1932 – Das Ende der Republik. Brüning, der Hungerkanzler

Die Not unserer Zeit! Arbeitslose Hafenarbeiter auf Abruf bei der Straßen-Arbeitsvermittlung am Baumwall, Hamburg, 1931. Von Bundesarchiv, Bild 102-11008 / CC-BY-SA 3.0

Die letzten freien Wahlen am 6. November 1932 besiegeln das Schicksal der Deutschen. Es ist aber nicht das Wählervotum, das den roten Teppich für Adolf Hitler ausrollt, sondern das katastrophale Agieren von mehr oder minder demokratischen Politikern, die mit einer Mischung aus Ignoranz, Dummheit und Selbstsucht die erste Demokratie auf deutschem Boden gegen die Wand fahren. Brüning, Papen, von Schleicher, Paul von Hindenburg und Oskar von Hindenburg, der „in der Verfassung nicht vorgesehene Sohn des Reichspräsidenten“ sind die eigentlichen Wegbereiter der „Machtergreifung“ im Jahr 1933.

Die Ursachen der politischen Krise: Aktien und Konsum auf Pump: Jetzt kaufen, später zahlen – Die Goldfalle – Niedrige Zinssätze mit explosiver Wirkung – Vom Börsenkrach zur Weltwirtschaftskrise – Vom Ansturm der Sparer in den Abgrund
Der „Schwarze Freitag“: Vom Börsenkrach zur Weltwirtschaftskrise

Die letzten freien Wahlen zum Reichstag am 6. November 1932 hätten der Anfang vom Ende des braunen Spuks in Deutschland sein können.
Die NSDAP ist nach dieser Wahl pleite, zerstritten und hat – das erste Mal seit zwei Jahren – Wählerstimmen eingebüßt: Ein Minus von 4,2 Prozent Stimmen hat sie eingefahren, das bedeutet 34 Sitze weniger im Reichstag.
Statt 230 Abgeordnete stellt sie jetzt „nur“ noch 196.

„Schlappe“ notiert Goebbels nach der Reichstagswahl frustriert in sein Tagebuch, „Abwärts mit Hitler“ jubelt die SPD-Parteizeitung Vorwärts. Die Deutsche Allgemeine Zeitung sieht im Ergebnis eine „politische Mahnung an die Nationalsozialisten, weil der Zauber der Unwiderstehlichkeit gebrochen“ sei.

Vor dem 6. November 1932 hatte es noch eine rechnerische Möglichkeit für eine Regierungskoalition aus NSDAP, BVP (Bayerische Volkspartei) und Zentrum gegeben, diese Option ist jetzt verloren. Der Nimbus der NSDAP als „unbesiegbar“ scheint Ende 1932 gebrochen zu sein und es sieht nicht mehr danach aus, dass Adolf Hitler in Deutschland legal an die Macht kommen könnte. Viele Menschen atmen auf.

Die NSDAP: Von „ferner liefen“ zur zweitstärksten Fraktion

Nichts fürchtet Adolf Hitler so sehr wie einen möglichen Absturz seiner Partei in die Bedeutungslosigkeit.

Die „Wilden Zwanziger Jahre“ von 1924 bis 1929, in denen es für die Deutschen wirtschaftlich, aber auch außenpolitisch aufwärts geht, waren eine schwierige Zeit für ihn und „seine“ Partei. Die NSDAP ist in dieser Zeit nicht mehr als eine von vielen kleinen Splitterparteien und obwohl Hitler und seine braunen Truppen überall dort, wo sie aufmarschieren, für viel Krawall sorgen, sind die Nationalsozialisten nur eine radikale braune Sekte, die unter „ferner liefen“ zu finden ist. Bei der Reichstagswahl im Mai 1928 bekommen die Nazis gerade einmal 2,6 % der Wählerstimmen.

Berlin, Bankenkrach, Andrang bei der Sparkasse

Im Kampf um ihre Spareinlagen! Massenandrang der Sparer vor der städtischen Sparkasse in Berlin. Von Bundesarchiv, Bild 102-12023 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

 

Anderthalb Jahre später, Ende 1929, ist alles anders.
Nach dem Börsenkrach vom 24. Oktober 1929 hat sich die Welt verändert und Extremisten rechter und linker Prägung erleben auf der ganzen Welt einen nie dagewesenen Aufschwung.


Dem Aktiencrash am „Schwarzen Freitag“ (der ein Donnerstag war) folgt der weltweite Zusammenbruch von Banken und schließlich die Weltwirtschaftskrise.
Hunderttausende – teilweise auch wirtschaftlich gesunde – Unternehmen kollabieren, weil Banken auf riesigen Bergen fauler Kredite sitzen und jetzt alle Schulden sofort eintreiben, keine Kredite mehr gewähren oder einfach mit den Ersparnissen ihrer Kunden pleite machen. Millionen Menschen verlieren ihre Arbeit.

Deflation und Rezession folgen auf Kreditklemme und Massenverelendung, ein wirtschaftliches Schreckensszenario, denn selbst die Unternehmen, die den Börsen- und Bankenkrach überleben, müssen ihre Waren und Dienstleistungen zu immer niedrigeren Preisen anbieten, um überhaupt etwas zu verkaufen.
Umsätze und Gewinne brechen ein, Löhne sinken und es kommt zu Entlassungswellen, die noch mehr Menschen ohne Lohn und Brot auf die Straße setzen. Eine katastrophale Abwärtsspirale kommt in Gang.
Auch politisch.

ADN-ZB/Archiv Deutschland Berlin: Wohltätigkeitsspeisung armer Leute durch die evangelische Kirchengemeinde In Berlin Niederschönhausen werden durch die evangelische Kirchengemeinde arme Leute gespeist. Die Reichswehr hat eine Goulaschkanone und 2 Mann zur Verfügung gestellt. Die Kosten der Speisung bringt die Kirchengemeinde durch freiwillige Spenden auf. Jedes Mitglied zahlt pro Tag 10 Pfennige vorläufig für die Dauer von 3 Monaten. (Aufnahme: 1931). Von Bundesarchiv, Bild 183-T0706-501 / CC-BY-SA 3.0 (Aufnahme: 1931) 5417-31 5417-31

Das Unvorstellbare geschieht: Bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 erhält die NSDAP 18,3 Prozent der Wählerstimmen und verzehnfacht im Vergleich zu 1928 beinahe die Zahl ihrer Abgeordneten von 12 auf 107.

Minderheitsregierung von Hindenburgs Gnaden

Die 107 NSDAP-Abgeordneten, die nach der Septemberwahl 1930 in den Reichstag einziehen, sind ein Wendepunkt, aber noch nicht das Ende.

Die kommende Katastrophe beginnt, weil die Deutschen nicht nur von der Weltwirtschaftskrise mit voller Wucht erwischt werden, sondern ihre Republik auch von einem greisen Reichspräsidenten regiert wird, der viel von „Durchregieren“ und wenig von demokratischen Prinzipien hält.
Weil es einen Paragraphen 48 gibt, der in den Händen eines starrsinnigen Generalfeldmarschall a.D. als Reichspräsidenten fürchterliche Folgen hat und einen unverdrossen aber außerordentlich ungeschickt agierenden Reichskanzler, der eifrig dabei hilft, den Boden für eine zukünftige Diktatur zu bereiten.


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Ein halbes Jahr vor der Katastrophen-Wahl im September 1930 war die SPD-geführte Große Koalition unter Kanzler Hermann Müller wegen einer Lappalie geplatzt.
Dem 83jährigen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, Weltkriegsheld von Tannenberg und ehemaliger Oberbefehlshaber seiner Majestät des Kaisers ist das nur recht, denn die „Sozis“ tragen seiner Dolchstoßlegenden-Meinung nach die Schuld an der deutschen Niederlage im Weltkrieg und er will sie beim Regieren nicht dabei haben.

Hindenburg beruft Heinrich Brüning zum neuen Reichskanzler, dem Fraktionsvorsitzenden der katholischen Zentrums-Partei, der pflichtgemäß und in Windeseile innerhalb von zwei Tagen eine Minderheitsregierung auf die Beine stellt, ohne SPD versteht sich, aber mit deren Tolerierung.

„Hungerkanzler“ Heinrich Brüning

Dr. Heinrich Brüning: Reichskanzler, Zentrum, Deutschland. Von Bundesarchiv, Bild 183-1989-0630-504 / CC BY-SA 3.0 de

Mit Sicherheit wollte Heinrich Aloysius Maria Elisabeth Brüning, Sohn eines Essigfabrikanten aus Münster, nicht als „Hungerkanzler“ in die Geschichte der Deutschen eingehen.
Aber er kann – als ehemaliger Soldat – weder seinen Gehorsam gegenüber Hindenburg ablegen noch sich dem vorherrschenden wirtschaftspolitischen Zeitgeist entziehen.

Der neue Reichskanzler macht sich an die Arbeit.
Eile ist geboten, denn seit Ende 1929 ist die Wirtschaft auf Talfahrt, die Zahl der Arbeitslosen schnellt in die Höhe, Unruhen und Straßenschlachten zwischen roten und braunen Schlägertrupps erschüttern das Land.

Brüning versucht, von 1930 bis 1932 mit harten Sparmaßnahmen den Haushalt zu sanieren: Löhne und Gehälter werden gekürzt, Arbeitslose bekommen weniger Unterstützung, staatliche Investitionen und Ausgaben für Bildung und Wissenschaft werden radikal gesenkt.

In einer Zeit, in der Menschen und Wirtschaft in der Krise versinken, setzt Heinrich Brüning den Rotstift an und spart, obwohl die Nachfrage im In- und Ausland sowieso schon zusammenbricht.

Durch seine harten Einschnitte hofft er, die Wirtschaftsmisere in den Griff zu bekommen, stattdessen würgt er das ab, was noch einigermaßen funktioniert. Mit einem antizyklischen Konjunktur- und Beschäftigungsprogramm, mit dem Arbeitslosigkeit und Rezession bekämpft worden wären, hätte Hitler vielleicht verhindert werden können.
Brüning entscheidet sich anders.

Dauerbrenner Reparationszahlungen

Heinrich Brüning entscheidet sich weder aus böser Absicht für’s drakonische Sparen noch will er Hitler stark machen: Er glaubt schlicht und einfach wie viele seiner Zeitgenossen daran, dass Staaten bei steigenden Ausgaben und niedrigen Einnahmen sparsam wirtschaften müssten.

„Sich gesund sparen“ ist das Konzept, das weltweit von vielen Nationen zur Bekämpfung der Krise angewendet wird.
Brüning verfolgt mit seiner Sparsamkeit aber noch ein anderes Ziel: Er hofft, wie bereits einmal nach dem „Ruhrkampf“ im Jahr 1923 geschehen, dass die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland die Alliierten endlich dazu zwingen, ihre Reparationsforderungen aufzugeben.

Mehrmals waren die Forderungen für Wiedergutmachung von 269 Milliarden Goldmark (das entspricht etwa 1 Billion Euro) gesenkt und gemildert worden, zuletzt durch den sogenannten Young-Plan, der eine Ratenzahlung bis ins Jahr 1988 vorsah.

Wirtschaftlich waren die Deutschen mit Beginn des Aufschwungs ab 1924 einigermaßen klar gekommen, innenpolitisch sind und bleiben die Reparationszahlungen ein katastrophaler Zündstoff, an dem sich vor allem die Rechten abarbeiten: Deutschland müsse für einen Krieg bezahlen, den die anderen angefangen hätten, lautet ihr immer und immer wieder strapaziertes Argument, mit den sie – sehr erfolgreich – auf Stimmenfang gehen.

Brüning sieht die Chance, die in der Wirtschaftskrise steckt.
Er spart eisern weiter, auch nach der Septemberwahl 1930, aus der radikale Parteien wie NSDAP und KPD als deutliche Wahlgewinner hervorgehen, während alle gemäßigten Parteien Federn lassen müssen.
Er hat tatsächlich Erfolg: Im Juli 1932 verzichten die Alliierten spektakulär auf alle weiteren Reparationszahlungen, ein Verzicht, der sich bei den Novemberwahlen 1932 bereits durch weniger Wählerstimmen für die Rechten bemerkbar macht.

„Nachdem vor allem die Briten schon lange verstanden hatten, dass der Versailler Vertrag nicht nur ungerecht war, sondern auch dumm und wirtschaftspolitisch schädlich, akzeptieren nun endlich alle Siegermächte, dass Deutschland keine Entschädigungen zahlen muss.
Das schwächt die Chancen der Nationalisten, die von der Empörung gut gelebt hatten. Und entlastet den Staatshaushalt. Und doch geht die Sparpolitik weiter, wird weiter Nachfrage aus dem Markt genommen, verfallen weiter Löhne und Preise. Krise als Programm auch innenpolitisch: Immer stärker werden die Sozialausgaben gekürzt, der Sozialstaat ausgehölt, der die Arbeiter und die sozial Schwachen an die Republik gebunden hatte. Die meisten Arbeitslosen kehren der Republik von Weimar den Rücken.“
aus: Christian v. Ditfurth, Deutsche Geschichte für Dummies

Feiern kann er seinen Erfolg nicht mehr.
Der „Hungerkanzler“ ist nicht mehr im Amt als die Alliierten das Ende der Reparation erklären – Hindenburg hatte ihm zwei Monate zuvor sein Vertrauen entzogen, nachdem die Sparmaßnahmen auch die sogenannte Osthilfe erreicht hatten, Unterstützungszahlungen für ostelbische Großgrundbesitzer.

Das war Hindenburg entschieden zu weit gegangen, schließlich hätte diese Kürzung auch ihn und seine Nachbarn persönlich betroffen.

Brünings Nachfolger ist schnell gefunden: Es ist Franz von Papen, ein Bewunderer Hindenburgs, der mit seinem „Kabinett der nationalen Konzentration“ (böse Zungen nennen es das „Kabinett der Barone“) die Grundlagen Brünings vom Elend zur Katastrophe ausbauen  wird.

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2017


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Das 20. Jahrhundert


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Bildnachweise:
1. Arbeitslose Hafenarbeiter auf Abruf bei der Straßen-Arbeitsvermittlung am Baumwall, Hamburg, 1931. Von Bundesarchiv, Bild 102-11008 / CC-BY-SA 3.0
2. Im Kampf um ihre Spareinlagen! Massenandrang der Sparer vor der städtischen Sparkasse in Berlin. Von Bundesarchiv, Bild 102-12023 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0
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4. Dr. Heinrich Brüning: Reichskanzler, Zentrum, Deutschland. Von Bundesarchiv, Bild 183-1989-0630-504 / CC BY-SA 3.0 de ADN-ZB/Archiv Heinrich Brüning Politiker des Zenrums und Staatsmann geb. 26.11.1885 in Münster gest. 30.3.1970 in Norwich Brüning war 1921/30 Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes, 1924/33 Mitglied des Reichstages. Als Führer der Zenrumsfraktion wurde er 1930 Reichskanler, regierte diktatorisch mit Notverordnungen. Brüning mußte 1932 zurücktreten. 1933 emigrierte er in die USA und war 1934/52 Professor in Oxford, Boston und Cambridge, dann 1952/55 an der Universität Köln. Bis zu seinem Tod lebte er wieder in den USA.

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