Mätressenwirtschaft, Revolution und die große Liebe

Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard Gemälde von Jacques-Louis David, 1800

Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard, Von Jacques-Louis David – The Yorck Project.

 

Das 18. Jahrhundert entdeckt die Liebe. 1762 erfindet der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau versehentlich die Mutterliebe, rund 30 Jahre später fegt die französische Revolution das „Ancien Régime“ aus seinen Palästen. Damit hat auch die Mätressenwirtschaft ausgedient, denn ab sofort können Ehepaare sich scheiden lassen. Angesichts solcher Aussichten entdecken viele ein bislang unbekanntes Gefühl: die „wahre“ Liebe.

Es ist eher ein Versehen, dass Jean-Jacques Rousseau die Mutterliebe erfindet.
Eigentlich will er mit seinem 1762 veröffentlichten Erziehungsroman „Emile oder über die Erziehung” den „naturhaft guten Zustand“ des Menschen postulieren und damit vor allem die überdrehte absolutistische Ständegesellschaft bloßstellen, die ihn anwidert.
Doch seine Theorie vom guten Menschen, der
erst durch Erziehung ins Schlechte verkehrt wird, hat so viel Charme, dass er mit seinem Roman die Sicht seiner Zeitgenossen auf Kindheit und Jugend revolutioniert und die Grundlage der Mutterliebe schafft.
Das ist keine Absicht, denn mit Müttern und Kindern hat Rousseau nicht viel am Hut: Die fünf Kinder, die ihm seine Lebensgefährtin Therese gebiert, gibt er eins nach dem anderen gleich nach der Geburt ins Findelhaus (wo alle elendig zugrunde gehen), um zu Hause ungestört arbeiten zu können, wie er später sagt. Frauen gesteht er immerhin einen gewissen Grad an Intelligenz zu, wichtige gesellschaftliche Aufgaben wie Kinder-erziehung sind aus seiner Sicht aber Männersache:

 „Die Frau hat mehr Geist, der Mann mehr Genie. Die Frau beobachtet, der Mann schließt.“
Jean-Jacques Rousseau

Die Mätressenwirtschaft

Die Marquise de PompadourDie Marquise de Pompadour ist ein Teil jenes absolutistischen Establishments, das Jean-Jacques Rousseau eigentlich aus tiefstem Herzen verachtet.
Dummerweise ist die Pompadour, die offizielle „maîtresse en titre“ des Königs, nicht nur klug und charmant, sondern auch einflussreich und wohl-habend. Und eine wichtige Mäzenin – vorausschauend, wie sie ist, unterstützt sie die großen Künstler und Denker ihrer Zeit finanziell, darunter Rousseau und auch Voltaire.
Jeanne Antoinette Poisson (Poisson zu Deutsch: Fisch) wird 1721 als Bürgerliche geboren; ihre Familienverhältnisse sind nicht ganz geklärt, aber ihr offizieller Vater ist ein Finanzmann, der durch nicht immer ganz saubere Geldgeschäfte den pompösen Lebensstil des stets überschuldeten Hofstaats mitfinanziert. Ihre Mutter ist eine stadtbekannte Mätresse, die mit Einwilligung ihres Mannes Affären mit zahlreichen wichtigen Männern hat, darunter auch zu Jeanne Antoinettes mutmaßlich leiblichen Vater.

Als junges Mädchen erlebt Jeanne, wie ihr offizieller Vater Poisson wegen dubioser Finanzgeschäfte in Misskredit kommt und nach Hamburg fliehen muss, um einer drohenden Todesstrafe zu entkommen. Die Flucht des Vaters bedeutet für sie und ihre Mutter auch einen finanziellen Absturz und eine Zeit lang leben beide in vergleichsweise bescheidenen Verhältnissen. Aber Jeanne Antoinette ist hübsch, intelligent, ehrgeizig und begabt, und ihr vermutlich leiblicher Vater beginnt, sich für sie zu interessieren. Sie erhält eine gute Schulbildung, außerdem Gesangs-, Schauspiel- und Tanzunterricht, und wird zu einer Art Kinderstar, der in den feinen Pariser Salons als Sängerin und Mimin herumgereicht wird. Sie wird gut verheiratet und bekommt eine Tochter, aber brave Ehefrau und Mutter zu sein, liegt ihr nicht. Wie ihre Mutter will sie die Mätresse eines einflussreichen Mannes werden, aber nur in der B-Liga will sie nicht spielen.
Das Objekt ihrer Ziele: der König. Ein verwegener Plan für eine Bürgerliche.

Porträt Ludwig, der 15. von Frankreich (1748)Aber sie schafft es. Sie sorgt dafür, dass seine Majestät, Ludwig XV. (Louis quinze, 1710 – 1774), ein gutaussehender Mann mit leichtem Hang zur Melancholie, sie kennenlernt und wenige Hofbälle danach, im Jahr 1744, stellt Ludwig seine neue Favoritin seiner Gattin und dem Hofstaat als offizielle „maîtresse en titre“ vor.
Man ist empört! Nicht über die neue Mätresse – der König schwört der Mätressenwirtschaft immer nur dann ab, wenn er ernsthaft krank ist oder eine seiner Geliebten stirbt -, sondern darüber,  dass er dieses Mal eine Bürgerliche auserkoren hat. „Nur eine kurze Affäre“, hoffen die adligen Höflinge, doch zwischen dem König und seiner frisch geadelten 23jährigen Madame de Pompadour scheint es echte Liebe zu sein.
Zumindest ist es gutes Teamwork. Mit Fleiß und Akribie arbeitet sich die Pompadour nicht nur in die Feinheiten der höfischen Intrigen, sondern auch in die Staatsgeschäfte Frankreichs ein. Zwanzig Jahre lang, bis zu ihrem Tod 1764, bleibt die Marquise de Pompadour die Hauptgeliebte und engste Beraterin des Königs. Wer etwas von ihm will, kommt an ihr nicht mehr vorbei.

Von Herrscherinnen umzingelt: Friedrich der Große

Auch Könige und  Staatsmänner, die etwas von Ludwig wollen, kommen an der Marquise de Pompadour nicht vorbei und wenden sich deshalb lieber gleich an sie und nicht an seine Minister. Ein Umstand, über den sich Preußens König Friedrich II.  – Friedrich der Große – maßlos ärgert und der dazu führt, dass er sich bei Voltaire bitter darüber beklagt. Ausgerechnet bei dem – ist der doch selbst ein Günstling der Pompadour und wird während seiner Laufbahn mehrmals kräftig von ihr protegiert. Friedrich bekommt Ärger mit Frankreich, und das liegt wohl auch daran, dass er sich mit der Pompadour nicht gut gestellt hat.
Flötenkonzert Friedrichs II. in Sanssouci (Gemälde von Adolph Menzel, 1850–52)Friedrich kann einfach nicht mit Frauen, schon gar nicht mit mächtigen. Auch mit den anderen beiden Herrscherinnen seiner Zeit verscherzt er es sich: Die russische Zarin Katharina die Große, vergrätzte er damit, dass er sie öffentlich als „wollüstig“ bezeichnet, und mit Österreichs Kaiserin Maria Theresia gibt es sowieso ständig Zoff:

Der siebenjährigen Krieg (1756 – 1763)
ist ein mehrmaliges und fürchterliches Blutvergießen, eine Art inoffizieller Weltkrieg, in dem Österreich, Frankreich, Russland, Schweden, Spanien und Sachsen gegen Briten, Preußen, Hannover, Hessen-Kassel, Braunschweig und Gotha kämpften – nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika, Indien und Nordamerika.

Friedrich der Große ist sicherlich ein geistreicher, vermutlich aber auch ein sehr unglücklicher Mann. Flöte spielen, mit Voltaire plaudern und schöne Dinge wie „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“ sagen, stehen auf der eine Seite. Auf der anderen Seite zettelt der „Fürsten-Philosoph“ ein blutiges Scharmützel nach dem anderen an (und ist dadurch der eigentliche Begründer von Preußens Glanz und Gloria als europäische Supermacht).
Tatsächlich führt Friedrich der Große mehr Kriege als sein Vater, Friedrich Wilhelm I., der als „Soldatenkönig“ in die Geschichte eingegangen ist. Der Soldatenkönig ist für „seine“ preußischen Tugenden bekannt – Disziplin, Fleiß und Pünktlichkeit, ein enthusiastischer Kriegsherr ist er trotz seines Beinamens nicht. Im Gegenteil: Dem Kriegführen geht er soweit wie möglich aus dem Weg.

Trotzdem – der Alte ist ein harter Knochen. Zum Unglück seines Sohnes hat er vermutlich viel beigetragen: Als junger Mann versucht Kronprinz Friedrich gemeinsam mit seinem besten Freund der väterlichen Knute zu entfliehen. Der Fluchtversuch scheitert, die Ausreißer werden gefangen, der Vater ist erzürnt. Er lässt die beiden jungen Männer ins Gefängnis werfen. Damit nicht genug, denn zum Entsetzen des jungen Friedrichs wird sein Freund auf Befehl seines Vaters, des Soldatenkönigs, vor seinen Augen exekutiert.
Der schreckliche und vom Vater angeordnete Tod seines besten Freundes und auch eine mögliche homosexuelle Neigung, die er sich als Preußenkönig natürlich nicht einmal selbst hätte eingestehen dürfen (geschweige denn leben), machten das Leben für und mit Friedrich dem Großen nicht einfach. Mit mächtigen Frauen hat er seine Probleme, seiner eigenen geht er aus dem Weg. Er stirbt kinderlos.

Maria Theresia und Marie Antoinette

Maria Theresia von Österreich und Franz Stephan von Lothringen im Kreise ihrer Kinder. Der zukünftige Joseph II. steht mitten im Stern (Gemälde um 1754)Friedrichs Dauer-Kriegsgegnerin, Maria Theresia von Österreich, ist eine er-staunliche Frau.
Während sie sich mit König Friedrich und anderen Herrschern auf Europas Schlacht-feldern einen Krieg nach dem anderen liefert, bekommt sie „nebenbei“ mit ihrem Mann, Franz I. Stephan, ein Kind nach dem anderen – insgesamt sind es 16.
Die Schwangerschaften und Geburten fallen ihr leicht, und Maria Theresia ist eine liebevolle und zugewandte Mutter, die sich persönlich um die Erziehung ihrer Kinder kümmert, wann immer es die Staatsgeschäfte zulassen. Aber selbstverständlich sind für sie Kinder auch Mittel zum Zweck – in ihrem Fall: Politik durch geschicktes Verheiraten.

Für ihre 14jährige jüngste Tochter, Marie Antonia, hat sie einen besonders dicken Coup an der Angel: den 15jährigen französischen Dauphin (Thronfolger) und späteren König Ludwig XVI (Louis seize, Ludwig der Sechzehnte, der Enkel von König Ludwig XV).
Trotz bester mütterlicher Vorbereitung (als Maria Theresia erhebliche Ausbildungsmängel bei ihrer Tochter feststellt, muss diese in die Gemächer der Mutter einziehen, damit sie die Fortschritte ihrer Tochter besser überwachen kann), kommt Marie Antoinette, wie sie nach ihrer Heirat heißt, weder beim Volk noch bei Hofe besonders gut an: Mit einer Mischung aus Leichtsinn, Tolpatschigkeit und Naivität stolpert sie in jede Falle, die man ihr stellt. Sie wird nicht schwanger, soll Affären haben und gilt als verschwendungssüchtig.
Porträt von Marie Antoinette mit einer Rose, 1778 gemalt von ihrer Lieblingskünstlerin Élisabeth Vigée-Lebrun
Recht machen kann sie es niemanden. Als sie sich 1783 wegen der ewigen Verschwendungsvorwürfe im vorauseilendem Gehorsam in einem schlichten Leinenkleid porträtieren lässt, gehen die Seidenweber auf die Straße: „Eine Königin, die sich so schlecht kleidet, ist schuld, wenn die Seidenweber verhungern“.
Die Anekdote, wonach sie auf die Vorhaltung, die Armen könnten sich kein Brot kaufen, geantwortet haben soll: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Gebäck essen“, wurde übrigens von Jean-Jacques Rousseau in einem seiner Bücher kolportiert; ob sie sich tatsächlich zugetragen hat, ist nicht belegt.

Erst 1778, acht Jahre nach ihrer Hochzeit, bringt sie ihr erstes Kind zur Welt. 1793 wird sie nach einem missglückten Fluchtversuch, Gefangenschaft und dem Prozess vor dem revolutionären Wohlfahrtsausschuss hingerichtet. Sie soll die Zeit als Gefangene und später als zum Tode Verurteilte ruhig, fast stoisch hinter sich gebracht haben. Erst als man ihr ihre beiden verbliebenen Kinder wegnimmt, bricht sie zusammen.

Revolution, Scheidungsrecht und der Code Napoléon

Die französische Revolution beginnt 1789 wegen steigender Brotpreise und bitterer Armut des „dritten Standes“. Sie beginnt aber auch mit viel Enthusiasmus und Aufbruchstimmung. Der Marquis de La Fayette, eben aus dem erfolgreichen amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien zurückgekehrt, verliest in der Nationalversammlung die neue Erklärung der Menschenrechte, und unter der Fahne von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ist auch ein Hauch Frauenemanzipation zu spüren: Es wird ein Recht auf Scheidung eingeführt.

Französische Revolution DelacroixDas neue Scheidungsrecht war zwar vor allem von vielen Bürgerinnen gefordert worden, aber als es da ist, bringt es auch vieles durcheinander.
Nach Jahrhunderten mit arrangierten Hochzeiten, lieblosen Versorgungs-ehen, Heiraten aus politischen, wirtschaftlichen oder dynastischen Gründen und der „Mätressen-wirtschaft“ stellt das Scheidungsrecht sowohl Ehefrauen als auch Ehe-männer vor neue Herausforderungen. „Bis dass der Tod Euch scheidet“ ist nicht mehr wörtlich zu nehmen und damit auch nicht mehr sicher; es besteht die Möglichkeit, eine Ehe auch wieder zu beenden.

Eine Chance – aber durchaus auch „gefährlich“; schreibt beispielsweise 1794 Suzanne Necker, Schriftstellerin, bedeutende Salondame und Ehefrau des Bankiers und Politikers Jacques Necker in einer Denkschrift über das neue Scheidungsrecht: Man laufe Gefahr, sich zu „verzetteln“ und finde nicht mehr „Zuflucht in einer zarten Seele“ beim Partner.
Denn es ist die eine Sache, sich über den Stinkstiefel an Ehemann und seine Eskapaden zu beklagen, den man als Vierzehn- oder Fünfzehnjährige auf Geheiß der Eltern hatte heiraten müssen.
Es ist etwas anderes, wenn dieser Stinkstiefel plötzlich die Möglichkeit bekommt, sich scheiden zu lassen. Beispielsweise um seine langjährige Geliebte heiraten zu können und seine unehelichen Nachkommen mit ihr zu legitimieren. Eine durchaus berechtigte Sorge, denn eine Geschiedene ist in jener Zeit ebenso wie eine Witwe ökonomisch viel schlechter gestellt als eine Ehefrau. Von dem Gerede der Leute ganz zu schweigen.

Doch zunächst gibt es andere Probleme: Die Revolution verzettelt sich, sie wird misstrauisch gegen alles und jeden, denn die Monarchen Europas formieren sich zu einer breiten Allianz gegen das revolutionäre Frankreich und versuchen, die Republik von außen und mit Gewalt wieder abzuschaffen.
Das allgemeine Misstrauen sorgt dafür, dass Bürgerinnen und Bürger wegen Nichtigkeiten, wegen eines bloßen Verdachts oder wegen eines Gerüchts unter der Guillotine landen. Wer seinen Ehepartner loswerden will, muss nur das  passenden Gerücht über die Gattin oder den Gatten streuen, und kann dann fast sicher sein, dass dank der Arbeit des Wohlfahrtsausschusses die Ehe ein für allemal  beendet wird.
Das blutige und chaotische Drunter und Drüber der Revolution hat seinen Höhepunkt erreicht, als der „kleine Mann aus Korsika“,
Napoleon Bonaparte (1769 – 1821), die Weltbühne  betritt. (Anmerkung: Mit 1,68 m Körpergröße war Napoleon nicht klein für seine Zeit, sondern Durchschnitt – das „klein“ war wohl von seinem Kriegsgegner England zur Diffamierung und als Propagandamittel in die Welt gesetzt worden.) Im Jahr 1799 ist er Führer des Revolutionsheeres und putscht sich an die Macht, 1804 krönt er sich zum Kaiser der Franzosen.

Es folgen lange, zunächst sehr erfolgreiche Kriege, in denen er mit seiner Armee bis Moskau marschiert (und wieder zurück), dabei fast den gesamten Kontinent überrennt, durcheinanderwürfelt und schließlich, nach seinem Fall, ein riesiges politisches Durcheinander hinterlässt.
Aber auch eine moderne Rechtssprechung:

Napoleon ist für Europa ein zweischneidiges Schwert.
Napoleon im Arbeitszimmer mit Hand in der Weste
Zum einen verantwortete er mit seinem Feldmarsch den Tod Hunderttausender, zum anderen führte er mit dem „Code Napoleon“ (Code civil) europaweit die Grundlagen moderner Rechtsprechung ein (Trennung von Kirche und Staat, Gewerbefreiheit, Zugang zu Ämtern durch Leistung und nicht durch Geburt), die bis heute im Wesentlichen gelten.
Er schaffte in Spanien die Inquisition ab, organisierte in Köln eine Müllabfuhr, weil’s so stank, dass es keiner mehr aushalten konnte, und sorgte für die Verbreitung einheitlicher Maßeinheiten wie Meter, Kilogramm und Liter, was für den Handel einen immensen Fortschritt bedeutete.
Und er brachte den Europäern zwei weitere maßgebliche neue Impulse: Kinderehen wurden abgeschafft, das heiratsfähige Alter wurde auf 21 Jahre heraufgesetzt und seit 1792 konnten Ehen unter bestimmten Umständen auch wieder geschieden werden; ein Recht, von dem zunächst vor allem Frauen Gebrauch machten.

„Wahre Liebe“, Mutterliebe, Bürgertum

Nach Napoleon versucht der Wiener Kongress für Ruhe und Ordnung in Europa zu sorgen. Man leckt seine Wunden, sortiert sich neu und fragt sich, was man mit den verstörenden Ereignissen und Ideen der letzten Jahrzehnte anfangen soll.
Der Sonntagsspaziergang, Carl Spitzweg, 1841Es ist das Zeitalter der Restauration, eine Epoche der Lähmung, in der jede Form gesellschaftlicher oder politischer Bewegung erstarrt zu sein scheint, oder durch übernervöse Monarchen erstarrt wird. Es ist die Biedermeierzeit, eine Zeit, in der man seine Türen verschließt und sich im Schoß seiner kleinen bürgerlichen Familie und hinter dem heimischen Herd zurückzieht, um von der wechselhaften Welt da draußen so wenig wie möglich mitbekommen zu müssen.

Die Familie als Rückzugsort und die „wahre Liebe“ als einziger Grund, um zu heiraten und verheiratet zu bleiben. Mutterliebe und die romantische Liebe werden zum neuen Ideal und zum Stabilitätsfaktor der bürgerlichen Kernfamilie, die sich nach dem Ende der Französischen Revolution und während ihrer Nachwehen mit rasender Geschwindigkeit europaweit durchsetzen.

Liebende Ehepaare und Mutterliebe als neue Leitbilder sind für viele auch deshalb so attraktiv, weil sie so anders sind als die überspannten erotischen Verhältnisse des gerade abgeschafften dekadenten Adels, der mitsamt seinen Pluderhosen und den überdimensionalen Reifröcken, den gepuderten Perücken und seinen ‚mouches‘ (wörtlich: Fliegen; Bezeichnung für die Schönheitspflästerchen, die man sich ins Gesicht geklebt hat) endgültig in der Rumpelkammer der Geschichte gelandet ist. Viel scheint von der Pompadour, dem absolutistischen Hofstaat in Versailles, seinem bekennenenden Feind Jean-Jacques Rousseau, Revolution und Napoleon nicht übrig geblieben zu sein.

Doch in den Köpfen der Biedermeier-Mädchen, die ihre sorgfältig geringelten Löckchen unter züchtigen Hauben hervorblitzen lassen, und in den Gedanken, der jungen Männer, die jetzt keine gepuderten Perücken und Schönheitspflästerchen mehr tragen, haben sich trotzdem französische Überbleibsel aus jener revolutionären Zeit breitgemacht.
Zwei davon sind die wahre Liebe und die Mutterliebe.


Weiterführende Links zum Thema Liebe und Mutterliebe:


Lesen Sie im ersten Teil die Geschichte der Mutterliebe von der Antike bis ins Mittelalter:
Mythos Mutter: Die Hand an der Wiege bewegt die Welt


Mit „Mutterliebe“ hat der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau nichts im Sinn, als er 1762 seinen Roman „Emile oder über die Erziehung“ publiziert, eigentlich wollte er ein Zeichen gegen die festzementierte absolutistische Ständege-sellschaft setzen, die ihn anwidert.
Rund 40 Jahre später ist Rousseau posthum zum Helden der Französischen Revolution geworden und „Emile“ zur Grundlage moderner Erziehung. Lesen Sie im zweiten Teil:
Die Erfindung der Mutterliebe


Mutterliebe sorgt dafür, dass Frauen über sich hinauswachsen und Dinge tun, die sie normalerweise für andere Menschen nicht tun würden. Fehlt Mutterliebe, muss ein Kind also „mutterseelenallein“ aufwachsen, wird es diesen Mangel ein Leben lang spüren.
Aber was ist Mutterliebe, und wie lässt sie sich erklären?
Was heißt schon Mutterliebe?


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Bildnachweise:

  1. Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard (Gemälde von Jacques-Louis David, 1800),Von Jacques-Louis David – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Gemeinfrei
  2. Madame de Pompadour, détail du visage (1721-1764), Wallace Collection, Gemeinfrei
  3. Portrait of Louis XV of France (1710-1774), Maurice Quentin de La Tour (1748), Louvre Museum, Gemeinfrei
  4. Maria Theresia von Österreich und Franz Stephan von Lothringen im Kreise ihrer Kinder. Der zukünftige Joseph II. steht mitten im Stern (Gemälde um 1754),Von Martin van Meytens Gemeinfrei
  5. Flötenkonzert Friedrichs II. in Sanssouci (Gemälde von Adolph Menzel, 1850–52) Von Adolph Menzel – WAFEF2zy8Ym8vQ at Google Cultural Institute, zoom level maximum, Gemeinfrei
  6. Porträt von Marie Antoinette mit einer Rose, 1778 gemalt von ihrer Lieblingskünstlerin Élisabeth Vigée-Lebrun (Öl auf Leinwand, Schloss von Versailles), Von Unbekannt, Gemeinfrei
  7. Die Freiheit führt das Volk, Eugène Delacroix, Gemeinfrei, pixabay
  8. Napoleon im Arbeitszimmer mit Hand in der Weste (Gemälde von Jacques-Louis David, 1812) Von Jacques-Louis David – zQEbF0AA9NhCXQ at Google Cultural Institute maximum zoom level, Gemeinfrei
  9. Der Sonntagsspaziergang, Carl Spitzweg, 1841, – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Gemeinfrei

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