Wer war eigentlich „Stalin“? (3)

Stalin - der große vaterländische Krieg www.generationengespräch.de

Ab März 1941 berich­ten immer mehr sowje­ti­sche Spio­ne von einem nicht enden wol­len­den Strom deut­scher Trup­pen, die Rich­tung Osten mar­schie­ren.

Doch Sta­lin wie­gelt ab: In Ber­lin gäbe es „Fal­ken“ und „Tau­ben“, wobei Hit­ler zu den „Tau­ben“ zähle … 

Es ist ein Trep­pen­witz der Geschich­te, dass aus­ge­rech­net der sonst bis zur Para­noia miss­traui­sche Sta­lin die Zei­chen der Zeit nicht erkennt. Aber Sta­lin kann sich nicht vor­stel­len, dass Hit­ler und sei­ne Gene­rä­le einen Zwei­fron­ten­krieg wagen würden. 

Zwar mel­det der sowje­ti­sche Top-Spi­on Richard Sor­ge im Mai aus Japan, dass ein Angriff der Deut­schen mit 150 Divi­sio­nen für den 20. Juni 1941 geplant sei, und es wird auch bekannt, dass täg­lich bis zu vier Züge in die Auf­marsch­räu­me nach Polen fah­ren, um Wehr­machts­ein­hei­ten und Pan­zer in Stel­lung zu bringen.

Aber Sta­lin fin­det die pas­sen­de Erklä­rung: Der „Füh­rer” wol­le ihn mit dem Auf­marsch „nur ein­schüch­tern”, um sich für kom­men­de Ver­hand­lun­gen eine bes­se­re Aus­gangs­po­si­ti­on zu verschaffen.

Er wischt alle War­nun­gen und Hin­wei­se als Mani­pu­la­ti­ons­ver­su­che und west­li­che Pro­pa­gan­da vom Tisch. 

Sei­nen Mili­tärs und Bera­tern droht er, „dass Köp­fe rol­len wer­den“, wenn sie ohne sei­ne Erlaub­nis Trup­pen­be­we­gun­gen durch­füh­ren würden.

  • Als dann in den frü­hen Mor­gen­stun­den des 22. Juni 1941 etwa 3,5 Mil­lio­nen Sol­da­ten der Deut­schen Wehr­macht und ver­bün­de­ter Trup­pen aus Ita­li­en, Ungarn, Finn­land, Rumä­ni­en und der Slo­wa­kei auf sowje­ti­sches Gebiet vor­drin­gen, sind vie­le Divi­sio­nen der Roten Armee weder vor­be­rei­tet noch ange­mes­sen aus­ge­rüs­tet und aus­rei­chend mit Sol­da­ten besetzt.

Sta­lin bricht zusammen.

Wäh­rend Görings Bom­ber fast die kom­plet­te sowje­ti­sche Luft­waf­fe zer­stö­ren, weil ihre Flug­zeu­ge ohne Tar­nung auf den unge­schütz­ten Flug­fel­dern vor den Han­gars ste­hen, und die Boden­trup­pen der Roten Armee unter uner­mess­li­chem Blut­zoll Kilo­me­ter für Kilo­me­ter zurück­wei­chen müs­sen, ist “der Stäh­ler­ne” untröst­lich.

Und vor allem: unauf­find­bar, sogar für sei­ne engs­ten Vertrauten.

Unmensch gegen Bestie”: Ein deutsch-sowjetisches Schmierenstück

Die Ouver­tü­re zu einem der fürch­ter­lichs­ten und grau­sams­ten Feld­zü­ge der Mensch­heit hat­te rund zwei Jah­re zuvor begonnen.

Am 24. August 1939  in Mos­kau Reichs­au­ßen­mi­nis­ter von Rib­ben­trop für Deutsch­land und der sowje­ti­schen „Volks­kom­mis­sar für Aus­wär­ti­ge Ange­le­gen­hei­ten“ Molo­tow im Bei­sein Sta­lins den Deutsch-Sowje­ti­schen Nicht­an­griffs­pakt unterzeichnen. 

Sowjetunion, August 1939
Im Moskauer Kreml wird am 23.8.1939 ein Nichtangriffsvertrag zwischen dem deutschen Reich und der UdSSR unterzeichnet. Nach der Unterzeichnung im Gespräch J.W. Stalin und der deutsche Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop (r.), Bundesarchiv, Bild 183-H27337, CC-BY-SA 3.0
Sta­lin und Reichs­au­ßen­mi­nis­ter von Rib­ben­trop nach der Unter­zeich­nung des Nicht­an­griffs­pakts. Bild: Bundesarchiv

Die Vor­ver­hand­lun­gen zum Nicht­an­griffs­pakt waren lang und zäh, doch als die deut­sche Dele­ga­ti­on zur Unter­zeich­nung per Flug­zeug anreist, kommt ihr Besuch für’s sowje­ti­sche Pro­to­koll trotz­dem überraschend. 

Man muss die Haken­kreuz­fah­nen für den gebüh­ren­den Emp­fang aus einem Film­stu­dio besor­gen, in dem gera­de ein Anti-Nazi-Film gedreht wird. Auf eini­gen Fah­nen sind die Haken­kreu­ze spie­gel­ver­kehrt aufgenäht. 

Im Pakt zwi­schen „Bes­tie” (Hit­ler über Sta­lin) und „Unmensch” (Sta­lin über Hit­ler) wer­den offi­zi­ell gegen­sei­ti­ge Neu­tra­li­tät im Kriegs­fall und Kon­sul­ta­tio­nen bei Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten ver­trag­lich festgelegt.

Außer­dem erhält Deutsch­land drin­gend (für die Auf­rüs­tung) benö­tig­te Rohstoffe.

  • Der eigent­li­che Zünd­stoff liegt im „Gehei­men Zusatz­pro­to­koll“, in dem bei­de Dik­ta­to­ren ihre „Inter­es­sensphä­ren in Ost­eu­ro­pa“ abgren­zen: Der Osten Euro­pas wird zwi­schen der Sowjet­uni­on und Groß­deutsch­land auf­ge­teilt, sou­ve­rä­ne Natio­nen wie Polen oder Finn­land sol­len dafür von der Land­kar­te verschwinden.

Am Mor­gen danach fährt Sta­lin zufrie­den in sei­ne Dat­scha und prahlt vor füh­ren­den Genossen:

„Ich weiß, was Hit­ler im Schil­de führt. Er glaubt, er ist schlau­er als ich, aber in Wirk­lich­keit habe ich ihn überlistet.” 

Sta­lin im August 1939

Er will vor allem Zeit gewin­nen, denn immer­hin ist ihm bewusst, dass sei­ne „gesäu­ber­te“ Rote Armee nicht in der Ver­fas­sung ist, einen Krieg gegen das hoch­ge­rüs­te­te, vor Kraft strot­zen­de Groß­deutsch­land zu gewinnen.

Deut­sche, Bri­ten und Fran­zo­sen sol­len sich nach sei­nen Plä­nen einen Abnut­zungs­kampf wie im Ers­ten Welt­krieg lie­fern und gegen­sei­tig erschöp­fen. Und die Sowjet­uni­on am Ende als eigent­li­che und ein­zi­ge Sie­ger­macht aus dem Tumult hervorgehen.

Er hät­te es bes­ser wis­sen müs­sen.
Schließ­lich ist er einer der weni­gen aus­län­di­schen Spit­zen­po­li­ti­ker, die Hit­lers „Mein Kampf“ gele­sen haben.

Stalin ist ratlos

Die deut­schen Hee­res­grup­pen durch­bre­chen eine Ver­tei­di­gungs­li­nie nach der ande­ren, kes­seln ganz Armeen ein und erobern Hun­der­te Qua­drat­ki­lo­me­ter sowje­ti­schen Territoriums.

Erst­mals in sei­ner Geschich­te scheint der „Woschd“ klein­laut zu werden.

Man fin­det ihn schließ­lich in sei­ner Dat­scha, wo er weder Tele­fo­na­te ent­ge­gen­nimmt noch Besu­cher emp­fängt.
Ein hoch­ran­gi­ger Par­tei­ge­nos­se berich­tet spä­ter, Sta­lin habe in die­sen Tagen ein­fach nicht gewusst, was er dem Volk hät­te sagen sol­len.

Als eine Abord­nung von Polit­bü­ro-Mit­glie­dern auf­taucht, fürch­tet er, ver­haf­tet zu wer­den. Aber sei­ne Befürch­tun­gen sind unbe­grün­det. Die Genos­sen drän­gen ihn statt­des­sen, weiterzumachen. 

Ein selt­sa­mes Ver­hal­ten trotz der gro­ßen Kri­se, denn Sta­lin hat nicht nur offen­kun­dig mit sei­ner Fehl­ein­schät­zung ver­sagt, son­dern in der Zeit des „gro­ßen Ter­rors“ Ver­wand­te und Freun­de der meis­ten von ihnen umgebracht.

Der große vaterländische Krieg

An Stel­le des unter­ge­tauch­ten Sta­lin hat­te Außen­mi­nis­ter Molo­tow in der Zwi­schen­zeit die sowje­ti­sche Bevöl­ke­rung über den Angriff der Deut­schen infor­miert und zum Krieg gegen die „Faschis­ten“ aufgerufen. 

Erst­mals spricht er – in Anleh­nung an den (sieg­rei­chen) Abwehr­krieg Russ­lands gegen Napo­lé­on – vom „Vater­län­di­schen Krieg“.

“Rotarmisten greifen an”. Der große vaterländische Krieg, Foto von 1941, Source RIA Novosti archive, image #613474 / Alpert / CC-BY-SA 3.0, Author Alpert / Макс Альперт Commons:RIA Novosti
“Rot­ar­mis­ten grei­fen an”. Der gro­ße vater­län­di­sche Krieg, Foto von 1941, Source RIA Novos­ti archive

Und tat­säch­lich ver­ges­sen die von Sta­lin und sei­nen Hel­fern ter­ro­ri­sier­ten, geknech­te­ten und gequäl­ten Rus­sen das, was man ihnen in den Jah­ren der “Ent­ku­la­ki­sie­rung” und der “gro­ßen Säu­be­rung” ange­tan hat, und zie­hen für ihn und ihre Hei­mat in einen fürch­ter­li­chen Krieg. 

Aber es ist schwierig.

Denn vie­le kampf­erprob­te Mili­tärs waren wäh­rend des gro­ßen Ter­rors „Säu­be­run­gen“ zum Opfer gefal­len; ihren Nach­fol­gern fehlt es häu­fig an Mut, Know-how und Erfahrung.

Unend­lich vie­le Sol­da­ten bezah­len die­se Fol­ge von Sta­lins Para­noia mit ihrem Leben.

Am 3. Juli 1941, gut zwei Wochen nach Kriegs­be­ginn, bricht Sta­lin sein Schwei­gen und spricht im Radio zu sei­nem Volk und sei­nen Truppen. 

„Genos­sen! Bür­ger! Brü­der und Schwes­tern! Kämp­fer unse­rer Armee und Flot­te, an Euch wen­de ich mich, mei­ne Freunde.“ 

Radio­an­spra­che Sta­lins vom 3. Juli 1941

Sein Ton hat sich ver­än­dert. Aus Genos­sen sind nun „Freun­de, Brü­der und Schwes­tern“ gewor­den.

  • Sta­lins Art der Pro­blem­lö­sung hat sich dage­gen nicht geän­dert: Mit Ter­ror will er sei­ne sich stän­dig zurück­zie­hen­de Rote Armee zum Kämp­fen und zum Sie­gen zwingen.

Er lässt den Ober­kom­man­die­ren­den der West­front und wei­te­re Gene­rä­le erschie­ßen.
Und ver­kün­det, dass jeder, der in Kriegs­ge­fan­gen­schaft gera­te, ein Ver­rä­ter sei. Für die­sen Ver­rat müs­sen auch sei­ne Ange­hö­ri­gen büßen.

Zweifrontenkrieg

Goeb­bels notiert 1943 in sein Tage­buch, Sta­lin sei in den Augen des „Füh­rers” ein Genie des Asia­ten­tums.

Sta­lin wie­der­um sprach von Hit­ler als „Teu­fels­kerl“, und sei­ne Toch­ter berich­te­te spä­ter vom gro­ßen Bedau­ern ihres Vaters, dass der Hit­ler-Sta­lin-Pakt nicht gehal­ten habe. „Mit den Deut­schen zusam­men wären wir unbe­sieg­bar gewe­sen”, soll er gesagt haben. 

Zwar hat­te Hit­ler in “Mein Kampf” vom „Lebens­raum“ im Osten” schwa­dro­niert, aber ein Zwei­fron­ten­krieg war für ihn lan­ge Zeit nicht vorstellbar.

Lan­ge Zeit hat­te er auf die Bri­ten als Bünd­nis­part­ner gehofft, spä­ter auf Polen als Juni­or­part­ner gegen die Sowjet­uni­on, und erst als sich bei­de ver­wei­ger­ten, dis­po­nier­te er schließ­lich um und schließt den Teu­fels­pakt mit Stalin.

Ein Jahr nach Unter­zeich­nung des soge­nann­ten Hit­ler-Sta­lin-Pak­tes ist Polen von der Land­kar­te ver­schwun­den, Frank­reich geschla­gen und welt­weit kämp­fen nur noch die Bri­ten mit König und Win­s­ton Chur­chill ihren ein­sa­men Kampf gegen das “Drit­te Reich” und sei­ne Verbündeten.

  • Als die Bri­ten sich als zähe­rer Kriegs­geg­ner als erwar­tet erwei­sen und klar wird, dass Göring sein Ver­spre­chen nicht hal­ten kann, Groß­bri­tan­ni­en mit sei­ner Luft­waf­fe in nur weni­gen Wochen zu einem “Kom­pro­miss­frie­den” zu bom­ben, ent­schließt sich Hit­ler zu einem Stra­te­gie­wech­sel. Denn die Wehr­macht braucht „Blitz­krie­ge“ und „Blitz­sie­ge“; auf lang­wie­ri­ge Feld­zü­ge wie die Luft­schlacht um Eng­land ist man nicht eingestellt.

Am 18. Dezem­ber 1940 gibt Hit­ler die Wei­sung, den Angriff auf einen neu­en Feind vor­zu­be­rei­ten, der 26-mal grö­ßer als Eng­land ist. Die Sowjetunion. 

Luftschlacht um England 1940 Generationengespräch
Hit­lers Krieg 1940: Luft­schlacht um England

Der „Füh­rer“ wen­det sich sei­nem eigent­li­chen Kriegs­ziel im Osten zu, ohne den Krieg im Wes­ten been­det zu haben. Ver­mut­lich ist das der schwers­te von vie­len stra­te­gi­schen Feh­lern, die das selbst­er­nann­te mili­tä­ri­sche Genie, Adolf Hit­ler, begeht.

Hit­ler und sei­ne Mili­tärs rech­nen mit einem kur­zen Feld­zug von nur weni­gen Wochen, einem “Sand­kas­ten­spiel”, wie Hit­ler sagt. Man schätzt die Kampf­kraft der von Sta­lin gesäu­ber­ten Rote Armee als gering, nach Hit­lers Wor­ten sei sie nicht mehr als ein Witz”.

  • Sta­lin und Hit­ler hal­ten sich bei­de für beson­ders talen­tier­te Mili­tär­stra­te­gen — tat­säch­lich sind sowohl der sowje­ti­sche „Woschd“ wie auch der deut­sche “Gröfaz” mit der Füh­rung ihrer Armeen heil­los über­for­dert und gefähr­lich unfähig.

Nach Aus­sa­gen eini­ger Mar­schäl­le Sta­lins habe man heim­lich zahl­rei­che sei­ner Befeh­le igno­riert, da sie unsin­nig gewe­sen sei­en, und Mar­schall Geor­gi Schu­kow wird nach dem Ende der Sta­lin-Ära dem „Gene­ra­lis­si­mus“ hin­ter ver­schlos­se­nen Türen vor­wer­fen, das Leben Tau­sen­der Sol­da­ten sinn­los geop­fert zu haben.

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Die Evakuierung Moskaus

Nur 3 Mona­te nach Beginn des Über­falls, am 5. Okto­ber 1941 ent­deckt ein sowje­ti­sches Auf­klä­rungs­flug­zeug eine deut­sche Pan­zer­ko­lon­ne 130 Kilo­me­ter vor Moskau.

Die Nach­richt ver­brei­tet sich wie ein Lauf­feu­er, in der sowje­ti­schen Haupt­stadt bricht Panik aus. Hohe Beam­te und aus­län­di­sche Bot­schaf­ten wer­den ins 800 Kilo­me­ter öst­lich gele­ge­ne Kui­by­schew (heu­te Sama­ra) eva­ku­iert, sogar der ein­bal­sa­mier­te Leich­nam Lenins wird in einem gekühl­ten Wag­gon abtransportiert.

Hun­der­tau­sen­de Mos­ko­wi­ter stür­men Züge, die Rich­tung Osten fah­ren, der Mob plün­dert in Mos­kau ver­las­se­ne Woh­nun­gen und Geschäfte.

Als Sta­lin die Nach­richt hört, soll er in Trä­nen aus­ge­bro­chen sein.

Auch für sei­ne Flucht ist alles vor­be­rei­tet. Doch er bleibt.
Vie­le His­to­ri­ker hal­ten das für eine der wich­tigs­ten Ent­schei­dun­gen die­ses Krieges.

Mit­te Okto­ber 1941 setzt dann plötz­lich der Herbst­re­gen ein, die deut­sche Inva­si­on bleibt nach wochen­lan­gem Vor­marsch im Matsch vor Mos­kau stecken. 

Kur­ze Zeit spä­ter beginnt der gefürch­te­te rus­si­sche Win­ter viel frü­her als gewöhn­lich und sorgt dafür, dass nur weni­ge deut­sche Ein­hei­ten im Novem­ber 1941 die Außen­be­zir­ke Mos­kaus erreichen. 

Der Wet­ter­wech­sel ist mäch­ti­ger als alle sowje­ti­schen Armeen.

Sowjetunion.- Infanterie-Soldaten ziehen Auto aus dem Schlamm, Depicted place Russia, Date November 1941, Photographer Unknown, Bundesarchiv, Bild 146-1981-149-34A / CC-BY-SA 3.0
Sowjet­uni­on.- Infan­te­rie-Sol­da­ten zie­hen Auto aus dem Schlamm, Depic­ted place Rus­sia, Date Novem­ber 1941, Bundesarchiv

Zunächst wur­de der kurz dar­auf fol­gen­de Win­ter­ein­bruch von vie­len deut­schen Gene­rä­le sogar begrüßt, denn auf dem gefro­re­nen Boden kom­men Fahr­zeu­ge und Trup­pen wie­der voran. 

Aber es wird noch grau­sa­mer: Bei Tem­pe­ra­tu­ren bis zu minus 52 Grad ver­su­chen deut­sche Sol­da­ten in Som­mer­uni­for­men — man hat­te ja mit einem “Blitz­sieg” gerech­net — schließ­lich nur noch zu überleben. 

Vormarsch unserer Truppen durch die Winterlandschaft vor Moskau. Die Wege sind gefroren und trotz der Kälte geht es leicht vorwärts. (Kriegsberichter Cusian, 21.11.41), Bundesarchiv, Bild 183-L20813 / Cusian, Albert / CC-BY-SA 3.0
Vor­marsch unse­rer Trup­pen durch die Win­ter­land­schaft vor Mos­kau. Die Wege sind gefro­ren und trotz der Käl­te geht es leicht vor­wärts. (Kriegs­be­rich­ter Cusi­an, 21.11.41), Bundesarchiv 

Anfang Dezem­ber schi­cken die Sowjets aus­ge­ruh­te und für den Win­ter­krieg bes­tens aus­ge­rüs­te­te sibi­ri­sche Ein­hei­ten in den Kampf um Moskau.

Jun­ge Frau­en mel­den sich zu Tau­sen­den bei den ört­li­chen Wehr­ko­mi­tees und bet­teln dar­um, an der Front kämp­fen zu dür­fen. Selbst Halb­wüch­si­ge schuf­ten in Rüs­tungs­fa­bri­ken bis zu 12 Stun­den täg­lich, um die Faschis­ten aus ihrer Hei­mat zu vertreiben. 

Das deut­sche Ost­heer muss um fast 300 Kilo­me­ter zurück­wei­chen und ent­kommt trotz­dem nur um Haa­res­brei­te der Ver­nich­tung.

Hit­lers Blitz­krieg im Osten ist gescheitert.

Stalingrad

Erst nach ihrer mona­te­lan­gen unfrei­wil­li­gen “Win­ter­pau­se”, im spä­ten Früh­jahr 1942, gewinnt die Wehr­macht ihre Mobi­li­tät zurück.

Doch statt wie erwar­tet den Vor­marsch auf Mos­kau fort­zu­set­zen, ändert Hit­ler, der sich mitt­ler­wei­le selbst zum Ober­be­fehls­ha­ber ernannt hat, sei­ne Mei­nung und ord­ne­te den “Fall Blau” an.

  • Ein Him­mel­fahrts­kom­man­do, denn die mas­si­ve Offen­si­ve hat nicht ein, son­dern zwei Zie­le: die Erobe­rung der kau­ka­si­schen Ölfel­der und die Zer­schla­gung der sowje­ti­schen Rüs­tungs­in­dus­trie im Süden, vor allem die um und in Stalingrad.
Kriegswende 1942 Stalingrad Generationengespräch
Hit­lers Krieg: Kriegs­wen­de 1942

Der Plan ist so wahn­wit­zig, dass nie­mand mit die­sem Feld­zug rechnet.

Die Offen­si­ve beginnt nach mehr­ma­li­gem Ver­schie­ben am 28. Juni 1942. Ins­ge­samt sind 1,3 Mil­lio­nen Sol­da­ten betei­ligt, dar­un­ter 300.000 ver­bün­de­ter Natio­nen, haupt­säch­lich Rumä­nen und Italiener.

Doch auch “Fall Blau” schei­tert.
Nach wochen­lan­gem Stra­ßen­kampf gelingt  dem sowje­ti­schen  Gene­ral Geor­gi Schu­kow im Novem­ber 1942 ein mili­tä­ri­sches Glanz­stück: Zwei sowje­ti­sche Angriffs­spit­zen kön­nen den schwa­chen Flan­ken­schutz der Wehr­macht ver­nich­ten und mar­schie­ren in einer Zan­gen­be­we­gung auf­ein­an­der zu.

Als sich bei­de Ver­bän­de am 23. Novem­ber tref­fen, ist die deut­sche 6. Armee und gro­ße Tei­le der 4. Armee ein­ge­kes­selt — ins­ge­samt über 250.000 deut­sche Soldaten.

Im Janu­ar 1943 voll­endet sich die Kata­stro­phe “Sta­lin­grad”.

  • Sta­lin­grad ist der Wen­de­punkt die­ses Krie­ges.
    Der Nim­bus der “Unbe­sieg­bar­keit” der deut­schen Wehr­macht ist gebro­chen. Nach Sta­lin­grad treibt die Rote Armee die Deut­schen nur noch in Rich­tung Westen.

Rund zwei Jah­re spä­ter ist Deutsch­land besiegt und Hit­ler tot.

Totaler Krieg 1943 Generationengespräch
Hit­lers Krieg: Der tota­le Krieg 1943

Stalinismus nach 1945: Das Morden geht weiter

Hit­ler ist tot, aber Sta­lins Mor­den geht wei­ter.
Zunächst führt er im Juni 1945 den Titel eines „Gene­ra­lis­si­mus der Sowjet­uni­on“ als höchs­ten mili­tä­ri­schen Rang ein und ver­leiht ihn sich selbst.

Zu Beginn des Jah­res 1948 ord­net er eine wei­te­re Säu­be­rungs­wel­le an, die sich die­ses Mal haupt­säch­lich gegen Juden rich­tet, die als „Wur­zel­lo­se Kos­mo­po­li­ten“ denun­ziert wer­den. Die Kam­pa­gne führt zunächst zur Auf­lö­sung des Jüdi­schen Anti­fa­schis­ti­schen Komi­tees und erreicht ihren Höhe­punkt in der so genann­ten Ärz­te­ver­schwö­rung.

In der Nacht vom 28. Febru­ar zum 1. März erlei­det Sta­lin einen Schlaganfall. 

Aber weil es kei­ner sei­ner Wach­leu­te wagt, sein Zim­mer zu betre­ten, liegt er fast 24 Stun­den ein­ge­nässt und sprach­los auf dem Boden. 

Nach­dem er schließ­lich doch gefun­den wur­de, wird sein lan­ges Ster­ben von Ärz­ten beglei­tet, die um ihr eige­nes Leben zit­tern müs­sen und sich aus Angst kaum trau­en, sei­nen Puls zu fühlen. 

Die bes­ten Medi­zi­ner des Lan­des — meis­tens Juden, denen eine Betei­li­gung an der “Ärz­te­ver­schwö­rung” vor­ge­wor­fen wird — sit­zen in Haft oder sind bereits tot.

  • An Sta­lins Ster­be­bett ver­sam­melt sich eine Entou­ra­ge aus hef­tig um sei­ne Nach­fol­ge strei­ten­den Polit-Kom­mis­sa­ren, die sei­nen Tod her­bei­seh­nen, um selbst ihrer Abset­zung oder Liqui­da­ti­on zu entgehen.

Josef Sta­lin wur­de übri­gens zwei­mal für den Frie­dens­no­bel­preis nomi­niert, ein­mal 1945, als einer der Sie­ger des Zwei­ten Welt­krie­ges, und ein­mal 1948.

Erhal­ten hat er ihn nie.

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phien, www​.bild​bio​gra​phien​.de, 2014 (Über­ar­bei­tet 2024)

Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Lan­ge Zeit war den Bewoh­nern Ost­preu­ßens unter Andro­hung schwe­rer Stra­fen die Flucht aus ihrer Hei­mat ver­bo­ten wor­den, denn Hit­ler will der vor­rü­cken­den Roten Armee einen mensch­li­chen „Schutz­wall“ ent­ge­gen­stel­len.
Und da die Män­ner im Krieg kämp­fen und die Par­tei­obe­ren flie­hen, sind es Frau­en, Kin­der und Alte, die zurück­blei­ben und Hit­lers Vor­stel­lung vom Schutz­wall Ost­preu­ßen erfül­len sol­len.
Ihr Flücht­lin­ge! Flucht und Ver­trei­bung 1944 — 1950

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Wei­ter­füh­ren­de Beiträge:

Hit­lers Krieg: Der „Gröfaz“ (größ­ter Feld­herr aller Zei­ten) war ein lau­si­ger Mili­tär­stra­te­ge, dem Wet­ter, Weg­stre­cken und Boden­be­schaf­fen­heit völ­lig egal waren. Im 2. Welt­krieg trifft er meh­re­re schwer­wie­gen­de Fehl­ent­schei­dun­gen und ver­zockt dadurch sein anfäng­li­ches Kriegs­glück.
Hit­lers Krieg: Größ­ter Feld­herr aller Zeiten?

Ame­ri­kas kran­ke Prä­si­den­ten: Als sich die „gro­ßen Drei“- Chur­chill, Roo­se­velt und Sta­lin – im Febru­ar 1945 in Jal­ta auf der schö­nen Halb­in­sel Krim tref­fen, um über die Zukunft der Welt nach Hit­ler zu kon­fe­rie­ren, sit­zen da nicht nur die zukünf­ti­gen Sie­ger des 2. Welt­kriegs zusam­men, son­dern auch drei schwer­kran­ke Män­ner, die mit einem Bein (Roo­se­velt mit ein­ein­halb) im Grab ste­hen.
Ame­ri­kas kran­ke Prä­si­den­ten – die schwa­chen Sei­ten der Män­ner im Wei­ßen Haus

Sta­lin I: Ios­seb Wis­sa­ri­o­no­witsch Dschu­g­aschwi­li, genannt Sta­lin, gilt neben Adolf Hit­ler als einer der grau­sams­ten Dik­ta­to­ren in der Geschich­te der Mensch­heit. Als Lenins „Mann fürs Gro­be“ beginnt er sei­ne Kar­rie­re mit Intel­li­genz und Skru­pel­lo­sig­keit. Durch men­schen­ver­ach­ten­de Här­te wird er ab 1924 zum all­mäch­ti­gen KP-Gene­ral­se­kre­tär — und zum gefürch­te­ten Allein­herr­scher über die Sowjet­uni­on.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil 1

Sta­lin II: Lenins „Mann fürs Gro­be“ ist ihm am Ende doch zu grob. In sei­nem poli­ti­schen Tes­ta­ment emp­fiehlt der Begrün­der und ers­te Regie­rungs­chef Sowjet­russ­lands (ab 1922 in Sowjet­uni­on umbe­nannt) drin­gend, Sta­lin als all­mäch­ti­gen Gene­ral­se­kre­tär der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Russ­lands abzu­lö­sen und einen ande­ren an sei­ne Stel­le zu set­zen. Aber es ist zu spät.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil 2

Ein Über­blick über Bio­gra­fien, Geschich­te und Geschich­ten der letz­ten 300 Jah­re, die unse­re Welt zu dem gemacht haben, die sie heu­te ist:
Das Gene­ra­tio­nen­ge­spräch: Geschichte(n) im Überblick

Link­emp­feh­lung:

Sta­lin war sprach­los und lag in sei­nem Urin”, Die Welt, 5.3.2013
https://​www​.welt​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​a​r​t​i​c​l​e​1​1​4​1​3​0​4​2​9​/​S​t​a​l​i​n​-​w​a​r​-​s​p​r​a​c​h​l​o​s​-​u​n​d​-​l​a​g​-​i​n​-​s​e​i​n​e​m​-​U​r​i​n​.​h​tml

Bild­nach­wei­se:

Sowjet­uni­on, August 1939, Im Mos­kau­er Kreml wird am 23.8.1939 ein Nicht­an­griffs­ver­trag zwi­schen dem deut­schen Reich und der UdSSR unter­zeich­net. Nach der Unter­zeich­nung im Gespräch J.W. Sta­lin und der deut­sche Reichs­au­ßen­mi­nis­ter Joa­chim von Rib­ben­trop (r.), Bun­des­ar­chiv, Bild 183-H27337/

“Rot­ar­mis­ten grei­fen an”. Der gro­ße vater­län­di­sche Krieg, Foto von 1941, Source RIA Novos­ti archi­ve, image #613474 / Alpert / CC-BY-SA 3.0, Aut­hor Alpert / Макс Альперт Commons:RIA Novos­ti

Sowjet­uni­on.- Infan­te­rie-Sol­da­ten zie­hen Auto aus dem Schlamm, Depic­ted place Rus­sia, Date Novem­ber 1941, Pho­to­grapher Unknown, Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1981-149–34A / CC-BY-SA 3.0

Vor­marsch unse­rer Trup­pen durch die Win­ter­land­schaft vor Mos­kau. Die Wege sind gefro­ren und trotz der Käl­te geht es leicht vor­wärts. (Kriegs­be­rich­ter Cusi­an, 21.11.41), Bun­des­ar­chiv, Bild 183-L20813 / Cusi­an, Albert / CC-BY-SA 3.0

Königs­berg, Volks­sturm, ADN-ZB/ Archiv II. Welt­krieg 1939–45 Deutsch-sowje­ti­sche Front in Ost­preu­ßen Mit­te Janu­ar 1945: Ange­hö­ri­ge des Volks­stur­mes mit Pan­zer­fäus­ten in einer Stel­lung vor Königs­berg, [Auf­nah­me: 20.1.1945], Bun­des­ar­chiv, Bild 183-R98401 / CC-BY-SA 3.0

Geschichte und Psychologie Vergangenheit verstehen um mit der Zukunft besser klar zu kommen
Geschich­te & Psy­cho­lo­gie:

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2090coo­kie-checkWer war eigent­lich „Sta­lin“? (3)

2 Kommentare zu „Wer war eigentlich „Stalin“? (3)“

  1. Ein sehr guter, knap­per und prä­zi­ser, geschicht­li­cher Abriss, der die
    Grau­sam­keit der dama­li­gen Zeit beschreibt. Man­ches erin­nert heute
    an das, was gera­de wie­der in der Ukrai­ne geschieht. Man könn­te fast
    Angst bekommen!

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