Wer war eigentlich „Stalin“? (3)
Ab März 1941 berichten immer mehr sowjetische Spione von einem nicht enden wollenden Strom deutscher Truppen, die Richtung Osten marschieren.
Doch Stalin wiegelt ab: In Berlin gäbe es „Falken“ und „Tauben“, wobei Hitler zu den „Tauben“ zähle …

22. Juni 1941: Stalin bricht zusammen
Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet der sonst bis zur Paranoia misstrauische Stalin die Zeichen der Zeit nicht erkennt.
Aber der allmächtige sowjetische Diktator kann sich nicht vorstellen, dass Hitler und seine Generäle so verrückt wären, einen Zweifrontenkrieg zu wagen.
Zwar meldet der sowjetische Top-Spion Richard Sorge im Mai aus Japan, dass ein Angriff der Deutschen mit 150 Divisionen für den 20. Juni 1941 geplant sei. Und es ist auch bekannt, dass täglich bis zu vier Züge in die Aufmarschräume nach Polen fahren, um Wehrmachtseinheiten und Panzer in Stellung zu bringen.
Stalin findet die passende Erklärung: Der „Führer” wolle ihn mit dem Aufmarsch „nur einschüchtern”, um sich für kommende Verhandlungen eine bessere Ausgangsposition zu verschaffen.
Er wischt alle Warnungen und Hinweise als Manipulationsversuche und westliche Propaganda vom Tisch.
Seinen Militärs und Beratern droht er, „dass Köpfe rollen werden“, wenn sie ohne seine Erlaubnis Truppenbewegungen durchführen würden.
Als dann in den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 — wegen Mussolinis Südeuropa-Eskapaden mit 3 Monaten Verspätung — etwa 3,5 Millionen Soldaten der Deutschen Wehrmacht und verbündeter Truppen aus Italien, Ungarn, Finnland, Rumänien und der Slowakei auf sowjetisches Gebiet vordringen, ist Stalin völlig überrumpelt.
Die Divisionen der Roten Armee sind weder vorbereitet noch angemessen ausgerüstet und ausreichend mit Soldaten besetzt.
Stalin bricht zusammen.
Während Görings Bomber fast die komplette sowjetische Luftwaffe zerstören, weil ihre Flugzeuge ohne Tarnung auf den ungeschützten Flugfeldern vor den Hangars stehen, und die Bodentruppen der Roten Armee unter unermesslichem Blutzoll Kilometer für Kilometer zurückweichen müssen, ist „der Stählerne” untröstlich.
Und vor allem: unauffindbar.
Sogar für seine engsten Vertrauten.
Der Hitler-Stalin-Pakt 1939: Ein deutsch-sowjetisches Schmierenstück
Die Ouvertüre zu einem der fürchterlichsten und grausamsten Feldzüge der Menschheit hatte knapp zwei Jahre zuvor begonnen.
Am 24. August 1939 in Moskau Reichsaußenminister von Ribbentrop für Deutschland und der sowjetischen „Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten“ Molotow im Beisein Stalins den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt unterzeichnen.

Sowjetunion, August 1939, Stalin und Reichsaußenminister von Ribbentrop nach der Unterzeichnung des Nichtangriffspakts
Bild: Bundesarchiv, Bild 183-H27337/
Die Vorverhandlungen zum Nichtangriffspakt waren lang und zäh, doch als die deutsche Delegation zur Unterzeichnung per Flugzeug anreist, kommt ihr Besuch für’s sowjetische Protokoll trotzdem überraschend.
Man muss die Hakenkreuzfahnen für den gebührenden Empfang aus einem Filmstudio besorgen, in dem gerade ein Anti-Nazi-Film gedreht wird. Auf einigen Fahnen sind die Hakenkreuze spiegelverkehrt aufgenäht.
Im Pakt zwischen „Bestie” (Hitler über Stalin) und „Unmensch” (Stalin über Hitler) werden offiziell gegenseitige Neutralität im Kriegsfall und Konsultationen bei Meinungsverschiedenheiten vertraglich festgelegt.
Außerdem erhält Deutschland dringend (für die Aufrüstung) benötigte Rohstoffe.
Der eigentliche Zündstoff im Hitler-Stalin Pakt liegt im „Geheimen Zusatzprotokoll“.
In diesem Zusatzprotokoll grenzen beide Diktatoren ihre „Interessensphären in Osteuropa“ ab: Der Osten Europas wird zwischen der Sowjetunion und Großdeutschland aufgeteilt, souveräne Nationen wie Polen oder Finnland sollen für ihre imperialen Interessen von der Landkarte verschwinden.
Am Morgen danach fährt Stalin hochzufrieden in seine Datscha und prahlt vor führenden Genossen:
„Ich weiß, was Hitler im Schilde führt. Er glaubt, er ist schlauer als ich, aber in Wirklichkeit habe ich ihn überlistet.”
Stalin im August 1939
Mit dem Nichtangriffspakt will Stalin vor allem Zeit gewinnen.
Denn ihm ist bewusst, dass seine in der Zeit des großen Terrors „gesäuberte“ Rote Armee nicht in der Verfassung ist, einen Krieg gegen das hochgerüstete, vor Kraft strotzende Großdeutschland zu gewinnen.
Sein Plan ist, dass sich Deutsche, Briten und Franzosen einen Abnutzungskampf wie im Ersten Weltkrieg liefern und gegenseitig erschöpfen. Und die Sowjetunion am Ende als eigentliche und einzige Siegermacht aus dem Tumult hervorgeht.
Er hätte es besser wissen müssen.
Schließlich ist er einer der wenigen ausländischen Spitzenpolitiker, die Hitlers „Mein Kampf“ gelesen haben.
Stalins Krise 1941: Ein Diktator im Schockzustand
Die ersten Tage und Wochen von Hitlers „Unternehmen Barbarossa“ sind für die Wehrmacht außerordentlich erfolgreich: die deutschen Heeresgruppen durchbrechen eine sowjetische Verteidigungslinie nach der anderen, kesseln ganze Armeen ein und erobern in kurzer Zeit Hunderte Quadratkilometer sowjetischen Territoriums.
Zum ersten Mal wirkt Stalin, der „Woschd“ (Führer), verunsichert und ungewöhnlich still. Statt Entscheidungen zu treffen oder öffentlich aufzutreten, zieht er sich in seine Datscha zurück, nimmt keine Telefonate an und verweigert den Kontakt selbst zu engsten Mitarbeitern.
Später berichtet ein hochrangiger Parteifunktionär, Stalin habe in diesen Tagen schlicht nicht gewusst, was er dem Volk überhaupt sagen sollte.
Als eine Abordnung von Politbüro-Mitgliedern auftaucht, fürchtet er, verhaftet zu werden. Aber seine Befürchtungen sind unbegründet. Die Genossen drängen ihn stattdessen, wieder die Führung zu übernehmen und den Krieg zu organisieren.
Ein paradoxes Verhalten.
Schließlich hatte Stalin diese existentielle Katastrophe mit seiner Fehleinschätzung verursacht — und in den Jahren des „Großen Terrors“ viel Verwandten, Freunde und politischen Weggefährten dieser Männer verhaften und hinrichten lassen.
Stalins Hofstaat
Stalins System aus Angst, Loyalität, Intrigen und Gewalt, mit der er Funktionäre, Familie und Volk regiert.
Ein tolles Buch voller Details und einem faszinierenden Blick hinter die Mauern des Kremls und in die Abgründe der totalitären Macht des „roten Zaren“.
„Der Große Vaterländische Krieg”: Mobilisierung, Angst und noch mehr Terror
An Stelle des untergetauchten Stalin hatte Außenminister Molotow in der Zwischenzeit die sowjetische Bevölkerung über den Angriff der Deutschen informiert und zum Krieg gegen die „Faschisten“ aufgerufen.
Erstmals spricht er – in Anlehnung an den (siegreichen) Abwehrkrieg Russlands gegen Napoleon – vom „Vaterländischen Krieg“.

„Rotarmisten greifen an“ – sowjetische Soldaten im Kampf gegen die deutsche Wehrmacht während des Großen Vaterländischen Krieges 1941
Und tatsächlich vergessen die von Stalin und seinen Helfern terrorisierten, geknechteten und gequälten Russen das, was man ihnen in den Jahren der „Entkulakisierung” und der „großen Säuberung” angetan hat, und ziehen für ihn und ihre Heimat in einen fürchterlichen Krieg.
Ihr Blutzoll ist immens.
Denn viele kampferprobte Militärs waren während des großen Terrors „Säuberungen“ zum Opfer gefallen; ihren Nachfolgern fehlt es häufig an Mut, Know-how und Erfahrung.
Unendlich viele sowjetische Soldaten bezahlen Stalins Paranoia mit ihrem Leben.
Am 3. Juli 1941, gut zwei Wochen nach Kriegsbeginn, bricht Stalin sein Schweigen und spricht im Radio zu seinem Volk und seinen Truppen.
„Genossen! Bürger! Brüder und Schwestern! Kämpfer unserer Armee und Flotte, an Euch wende ich mich, meine Freunde.“
Radioansprache Stalins vom 3. Juli 1941
Stalins Ton hat sich geändert, seine Art der Problemlösung allerdings nicht.
Zwar sind Volk und Genossen jetzt „Freunde, Brüder und Schwestern“, doch der Terror geht weiter.
Denn mit Terror will Stalin seine sich ständig zurückziehende Rote Armee zum Kämpfen und zum Siegen zwingen.
Er lässt den Oberkommandierenden der Westfront und weitere Generäle erschießen — und verkündet, dass jeder Soldat, der in Kriegsgefangenschaft gerate, ein Verräter sei. Für diesen Verrat müssen seine Angehörigen büßen.
Hitlers Ziel vom „Lebensraum im Osten“
Trotz ihres erbitterten Krieges begegnen sich Hitler und Stalin mit einer merkwürdigen Mischung aus Hass, Respekt und gegenseitiger Faszination.
Joseph Goebbels notiert 1943 in seinem Tagebuch, Stalin sei in den Augen des „Führers” ein Genie des Asiatentums.
Stalin wiederum bezeichnet Hitler mehrfach als „Teufelskerl“. Seine Tochter Svetlana berichtet später sogar, ihr Vater habe den Zusammenbruch des Hitler-Stalin-Paktes bedauert: „Mit den Deutschen zusammen wären wir unbesiegbar gewesen“, soll er gesagt haben.
Die beiden Diktatoren verbindet mehr, als sie zugeben würden: ihr fanatischer Machtwille, grenzenlose Gewaltbereitschaft — und die Überzeugung, militärische Genies zu sein.
Ursprünglich hatte Hitler keinen Zweifrontenkrieg geplant.
In Mein Kampf schwadronierte er vom „Lebensraum im Osten“, die Sowjetunion und der Genozid an der osteuropäischen Bevölkerung war von Anfang an das eigentliche Ziel seines Krieges.
Zunächst hofft er auf Großbritannien als Bündnispartner gegen Stalin — und als das scheitert, auf Polen. Erst als sich beide Optionen nicht verwirklichen lassen, schließt er 1939 den Pakt mit dem sowjetischen Diktator.
Zunächst scheint Hitlers Plan aufzugehen: Ein Jahr nach Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes ist Polen zerschlagen, Frankreich besiegt und weltweit kämpfen nur noch die Briten mit König und Winston Churchill ihren einsamen Kampf gegen das „Dritte Reich” und seine Verbündeten.
Doch die Briten wehren sich zäher als erwartet und Göring kann sein vollmundiges Versprechen nicht halten, Großbritannien mit seiner Luftwaffe in nur wenigen Wochen zu einem „Kompromissfrieden” zu bomben.
Deshalb entschließt sich Hitler zu einem Strategiewechsel.
Denn die Wehrmacht braucht „Blitzkriege“ und „Blitzsiege“; auf langwierige Feldzüge wie die Luftschlacht um England ist man nicht eingestellt.
Hitler und Stalin: Zwei Diktatoren zwischen Größenwahn und Fehleinschätzung
Am 18. Dezember 1940 erteilt Hitler die Weisung, das „Unternehmen Barbarossa“ vorzubereiten — den Angriff auf ein Reich, das flächenmäßig 26-mal größer ist als Großbritannien.
Für den „Führer“ und viele seiner Generäle ist der Feldzug gegen die Sowjetunion ein kalkulierbares Risiko — die von Stalin zuvor „gesäuberte“ Rote Armee gilt als schwach und führungslos. Hitler spricht abfällig vom Krieg gegen Stalins Armeen als „Sandkastenspiel“ und hält die sowjetischen Streitkräfte für „nicht mehr als einen Witz“.
Vermutlich ist das der schwerste von vielen strategischen Fehlern, die das selbsternannte militärische Genie, Adolf Hitler, begeht.
Stalin und Hitler halten sich beide für besonders talentierte Militärstrategen — tatsächlich sind sowohl der sowjetische „Woschd“ wie auch der deutsche „Größte Feldherr aller Zeiten” — Gröfaz — mit der Führung ihrer Armeen heillos überfordert und gefährlich unfähig.
Beide Diktatoren greifen immer wieder dilettantisch in militärische Entscheidungen ein und opfern Hunderttausende Soldaten ihren ideologischen Vorstellungen und ihrem persönlichen Größenwahn.
Nach dem Krieg berichten sowjetische Marschälle, man habe zahlreiche Befehle Stalins heimlich ignoriert, weil sie militärisch unsinnig gewesen seien. Marschall Georgi Schukow wirft dem „Generalissimus“ nach dessen Tod sogar vor, zahllose Menschenleben leichtfertig geopfert zu haben.
Was wäre gewesen, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte?
Ein bedrückend realistischer Thriller über ein Europa unter nationalsozialistischer Herrschaft: Robert Harris entwirft eine Welt, in der Hitler den Krieg gewonnen hat und Großdeutschland vom Rhein bis zum Ural reicht.
Ein hochspannender Kriminalroman zwischen Fiction, Politikthriller und historischen Fakten.
Moskau in Panik: Lenins Leiche wird abtransportiert, Stalin bleibt
Nur drei Monate nach Beginn des deutschen Überfalls erreicht der Krieg die Hauptstadt der Sowjetunion.
Am 5. Oktober 1941 entdeckt ein sowjetisches Aufklärungsflugzeug eine deutsche Panzerkolonne nur noch rund 130 Kilometer vor Moskau entfernt. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer — und löst in der Hauptstadt blanke Panik aus.
Hohe Parteifunktionäre, Ministerien und ausländische Botschaften werden hektisch ins rund 800 Kilometer entfernte Kuibyschew (heute Samara) evakuiert. Selbst Lenins einbalsamierter Leichnam wird in einem gekühlten Eisenbahnwaggon abtransportiert.
Für die „einfachen“ Leute gilt diese Möglichkeit nicht.
Nach Stalins Willen sollen sie in Moskau bleiben, Schützengräben ausheben und Barrikaden errichten. Trotzdem versuchen Hunderttausende verzweifelte Moskauer, die letzten Züge Richtung Osten zu erreichen. Die Stimmung kippt: Wütende Menschen greifen flüchtende Funktionäre an, manche werden gelyncht. Geschäfte und verlassene Wohnungen werden geplündert.
Als Stalin vom deutschen Vormarsch erfährt, soll er in Tränen ausgebrochen sein.
Auch seine Flucht ist vorbereitet. Doch Stalin bleibt in Moskau — eine Entscheidung, die viele Historiker später als psychologisch entscheidenden Wendepunkt des Krieges bewerten.
Oktober 1941: Wie Schlamm, Matsch und der russische Winter Hitlers Blitzkrieg stoppen
Währenddessen marschiert die Wehrmacht scheinbar unaufhaltsam weiter in Richtung Moskau. Doch dann schlägt der russische Winter zu.
Ab Mitte Oktober 1941 setzt plötzlich der Herbstregen ein, die deutsche Invasion bleibt nach wochenlangem Vormarsch buchstäblich im Matsch vor Moskau stecken. Die hochgerüstete deutsche Wehrmacht ist gezwungen, auf Pferdewagen umzusteigen — der Wetterwechsel ist mächtiger als jede Armee.

Deutsche Soldaten versuchen im Herbst 1941 während des Vormarschs auf Moskau ein Fahrzeug aus dem Schlamm zu ziehen.
Bundesarchiv, Bild 146‑1981–149–34A / CC-BY-SA 3.0
Kurze Zeit später beginnt der gefürchtete russische Winter viel früher als gewöhnlich und sorgt dafür, dass nur wenige deutsche Einheiten im November 1941 die Außenbezirke Moskaus erreichen.
Zunächst wird der Wintereinbruch von vielen deutschen Generälen sogar begrüßt, denn auf dem gefrorenen Boden kommen Fahrzeuge und Truppen wieder voran.
Doch aus dem Vorteil wird schnell ein Albtraum: Bei Temperaturen von bis zu minus 52 Grad kämpfen viele deutsche Soldaten in Sommeruniformen — man hatte ja mit einem „Blitzsieg” gerechnet — plötzlich nicht mehr um den Sieg, sondern nur noch ums Überleben.

“Vormarsch unserer Truppen durch die Winterlandschaft vor Moskau. Die Wege sind gefroren und trotz der Kälte geht es leicht vorwärts.” (Originalzitat Kriegsbericht Cusian, 21.11.41)
Bundesarchiv 183-L20813 / Cusian, Albert / CC-BY-SA 3.0
Anfang Dezember 1941 werfen die Sowjets schließlich frische sibirische Eliteeinheiten in die Schlacht um Moskau — Soldaten, die für den Winterkrieg ausgebildet und hervorragend ausgerüstet sind.
Gleichzeitig mobilisiert die sowjetische Führung die gesamte Gesellschaft: Junge Frauen melden sich freiwillig zum Fronteinsatz, Jugendliche schuften täglich zwölf Stunden in den Rüstungsfabriken.
Die Gegenoffensive trifft die erschöpfte und halb erfrorene Wehrmacht mit voller Wucht.
Das deutsche Ostheer muss sich um fast 300 Kilometer zurückziehen und entgeht nur knapp einer vollständigen Katastrophe.
Der Mythos vom unbesiegbaren deutschen Blitzkrieg ist vor Moskau zerbrochen.
Stalingrad 1943: Die Kriegswende im Osten
Erst im späten Frühjahr 1942 gewinnt die Wehrmacht nach ihrer monatelangen unfreiwilligen „Winterpause“ vor Moskau wieder an Beweglichkeit.
Und Hitler, der mittlerweile selbst ernannte Oberbefehlshaber der Wehrmacht, trifft eine weitere folgenschwere Entscheidung: Statt den Angriff auf die sowjetische Hauptstadt fortzusetzen, ordnet er den „Fall Blau“ an — eine gigantische Offensive im Süden der Sowjetunion.
Ein Himmelfahrtskommando, denn die massive Offensive hat nicht ein, sondern zwei Ziele: die Eroberung der kaukasischen Ölfelder und die Zerschlagung der sowjetischen Rüstungsindustrie im Süden, vor allem die um und in Stalingrad.
Der Plan ist so wahnwitzig, dass niemand mit diesem Feldzug rechnet.
Die Offensive beginnt nach mehrmaligem Verschieben am 28. Juni 1942. Insgesamt sind 1,3 Millionen Soldaten beteiligt, darunter 300.000 verbündeter Nationen, hauptsächlich Rumänen und Italiener.
Auch diese Offensive scheitert.
Hitlers Kriegsstrategie führt zu einer riesigen Ausdehnung des besetzten Gebietes, die Frontlinien sind überdehnt, was die Versorgung der Truppe schwierig macht und die Kapazitäten an Menschen und Material erschöpft.
Man hat sich mit „Fall Blau“ übernommen und im Rausch des rassistisch untermauerten Größenwahns zu Tode gesiegt.
Im Januar 1943 vollendet sich die Katastrophe Stalingrad.
Die Schlacht um Stalingrad gilt als Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs zugunsten Stalins.
Der Mythos der „Unbesiegbarkeit” der deutschen Wehrmacht ist endgültig gebrochen. Nach Stalingrad treibt die Rote Armee die Deutschen nur noch in Richtung Westen.
Rund zwei Jahre später ist Hitler tot und Deutschland besiegt.
Stalinismus nach 1945: Das Morden geht weiter
Hitler ist tot, doch Stalins Terror geht weiter.
Zunächst führt er im Juni 1945 den Titel eines „Generalissimus der Sowjetunion“ als höchsten militärischen Rang ein und verleiht ihn sich selbst.
Zu Beginn des Jahres 1948 ordnet er eine weitere Säuberungswelle an, die sich dieses Mal hauptsächlich gegen Juden richtet, die als „Wurzellose Kosmopoliten“ denunziert werden. Die Kampagne führt zunächst zur Auflösung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees und erreicht ihren Höhepunkt in der so genannten Ärzteverschwörung.
In der Nacht vom 28. Februar zum 1. März 1953 erleidet Stalin einen Schlaganfall.
Aber weil sich keiner seiner Wachleute traut, sein Zimmer ohne Aufforderung zu betreten, liegt er fast 24 Stunden eingenässt und sprachlos auf dem Boden.
Nachdem er schließlich doch gefunden wurde, wird sein langes Sterben von Ärzten begleitet, die um ihr eigenes Leben zittern und sich aus Angst kaum trauen, seinen Puls zu fühlen.
Die besten Mediziner des Landes — meistens Juden, denen eine Beteiligung an der „Ärzteverschwörung” vorgeworfen wird — sitzen in Haft oder sind bereits tot.
An Stalins Sterbebett versammelt sich eine Entourage aus Polit-Kommissaren, die sich heftig um seine Nachfolge streiten. Sie alle sehnen seinen Tod herbei, um ihrer Absetzung oder Liquidation zu entgehen. Am 3. März 1953 ist Josef Stalin tot.
Stalins Kinder: Kontrolle, Angst und familiäre Tragödien
Wer war dieser „Stählerne”, der sein Leben damit verbrachte, Menschen zu terrorisieren und zu ermorden?
Seine Tochter Svetlana nennt Stalin liebevoll „mein kleiner Spatz“.
Als sich ihre Mutter Nadja 1932 erschießt, ist Svetlana gerade sechs Jahre alt. Ganz offensichtlich liebt er dieses Kind — „weil ich ihn an meine Mutter erinnert habe”, sagt Svetlana später.

Stalin mit seiner Tochter Svetlana 1935
Weniger gut geht es Stalins Söhnen.
Zu seinem ältesten Sohn Jakow aus erster Ehe hat er kaum Kontakt.
Jakows Mutter, die Schneiderin Ketewan Swanidse, stirbt kurz nach seiner Geburt an Fleckfieber. Als Jakow im Zweiten Weltkrieg in deutsche Kriegsgefangenschaft gerät, bieten die Deutschen nach der Niederlage von Stalingrad einen Austausch gegen Generalfeldmarschall Friedrich Paulus an.
Stalin lehnt ab.
Man tausche keinen einfachen Soldaten gegen einen General, erklärt er kalt. Jakow stirbt 1943 im Konzentrationslager Sachsenhausen.
Auch zu Sohn Wassili (1921–1962), Svetlanas älteren Bruder, hat Stalin ein eher unterkühltes Verhältnis. Wassili ist im 2. Weltkrieg ein erfolgreicher Pilot und macht Karriere, spricht aber genau wie sein Vater dem Alkohol zu und gilt als hochfahrend und unbeherrscht. Der Tod seines Vaters wirft ihn vollends aus der Bahn.
Doch selbst Svetlana entkommt dem zerstörerischen Einfluss ihres Vaters nicht.
Mit 17 verliebt sie sich in einen jüdischen Filmemacher, den Stalin daraufhin kurzerhand für zehn Jahre nach Sibirien verbannt. Jahrzehnte später bricht Svetlana endgültig mit dem Regime ihres Vaters: 1967 flieht sie spektakulär über Indien und die Schweiz in die USA.
„Er war ein ganz simpler Mann. Sehr grob, sehr gemein”, sagt sie über ihren Vater.
Sie will zeitlebens nichts mehr mit ihm zu tun haben — unter anderem, weil sie ihn für den Tod ihrer Mutter verantwortlich macht.
Stalins Erbe
Den Friedensnobelpreis, für den Stalin 1945 und 1948 nominiert wurde, hat er nie erhalten.
Mit seinem Nachfolger Nikita Chruschtschow beginnt eine vorsichtige Aufarbeitung der blutigen Stalin-Jahre; russische Menschenrechtsorganisationen wie Memorial (Friedensnobelpreis 2022) haben die Folgen der Stalin-Ära für die russische Gesellschaft untersucht und öffentlich gemacht.
Memorial ist mittlerweile in Russland verboten; Büros und Archive wurden überfallen und verwüstet.
In den Jahren der Putin-Ära wurde Stalin mehr und mehr rehabilitiert — und ist in der russischen Bevölkerung heute so populär wie lange Zeit nicht mehr.
Es scheint, als hätte die Welt Stalin noch nicht überwunden.
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Ihr Flüchtlinge! Flucht und Vertreibung 1944 — 1950
Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de 2014, überarbeitet 2026
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Bildnachweise
Sowjetunion, August 1939, Im Moskauer Kreml wird am 23.8.1939 ein Nichtangriffsvertrag zwischen dem deutschen Reich und der UdSSR unterzeichnet. Nach der Unterzeichnung im Gespräch J.W. Stalin und der deutsche Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop (r.), Bundesarchiv, Bild 183-H27337/ CC-BY-SA 3.0
Max Alpert / Макс Альперт, Source: RIA Novosti archive, image #613474, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.
Sowjetunion — Infanterie-Soldaten ziehen Auto aus dem Schlamm, Depicted place Russia, Date November 1941 Bundesarchiv, Bild 146‑1981-149–34A / CC-BY-SA 3.0, Fotograf unbekannt.
Bei Targowi Sawod, November 1941: “Vormarsch unserer Truppen durch die Winterlandschaft vor Moskau. Die Wege sind gefroren und trotz der Kälte geht es leicht vorwärts.” (Kriegsberichter Cusian, 21.11.41), Bundesarchiv, Bild 183-L20813 / Albert Cusian / CC-BY-SA 3.0.
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Dr. Susanne Gebert
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Ein sehr guter, knapper und präziser, geschichtlicher Abriss, der die
Grausamkeit der damaligen Zeit beschreibt. Manches erinnert heute
an das, was gerade wieder in der Ukraine geschieht. Man könnte fast
Angst bekommen!
So ist es, lieber Gerd!