Soziale Medien: Sind wir alle Mrs. Vanderbilt?

Ger­tru­de Van­der­bilt Whit­ney by Unknown, Public Domain

 

Kau­fe hier, kon­su­mie­re da, mache spon­tan Schul­den und lebe jetzt“, sind die Bot­schaf­ten, denen wir tag­täg­lich aus­ge­setzt sind. Der leicht­fü­ßi­ge digi­ta­le Kon­su­ment, der immer auf der Suche nach dem nächs­ten „Kick“ ist, muss ein Traum für die Wer­be­wirt­schaft sein. Aber Kon­sum ist nicht iden­ti­täts­stif­tend. Und macht nicht glück­lich.

Einst ver­klei­de­te sich Mrs. Van­der­bilt, die Gat­tin des legen­dä­ren Schiffs- und Eisen­bahn­kö­nigs Cor­ne­li­us Van­der­bilt, zur Fei­er der Elek­tri­fi­zie­rung ihres beschei­de­nen Hei­mes in der New Yor­ker Fifth Ave­nue als Glüh­bir­ne. Kurz nach dem rau­schen­den Kos­tüm­fest ließ sie aller­dings sämt­li­che elek­tri­schen Lei­tung aus ihrem Zuhau­se wie­der ent­fer­nen: Ein klei­ner Kabel­brand hat­te sie zur Erkennt­nis gebracht, dass Strom offen­bar viel gefähr­li­cher sein könn­te, als sie gedacht hat­te. Kön­nen wir uns — um im Bild zu blei­ben — Mrs. Van­der­bilts Erkennt­nis leis­ten und auf den Fort­schritt unse­rer Tage — Sozia­le Medi­en — ver­zich­ten?

Zwischen Fortschritt und Angst

Wir Men­schen sind eigen­ar­ti­ge Wesen.
Wir tun alles für Ent­wick­lung und Fort­schritt, aber sobald der dann ein­ge­tre­ten ist, schlägt die Stun­de der War­ner und Exper­ten: Aus „Höher, Schnel­ler, Wei­ter“ wird zu hoch, zu schnell und zu weit.
Aber dann ist es meis­tens zu spät und das Kind liegt im Brun­nen …
In der Geschich­te der Mensch­heit wur­de bis­lang jede erfun­de­ne Tech­no­lo­gie ein­ge­setzt. Wenn nicht heu­te, dann eben mor­gen.

Als Elek­tri­zi­tät und Glüh­lam­pe gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts ihren Sie­ges­zug antra­ten, gab es nicht weni­ge Fach­leu­te, die vor den zu erwar­ten­den Elek­tro-Krank­hei­ten warn­ten: Augen­druck, Kopf­schmer­zen, all­ge­mei­nes Unwohl­sein und ein „vor­zei­ti­ges Ver­lö­schen des Lebens“ (was für vie­le Elek­tri­ker jener Tage lei­der tat­säch­lich zutraf).
Sogar für Som­mer­spros­sen wur­de elek­tri­sches Licht ver­ant­wort­lich gemacht.

Heu­te sind wir schlau­er. Glau­ben wir zumin­dest. Mit Glüh­bir­nen, Strom und der einst­mals als min­des­tens genau­so gefähr­lich ange­se­he­nen Eisen­bahn kön­nen wir mitt­ler­wei­le sou­ve­rän umge­hen. Aber wie sieht eigent­lich unser Ver­hält­nis zur aktu­el­len Tech­no­lo­gie­re­vo­lu­ti­on aus: der digi­ta­len?


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Allein und Offline?

Ein net­tes Spiel­zeug für den Haus­ge­brauch, aber nichts wirk­lich Wich­ti­ges: So in etwa hat­te es bei­spiels­wei­se “Der Spie­gel” for­mu­liert, als in den 1980er Jah­ren die ers­ten Per­so­nal Com­pu­ter auf den Markt kamen.

Und dann – was ist eigent­lich pas­siert? – hat die­ses “Spiel­zeug” unser Leben kom­plett umge­krem­pelt. Die Welt ist zum Dorf gewor­den, Sprach­bar­rie­ren sind gefal­len; wir kön­nen fast zeit­gleich über­all sein und uns über alles und jeden infor­mie­ren.
Noch nie hat­ten wir auf der gan­zen Welt so vie­le neue Freun­de. Und so viel Spaß.
Gleich­zei­tig waren wir auch noch nie so in Gefahr, ein­sam, unglück­lich und dumm zu wer­den, und wenn nicht das, dann wenigs­tens hek­tisch.

Allein und off­line?
Das ist kein „Leben“, zumin­dest kei­nes, das uns lebens­wert erscheint.
Kau­fe hier, kon­su­mie­re da, mache spon­tan Schul­den und lebe jetzt“, sind die Bot­schaf­ten, denen wir tag­täg­lich aus­ge­setzt sind. Unse­re schö­ne neue Welt der Sozia­len Medi­en will uns ganz offen­sicht­lich zu leicht­fü­ßi­gen Kon­su­men­ten machen, die immer auf der Suche nach dem nächs­ten „Kick“ sind.

Asynchron posten statt synchron miteinander sprechen

Das hat Fol­gen: „Allein­sein“ (das heißt ohne Smart­pho­ne-Kon­takt zur Außen­welt) fühlt sich für Kin­der und Jugend­li­che mitt­ler­wei­le wie ein Pro­blem an, das drin­gend gelöst wer­den muss.
Das sind die Ergeb­nis­se meh­re­rer ernst­zu­neh­men­der Stu­di­en.
Doch die Gene­ra­ti­on „Whats­App“ läuft nicht nur Gefahr, „allein“ mit „ein­sam“ zu ver­wech­seln, sie plagt sich vor allem auch mit ech­ter – syn­chro­ner – Kom­mu­ni­ka­ti­on.
Die asyn­chro­nen Posts in sozia­len Medi­en sind kon­trol­lier­bar, sitzt man dage­gen einem ech­ten Men­schen gegen­über, kann man blö­de Bemer­kun­gen nicht ein­fach löschen und Lang­wei­ler las­sen sich bei Bedarf auch nicht weg­kli­cken.

Der Google Effekt

Kom­mu­ni­ka­ti­on ist die eine Sache, Auf­merk­sam­keit und Erin­ne­rungs­ver­mö­gen die ande­re.
Goog­le lie­fert uns nicht nur Ant­wor­ten auf (fast) alle Fra­gen des Lebens, son­dern auch den Namen für ein wei­te­res beun­ru­hi­gen­des Phä­no­men: Als Goog­le Effect bezeich­nen Fach­leu­te die deut­lich nach­las­sen­de Auf­merk­sam­keit und Merk­fä­hig­keit bei Men­schen, die ihr Leben, eige­nes Nach­den­ken und Erin­nern zu sehr ans Inter­net dele­gie­ren.
Das nächs­te Bild, die neus­te Attrak­ti­on sind nur einen Maus­klick ent­fernt, war­um sich also mit eige­nen Gedan­ken pla­gen, zumal man für die meis­tens län­ger als eine Minu­te braucht?

Nur ankli­cken statt durch­den­ken ist auf Dau­er für Kopf und Geist jedoch eine ris­kan­te Ange­le­gen­heit, denn ohne trai­nier­tes Gedächt­nis sind Men­schen nicht in der Lage, län­ge­re Ana­ly­sen durch­zu­füh­ren oder Erzäh­lun­gen auf­zu­neh­men.
Also schlicht­weg das, was den mensch­li­chen Geist aus­macht.

Doch was hilft alles Jam­mern. Ste­cker zie­hen?
Geht auch nicht: Face­book und Co. sind kei­ne Mode­er­schei­nun­gen und wer­den auch nicht ein­fach wie­der ver­schwin­den. Und: Ganz offen­bar erfül­len sie grund­le­gen­de mensch­li­che Bedürf­nis­se. Jeder, der sich mit sozia­len Medi­en beschäf­tigt, erkennt sehr schnell ihre unschlag­ba­re Attrak­ti­vi­tät.
So bleibt nichts ande­res übrig, als sie zu ver­ste­hen.
Und zu wäh­len, wann und wie man sie nutzt.

In der mentalen Wegwerfgesellschaft

Lebens­glück, das Gefühl ein gelun­ge­nes Leben zu füh­ren, schlicht ein „erfüll­tes Leben“, hat sehr viel mit Selbst­be­stim­mung, Authen­ti­zi­tät und manch­mal auch mit Pla­cke­rei (und dem Errei­chen von Zie­len aus eige­ner Kraft) zu tun.
Bild­chen und Film­chen gucken ist zuge­ge­be­ner­ma­ßen lus­tig und ent­span­nend, wir­ken aber nur an der Ober­flä­che und haben über­haupt nichts mit den Fähig­kei­ten zu tun, die bei Ver­tre­tern der „Posi­ti­ven Psy­cho­lo­gie“ als Glücks­zu­ta­ten gel­ten.
Viel­leicht wer­den wir des­halb fast süch­tig nach kurz­fris­ti­ger Bespa­ßung, wenn uns der Sinn für das ande­re ver­lo­ren gegan­gen ist?

Ab wann Mrs. Van­der­bilt sich dann end­gül­tig mit der elek­tri­schen Glüh­bir­ne aus­söhn­te, ist übri­gens nicht über­lie­fert, aber irgend­wann wird sie es getan haben (sie starb 1942 im Alter von 67 Jah­ren. Weder an den Fol­gen eines Kabel­bran­des noch am Strom­schlag). Aus­söh­nen wer­den wir uns wohl auch mit der Glüh­bir­ne unse­rer Tage, den sozia­len Medi­en. Raus­rei­ßen wird auf die lan­ge Sicht ein­fach nichts brin­gen.

Leben ist das, was Dir pas­siert, wäh­rend Du ande­re Plä­ne schmie­dest“, lau­tet ein ame­ri­ka­ni­sches Sprich­wort.
Ergän­zen könn­te man das heu­te noch mit: „Leben pas­siert, wäh­rend Du ein biss­chen im Inter­net her­um­surfst“…

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2015


Wei­ter­füh­ren­de Links zum The­ma Glück und Unglück:


Sich sei­ner schlech­ten Erfah­run­gen bewusst zu sein und sie zu akzep­tie­ren, ist das Gegen­teil von  Selbst­mit­leid und Schuld­zu­wei­sun­gen. Aus unse­ren nost­al­gi­schen Erin­ne­run­gen kön­nen wir neue Kraft schöp­fen. Oder sie dafür nut­zen, uns noch unglück­li­cher zu machen.
Das Spiel mit der Ver­gan­gen­heit. Erin­nern wir uns. Oder lie­ber doch nicht?


Die Ener­gie folgt der Auf­merk­sam­keit – Unse­re Geschich­te bestimmt nicht unser Schick­sal – Dem Trau­ma einen Sinn geben – Kann man Glück ler­nen?
Die Ener­gie folgt der Auf­merk­sam­keit


Tipps und Tricks, psy­cho­lo­gi­sche Denk­fal­len und viel Wis­sens­wer­tes für ein bewuss­tes Leben lesen Sie in der Kate­go­rie:
Tipps für den All­tag


Wir müssten das alles mal aufschreiben

Die Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en ver­öf­fent­licht seit 2012 hoch­wer­ti­ge Bild­bän­de und Chro­ni­ken über Fami­li­en- und Unter­neh­mens-geschich­te. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf unse­rer Home­page Bild­bio­gra­phi­en: Wir müss­ten das alles mal auf­schrei­ben!

 

Bild­nach­wei­se:
1) Ger­tru­de Van­der­bilt Whit­ney by Unknown, Public Domain
2) Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en


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