Vom Ruhrkampf zum Deutschen Oktober

1923 Deutschland in der Krise

1923. Reichs­kanz­ler Wil­helm Cuno und sei­ne “Regie­rung der Wirt­schaft” ver­su­chen, die Wei­ma­rer Repu­blik auf Kurs zu hal­ten, und las­sen dafür Geld dru­cken.

Sehr viel Geld. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen für das zer­ris­se­ne Land: Es scheint nur noch eine Fra­ge der Zeit bis zum Kol­laps zu sein.


Der Ham­mer fällt im Janu­ar 1921: 269 Mil­li­ar­den Gold­mark, das wären heu­te umge­rech­net rund 1 Bil­li­on Euro, for­dern die Alli­ier­ten von Deutsch­land als Repa­ra­ti­ons­zah­lung für den ver­lo­re­nen Krieg, des­sen “Schuld” sie auch noch ein­zig und allei­ne den Deut­schen in die Schu­he schie­ben (was his­to­risch eine Lüge ist).

Sogar die Bri­ten hal­ten die­se Bedin­gung des Ver­sail­ler Ver­trags für zu hart, kön­nen sich aber gegen die Fran­zo­sen nicht durch­set­zen.

Der drit­te gro­ße Geg­ner des unter­ge­gan­ge­nen deut­schen Kai­ser­reichs, die eigent­li­chen Kriegs­ge­win­ner USA, hat­ten nach Ver­saille genug von den inner­eu­ro­päi­schen Que­re­len genug und zogen sich mehr und mehr aus dem poli­ti­schen Cha­os zurück, in das sich „good old euro­pe“ seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts gestürzt hat.

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Die Fol­gen des Krie­ges:
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Krieg der Träu­me 1918–1939 [3 DVDs]*, 2018, FSK 12


Die hohen Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen ver­bun­den mit der “Kriegs­schuld­fra­ge” zün­den in der jun­gen Wei­ma­rer Repu­blik die nächs­te Eska­la­ti­ons­stu­fe: Neue Unru­hen flam­men in einem Land auf, das sich seit dem Ende des gro­ßen Krie­ges nur mit knap­per Not an einem offe­nen Bür­ger­krieg vor­bei­la­viert hat.

1923.
Die Besetzung des Ruhrgebiets

Nach einer Viel­zahl kurz­le­bi­ger Regie­rungs­ko­ali­tio­nen regiert ab Novem­ber 1922 der HAPAG-Gene­ral­di­rek­tor Wil­helm Cuno als deut­scher Reichs­kanz­ler in Ber­lin.
Zusam­men mit sei­ner „Regie­rung der Wirt­schaft“ bemüht er sich, gleich­zei­tig das Nach­kriegs­cha­os im Land und die ehe­ma­li­gen Kriegs­geg­ner Deutsch­lands in Schach zu hal­ten.

Außer­dem muss er die deso­la­ten Finan­zen der jun­gen Repi­b­lik sanie­ren; alles in allem Mam­mut-Auf­ga­ben, an der bis­lang alle sei­ne Vor­gän­ger geschei­tert sind.
Cuno und sei­ne Minis­ter gehö­ren zu den soge­nann­ten „Erfül­lungs­po­li­ti­kern“ – Ver­tre­ter des libe­ra­len bis lin­ken Spek­trums (SPD, Zen­trum, DDP) –, die das Unmög­li­che zu tun ver­su­chen und die Schul­den­last der jun­gen Repu­blik durch die Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen irgend­wie beglei­chen wol­len.

Wilhelm Cuno (links) mit Reichspräsident Ebert bei der Verfassungsfeier vor dem Reichstag (1923). Bundesarchiv
Wil­helm Cuno (links) mit Reichs­prä­si­dent Ebert bei der Ver­fas­sungs­fei­er vor dem Reichs­tag (1923). Bun­des­ar­chiv

Ihnen gegen­über ste­hen die „Kata­stro­phen­po­li­ti­ker“ vor allem aus dem rech­ten Spek­trum, die die absurd hohe Sum­me ableh­nen und weder zah­len noch ver­han­deln wol­len.
Für sie bleibt Deutsch­land auf dem Schlacht­feld unbe­siegt, einen neu­en Krieg wegen Repa­ra­tio­nen und Kriegs­schuld­fra­ge wür­den sie in Kauf neh­men.

Mehr schlecht als recht behal­ten die Erfül­lungs­po­li­ti­ker in wech­seln­den Koali­tio­nen im Reichs­tag die Ober­hand und ver­su­chen, wenigs­tens die diplo­ma­ti­sche Äch­tung Deutsch­lands am Kat­zen­tisch der Welt­po­li­tik durch Wohl­ver­hal­ten zu durch­bre­chen.

Die nächs­te Kata­stro­phe beginnt, als Frank­reich am Mor­gen des 11. Janu­ar 1923 unge­ach­tet des wack­li­gen inne­ren Frie­dens in Deutsch­land das tut, was schon lan­ge auf der Agen­da fran­zö­si­scher Poli­ti­ker und Mili­tärs stand: Fran­zö­si­sche und bel­gi­sche Trup­pen beset­zen gemein­sam das Ruhr­ge­biet, das indus­tri­el­le Herz­stück der Repu­blik.

Einzug französischer Truppen in Essen, 1923, Von Bain News Service, publisher - Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C., Gemeinfrei
Ein­zug fran­zö­si­scher Trup­pen in Essen, 1923, Von Bain News Ser­vice, publis­her — Libra­ry of Con­gress Prints and Pho­to­graphs Divi­si­on Washing­ton, D.C., Gemein­frei

Angeb­lich dient die Besat­zung dazu, den Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen Nach­druck zu ver­lei­hen, aber tat­säch­lich geht es dar­um, Deutsch­land mit dem Ruhr­ge­biet end­lich den Reiß­zahn zu zie­hen, der sie 1870 und 1914 zum gefähr­li­chen Kriegs­geg­ner Frank­reichs wer­den ließ. Koh­le und Erz aus dem Ruhr­pott haben Deutsch­land reich und mäch­tig gemacht — und gefähr­lich für sei­ne Nach­barn. Jetzt scheint für Frank­reich der rich­ti­ge Zeit­punkt gekom­men zu sein, um sich die­ser stän­di­gen Bedro­hung zu ent­le­di­gen.

Außer­dem kann man in Frank­reich Koh­le und Stahl gra­tis selbst gut gebrau­chen.

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Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2012


Ruhrkampf und Hyperinflation

Die Regie­rung unter Reichs­kanz­ler Cuno kann sich die frans­ö­si­sche Beset­zung des Ruhr­ge­bie­tes weder wirt­schaft­lich noch poli­tisch leis­ten und ruft die Bevöl­ke­rung zum pas­si­ven Wider­stand auf.
Der soge­nann­te Ruhr­kampf beginnt: weder Arbei­ter noch Ange­stell­te oder Beam­te sol­len mit den Fran­zo­sen zusam­men­ar­bei­ten — ein Gene­ral­streik wird von Ber­lin aus ange­ord­net, um zu ver­hin­dern, dass sich Frank­reich aus den Zechen und Stahl­wer­ken des Ruhr­ge­biets bedient.

Um die Kos­ten die­ses Streiks finan­zie­ren zu kön­nen — die Strei­ken­den müs­sen finan­ziert wer­den -, set­zen Cuno und sein Exper­ten-Kabi­nett auf ein alt­be­währ­tes Mit­tel, das man bereits zu Kai­sers Zei­ten genutzt hat, um liqui­de zu blei­ben: Man druckt ein­fach fri­sches Geld.

Ein ein­fa­cher Plan.
Fri­sches Geld ohne Gegen­wert — es wird der bereits ange­schla­ge­nen deut­schen Nach­kriegs-Wirt­schaft den Rest geben.

Aus der bereits galop­pie­ren­den Infla­ti­on wird durch das unge­brems­te Geld­dru­cken im Lau­fe des Jah­res eine Hyper­in­fla­ti­on — die schon vor­her geschwäch­te Gold­mark fällt ins Boden­lo­se.
Das Geld ist bald das Papier nicht mehr wert, auf dem es gedruckt wird. Es als Klo­pa­pier zu benut­zen ist güns­ti­ger, als sich Klo­pa­pier davon zu kau­fen.
Ein Stück But­ter kos­tet zeit­wei­se meh­re­re Mil­lio­nen, wer Brot oder Milch kau­fen will, trans­por­tiert sei­ne fast wert­lo­sen Geld­bün­del mit Schub­kar­ren zum nächs­ten Ein­kaufs­la­den.
Am Zahl­tag fan­gen Frau­en und Kin­der die Väter an den Fabrik­to­ren ab und ren­nen mit dem Lohn zum nächs­ten Krä­mer, um schnell alles aus­zu­ge­ben, bevor sich ein paar Stun­den spä­ter die Prei­se wei­ter ver­viel­facht haben.

Mieterhöhung während der Zeit der Hyperinflation nach der französischen Besetzng des Ruhrgebiets im Januar 1923: Von 579,50 Mark (31. September 1922) auf 9004 Mark (1. April 1923) und schließlich auf 154.913.000 Mark (2. Oktober 1923). Foto: Agentur für Bildbiographie
Miet­erhö­hung wäh­rend der Zeit der Hyper­in­fla­ti­on nach der fran­zö­si­schen Besetzng des Ruhr­ge­biets im Janu­ar 1923: Von 579,50 Mark (31. Sep­tem­ber 1922) auf 9004 Mark (1. April 1923) und schließ­lich auf 154.913.000 Mark (2. Okto­ber 1923). Foto: Agen­tur für Bild­bio­gra­phie

Reif für die Revolution?

Noch mehr Hun­ger, Armut und Elend sind die Fol­gen des Ruhr­kampfs und tref­fen eine Bevöl­ke­rung, die schon im vor­an­ge­gan­ge­nen 1. Welt­krieg uner­mess­lich gelit­ten hat.
5 Jah­re nach Kriegs­en­de hat sich für sie nichts ver­bes­sert.
Die Lage der meis­ten Deut­schen scheint aus­sichts­los zu sein und direkt in die nächs­te Kata­stro­phe zu füh­ren. Vie­le Men­schen haben nichts mehr zu ver­lie­ren.

Der Ruhr­kampf zehrt nicht nur an den letz­ten Kräf­ten der Deut­schen, mehr und mehr setzt sich auch der Ein­druck durch, dass er weder zu gewin­nen noch zu finan­zie­ren ist.
Die Mark ver­liert buch­stäb­lich stünd­lich an Wert, ohne dass sich die fran­zö­si­schen Besat­zer von den immer ver­zwei­fel­ter wer­den­den Deut­schen beein­druckt zei­gen: Weil die deut­sche Arbei­ter strei­ken, kar­ren sie eige­ne Berg­leu­te her­an, die unter mili­tä­ri­schem Schutz die Koh­le aus den Zechen im Ruhr­ge­biet schau­feln und nach Frank­reich trans­por­tie­ren.

Streiks, Plün­de­run­gen und Hun­gerun­ru­hen erschüt­tern die jun­ge, von allen Sei­ten ange­fein­de­te ers­te Demo­kra­tie auf deut­schem Boden.
Rech­te Poli­ti­ker, Mili­tärs und Unter­neh­mer den­ken mal wie­der laut über die Errich­tung einer „natio­na­len Dik­ta­tur“ nach (und begin­nen mit ihren Pla­nun­gen — für den 9. Novem­ber), und auf der ande­ren Sei­te über­le­gen die Kom­mu­nis­ten, wie sie die Situa­ti­on nut­zen könn­ten, zögern aber noch.

Sta­lin, inzwi­schen mäch­ti­ger Gene­ral­se­kre­tär der rus­si­schen KP und Mit­glied der „Troi­ka“, einem Dreier­gre­mi­um, das die Regie­rungs­ge­schäf­te für den tod­kran­ken Lenin über­nom­men hat, hält Deutsch­land noch nicht reif für eine Revo­lu­ti­on und mahnt zum Abwar­ten:

„ … Wenn heu­te in Deutsch­land die Macht sozu­sa­gen stürzt und die Kom­mu­nis­ten sie auf­he­ben, dann wer­den sie mit Pau­ken und Trom­pe­ten schei­tern. Im bes­ten Fal­le. Im schlech­tes­ten wird man sie in Stü­cke hau­en und weit zurück­wer­fen.“

Sta­lin, 1923

Die zweite, wirkliche proletarische Revolution

Ein hal­bes Jahr nach Beginn des “Ruhr­kamp­fes”, im August 1923, sind Reichs­kanz­ler Cuno und sei­ne „Regie­rung der Wirt­schaft“ poli­tisch am Ende. Nach Mas­sen­pro­tes­ten tre­ten er und sein Kabi­nett geschlos­sen zurück.

Die Lage in Deutsch­land hat sich durch den zähen Ruhr­kampf und die Tal­fahrt der Gold­mark so ver­schlim­mert, dass Gri­go­rij Sino­wjew, Vor­sit­zen­der der „Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le“ (Kom­in­tern) und eben­falls Mit­glied der „Troi­ka“, davon aus­geht, dass die „zwei­te, wirk­lich pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on“ in Deutsch­land unmit­tel­bar bevor­ste­hen wür­de.

Eine „Sowjet­re­pu­blik Deutsch­land“ käme den Rus­sen sehr gele­gen, denn sechs Jah­re nach der ihrer Revo­lu­ti­on ist die Sowjet­uni­on selbst bit­ter­arm und vom Bür­ger­krieg gezeich­net. Lenin liegt im Ster­ben und sei­ne Troi­ka steht unter enor­men wirt­schaft­li­chen Druck, um das rie­si­ge Land aus sei­nem rück­stän­di­gen Zustand zwi­schen „Kaker­la­ken und Iko­nen“ end­lich ins indus­tri­el­le 20. Jahr­hun­dert zu holen.

Eine kom­mu­nis­ti­sche Revo­lu­ti­on in Deutsch­land wür­de bedeu­ten, die nach wie vor mäch­tigs­te Indus­trie­na­ti­on des Kon­ti­nents in die Sphä­re der Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le zu brin­gen. Das wäre ein enor­mer Schub für die sowje­ti­sche Indus­tria­li­sie­rung und ver­mut­lich wür­den danach auch ande­re west­eu­ro­päi­sche Staa­ten dem deut­schen Bei­spiel fol­gen und wie Domi­no­stei­ne in Rich­tung Welt­re­vo­lu­ti­on kip­pen.

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Karl Schlö­gel, Das sowje­ti­sche Jahr­hun­dert: Archäo­lo­gie einer unter­ge­gan­ge­nen Welt*, C.H.Beck Ver­lag, 2018


Nach­dem sich die Lage in Deutsch­land durch den Rück­tritt der Regie­rung dra­ma­tisch zuge­spitzt hat, beginnt man des­halb in gro­ßer Eile mit den Vor­be­rei­tun­gen für einen kom­mu­nis­ti­schen Umsturz, der für den his­to­ri­schen 9. Novem­ber geplant ist, aber als „Deut­scher Okto­ber“ bezeich­net wird.

Ende August 1923 setzt die KPD mit “Unter­stüt­zung” sowje­ti­scher Mili­tär­be­ra­ter ein Revo­lu­ti­ons­ko­mi­tee ein, im Sep­tem­ber reist eine Dele­ga­ti­on deut­scher Revo­lu­tio­nä­re zu wei­te­ren Bespre­chun­gen nach Mos­kau. Die Erwar­tun­gen der Kom­in­tern an die deut­schen Genos­sen sind rie­sig.

Die KPD steht so unter Erfolgs­druck, dass sich KPD-Chef Hein­rich Brand­ler bei sei­ner Visi­te in Mos­kau zu der Bemer­kung hin­rei­ßen lässt, jeder Thü­rin­ger Arbei­ter habe ein Gewehr hin­term Ofen ste­hen und sei bereit für die Revo­lu­ti­on.

253.000 deut­sche Kom­mu­nis­ten stün­den zum Kampf bereit, Waf­fen sei­en genü­gend vor­han­den, im Lau­fe von 6 bis 8 Wochen könn­ten fünf­zehn rote Divi­sio­nen gebil­det wer­den.
Er irrt sich.

„ … Ent­we­der schei­tert die Revo­lu­ti­on in Deutsch­land und erschlägt uns, oder die Revo­lu­ti­on gelingt dort, alles läuft gut, und unse­re Lage ist gesi­chert.“

Sta­lin, 1923


Der “Deutsche Oktober”

Als das Cha­os am größ­ten ist, die Wei­ma­rer Repu­blik sowohl wirt­schaft­lich als auch poli­tisch kurz vor ihrem Kol­laps steht und rechts und links eif­rig Umsturz­plä­ne geschmie­det wer­den, tritt Gus­tav Stre­se­mann als neu­er Reichs­kanz­ler auf den Plan. Im Welt­krieg war Stre­se­mann noch über­zeug­ter Mon­ar­chist, mitt­ler­wei­le ist er “Ver­nunft­re­pu­bli­ka­ner” und Ver­söh­ner.

Er macht sich zunächst (fast) alle zum Feind, als er am 26. Sep­tem­ber den Abbruch des „Ruhr­kampfs“ ver­kün­det.
Gleich­zei­tig ist er der Ers­te, der es wagt, den Abwärts­stru­del der von vie­len unge­lieb­ten Wei­ma­rer Repu­blik zu durch­bre­chen und berei­tet mit sei­ner Gro­ßen Koali­ti­on aus SPD, DDP, Zen­trum und DVP eine Wäh­rungs­re­form vor, die im Novem­ber 1923 in Kraft tre­ten soll.

Gartenfest für Vertreter der Ausländischen Presse beim Reichskanzler Dr. [Gustav] Stresemann. Der Reichskanzler inmitten ausländischer Journalisten. Von Bundesarchiv, Bild 102-00169 / CC-BY-SA 3.0
Gar­ten­fest für Ver­tre­ter der Aus­län­di­schen Pres­se beim Reichs­kanz­ler Dr. [Gus­tav] Stre­se­mann. Der Reichs­kanz­ler inmit­ten aus­län­di­scher Jour­na­lis­ten. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–00169 / CC-BY-SA 3.0

Das ist die gute Nach­richt.
Die schlech­te ist, dass sich die SPD nicht ent­schei­den kann, ob sie staats­tra­gend oder revo­lu­tio­när sein will. Aus­lö­ser die­ser nächs­ten Kri­se ist ein Putsch der rechts­kon­ser­va­ti­ven baye­ri­schen Staats­re­gie­rung. Sie ernennt Gus­tav Rit­ter von Kahr, Ex-Minis­ter­prä­si­dent und bis zum Putsch Regie­rungs­prä­si­dent von Ober­bay­ern, zum „beson­de­ren Gene­ral­staats­kom­mis­sar” und unter­stützt sei­nen ange­kün­dig­ten „Marsch auf Ber­lin”, eine Ana­lo­gie zu Mus­so­li­nis erfolg­rei­chen faschis­ti­schen „Marsch auf Rom“.

Dar­auf­hin ver­hängt Reichs­prä­si­dent Ebert den Aus­nah­me­zu­stand über Deutsch­land.
In Sach­sen, spä­ter auch in Thü­rin­gen, kommt es gleich­zei­tig zu Uner­hör­tem: Am 10. Okto­ber tritt dort erst­mals die KPD in eine SPD-geführ­ten Lan­des­re­gie­rung ein, um als „repu­bli­ka­ni­schen-pro­le­ta­ri­schen Ver­tei­di­gung“ den von den baye­ri­schen Put­schis­ten ange­kün­dig­ten „Marsch auf Ber­lin“ zu stop­pen.

Die Hoff­nung der links­ge­rich­te­ten säch­si­schen und thü­rin­gi­schen Sozi­al­de­mo­kra­ten ist, im gemein­sa­men Kampf gegen Rechts end­lich die alte Feind­schaft zwi­schen den Arbei­ter­par­tei­en über­win­den zu kön­nen.

Die Revolution wird abgeblasen

Wäh­rend die säch­si­schen und thü­rin­gi­schen Sozi­al­de­mo­kra­ten auf ein fried­li­che­res Mit­ein­an­der mit der KPD als Regie­rungs­frak­ti­on hof­fen, treibt die KPD ein dop­pel­tes Spiel: Für sie bedeu­tet die Regie­rungs­be­tei­li­gung in Sach­sen und Thü­rin­gen einen wich­ti­gen stra­te­gi­schen Aus­gangs­punk­te für den „Deut­sche Okto­ber” und soll zusätz­lich noch mehr Arbei­ter für die zwei­te, wirk­lich pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on in Deutsch­land mobi­li­sie­ren. (Als ers­te — geschei­ter­te — Revo­lu­ti­on wird 1918/19 gezählt.)

Es kommt anders.
Stre­se­mann und Ebert schi­cken die Reichs­wehr, die am 20. Okto­ber in Sach­sen, eini­ge Tage spä­ter auch in Thü­rin­gen ein­mar­schiert.

Per „Reichs­exe­ku­ti­onwer­den bei­de rot-rote Län­der­par­la­men­te von der Reichs­haupt­stadt aus auf­ge­löst und alle kom­mu­nis­ti­schen Lan­des­mi­nis­ter ihrer Ämter ent­ho­ben. Bei den fol­gen­den Demons­tra­tio­nen kommt es zu Stra­ßen­schlach­ten; es gibt meh­re­re Dut­zend Tote und Ver­letz­te.

Das sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Hin und Her — mit den Kom­mu­nis­ten in den Län­dern, gegen sie in Ber­lin — nimmt die KPD den Sozi­al­de­mo­kra­ten aus­ge­spro­chen übel.
Mit fata­len Fol­gen für das Ver­hält­nis der bei­den Arbei­ter­par­tei­en und den wei­te­ren Lauf der Geschich­te.

Doch zunächst wird als Reak­ti­on auf den gewalt­sa­men Raus­wurf der KPD aus den bei­den legi­ti­men Län­der­par­la­men­ten für den 21. Okto­ber 1923 eine kom­mu­nis­ti­sche Betriebs- und Arbei­ter­kon­fe­renz ein­be­ru­fen, die den mona­te­lang geplan­ten “deut­schen Okto­ber” jetzt end­gül­tig ein­läu­ten und zum bewaff­ne­ten Kampf auf­ru­fen soll.
Womit aller­dings nie­mand gerech­net hat: Die Revo­lu­tio­nä­re sind müde — oder ein­ge­schüch­tert durch das har­te Vor­ge­hen Eberts und Stre­se­manns in Thü­rin­gen und Sach­sen.

Anders als von KPD-Chef Hein­rich Brand­ler behaup­tet, sind die „Pro­le­ta­ri­schen Hun­dert­schaf­tennicht zum bewaff­ne­ten Wider­stand gegen die Reichs­re­gie­rung bereit, sie wol­len nicht ein­mal als Ant­wort auf die “Reichs­exe­ku­ti­on” strei­ken. Die Mehr­heit der 450 Dele­gier­ten ent­schei­det sich gegen jeg­li­che Aktio­nen.
Die Revo­lu­ti­on wird abge­bla­sen.

Nur in Ham­burg erfährt man nichts davon.
Oder will nichts erfah­ren?

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phien, www​.bild​bio​gra​phien​.de, 2017 (über­ar­bei­tet 2019)

Lesen Sie im zwei­ten Teil: 1923. Fünf Jah­re sind seit dem Ende des Welt­krie­ges ver­gan­gen, aber Deutsch­land kommt nicht zur Ruhe. In Ham­burg üben die Kom­mu­nis­ten Welt­re­vo­lu­ti­on und für weni­ge Stun­den gibt es eine „Sowjet­re­pu­blik Stor­marn“. Ernst Thäl­mann, Ham­burgs cha­ris­ma­ti­scher KPD-Füh­rer, bringt sich für sei­ne wei­te­re Kar­rie­re in Stel­lung, Sta­lin, Hit­ler und die berüch­tig­te “Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie” mischen auch mit.
Ham­burg auf den Bar­ri­ka­den

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Welt­ge­schich­te zum Anfas­sen:
Deut­sche Geschich­te als Film, span­nend auf­be­rei­tet und sehr gut erklärt. Sehr sehens­wert in Staf­fel 2 ist u.a. der Bei­trag über Gus­tav Stre­se­mann, den es in der Box mit ins­ge­samt 10 Bei­trä­gen über her­aus­ra­gen­de Deut­sche gibt (wei­te­re Bei­trä­ge z.B. Rosa Luxen­burg und Karl Marx):
Die Deut­schen, Staf­fel 2*, Kom­plett-Media, 2010. Über Ama­zon prime auch als Ein­zel­epi­so­den erhält­lich.

Die Zwi­schen­kriegs­zeit 1918 bis 1939.
Nicht von Wis­sen­schaft­lern und His­to­ri­kern erklärt, son­dern durch Zeit­zeu­gen anhand von Tage­bü­chern, Brie­fen und Foto­gra­fien erzählt. Spiel­sze­nen wech­seln sich mit alten Film­auf­nah­men ab — eine sehr sehens­wer­te und authen­ti­sche Mischung von Geschich­ten und Geschich­te, die uns die­se Zeit mit ihren Träu­men und Abgrün­den her­vor­ra­gend nahe bringt.
Krieg der Träu­me 1918–1939 [3 DVDs]*, 2018, FSK 12

Die gewal­ti­gen Tur­bu­len­zen in der euro­päi­schen Geschich­te von 1914 bis 1949 
fak­ten­reich, infor­ma­tiv und fes­selnd erzählt.
Ein span­nen­des Buch für alle, die etwas tie­fer in Zeit­ge­schich­te, Stim­mun­gen und Hin­ter­grün­de ein­stei­gen wol­len. Sehr lesens­wert und ein tol­ler Über­blick über die­se Epo­che, die unser Leben heu­te ent­schei­dend prägt.

Ian Kershaw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949*. Pan­the­on Ver­lag, 2017

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Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*
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Ein sehr lesens­wer­ter Geschichts-Thril­ler
über die letz­ten 10 Wochen der Wei­ma­rer Repu­blik. Fak­ten­reich und span­nend wird das zähe Rin­gen aller Akteu­re — Hin­den­burg, Hit­ler, Papen, Schlei­cher — um die Macht beschrie­ben. Ein tol­les Lese­er­leb­nis über die Zeit, die in die größ­te Kata­stro­phe der deut­schen Geschich­te führ­te.

Rüdi­ger Barth, Hau­ke Fried­richs, Die Toten­grä­ber: Der letz­te Win­ter der Wei­ma­rer Repu­blik*, S. FISCHER Ver­lag, 2018

Wei­ter­füh­ren­de Bei­trä­ge:

Pan­de­mie: Irgend­wann im Win­ter 1917/1918 springt ein neu­ar­ti­ges Influ­en­za-Virus ver­mut­lich von einem Schwein (der klas­si­schen „Brut­stät­te“ neu­er Virus­ty­pen) auf einen Men­schen. In einem US-Mili­tär­la­ger in Kan­sas brei­tet es sich aus, aber da bei den infi­zier­ten Sol­da­ten nicht mehr als eine hef­ti­ge Erkäl­tung mit hohem Fie­ber auf­tre­ten, wer­den kei­ne Vor­sichts­maß­nah­men getrof­fen. Und so kann das neue Virus unge­stört mit Trup­pen­trans­por­tern zu den Kriegs­schau­plät­zen Euro­pas und sei­nen Todes­marsch begin­nen.
Das gro­ße Ster­ben: Die Spa­ni­sche Grip­pe 1918/19

Krieg als “rei­ni­gen­des Gewit­ter”? Für Wil­helm II. gibt es gute Grün­de, war­um sich die Deut­schen nach der Ermor­dung des öster­rei­chisch-unga­ri­schen Thron­fol­ger­paars an einem „Denk­zet­tel für Ser­bi­en“ betei­li­gen sol­len. Ist das deut­sche Kai­ser­reich des­we­gen schuld am 1. Welt­krieg, der “Urka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts”? Mit Sicher­heit nicht allein:
Ein Platz an der Son­ne oder: Wil­helm, das Groß­maul

Der 1. Welt­krieg: Ver­dun ist eine klei­ne Stadt ohne gro­ße Bedeu­tung. Eigent­lich ist sie kaum der Rede wert. Doch dann beginnt am Mor­gen des 21. Febru­ar 1916 die deut­sche Ope­ra­ti­on „Gericht“ und lässt die beschau­li­che Klein­stadt Ver­dun — wie 27 Jah­re spä­ter auch Sta­lin­grad — zum Syn­onym für die Grau­sam­keit und Sinn­lo­sig­keit von Krie­gen wer­den.
Vor 100 Jah­ren: Die Höl­le von Ver­dun

Die rus­si­sche Revo­lu­ti­on: Ios­seb Wis­sa­ri­o­no­witsch Dschu­gaschwi­li, genannt Sta­lin, gilt neben Adolf Hit­ler als einer der grau­sams­ten Dik­ta­to­ren in der Geschich­te der Mensch­heit. Als Lenins „Mann fürs Gro­be“ beginnt er sei­ne Kar­rie­re mit Intel­li­genz und Skru­pel­lo­sig­keit. Durch men­schen­ver­ach­ten­de Här­te wird er ab 1924 zum all­mäch­ti­gen KP-Gene­ral­se­kre­tär, zum gefürch­te­ten Allein­herr­scher über die Sowjet­uni­on und zum Dik­ta­tor mit welt­wei­tem “Sen­dungs­be­wusst­sein”.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil 1

Sta­lin: Lenins „Mann fürs Gro­be“ ist ihm am Ende doch zu grob. In sei­nem poli­ti­schen Tes­ta­ment emp­fiehlt der Begrün­der und ers­te Regie­rungs­chef Sowjet­russ­lands (ab 1922 in Sowjet­uni­on umbe­nannt) drin­gend, Sta­lin als all­mäch­ti­gen Gene­ral­se­kre­tär der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Russ­lands abzu­lö­sen und einen ande­ren an sei­ne Stel­le zu set­zen. Aber es ist zu spät.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil 2

Das Ende der Repu­blik: Die letz­ten frei­en Wah­len am 6. Novem­ber 1932 besie­geln das Schick­sal der Deut­schen. Es ist aber nicht das Wäh­ler­vo­tum, das den roten Tep­pich für Adolf Hit­ler aus­rollt, son­dern das kata­stro­pha­le Agie­ren von mehr oder min­der demo­kra­ti­schen Poli­ti­kern, die mit einer Mischung aus Igno­ranz, Dumm­heit und Selbst­sucht die ers­te Demo­kra­tie auf deut­schem Boden gegen die Wand fah­ren.
1932- das Ende der Repu­blik. Brü­ning: Der Hun­ger­kanz­ler

Link­emp­feh­lung:

Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung: Der Kampf um die Repu­blik 1919 — 1923.
https://www.bpb.de/izpb/55958/kampf-um-die-republik-1919–1923?p=all

Bild­nach­wei­se:

Ein­zug fran­zö­si­scher Trup­pen in Essen, 1923, Von Bain News Ser­vice, publis­her — Libra­ry of Con­gress Prints and Pho­to­graphs Divi­si­on Washing­ton, D.C., Gemein­frei

Wil­helm Cuno (links) mit Reichs­prä­si­dent Ebert bei der Ver­fas­sungs­fei­er vor dem Reichs­tag (1923). Von Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1973-076–58 / CC-BY-SA 3.0

Miet­erhö­hung wäh­rend der Zeit der Hyper­in­fla­ti­on nach der fran­zö­si­schen Besetzng des Ruhr­ge­biets im Janu­ar 1923: Von 579,50 Mark (31. Sep­tem­ber 1922) auf 9004 Mark (1. April 1923) und schließ­lich auf 154.913.000 Mark (2. Okto­ber 1923). Agen­tur für Bild­bio­gra­phie

Gar­ten­fest für Ver­tre­ter der Aus­län­di­schen Pres­se beim Reichs­kanz­ler Dr. [Gus­tav] Stre­se­mann. Der Reichs­kanz­ler inmit­ten aus­län­di­scher Jour­na­lis­ten. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–00169 / CC-BY-SA 3.0

Ver­haf­tung eines Mit­glieds der Pro­le­ta­ri­schen Hun­dert­schaf­ten durch Reichswehr-Truppen.Bundesarchiv, Bild 102–00191 / CC-BY-SA 3.0

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