Wer war eigentlich „Stalin“? (2)

Sta­lin und Dimitrow (rechts) in Mos­kau (1936), Gemein­frei


Lenins „Mann fürs Gro­be“ ist ihm am Ende doch zu grob. In sei­nem poli­ti­schen Tes­ta­ment emp­fiehlt der Begrün­der und ers­te Regie­rungs­chef Sowjet­russ­lands  drin­gend, Sta­lin als all­mäch­ti­gen Gene­ral­se­kre­tär der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Russ­lands abzu­lö­sen und einen ande­ren an sei­ne Stel­le zu set­zen.
Lenins Sin­nes­wan­del kommt zu spät.

Sta­lin ist grob und unbe­herrscht. Es kann durch­aus vor­kom­men, dass er mit­ten im Gespräch aus Ärger den Kopf eines Mit­ar­bei­ters packt und auf die Tisch­plat­te knallt — und kur­ze Zeit spä­ter mit sei­ner schö­nen Stim­me ein Lied anstimmt.

Das selt­sa­me Tem­pe­ra­ment sei­nes “präch­ti­gen Geor­gi­ers” war auch Lenin auf­ge­fal­len und nach und nach hat­te er sei­ne Mei­nung über sei­nen poten­zi­el­len Nach­fol­ger grund­le­gend geän­dert und in sei­nem poli­ti­schen Tes­ta­ment an sei­ne Nach­welt wei­ter­ge­ge­ben:

„Sta­lin ist zu grob, und die­ser Feh­ler, der in unse­rer Mit­te und im Ver­kehr zwi­schen uns Kom­mu­nis­ten erträg­lich ist, kann in der Funk­ti­on des Gene­ral­se­kre­tärs nicht gedul­det wer­den. Des­halb schla­ge ich den Genos­sen vor, sich zu über­le­gen, wie man Sta­lin ablö­sen könn­te, und jemand ande­ren an die­se Stel­le zu set­zen, der sich in jeder Hin­sicht von dem Genos­sen Sta­lin nur durch einen Vor­zug unter­schei­det, näm­lich dadurch, daß er tole­ran­ter, loya­ler, höf­li­cher und den Genos­sen gegen­über auf­merk­sa­mer, weni­ger lau­nen­haft usw. ist.“
Wla­di­mir Iljitsch Lenin, Brief an die KPDSU (Nach­schrift vom 4. Janu­ar 1923)

Doch es ist zu spät.

Das mensch­lich und poli­tisch desas­trö­se Urteil sei­nes lang­jäh­ri­gen Weg- und Kampf­ge­fähr­ten scha­det Sta­lin nicht. Das Tes­ta­ment Lenins wird zwar bekannt, kann aber her­un­ter­ge­spielt wer­den.

Der geor­gi­sche Schus­ter­sohn Josef Sta­lin schal­tet nach Lenins Tod poli­ti­sche Geg­ner und ehe­ma­li­ge Gefolgs­leu­te aus und reißt die Macht in der Sowjet­uni­on an sich.

Vom Generalsekretär zum Sowjet-Zar

Trotzki

Published by Cen­tu­ry Co, NY, 1921 — File:Lev Trotsky.jpg


Als einer der Ers­ten ist Sta­lins größ­ter Wider­sa­cher Leo Trotz­ki an der Rei­he, den Lenin für den fähi­ge­ren Mann hielt – aller­dings habe der ein über­stei­ger­tes Selbst­be­wusst­sein und ihm feh­le der rich­ti­ge Biss, so Lenins Urteil.

Jetzt, nach Lenins Tod, beginnt Sta­lin mit dem gro­ßen Auf­räu­men: Ende 1927 wird Trotz­ki aus der Par­tei aus­ge­schlos­sen, spä­ter ins Exil gedrängt, wo er 1940 einem mexi­ka­ni­schen Eis­pi­ckel zum Opfer fällt.

Aber auch alte Weg­be­glei­ter und „Freun­de“ Sta­lins kön­nen sich ihrer Ämter und ihres Lebens nicht sicher sein: Ehe­mals enge Ver­bün­de­te, bei­spiels­wei­se lang­jäh­ri­ge Kampf­ge­fähr­ten wie Kamenew oder der Kom­in­tern-Füh­rer Sino­wjew, die Sta­lin noch aus vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Zei­ten kennt, ver­lie­ren erst ihre Pos­ten und dann ihre Par­tei­mit­glied­schaft.
Ab 1936 auch ihr Leben.

Ab etwa 1927 sind alle Kon­kur­ren­ten und Kri­ti­ker besei­tigt und Sta­lin ist unein­ge­schränk­ter Allein­herr­scher der Sowjet­uni­on. Ein offi­zi­el­les Staats­amt hat er nach wie vor nicht, er ist “nur”  Gene­ral­se­kre­tär der sowje­ti­schen KP.

Aber das reicht ihm.
Ab 1929 lässt er sich offi­zi­ell als „Woschd“ (Füh­rer) titu­lie­ren.


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Ikonen und Kakerlaken

Die Rück­stän­dig­keit der Indus­trie im Ver­gleich zu ande­ren Natio­nen ist gewal­tig und eines der größ­ten Pro­ble­me der noch jun­gen Sowjet­uni­on.

Wie die indus­tri­el­le Auf­hol­jagd gelin­gen soll und das Rie­sen­reich vom rück­stän­di­gen Agrar­staat in eine moder­ne Indus­trie­na­ti­on umge­wan­delt wer­den kann, ist unklar.

Man strei­tet sich.
Die Befür­wor­ter der „gene­ti­schen Sicht“ wol­len zwar die Plan­wirt­schaft, doch die Plä­ne sind eher gemä­ßigt und sol­len auf rea­len Gege­ben­hei­ten und Fak­ten basie­ren, also sich am „Ist-Zustand“ ori­en­tie­ren.

Im Gegen­satz dazu sehen die Anhän­ger der „teleo­lo­gi­schen Sicht“ im Plan ein for­men­des und struk­tu­rie­ren­des Ele­ment; der Plan ist das „Soll“, das wün­schens­wert ist, weit­ge­hend unab­hän­gig davon, was tat­säch­lich erfüll­bar ist.

„Kom­mu­nis­mus sei Sowjet­macht plus Elek­tri­fi­zie­rung.“
Wla­di­mir Iljitsch Lenin, 1920

Sta­lin ent­schei­det sich nach eini­gem Hin und Her für die „teleo­lo­gi­sche Sicht“, für den Fünf­jah­res­plan, der ambi­tio­nier­te Zie­le vor­gibt, ohne sich all­zu­sehr um ihre Umsetz­bar­keit zu sche­ren.

Wir ver­trei­ben die Kula­ken aus den Kol­cho­sen“ (Pro­pa­gan­da­pla­kat aus dem Jahr 1930), Von Unbe­kannt, Gemein­frei

Sei­ne bra­chia­le Indus­tria­li­sie­rungs­po­li­tik, der Mil­lio­nen Men­schen zum Opfer fal­len wer­den, beginnt mit dem ers­ten Fünf­jah­res­plan, der von 1928 bis 1933 gül­tig ist.

Bis zu die­sem Zeit­punkt hat­te die Füh­rungs­rie­ge der Sowjet­uni­on eine als „NEP“ bekann­te, rela­tiv libe­ra­le Wirt­schafts­po­li­tik ver­folgt: Zwar waren Schwer­indus­trie, Trans­port­we­sen, Ban­ken, Groß- und der Außen­han­del ver­staat­licht, doch Land­wirt­schaft, Ein­zel­han­del und Dienst­leis­tun­gen lagen nach wie vor in pri­va­ten Hän­den.

Es sind die Bau­ern, die den Tri­but zah­len müs­sen.

Man­gels Kolo­ni­en, die aus­ge­beu­tet wer­den könn­ten, sol­len sie den „gro­ßen Umbruch“ leis­ten. Die dörf­li­che Gemein­schaft, in der kurz nach der Revo­lu­ti­on noch über Drei­vier­tel der Bevöl­ke­rung lebt, ist für die Bol­sche­wi­ki sowie­so eine gefähr­li­che „ter­ra inco­gni­ta“ und damit ein Dorn in ihrem Auge – die kom­mu­nis­ti­sche Basis lebt in den Städ­ten, nicht auf dem Land.

Das Dorf ist Sinn­bild des „alten“ Russ­land mit einer spe­zi­fi­schen Mischung aus Glau­ben und Aber­glau­ben, Analpha­be­tis­mus und Alko­hol.

Iko­nen und Kaker­la­ken“ hat es Trotz­ki ein­mal for­mu­liert.

Bau des Ost­see-Weiß­meer-Kanals. Auf die­ser Groß­bau­stel­le wur­den auch Son­der­sied­ler als Zwangs­ar­bei­ter ein­ge­setzt. (1932) Gemein­frei

Die „Kula­ken“ (Eigent­lich: Faust, im über­tra­ge­nen Sinn: Wuche­rer), also wohl­ha­ben­de Bau­ern, sind zunächst in der Pro­pa­gan­da, kur­ze Zeit spä­ter aber auch sehr real das neue Feind­bild der roten Macht­ha­ber: Bereits ab 1927 lei­den sie unter Repres­sio­nen, müs­sen höhe­re Steu­ern zah­len und bekom­men plötz­lich weder Kre­di­te noch Gerä­te.

Wer als „Kulak“ galt, war eine Fra­ge der Defi­ni­ti­on, und die ändert sich im Lau­fe der Zeit. Ursprüng­lich gemeint waren die soge­nann­ten „Mit­tel­bau­ern“ – 1919 gehört dazu, wer zwei Häu­ser mit Blech­dach, mehr als fünf Kühe oder Pfer­de oder mehr als 20 Scha­fe besitzt. Im Jahr 1932 reicht es aus, einen Knecht oder Tage­löh­ner zu beschäf­ti­gen, um ver­däch­tig zu sein. Manch­mal ist es auch schon gefähr­lich, eine Kuh zu besit­zen.

Um nicht mehr als „Kulak“ zu gel­ten, ver­rin­gern vie­le Bau­ern ihre Anbau­flä­chen und Vieh­be­stän­de. Und da die staat­lich fest­ge­leg­ten Ankauf­prei­se gering sind, wer­den Agrar­er­zeug­nis­se lie­ber auf dem Schwarz­markt ver­kauft oder selbst ver­braucht.
Schon bald feh­len in den Städ­ten Nah­rungs­mit­tel.

Das erzürnt den „Woschd“ und sein Gefol­ge, die eigen­nüt­zi­gen Land­wir­ten wer­den per Defi­ni­ti­on zu Sabo­teu­ren und Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren erklärt.


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Millionen Tote: Die „Entkulakisierung“

Am 1. Febru­ar 1930 wird per Gesetz die Ent­eig­nung der „Kula­ken” ange­ord­net.

Ihr Besitz wird requi­riert, sie selbst sol­len in den neu geschaf­fe­nen Kol­cho­sen arbei­ten.
Jeder Bau­er, der pas­si­ven oder akti­ven Wider­stand leis­tet, Getrei­de ver­steckt oder ver­gräbt, ist zu erschie­ßen oder in ein Lager ein­zu­wei­sen, lau­tet eine Order des Polit­bü­ros an alle loka­len Par­tei­ko­mi­tees.

Aus den Städ­ten wer­den „Arbeiterbrigaden“geschickt. Zehn­tau­sen­de meist jun­ge und über­zeug­te Kom­mu­nis­ten fal­len in die Dör­fer ein, ent­eig­nen inner­halb weni­ger Wochen zehn Mil­lio­nen Höfe und sie­deln über 2,5 Mil­lio­nen Men­schen um.

Das gibt der rus­si­schen Land­wirt­schaft den Rest. Die im fer­nen Mos­kau ange­ord­ne­te Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung stellt die tra­di­tio­nel­le bäu­er­li­che Gemein­schaft von den Füßen auf den Kopf; Dorf­struk­tu­ren wer­den zer­stört und ehe­mals frei wirt­schaf­ten­de Bau­ern zu Tage­löh­nern degra­diert – es gibt Unru­hen und Angrif­fe auf staat­li­che Emis­sä­re.

Min­des­tens zwei Mil­lio­nen „Kula­ken“ wer­den von Geheim­po­li­zei und Armee nach Zen­tral­asi­en und Sibi­ri­en depor­tiert, Hun­dert­tau­sen­de ster­ben an Hun­ger, Ent­kräf­tung und Seu­chen.

Die neu geschaf­fe­nen Zwangs­kol­lek­ti­ve arbei­ten schlecht, die Pro­duk­ti­ons­zah­len sin­ken.
In den Jah­ren von 1932 bis 1934 folgt der Kata­stro­phe die nächs­te Kata­stro­phe: Nach meh­re­ren Miss­ern­ten bricht eine Hun­ger­ka­ta­stro­phe aus, der Mil­lio­nen Men­schen zum Opfer fal­len.

Am schlimms­ten trifft es die Ukrai­ne, wo rund 3,5 Mil­lio­nen Men­schen ster­ben.

Kulaken2

Die Opfer des Hun­gers. Fuß­gän­ger und Lei­chen ver­hun­ger­ter Bau­ern auf einer Stra­ße in Char­kiw, 1933 (Bild: Gareth Jones). Foto aus der Samm­lung von Kar­di­nal Theo­do­re Innit­sy­ra (Archiv der Diö­ze­se Wien). Basil Maroch­ko (Insti­tut für Geschich­te der Ukrai­ne), Von Alex­an­der Wie­ner­ber­ger, Gemein­frei

Für Sta­lin sind die Ukrai­ner an ihrem Elend selbst schuld.
Er lässt die Gren­zen zu ande­ren Sowjet­re­pu­bli­ken schlie­ßen, nie­mand darf dem Hun­ger ent­flie­hen. Dör­fer, die ihr Abga­be­soll für Getrei­de nicht erfül­len kön­nen, wer­den abge­schot­tet, Flucht vor dem Hun­ger ist aus­ge­schlos­sen.

Holo­do­mor (ukrai­nisch Holo, Hun­ger; mor, Ver­til­gung) ist das ukrai­ni­sche Wort für eine der größ­ten Kata­stro­phen in der Geschich­te der Ukrai­ne.

„Wer nicht arbei­tet, soll nicht essen.“
Sta­lin

Jedem, der es wagt, wider­spens­tig zu sein, wird in der Sowjet­uni­on eine fürch­ter­li­che Lek­ti­on erteilt.

Mit den hun­gern­den Bau­ern, eine Art „inne­rer Kolo­nie“ (die ein­zi­ge Kolo­nie der Sowjet­uni­on, die aus­ge­beu­tet wer­den kann, ande­re gibt es nicht) geht aller­dings auch sein Plan auf, die Sowjet­uni­on so schnell wie mög­lich zu indus­tria­li­sie­ren.

Denn “sein” Reich ist eines der rück­stän­digs­ten welt­weit und das Mor­den für den Fort­schritt scheint eine unum­gäng­li­che Not­wen­dig­keit zu sein.

Im Jahr 1931 ver­kün­det er pro­phe­tisch:

„Wir sind hin­ter den fort­ge­schrit­te­nen Län­dern um 50 bis 100 Jah­re zurück­ge­blie­ben.
Wir müs­sen die­se Lücke in zehn Jah­ren schlie­ßen … oder wir wer­den zer­malmt.“
Sta­lin, 1931

Die Zahl der pro­du­zier­ten Kraft­fahr­zeu­ge steigt von 1929 mit 2500 Fahr­zeu­gen auf 200.000 Fahr­zeu­ge im Jahr 1937.

Massenmord zum Vergnügen?
Der große Terror

Das größ­te Ver­gnü­gen” , hat­te Sta­lin ein­mal zu sei­nem „Freund“ Kamenew gesagt, den er zusam­men mit Sino­wjew 1936 hin­rich­ten lässt, „ist es, den Feind aus­zu­ma­chen, alle Vor­be­rei­tun­gen zu tref­fen und dann ins Bett zu gehen.

Ist das mil­lio­nen­fa­che grau­sa­me Mor­den in der Zeit der „Ent­ku­la­ki­sie­rung“ sehr müh­sam, aber doch noch eini­ger­ma­ßen mit der Not­wen­dig­keit einer for­cier­ten Indus­tria­li­sie­rung ratio­nal begründ­bar, so ver­schlägt es His­to­ri­kern ange­sichts der 1936 begin­nen­den Sta­li­nis­ti­schen Säu­be­run­gen die Spra­che.


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Aus­lö­ser für die Pha­se des „gro­ßen Ter­rors“ ist die Ermor­dung des Lenin­gra­der Par­tei­se­kre­tärs Ser­gei Kirow im Jahr 1934, von der Sta­lins Nach­fol­ger Niki­ta Chruscht­schow spä­ter – ohne es zu bewei­sen – behaup­tet, Sta­lin habe sie selbst ange­ord­net.

Ob von ihm selbst befoh­len oder nicht, der „Woschd“ nimmt den Mord an sei­nem Par­tei­freund zum Anlass, um mit dem „Gesetz vom 1. Dezem­ber“ umge­hend Not­stand­maß­nah­men zu erlas­sen, die es ermög­li­chen, ech­te oder ver­meint­li­che Geg­ner zu ver­haf­ten und zu bestra­fen – bis hin zur Erschie­ßung.
Die­se Mög­lich­kei­ten wer­den in den Mona­ten des Gro­ßen Ter­rors aus­gie­big genutzt.

Nach­voll­zieh­ba­re Grün­de für den „gro­ßen Ter­ror“ gibt es nicht.
In den Jah­ren von 1936 bis 1939 wer­den knapp ein Pro­zent aller Sowjet­bür­ger
– ins­ge­samt 1,5 Mil­lio­nen Men­schen – ver­haf­tet, gefol­tert und vie­le von ihnen ermor­det.

1937 und 1938 gibt die Zen­tra­le in Mos­kau Quo­ten vor: Doku­men­tiert ist bei­spiels­wei­se ein Befehl Sta­lins vom 30. Juli 1937, gemäß dem min­des­tens 79 950 „ehe­ma­li­ge Kula­ken, Kri­mi­nel­le und ande­re anti­so­wje­ti­sche Ele­men­te” zu erschie­ßen und 193 000 zu acht- bis zehn­jäh­ri­ger Lager­haft zu ver­ur­tei­len sei­en.

Die NKWD-Büros vor Ort such­ten dar­auf­hin in ihren Akten nach pas­sen­den Kan­di­da­ten, die dann ver­haf­tet und gefol­tert wur­den, um Geständ­nis­se und wei­te­re Namen zu lie­fern.
Eine Troi­ka aus dem ört­li­chen NKWD-Chef, dem ört­li­chen Par­tei­chef und einem Staats­an­walt fäll­te die Todes­ur­tei­le. Die Exe­ku­tio­nen fan­den immer nachts statt, oft weit­ab im Wald.
Zwei Mann hiel­ten den Gefan­ge­nen fest, ein drit­ter schoss ihm ins Genick.

Das “Warum” des Roten Zaren

Nach und nach wird fast die gesam­te poli­ti­sche, intel­lek­tu­el­le, wirt­schaft­li­che und mili­tä­ri­sche Eli­te der Sowjet­uni­on aus­ge­löscht. Fast alle Revo­lu­tio­nä­re, die sich 1917 als Bol­sche­wi­ki an die Macht geputscht hat­ten, wer­den umge­bracht

Aber auch Hun­dert­tau­sen­de sons­ti­ger „Volks­fein­de“ müs­sen ster­ben oder wer­den depor­tiert. Unter Fol­ter und in Schau­pro­zes­sen wer­den Geständ­nis­se erpresst, das Sze­na­rio einer rie­si­gen Kon­ter­re­vo­lu­ti­on im Bund mit Trotz­ki, Eng­land oder Adolf Hit­ler wird als Recht­fer­ti­gung insze­niert.

Aber war­um?

„Wir müs­sen uns Sta­lin als einen glück­li­chen Men­schen vor­stel­len,
der sich an den See­len­qua­len sei­ner Opfer erfreu­te.”
Jörg Babe­row­ski, “Ver­brann­te Erde”

 „Manch­mal haben wir, wenn wir von den Gräu­el­ta­ten der Geschich­te hören, den Ein­druck, die ide­el­len Moti­ve hät­ten den destruk­ti­ven Gelüs­ten nur als Vor­wand gedient“. for­mu­liert es Sig­mund Freud.

Für Babe­row­ski sind zumin­dest bei Sta­lin alle Kri­te­ri­en der Psy­cho­pa­thie klar erfüllt: Gefühls­käl­te, Gewis­sen­lo­sig­keit, ein mani­pu­la­ti­ves Ver­hält­nis zur Umwelt und die Unfä­hig­keit, Reue oder Mit­ge­fühl mit ande­ren Men­schen zu emp­fin­den.

Die Tra­gik jener Zeit ist, dass Sta­lin so han­deln konn­te, wie er es für rich­tig hielt.

Größ­ten­teils unwi­der­spro­chen, denn auch für vie­le Intel­lek­tu­el­le jener Tage blieb er trotz aller offen­kun­di­gen Grau­sam­kei­ten ein Held: Lion Feucht­wan­ger, Ernst Bloch, Hein­rich Mann oder auch Dashiell Ham­mett recht­fer­tig­ten die Mos­kau­er Schau­pro­zes­se und ver­klär­ten die UDSSR zum Reich der Ver­nunft.

Für sie wie für vie­le ande­re bedeu­tet Sta­lin das Boll­werk gegen einen noch grö­ße­ren Psy­cho­pa­then, der die Welt zu die­ser Zeit in Atem hielt: Adolf Hit­ler.

Lesen Sie im drit­ten Teil: Es ist ein Trep­pen­witz der Geschich­te, dass aus­ge­rech­net der sonst bis an die Gren­ze zur Para­noia miss­traui­sche Sta­lin die Zei­chen der Zeit nicht erkennt: Ab März 1941 berich­ten immer mehr sowje­ti­sche Spio­ne von einem nicht enden wol­len­den Strom deut­scher Trup­pen, die Rich­tung Osten mar­schie­ren. Doch Sta­lin wie­gelt ab, er kann sich nicht vor­stel­len, dass Hit­ler und sei­ne Gene­rä­le einen Zwei­fron­ten­krieg wagen wür­den und droht, dass Köp­fe rol­len wer­den, falls ohne sei­ne Erlaub­nis die Rote Armee in Marsch gesetzt wird.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil3

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2014 (über­ar­bei­tet 2018)


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Der His­to­ri­ker Jörg Babe­row­ski über Sta­lins Gewalt­herr­schaft und die sinn­lo­sen Ver­bre­chen im Namen von Sozia­lis­mus und Fort­schritt. Prä­di­kat: Sehr lesens­wert! Jörg Babe­row­ski:Ver­brann­te Erde. Sta­lins Herr­schaft der Gewalt*, Fischer Taschen­buch Ver­lag, 2014


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Der All­tag, die Men­schen, Hin­ter­grün­de und Abgrün­de der unter­ge­gan­ge­nen UDSSR span­nend beschrie­ben. Ein Buch, das man nur schwer aus der Hand legt, UND die Welt nach der Lek­tü­re bes­ser ver­steht. Karl Schlö­gel, Das sowje­ti­sche Jahr­hun­dert: Archäo­lo­gie einer unter­ge­gan­ge­nen Welt*, C.H.Beck Ver­lag, 2018

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Wei­ter­füh­ren­de Links zum The­ma:


Sta­lin I: Ios­seb Wis­sa­ri­o­no­witsch Dschu­gaschwi­li, genannt Sta­lin, gilt neben Adolf Hit­ler als einer der grau­sams­ten Dik­ta­to­ren in der Geschich­te der Mensch­heit.
Als Lenins „Mann fürs Gro­be“ beginnt er sei­ne Kar­rie­re mit Intel­li­genz und Skru­pel­lo­sig­keit. Durch men­schen­ver­ach­ten­de Här­te wird er ab 1924 zum all­mäch­ti­gen KP-Gene­ral­se­kre­tär — und zum gefürch­te­ten Allein­herr­scher über die Sowjet­uni­on.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil 1


Hit­ler oder Sta­lin? Im Som­mer 1936 trifft die Welt zwei Mal auf­ein­an­der: Bei der Olym­pia­de in Ber­lin und auf den Schlacht­fel­dern des Bür­ger­kriegs in Spa­ni­en. Ein Jahr, das ver­hei­ßungs­voll und mit der Hoff­nung begon­nen hat, den Hit­ler-Irr­sinn end­lich gemein­sam stop­pen zu kön­nen, endet in einem Rausch aus Blut und Ter­ror.
1936: Das Jahr des Schei­terns


Hit­lers Anhän­ger: Was begeis­ter­te Mil­lio­nen Men­schen an Adolf Hit­ler, war­um folg­ten sie ihm bis in den Unter­gang? Ging es tat­säch­lich nur um Arbeit und Volks­ge­mein­schaft — oder steckt mehr hin­ter dem “Phä­no­men Hit­ler”?
Die Erlaub­nis zu has­sen


Sta­lin in Deutsch­land: 1923. Fünf Jah­re sind seit dem Ende des Welt­krie­ges ver­gan­gen, aber Deutsch­land kommt nicht zur Ruhe. In Ham­burg üben die Kom­mu­nis­ten Welt­re­vo­lu­ti­on und für weni­ge Stun­den gibt es eine „Sowjet­re­pu­blik Stor­marn“. Ernst Thäl­mann, Ham­burgs cha­ris­ma­ti­scher KPD-Füh­rer, bringt sich für sei­ne wei­te­re Kar­rie­re in Stel­lung, Sta­lin und Hit­ler mischen auch mit.
Ham­burg auf den Bar­ri­ka­den

Das Ende der Repu­blik: Die letz­ten frei­en Wah­len am 6. Novem­ber 1932 besie­geln das Schick­sal der Deut­schen. Es ist aber nicht das Wäh­ler­vo­tum, das den roten Tep­pich für Adolf Hit­ler aus­rollt, son­dern das kata­stro­pha­le Agie­ren von mehr oder min­der demo­kra­ti­schen Poli­ti­kern, die mit einer Mischung aus Igno­ranz, Dumm­heit und Selbst­sucht die ers­te Demo­kra­tie auf deut­schem Boden gegen die Wand fah­ren.
1932- das Ende der Repu­blik. Brü­ning: Der Hun­ger­kanz­ler


Das Genera­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert


Sta­lin und der sadis­ti­sche Macho-Kult des Tötens. Über das Buch „Ver­brann­te Erde“ von Jörg Babe­row­ski, Pro­fes­sor für Ost­eu­ro-päi­sche Geschich­te an der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät
https://www.welt.de/kultur/history/article13885068/Stalin-und-der-sadistische-Macho-Kult-des-Toetens.html


Stil­le Ver­nich­tung. Zum Geden­ken an Mil­lio­nen Hun­ger­to­de in der Ukrai­ne
https://www.zeit.de/2008/48/A-Holodomor


Durch Mord zum Sieg. Zum 50. Todes­tag von Josef Sta­lin
https://www.zeit.de/2003/11/A-Stalin_II/seite-1


 Wir müssten das alles mal aufschreiben  Die Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en bringt seit 2012 Lebens-. Fami­li­en- und Unter­neh­mens­bio­gra­fi­en als Bild­bio­gra­phi­en ins Buch und bie­tet außer­dem einen Ghost­wri­ting-Ser­vice mit den Schwer­punk­ten Geschich­te und Psy­cho­lo­gie an.
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:Bild­nach­wei­se:

1) Sta­lin und Dimitrow (rechts) in Mos­kau (1936), Gemein­frei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=116040
2) Trotz­ki: commons.wikimedia.org/ Published by Cen­tu­ry Co, NY, 1921 — File:Lev Trotsky.jpg

3) „Wir ver­trei­ben die Kula­ken aus den Kol­cho­sen“ (Pro­pa­gan­da­pla­kat aus dem Jahr 1930), Von Unbe­kannt — https://www.historywiz.com/reasons.htm, Gemein­frei
4) Bau des Ost­see-Weiß­meer-Kanals. Auf die­ser Groß­bau­stel­le wur­den auch Son­der­sied­ler als Zwangs­ar­bei­ter ein­ge­setzt. (1932) Gemein­frei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1319012
4) Die Opfer des Hun­gers. Fuß­gän­ger und Lei­chen ver­hun­ger­ter Bau­ern auf einer Stra­ße in Char­kiw, 1933 (Bild: Gareth Jones). Foto aus der Samm­lung von Kar­di­nal Theo­do­re Innit­sy­ra (Archiv der Diö­ze­se Wien). Basil Maroch­ko (Insti­tut für Geschich­te der Ukrai­ne), Von Alex­an­der Wie­ner­ber­ger — [1] [2], Gemein­frei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3120021
5) Teil­an­sicht einer Gedenk­ta­fel mit Fotos von Opfern des Gro­ßen Ter­rors, die auf dem NKWD-Schieß­platz in Buto­wo bei Mos­kau erschos­sen wur­den, A.Bocharov

 

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