Hamburg auf den Barrikaden: Der Aufstand von 1923

Ham­burg historisch

Hamburg auf den Barrikaden: Der Aufstand 1923


Ham­bur­ger Auf­stand: 1923 bau­en Kom­mu­nis­ten in Barm­bek Bar­ri­ka­den und für kur­ze Zeit gibt es eine Sowjet­re­pu­blik Stor­marn im Ham­bur­ger Umland.

Über Sta­lin, Thäl­mann und die ver­hängs­nis­vol­le Affä­re zwi­schen KPD und SPD in den 1920er Jahren.

Hamburger Aufstand 1923 mit Barrikadenkämpfen in Barmbek während des kommunistischen KPD-Aufstands

Krisenjahr 1923: Der KPD-Aufstand in Hamburg

Im Okto­ber 1923 ste­hen in Ham­burg Bar­ri­ka­den auf den Stra­ßen. Kom­mu­nis­ten stür­men Poli­zei­wa­chen, errich­ten Stra­ßen­sper­ren und rufen im Ham­bur­ger Umland eine „Sowjet­re­pu­blik Stor­marn“ aus.

Der Ham­bur­ger Auf­stand wird zwar inner­halb weni­ger Tage nie­der­ge­schla­gen, doch sei­ne poli­ti­schen Fol­gen rei­chen weit über Ham­burg hin­aus. Der geschei­ter­te Revo­lu­ti­ons­ver­such ver­schärft das ohne­hin zer­rüt­te­te Ver­hält­nis zwi­schen SPD und KPD — und erst­mals tritt Ernst Thäl­mann in Erschei­nung, der spä­te­re KPD-Chef und wich­tigs­ter Ver­bün­de­ter Sta­lins in Deutsch­land.

Der Auf­stand mar­kiert einen Wen­de­punkt der Wei­ma­rer Repu­blik: ein explo­si­ver Mix aus wirt­schaft­li­cher Not, poli­ti­scher Radi­ka­li­sie­rung und ideo­lo­gi­scher Ver­blen­dung, des­sen Fol­gen Deutsch­land noch Jah­re spä­ter erschüt­tern werden.

Hamburg in den 1920er Jahren: Warum die Hansestadt anders war

In Ham­burg, in den 1920er Jah­ren nach Ber­lin die zweit­größ­te Stadt Deutsch­lands, ist vie­les anders als im rest­li­chen Reich.

Das hat Tra­di­ti­on.

Schließ­lich kennt man in der Han­se­stadt seit Jahr­hun­der­ten weder Adli­ge noch sons­ti­ge Hoch­wohl­ge­bo­re­nen.
Ham­burgs Geschich­te und Tra­di­ti­on ist geprägt durch das Zusam­men­le­ben von Hafen­ar­bei­tern, See­leu­ten und rei­chen Pfef­fer­sä­cken, wes­halb es zwi­schen Arm und Reich tra­di­tio­nell viel weni­ger Stan­des­dün­kel und Berüh­rungs­ängs­te als anders­wo gibt.

„ … Nach dem offi­zi­el­len bür­ger­li­chen Ber­lin riecht allein schon die Luft von Ham­burg mit sei­ner Ein­fach­heit und sei­nen frei­en Sit­ten nach Revo­lu­ti­on“, schreibt sowje­ti­sche Schrift­stel­le­rin Laris­sa Reiss­ner in ihrer Repor­ta­ge „Ham­burg auf den Barrikaden”.

Hafenarbeiter an einer Anlegestelle im Hamburger Hafen um 1900 vor dem Hamburger Aufstand 1923

Hafen­ar­bei­ter an einer Anle­ge­stel­le im Ham­bur­ger Hafen im Jahr 1900
Von Johann Hamann (1859–1935)

1923 ent­zün­det sich schließ­lich die revo­lu­tio­när auf­ge­la­de­ne Ham­bur­ger Luft.

Ursprüng­lich soll­te der Ham­bur­ger Auf­stand ein Teil des lan­ge geplan­ten KPD-Auf­stands Deut­scher Okto­ber sein, die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on in Deutsch­land — die aller­dings zwei Tage vor dem geplan­ten Start­schuss kur­zer­hand abge­bla­sen wird.

War­um die Ham­bur­ger Genos­sen um Ernst Thäl­mann und Hugo Urbahns davon nichts mit­be­kom­men haben, ist nicht bekannt. Viel­leicht woll­ten sie vom Rück­zie­her der Genos­sen an der KPD-Spit­ze ein­fach nichts wissen?

Der Hamburger Aufstand 1923: Barrikadenkampf und die Sowjetrepublik Stormarn

Der Auf­stand in Ham­burg beginnt am 23. Okto­ber 1923 um 5 Uhr mor­gens mit einem Sturm auf ver­schie­de­ne Poli­zei­re­vie­re, um den Man­gel der Revo­lu­tio­nä­re an Waf­fen zu behe­ben.

Schau­plät­ze des Umsturz­ver­su­ches sind vor allem (das damals noch preu­ßi­sche) Alto­na und Stor­marn im Ham­bur­ger Umland. Dort, in Bad Oldes­loe, Ahrens­burg und Rahl­stedt wer­den Eisen­bahn- und Stra­ßen­blo­cka­den errich­tet und in Barg­te­he­i­de setzt man den Gemein­de­vor­ste­her fest und ruft die „Sowjet­re­pu­blik Stor­marn“ aus.

Doch was ambi­tio­niert begon­nen hat, ist schnell wie­der been­det: Der Auf­stand schei­tert man­gels Teil­neh­mer­zahl kläg­lich.
Nur 300 der 14.000 ein­ge­tra­ge­nen KPD-Mit­glie­der der Han­se­stadt betei­li­gen sich. Und nur in Barm­bek, wo bei der Wahl kurz zuvor etwa 20 Pro­zent für die KPD gestimmt haben, hel­fen Anwoh­ner den Revo­lu­tio­nä­ren beim Bau von Bar­ri­ka­den und ver­sor­gen sie mit Lebens­mit­teln.

Den gan­zen Tag über rat­tern Schüs­se durch die Stra­ßen Barm­beks. Poli­zei und Auf­stän­di­sche lie­fern sich erbit­ter­te Gefech­te, doch die Lage wird für die KPD-Kämp­fer zuneh­mend aus­sichts­los.

Noch in der Nacht zie­hen sie sich im Schutz der Dun­kel­heit zurück. Der Groß­an­griff der Poli­zei am nächs­ten Tag läuft ins Lee­re, weil kei­ne Auf­stän­di­schen mehr da sind.

Der Ham­bur­ger Auf­stand endet in einem Blut­bad: Rund 100 Men­schen ster­ben, dar­un­ter 24 KPD-Kämp­fer und 17 Poli­zis­ten, meh­re­re Hun­dert wer­den ver­letzt. Nach der Nie­der­schla­gung ver­haf­tet die Poli­zei mehr als 1.400 Per­so­nen, etwa 300 von ihnen wer­den spä­ter verurteilt.

Ernst Thälmann: Vom Hafenarbeiter zu Stalins Mann in Deutschland

Die Zeit für einen pro­le­ta­ri­schen Auf­stand nach sowje­ti­schem Modell scheint in Deutsch­land doch nicht reif zu sein. Auch nicht in Ham­burg.

Die „Bar­ri­ka­den­kämp­fe von Barm­bek“ wären heu­te nicht mehr als eine his­to­ri­sche Rand­no­tiz, hät­ten sie nicht das Zer­würf­nis der bei­den Arbei­ter­par­tei­en SPD und KPD wei­ter ver­schärft — und erst­mals ein Schlag­licht auf die kom­men­de Licht­ge­stalt der tief zer­strit­te­nen KPD, Ernst Thäl­mann gewor­fen hätte.

Ernst Thälmann als Kandidat bei der Reichspräsidentenwahl 1932 – KPD-Chef und führende Figur des Hamburger Aufstands von 1923

Ernst Thäl­mann bei der Reichs­prä­si­den­ten­wahl 1932. Der KPD-Vor­sit­zen­de aus Ham­burg wur­de zur Sym­bol­fi­gur der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung in der Wei­ma­rer Repu­blik.
Bild: Bun­des­ar­chiv, Bild 102–12940 / CC BY-SA 3.0

Thäl­mann, 1886 als Sohn eines Gemischt­wa­ren­händ­lers in Ham­burg gebo­ren und in beschei­de­nen Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen, ist intel­li­gent und begabt.
Zu sei­ner gro­ßen Ent­täu­schung muss er sei­ne Schul­zeit nach sie­ben Jah­re Volks­schu­le been­den, weil sei­nen Eltern das Geld für eine höhe­re Schu­le fehlt.

Zunächst weiß er nichts mit sich nach sei­ner Schul­zeit anzu­fan­gen und schlägt sich als Gele­gen­heits­ar­bei­ter durch. Mit 17 Jah­ren tritt er in die SPD ein. 

Thäl­mann gilt als cha­ris­ma­tisch, empa­thisch und sprach­ge­wandt, wes­halb er sich als bei den Ham­bur­ger Hafen­ar­bei­tern als Gewerk­schaf­ter einen Namen macht. Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs kämpft er als Sol­dat an der West­front.

Als er 1918 aus dem Krieg in sei­ne Hei­mat­stadt Ham­burg zurück­kehrt, ist sie in der Hand von Arbei­ter- und Sol­da­ten­rä­ten, für die er sich sofort begeis­tert. Er ver­lässt die SPD und tritt der Kon­kur­renz bei, der USPD, für die er 1920 ins Stadt­par­la­ment ein­zieht.

Bei der Pla­nung des Ham­bur­ger Auf­stands 1923 ist Thäl­mann nur einer der Orga­ni­sa­to­ren.
Aber im Gegen­satz zu sei­nem direk­ten Kon­kur­ren­ten, dem eher nüch­ter­nen Volks­schul­leh­rer Hugo Urbahns, ver­steht er es, mit sei­ner lau­ten, pol­tern­den Art die Her­zen der Men­schen zu gewin­nen.

Viel­leicht ist der Ham­bur­ger Auf­stand sein per­sön­li­cher revo­lu­tio­nä­rer Akt, mit dem er den zöger­li­chen Genos­sen im Rest der Repu­blik zei­gen will, dass die Zeit für die zwei­te, wirk­li­che pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on reif ist.

SPD und KPD: Gegenseitige Enttäuschung

Wie auch immer er es anstellt: Es gelingt Thäl­mann, Sta­lins Ver­trau­en zu gewin­nen — ein Unter­fan­gen, an dem schon vie­le geschei­tert sind.

Trotz des Schei­terns des Ham­bur­ger Auf­stands macht er eine erstaun­li­che Kar­rie­re und wird 1924 ins neue KPD-Zen­tral­ko­mi­tee gewählt, das — noch — einen eige­nen, von Mos­kau unab­hän­gi­gen Weg einschlägt

Stalin während des Großen Terrors in der Sowjetunion – der sowjetische Diktator Josef Stalin und seine brutale Herrschaft

Väter­chen Frost” und die kom­mu­nis­ti­sche Welt­herr­schaft: Wer war eigent­lich Sta­lin? (2)

Ein Jahr spä­ter sind die soge­nann­ten „Links­ab­weich­ler“ des Komi­tees beim mitt­ler­wei­le fast all­mäch­ti­gen Sta­lin so in Ungna­de gefal­len, dass sie alle­samt nach Mos­kau zitiert und abge­kan­zelt wer­den.

Nur Thäl­mann wird vom Vor­wurf, ein „Ultra­lin­ker“ zu sein, frei­ge­spro­chen und von der KPD auf Wunsch Sta­lins zum neu­en KPD-Füh­rer ernannt.

Das eigent­li­che Desas­ter des geschei­ter­ten Ham­bur­ger Auf­stands war, dass die KPD wie­der ein­mal von der SPD ent­täuscht ist.

Gut war das Mit­ein­an­der bei­der Arbei­ter­par­tei­en noch nie, aber das sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Hin und Her im Kri­sen­jahr 1923 ist für vie­le KPD-Anhän­ger der end­gül­ti­ge Beweis für den Ver­rat an der Sache der Arbeiter.

KPD gegen SPD: Die tiefe Spaltung der Arbeiterbewegung

Die SPD reprä­sen­tiert den Staat, anstatt für die Welt­re­vo­lu­ti­on und eine Repu­blik nach sowje­ti­scher Bau­art zu kämp­fen — nach KPD-Les­art die ein­zi­ge Mög­lich­keit, Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter end­gül­tig vom Joch der Unter­drü­ckung durch den Kapi­ta­lis­mus zu befrei­en.

Das Kri­sen­jahr 1923, das mit dem Ruhr­kampf, Hyper­in­fla­ti­on und der Ver­ar­mung vor allem der „klei­nen Leu­te” zu den schwär­zes­ten der Wei­ma­rer Repu­blik zählt, wird ein wei­te­rer Grund­stein für die ver­häng­nis­vol­le Affä­re zwi­schen SPD und KPD gelegt.

Auf dem Höhe­punkt der Kri­se, im Herbst 1923, bil­den sich in den Län­der­par­la­men­ten von Sach­sen und Thü­rin­gen Regie­rungs­ko­ali­tio­nen aus SPD und KPD.

Auf Lan­des­ebe­ne klappt die Zusam­men­ar­beit bei­der Arbei­ter­par­tei­en gut, aber der SPD-Füh­rung in Ber­lin ist sie ein Dorn im Auge.

Per „Reichs­exe­ku­ti­on” wer­den die bei­den Par­la­men­te auf­ge­löst und Ber­lin schickt die Reichs­wehr, um die — gewähl­ten — SPD-KPD Lan­des­re­gie­run­gen in Thü­rin­gen und Sach­sen auf­zu­lö­sen.
Mit aus­drück­li­cher Bil­li­gung der Ber­li­ner SPD-Füh­rung.

Bei Pro­tes­ten gegen die gewalt­sa­me Auf­lö­sung der bei­den Län­der­par­la­men­te gibt es Tote und Ver­letz­te. Im Novem­ber 1923 ver­bie­tet die Koali­ti­ons­re­gie­rung unter Reichs­kanz­ler Stre­se­mann außer­dem — wie­der mit Betei­li­gung der SPD — alle extre­mis­ti­schen Par­tei­en: die NSDAP, aber eben auch die KPD.

Verhaftung eines Mitglieds der Proletarischen Hundertschaften durch Reichswehr-Truppen während der politischen Krise 1923

Ver­haf­tung eines Mit­glieds der Pro­le­ta­ri­schen Hun­dert­schaf­ten durch Reichs­wehr-Trup­pen in Sach­sen wäh­rend der Kri­se der Wei­ma­rer Repu­blik im Jahr 1923.
Bild: Bun­des­ar­chiv, Bild 102–00191 / CC-BY-SA 3.0

Die Sozialfaschismustheorie: Wie Stalin die SPD zum Feind erklärte

Aus Mos­kau kommt 1924 die Retour­kut­sche: eine The­se, die in den kom­men­den Jah­ren eine ver­hee­ren­de Wir­kung ent­fal­ten und das Ende der Wei­ma­rer Repu­blik zumin­dest mit­ver­ur­sacht — die Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie.


„… Der Faschis­mus ist eine Kampf­or­ga­ni­sa­ti­on der Bour­geoi­sie, die sich auf die akti­ve Unter­stüt­zung der Sozi­al­de­mo­kra­ten stützt. Die Sozi­al­de­mo­kra­tie ist objek­tiv der gemä­ßig­te Flü­gel des Faschis­mus.
… Das sind nicht Anti­po­den, son­dern Zwil­lings­brü­der.“


Sta­lin, Wer­ke, Band VI, S.253 Ber­lin 1950


In Mos­kau denkt 1924 kaum jemand an Adolf Hit­ler. Nach des­sen Putsch­ver­such vor der Münch­ner Feld­her­ren­hal­le am 9. Novem­ber 1923 scheint die NSDAP poli­tisch bedeu­tungs­los und der Faschis­mus in Deutsch­land erle­digt zu sein.

Sta­lins Blick rich­tet sich statt­des­sen auf einen ande­ren Geg­ner: die Sozi­al­de­mo­kra­tie.

Nach der neu­en sowje­ti­schen Les­art ist „Faschis­mus“ nicht mehr nur eine rechts­ra­di­ka­le Ideo­lo­gie, son­dern alles, was sich den Kom­mu­nis­ten ent­ge­gen­stellt. Vor allem die SPD gerät ins Visier, weil sie als Regie­rungs­par­tei der Wei­ma­rer Repu­blik ver­sucht, die Repu­blik gegen poli­ti­sche Gewalt von rechts und links zu sta­bi­li­sie­ren.

Faschis­mus ist aus Sta­lins Sicht schlicht und ein­fach alle Maß­nah­men, die sich gegen (deut­sche) Kom­mu­nis­ten rich­tet.

Und das sind vor allem die Maß­nah­men der Sozi­al­de­mo­kra­ten, die an den meis­ten Regie­run­gen der Wei­ma­rer Repu­blik betei­ligt sind und ver­su­chen, den Zen­tri­fu­gal­kräf­ten von rechts und links auf die geschun­de­ne Repu­blik ent­ge­gen­zu­wir­ken.

Es ist eine gefähr­li­che ideo­lo­gi­sche Sack­gas­se, die in den kom­men­den Jah­ren dazu füh­ren wird, dass die star­ke kom­mu­nis­ti­sche Par­tei in Deutsch­land die Absich­ten der Natio­nal­so­zia­lis­ten weder begreift noch bekämpft.
Denn der Feind der KPD ist die SPD und nie­mand anderes.

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Europa in der Zwischenkriegszeit 1918–1939

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Beschwingte Atempause zwischen zwei Katastrophen: Die Goldenen Zwanziger Jahre

Im Jahr 1924 gelingt dem Kurz­zeit-Kanz­ler Stre­se­mann das, was kaum einer für mög­lich gehal­ten hat: Nach­dem er gegen den Wider­stand fast aller poli­ti­scher Par­tei­en den desas­trö­sen Ruhr­kampf been­det hat, zeigt nun auch sei­ne Wäh­rungs­re­form und die Ein­füh­rung derRen­ten­mark” als Über­gangs­wäh­rung Wir­kung.

Wirt­schaft­lich geht es in Deutsch­land das ers­te Mal seit 1918 berg­auf.

Mit der wirt­schaft­li­chen Erho­lung wird es auch poli­tisch ruhi­ger; KPD und NSPAP ver­lie­ren scha­ren­wei­se Anhän­ger.

Vie­le Deut­schen spü­ren die ers­ten Anzei­chen des wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs, es geht ihnen bes­ser. Nach vie­len Jah­ren Krieg, Not und Unsi­cher­heit tan­zen sie jetzt lie­ber Tan­go, Shim­my oder Charles­ton, anstatt zu demonstrieren.

Flapper der 1920er Jahre in Charleston-Kleidern – Mode der Goldenen Zwanziger

Die Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­re: Die Geschich­te der Mode von 1900 bis 1930

Aller­dings füh­ren die welt­wei­te öko­no­mi­sche Ent­span­nung und das Wohl­stands­ver­spre­chen der Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­ren zu einer gigan­ti­schen Spe­ku­la­ti­ons­bla­se.

Am 24. Okto­ber 1929, dem „Schwar­zen Frei­tag”, platzt die soge­nann­te „Dienst­mäd­chen-Hausse” mit einem furio­sem Knall und reißt die Welt zunächst in einen wirt­schaft­li­chen und spä­ter in den poli­ti­schen Abgrund.

In die­ser Kri­se zeigt sich die gewal­ti­ge Spreng­kraft, die im zer­rüt­te­ten Ver­hält­nis zwi­schen SPD und KPD steckt. Die „Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie” erhält neue Rele­vanz.

Sta­lin hat­te sie 1928 auf dem sechs­ten Welt­kon­gress der Kom­in­tern (Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le) sogar noch ver­schärft, als er eine neue Pha­se des Klas­sen­kamp­fes ankün­dig­te.

Denn es ist die Zeit der Zwangs­kol­lek­ti­vie­run­gen in der UDSSR, in der ein gigan­ti­sches Indus­trie­ali­sie­rungs­pro­gramm auf­ge­legt wird, um die rück­stän­di­ge Sowjet­uni­on auf Augen­hö­he mit ande­ren Natio­nen — und gegen mög­li­che Kriegs­geg­ner — zu peitschen.

Ernst Thälmann und Willy Leow beim Reichstreffen des Rotfrontkämpferbundes 1927 in Berlin-Wedding

Reichs­tref­fen des Rot­front­kämp­fer­bun­des (RFB) im Juni 1927 in Ber­lin-Wed­ding: Ernst Thäl­mann (links) und Wil­ly Leow an der Spit­ze des Demons­tra­ti­ons­zu­ges.
Bild: Bun­des­ar­chiv, Bild 183-Z0127-305 / CC-BY-SA 3.0

Das Ende der Republik: Warum SPD und KPD Hitler nicht gemeinsam stoppten

Der neue Kurs macht sich auch in der Außen­po­li­tik bemerk­bar: Alle Kom­mu­nis­ten im Aus­land sol­len nach Sta­lins Wil­len gegen Par­tei­en und Poli­ti­ker vor­ge­hen, die man als Fein­de der UDSSR – als Faschis­ten – ansieht.

Damit ist auch und vor allem die SPD gemeint, die von der mos­kau­treue KPD unter Ernst Thäl­mann bis auf’s Blut bekämpft wird.

Als der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Ber­li­ner Poli­zei­prä­si­dent Zör­gie­bel 1929 die kom­mu­nis­ti­sche Mai-Demons­tra­ti­on zusam­men­schie­ßen lässt und wenig spä­ter den Rot­front­kämp­fer­bund (RFB) ver­bie­tet, scheint das der end­gül­ti­ge Beweis zu sein, dass die SPD gemein­sa­me Sache mit den Reak­tio­nä­ren — den Faschis­ten — macht.

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„Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher – Gereon-Rath-Krimi im Berlin der Weimarer Republik

Das Ende der Republik

Ber­lin 1929: Das 1. Buch der Gere­on-Rath-Kri­mi­rei­he von Vol­ker Kut­scher. Der SPD-Poli­zei­prä­si­dent Zör­gie­bel lässt am 1. Mai Schu­pos auf demons­trie­ren­de kom­mu­nis­ti­sche Arbei­ter schie­ßen, wäh­rend sich in der Stadt sowje­ti­sche Sta­li­nis­ten, Trotz­kis­ten und Anar­chis­ten blu­tig bekämp­fen.

Ein span­nen­der Kri­mi vor dem Hin­ter­grund einer chao­ti­schen Zeit — übri­gens die Vor­la­ge für die sehens­wer­te ers­te Staf­fel von Baby­lon Ber­lin*

In den Kata­stro­phen­jah­ren, die dem Bör­sen­krach von 1929 fol­gen, las­sen SA und Rot­kämp­fer­bund (RFB) zwar kei­ne Gele­gen­heit aus, um sich in Stra­ßen­schlach­ten und Knei­pen­schlä­ge­rei­en gegen­sei­tig die Köp­fe ein­zu­schla­gen, aber auf poli­ti­scher Ebe­ne kommt es immer wie­der zu gefähr­li­chen Alli­an­zen zwi­schen KPD und NSDAP.

Nach der Juli­wahl 1932 ver­fü­gen bei­de Par­tei­en zusam­men über eine „nega­ti­ve Mehr­heit“ im Reichs­tag, die sie, ver­eint im Wunsch, die­se Repu­blik end­lich abzu­schaf­fen, auch gemein­sam einsetzen.


SPD und NSDAP sind Zwil­lin­ge!
Wie steht es nun mit dem Ver­hält­nis zwi­schen der Poli­tik der Hit­ler­par­tei und der Sozi­al­de­mo­kra­tie? Schon das XI. Ple­num hat von einer Ver­flech­tung die­ser bei­den Fak­to­ren im Diens­te des Finanz­ka­pi­tals gespro­chen. Am klars­ten hat Genos­se Sta­lin schon im Jah­re 1924 die Rol­le die­ser bei­den Flü­gel gekenn­zeich­net, indem er von ihnen als von „Zwil­lin­gen“ sprach, „die ein­an­der ergän­zen.”

Ernst Thäl­mann in einer Reichs­tags­re­de 1928


Als sich Hit­lers Auf­stieg zur Macht abzeich­net, bleibt die Arbei­ter­schaft gespal­ten.
Gemein­sam hät­ten SPD und KPD die Macht­er­grei­fung ver­mut­lich ver­hin­dern kön­nen, aber Sta­lins Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie steht dem im Weg.

Das Ende der Repu­blik hat 1932 längst begon­nen.

Ein Teil der Wur­zeln die­ses Desas­ters lie­gen im Jahr 1923, als der „Deut­sche Okto­ber“ nur in Ham­burg stattfand.

Ernst Thälmanns qualvoller Tod

Knapp 10 Jah­re nach dem geschei­ter­ten Ham­bur­ger Auf­stand wird Ernst Thäl­mann im März 1933 ver­haf­tet, nach­dem sein Ver­steck in Ber­lin nach dem Reichs­tags­brand ver­ra­ten wur­de.

Er stirbt 1944 nach lan­ger Gefan­gen­schaft und schwe­ren Miss­hand­lun­gen im KZ Buchen­wald.

Genos­se Sta­lin wird selbst zum „Kol­la­bo­ra­teur” und unter­zeich­net im August 1939 den Deutsch-Sowje­ti­schen Nicht­an­griffs­pakt, der den 2. Welt­krieg für Hit­ler erst mög­lich mach­te. Obwohl Sta­lin behaup­tet zu wis­sen, was Hit­ler im Schil­de führt, ist er vom Über­fall der Deut­schen, dem „Unter­neh­men Bar­ba­ros­sa”, am 22. Juni 1941 kom­plett über­rum­pelt.

Josef Sta­lin wird zwei­mal für den Frie­dens­no­bel­preis nomi­niert, ein­mal 1945, als einer der Sie­ger des Zwei­ten Welt­krie­ges, und ein­mal 1948. Er stirbt am 5. März 1953 nach einem Schlaganfall.

Mehr lesen:

Win­ter 1932: Die Genos­sin­nen und Genos­sen der KPD, seit Mit­te der 1920er Jah­re unter ihrem Füh­rer Ernst Thäl­mann stramm mos­kau­treu und stal­in­hö­rig, sehen nicht in der NSDAP, son­dern in der SPD den eigent­li­chen Feind. Eine gemein­sa­me anti­fa­schis­ti­sche Ein­heits­front bei­der Arbei­ter­par­tei­en gegen Hit­ler, die die Repu­blik viel­leicht noch ret­ten könn­te, ist damit aus­ge­schlos­sen.
1933 Das Ende der Repu­blik. Hit­lers Auf­stieg zur Macht

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Eine Hafen­rund­fahrt durch das alte Hamburg

Wie roch, klang und arbei­te­te der Ham­bur­ger Hafen, bevor Con­tai­ner­ter­mi­nals und Kreuz­fahrt­rie­sen das Bild bestimm­ten? Albin Mül­ler hält in sei­nen ein­drucks­vol­len Foto­gra­fien das alte Hafen­ge­wim­mel fest: Bar­kas­sen, Segel­schif­fe, Hafen­ar­bei­ter und den berühm­ten Ham­bur­ger Hafen­schnack.

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Buch Hamburg in frühen Fotografien mit historischen Aufnahmen der Hansestadt zwischen 1859 und 1883

Das alte Ham­burg vor der Moderne

Die­ses Buch zeigt ein Ham­burg, das längst ver­schwun­den ist: krum­me Gas­sen, Fach­werk­häu­ser, Pfer­de­bah­nen und die ers­ten Gas­la­ter­nen einer Stadt im Umbruch.

Die sel­te­nen Foto­gra­fien aus den Jah­ren 1859 bis 1883 machen den All­tag der Men­schen sicht­bar — und las­sen das alte Ham­burg auf beein­dru­cken­de Wei­se wie­der leben­dig werden.


Weiterführende Beiträge im Generationengespräch

Sta­lin ist grob und unbe­herrscht – es kann durch­aus vor­kom­men, dass er im Ärger den Kopf eines Mit­ar­bei­ters packt und auf die Tisch­plat­te knallt. Doch mitt­ler­wei­le ist er als Par­tei-Gene­ral­se­kre­tär viel zu mäch­tig, als dass man Lenins letz­ten Wil­len befol­gen könn­te, sich einen ande­ren zu suchen. Sta­lin — die Zeit der „Ent­ku­la­ki­sie­rung“ und des „Gro­ßen Ter­rors“.
Wer war eigent­lich Sta­lin? (2)

Die Hyper­in­fla­ti­on 1923: Reichs­kanz­ler Wil­helm Cuno und sei­ne „Regie­rung der Wirt­schaft“ ver­su­chen, die Fran­zo­sen aus dem Ruhr­ge­biet zu ver­trei­ben und las­sen dafür Geld dru­cken. Sehr viel Geld. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen für die gebeu­tel­te Wei­ma­rer Repu­blik. Es scheint nur noch eine Fra­ge der Zeit bis zum Kol­laps zu sein. Bis zum rech­ten oder lin­ken Kol­laps, das ist auch noch nicht so ganz klar …
Vom Ruhr­kampf zum Deut­schen Oktober

In den 1920er Jah­ren wird die Mode nicht nur trag- und tanz­ba­rer, son­dern auch demo­kra­ti­scher.
Mit Strumpf­ho­sen aus Kunst­sei­de und ande­ren neue Mate­ria­li­en wie Kunst­wol­le und Vis­ko­se konn­ten sich auch Frau­en mit klei­nem Geld­beu­tel modi­sche Klei­dung leis­ten. Die span­nen­de Geschich­te der Mode zwi­schen 1900 bis 1930 als Spie­gel ihrer Zeit
Hum­pel­rock und Vater­mör­der: Die Geschich­te der Mode von 1900 bis 1930

Beschwing­te Zei­ten zwi­schen zwei Kata­stro­phen: Die Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­re sind ein Tanz auf dem Vul­kan, der direkt ins wirt­schaft­li­che Desas­ter des 24. Okto­ber 1929 führt. Über die Vor­ge­schich­te der Welt­wirt­schafts­kri­se vom Jetzt-kau­fen-spä­ter-zah­len bis zur Gold­fal­le
Der “Schwar­ze Frei­tag”: Vom Bör­sen­krach zur Weltwirtschaftskrise

Ham­burg His­to­risch: Ein Streif­zug durch die Geschich­te der bekann­ter­ma­ßen schöns­ten Stadt der Welt
Ham­burg His­to­risch I Generationengespräch


Bild­nach­wei­se

Hafen­ar­bei­ter an einer Anle­ge­stel­le im Ham­bur­ger Hafen im Jahr 1900. Foto­graf: Johann Hamann (1859–1935). Gemein­frei. Aus: Johann Hamann: Ham­burg um die Jahr­hun­dert­wen­de, Nis­hen-Ver­lag, Ber­lin 1987
Ernst Thäl­mann als Kan­di­dat bei der Reichs­prä­si­den­ten­wahl 1932. Bun­des­ar­chiv, Bild 102–12940 / CC BY-SA 3.0

Ver­haf­tung eines Mit­glieds der Pro­le­ta­ri­schen Hun­dert­schaf­ten durch Reichs­wehr-Trup­pen. Bun­des­ar­chiv, Bild 102–00191 / CC-BY-SA 3.0, ADN-ZB/IML-ZPA
3. Reichs­tref­fen des RFB vom 5.–6. Juni 1927 im Schil­ler-Park in Ber­lin-Wed­ding, Ernst Thäl­mann (l.) und Wil­ly Leow an der Spit­ze des Demons­tra­ti­ons­zu­ges. Bun­des­ar­chiv, Bild 183-Z0127-305 / CC-BY-SA 3.0


Generationengespräch

Geschich­te und Psy­cho­lo­gie
Ver­gan­ge­nes ver­ste­hen, um mit der Zukunft bes­ser klar zu kommen.


Geschichte und Psychologie Vergangenheit verstehen um mit der Zukunft besser klar zu kommen
Dr. Susanne Gebert

Gene­ra­tio­nen­ge­spräch
Agen­tur für Bild­bio­gra­phien
Geschen­ke made for Mama

Geschich­te & Psy­cho­lo­gie
Die Ver­gan­gen­heit ver­ste­hen, um mit der Zukunft bes­ser klar zu kommen

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Susan­ne Autorin bei Gene­ra­tio­nen­ge­spräch & Agen­tur für Bildbiographien
Dr. Susan­ne Gebert schreibt über Psy­cho­lo­gie, Fami­li­en­ge­schich­te und emo­tio­na­le Prä­gun­gen. In ihrem Blog „Gene­ra­tio­nen­ge­spräch“ zeigt sie, wie unse­re Kind­heit uns formt – und wie wir uns von alten Mus­tern lösen können. 

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