Mätressenwirtschaft, Revolution und die große Liebe

Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard Gemälde von Jacques-Louis David, 1800

Bona­par­te beim Über­schrei­ten der Alpen am Gro­ßen Sankt Bern­hard, Von Jac­ques-Lou­is David — The Yorck Pro­ject.

 

Das 18. Jahr­hun­dert ent­deckt die Lie­be. 1762 erfin­det der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean-Jac­ques Rous­seau ver­se­hent­lich die Mut­ter­lie­be, rund 30 Jah­re spä­ter fegt die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on das “Anci­en Régime” aus sei­nen Paläs­ten. Damit hat auch die Mätres­sen­wirt­schaft aus­ge­dient, denn ab sofort kön­nen Ehe­paa­re sich schei­den las­sen. Ange­sichts sol­cher Aus­sich­ten ent­de­cken vie­le ein bis­lang unbe­kann­tes Gefühl: die “wah­re” Lie­be.

Die Revolution

Jahr­hun­der­te­lang hat­te der Drit­te Stand das luxu­riö­se Leben von Adel und Kle­rus, ein rie­si­ges Heer und etli­che Krie­ge finan­ziert. 1789 reicht es und die lang auf­ge­stau­te Frus­tra­ti­on über Hun­ger und Elend, erdrü­ckend hohe Steu­ern und den fei­nen Damen und Her­ren des ers­ten und zwei­ten Stan­des, die trotz der wach­sen­den Armut der rest­li­chen 90 Pro­zent der Bevöl­ke­rung nichts von ihren Pri­vi­le­gi­en abge­ben wol­len,  ent­lädt sich auf den Stra­ßen von Paris.

Danach wird nichts mehr so sein wie zuvor. Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keiterobert Euro­pa und nimmt die neu­en Ide­en von Lie­be und Mut­ter­lie­be gleich mit.

Französische Revolution Delacroix

Die Frei­heit führt das Volk, Eugè­ne Del­a­c­roix, gemein­frei

Zunächst ist es der beson­ders har­te Win­ter 1788/89, der Brot­prei­se und Arbeits­lo­sig­keit wei­ter stei­gen und schließ­lich das Fass zum Über­lau­fen bringt.
Am 14. Juli 1789 stürmt eine wüten­de Men­schen­men­ge die Bas­til­le, das alte Staats­ge­fäng­nis und Sym­bol abso­lu­tis­ti­scher Macht, befreit sie­ben Gefan­ge­ne und mar­kiert damit den Anfang vom Ende der alten Ord­nung: Nach dem Sturm auf die Bas­til­le gerät über­all im Land das revo­lu­tio­nä­re Feu­er außer Kon­trol­le.

Der französische Sonnenkönig Ludwig 14.

Lud­wig XIV. im Krö­nungs­or­nat (Por­trät von Hyacin­the Rigaud, 1701) Von Unbe­kannt – wartburg.edu, Gemein­frei

Wenn sie kein Brot haben, dann sol­len sie doch Gebäck essen

Lud­wig 14., der Son­nen­kö­nig oder auch Lou­is le Grand (fran­zö­sisch Lou­is XIV, 1638 — 1715) — ist der Erfin­der des Abso­lu­tis­mus, ein sehr erfolg­rei­ches Regie­rungs­mo­dell, für das zunächst die ein­fa­chen Leu­te einen hohen Preis bezah­len müs­sen.
1789 — 74 Jah­re nach dem Tod des Son­nen­kö­nigs —  beka­men dann aller­dings Adel und Kle­rus die blu­ti­ge Quit­tung für ein Sys­tem, das weni­ge reich und sehr vie­le arm gemacht hat­te.

Ein Kern­stück des abosul­tis­ti­schen Sys­tems war die Kon­zen­tra­ti­on der Macht nur beim König, Her­zö­ge, Baro­ne und Gra­fen hat­ten poli­tisch nichts mehr zu sagen.
Das hat­te Sinn: Statt den Adel weit ver­streut in sei­nen Schlös­sern leben zu las­sen, wo er kaum zu kon­trol­lie­ren war und mög­li­cher­wei­se eige­ne Macht­phan­ta­si­en und Plä­ne ent­wi­ckeln konn­ten, schar­te Lud­wig — und alle sei­ne abso­lu­tis­ti­schen Nach­fol­ger (mit Namen: Lud­wig) — die Vor­neh­men des Lan­des als Höf­lin­ge um sich, hielt sie wie Schoß­hünd­chen und beschäf­tig­te sie mit Schä­fer- und Rän­ke­spie­len und sinn­lo­sen Ämtern:
Die Fra­ge, wer dem König bei­spiels­wei­se beim ‘Lever’ (dem könig­li­chen Erwa­chen aus der Nacht­ru­he) durch das Rei­chen eines feuch­ten Tüch­leins zur Gesichts­rei­ni­gung behilf­lich sein durf­te, hat­te poli­ti­sche Bri­sanz und konn­te für Auf­ruhr und wochen­lan­gen Streit unter den Pri­vi­le­gier­ten des Lan­des sor­gen.

Wesent­lich nach­tei­li­ger als die Höf­lings­wirt­schaft wirk­te sich für Bau­ern und Hand­wer­ker aller­dings ein wei­te­res Kern­stück des Abso­lu­tis­mus, der  Mer­kan­ti­lis­mus - die abso­lu­tis­ti­sche Wirt­schafts­po­li­tik -, aus: Um für einen aus­ge­gli­che­nen Haus­halt zu sor­gen und im Aus­land viel Ware ver­kau­fen zu kön­nen, griff der Staat mas­siv in die Wirt­schafts­ent­wick­lung ein und hielt die Erzeu­ger­prei­se künst­lich nied­rig — über Jah­re und Jahr­zehn­te gabe es null Pro­zent Lohn­stei­ge­rung für die Hand­wer­ker und Arbei­ter in den neu geschaf­fe­nen Manu­fak­tu­ren.
Damit sich die arbei­ten­de Bevöl­ke­rung mit ihren nied­ri­gen Löh­nen aus­rei­chend Nah­rung bekom­men konn­ten, muss­ten auch die Prei­se von Agrar­pro­duk­ten gede­ckelt wer­den — teil­wei­se lagen die Prei­se, die ver­langt wer­den durf­ten, unter den Pro­duk­ti­ons­kos­ten. Die Fol­gen: Löh­ne und Prei­se blie­ben sta­bil nied­rig, aber die Sche­re zwi­schen Arm und Reich öff­ne­te sich immer wei­ter, der größ­te Teil der abso­lu­tis­ti­schen Gesell­schaft wur­de immer ärmer.

Allein das war reich­lich sozi­al­po­li­ti­scher Spreng­stoff, dazu kamen unzäh­li­ge Krie­ge — zuletzt Frank­reichs Betei­li­gung am ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­krieg gegen die Eng­län­der — die rie­si­ge Sum­men des Volks­ver­mö­gens ver­schlan­gen.

Porträt von Marie Antoinette mit einer Rose, 1778 gemalt von ihrer Lieblingskünstlerin Élisabeth Vigée-Lebrun

Por­trät von Marie Antoi­net­te mit einer Rose, 1778 gemalt von ihrer Lieb­lings­künst­le­rin Éli­sa­beth Vigée-Lebrun (Öl auf Lein­wand, Schloss von Ver­sailles), Gemein­frei

1789 ist Frank­reich bank­rott, der größ­te Teil sei­ner Bevöl­ke­rung ver­elen­det, nur der Adel scheint von all­dem kaum etwas mit­zu­be­kom­men:

Wenn sie kein Brot haben, dann sol­len sie doch Gebäck essen, wird jene unglück­li­che Köni­gin Marie Antoi­net­te zitiert, die mit Lud­wig XVI, dem Uren­kel des Son­nen­kö­nigs, ver­hei­ra­tet ist, und 1793 nach einem miss­glück­ten Flucht­ver­such, Gefan­gen­schaft und dem Pro­zess vor dem revo­lu­tio­nä­ren Wohl­fahrts­aus­schuss wie so vie­le vor und nach ihr auf der Guil­lo­ti­ne endet.
(Das Zitat wur­de übri­gens von Jean-Jac­ques Rous­seau in einem sei­ner Bücher ver­brei­tet; ob es tat­säch­lich von Marie-Antoi­net­te stammt, ist nicht belegt.)


Der Mar­quis de La Fay­et­te, erfolg­rei­cher Kriegs­held im  ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­krieg, kehrt von sei­ner erfolg­rei­chen Mis­si­on aus den gera­de von den Bri­ten befrei­ten Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka zurück und ver­liest noch unter dem Ein­druck der moder­nen ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sung die Erklä­rung der Men­schen­rech­te vor der Natio­nal­ver­samm­lung.
Das Erstaun­li­che an den neu­en Rech­ten: sogar ein Hauch von Frau­en­eman­zi­pa­ti­on ist mit dabei. Und noch erstaun­li­cher:
Kur­ze Zeit spä­ter führt die Natio­nal­ver­samm­lung das Recht auf Schei­dung ein.

Das 18. Jahrhundert entdeckt die Liebe …

Das neue Schei­dungs­recht wur­de zwar von vie­len gefor­dert — vor allem von Bür­ge­rin­nen -, aber als es da ist, bringt es vie­les durch­ein­an­der.

Seit Jahr­hun­der­ten war man an arran­gier­te Hoch­zei­ten gewöhnt, lieb­lo­sen Ver­sor­gungs­ehen, Hei­ra­ten aus poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen oder dynas­ti­schen Grün­den und der „Mätres­sen­wirt­schaft“. Seit 1792 kann man sich unter bestimm­ten Umstän­den schei­den las­sen, eine Opti­on, die ver­wirrt und sowohl Ehe­frau­en als auch Ehe­män­ner vor neue Her­aus­for­de­run­gen stellt.

Es ist eine Chan­ce – aber eine „gefähr­li­che“; schreibt bei­spiels­wei­se 1794 Suz­an­ne Necker, Schrift­stel­le­rin, bedeu­ten­de Salon­da­me und Ehe­frau des Ban­kiers und Poli­ti­kers Jac­ques Necker in einer Denk­schrift über das Schei­dungs­recht und setzt fort: Man lau­fe Gefahr, sich zu „ver­zet­teln“ und fin­de nicht mehr „Zuflucht in einer zar­ten See­le“ beim Part­ner.
Bis dass der Tod Euch schei­det“  kann nicht mehr wört­lich genom­men wer­den.
Die Mög­lich­keit, eine unglück­li­che Ehe been­den zu kön­nen, besteht jetzt. Nur: damit geht auch ein als sicher geglaub­ter Hafen ver­lo­ren.

Denn es ist die eine Sache, sich über den Stink­stie­fel an Ehe­mann und sei­ne Eska­pa­den zu bekla­gen, den man als Vier­zehn- oder Fünf­zehn­jäh­ri­ge auf Geheiß der Eltern hat­te hei­ra­ten müs­sen.
Es ist etwas ande­res, wenn die­ser Stink­stie­fel plötz­lich die Mög­lich­keit bekommt, sich schei­den zu las­sen. Bei­spiels­wei­se um sei­ne lang­jäh­ri­ge Gelieb­te hei­ra­ten zu kön­nen und sei­ne unehe­li­chen Nach­kom­men mit ihr zu legi­ti­mie­ren.
Eine durch­aus berech­tig­te Sor­ge, denn eine Geschie­de­ne ist in jener Zeit eben­so wie eine Wit­we öko­no­misch viel schlech­ter gestellt als eine Ehe­frau.

Sehr schnell ent­wi­ckelt sich eine neue Defi­ni­ti­on für das Zusam­men­le­ben von Ehe­leu­ten — die Idee der gro­ßen und roman­ti­schen Lie­be wird gebo­ren.

… und die Mutterliebe

Porträt von Jean-Jacques Rousseau

Jean-Jac­ques Rous­seau, Pas­tell von Mau­rice Quen­tin de La Tour, 1753, Gemein­frei

Rund 30 Jah­re zuvor hat­te der Phi­lo­soph Jean-Jac­ques Rous­seau ein wei­te­res besorg­nis­er­re­gen­des Kon­zept in die Welt gesetzt, das jetzt, wäh­rend der Revo­lu­ti­on, nach oben gespült wird: die Mut­ter­lie­be.

Eigent­lich ist Rous­se­aus Erfin­dung der Mut­ter­lie­be ein Ver­se­hen, denn im Prin­zip hat er mit Müt­tern und Kin­dern nicht viel am Hut: Die fünf Kin­der, die ihm sei­ne Lebens­ge­fähr­tin The­re­se gebiert, gibt er eins nach dem ande­ren gleich nach der Geburt in ein Fin­del­haus (wo alle elen­dig zugrun­de gehen), um zu Hau­se unge­stört arbei­ten zu kön­nen, wie er spä­ter sagt.

Eigent­lich will Rous­seau mit sei­nem 1762 ver­öf­fent­lich­ten Erzie­hungs­ro­man „Emi­le oder über die Erzie­hung” ein Fanal set­zen gegen die über­dreh­te abso­lu­tis­ti­sche Gesell­schaft, die ihn anwi­dert — gegen die Höf­lin­ge in Plu­der­ho­sen und über­la­de­nen Spit­zen­hem­den und gegen die fei­nen Her­ren und Damen mit ihren turm­ho­hen Perü­cken, die ihre Tage mit Müßig­gang, Rän­ke­spie­len und der detail­lier­ten Beach­tung der höfi­schen  Etti­ket­te ver­brin­gen:

Die Marquise de Pompadour

Madame de Pom­pa­dour, détail du visa­ge (1721–1764), Wal­lace Collec­tion, Gemein­frei

Die künst­li­chen Haar­ge­bil­de waren sehr pfle­ge­in­ten­siv. Ein­mal in der Woche muss­te man sie weg­schi­cken, damit ihre Locken auf erhitz­ten Wick­lern oder sogar im Ofen neu gelegt wur­den. Von 1700 an, aus Grün­den, die weder etwas mit gesun­dem Men­schen­ver­stand noch mit Prak­ti­ka­bi­li­tät zu tun gehabt haben kön­nen, wur­de es Mode, jeden Tag einen Schwall wei­ßes Pul­ver auf sei­nen Kopf nie­der­rie­seln zu las­sen. Das gebräuch­lichs­te Mit­tel war Haus­halts­mehl. Als die Wei­zen­ern­ten in Frank­reich in den 1770er Jah­ren mehr­fach schlecht aus­fie­len und die hun­gern­den Men­schen begrif­fen, dass ohne­hin schon knap­pe Mehl nicht zu Brot ver­ba­cken wur­de, son­dern auf den pri­vi­le­gier­ten Häup­tern der Aris­to­kra­tie lan­de­te, revol­tier­ten sie. Ende des acht­zehn­ten Jahr­hun­derts war Haar­pu­der meist far­big — beson­ders beliebt: blau und rosa — und par­fü­miert.”
Bill Bry­son, Eine kur­ze Geschich­te der all­täg­li­chen Din­ge


Unter­pri­vi­le­giert ist der Phi­lo­soph und Päd­ago­ge Rous­seau (1712 – 1778) nicht, unter ande­rem ist Madame de Pom­pa­dour, die mäch­ti­ge maî­tres­se en tit­re des Königs, sei­ne Mäze­nin.
Die eta­blier­te Gesell­schaft bringt ihn trotz sei­ner pro­mi­nen­ten Geld­ge­be­rin zur Weiß­glut: eitel sei sie, selbst­süch­tig und unehr­lich. In zahl­rei­chen Publi­ka­tio­nen pran­gert er die abso­lu­tis­ti­sche Stän­de­ge­sell­schaft an und macht sich über die fei­ne Aris­to­kra­tie lus­tig.  1762 erscheint schließ­lich sein wohl bekann­tes­ten Werk “Emi­le” , in dem er sei­ne Uto­pie einer neu­en Gesell­schaft pos­tu­liert:
Mensch und Natur sei­en von Anfang an gut, und nur die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung ver­dirbt alles. Die Auf­ga­be einer neu­en Gesell­schaft müs­se es sein, an den unschul­di­gen Anfang zurück­zu­keh­ren.
Das ist gedank­li­cher Spreng­stoff.

Zunächst wird sei­ne Theo­rie vom guten Men­schen, der erst durch Erzie­hung ins Schlech­te ver­kehrt wird, belä­chelt — Rous­se­aus Zeit­ge­nos­se Vol­taire spöt­telt, er habe nach der Lek­tü­re des Romans Lust bekom­men, auf allen vie­ren zu krie­chen.
Doch 1789 passt Rous­se­aus Welt­bild per­fekt in das neue Welt­bild der Revo­lu­tio­nä­re; post­hum kommt Rous­se­aus Leh­re vom frei­en, wil­den und guten Urzu­stand des Men­schen zu Ruhm und Ehre, er selbst wird zu einer Art päd­ago­gi­scher Super­held der Revo­lu­ti­on.
Und die Erfolgs­ge­schich­te der Mut­ter­lie­be nimmt ihren Lauf.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Doch zunächst gibt es ande­re Pro­ble­me: Die Revo­lu­ti­on ver­zet­telt sich, sie wird miss­trau­isch gegen alles und jeden, denn die Mon­ar­chen Euro­pas for­mie­ren sich zu einer brei­ten Alli­anz gegen das revo­lu­tio­nä­re Frank­reich und ver­su­chen, die Repu­blik von außen und mit Gewalt wie­der abzu­schaf­fen.

Napoleon im Arbeitszimmer mit Hand in der Weste

Napo­le­on im Arbeits­zim­mer mit Hand in der Wes­te (Gemäl­de von Jac­ques-Lou­is David, 1812), Gemein­frei

Das all­ge­mei­ne Miss­trau­en sorgt dafür, dass Bür­ge­rin­nen und Bür­ger wegen Nich­tig­kei­ten auf der Guil­lo­ti­ne lan­den, oft reicht dafür schon ein Ver­dacht oder ein Gerücht. Wer sei­nen Ehe­part­ner los­wer­den will, braucht das neue Schei­dungs­recht eigent­lich gar nicht, man muss nur das pas­sen­den Gerücht über die Gat­tin oder den Gat­ten streu­en, und kann dann fast sicher sein, dass dank der Arbeit des Wohl­fahrts­aus­schus­ses die Ehe ein für alle­mal  been­det wird.

Das blu­ti­ge und chao­ti­sche Drun­ter und Drü­ber der Revo­lu­ti­on hat sei­nen Höhe­punkt erreicht, als der “klei­ne Mann aus Kor­si­ka”, Napo­le­on Bona­par­te (1769 – 1821), die Welt­büh­ne  betritt. Zunächst ist er nur ein begna­de­ter Mili­tär­füh­rer, wird bekannt und berühmt für sei­ne mili­tä­ri­schen erfol­ge, macht Kar­rie­re und putscht sich 1799 als Füh­rer des Revo­lu­ti­ons­hee­res an die Macht.
1804 erklärt er die Revo­lu­ti­on für voll­endet und krönt sich selbst zum Kai­ser der Fran­zo­sen. (Anmer­kung: Mit 1,68 m Kör­per­grö­ße war Napo­le­on übri­gens nicht klein für sei­ne Zeit, son­dern Durch­schnitt – das „klein“ war wohl von sei­nem Kriegs­geg­ner Eng­land zur Dif­fa­mie­rung und als Pro­pa­gan­da­mit­tel in die Welt gesetzt wor­den.)

der Code Napoléon

Napo­le­on ist für Euro­pa ein zwei­schnei­di­ges Schwert.
Zum einen ver­ant­wor­te­te er lan­ge, für Frank­reich zunächst sehr erfolg­rei­che Krie­ge, in denen er mit sei­ner Armee bis Mos­kau mar­schiert (und wie­der zurück), dabei fast den gesam­ten Kon­ti­nent über­rennt, den Tod Hun­dert­tau­sen­der ver­schul­det, die alte Ord­nung Euro­pas durch­ein­an­der­wür­felt und schließ­lich, nach sei­nem Fall, einen rie­si­gen poli­ti­schen Scher­ben­hau­fen hin­ter­lässt.

Aber er legt auch die Grund­la­gen unse­rer moder­nen Rechts­spre­chung.
Zusam­men mit sei­nen Arme­en erobert der „Code Napo­le­on“ (Code civil) Euro­pa: Tren­nung von Kir­che und Staat, Gewer­be­frei­heit, Zugang zu Ämtern durch Leis­tung und nicht durch Geburt, sind Prin­zi­pi­en sei­nes Rechts­we­sens, die bis heu­te im Wesent­li­chen gel­ten.
Die napo­leo­ni­schen Krie­ge schaf­fen in Spa­ni­en die Inqui­si­ti­on ab, orga­ni­sie­ren in Köln eine Müll­ab­fuhr (weil es so stank, dass es kei­ner mehr aus­hal­ten konn­te) und sor­gen für die Ver­brei­tung ein­heit­li­cher Maß­ein­hei­ten wie Meter, Kilo­gramm und Liter, was für den Han­del einen immensen Fort­schritt bedeu­tet.

Kin­der­ehen wer­den ver­bo­ten, das hei­rats­fä­hi­ge Alter auf 21 Jah­re her­auf­ge­setzt und das seit 1792 Schei­dungs­recht wird fest­ge­schrie­ben, ein Recht, von dem zunächst vor allem Frau­en Gebrauch mach­ten.

Die große Liebe, Mutterliebe und Die Familie

Nach sei­nem ver­lo­re­nen Krieg und einem geschei­ter­ten Selbst­mord­ver­such dankt Napo­le­on am 6. April 1814 ab und der Wie­ner Kon­gress unter der Lei­tung des öster­rei­chi­schen Kanz­lers Cle­mens Wen­ces­laus Lothar Fürst von Met­ter­nich beginnt mit den Auf­räum­ar­bei­ten und der Rück­ab­wick­lung von 20 Jah­ren euro­päi­scher Geschich­te.

Man leckt sei­ne Wun­den, sor­tiert sich neu und will nach all die­sen Jah­ren end­lich für Ruhe und Ord­nung in Euro­pa sor­gen.
Es ist das Zeit­al­ter der Restau­ra­ti­on, eine Epo­che der Läh­mung, in der jede Form gesell­schaft­li­cher oder poli­ti­scher Bewe­gung erstarrt zu sein scheint — oder durch über­ner­vö­se Mon­ar­chen erstarrt wird.
Die Bie­der­mei­er­zeit bricht an, eine Zeit, in der man sei­ne Türen ver­schließt und sich im Schoß sei­ner klei­nen bür­ger­li­chen Fami­lie und hin­ter dem hei­mi­schen Herd zurück­zieht, um von der wech­sel­haf­ten Welt da drau­ßen so wenig wie mög­lich mit­be­kom­men zu müs­sen.

Der Sonntagsspaziergang, Carl Spitzweg, 1841

Der Sonn­tags­spa­zier­gang, Carl Spitz­weg, 1841, — The Yorck Pro­ject: 10.000 Meis­ter­wer­ke der Male­rei. Dis­tri­bu­t­ed by DIRECTMEDIA Publi­shing GmbH., Gemein­frei

Es sieht so aus, als ob von der Pom­pa­dour und dem abso­lu­tis­ti­schen Hof­staat in Ver­sailles mit sei­nen über­spann­ten ero­ti­schen Ver­hält­nis­sen, den Plu­der­ho­sen und über­di­men­sio­na­len Reif­rö­cken, den gepu­der­ten Perü­cken und den ‘mou­ches’ (wört­lich: Flie­gen; Bezeich­nung für Schön­heits­pfläs­ter­chen) nicht viel übrig geblie­ben ist.
Auch Jean-Jac­ques Rous­seau und sei­ne Idea­le, die Revo­lu­ti­on und Napo­le­on schei­nen end­gül­tig in der Rum­pel­kam­mer der Geschich­te gelan­det zu sein.

Doch in den Köp­fen der Bie­der­mei­er-Mäd­chen, die ihre sorg­fäl­tig gerin­gel­ten Löck­chen unter züch­ti­gen Hau­ben her­vor­blit­zen las­sen, und in den Gedan­ken der jun­gen Män­ner, die jetzt statt Knie­bund­ho­sen ele­gan­te haut­enge Pan­talons tra­gen, haben sich trotz­dem fran­zö­si­sche Über­bleib­sel aus jener Zeit euro­päi­scher Geschich­te breit­ge­macht: die Mut­ter­lie­be und die roman­ti­sche Lie­be als neue Idea­le und als Sta­bi­li­täts­fak­to­ren der bür­ger­li­chen Kern­fa­mi­lie.

 Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Der Luxus der gro­ßen Gehir­ne  – Dro­gen­flash und posi­ti­ve Vor­bil­der: Wie Mut­ter­lie­be ent­steht – „Die ers­ten Wochen ent­schei­den (fast) alles – Wenn Mut­ter­lie­be fehlt
Was heißt schon Mut­ter­lie­be?

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2016


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Ein wun­der­ba­rer Streif­zug durch die Kul­tur­ge­schich­te der Mensch­heit. Unter­halt­sam und wit­zig geschrie­ben, mit vie­len Details, durch die man ein­fach bes­ser ver­steht, war­um “es so ist, wie es ist.” Sehr hörens­wert: Die Audio-Ver­si­on, gele­sen von Rufus Beck. Bill Bry­son, Eine kur­ze Geschich­te der all­täg­li­chen Din­ge*, Gold­mann Taschen­buch, 2013

5000 Jah­re Welt­ge­schich­te: Das bril­lan­te Begleit­buch der sechs­tei­li­gen ZDF-Rei­he von Hans-Chris­ti­an Huf und Gero von Boehm, wun­der­bar und augen­zwin­kernd gespro­chen von Hape Ker­ke­ling. Uner­reicht hörens­wert!
Hans-Chris­ti­an Huf, Gero von Boehm, Unter­wegs in der Welt­ge­schich­te*, Ran­dom Hou­se Audio, 2011

12 sehr lesens­wer­te Por­träts ein­fluss­rei­cher Frau­en, ange­fan­gen von Adel­heid (931 — 999) über Lucre­zia Bor­gia (1480 — 1519), Jean­ne Antoi­net­te de Pom­pa­dour (1721 — 1764) bis zu Hil­la­ry Clin­ton und Ange­la Mer­kel. Per­fek­tes Info­tain­ment — auch zum Ver­schen­ken.
Armin Stroh­meyr, Ein­fluss­rei­che Frau­en: 12 Por­träts*, Piper Mün­chen Zürich, 2014

Wei­ter­füh­ren­de Links zum The­ma Lie­be und Mut­ter­lie­be:


Lesen Sie im ers­ten Teil die Geschich­te der Mut­ter­lie­be von der Anti­ke bis ins Mit­tel­al­ter:
Mythos Mut­ter: Die Hand an der Wie­ge bewegt die Welt


Mit “Mut­ter­lie­be” hat der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean-Jac­ques Rous­seau nichts im Sinn, als er 1762 sei­nen Roman “Emi­le oder über die Erzie­hung” publi­ziert, eigent­lich woll­te er ein Zei­chen gegen die fest­ze­men­tier­te abso­lu­tis­ti­sche Stän­de­ge-sell­schaft set­zen, die ihn anwi­dert.
Rund 40 Jah­re spä­ter ist Rous­seau post­hum zum Hel­den der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on gewor­den und “Emi­le” zur Grund­la­ge moder­ner Erzie­hung. Lesen Sie im zwei­ten Teil:
Die Erfin­dung der Mut­ter­lie­be


Die Kind­heit ist die prä­gends­te Zeit in unse­rem Leben. Über Müt­ter und Väter, Geschwis­ter­lie­be, trans­ge­ne­ra­tio­na­le Ver­er­bung und Kind­heits­mus­ter, die uns unser gesam­tes Leben beglei­ten.
Was heißt schon Lie­be? Kin­der, Kin­der


Wir müssten das alles mal aufschreiben Die Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en ver­öf­fent­licht seit 2012 hoch­wer­ti­ge Bild­bän­de und Chro­ni­ken über Fami­li­en- und Unter­neh­mens-geschich­ten. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf unse­rer Home­page Bild­bio­gra­phi­en: Wir müss­ten das alles mal auf­schrei­ben!


 

Bild­nach­wei­se:

  1. Bona­par­te beim Über­schrei­ten der Alpen am Gro­ßen Sankt Bern­hard (Gemäl­de von Jac­ques-Lou­is David, 1800),Von Jac­ques-Lou­is David — The Yorck Pro­ject: 10.000 Meis­ter­wer­ke der Male­rei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Dis­tri­bu­t­ed by DIRECTMEDIA Publi­shing GmbH., Gemein­frei
  2. Die Frei­heit führt das Volk, Eugè­ne Del­a­c­roix, Gemein­frei, pixabayD
  3. Lud­wig XIV. im Krö­nungs­or­nat (Por­trät von Hyacin­the Rigaud, 1701) Von Unbe­kannt – wartburg.edu, Gemein­frei
  4. Por­trät von Marie Antoi­net­te mit einer Rose, 1778 gemalt von ihrer Lieb­lings­künst­le­rin Éli­sa­beth Vigée-Lebrun (Öl auf Lein­wand, Schloss von Ver­sailles), Von Unbe­kannt, Gemein­frei
  5. Jean-Jac­ques Rous­seau, Pas­tell von Mau­rice Quen­tin de La Tour, 1753, Gemein­frei
  6. Madame de Pom­pa­dour, détail du visa­ge (1721–1764), Wal­lace Collec­tion, Gemein­frei
  7. Napo­le­on im Arbeits­zim­mer mit Hand in der Wes­te (Gemäl­de von Jac­ques-Lou­is David, 1812) Von Jac­ques-Lou­is David — zQEbF0AA9NhCXQ at Goog­le Cul­tu­ral Insti­tu­te maxi­mum zoom level, Gemein­frei
  8. Der Sonn­tags­spa­zier­gang, Carl Spitz­weg, 1841, — The Yorck Pro­ject: 10.000 Meis­ter­wer­ke der Male­rei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Dis­tri­bu­t­ed by DIRECTMEDIA Publi­shing GmbH., Gemein­frei

 


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