Hamburg auf den Barrikaden

1923 Hamburg auf den Barrikaden

Wenn in der Fern­seh­se­rie “Baby­lon Ber­lin” der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Poli­zei­prä­si­dent Zör­gie­bel am 1. Mai 1929 auf demons­trie­ren­de kom­mu­nis­ti­sche Arbei­ter schie­ßen lässt, ist das kein Ver­se­hen, son­dern Absicht.

Über Sta­lin, Thäl­mann und die ver­hängs­nis­vol­le Affä­re zwi­schen KPD und SPD in den 1920er Jahren.

Der Aufstand in Hamburg 1923

Der Auf­stand in Ham­burg beginnt am 23. Okto­ber 1923 um 5 Uhr mor­gens. War­um die Ham­bur­ger Genos­sen um Ernst Thäl­mann und Hugo Urbahns nicht mit­be­kom­men haben, dass die als “Deut­scher Okto­ber” lan­ge geplan­te pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on in Deutsch­land zwei Tage zuvor auf einer KPD-Kon­fe­renz abge­bla­sen wur­de, ist nicht bekannt.

In Ham­burg, nach Ber­lin damals die zweit­größ­te Stadt Deutsch­lands, ist ein­fach vie­les anders.

Das hat Tra­di­ti­on, denn statt Adels­häu­sern und Stän­de­ge­sell­scha­fent kennt man hier seit Jahr­hun­der­ten nur das Zusam­men­le­ben von ein­fa­chen Hafen­ar­bei­tern, See­leu­ten und rei­chen Pfef­fer­sä­cken, wes­halb es zwi­schen Arm und Reich tra­di­tio­nell weni­ger Berüh­rungs­ängs­te gibt als anders­wo:

Hafenarbeiter an einer Anlegestelle im Hamburger Hafen im Jahr 1900. Von Johann Hamann (1859-1935), Gemeinfrei
Hafen­ar­bei­ter an einer Anle­ge­stel­le im Ham­bur­ger Hafen im Jahr 1900. Von Johann Hamann (1859–1935), Gemeinfrei

” … Nach dem offi­zi­el­len bür­ger­li­chen Ber­lin riecht allein schon die Luft von Ham­burg mit sei­ner Ein­fach­heit und sei­nen frei­en Sit­ten nach Revo­lu­ti­on“. schreibt sowje­ti­sche Schrift­stel­le­rin Laris­sa Reiss­ner In ihrer Repor­ta­ge „Ham­burg auf den Barrikaden”.

Hamburg auf den Barrikaden

Der Auf­stand der Ham­bur­ger Kom­mu­nis­ten beginnt mit einem Sturm auf ver­schie­de­ne Poli­zei­re­vie­re, um den Man­gel der Revo­lu­tio­nä­re an Waf­fen zu behe­ben; Schau­plät­ze des Umsturz­ver­su­ches sind vor allem (das damals noch preu­ßi­sche) Alto­na und Stor­marn.


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Ham­burg his­to­risch.
Über die Häu­ser der Armen, den Protz der Grün­der­zeit, die Inge­nieurs­leis­tung, die hin­ter dem alten Elb­tun­nel steckt, die Vor­lie­be des Kai­sers für die Han­se­stadt — und die von Hit­ler. Die Geschich­te Ham­burgs mit vie­len tol­len Fotos und groß­ar­ti­gen Arti­keln erzählt. Sehr lesens­wert!

Micha­el Scha­per (Her­aus­ge­ber): Geo Epo­che PANORAMA — Ham­burg. Die Geschich­te der Stadt in his­to­ri­schen Fotos*, Taschen­buch Sep­tem­ber 2016 


In Bad Oldes­loe, Ahrens­burg und Rahls­tedt wur­den Eisen­bahn- und Stra­ßen­blo­cka­den errich­tet und in Barg­te­hei­de setz­te man den Gemein­de­vor­ste­her fest und rief die „Sowjet­re­pu­blik Stor­marn“ aus.

Doch der Auf­stand schei­tert man­gels Teil­neh­mer­zahl kläg­lich:
Nur 300 der 14.000 ein­ge­tra­ge­nen KPD-Mit­glie­der der Han­se­stadt betei­li­gen sich, und nur in Barm­bek, wo bei der Wahl kurz zuvor etwa 20 Pro­zent der Wäh­ler für die KPD gestimmt hat­ten, wer­den die Revo­lu­tio­nä­re von der Bevöl­ke­rung beim Bar­ri­ka­den­bau und mit Lebens­mit­teln unter­stützt.

In Barm­bek rat­ter­ten daher an die­sem 23. Okto­ber den gan­zen Tag die Gewehr­feu­er, doch in der Nacht zie­hen sich die Revo­lu­tio­nä­re wegen der Aus­sicht­lo­sig­keit ihres Auf­stands im Schutz der Dun­kel­heit zurück. Der Groß­an­griff der Poli­zei am nächs­ten Tag läuft ins Leere.

Die Zeit für einen pro­le­ta­ri­schen Auf­stand nach sowje­ti­schem Modell scheint in Deutsch­land doch nicht reif zu sein. Auch nicht in Hamburg.

Stalins Mann in Deutschland: Ernst Thälmann

Die „Bar­ri­ka­den­kämp­fe von Barm­bek“ wären heu­te nicht mehr der Rede wert, hät­ten sie nicht das Zer­würf­nis der bei­den Arbei­ter­par­tei­en SPD und KPD wei­ter ver­schärft — ein Zer­würf­nis, das das Ende der Repu­lik erst mög­lich gemacht hat — und erst­mals ein Schlag­licht auf die kom­men­de Licht­ge­stalt der tief zer­strit­te­nen KPD, Ernst Thäl­mann geworfen.


Thäl­mann, 1886 als Sohn eines Gemischt­wa­ren­händ­lers in Ham­burg gebo­ren und in beschei­de­nen Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen, ist intel­li­gent und begabt, muss aber zu sei­ner gro­ßen Ent­täu­schung sei­ne Schul­zeit nach sie­ben Jah­re Volks­schu­le been­den, weil sei­nen Eltern das Geld für eine höhe­re Schu­le fehlt.

Zunächst weiß er nicht, was er nach sei­ner Schul­zeit tun soll, schlägt sich als Gele­gen­heits­ar­bei­ter durch, tritt mit 17 Jah­ren in die SPD ein und macht sich bald als Gewerk­schaf­ter bei den Ham­bur­ger Hafen­ar­bei­tern einen Namen.

Ernst Thälmann als Kandidat bei der Reichspräsidentenwahl 1932. Bundesarchiv, Bild 102-12940 / CC BY-SA 3.0
Ernst Thäl­mann als Kan­di­dat bei der Reichs­prä­si­den­ten­wahl 1932. Bundesarchiv 

Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs kämpft er als Sol­dat an der West­front.
Als er 1918 aus dem Krieg in sei­ne Hei­mat­stadt Ham­burg zurück­kehrt, ist sie in der Hand von Arbei­ter- und Sol­da­ten­rä­ten, für die er sich sofort begeis­tert. Er ver­lässt die SPD und tritt der Kon­kur­renz bei, der USPD, für die er 1920 ins Stadt­par­la­ment einzieht. 

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Der Ham­bur­ger Hafen von 1870 bis 1970 in his­to­ri­schen Bil­dern
erzählt von einem, der dabei war: Har­ry Braun hat als Ewer­füh­rer, Decks­mann und Schif­füh­rer auf Bar­kas­sen und Schlep­pern gear­bei­tet. Eine span­nen­de Zeit­rei­se — nicht nur für Land­rat­ten, son­dern auch für Ham­bur­ger, die ihren Hafen ken­nen und lie­ben.

Har­ry Braun, Der Ham­bur­ger Hafen — Eine Zeit­rei­se in Bil­dern*, Sut­ton Ver­lag, Juni 2014 


Beim Auf­stand 1923 ist er nur einer der Orga­ni­sa­to­ren, aber im Gegen­satz zu sei­nem direk­ten Kon­kur­ren­ten, dem eher nüch­ter­nen Volks­schul­leh­rer Hugo Urbahns, ver­steht er es, mit sei­ner lau­ten, pol­tern­den Art die Her­zen der Men­schen zu gewin­nen.
Viel­leicht ist der Ham­bur­ger Auf­stand sein per­sön­li­cher revo­lu­tio­nä­rer Akt, mit dem er den zöger­li­chen Genos­sen im Rest der Repu­blik zei­gen will, dass die Zeit für die zwei­te, wirk­li­che pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on reif ist.

Wie auch immer er es anstellt: Es gelingt ihm, Sta­lins Ver­trau­en zu gewin­nen — ein Unter­fan­gen, an dem schon vie­le geschei­tert sind.

Trotz des Schei­terns des Ham­bur­ger Auf­stands macht er eine erstaun­li­che Kar­rie­re: Zunächst wird er 1924 in das neue KPD-Zen­tral­ko­mi­tee gewählt, das — noch — einen eige­nen, von Mos­kau unab­hän­gi­gen Weg einschlägt

Ein Jahr spä­ter sind die „Links­ab­weich­ler“ des Komi­tees beim mitt­ler­wei­le fast all­mäch­ti­gen Sta­lin so in Ungna­de gefal­len, dass sie alle­samt nach Mos­kau zitiert und abge­kan­zelt wer­den.

Nur Thäl­mann wird vom Vor­wurf, ein „Ultra­lin­ker“ zu sein, frei­ge­spro­chen und von der KPD auf Wunsch Sta­lins zum neu­en KPD-Füh­rer ernannt.

SPD und NSDAP sind Zwillinge!
Die Theorie vom Sozialfaschimus

Das eigent­li­che Desas­ter des geschei­ter­ten Ham­bur­ger Auf­stands war, dass die KPD wie­der ein­mal von der SPD ent­täuscht ist.

Gut war das Mit­ein­an­der bei­der Arbei­ter­par­tei­en noch nie, aber das sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Hin und Her im Kri­sen­jahr 1923 ist für vie­le KPD-Anhän­ger der end­gül­ti­ge Beweis für den Ver­rat an der Sache der Arbeiter.

Zunächst ver­stört sie die Zer­schla­gung der legi­ti­men SPD-KPD Län­der­par­la­men­te in Thü­rin­gen und Sach­sen per “Reichs­exe­ku­ti­on” mit der aus­drück­li­chen Bil­li­gung der Ber­li­ner SPD-Füh­rung.

Im Novem­ber 1923 ver­bie­tet die Koali­ti­ons­re­gie­rung unter Reichs­kanz­ler Stre­se­mann mit Betei­li­gung der SPD alle extre­mis­ti­schen Par­tei­en: die NSDAP, aber eben auch die KPD

Vorgehen der Reichswehr gegen die kommunistischen Hundertschaften in Sachsen. Verhaftung eines kommunistischen Rädelsführers durch Reichswehr.
Vor­ge­hen der Reichs­wehr gegen die kom­mu­nis­ti­schen Hun­dert­schaf­ten in Sach­sen. Ver­haf­tung eines kom­mu­nis­ti­schen Rädels­füh­rers durch Reichswehr.

Nicht nur deut­sche Kom­mu­nis­ten sind miss­traui­scher denn je.

Aus Mos­kau kommt im Jahr 1924 schließ­lich die Retour­kut­sche: eine The­se, die in den kom­men­den Jah­ren eine ver­hee­ren­de Wir­kung ent­fal­ten und das Ende der Wei­ma­rer Repu­blik mit­ver­ur­sa­chen wird — die Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie.

„ … Der Faschis­mus ist eine Kampf­or­ga­ni­sa­ti­on der Bour­geoi­sie, die sich auf die akti­ve Unter­stüt­zung der Sozi­al­de­mo­kra­ten stützt. Die Sozi­al­de­mo­kra­tie ist objek­tiv der gemä­ßig­te Flü­gel des Faschis­mus.

Das sind nicht Anti­po­den, son­dern Zwillingsbrüder.“ 

Sta­lin, Wer­ke, Band VI, S.253 Ber­lin 1950

In Mos­kau denkt man nicht an Hit­ler, denn des­sen NSDAP spielt nach dem geschei­ter­ten Putsch vor der Münch­ner Feld­her­ren­hal­le am 9. Novem­ber 1923 zunächst kei­ne Rol­le mehr. 

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Ber­lin 1929: Das 1. Buch der Gere­on-Rath-Kri­mi­rei­he
von Vol­ker Kut­scher. Der SPD-Poli­zei­prä­si­dent Zör­gie­bel lässt am 1. Mai Schu­pos auf demons­trie­ren­de kom­mu­nis­ti­sche Arbei­ter schie­ßen, wäh­rend sich in der Stadt sowje­ti­sche Sta­li­nis­ten, Trotz­kis­ten und Anar­chis­ten blu­tig bekämp­fen. Ein span­nen­der Kri­mi vor dem Hin­ter­grund einer chao­ti­schen Zeit — Vor­la­ge für Tom Tykwers Ver­fil­mung Baby­lon Ber­lin Staf­fel 1 + 2*
Sehr lesens­wert bzw. auch als Pod­cast sehr hörens­wert!
Vol­ker Kut­scher, Der nas­se Fisch*, Piper Taschen­buch; 2. Auf­la­ge, 2020


Faschis­mus ist nach Sta­lins neu­er Les­art schlicht und ein­fach alles, was sich gegen (deut­sche) Kom­mu­nis­ten rich­tet — und das sind vor allem Maß­nah­men der Sozi­al­de­mo­kra­ten, die an den meis­ten Regie­run­gen der Wei­ma­rer Repu­blik betei­ligt sind und ver­su­chen, den Zen­tri­fu­gal­kräf­ten von rechts und links auf die geschun­de­ne Repu­blik entgegenzuwirken.

Zitat Stalin 1924 Sozialdemokratie und Faschismus sind Zwillinge

Jeder, der gegen Kom­mu­nis­ten vor­geht, ist damit ein Faschist, ohne Unter­schied und ohne Dif­fe­ren­zie­rung.

Eine gefähr­li­che Sack­gas­se, die in den kom­men­den Jah­ren ver­hin­dern wird, dass die star­ke kom­mu­nis­ti­sche Par­tei in Deutsch­land die Absich­ten der Natio­nal­so­zia­lis­ten weder begreift noch bekämpft — denn der Feind ist die SPD und nie­mand anderes.

Einer der Grund­stein für die her­auf­zie­hen­de Kata­stro­phe der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen “Macht­er­grei­fung” ist damit gelegt.

Beschwingte Atempause zwischen zwei Katastrophen:
Die Goldenen Zwanziger Jahre

Im Jahr 1924 ist dem Kabi­nett Stre­se­mann das gelun­gen, was kaum jemand für mög­lich gehal­ten hat: Die Wäh­rungs­re­form und die Ein­füh­rung derRen­ten­mark” als Über­gangs­wäh­rung zei­gen Wir­kung, wirt­schaft­lich geht es das ers­te Mal seit 1918 wie­der berg­auf.

Auch poli­tisch wird es ruhi­ger.
KPD und NSPAP sind zunächst ver­bo­ten, aber auch nach der Auf­he­bung der Par­tei­en­ver­bo­te im März 1924 kei­ne Bedro­hung mehr, denn bei­de Par­tei­en ver­lie­ren scha­ren­wei­se Anhän­ger.

Vie­le Deut­schen spü­ren die ers­ten Anzei­chen des wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs, es geht ihnen bes­ser. Nach vie­len Jah­ren Krieg und Bür­ger­krieg tan­zen sie jetzt lie­ber Tan­go, Shim­my oder Charles­ton, anstatt zu demonstrieren.

Das Pro­blem: Die welt­wei­te wirt­schaft­li­che Erho­lung wäh­rend der Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­re führt zu einer gigan­ti­schen Spe­ku­la­ti­ons­bla­se.
Am 24. Okto­ber 1929 , dem “Schwar­zen Frei­tag”, platzt die Bla­se und reißt die Welt in einen wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Abgrund. 

In die­ser Kri­se zeigt sich die gewal­ti­ge Spreng­kraft, die im zer­rüt­te­ten Ver­hält­nis zwi­schen SPD und KPD und in der sta­li­nis­ti­schen Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie stecken.

Sta­lin hat­te sie 1928 auf dem sechs­ten Welt­kon­gress der Kom­in­tern (Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le) sogar noch schär­fer for­mu­liert, als er — für vie­le über­ra­schend — eine neue Pha­se des Klas­sen­kamp­fes ange­kün­dig­te.
Es ist die Zeit der Zwangs­kol­lek­ti­vie­run­gen in der UDSSR, in der ein gigan­ti­sches Indus­trie­ali­sie­rungs­pro­gramm auf­ge­legt wird, um die rück­stän­di­ge Sowjet­uni­on auf Augen­hö­he mit ande­ren Natio­nen — und mög­li­chen Kriegs­geg­nern — zu peitschen.

Der neue Kurs macht sich auch in der Außen­po­li­tik bemerk­bar:
Alle Kom­mu­nis­ten im Aus­land sol­len nach Sta­lins Wil­len gegen Par­tei­en und Poli­ti­ker vor­ge­hen, die man als Fein­de der UDSSR – als Faschis­ten – ansieht.
Damit ist auch und vor allem die SPD gemeint. 

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Die Zer­ris­sen­heit der Wei­ma­rer Repu­blik zwi­schen Links und Rechts
und dazwi­schen zaris­ti­sche Rus­sen, Trotz­kis­ten und Sta­li­nis­ten, die sich in Ber­lin einen Show­down lie­fern. Ein packen­der Kri­mi, per­fekt ein­ge­fan­gen in tol­len Bil­dern. Sehr emp­feh­lens­wert für alle, die Zeit­ge­schich­te nicht nur mit Zah­len und Fak­ten ver­ste­hen, son­dern auch die Men­schen dahin­ter begrei­fen wol­len. Sehens­wert!

Tom Tykwers Baby­lon Ber­lin Staf­fel 1 + 2*, 2018, FSK 12 


Das Ende der Republik

Für Sta­lin ist in Deutsch­land der Haupt­feind die SPD, die 1928 die Regie­rung Mül­ler stellt und spä­ter Brü­ning tole­riert.
Als der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Ber­li­ner Poli­zei­prä­si­dent Zör­gie­bel 1929 die kom­mu­nis­ti­sche Mai-Demons­tra­ti­on zusam­men­schie­ßen lässt und wenig spä­ter den Rot­front­kämp­fer­bund (RFB) ver­bie­tet, scheint das der end­gül­ti­ge Beweis zu sein, dass die SPD gemein­sa­me Sache mit den Reak­tio­nä­ren — Faschis­ten — macht.

In der Fol­ge­zeit ver­sucht die KPD eine eige­ne „Ein­heits­front“ auf­zu­bau­en, SPD-Mit­glie­der in ihre Orga­ni­sa­ti­on abzu­wer­ben, um die Füh­rung zu iso­lie­ren.
Bereits Brü­ning, spä­ter Papen wer­den als faschis­ti­sche Regie­run­gen bezeich­net, weil sie mit Not­ver­ord­nun­gen regie­ren. Da die SPD die­se Regie­run­gen unter­stützt, müs­se man vor allem die Sozi­al­de­mo­kra­tie bekämp­fen, so die Logik der KPD-Führung.

Ernst Thäl­mann for­mu­liert den neu­en Kurs in einer Rede im Jahr 1928 so:


SPD und NSDAP sind Zwillinge!

Wie steht es nun mit dem Ver­hält­nis zwi­schen der Poli­tik der Hit­ler­par­tei und der Sozi­al­de­mo­kra­tie? Schon das XI. Ple­num hat von einer Ver­flech­tung die­ser bei­den Fak­to­ren im Diens­te des Finanz­ka­pi­tals gespro­chen. Am klars­ten hat Genos­se Sta­lin schon im Jah­re 1924 die Rol­le die­ser bei­den Flü­gel gekenn­zeich­net, indem er von ihnen als von „Zwil­lin­gen“ sprach, „die ein­an­der ergänzen.” 


His­to­ri­ker sind sich heu­te einig, dass die absur­de Gleich­set­zung von NSDAP und SPD den Weg in die Kata­stro­phe zumin­dest geeb­net hat.

Die bei­den Arbei­ter­par­tei­en zer­flei­schen sich in den kom­men­den Kri­sen­jah­ren bis 1933 gegen­sei­tig, teil­wei­se koope­riert die KPD sogar mit den Natio­nal­so­zia­lis­ten, nur um der SPD zu scha­den.
Die Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie erleich­ter­te Hit­ler den Auf­stieg zur Macht, denn die Arbei­ter­schaft blieb gespal­ten. Viel­leicht hat sie ihn sogar erst mög­lich gemacht

ADN-ZB/IML-ZPA3. Reichstreffen des RFB vom 5.-6. Juni 1927 im Schiller-Park in Berlin-Wedding, Ernst Thälmann (l.) und Willy Leow an der Spitze des Demonstrationszuges. Bundesarchiv, Bild 183-Z0127-305 / CC-BY-SA 3.0
ADN-ZB/IML-ZPA 3. Reichs­tref­fen des RFB vom 5.–6. Juni 1927 im Schil­ler-Park in Ber­lin-Wed­ding Ernst Thäl­mann (l.) und Wil­ly Leow an der Spit­ze des Demonstrationszuges.

Ein Teil der Wur­zeln die­ses Desas­ters lie­gen im Jahr 1923, als der „Deut­sche Okto­ber“ nur in Ham­burg stattfand.

Appen­dix:

Ernst Thäl­mann wird im März 1933 ver­haf­tet und stirbt 1944 nach lan­ger Gefan­gen­schaft und schwe­ren Miss­hand­lun­gen im KZ Buchen­wald.

Sta­lin wird selbst zum “Kol­la­bo­ra­teur” und unter­zeich­net im August 1939 den Deutsch-Sowje­ti­schen Nicht­an­griffs­pakt, der den 2. Welt­krieg für Hit­ler mög­lich mach­te. Obwohl er behaup­tet zu wis­sen, was Hit­ler im Schil­de führt, ist er vom Über­fall der Deut­schen, dem
Unter­neh­men Bar­ba­ros­sa” am 22. Juni 1941 kom­plett über­rum­pelt.

Josef Sta­lin wird zwei­mal für den Frie­dens­no­bel­preis nomi­niert, ein­mal 1945, als einer der Sie­ger des Zwei­ten Welt­krie­ges, und ein­mal 1948
Er stirbt am 5. März 1953 nach einem Schlaganfall.

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phien, www​.bild​bio​gra​phien​.de, 2017 (über­ar­bei­tet 2019) 

Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Die Gol­de­nen Zwan­zi­ger Jah­re sind ein Tanz auf dem Vul­kan. Die “Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie” ist ein Fun­da­ment für die Kata­stro­phe des 30. Janu­ar 1933, das wirt­schaft­li­che Desas­ter folgt am 24. Okto­ber 1929. Akti­en und Kon­sum auf Pump: Jetzt kau­fen, spä­ter zah­len, und die “Gold­fal­le” füh­ren direkt vom Bör­sen­krach zur Welt­wirt­schafts­kri­se.
Der “Schwar­ze Frei­tag”: Vom Bör­sen­krach zur Weltwirtschaftskrise 

Buch- und Filmempfehlungen:

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Die Zwi­schen­kriegs­zeit 1918 bis 1939
nicht von Wis­sen­schaft­lern und His­to­ri­kern erklärt, son­dern mit Tage­bü­chern, Brie­fen und Foto­gra­fien von Zeit­zeu­gen (u.a. Pola Negri und Unity Mit­ford) erzählt, Spiel­sze­nen wech­seln sich mit alten Film­auf­nah­men ab. Eine span­nen­de Mischung aus Geschich­ten und Geschich­te, die uns die Men­schen und ihre Zeit nicht erklärt, son­dern erle­ben lässt.
Krieg der Träu­me 1918–1939 [3 DVDs]*, 2018, FSK 12 

Ham­burg his­to­risch
Die Geschich­te Ham­burgs mit vie­len tol­len Fotos und Arti­keln span­nend erzählt. Sehens- und lesens­wert!

Micha­el Scha­per (Her­aus­ge­ber): Geo Epo­che PANORAMA — Ham­burg. Die Geschich­te der Stadt in his­to­ri­schen Fotos*
Taschen­buch Sep­tem­ber 2016 


Ham­burg rebel­lisch
Der ehe­ma­li­ge “Spiegel”-Fotograf Gün­ter Zint, Her­aus­ge­ber des sehens­wer­ten Bild­ban­des Ham­burg mei­ne Per­le* (mit Foto­gra­fien aus den 1940er, 1950er und 1960er Jah­ren), in sei­nem zwei­ten Bild­band über die wil­den 60er, 70er und 80er Jah­re. Drei Jahr­zehn­te Stadt­ge­schich­te in einem Band — muss man haben!

Gün­ter Zint, Wil­de Zei­ten: Ham­burg-Foto­gra­fien von Gün­ter Zint 1965 — 1989*
Döl­ling u. Galitz / Juni­us Ver­lag, Novem­ber 2018 


Der Ham­bur­ger Hafen von 1870 bis 1970
in his­to­ri­schen Bil­dern. Eine Zeit­rei­se der beson­de­ren Art.
Nicht nur für Land­rat­ten, son­dern auch für alle Ham­bur­ger, die ihren Hafen ken­nen.

Har­ry Braun, Der Ham­bur­ger Hafen — Eine Zeit­rei­se in Bil­dern*
Sut­ton Ver­lag, Juni 2014 


Die Geschich­te der Deut­schen gut, über­sicht­lich und ver­ständ­lich erklärt.
Neben allen wich­ti­gen Daten und Fak­ten gibt es vie­le Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Anek­do­ten, die das Lesen zum Ver­gnü­gen machen und das Ver­ste­hen von his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen erleich­tern. Für’s Nach­schla­gen und zum Quer­le­sen pri­ma geeig­net. Sehr emp­feh­lens­wert!

Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2012 

Das Lebens­ge­fühl der Deut­schen Ende der 1920er Jah­re,
die Zer­ris­sen­heit der Wei­ma­rer Repu­blik zwi­schen Links und Rechts und ein packen­der Kri­mi — per­fekt ein­ge­fan­gen in tol­len Bil­dern. Sehr emp­feh­lens­wert für alle, die Zeit­ge­schich­te nicht nur mit Zah­len und Fak­ten ver­ste­hen, son­dern auch die Moti­ve begrei­fen wol­len. Sehens­wert!

Tom Tykwers Baby­lon Ber­lin Staf­fel 1 + 2*, 2018, FSK 12 

Natio­nal­so­zia­lis­mus in Deutsch­land
Ein sehr lesens­wer­ter Geschichts-Thril­ler über die Akteu­re, das Leben und das kata­stro­pha­le Ende der Wei­ma­rer Repu­blik.

Rüdi­ger Barth, Hau­ke Fried­richs, Die Toten­grä­ber: Der letz­te Win­ter der Wei­ma­rer Repu­blik*
S. FISCHER Ver­lag, 2018 


Wei­ter­füh­ren­de Beiträge:

Ham­burgs Grün­der­zeit: Es sind Grün­der wie der Ham­bur­ger Albert Bal­lin, die den Rei­chen und Schö­nen im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert das Leben schwer machen. Empor­kömm­lin­ge aus klei­nen Ver­hält­nis­sen, die eige­ne Unter­neh­men grün­den und sich mit eiser­nem Wil­len und Biss Wohl­stand und Ein­fluss erkämp­fen. Bal­lin steigt nicht nur zum Gene­ral­di­rek­tor der HAPAG auf, son­dern wird auch enger Ver­trau­ter und “Ree­der des Kai­sers”. Bei Hofe in Ber­lin sieht man das nicht ger­ne.
Die Welt ist fried­los gewor­den. Albert Bal­lin, der Ree­der des Kaisers

Ham­burg im Krieg: 10 Tage und Näch­te lang bom­bar­die­ren 3000 bri­ti­sche und US-ame­ri­ka­ni­sche Flug­zeu­ge in der “Ope­ra­ti­on Gomor­rha” Ham­burg und wer­fen dabei 9000 Ton­nen ‘Mate­ri­al’ ab — zunächst ‘Wohn­block­kna­cker’, anschlie­ßend Brand­bom­ben. In der Nacht zum 28. Juli 1943 ent­zün­den sie dadurch im Ham­bur­ger Osten einen Feu­er­sturm, in dem über 30.000 Men­schen ster­ben.
Ham­burg 1943: Die Ope­ra­ti­on Gomorrha

Die Hyper­in­fla­ti­on 1923: Reichs­kanz­ler Wil­helm Cuno und sei­ne „Regie­rung der Wirt­schaft“ ver­su­chen, die Fran­zo­sen aus dem Ruhr­ge­biet zu ver­trei­ben und las­sen dafür Geld dru­cken. Sehr viel Geld. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen für die gebeu­tel­te Wei­ma­rer Repu­blik. Es scheint nur noch eine Fra­ge der Zeit bis zum Kol­laps zu sein. Bis zum rech­ten oder lin­ken Kol­laps, das ist auch noch nicht so ganz klar …
Vom Ruhr­kampf zum Deut­schen Oktober

Sta­lin ist grob und unbe­herrscht – es kann durch­aus vor­kom­men, dass er im Ärger den Kopf eines Mit­ar­bei­ters packt und auf die Tisch­plat­te knallt. Doch mitt­ler­wei­le ist er als Par­tei-Gene­ral­se­kre­tär viel zu mäch­tig, als dass man Lenins letz­ten Wil­len befol­gen könn­te, sich einen ande­ren zu suchen. Sta­lin — die Zeit der „Ent­ku­la­ki­sie­rung“ und des „Gro­ßen Ter­rors“.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil 2

Das Ende der Repu­blik: Die letz­ten frei­en Wah­len am 6. Novem­ber 1932 besie­geln das Schick­sal der Deut­schen. Es ist aber nicht das Wäh­ler­vo­tum, das den roten Tep­pich für Adolf Hit­ler aus­rollt, son­dern das kata­stro­pha­le Agie­ren von mehr oder min­der demo­kra­ti­schen Poli­ti­kern, die mit einer Mischung aus Igno­ranz, Dumm­heit und Selbst­sucht die ers­te Demo­kra­tie auf deut­schem Boden gegen die Wand fah­ren.
1932- das Ende der Repu­blik. Brü­ning: Der Hungerkanzler

Das Genera­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahrhundert

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Ori­gi­nal­text “Ham­burg auf den Bar­ri­ka­den” der sowje­ti­schen Schrift­stel­le­rin Laris­sa Reiss­ner
https://​guten​berg​.spie​gel​.de/​b​u​c​h​/​h​a​m​b​u​r​g​e​r​-​o​k​t​o​b​e​r​-​1​9​2​3​-​h​a​m​b​u​r​g​-​a​u​f​-​d​e​n​-​b​a​r​r​i​k​a​d​e​n​-​5​5​8​7/1

Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung: Der Kampf um die Repu­blik 1919 — 1923.
https://www.bpb.de/izpb/55958/kampf-um-die-republik-1919–1923?p=all

Bild­nach­wei­se:

Hafen­ar­bei­ter an einer Anle­ge­stel­le im Ham­bur­ger Hafen im Jahr 1900. Von Johann Hamann (1859–1935) — Johann Hamann: „Ham­burg um die Jahr­hun­dert­wen­de. Mit eini­gen Farb­auf­nah­men von Hein­rich Hamann. Hrsg. von Wal­ter Uka. Mit einem Text von Timm Starl, Nis­hen-Ver­lag, Ber­lin-Kreuz­berg 1987, S. 1928. ISBN 3–88940-009–4, Gemein­frei

Ernst Thäl­mann als Kan­di­dat bei der Reichs­prä­si­den­ten­wahl 1932. Bun­des­ar­chiv, Bild 102–12940 / CC BY-SA 3.0

Ver­haf­tung eines Mit­glieds der Pro­le­ta­ri­schen Hun­dert­schaf­ten durch Reichswehr-Truppen.Bundesarchiv, Bild 102–00191 / CC-BY-SA 3.0

Ber­lin, Tanz­tee im „Espla­na­de“ ADN-Zen­tral­bil­d/ Archiv Ber­lin 1926 Im Gar­ten des Ber­li­ner Hotels „Espla­na­da“ spielt zum 5 Uhr-Tee eine Jazz­band. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-K0623-0502–001 / CC-BY-SA 3.0,

ADN-ZB/IML-ZPA
3. Reichs­tref­fen des RFB vom 5.–6. Juni 1927 im Schil­ler-Park in Ber­lin-Wed­ding, Ernst Thäl­mann (l.) und Wil­ly Leow an der Spit­ze des Demons­tra­ti­ons­zu­ges. Bun­des­ar­chiv, Bild 183-Z0127-305 / CC-BY-SA 3.0


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