Vom Ruhrkampf zum Deutschen Oktober

Die Hyperinflation 1923 und ihre Folgen www.generationengespräch.de

1923. Reichs­kanz­ler Wil­helm Cuno und sei­ne Regie­rung der Wirt­schaft ver­su­chen, die Wei­ma­rer Repu­blik trotz Ruhr­kampf und Gene­ral­streik auf Kurs zu hal­ten, indem sie Geld dru­cken las­sen.

Sehr viel Geld. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen für das zer­ris­se­ne Land: Eine nie dage­we­se­ne Hyper­in­fla­ti­on bringt Deutsch­land an den Rand des end­gül­ti­gen Kollaps. 

1921: Der Vertrag von Versailles

Der Ham­mer fällt im Janu­ar 1921.
269 Mil­li­ar­den Gold­mark — das wären heu­te umge­rech­net rund 1 Bil­li­on Euro — for­dern die Alli­ier­ten von Deutsch­land als Repa­ra­ti­ons­zah­lung für den ver­lo­re­nen Krieg.

Zudem wird für den Aus­bruch des 1. Welt­kriegs ein­zig und allein das Deut­sche Kai­ser­reich ver­ant­wort­lich gemacht, was his­to­risch nicht der Wahr­heit entspricht. 

Sogar die Bri­ten hal­ten die Bedin­gun­gen des Ver­sailler Ver­trags für zu hart, kön­nen sich aber gegen Frank­reich nicht durchsetzen.

Der drit­te gro­ße Geg­ner des unter­ge­gan­ge­nen deut­schen Kai­ser­reichs, die eigent­li­chen Kriegs­ge­win­ner USA, haben nach Ver­sailles genug von den inner­eu­ro­päi­schen Querelen.

  • Ihr Prä­si­dent Wood­row Wil­son ist zwar ein ambi­tio­nier­ter Mann, aber auch ein sehr kran­ker: Bei den Frie­dens­ver­hand­lun­gen feh­len ihm Kraft und Durch­set­zungs­ver­mö­gen, um einen Revan­chefrie­den zu verhindern.

Nach einem Schlag­an­fall im Okto­ber 1919 ver­schwin­det der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent mehr und mehr in der Ver­sen­kung und die USA zie­hen sich aus dem poli­ti­schen Cha­os zurück, in das sich Euro­pa gestürzt hat.

Die Reichsregierung Wilhelm Cuno

Die hohen Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen ver­bun­den mit der Kriegs­schuld­fra­ge zün­den in der jun­gen und tief gespal­te­nen Wei­ma­rer Repu­blik die nächs­te Eska­la­ti­ons­stu­fe. Neue Unru­hen flam­men in einem Land auf, das sich seit dem Ende des gro­ßen Krie­ges nur mit knap­per Not an einem offe­nen Bür­ger­krieg vor­bei­la­viert hat.

  • Die seit Novem­ber 1922 regie­ren­de „Regie­rung der Wirt­schaftunter Reichs­kanz­ler Wil­helm Cuno (der vor­her HAPAG-Gene­ral­di­rek­tor war) bemüht sich, das Nach­kriegs­cha­os im Land und gleich­zei­tig die ehe­ma­li­gen Kriegs­geg­ner Deutsch­lands in Schach zu halten.

Das bedeu­tet auch: Die deso­la­ten Finan­zen der jun­gen Repu­blik sanieren.

Alles in allem eine Mam­mut-Auf­ga­be, an der bis­lang alle kurz­le­bi­gen Vor­gän­ger-Regie­run­gen der Wei­ma­rer Repu­blik geschei­tert sind. 

Cuno und sei­ne Minis­ter gehö­ren zu den soge­nann­ten „Erfül­lungs­po­li­ti­kern“ – Ver­tre­ter des libe­ra­len bis lin­ken Spek­trums (SPD, Zen­trum, DDP) –, die das Unmög­li­che zu tun ver­su­chen und die Schul­den­last der jun­gen Repu­blik durch die Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen irgend­wie beglei­chen wollen. 

Wilhelm Cuno (links) mit Reichspräsident Ebert bei der Verfassungsfeier vor dem Reichstag (1923). Bundesarchiv
Wil­helm Cuno (links) mit Reichs­prä­si­dent Ebert bei der Ver­fas­sungs­fei­er vor dem Reichs­tag (1923). Bundesarchiv 

Ihnen gegen­über ste­hen die „Kata­stro­phen­po­li­ti­ker“ vor allem aus dem rech­ten Spek­trum, die die absurd hohe Sum­me ableh­nen und weder zah­len noch ver­han­deln wol­len. Für sie blei­ben die Deut­schen “auf dem Schlacht­feld unbe­siegt”. Einen neu­en Krieg wegen Repa­ra­tio­nen und Kriegs­schuld­fra­ge wür­den sie in Kauf nehmen.

Mehr schlecht als recht behal­ten die Erfül­lungs­po­li­ti­ker in wech­seln­den Koali­tio­nen im Reichs­tag die Ober­hand und ver­su­chen, wenigs­tens die diplo­ma­ti­sche Äch­tung Deutsch­lands am Kat­zen­tisch der Welt­po­li­tik durch Wohl­ver­hal­ten zu durchbrechen.

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Januar 1923: Der “Ruhrkampf” beginnt

Die nächs­te Kata­stro­phe beginnt am Mor­gen des 11. Janu­ar 1923.
Unge­ach­tet des wack­li­gen inne­ren Frie­dens in Deutsch­land tut Frank­reich das, was schon lan­ge auf der Agen­da sei­ner Poli­ti­ker und Mili­tärs stand: Fran­zö­si­sche und bel­gi­sche Trup­pen beset­zen gemein­sam das Ruhr­ge­biet, das indus­tri­el­le Herz­stück der Republik.

Einzug französischer Truppen in Essen, 1923, Von Bain News Service, publisher - Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C., Gemeinfrei
Ein­zug fran­zö­si­scher Trup­pen in Essen, 1923, Von Bain News Ser­vice, publisher — Libra­ry of Con­gress Prints and Pho­to­graphs Divi­si­on Washing­ton, D.C., Gemeinfrei

Angeb­lich dient die Besat­zung dazu, den Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen Nach­druck zu ver­lei­hen, aber tat­säch­lich geht es dar­um, Deutsch­land mit dem Ruhr­ge­biet end­lich den Reiß­zahn zu zie­hen, der sie 1870 und 1914 zum gefähr­li­chen Kriegs­geg­ner Frank­reichs wer­den ließ. 

  • Koh­le und Erz aus dem Ruhr­pott haben Deutsch­land reich und mäch­tig gemacht — und gefähr­lich für sei­ne Nach­barn. Jetzt scheint für Frank­reich der rich­ti­ge Zeit­punkt gekom­men zu sein, um sich die­ser stän­di­gen Bedro­hung zu ent­le­di­gen. Außer­dem kann man in Frank­reich Koh­le und Stahl gra­tis selbst gut gebrauchen.

Die Regie­rung unter Reichs­kanz­ler Cuno kann sich die frans­ö­si­sche Beset­zung des Ruhr­ge­bie­tes weder wirt­schaft­lich noch poli­tisch leis­ten und ruft die Bevöl­ke­rung zum pas­si­ven Wider­stand auf.

  • Der soge­nann­te Ruhr­kampf beginnt: weder Arbei­ter noch Ange­stell­te oder Beam­te sol­len mit den Fran­zo­sen zusam­men­ar­bei­ten; von Ber­lin aus wird ein Gene­ral­streik ange­ord­net, um zu ver­hin­dern, dass sich Frank­reich aus den Zechen und Stahl­wer­ken des Ruhr­ge­biets bedient.

1923: Hyperinflation als Folge des Ruhrkampfs

Um die Kos­ten die­ses Streiks finan­zie­ren zu kön­nen — die Löh­ne der strei­ken­den Arbei­ter, Ange­stell­ten und Beam­ten müs­sen bezahlt wer­den -, set­zen Cuno und sein Exper­ten-Kabi­nett auf ein alt­be­währ­tes Mit­tel, das man bereits zu Kai­sers Zei­ten genutzt hat, um liqui­de zu blei­ben: Man druckt ein­fach fri­sches Geld.

Ein ein­fa­cher Plan.
Fri­sches Geld ohne Gegen­wert. Es wird der bereits ange­schla­ge­nen deut­schen Nach­kriegs-Wirt­schaft den Rest geben. Aus der bereits galop­pie­ren­den Infla­ti­on wird durch das unge­brems­te Geld­dru­cken im Lau­fe des Jah­res eine Hyper­in­fla­ti­on — die schon vor­her geschwäch­te Gold­mark fällt ins Bodenlose.

Das Geld ist bald das Papier nicht mehr wert, auf dem es gedruckt wird. Es als Klo­pa­pier zu benut­zen ist güns­ti­ger, als sich Klo­pa­pier davon zu kaufen.

Mieterhöhung während der Zeit der Hyperinflation nach der französischen Besetzng des Ruhrgebiets im Januar 1923: Von 579,50 Mark (31. September 1922) auf 9004 Mark (1. April 1923) und schließlich auf 154.913.000 Mark (2. Oktober 1923). Foto: Agentur für Bildbiographie
Miet­erhö­hung wäh­rend der Zeit der Hyper­in­fla­ti­on nach der fran­zö­si­schen Besetzng des Ruhr­ge­biets im Janu­ar 1923: Von 579,50 Mark (31. Sep­tem­ber 1922) auf 9004 Mark (1. April 1923) und schließ­lich auf 154.913.000 Mark (2. Okto­ber 1923). Foto: Agen­tur für Bildbiographie 

Ein Stück But­ter kos­tet zeit­wei­se meh­re­re Mil­lio­nen, wer Brot oder Milch kau­fen will, trans­por­tiert sei­ne fast wert­lo­sen Geld­bün­del mit Schub­kar­ren zum nächs­ten Einkaufsladen.

Am Zahl­tag fan­gen Frau­en und Kin­der die Väter an den Fabrik­to­ren ab und ren­nen mit dem Lohn zum nächs­ten Krä­mer, um schnell alles aus­zu­ge­ben, bevor sich ein paar Stun­den spä­ter die Prei­se wei­ter ver­viel­facht haben.

Ist Deutschland reif für die Revolution?

Noch mehr Hun­ger, Armut und Elend sind die Fol­gen des Ruhr­kampfs und tref­fen eine Bevöl­ke­rung, die schon im vor­an­ge­gan­ge­nen 1. Welt­krieg uner­mess­lich gelit­ten hat. 5 Jah­re nach Kriegs­en­de hat sich für sie nichts ver­bes­sert.
Die Lage der meis­ten Deut­schen scheint aus­sichts­los zu sein und direkt in die nächs­te Kata­stro­phe zu füh­ren; vie­le Men­schen haben ein­fach nichts mehr zu verlieren. 

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Die Spa­ni­sche Grip­pe ist lan­ge Zeit in den Wir­ren des 1. Welt­kriegs und der ers­ten Nach­kriegs­jah­re fast unter­ge­gan­gen — dabei sind an ihr mehr Men­schen gestor­ben als im Krieg. Über ein wich­ti­ges Kapi­tel des 1. Welt­kriegs, ohne das man sei­ne Fol­gen und Aus­wir­kun­gen nicht ver­ste­hen kann. Lesens­wert!

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Der Ruhr­kampf zehrt nicht nur an den letz­ten Kräf­ten der Deut­schen, immer mehr setzt sich auch der Ein­druck durch, dass er weder zu gewin­nen noch zu finan­zie­ren ist. Die Mark ver­liert buch­stäb­lich stünd­lich an Wert.

Die fran­zö­si­schen Besat­zer sind wenig beein­druckt von den immer ver­zwei­fel­ter wer­den­den Deut­schen: Weil die deut­sche Arbei­ter strei­ken, kar­ren sie eige­ne Berg­leu­te her­an, die unter mili­tä­ri­schem Schutz die Koh­le aus den Zechen im Ruhr­ge­biet schau­feln und nach Frank­reich transportieren.

  • Streiks, Plün­de­run­gen und Hun­ger­un­ru­hen erschüt­tern die jun­ge, von allen Sei­ten ange­fein­de­te ers­te Demo­kra­tie auf deut­schem Boden. Rech­te Poli­ti­ker, Mili­tärs und Unter­neh­mer den­ken mal wie­der laut über die Errich­tung einer „natio­na­len Dik­ta­tur“ nach (und begin­nen mit ihren Pla­nun­gen — für den 9. Novem­ber), und auf der ande­ren Sei­te über­le­gen die Kom­mu­nis­ten, wie sie die Situa­ti­on nut­zen könn­ten, zögern aber noch.

Sta­lin, inzwi­schen mäch­ti­ger Gene­ral­se­kre­tär der rus­si­schen KP und Mit­glied der „Troi­ka“, einem Drei­er­gre­mi­um, das die Regie­rungs­ge­schäf­te für den tod­kran­ken Lenin über­nom­men hat, hält Deutsch­land noch nicht reif für eine Revo­lu­ti­on und mahnt zum Abwarten:

„ … Wenn heu­te in Deutsch­land die Macht sozu­sa­gen stürzt und die Kom­mu­nis­ten sie auf­he­ben, dann wer­den sie mit Pau­ken und Trom­pe­ten schei­tern. Im bes­ten Fal­le. Im schlech­tes­ten wird man sie in Stü­cke hau­en und weit zurück­wer­fen.“

Sta­lin, 1923

Die zweite, wirkliche proletarische Revolution

Im August 1923, ein hal­bes Jahr nach Beginn des “Ruhr­kamp­fes”, sind Reichs­kanz­ler Cuno und sei­ne „Regie­rung der Wirt­schaft poli­tisch am Ende.
Nach Mas­sen­pro­tes­ten tre­ten er und sein Kabi­nett geschlos­sen zurück.

  • Die Lage in Deutsch­land hat sich durch den zähen Streik und die Tal­fahrt der Gold­mark so ver­schlim­mert, dass Gri­go­rij Sino­wjew, Vor­sit­zen­der der „Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le“ (Kom­in­tern) und eben­falls Mit­glied der „Troi­ka“, davon aus­geht, dass die „zwei­te, wirk­lich pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on“ in Deutsch­land unmit­tel­bar bevor­ste­hen würde.

Eine „Sowjet­re­pu­blik Deutsch­land“ käme den Rus­sen sehr gele­gen, denn sechs Jah­re nach der ihrer Revo­lu­ti­on ist die Sowjet­uni­on selbst bit­ter­arm und vom Bür­ger­krieg gezeich­net. Lenin liegt nach meh­re­ren Schlag­an­fäl­len im Ster­ben und sei­ne Troi­ka steht unter enor­men wirt­schaft­li­chen Druck, um das rie­si­ge Land aus sei­nem rück­stän­di­gen Zustand zwi­schen „Kaker­la­ken und Iko­nen“ end­lich ins indus­tri­el­le 20. Jahr­hun­dert zu holen. 

Eine kom­mu­nis­ti­sche Revo­lu­ti­on in Deutsch­land wür­de bedeu­ten, die nach wie vor mäch­tigs­te Indus­trie­na­ti­on des Kon­ti­nents in die Sphä­re der Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le zu bringen. 

Es wäre ein enor­mer Schub für die sowje­ti­sche Indus­tria­li­sie­rung und man hofft, dass danach auch ande­re west­eu­ro­päi­sche Staa­ten dem deut­schen Bei­spiel fol­gen und wie Domi­no­stei­ne in Rich­tung Welt­re­vo­lu­ti­on kippen.

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Karl Schlö­gel, Das sowje­ti­sche Jahr­hun­dert: Archäo­lo­gie einer unter­ge­gan­ge­nen Welt*, C.H.Beck Ver­lag, Paper­back, 2020

Nach­dem sich die Lage in Deutsch­land durch den Rück­tritt der Regie­rung dra­ma­tisch zuge­spitzt hat, beginnt man des­halb in gro­ßer Eile mit den Vor­be­rei­tun­gen für einen kom­mu­nis­ti­schen Umsturz, der für den his­to­ri­schen 9. Novem­ber geplant ist, aber als „Deut­scher Okto­ber“ bezeich­net wird.

Ende August 1923 setzt die KPD mit “Unter­stüt­zung” sowje­ti­scher Mili­tär­be­ra­ter ein Revo­lu­ti­ons­ko­mi­tee ein, im Sep­tem­ber reist eine Dele­ga­ti­on deut­scher Revo­lu­tio­nä­re zu wei­te­ren Bespre­chun­gen nach Moskau. 

Die Erwar­tun­gen der Kom­in­tern an die deut­schen Genos­sen sind riesig. 

Die KPD steht so unter Erfolgs­druck, dass sich KPD-Chef Hein­rich Brand­ler bei sei­ner Visi­te in Mos­kau zu der Bemer­kung hin­rei­ßen lässt, “jeder Thü­rin­ger Arbei­ter hat ein Gewehr hin­term Ofen ste­hen” und sei bereit für die Revolution. 

253.000 deut­sche Kom­mu­nis­ten stün­den zum Kampf bereit, Waf­fen sei­en genü­gend vor­han­den, im Lau­fe von 6 bis 8 Wochen könn­ten fünf­zehn rote Divi­sio­nen gebil­det wer­den.
Er irrt sich.

„ … Ent­we­der schei­tert die Revo­lu­ti­on in Deutsch­land und erschlägt uns, oder die Revo­lu­ti­on gelingt dort, alles läuft gut, und unse­re Lage ist gesichert.“ 

Sta­lin, 1923

1923: Stresemann als Retter in der Not

Als das Cha­os am größ­ten ist, die Wei­ma­rer Repu­blik sowohl wirt­schaft­lich als auch poli­tisch kurz vor ihrem Kol­laps steht und rechts und links eif­rig Umsturz­plä­ne geschmie­det wer­den, tritt Gus­tav Stre­se­mann als neu­er Reichs­kanz­ler auf den Plan. 

Im Welt­krieg war Stre­se­mann noch ein über­zeug­ter Mon­ar­chist, mitt­ler­wei­le ist er Ver­nunft­re­pu­bli­ka­ner und Versöhner.

Gartenfest für Vertreter der Ausländischen Presse beim Reichskanzler Dr. [Gustav] Stresemann. Der Reichskanzler inmitten ausländischer Journalisten. Von Bundesarchiv, Bild 102-00169 / CC-BY-SA 3.0
Gar­ten­fest für Ver­tre­ter der Aus­län­di­schen Pres­se beim Reichs­kanz­ler Dr. [Gus­tav] Stre­se­mann. Der Reichs­kanz­ler inmit­ten aus­län­di­scher Jour­na­lis­ten. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–00169 / CC-BY-SA 3.0

Er macht sich zunächst (fast) alle Par­tei­en und Par­la­men­ta­ri­er zum Feind, als er am 26. Sep­tem­ber den Abbruch des rui­nö­sen „Ruhr­kampfs“ ver­kün­det. Außer­dem wagt er es, den Abwärts­stru­del der von vie­len unge­lieb­ten Wei­ma­rer Repu­blik zu durch­bre­chen: Mit sei­ner Gro­ßen Koali­ti­on aus SPD, DDP, Zen­trum und DVP berei­tet er eine Wäh­rungs­re­form vor, die im Novem­ber 1923 in Kraft tre­ten soll.

Der Deutsche Oktober 1923

Das ist die gute Nach­richt.
Die schlech­te ist, dass sich die SPD nicht ent­schei­den kann, ob sie staats­tra­gend oder revo­lu­tio­när sein will. Aus­lö­ser die­ser nächs­ten Kri­se ist ein Putsch der rechts­kon­ser­va­ti­ven baye­ri­schen Staats­re­gie­rung.

  • Die baye­ri­sche Regie­rung ernennt Gus­tav Rit­ter von Kahr, Ex-Minis­ter­prä­si­dent und bis zum Putsch Regie­rungs­prä­si­dent von Ober­bay­ern, zum „beson­de­ren Gene­ral­staats­kom­mis­sar” und unter­stützt sei­nen ange­kün­dig­ten Marsch auf Ber­lin, eine Ana­lo­gie zu Mus­so­li­nis erfolg­rei­chen faschis­ti­schen Marsch auf Rom.

Dar­auf­hin ver­hängt Reichs­prä­si­dent Ebert den Aus­nah­me­zu­stand über Deutschland.

In Sach­sen, spä­ter auch in Thü­rin­gen, kommt es gleich­zei­tig zu Uner­hör­tem: Am 10. Okto­ber tritt dort erst­mals die KPD in eine SPD-geführ­ten Lan­des­re­gie­rung ein, um als repu­bli­ka­ni­schen-pro­le­ta­ri­schen Ver­tei­di­gung“ den von den baye­ri­schen Put­schis­ten ange­kün­dig­ten Marsch auf Ber­lin zu stoppen. 

Die Hoff­nung der links­ge­rich­te­ten säch­si­schen und thü­rin­gi­schen Sozi­al­de­mo­kra­ten ist, im gemein­sa­men Kampf mit der KPD gegen Rechts end­lich auch die Feind­schaft zwi­schen den Arbei­ter­par­tei­en zu überwinden.

Die Revolution wird abgeblasen

Wäh­rend die Sozi­al­de­mo­kra­ten in Sach­sen und Thü­rin­gen auf ein fried­li­che­res Mit­ein­an­der mit der KPD als Regie­rungs­frak­ti­on hof­fen, treibt die KPD ein dop­pel­tes Spiel.

Für sie ist die Regie­rungs­be­tei­li­gung in bei­den Län­dern ein wich­ti­ger Bau­stein in ihren Pla­nun­gen für die Welt­re­vo­lu­ti­on, denn als Regie­rungs­par­tei kön­nen sie — so die Erwar­tung — noch mehr Arbei­ter für den „Deut­sche Okto­ber” und damit für die zwei­te, wirk­lich pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on in Deutsch­land mobi­li­sie­ren.
(Als ers­te Revo­lu­ti­on gilt die — geschei­ter­te — Novem­ber­re­vo­lu­ti­on 1918.)

Aber es kommt anders.
Stre­se­mann und Ebert schi­cken die Reichs­wehr, die am 20. Okto­ber in Sach­sen, eini­ge Tage spä­ter auch in Thü­rin­gen einmarschiert. 

Per „Reichs­exe­ku­ti­onwer­den bei­de rot-rote Län­der­par­la­men­te auf­ge­löst und alle kom­mu­nis­ti­schen Lan­des­mi­nis­ter ihrer Ämter ent­ho­ben.
Bei den fol­gen­den Demons­tra­tio­nen kommt es zu Stra­ßen­schlach­ten; es gibt meh­re­re Dut­zend Tote und Verletzte. 

Das sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Hin und Her — mit den Kom­mu­nis­ten in den Län­dern, gegen sie in Ber­lin — nimmt die KPD den Sozi­al­de­mo­kra­ten aus­ge­spro­chen übel. Mit fata­len Fol­gen für den wei­te­ren Lauf der Geschichte.

Doch zunächst wird als Reak­ti­on eine kom­mu­nis­ti­sche Betriebs- und Arbei­ter­kon­fe­renz ein­be­ru­fen, die den mona­te­lang geplan­ten “deut­schen Okto­ber” jetzt end­gül­tig ein­läu­ten und zum bewaff­ne­ten Kampf auf­ru­fen soll.

  • Womit aller­dings nie­mand gerech­net hat: Die Revo­lu­tio­nä­re sind müde.
    Oder ein­ge­schüch­tert durch das har­te Vor­ge­hen Eberts und Stre­se­manns in Thü­rin­gen und Sach­sen. Anders als von KPD-Chef Hein­rich Brand­ler behaup­tet, sind die „Pro­le­ta­ri­schen Hun­dert­schaf­ten“ nicht zum bewaff­ne­ten Wider­stand gegen die Reichs­re­gie­rung bereit, sie wol­len nicht ein­mal strei­ken. Die Mehr­heit der 450 Dele­gier­ten ent­schei­det sich gegen jeg­li­che Aktionen.

Die Revo­lu­ti­on wird abgeblasen.

Nur in Ham­burg erfährt man nichts davon und geht auf die Bar­ri­ka­den. Für kur­ze Zeit gibt es eine Sowjet­re­pu­blik Stor­marn und in Barm­bek kommt es zu Stra­ßen­schlach­ten: Ham­burg auf den Barrikaden

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phien, www​.bild​bio​gra​phien​.de, 2017 (über­ar­bei­tet 2024)

Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: 1923. Fünf Jah­re sind seit dem Ende des Welt­krie­ges ver­gan­gen, aber Deutsch­land kommt nicht zur Ruhe. In Ham­burg üben die Kom­mu­nis­ten Welt­re­vo­lu­ti­on und für weni­ge Stun­den gibt es eine „Sowjet­re­pu­blik Stor­marn“. Ernst Thäl­mann, Ham­burgs cha­ris­ma­ti­scher KPD-Füh­rer, bringt sich für sei­ne wei­te­re Kar­rie­re in Stel­lung, Sta­lin, Hit­ler und die berüch­tig­te “Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie” mischen auch mit.
Ham­burg auf den Barrikaden

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Das Lebens­ge­fühl in den 1920er Jah­re, die Zer­ris­sen­heit der Wei­ma­rer Repu­blik zwi­schen Links und Rechts und ein packen­der Kri­mi — per­fekt in Sze­ne gesetzt mit tol­len Schau­spie­lern und Bil­dern. Eine sehens­wer­te Serie für alle, die sich für die Zwan­zi­ger Jah­re begeis­tern — und für die, die vor allem die Men­schen, die damals gelebt haben, begrei­fen wol­len.

Tom Tykwers Baby­lon Ber­lin — Coll­ec­tion Staf­fel 1–4*, 2023, [12 DVDs] 

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Die Geschich­te der Deut­schen gut, über­sicht­lich und ver­ständ­lich erklärt. Neben allen wich­ti­gen Daten und Fak­ten gibt es vie­le Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Anek­do­ten, die das Lesen zum Ver­gnü­gen machen und das Ver­ste­hen von his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen erleich­tern. Für’s Nach­schla­gen und zum Quer­le­sen pri­ma geeig­net. Sehr emp­feh­lens­wert!

Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2019

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Hit­lers Weg an die Macht … Ein sehr lesens­wer­ter Geschichts-Thril­ler über das zähe Rin­gen aller Akteu­re – Hin­den­burg, Hit­ler, Papen, Schlei­cher, Goeb­bels – um die Macht und das kata­stro­pha­le Ende der Wei­ma­rer Repu­blik. Emp­feh­lens­wert!

Rüdi­ger Barth, Hau­ke Fried­richs, Die Toten­grä­ber: Der letz­te Win­ter der Wei­ma­rer Repu­blik*, FISCHER Taschen­buch, 2019

Wei­ter­füh­ren­de Beiträge:

In den 1920er Jah­ren wird die Mode nicht nur trag- und tanz­ba­rer, son­dern auch demo­kra­ti­scher.
Mit Strumpf­ho­sen aus Kunst­sei­de und ande­ren neue Mate­ria­li­en wie Kunst­wol­le und Vis­ko­se konn­ten sich auch Frau­en mit klei­nem Geld­beu­tel modi­sche Klei­dung leis­ten. Die span­nen­de Geschich­te der Mode zwi­schen 1900 bis 1930 als Spiegek ihrer Zeit
Hum­pel­rock und Vater­mör­der: Die Geschich­te der Mode von 1900 bis 1930

Oft reicht das Gerücht, eine Bank wäre duch Akti­en­ver­lus­te in Schief­la­ge gera­ten — und die Spa­rer ste­hen Schlan­ge, um ihr Erspar­tes zu ret­ten. Nach dem Bör­sen­krach an der Wall Street am 24. Okto­ber 1929 kommt die Plei­te­wel­le von Ban­ken und Unter­neh­men und schließ­lich die schlimms­te Welt­wirt­schafts­kri­se seit Men­schen­ge­den­ken.
Der „Schwar­ze Frei­tag“: Vom Bör­sen­krach zur Weltwirtschaftskrise

Pan­de­mie: Mit einem Trup­pen­trans­por­ter reist ein neu­ar­ti­ges Influ­en­za-Virus aus den USA zu den Schlacht­fel­dern des 1. Welt­kriegs, ver­brei­tet sich in rasen­der Geschwin­dig­keit und beginnt in den Jah­ren 1918 und 1919 sei­nen Todes­marsch rund um die Welt.
Das gro­ße Ster­ben: Die Spa­ni­sche Grip­pe 1918/19

Ame­ri­kas kran­ke Prä­si­den­ten: Wil­son, Roo­se­velt, Ken­ne­dy – vie­le ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­den­ten waren so krank, dass sie eigent­lich nicht mehr in der Lage waren, die Amts­ge­schäf­te fort­zu­füh­ren. Aber das hat man in der Öffent­lich­keit immer erst hin­ter­her erfah­ren.
Ame­ri­kas kran­ke Präsidenten

Krieg als “rei­ni­gen­des Gewit­ter”? Für Wil­helm II. gibt es gute Grün­de, war­um sich die Deut­schen nach der Ermor­dung des öster­rei­chisch-unga­ri­schen Thron­fol­ger­paars an einem „Denk­zet­tel für Ser­bi­en“ betei­li­gen sol­len. Ist das deut­sche Kai­ser­reich des­we­gen schuld am 1. Welt­krieg, der “Urka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts”? Mit Sicher­heit nicht allein:
Ein Platz an der Son­ne oder: Wil­helm, das Großmaul

Die rus­si­sche Revo­lu­ti­on: Ios­seb Wis­sa­ri­o­no­witsch Dschu­g­aschwi­li, genannt Sta­lin, gilt neben Adolf Hit­ler als einer der grau­sams­ten Dik­ta­to­ren in der Geschich­te der Mensch­heit. Als Lenins „Mann fürs Gro­be“ beginnt er sei­ne Kar­rie­re mit Intel­li­genz und Skru­pel­lo­sig­keit. Durch men­schen­ver­ach­ten­de Här­te wird er ab 1924 zum all­mäch­ti­gen KP-Gene­ral­se­kre­tär, zum gefürch­te­ten Allein­herr­scher über die Sowjet­uni­on und zum Dik­ta­tor mit welt­wei­tem “Sen­dungs­be­wusst­sein”.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil 1

Link­emp­feh­lung:

Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung: Der Kampf um die Repu­blik 1919 — 1923.
https://www.bpb.de/izpb/55958/kampf-um-die-republik-1919–1923?p=all

Bild­nach­wei­se:

Ein­zug fran­zö­si­scher Trup­pen in Essen, 1923, Von Bain News Ser­vice, publisher — Libra­ry of Con­gress Prints and Pho­to­graphs Divi­si­on Washing­ton, D.C., Gemein­frei

Wil­helm Cuno (links) mit Reichs­prä­si­dent Ebert bei der Ver­fas­sungs­fei­er vor dem Reichs­tag (1923). Von Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1973-076–58 / CC-BY-SA 3.0

Miet­erhö­hung wäh­rend der Zeit der Hyper­in­fla­ti­on nach der fran­zö­si­schen Besetzng des Ruhr­ge­biets im Janu­ar 1923: Von 579,50 Mark (31. Sep­tem­ber 1922) auf 9004 Mark (1. April 1923) und schließ­lich auf 154.913.000 Mark (2. Okto­ber 1923). Agen­tur für Bild­bio­gra­phie

Gar­ten­fest für Ver­tre­ter der Aus­län­di­schen Pres­se beim Reichs­kanz­ler Dr. [Gus­tav] Stre­se­mann. Der Reichs­kanz­ler inmit­ten aus­län­di­scher Jour­na­lis­ten. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–00169 / CC-BY-SA 3.0

Ver­haf­tung eines Mit­glieds der Pro­le­ta­ri­schen Hun­dert­schaf­ten durch Reichswehr-Truppen.Bundesarchiv, Bild 102–00191 / CC-BY-SA 3.0

Geschichte und Psychologie Vergangenheit verstehen um mit der Zukunft besser klar zu kommen
Geschich­te & Psy­cho­lo­gie:

Vergangenes verstehen,
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61560coo­kie-checkVom Ruhr­kampf zum Deut­schen Okto­ber

2 Kommentare zu „Vom Ruhrkampf zum Deutschen Oktober“

  1. Max Rudolf Schneider

    Hal­lo Susanne,
    die “Gold­mark” war schon seit 1914 nicht mehr durch Gold gedeckt und hieß ganz ein­fach Reichs­mark, sie­he auch den Wiki­pe­dia-Arti­kel zur Rentenmark:
    “1914 war die Gold­de­ckung jedoch auf­ge­ho­ben wor­den; aus der „Gold­mark“ wur­de die Papiermark.”
    Inter­es­sant auch daß alle drei Wäh­run­gen (Gold­mark, Reichs­mark und Ren­ten­mark) bis zur Wäh­rungs­re­form 1948 par­al­lel wei­ter exis­tier­ten, nur ab Kriegs­en­de noch ergänzt durch die “Ziga­ret­ten­wäh­rung”.
    Also alles schon mal da gewe­sen wenn man nun von Bit­co­in und digi­ta­len Zen­tral­bank­wäh­run­gen CBCD spricht.
    In Gold­mark wird ja noch bis heu­te der Ver­si­che­rungs­wert von Gebäu­den im ehe­ma­li­gen West­deutsch­land angegeben.
    Bin ges­tern durch Zufall auf Dei­ne Web­sei­ten gestos­sen und aus dem Lesen nicht mehr her­aus gekom­men. Es ist das Bes­te zu Poli­tik und Psy­cho­lo­gie was ich bis­her gese­hen habe. 

    Vie­len Dank und freund­li­che Grüße
    Max Rudolf Schneider

    1. Lie­ber Max Rudolf, herz­li­chen Dank für dei­ne Ergän­zun­gen — und dein Lob! 🙂 Für Kor­rek­tu­ren und Ergän­zun­gen brau­che ich mei­ne Lese­rin­nen und Leser, des­halb an die­ser Stel­le ganz, ganz lie­ben Dank für die­sen (und alle ande­ren) Kommentar/e, die das Bild schär­fen. Uns alle eint das Wis­sen, dass Geschich­te eben nicht aus drö­gen Fak­ten und Zah­len besteht, son­dern von Men­schen aus Fleisch und Blut ‘gemacht’ wird. Also auch von uns. Denn: Wer aus sei­ner Geschich­te nicht lernt, ist gezwun­gen, sie zu wie­der­ho­len. Und das muss in vie­len Fäl­len nicht sein … Herz­li­chen Dank und lie­be Grü­ße Susanne

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