Die Erlaubnis zu hassen

Aufmarschgelände Nürnberg, nationalsozialistischer Aufmarsch

SA-Auf­marsch, Reichs­par­tei­tag 1933. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183‑1987-0410–501

Was begeis­ter­te Mil­lio­nen Men­schen an Adolf Hit­ler, war­um folg­ten sie ihm und wur­den zum Teil selbst zu Ver­fol­gern? „Ver­fol­gen beruht auf abge­wehr­tem Opfer­sein“, lau­tet eine der Kern­the­sen der Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Ali­ce Mil­ler: Hit­ler gab vie­len sei­ner Anhän­gern die Opfer, die sie brauch­ten und die Erlaub­nis zu has­sen.

Wenn Hit­ler Ende 1938 einem Atten­tat zum Opfer gefal­len wäre, wür­den nur weni­ge zögern, ihn einen der größ­ten Staats­män­ner der Deut­schen zu nen­nen.“
Joa­chim Fest, Hit­ler Eine Bio­gra­phie


Das Phänomen Hitler

Aus der Sicht jener Zeit gab es vie­le gute ratio­na­le Grün­de, Adolf Hit­ler und den Natio­nal-sozia­lis­ten zu fol­gen.
Sebas­ti­an Haff­ner
beschreibt in sei­nen ‘Anmer­kun­gen zu Hit­ler (1978) eine Stim­mung in Deutsch­land vom Früh­jahr 1938 bis zum Früh­jahr 1939, in der sich Hit­ler-Geg­ner frag­ten, ob nicht sie im Unrecht wären und sei­ne Anhän­ger recht hät­ten.

In die­ser Zeit scheint Hit­ler alles zu gelin­gen.
Ende der 1930er Jah­re sol­len mehr als 90 Pro­zent der Deut­schen begeis­ter­te Nazi-Anhän­ger gewe­sen sein. Der wich­tigs­te Grund für vie­le: Jeder, der arbei­ten woll­te und konn­te, hat­te Arbeit (bis auf die, die aus­ge­grenzt, ermor­det oder ver­haf­tet wor­den waren oder in der Emi­gra­ti­on leb­ten). Mil­lio­nen neu­er Arbeits­plät­ze waren in Rekord­zeit ent­stan­den — eine uner­mess­lich gro­ße Erleich­te­rung nach den Jah­ren des Hun­gers, der Unsi­cher­heit und bei­spiel­lo­ser Armut.

ADN-ZB/­Ar­chiv Deutsch­land Ber­lin: Wohl­tä­tig­keits­spei­sung armer Leu­te durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de In Ber­lin Nie­der­schön­hau­sen wer­den durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de arme Leu­te gespeist. Die Reichs­wehr hat eine Gou­lasch­ka­no­ne und 2 Mann zur Ver­fü­gung gestellt. Die Kos­ten der Spei­sung bringt die Kir­chen­ge­mein­de durch frei­wil­li­ge Spen­den auf. Jedes Mit­glied zahlt pro Tag 10 Pfen­ni­ge vor­läu­fig für die Dau­er von 3 Mona­ten. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-T0706-501 / CC-BY-SA 3.0 (Auf­nah­me: 1931) 5417–31

Viel­leicht hät­ten Repu­blik und Demo­kra­tie eine Chan­ce gehabt, wenn sich der wirt- schaft­li­che Auf­schwung, der ab Mit­te der 1920er Jah­re auch in Deutsch­land für Wohl­stand sorg­te, fort­ge­setzt hät­te.
Das tat er nicht. Die kata­stro­pha­le Welt­wirt­schafts­kri­se des Jah­res 1929 und ihre Fol­gen wur­den zum Fanal, nicht nur für die Deut­schen, son­dern auch für vie­le ande­re Demo­kra­ti­en auf der gan­zen Welt.

Nie­mand fragt danach, woher die neu­en Jobs kom­men.
Dass vie­le der neu­ge­schaf­fe­nen Arbeits­stel­len in der Rüs­tungs­in­dus­trie und im Stra­ßen­bau ent­ste­hen und zur Kriegs­vor­be­rei­tung die­nen, dass sie auf Pump finan­ziert wer­den, dass ein Zweck der Juden­ver­fol­gung der Beschaf­fung von ‘fri­schem Geld’ dient und die Staats­ver­schul­dung des Drit­ten Rei­ches in astro­no­mi­sche Höhen schießt, hin­ter­fragt nie­mand. Das Haus­halts­de­fi­zit ist schließ­lich so hoch, dass es — rea­lis­tisch gese­hen — nur mit einem gewon­ne­nen Krieg bezahl­bar wäre.

Ab Mit­te der 1930er Jah­re jagt das wirt­schaft­lich schein­bar blü­hen­de Drit­te Reich auch in der Außen­po­li­tik von einem Erfolg zum nächs­ten.
Öster­reich und das Sude­ten­land keh­ren „heim in Reich” und alle Droh­ge­bär­den und Erpres­sun­gen, mit denen man der Welt­ge­mein­schaft ein Zuge­ständ­nis nach dem ande­ren abtrotzt, gelin­gen.


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Joa­chim C. Fest, Hit­ler. Eine Bio­gra­phie. Ull­stein Ver­lag GmbH Ber­lin, Taschen­buch, unge­kürz­te Aus­ga­be, 2002


Mit Hit­ler ste­hen die Deut­schen plötz­lich nicht mehr als Kriegs­ver­lie­rer da, son­dern als Nati­on von Sie­gern. Die, die sich zur “deut­schen Volks­gen­mein­schaft” zäh­len dür­fen, jubeln. Der “Füh­rer” lässt Bri­ten, Fran­zo­sen und den Rest der Welt mit ihrer Appease­ment- oder Nicht-Ein­mi­schungs-Poli­tik ein­fach schlecht aus­se­hen.

Das beein­druckt auch im Aus­land: Vie­le Poli­ti­ker in Euro­pa und in den USA bestaun­ten das Phä­no­men ‚Hit­ler‘ halb sor­gen­voll, halb bewun­dernd. In deut­schen Nach­bar­län­dern ist Hit­ler popu­lär, Faschis­mus ist in vie­len Län­dern der Erde salon­fä­hig gewor­den und hat eine wach­sen­de Anhän­ger­schaft.

Die Bewun­de­rung kennt oft kei­ne Gren­zen: Zur Eröff­nung der Olym­pia­de 1936 in Ber­lin zie­hen die Sport­ler der fran­zö­si­schen Dele­ga­ti­on mit dem Hit­ler­gruß ins Sta­di­on ein und noch 1939 erklärt das ame­ri­ka­ni­sche Nach­rich­ten­ma­ga­zin Time Hit­ler zum „Mann des Jah­res“.
Die Begrün­dung für die­se Wahl lau­te­te, dass er im Jahr zuvor, also 1938, den Gang der Ereig­nis­se (die “Sude­ten­kri­se” und das Münch­ner Abkom­men) am stärks­ten beein­flusst und die meis­ten Schlag­zei­len ver­ur­sacht habe.
(Eine Begrün­dung, die im Jahr 2001 auch auf Osa­ma bin Laden zuge­trof­fen hät­te, aller­dings sah man davon ab, auch ihn zum  „Mann des Jah­res“ zu wäh­len.)


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Preis: EUR 10,99

Was wäre gewe­sen, wenn …
Hit­ler den Krieg gewon­nen hät­te und Groß­deutsch­land vom Rhein bis zum Ural rei­chen wür­de. Ein groß­ar­ti­ges Buch zwi­schen Fic­tion, Kri­mi und vie­len his­to­risch aus­ge­spro­chen inter­es­san­ten Fak­ten.
Robert Har­ris, Vater­land*. Heyne Ver­lag, 2017


Meis­tens sind die Füh­rer kei­ne Den­ker, son­dern Män­ner der Tat. Man fin­det sie nament­lich unter den Ner­vö­sen, Reiz­ba­ren, Halb­ver­rück­ten, die sich an der Gren­ze des Irr­sinns befin­den.“
Gust­ave Le Bon


Am Anfang war Erziehung

Die Begeis­te­rung für ein Sys­tem, dass bin­nen weni­ger Jah­re ein zer­ris­se­nes Land am Ran­de eines Bür­ger­kriegs in eine blü­hen­de “Volks­ge­mein­schaft” ver­wan­delt hat, mag nach­voll­zieh­bar sein.

Trotz­dem kann es Mil­lio­nen Men­schen nicht ent­gan­gen sein, dass sie dafür den Preis zah­len muss­ten, in einer Dik­ta­tur zu leben.
Dass jüdi­sche Nach­barn, unlieb­sa­me Poli­ti­ker, Jour­na­lis­ten und Künst­ler ein­fach “ver- schwan­den”, dass nicht nur der Reichs­tag, son­dern auch Bücher brann­ten, dass Men­schen aus KZs zurück­ka­men und über die Lager berich­te­ten.

Das nahm “man” als “guter Deut­scher” ein­fach so hin?

In ihrem Buch Am Anfang war Erzie­hung beschreibt die Schwei­zer Auto­rin und Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Ali­ce Mil­ler die Kind­heit und Jugend Adolf Hit­lers als “erzo­ge­nes Kind” eines tief gestör­ten und prü­geln­den Vaters und einer lie­be­vol­len, aber hilf­lo­sen Mut­ter: Vom ver­bor­ge­nen zum mani­fes­ten Grau­en

Adolf Hit­lers Kind­heit und Jugend waren weder beson­ders unge­wöhn­lich noch unter­schie­den sie sich wesent­lich von denen, die Mil­lio­nen ande­re erle­ben und erdul­den muss­ten.
Und genau dar­in, in der „Erzie­hung“ durch schwar­ze Päd­ago­gik, so wie sie in die­ser Zeit von vie­len Eltern (und Leh­rern) prak­ti­ziert wur­de, sieht Mil­ler den Grund dafür, dass Mil­lio­nen Men­schen ihrem “Füh­rer” bedin­gungs­los folg­ten, für ihn in einen Krieg zogen, den vie­le fürch­te­ten, und sei­ne Gräu­el­ta­ten ent­schul­dig­ten (“Davon hat der Füh­rer bestimmt nichts gewusst.”)

Alice Miller_Wenn man einem Kind Moral predigt„Denn jedes Kind lernt durch Nach­ah­mung. Sein Kör­per lernt nicht das, was wir ihm mit Wor­ten bei­brin­gen woll­ten, son­dern das, was die­ser Kör­per erfah­ren hat. Daher lernt ein geschla­ge­nes, ver­letz­tes Kind zu schla­gen und zu ver­let­zen, wäh­rend das beschütz­te und respek­tier­te Kind lernt, Schwä­che­re zu respek­tie­ren und zu beschüt­zen. Weil es nur die­se Erfah­rung kennt.“
Ali­ce Mil­ler, Dein geret­te­tes Leben

Das Erbe der Erziehung

Kind­li­ches Fehl­ver­hal­ten und psy­cho­so­ma­ti­sche oder psy­chi­sche Erkran­kun­gen im Erwach­se­nen­al­ter ent­ste­hen, so Ali­ce Mil­ler, häu­fig durch jah­re­lan­ge (oft unbe­wusst erleb­te) Erzie­hung, die die Per­sön­lich­keit eines Kin­des miss­ach­tet. Beson­ders nega­tiv wir­ken sich Schlä­ge und Beschimp­fun­gen als all­täg­li­che Erzie­hungs­maß­nah­men aus — Maß­nah­men, die bis weit ins 20. Jahr­hun­dert als päd­ago­gisch gut und rich­tig gal­ten. Wer woll­te schon einen klei­nen Haus­ty­ran­nen groß­zie­hen?

Bru­ta­le Erzie­hungs­me­tho­den schä­di­gen ein Kind – mög­li­cher­wei­se ein Leben lang und mit fata­len Fol­gen. Doch schlim­mer als Schlä­ge und Här­te, wie sie bei­spiels­wei­se Adolf Hit­ler regel­mä­ßig von sei­nem jäh­zor­ni­gen und her­ri­schen Vater Alois kas­sier­te, ist ein zwei­ter Aspekt, der die Wir­kung von Prü­ge­lei und Demü­ti­gun­gen poten­ziert:
Die Opfer müs­sen schwei­gen.

Das “Gebot zur Scho­nung der Eltern“, wie es Ali­ce Mil­ler bezeich­net, ver­bie­tet dem ‚Erzo­ge­nen‘, an der Hal­tung und den Maß­nah­men ihrer Erzie­her zu lei­den oder gar zu zwei­feln. Kin­der wach­sen damit in dem Glau­ben auf, dass das, was ihnen an Stra­fe wider­fah­ren ist, völ­lig rech­tens und von ihnen selbst durch ‚Unar­tig­keit‘ pro­vo­ziert wor­den ist.


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Ali­ce Mil­lers Klas­si­ker „Am Anfang war Erzie­hung“ ist heu­te aktu­el­ler denn je – gesell­schaft­lich, für vie­le aber auch sehr per­sön­lich. Die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin über Kind­heit, Erzie­hung und “schwar­ze Päd­ago­gik” — und ihre Fol­gen. Ali­ce Mil­ler, Am Anfang war Erzie­hung*. Suhr­kamp Ver­lag, Frank­furt am Main, Taschen­buch, unge­kürz­te Ausgabe,1980

Die Erlaubnis zu hassen

Das Ver­bot, an ‚Erzie­hung‘ und ihren Voll­stre­ckern lei­den zu dür­fen, kann bei den Betrof­fe­nen zu Ver­drän­gung und Lei­dens-Unfä­hig­keit füh­ren: „Ein India­ner kennt kei­nen Schmerz“ wird zur Lebens­ma­xi­me.

Hit­ler-Bio­graf J. Toland schreibt bei­spiels­wei­se:

Vie­le Jah­re spä­ter erzähl­te Hit­ler einer sei­ner Sekre­tä­rin­nen, er habe ein­mal in einem Aben­teu­er­ro­man gele­sen, es sei ein Zei­chen von Mut, sei­nen Schmerz nicht zu zei­gen. Und so ‘nahm ich mir vor, bei der nächs­ten Tracht Prü­gel kei­nen Laut von mir zu geben. Und als dies soweit war – ich weiß noch, mei­ne Mut­ter stand drau­ßen ängst­lich vor der Tür –, habe ich jeden Schlag mit­ge­zählt. Die Mut­ter dach­te, ich sei ver­rückt gewor­den, als ich ihr stolz strah­lend berich­te­te: ‚Zwei­und­drei­ßig Schlä­ge hat mir der Vater gege­ben!“
John Toland, zitiert nach A.Miller


Was macht ein Kind, das den Maß­nah­men sei­ner Erzie­her aus­ge­lie­fert ist und dar­über schwei­gen muss? Ein Kind, das unter sei­ner ‚Erzie­hung‘ sehr wohl lei­det, gleich­zei­tig aber lernt, dass die­ses Lei­den unge­recht­fer­tigt ist, und es selbst „schuld“ an sei­ner Bestra­fung ist, weil es ‚unge­zo­gen‘ war?

Es gibt unzäh­li­ge ‚Tech­ni­ken‘, damit umzu­ge­hen“, schreibt Ali­ce Mil­ler, doch oft blei­be dem Kind kei­ne ande­re Wahl, als das Trau­ma zu ver­drän­gen (Abspal­tung) und die Täter zu idea­li­sie­ren. Der jäh­zor­ni­ge und prü­geln­de Erzeu­ger kann dadurch in der Erin­ne­rung zum har­ten, aber gerech­ten und wohl­mei­nen­den Vater wer­den.

“Viel­leicht wird jemand sagen: Nicht jeder, der als Kind geschla­gen wur­de, muss ein Mör­der wer­den, sonst wür­den doch fast alle Men­schen zu Mör­dern.
Das ist in gewis­sem Sinn rich­tig. Doch so fried­lich ist es heu­te nicht um die Mensch­heit bestellt, und wir wis­sen nie, was ein Kind aus dem ihm gegen­über began­ge­nen Unrecht machen wird und muss, es gibt unzäh­li­ge ‚Tech­ni­ken‘, damit umzu­ge­hen.
Aber vor allem wis­sen wir noch nicht, wie die Welt aus­se­hen könn­te, wenn Kin­der ohne Demü­ti­gung, von ihren Eltern als Mensch geach­tet und ernst­ge­nom­men, auf­wach­sen wür­den.
Mir ist jeden­falls kein Mensch bekannt, der als Kind die­se Ach­tung genos­sen und spä­ter als Erwach­se­ner das Bedürf­nis gehabt hät­te, ande­re Men­schen umzu­brin­gen.
Ali­ce Mil­ler, Am Anfang war Erzie­hung

Eine wei­te­re ‚klas­si­sche‘ Reak­ti­on ist die Wie­der­ho­lung und Neu-Insze­nie­rung der be- kann­ten Kind­heits­mus­ter, die­ses Mal aller­dings mit anders besetz­ten Rol­len.
Das ist der Fall, wenn miss­han­del­te Kin­der als erwach­se­ne Eltern ihre eige­nen Kin­der miss­han­deln und demü­ti­gen. Eine ande­re Vari­an­te ist, das erlit­te­ne Trau­ma als Leh­rer, Chef oder Poli­ti­ker – wie Adolf Hit­ler – an ‘Unter­ge­be­ne’ wei­ter­zu­ge­ben.
Hit­ler gelang es, ein Volk in einen tota­li­tä­ren Staat zwin­gen, in dem das Schick­sal der Schwä­che­ren von den Stim­mun­gen und Lau­nen eines unum­strit­te­nen Herr­schers — des “Vaters” — abhängt.

Die Metho­den und Prin­zi­pi­en der Schwar­zen Päd­ago­gik sind ver­erb­bar und kön­nen neu insze­niert wer­den — aus Opfern wer­den Täter.

Demü­ti­gun­gen und Unge­rech­tig­kei­ten, denen man nicht ent­kom­men kann, machen wütend. Wut und Aggres­sio­nen dür­fen aber nicht zurück an den Absen­der, denn es ist ver­bo­ten Eltern oder Leh­rern nega­ti­ve Gefüh­le ent­ge­gen­zu­brin­gen.

Also muss ein ande­rer dafür her­hal­ten: Ein Sün­den­bock als Ersatz wird gesucht, ein Schwä­che­rer, für den es eine ‚Erlaub­nis zu has­sen‘ gibt.

Mil­ler sieht hier eine der Wur­zeln für Hit­lers Auf­stieg und Popu­la­ri­tät, denn schließ­lich waren die Metho­den der Schwar­zen Päd­ago­gik, weit ver­brei­tet und vie­le hat­ten eine Kind­heit erlebt, die der Adolf Hit­lers nicht unähn­lich war:

Berlin, NS-Boykott gegen jüdische Geschäfte

SA — Mit­glie­der kle­ben an das Schau­fens­ter eines Ber­li­ner jüdi­schen Geschäfts ein Schil­der mit der Auf­schrift “Deut­sche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden” Bun­des­ar­chiv, Bild 102–14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

Es gibt wohl kaum ein zuver­läs­si­ge­res Bin­de­glied unter den Völ­kern Euro­pas als den Juden­hass. Er ist seit jeher ein geschätz­tes Mani­pu­la­ti­ons­mit­tel der Regie­ren­den und eig­net sich offen­bar vor­züg­lich zur Ver­schleie­rung von sehr ver­schie­de­nen Inter­es­sen, so dass auch extrem mit­ein­an­der ver­fein­de­te Grup­pie­run­gen sich über die Gefähr­lich­keit oder Gemein­heit der Juden völ­lig einig sein kön­nen. Der erwach­se­ne Hit­ler wuss­te das und sag­te ein­mal zu Rau­sch­ning, dass, „ …wenn es den Juden nicht gäbe, man ihn erfin­den müss­te“. Woher bezieht der Anti­se­mi­tis­mus sei­ne ewi­ge Erneue­rungs­fä­hig­keit? Das ist nicht schwer zu ver­ste­hen. Man hasst den Juden nicht des­halb, weil er das oder jenes tut oder ist. Alles, was die Juden tun oder sind, lässt sich auch bei ande­ren Völ­kern fin­den. Man hasst den Juden, weil man einen uner­laub­ten Hass in sich trägt und begie­rig ist, ihn zu legi­ti­mie­ren. Das jüdi­sche Volk eig­net sich für die­se Legi­ti­mie­rung in ganz beson­de­rem Maße. Weil sei­ne Ver­fol­gung seit zwei Jahr­tau­sen­den von höchs­ten kirch­li­chen und staat­li­chen Auto­ri­tä­ten aus­ge­übt wur­de, braucht man sich des Juden­has­ses nicht schä­men, nicht ein­mal, wenn man mit strengs­ten mora­li­schen Prin­zi­pi­en auf­ge­wach­sen war und sich für die natür­lichs­ten Regun­gen der See­le zu schä­men hat­te.“
Ali­ce Mil­ler, Am Anfang war Erzie­hung


Adolf Hit­ler, so Ali­ce Mil­ler, hat sich sein Kind­heits­mus­ter mit einem tota­li­tä­ren Staat wie­der erschaf­fen, aller­dings mit neu­er Rol­len­ver­tei­lung.

Doch zum mani­fes­ten Grau­en konn­te sein Sys­tem erst wer­den, weil Mil­lio­nen ande­rer unter ähn­lich bru­ta­len Bedin­gun­gen auf­ge­wach­sen waren wie er selbst und bei sei­ner Insze­nie­rung mit­ge­macht haben, ohne sie zu hin­ter­fra­gen.
Für vie­le ver­kör­per­te er einer­seits den lang ersehn­ten “guten Vater”, gleich­zei­tig lie­fer­te er einen jahr­hun­der­te­al­ten “Sün­den­bock”, für den es seit Men­schen­ge­den­ken die “Erlaub­nis zu has­sen” gab.

Ali­ce Mil­ler schreibt:

Wie wir wis­sen, eig­net sich fast jedes Gedan­ken­gut dazu, den in der Kind­heit miss­han­del­ten Men­schen als Mario­net­te für die jewei­li­gen per­sön­li­chen Inter­es­sen der Macht­ha­ber zu gebrau­chen. Auch wenn der wah­re aus­beu­te­ri­sche Cha­rak­ter der ver­ehr­ten und gelieb­ten Füh­rer nach deren Ent­mach­tung oder Tod zu Tage tritt, ändert das kaum etwas an der Bewun­de­rung und bedin­gungs­lo­sen Treue ihrer Anhän­ger. Weil er den ersehn­ten guten Vater ver­kör­pert, den man nie hat­te.“
Ali­ce Mil­ler, Dein geret­te­tes Leben


Über Alice Miller:

Die Schwei­zer Auto­rin und Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin wur­de 1923 als ältes­te Toch­ter einer jüdisch-ortho­do­xen Fami­lie im pol­ni­schen Pio­trków gebo­ren, ihr eigent­li­cher Name lau­te­te Ali­ci­ja Englard.  Die deut­sche Besat­zung Polens wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges über­leb­te sie mit fal­scher Iden­ti­tät in War­schau, spä­ter stu­dier­te sie Lite­ra­tur­ge­schich­te und Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Basel, wo sie im Fach Phi­lo­so­phie ihren Dok­tor­ti­tel erlang­te. Nach Abschluss des geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­ums begann Mil­ler in Zürich eine Aus­bil­dung in freu­dia­ni­scher Psy­cho­ana­ly­se.
1980 gab Ali­ce Mil­ler nach über 20 Jah­ren ihre Arbeit als Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin und Lehr­ana­ly­ti­ke­rin auf, um sich sys­te­ma­tisch der Erfor­schung der Kind­heit wid­men zu kön­nen. Mehr und mehr setz­te sie sich kri­tisch mit der Psy­cho­ana­ly­se aus­ein­an­der, die ihrer Mei­nung nach zu sehr auf den Prin­zi­pi­en der „Schwar­ze Päd­ago­gik“ basie­re: „Bis­her schütz­te die Gesell­schaft die Erwach­se­nen und beschul­dig­te die Opfer“, lau­tet eine ihrer The­sen. 1984 erklär­te sie ihre Abkehr von der Psy­cho­ana­ly­se und woll­te auch nicht mehr als Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin bezeich­net wer­den.

Wie schwie­rig es ist, die eige­nen Erfah­run­gen als ‚gut erzo­ge­nes‘ Kind im Erwach­se­nen­al­ter abzu­le­gen und alte, über­kom­me­ne Mus­ter nicht an die eige­nen Kin­der wei­ter­zu­ge­ben, hat Ali­ce Mil­lers Sohn Mar­tin beschrie­ben: Drei Jah­re nach Tod sei­ner Mut­ter im Jahr 2010 ver­öf­fent­lich­te er sei­nen Lebens­be­richt als eige­nes Buch mit dem Titel: „Das wah­re Dra­ma des begab­ten Kin­des“, Unter­ti­tel: „Die Tra­gö­die Ali­ce Mil­lers – wie ver­dräng­te Kriegs­trau­ma­ta in der Fami­lie wir­ken“.


Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2016


 Wir müssten das alles mal aufschreiben Die Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en ver­öf­fent­licht seit 2012 hoch­wer­ti­ge Bild­bän­de und Chro­ni­ken über Fami­li­en- und Unter­neh­mens-geschich­ten. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf unse­rer Home­page Bild­bio­gra­phi­en: Wir müss­ten das alles mal auf­schrei­ben!


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Film­tipp: “Das wei­ße Band”* Ein bewe­gen­der Film über die “Schwar­ze Päd­ago­gik”, die vie­le Jahr­hun­der­te lang Kind­heit und Erzie­hung präg­te:
Micha­el Han­eke, Das weis­se Band, 2010. DVD FSK: ab 12 Jah­ren


Die Geschich­te der Deut­schen gut, über­sicht­lich und ver­ständ­lich erklärt. Für alle Geschichts­in­ter­es­sier­ten pri­ma zum Nach­schla­gen und Quer­le­sen geeig­net. Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2012
 
Ali­ce Mil­lers Klas­si­ker „Am Anfang war Erzie­hung“ ist heu­te aktu­el­ler denn je – gesell­schaft­lich, für vie­le aber auch sehr per­sön­lich. Die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin über Kind­heit, Erzie­hung und “schwar­ze Päd­ago­gik” — und ihre Fol­gen. Ali­ce Mil­ler, Am Anfang war Erzie­hung*. Suhr­kamp Ver­lag, Frank­furt am Main, Taschen­buch, unge­kürz­te Ausgabe,1980
 
Freund­schaft schlie­ßen mit unse­rem “inne­ren Kind” , Glau­bens­sät­ze erken­nen — und sie ver­än­dern, wenn es not­wen­dig ist. Ein hilf­rei­ches und sehr lesens­wer­tes Buch. 
Ste­fa­nie Stahl, Das Kind in dir muss Hei­mat fin­den*, Kailash Ver­lag, 2015

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Joa­chim C. Fest, Hit­ler. Eine Bio­gra­phie. Ull­stein Ver­lag GmbH Ber­lin, Taschen­buch, unge­kürz­te Aus­ga­be, 2002

Wei­ter­füh­ren­de Links zum The­ma:


4474 Tage währ­te das 1000jährige Reich auf deut­schem Boden.
Dann brach es am 8. Mai 1945 in einem Infer­no aus Blut, Trä­nen und Aber­mil­lio­nen Toten zusam­men. Eine kur­ze Chro­no­lo­gie zum 70. Jah­res­tag des Kriegs­en­des:
Vor 70 Jah­ren: Welt­kriegs­en­de-Zusam­men­bruch-Befrei­ung


Auch Mör­der fal­len nicht ein­fach vom hei­te­ren Him­mel”, schreibt die Schwei­zer Auto­rin (und Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin) Ali­ce Mil­ler in ihrem Buch Am Anfang war Erzie­hung. Oder doch?
Der Wer­de­gang Adolf Hit­lers vom geprü­gel­ten Sohn eines „erzie­hen­den“ Vaters und einer lie­be­vol­len, aber schwa­chen Mut­ter zu einem der grau­sams­ten Dik­ta­to­ren der Mensch­heit.

Vom ver­bor­ge­nem zum mani­fes­ten Grau­en: Kind­heit und Jugend Adolf Hit­lers


Adolf Hit­ler hat­te ein sehr gro­ßes Inter­es­se an Frau­en (und umge­kehrt) und war bei wei­tem nicht der “ein­sa­me Wolf”, als der er sich in der Öffent­lich­keit ger­ne dar­stel­len ließ. Adolf Hit­ler, die Frau­en, sein deutsch-bri­ti­sches Tech­tel­mech­tel und die Fra­ge: Wäre Hit­ler ein guter Schwie­ger­sohn gewe­sen?
Vom It-Girl zur Wal­kü­re: Die Welt der Unity Mit­ford


Es war wäh­rend des Drit­ten Rei­ches ein Best­sel­ler und galt als d e r Leit­fa­den zur Kin­der­er­zie­hung. Über die NS-Päd­ago­gik und Johan­na Haa­rers Mach­werk.
Zwi­schen Drill und Miss­hand­lung: Die deut­sche Mut­ter und ihr ers­tes Kind


Das Gene­ra­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert


Lese­emp­feh­lun­gen zum The­ma:


In zwei Mona­ten haben wir Hit­ler an die Wand gedrückt, dass er quietscht”, glaub­te Franz von Papen, als Adolf Hit­ler am 30. Janu­ar 1933 zum Reichs­kanz­ler ernannt wur­de. Von Papen irr­te sich, vie­le ande­re auch. Über die Reak­tio­nen im In- und Aus­land anläss­lich Hit­lers Ernen­nung:
Zeit online: Adolf Hit­ler: Ruhig abwar­ten

Spie­gel Online: Die deut­sche Kata­stro­phe. Georg Bönisch über Joa­chim Fests Meis­ter­werk „Hit­ler. Eine Bio­gra­phie“
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-50828283.html


Über das Buch „Das wah­re ‚Dra­ma des begab­ten Kin­des’“ von Mar­tin Mil­ler. Der Tages­spie­gel: “Die Mas­ke der Kin­der­recht­le­rin”:
http://www.tagesspiegel.de/kultur/martin-millers-buch-ueber-seine-mutter-alice-die-maske-der-kinderrechtlerin/8793762.html


Bild­nach­wei­se:
1. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183‑1987-0410–501 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5345947
2. ADN-ZB/­Ar­chiv Deutsch­land Ber­lin: Wohl­tä­tig­keits­spei­sung armer Leu­te durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de In Ber­lin Nie­der­schön­hau­sen wer­den durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de arme Leu­te gespeist. Die Reichs­wehr hat eine Gou­lasch­ka­no­ne und 2 Mann zur Ver­fü­gung gestellt. Die Kos­ten der Spei­sung bringt die Kir­chen­ge­mein­de durch frei­wil­li­ge Spen­den auf. Jedes Mit­glied zahlt pro Tag 10 Pfen­ni­ge vor­läu­fig für die Dau­er von 3 Mona­ten. Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-T0706-501 / CC-BY-SA 3.0 (Auf­nah­me: 1931) 5417–31

3. Zitat Ali­ce Mil­ler, Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en
4. Boy­kott der Natio­nal­so­zia­lis­ten gegen jüdi­sche Geschäf­te in Deutsch­land,
SA — Mit­glie­der kle­ben an das Schau­fens­ter eines Ber­li­ner jüdi­schen Geschäfts ein Schil­der mit der Auf­schrift “Deut­sche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden” Bun­des­ar­chiv, Bild 102–14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

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