zwangs­kol­lek­ti­vie­run­gen in der UDSSR, die Mil­lio­nen Men­schen in den Hun­ger­tod treibt und Mil­lio­nen Bau­ern – Kula­ken – in Todes­la­ger und vor Erschie­ßungs­kom­man­dos.
Gerecht­fer­tigt wer­den die Grau­sam­kei­ten mit einem bei­spiel­lo­sen Indus­trie­ali­sie­rungs­pro­gramm, denn Sta­lin weiß, wie rück­stän­dig die Sowjet­uni­on im Ver­gleich zu ande­ren Natio­nen — und poten­zi­el­len Kriegs­geg­nern — ist.

Wir sind hin­ter den fort­ge­schrit­te­nen Län­dern um 50 bis 100 Jah­re zurück­ge­blie­ben. Wir müs­sen die­se Lücke in zehn Jah­ren schlie­ßen oder wir wer­den zer­malmt” , ver­kün­det er pro­phe­tisch.

Der neue lin­ke Kurs schlägt sich auch auf die Außen­po­li­tik nie­der: Alle Kom­mu­nis­ten im Aus­land sol­len gegen Par­tei­en und Poli­ti­ker vor­ge­hen, die man als Fein­de der UDSSR – als Faschis­ten – ansieht. Damit ist auch und vor allem die SPD gemeint.

ADN-ZB/IML-ZPA
3. Reichs­tref­fen des RFB vom 5.–6. Juni 1927 im Schil­ler-Park in Ber­lin-Wed­ding, Ernst Thäl­mann (l.) und Wil­ly Leow an der Spit­ze des Demons­tra­ti­ons­zu­ges. Bun­des­ar­chiv, Bild 183-Z0127-305 / CC-BY-SA 3.0


Das Ende der Weimarer Republik

Für Sta­lin ist in Deutsch­land der Haupt­feind die SPD, die 1928 die Regie­rung Mül­ler stellt und spä­ter Brü­ning tole­riert.

Als der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Poli­zei­prä­si­dent Zör­gie­bel 1929 eine kom­mu­nis­ti­sche Mai-Demons­tra­ti­on zusam­men­schie­ßen lässt und den Rot­front­kämp­fer­bund ver­bie­tet, scheint das der end­gül­ti­ge Beweis für den faschis­ti­schen Cha­rak­ter der SPD zu sein.

In der Fol­ge­zeit ver­sucht die KPD eine eige­ne „Ein­heits­front“ von unten auf­zu­bau­en, SPD-Mit­glie­der in ihre Orga­ni­sa­ti­on abzu­wer­ben, um die SPD-Füh­rung zu iso­lie­ren.

Gleich­zei­tig wer­den bereits Brü­ning und Papen als faschis­ti­sche Regie­run­gen bezeich­net, weil sie mit Not­ver­ord­nun­gen regie­ren. Da die SPD die­se Regie­run­gen unter­stützt, müs­se man vor allem die Sozi­al­de­mo­kra­tie bekämp­fen, so die Logik der KPD.

Ernst Thäl­mann for­mu­liert den neu­en Kurs in einer Rede im Jahr 1928 so:

SPD und NSDAP sind Zwil­lin­ge!
Wie steht es nun mit dem Ver­hält­nis zwi­schen der Poli­tik der Hit­ler­par­tei und der Sozi­al­de­mo­kra­tie? Schon das XI. Ple­num hat von einer Ver­flech­tung die­ser bei­den Fak­to­ren im Diens­te des Finanz­ka­pi­tals gespro­chen. Am klars­ten hat Genos­se Sta­lin schon im Jah­re 1924 die Rol­le die­ser bei­den Flü­gel gekenn­zeich­net, indem er von ihnen als von „Zwil­lin­gen“ sprach, „die ein­an­der ergän­zen.“

His­to­ri­ker sind sich heu­te einig, dass die absur­de Gleich­set­zung von NSDAP und SPD den Weg in die Kata­stro­phe zumin­dest geeb­net hat.

Die bei­den Arbei­ter­par­tei­en zer­flei­schen sich in den kom­men­den Kri­sen­jah­ren bis 1933 gegen­sei­tig, teil­wei­se koope­riert die KPD sogar mit den Natio­nal­so­zia­lis­ten, nur um der SPD zu scha­den.

Die Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie erleich­ter­te Hit­ler den Auf­stieg zur Macht, viel­leicht hat sie ihn sogar erst mög­lich gemacht.

Ein Teil der Wur­zeln die­ses Desas­ters lie­gen im Jahr 1923, als der „Deut­sche Okto­ber“ nur in Ham­burg statt­fand.

Appendix:

Im Mos­kau­er Kreml wird am 23.8.1939 ein Nicht­an­griffs­ver­trag zwi­schen dem deut­schen Reich und der UdSSR unter­zeich­net. Nach der Unter­zeich­nung im Gespräch J.W. Sta­lin und der deut­sche Reichs­au­ßen­mi­nis­ter Joa­chim von Rib­ben­trop (r.), Bun­des­ar­chiv, Bild 183-H27337/CC-BY-SA 3.0

Ernst Thäl­mann wird im März 1933 ver­haf­tet und stirbt 1944 nach lan­ger Gefan­gen­schaft und schwe­ren Miss­hand­lun­gen im KZ Buchen­wald.

Sta­lin wird selbst zum “Kol­la­bo­ra­teur” der Faschis­ten und unter­zeich­net im August 1939 den Deutsch-Sowje­ti­schen Nicht­an­griffs­pakt, der den 2. Welt­krieg für Hit­ler mög­lich mach­te.

Obwohl der “Woschd” — Sta­lin — behaup­tet zu wis­sen, was Hit­ler im Schil­de führt, ist er kom­plett über­rum­pelt, als am Mor­gen des 22. Juni 1941 das “Unter­neh­men Bar­ba­ros­sa” beginnt und 3,5 Mil­lio­nen Sol­da­ten unter Füh­rung der Deut­schen Wehr­macht die Sowjet­uni­on über­fal­len.

Josef Sta­lin wird zwei­mal für den Frie­dens­no­bel­preis nomi­niert, ein­mal 1945, als einer der Sie­ger des Zwei­ten Welt­krie­ges, und ein­mal 1948.

Er stirbt am 5. März 1953 nach einem Schlag­an­fall.


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Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Die Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­re sind ein Tanz auf dem Vul­kan. Die “Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie” ist ein Fun­da­ment für die Kata­stro­phe des 30. Janu­ar 1933, das wirt­schaft­li­che Desas­ter folgt am 24. Okto­ber 1929. Akti­en und Kon­sum auf Pump: Jetzt kau­fen, spä­ter zah­len, und die “Gold­fal­le” füh­ren direkt vom Bör­sen­krach zur Welt­wirt­schafts­kri­se.
Der “Schwar­ze Frei­tag”: Vom Bör­sen­krach zur Welt­wirt­schafts­kri­se

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12 Jahr­hun­der­te Stadt­ge­schich­te als span­nen­de Zeit­rei­se, die selbst gebür­ti­ge Ham­bur­ger und Ham­bur­ge­rin­nen an der einen oder ande­ren Stel­le über­ra­schen wird. Ein “Must-Have” für alle, die sich für die Geschich­te Ham­burgs inter­es­sie­ren.
Ham­bur­ger Abend­blatt (Her­aus­ge­ber): Ham­bur­ger Zeit­rei­se: 12 Jahr­hun­der­te Stadt­ge­schich­te*, Gebun­de­ne Aus­ga­be Okto­ber 2013


Für den gro­ßen Über­blick: Ein sehr gut ver­ständ­lich geschrie­be­nes Geschichts­buch, für alle Geschichts­in­ter­es­sier­ten pri­ma zum Nach­schla­gen und Quer­le­sen geeig­net.
Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2012


Marx hat­te nicht die Ant­wort, aber er hat die rich­ti­gen Fra­gen gestellt”: Deut­sche Geschich­te als Doku­men­ta­ti­on, span­nend mit Spiel­sze­nen auf­be­rei­tet und durch die Kom­men­ta­re wich­ti­ger His­to­ri­ker sehr gut erklärt. Sehr sehens­wert in Staf­fel 2 ist der Bei­trag über Karl Marx, den es in der Box mit ins­ge­samt 10 Bei­trä­gen über her­aus­ra­gen­de Deut­sche gibt (u.a. Gus­tav Stre­se­mann) oder auch über Ama­zon prime als Ein­zel­epi­so­de. Die Deut­schen, Staf­fel 2*, Kom­plett-Media, 2010



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Ham­burg I: Es sind Grün­der wie Albert Bal­lin, die den Rei­chen und Schö­nen im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert das Leben schwer machen. Empor­kömm­lin­ge aus klei­nen Ver­hält­nis­sen, die eige­ne Unter­neh­men grün­den und sich mit eiser­nem Wil­len und vor allem viel Biss Wohl­stand und Ein­fluss erkämp­fen. Bal­lin steigt nicht nur zum Gene­ral­di­rek­tor der HAPAG auf, son­dern wird auch enger Ver­trau­ter und “Ree­der des Kai­sers”, was man bei Hofe in Ber­lin nicht ger­ne sieht.
Die Welt ist fried­los gewor­den. Albert Bal­lin, der Ree­der des Kai­sers


Ham­burg II: 10 Tage und Näch­te lang bom­bar­die­ren 3000 bri­ti­sche und US-ame­ri­ka­ni­sche Flug­zeu­ge in der “Ope­ra­ti­on Gomor­rha” Ham­burg und wer­fen dabei 9000 Ton­nen ‘Mate­ri­al’ ab — zunächst ‘Wohn­block­kna­cker’, anschlie­ßend Brand­bom­ben. In der Nacht zum 28. Juli 1943 ent­zün­den sie dadurch im Ham­bur­ger Osten einen Feu­er­sturm, in dem über 30.000 Men­schen ster­ben.
Ham­burg 1943: Die Ope­ra­ti­on Gomor­rha


Die Hyper­in­fla­ti­on 1923: Reichs­kanz­ler Wil­helm Cuno und sei­ne „Regie­rung der Wirt­schaft“ ver­su­chen, die Fran­zo­sen aus dem Ruhr­ge­biet zu ver­trei­ben und las­sen dafür Geld dru­cken. Sehr viel Geld. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen für die gebeu­tel­te Wei­ma­rer Repu­blik. Es scheint nur noch eine Fra­ge der Zeit bis zum Kol­laps zu sein. Bis zum rech­ten oder lin­ken Kol­laps, das ist auch noch nicht so ganz klar …
Vom Ruhr­kampf zum Deut­schen Okto­ber


Sta­lin ist grob und unbe­herrscht – es kann durch­aus vor­kom­men, dass er im Ärger den Kopf eines Mit­ar­bei­ters packt und auf die Tisch­plat­te knallt. Doch mitt­ler­wei­le ist er als Par­tei-Gene­ral­se­kre­tär viel zu mäch­tig, als dass man Lenins letz­ten Wil­len befol­gen könn­te, sich einen ande­ren zu suchen. Sta­lin — die Zeit der „Ent­ku­la­ki­sie­rung“ und des „Gro­ßen Ter­rors“.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil 2


Das Ende der Repu­blik: Die letz­ten frei­en Wah­len am 6. Novem­ber 1932 besie­geln das Schick­sal der Deut­schen. Es ist aber nicht das Wäh­ler­vo­tum, das den roten Tep­pich für Adolf Hit­ler aus­rollt, son­dern das kata­stro­pha­le Agie­ren von mehr oder min­der demo­kra­ti­schen Poli­ti­kern, die mit einer Mischung aus Igno­ranz, Dumm­heit und Selbst­sucht die ers­te Demo­kra­tie auf deut­schem Boden gegen die Wand fah­ren.
1932- das Ende der Repu­blik. Brü­ning: Der Hun­ger­kanz­ler


See­fahrt: Die Äqua­tor­tau­fe ist ein alter Initia­ti­ons­ri­tus für See­leu­te, der noch aus der Zeit der Ent­deck­er­rei­sen stammt. Damals fürch­te­te man die lebens­ge­fäht­li­che Pas­sa­ge über den Äqua­tor. Gegen die töd­li­chen Gefah­ren soll­ten Mut und Gläu­big­keit hel­fen, bekräf­tigt wur­de bei­des durch eine Tau­fe. Mit der Zeit ver­lo­ren die Äqua­to­ren­fahr­ten ihren Schre­cken; getauft wur­de trotz­dem.
Die Äqua­tor­tau­fe


Das Genera­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert


Ori­gi­nal­text “Ham­burg auf den Bar­ri­ka­den” der sowje­ti­schen Schrift­stel­le­rin Laris­sa Reiss­ner
https://​guten​berg​.spie​gel​.de/​b​u​c​h​/​h​a​m​b​u​r​g​e​r​-​o​k​t​o​b​e​r​-​1​9​2​3​-​h​a​m​b​u​r​g​-​a​u​f​-​d​e​n​-​b​a​r​r​i​k​a​d​e​n​-​5​5​8​7/1


Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung: Der Kampf um die Repu­blik 1919 — 1923.
https://www.bpb.de/izpb/55958/kampf-um-die-republik-1919–1923?p=all


Wir müssten das alles mal aufschreibenDie Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en bringt seit 2012 Lebens-. Fami­li­en- und Unter­neh­mens­bio­gra­fi­en als Bild­bio­gra­phi­en ins Buch und bie­tet außer­dem einen Ghost­wri­ting-Ser­vice mit den Schwer­punk­ten Geschich­te und Psy­cho­lo­gie an.
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Bild­nach­wei­se:
1. Hafen­ar­bei­ter an einer Anle­ge­stel­le im Ham­bur­ger Hafen im Jahr 1900. Von Johann Hamann (1859–1935) — Johann Hamann: „Ham­burg um die Jahr­hun­dert­wen­de. Mit eini­gen Farb­auf­nah­men von Hein­rich Hamann. Hrsg. von Wal­ter Uka. Mit einem Text von Timm Starl, Nis­hen-Ver­lag, Ber­lin-Kreuz­berg 1987, S. 1928. ISBN 3–88940-009–4, Gemein­frei
2. Ver­haf­tung eines Mit­glieds der Pro­le­ta­ri­schen Hun­dert­schaf­ten durch Reichs­wehr-Trup­pen.Bun­des­ar­chiv, Bild 102–00191 / CC-BY-SA 3.0
3. Ernst Thäl­mann als Kan­di­dat bei der Reichs­prä­si­den­ten­wahl 1932. Bun­des­ar­chiv, Bild 102–12940 / CC BY-SA 3.0
4. Ber­lin, Tanz­tee im „Espla­na­de“ ADN-Zen­tral­bil­d/ Archiv Ber­lin 1926 Im Gar­ten des Ber­li­ner Hotels „Espla­na­da“ spielt zum 5 Uhr-Tee eine Jazz­band. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-K0623-0502–001 / CC-BY-SA 3.0,

5. Reichs­tref­fen Rot­front­kämp­fer­bund 1927 (Ernst Thäl­mann (l.) und Wil­ly Leow (r.)). Bun­des­ar­chiv, Bild 183-Z0127-305 / CC-BY-SA 3.0
6. Ernst-Thäl­mann-Denk­mal in Ber­lin: Die rech­te Hand ist zur Faust, dem Gruß des Roten Front­kämp­fer­bun­des, erho­ben. Denk­mal für Ernst Thäl­mann von Lew Jefi­mo­witsch Ker­bel im Ber­li­ner Ernst-Thäl­mann-Park, Bron­ze auf ukrai­ni­schem Mar­mor, 1981/86. Von Spree­Tom — Eige­nes Werk, CC BY-SA 3.0
7. Sowjet­uni­on, August 1939, Im Mos­kau­er Kreml wird am 23.8.1939 ein Nicht­an­griffs­ver­trag zwi­schen dem deut­schen Reich und der UdSSR unter­zeich­net. Nach der Unter­zeich­nung im Gespräch J.W. Sta­lin und der deut­sche Reichs­au­ßen­mi­nis­ter Joa­chim von Rib­ben­trop (r.), Bun­des­ar­chiv, Bild 183-H27337/CC-BY-SA 3.0



 

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