Soziale Medien: Sind wir alle Mrs. Vanderbilt?

Einst verkleidete sich Mrs. Vanderbilt, die Gattin des legendären Schiffs- und Eisenbahn-königs Cornelius Vanderbilt, zur Feier der Elektrifizierung ihres bescheidenen Heimes in der New Yorker Fifth Avenue als Glühbirne. Kurz nach dem rauschenden Kostümfest ließ sie allerdings sämtliche elektrischen Leitung aus ihrem Zuhause wieder entfernen: Ein kleiner Kabelbrand hatte sie zur Erkenntnis gebracht, dass Strom offenbar viel ge- fährlicher sein könnte, als sie gedacht hatte. Können wir uns – um im Bild zu bleiben – Mrs. Vanderbilts Erkenntnis leisten und auf den Fortschritt unserer Tage – Soziale Medien – verzichten?

Ab wann Mrs. Vanderbilt sich dann endgültig mit der elektrischen Glühbirne aussöhnte, ist nicht überliefert, aber irgendwann wird sie es getan haben (sie starb 1942 im Alter von 67 Jahren. Weder an den Folgen eines Kabelbrandes noch am Stromschlag!). Aussöhnen werden wir uns wohl auch mit der Glühbirne unserer Tage, den sozialen Medien. Rausreißen wird auf die lange Sicht einfach nichts bringen.

Zwischen Fortschritt und Angst

Wir Menschen sind eigenartige Wesen. Wir tun alles für Entwicklung und Fortschritt, aber sobald der dann eingetreten ist, schlägt die Stunde der Warner und Experten. Aus „Höher, Schneller, Weiter“ wird zu hoch, zu schnell und zu weit. Aber dann ist es meistens zu spät und das Kind im Brunnen … In der Geschichte der Menschheit wurde bislang jede erfundene Technologie eingesetzt. Wenn nicht heute, dann eben morgen.

Als Elektrizität und Glühlampe gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihren Siegeszug antraten, gab es nicht wenige Fachleute, die vor den zu erwartenden Elektro-Krankheiten – Augendruck, Kopfschmerzen, allgemeines Unwohlsein und ein „vorzeitiges Verlöschen des Lebens“ (was für viele Elektriker jener Tage leider tatsächlich zutraf) – warnten. Sogar für Sommersprossen wurde elektrisches Licht verantwortlich gemacht.

Heute sind wir schlauer. Glauben wir zumindest. Mit Glühbirnen, Strom und der einstmals als mindestens genauso gefährlich angesehenen Eisenbahn können wir mittlerweile souverän umgehen. Aber wie sieht eigentlich unser Verhältnis zur aktuellen Technologierevolution aus: der digitalen?


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Asynchron posten statt synchron miteinander sprechen

Hätten Sie’s gedacht, als in den 1980er Jahren die ersten „Personal Computer“ auf den Markt gekommen sind? Harmlos aussehende Dinger zum Spielen, die dann – was ist eigentlich passiert? – unser Leben völlig umgekrempelt haben. Die Welt ist zum Dorf geworden, Sprachbarrieren sind gefallen; wir können fast zeitgleich überall sein und uns über alles und jeden informieren. Noch nie hatten wir auf der ganzen Welt so viele neue Freunde. Und so viel Spaß. Gleichzeitig waren wir auch noch nie so in Gefahr, einsam, unglücklich und dumm zu werden, und wenn nicht das, dann wenigstens hektisch.

Allein und offline? Das ist kein „Leben“, zumindest keines, das uns lebenswert erscheint. „Kaufe hier, konsumiere da, mache spontan Schulden und lebe jetzt“, sind die Botschaften, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind. Unsere schöne neue Welt der Sozialen Medien will uns ganz offensichtlich zu leichtfüßigen Konsumenten machen, die immer auf der Suche nach dem nächsten „Kick“ sind.

Das hat Folgen: „Alleinsein“ (das heißt ohne Smartphone-Kontakt zur Außenwelt) fühlt sich für Kinder und Jugendliche mittlerweile wie ein Problem an, das dringend gelöst werden muss. Das sind die Ergebnisse mehrerer ernstzunehmender Studien. Doch die Generation „WhatsApp“ läuft nicht nur Gefahr, „allein“ mit „einsam“ zu verwechseln, sie plagt sich vor allem auch mit echter – synchroner – Kommunikation. Die asynchronen „Posts“ in sozialen Medien sind kontrollierbar, sitzt man dagegen einem wirklichen Menschen gegenüber, kann man blöde Bemerkungen nicht einfach löschen und Langweiler lassen sich bei Bedarf auch nicht wegklicken.

Kommunikation ist die eine Sache, Aufmerksamkeit und Erinnerungs-vermögen die andere, die von sozialen Medien beeinflusst werden. „Google“ liefert uns nicht nur Antworten auf (fast) alle Fragen des Lebens, sondern auch den Namen für ein weiteres beunruhigendes Phänomen: Als Google Effect bezeichnen Fachleute die deutlich nachlassende Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit bei Menschen, die ihr Leben, eigenes Nachdenken und Erinnern zu sehr ans Internet delegieren. Das nächste Bild, die neuste Attraktion sind nur einen Mausklick entfernt, warum sich also mit eigenen Gedanken plagen, zumal man für die meistens länger als eine Minute braucht?
Nur anklicken statt durchdenken ist auf Dauer für Kopf und Geist jedoch eine riskante Angelegenheit, denn ohne trainiertes Gedächtnis sind Menschen nicht in der Lage, längere Analysen durchzuführen oder Erzählungen aufzunehmen. Also schlichtweg das, was den menschlichen Geist ausmacht.

Doch was hilft alles Jammern. Stecker ziehen? Geht auch nicht: Facebook und Co. sind keine Modeerscheinungen und werden auch nicht einfach wieder verschwinden. Ganz offenbar erfüllen sie grundlegende menschliche Bedürfnisse. Und jeder, der sich mit sozialen Medien beschäftigt, erkennt sehr schnell ihre unschlagbare Attraktivität. So bleibt nichts anderes übrig, als sie zu verstehen. Und zu wählen.

In der mentalen Wegwerfgesellschaft

Lebensglück, das Gefühl ein gelungenes Leben zu führen, schlicht ein „erfülltes Leben“, hat sehr viel mit Selbstbestimmung, Authentizität und manchmal auch mit Plackerei (und dem Erreichen von Zielen aus eigener Kraft) zu tun. Bildchen und Filmchen Gucken ist zugegebenermaßen lustig und entspannend, wirken aber nur an der Oberfläche und haben überhaupt nichts mit dem zu tun, was bei Vertretern der „Positiven Psychologie“ als Glückszutaten gilt. Vielleicht werden wir deshalb fast süchtig nach kurzfristiger Bespaßung, wenn uns der Sinn für das andere verloren gegangen ist? (vgl. hierzu: Die Energie folgt der Aufmerksamkeit, Februar 2015).

„Kaufe hier, konsumiere da, mache spontan Schulden und lebe jetzt“, sind die Botschaften, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind. Der leichtfüßige digitale Konsument, der immer auf der Suche nach dem nächsten „Kick“ ist, muss ein Traum für die Werbewirtschaft sein. Aber Konsum ist nicht identitätsstiftend. Und macht nicht glücklich.
„Leben ist das, was Dir passiert, während Du andere Pläne schmiedest“, lautet ein amerikanisches Sprichwort. Ergänzen könnte man das noch mit: „Leben passiert auch, während Du ein bisschen im Internet herumsurfst“. Wählen wir! Denn es geht um unser Lebensglück. Und das unserer Kinder.

Es grüßt Sie herzlich
Ihre Mrs. Vanderbilt 😛

Noch mehr interessante Gedanken- und Bilderstürmerei!
http://nielskoschoreck.de/dunkle-seite-social-media-internet/
Die Energie folgt der Aufmerksamkeit. Positive Psychologie im Alltag:
http://generationen-gespräch.de/die-energie-folgt-der-aufmerksamkeit-ein-glueckliches-leben-trotz-schwieriger-kindheit/

Bildnachweise:
1) Gertrude Vanderbilt Whitney by Unknown, Public Domain
2) Agentur für Bildbiographien

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2015


Wir müssten das alles mal aufschreibenDie Agentur für Bildbiographien bringt seit 2012 Lebens-. Familien- und Unternehmensbiografien als Bildbiographien ins Buch und bietet außerdem einen bezahlbaren Ghostwriting-Service an.
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