Deutschland 1934: Die Nacht der langen Messer

Röhm Putsch Deutschland 1934 Die Nachte der langen Messer Generationengespräch

Deutsch­land 1934: Die wirt­schaft­li­che Lage und die Stim­mung im „Reich“ sind mise­ra­bel, vie­le der sechs Mil­lio­nen Arbeits­lo­sen haben immer noch kei­nen Job und die Unzu­frie­den­heit in der Bevöl­ke­rung wächst.

Franz von Papen zün­delt mit sei­ner Mar­bur­ger Rede und Hit­lers alter Kampf­ge­fähr­te Ernst Röhm for­dert eine zwei­te Revo­lu­ti­on. Kol­la­biert das „Drit­te Reich“?

Deutschland im Frühjahr 1934

Deutsch­land im Früh­jahr 1934: Die Aus­sich­ten sind alles ande­re als rosig.
Der Wirt­schafts­auf­schwung lässt auf sich war­ten, denn auch der „Füh­rer“ kann nicht hexen. Die wirt­schaft­li­chen Zah­len im März 1934 sind noch schlech­ter als erhofft.

Ers­te zar­te Anzei­chen, dass es wirt­schaft­lich bes­ser wird, hat­te es in den ers­ten Mona­ten nach Hit­lers „Macht­er­grei­fung“ 1933 gege­ben. Aber die sind Anfang 1934 ver­pufft: Roh­stoff­man­gel bremst die Indus­trie aus, die Expor­te sin­ken und der Devi­sen­be­stand der Reichs­bank schrumpft.

Noch immer gibt es ein Heer von Arbeits­lo­sen ohne Lohn und Brot; die Geschäf­te kla­gen über feh­len­de Nach­fra­ge, die Bau­ern über zu vie­le Vor­schrif­ten, durch die sie sich gegän­gelt füh­len, den pri­va­ten Haus­hal­ten fehlt es an Nah­rungs­mit­teln; sie kämp­fen mit der „Fett‑, Eiweiß- und Faserlücke“.

Die Ernüch­te­rung ist groß. Auch unter denen, die Hit­ler und sein brau­nes Regime als Heils­brin­ger gefei­ert und her­bei­ge­sehnt haben.

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Die Sym­pa­thie­wer­te für Hit­ler sind nach wie vor hoch; der Unmut ent­zün­det sich an den NS-Par­tei­bon­zen, die für jeder­mann sicht­bar in Luxus schwel­gen und Kavi­ar schlem­men statt Ein­topf und Kar­tof­feln wie alle ande­ren zu essen, und an Hit­lers Beam­ten­ap­pa­rat, der kor­rupt ist und ohne Bak­schisch nichts tut, um das Leben der ein­fa­chen Leu­te zu verbessern.

Ein wei­te­res Ärger­nis sind die all­ge­gen­wär­ti­gen SA-Trupps, die auch ein Jahr nach der „Macht­er­grei­fung“ maro­die­rend und prü­gelnd durch die Stra­ßen deut­scher Städ­te zie­hen und Angst und Schre­cken verbreiten.

Ernst Röhm, die SA und Adolf Hitler

Auch Hit­ler ist zuneh­mend genervt von der SA und ihrem Chef, sei­nem alten Kampf- und Weg­ge­fähr­ten Ernst Röhm. Dabei ist Röhm einer der weni­gen, die mit Hit­ler so eng sind, dass sie ihn duzen dürfen.

Der klei­ne, unter­setz­te SA-Füh­rer, 1887 als jüngs­ter Sohn des baye­ri­schen Eisen­bahn­ober­inspek­teurs Gui­do Juli­us Josef Röhm und sei­ner Frau Sofia Emi­lie in Mün­chen gebo­ren und damit zwei Jah­re älter als Hit­ler, strotzt vor Selbstbewusstsein.

Röhm fühlt sich Hit­ler nach der lan­gen gemein­sa­men „Kampf­zeit“ eben­bür­tig; sozu­sa­gen als Füh­rer neben dem „Füh­rer“.
Er war es, der Hit­lers Saal­schutz ab 1921 zu der im wahrs­ten Sinn des Wor­tes schlag­kräf­ti­ge „Sturm­ab­tei­lung“ (SA) auf­ge­baut hat. Röhm, der sich nach sei­ner Zeit als Haupt­mann im 1. Welt­krieg sein Leben lang als Sol­dat ver­steht und alles Zivi­le ver­ach­tet, drillt sei­ne SA-Män­ner para­mi­li­tä­risch und macht sie zum Schre­cken der Straßen.

Röhm Strasser Göring im Sommer 1932
Hit­ler, Stras­ser, Röhm und Göring im Som­mer 1932

Röhm und sei­ne SA sind beim Auf­stieg der NSDAP an die Macht ein wesent­li­cher Fak­tor: Die „Sturm­ab­tei­lung“ mar­schiert auf, ter­ro­ri­siert, prü­gelt, ver­letzt und tötet, wor­auf­hin die NSDAP den regie­ren­den­den „Sys­tem­par­tei­en“ vor­wer­fen kann, die öffent­li­che Ord­nung nicht gewähr­leis­ten zu können.

In Wahl­kämp­fen und in den Par­la­men­ten kann sich die „Hit­ler-Par­tei“ dann immer selbst als ein­zig wah­re „Ord­nungs­macht“ brüs­ten, die den Ter­ror auf den Stra­ßen been­den und für Ruhe und Ord­nung sor­gen wird.

Es ist ein per­fi­des und popu­lis­ti­sches, sich über Jah­re stän­dig wie­der­ho­len­des bru­ta­les Macht­spiel, das Hit­ler schließ­lich an die Macht bringt, weil es bei vie­len Men­schen verfängt.

Unter Röhms Füh­rung wächst die SA schnell an; sie zieht vor allem die hoff­nungs­lo­sen jun­gen Män­ner ohne Beschäf­ti­gung aus der Unter- und Mit­tel­schicht an, aber auch geschei­ter­te Welt­kriegs­ve­te­ra­nen und Ange­hö­ri­ge der Kriegs­ju­gend­ge­ne­ra­ti­on. Im Jahr 1934 hat die SA schät­zungs­wei­se 4 Mil­lio­nen Mit­glie­der, deut­lich mehr als die NSDAP.

Nicht alle SA-Män­ner tei­len die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Welt­an­schau­ung.
Vie­le schlie­ßen sich Röhms Män­nern an, weil es dort Kame­rad­schaft gibt, eine war­me Sup­pe und ein Bett im Wohn­heim. Gemein­sam träumt man von einer bes­se­ren Zukunft und war­tet nach der „Macht­er­grei­fung“ auf die Beloh­nung. Vergeblich.

Denn auch 1934 sind vie­le SA-Män­ner noch arbeits­los und weit ent­fernt von dem Leben im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Para­dies, das sie sich erhofft haben. Die nai­ve Vor­stel­lung von gut dotier­ten Pos­ten bei der Poli­zei, dem Mili­tär oder in der Ver­wal­tung erfüllt sich für sie nicht.

Selbst ein­fa­che Jobs sind für sie kaum zu bekom­men, obwohl die Arbeit­ge­ber­ver­bän­de Hit­ler im Som­mer 1933 ver­spre­chen muss­ten, bevor­zugt SA-Kämp­fer ein­zu­stel­len.
Aber die Erfah­run­gen der Betrie­be mit den unpünkt­li­chen und oft unge­zü­gel­ten Män­nern, von denen sich vie­le als Speer­spit­ze der Bewe­gung und als „Her­ren­men­schen“ ver­ste­hen, sind schlecht, wes­halb man in der Wirt­schaft lie­ber einen gro­ßen Bogen um Röhms Man­nen auf Arbeits­su­che macht.

Ernst Röhm hat eigene Pläne

4 Mil­lio­nen kampf­be­rei­te, para­mi­li­tä­risch aus­ge­bil­de­te, bewaff­ne­te und beschäf­ti­gungs­lo­se Män­ner, die nicht sei­nem direk­ten Kom­man­do unter­ste­hen, sind eine gro­ße Bedro­hung für Hit­lers brau­nes Regime.

Um die Wogen zu glät­ten und Röhm bes­ser unter sei­ne Kon­trol­le zu brin­gen, ernennt Hit­ler ihn des­halb im Dezem­ber 1933 zum „Minis­ter ohne Geschäfts­be­reich“.
Der neue Minis­ter fühlt sich zwar geschmei­chelt, aber mit sei­nem Gestän­ker gegen die „Bon­zo­kra­tie“, wie er Hit­lers neue Macht­eli­te nennt, hört er nicht auf.

Ernennung SA-Chef Ernst Röhm zum Minister ohen Geschäftsbereich 1933
Ernst Röhm (Mit­te) kurz nach sei­ner Ernen­nung zum Minis­ter ohne Geschäfts­be­reich im Kabi­nett Hit­ler (Dezem­ber 1933). Rechts SA-Grup­pen­füh­rer Karl Ernst, links Franz von Ste­pha­ni (in der Tuni­ka des Stahl­helms), Public domain

Im Gegen­teil: Sei­ne SA lässt Röhm auch als Minis­ter wei­ter­mar­schie­ren und den Boy­kott gegen jüdi­sche Geschäf­te, Anwäl­te und Ärz­te eigen­mäch­tig fort­set­zen. Der wur­de am 1. April 1933 nach nur einem Tag offi­zi­ell wie­der abge­bla­sen, weil er vor allem in den Städ­ten die Bevöl­ke­rung irri­tiert und es aus dem Aus­land schar­fe Pro­tes­te und Boy­kott­an­dro­hun­gen hagelt.

Die SA hält sich nicht dar­an, son­dern beschmiert wei­ter flei­ßig Fens­ter­schrei­ben, pöbelt selbst unbe­tei­lig­te Pas­san­ten an oder ver­prü­gelt wahl­los Men­schen, weil sie ihrer Mei­nung nach jüdisch aussehen.

November 1938 Reichskristallnacht Generationengespräch
SA — Mit­glie­der kle­ben an das Schau­fens­ter eines Ber­li­ner jüdi­schen Geschäfts ein Schil­der mit der Auf­schrift “Deut­sche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden” Bun­des­ar­chiv, Bild 102–14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 

Ein Pro­blem für Hit­ler, der ange­sichts der pre­kä­ren wirt­schaft­li­chen Lage nichts so wenig brau­chen kann wie Unru­he in der Bevöl­ke­rung und Boy­kott­an­dro­hun­gen aus dem Aus­land. Wäh­rend Hit­ler sei­ne Macht kon­so­li­die­ren will und jetzt auf „Evo­lu­ti­on“ setzt, for­dert Röhm immer lau­ter eine „zwei­te, radi­ka­le­re Revolution“.

Zu einem noch grö­ße­ren Pro­blem wird Röhms For­de­rung, die Reichs­wehr in die SA ein­zu­glie­dern und die Sturm­ab­tei­lung damit zur eigent­li­chen und ein­zi­gen Mili­tär­macht des „Drit­ten Reichs“ zu machen. Ange­sichts der Zah­len­ver­hält­nis­se – 4 Mil­lio­nen SA-Män­ner gegen­über 115.000 Sol­da­ten der Reichs­wehr – kei­ne ganz unlo­gi­sche Forderung.

Röhm düpiert damit die Gene­rä­le der Reichs­wehr, um deren Gunst Hit­ler gera­de buhlt.

Und da der „Füh­rer“ kei­nes­falls bereit ist, auf die kost­ba­re Exper­ti­se der zwar zah­len­mä­ßig unter­le­ge­nen, in mili­tä­ri­schen Fra­gen aber weit über­le­ge­nen Reichs­wehr zu ver­zich­ten, lässt er Röhm im Febru­ar 1934 vor ver­sam­mel­ter Mann­schaft im Reichs­wehr­mi­nis­te­ri­um antre­ten, um gemein­sam mit Reichs­wehr­mi­nis­ter Gene­ral Wer­ner von Blom­berg ein Papier zu unter­schrei­ben, das die Reichs­wehr als ein­zi­gen Waf­fen­trä­ger der Nati­on festschreibt.

Die SA, so die Auf­ga­ben­ver­tei­lung, soll die vor­mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dung über­neh­men und zu Hilfs­diens­ten her­an­ge­zo­gen werden.

Die Gene­rä­le der Reichs­wehr sind zufrie­den, Röhm ist es nicht.
Äußer­lich gezähmt, inner­lich vor Wut kochend, macht er sei­nem Ärger über den Füh­rer­be­fehl im ver­trau­ten SA-Kreis Luft: „Was der lächer­li­che Gefrei­te erklär­te, gilt nicht für uns. Hit­ler ist treu­los und muss min­des­tens auf Urlaub. Wenn nicht mit, so wer­den wir die Sache ohne Hit­ler machen.

Zitat SA-Chef Ernst Röhm Hitler lächerlicher Gefreiter Deutschland 1934 Generationengespräch

Als alter Kämp­fer und Ver­trau­ter Hit­lers glaubt Röhm sich Äuße­run­gen leis­ten zu kön­nen, die ande­ren den Kopf kos­ten oder zumin­dest ins KZ brin­gen wür­de. Vik­tor Lut­ze, Röhms spä­te­rer Nach­fol­ger an der Spit­ze der SA, ver­petzt die Brand­re­de sei­nes Chefs an Rudolf Heß, den Stell­ver­tre­ter Hit­lers in der NSDAP; spä­ter infor­miert er Hit­ler persönlich.

Wir müs­sen die Sache aus­rei­fen las­sen“, sagt der nach dem Gespräch.
Hit­ler weiß, wie gefähr­lich Röhm für ihn wer­den kann. Bereits seit Anfang 1934 lässt er die SA von der Gehei­men Staats­po­li­zei beob­ach­ten und Mate­ri­al über sie sammeln.

Mai 1934: Aktion gegen „Miesmacher und Kritikaster“

Aber nicht nur Röhm und sei­ne SA machen Pro­ble­me, auch die zuneh­mend schlech­ter wer­den­den Stim­mung in der Bevöl­ke­rung berei­tet dem Regime Kopf­zer­bre­chen. Der Rausch der Begeis­te­rung nach der „Macht­er­grei­fung“ ist vor­bei und außer der SA sind es vor allem die Bau­ern und der Mit­tel­stand, die ent­täuscht und ernüch­tert, weil wirt­schaft­lich nichts vor­an­geht, ihren Unmut öffent­lich kundtun.

Von einer ech­ten Oppo­si­ti­on ist die schlech­te Lau­ne der Deut­schen weit ent­fernt, trotz­dem nimmt man die „Mecke­rer“ und „Nörg­ler“ im Volk sehr ernst.

Vom 1. Mai bis Ende Juni 1934 sol­len – ver­mut­lich von Hit­ler per­sön­lich ange­ord­net – in einer kon­zer­tier­ten Akti­on bis in den letz­ten Win­keln Deutsch­lands Ver­an­stal­tun­gen gegen die „Kri­tik­as­ter“ statt­fin­den.
Zeit­gleich ver­öf­fent­licht die gleich­ge­schal­te­te Pres­se lan­ge Arti­kel und Kom­men­ta­re, in denen man die Unzu­frie­de­nen ent­we­der als „ver­kapp­te Mar­xis­ten“ dar­stellt (die ins KZ geschickt wer­den soll­ten); ande­re Kom­men­ta­to­ren ver­glei­chen sie mit dem Dolch der berühmt-berüch­tig­ten „Dolch­stoß­le­gen­de“ im Fleisch der deut­schen „Volks­ge­mein­schaft“.

Es sei „ver­bre­che­risch“, ande­ren den Mut zu neh­men, befin­det auch Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Joseph Goeb­bels, der sich in einer sei­ner „gro­ßen Rede“ im Ber­li­ner Sport­pa­last über „Kri­tik­as­ter“, „Mies­ma­cher“, „Het­zer“ und „Gerüch­te­ma­cher“ lus­tig macht.

Einen Sün­den­bock für die wirt­schaft­li­che Lage, die Ursa­che für die schlech­te Stim­mung im Reich, gibt es natür­lich auch: Man wis­se sehr wohl, dass der ver­deck­te Waren­boy­kott des Aus­lands auf „unse­re jüdi­schen Mit­bür­ger zurück­zu­füh­ren“ sei, pöbelt Goebbels.

Wer war Magda Goebbels
Joseph und Mag­da Goeb­bels: Der Bock von Babelsberg

Trotz aller Auf­re­gung und Goeb­bels Pro­pa­gan­da-Maschi­ne­rie hat die „Kri­tik­as­ter und Mies­ma­cher“ Akti­on nicht die erwünsch­te Wir­kung.

Die poli­ti­sche Exil­zeit­schrift Sopa­de stellt fest, dass in vie­len Ort­schaf­ten die geplan­ten Ver­samm­lun­gen, Demons­tra­tio­nen und Kund­ge­bun­gen ohne Schwung gewe­sen und teils wegen schwa­chen Besuchs ein kläg­li­ches Fias­ko geblie­ben sei­en. Und dass durch die gan­ze Mies­ma­cher-Akti­on erst Mies­ma­cher geschaf­fen wor­den seien.

NS-Chef­ideo­lo­ge Alfred Rosen­berg moniert, dass die Akti­on „einen denk­bar ungüns­tigs­ten Ein­druck“ im Aus­land hin­ter­las­sen habe, zumal man zugibt, dass in Deutsch­land eine weit­ver­brei­te­te Unzu­frie­den­heit herrscht. Goeb­bels Atta­cken gegen die Juden führ­ten außer­dem „nur zur Het­ze gegen Deutschland“.

Auch vie­le NS-Gau­lei­ter hal­ten die Akti­on für unnütz bis schäd­lich, weil sie für noch mehr Unru­he sorgt. Das Denun­zi­an­ten­tum nimmt nach dem „Mecke­rer-Feld­zug“ sol­che Aus­ma­ße an, dass das Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um, das Reichs­in­nen­mi­nis­te­ri­um und das Gehei­me Staats­po­li­zei­amt mit Erlas­sen ver­sucht, dem gan­zen entgegenzuwirken.

Die SA bezeich­net Goeb­bels in sei­ner Rede übri­gens noch als eine „Trup­pe der Ord­nung und Dis­zi­plin“. Sie sei ein Garant dafür, „dass Span­nun­gen innen- und außen­po­li­ti­scher Natur von dem gefes­tig­ten deut­schen Volk besei­tigt“ wür­den.

Aus­ge­rech­net Goeb­bels, der sich ger­ne als enger Ver­trau­ter Hit­lers sieht (ihn zeit­le­bens aber siezt), hat kei­ne Ahnung vom Macht­kampf zwi­schen Hit­ler und Röhm, der hin­ter den Kulis­sen tobt.

17. Juni 1934: Franz von Papens Marburger Rede

Unge­mach droht Hit­ler aber auch von einer völ­lig ande­ren und uner­war­te­ten Sei­te: Sein Steig­bü­gel­hal­ter ins Kanz­ler­amt und Vize­kanz­ler Franz von Papen schert aus.

Papen ist am 17. Juni 1934 als Fest­red­ner an die Uni Mar­burg gela­den und hält in der Aula vor 600 Pro­fes­so­ren, ehe­ma­li­gen Stu­den­ten, Ehren­gäs­ten und Jour­na­lis­ten eine Rede, die sei­nen Zuhö­rern zunächst die Spra­che ver­schlägt und mit Bei­falls­stür­men endet.

Der Vize­kanz­ler spricht dar­über, dass sich „Eigen­nutz, Cha­rak­ter­lo­sig­keit, Unwahr­haf­tig­keit, Unrit­ter­lich­keit und Anma­ßung unter dem Deck­man­tel der deut­schen Revo­lu­ti­on“ aus­ge­brei­tet habe, gei­ßelt die Len­kung der Pres­se durch das Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um, bezeich­net einen „fal­schen Per­so­nen­kult“ als „unpreu­ßisch“ und beklagt das Bestre­ben „den Geist mit dem Schlag­wort Intel­lek­tua­lis­mus abzu­tun“. Fast nach jedem Satz Papens gibt es stür­mi­schen Applaus.

Ver­werf­lich“, sagt Papen, „wäre der Glau­be, ein Volk mit Ter­ror einen zu kön­nen“. Und bezeich­net die „Vor­herr­schaft einer ein­zi­gen Par­tei“ als „Über­gangs­zu­stand“.

Franz von Papen Marburger Rede Deutschland 1934 Generationengespräch

Denn das eigent­li­che Ziel Papens war und ist ein Staat ohne Par­tei­en, in dem die alten Eli­ten wie­der das Sagen haben.
Am bes­ten eine Mon­ar­chie, in jedem Fall aber ohne NSDAP. Und ohne Goeb­bels, Rosen­berg und Göring, für die es in sei­ner Rede unzäh­li­ge Sei­ten­hie­be gibt.

Papens Mar­bur­ger Rede schlägt ein wie eine Bombe.

Vie­len spricht sie aus tiefs­tem Her­zen. Obwohl Goeb­bels schnell reagiert und ver­sucht, Papens Rede wie­der ein­zu­fan­gen, erscheint in der Abend­aus­ga­be der „Frank­fur­ter Zei­tung“ vom 17. Juni ein Abdruck. Goeb­bels lässt die gesam­te Aus­ga­be der Zei­tung beschlag­nah­men und ver­nich­ten, aber es gelingt nicht, alle Exem­pla­re sicher­zu­stel­len. Kur­ze Zeit spä­ter kur­sie­ren außer­dem heim­lich erstell­te Abdru­cke und Abschrif­ten der Rede im Reich.

Wie spä­ter rekon­stru­iert wird, stammt Papens Rede aus der Feder von Edgar Jung, einem rechts­kon­ser­va­ti­ven Publi­zis­ten und Mit­ar­bei­ter Papens, und Papens Pres­se­re­fe­ren­ten Her­bert von Bose. Bei­den ist spä­tes­tens Ende 1933 klar, dass die „Zäh­mung“ Hit­lers miss­lun­gen ist, und bei­de ver­su­chen, rund um den Vize­kanz­ler eine Art rechts­kon­ser­va­ti­ve Oppo­si­ti­on auf­zu­bau­en, um Hit­ler wie­der loszuwerden.

Papen selbst hat die Rede ver­mut­lich im Zug nach Mar­burg das ers­te Mal gese­hen und gele­sen. Er ist – wie so oft – nur ein Sprachrohr.

Eine Woche nach der Mar­bur­ger Rede lässt SS-Chef Himm­ler Papens Ghost­wri­ter Edgar Jung ver­haf­ten. Papen pro­tes­tiert gegen die Ver­haf­tung und gegen das Ver­bot, sei­ne Rede abzu­dru­cken, aber Hit­ler hält ihn hin und ver­trös­tet ihn damit, dass man gemein­sam mit Reichs­prä­si­dent Hin­den­burg eine Lösung fin­den werde.

Ferien für die SA

Deutsch­land im Früh­som­mer 1934: Nach etwas mehr als einem Jahr nach der „Macht­er­grei­fung“ scheint dem „Füh­rer“ die Macht lang­sam wie­der zu ent­glei­ten. Röhms Ruf nach einer zwei­ten, radi­ka­le­ren Revo­lu­ti­on, die schlech­te Stim­mung im Reich und jetzt auch noch Papen.

Oder ist da noch mehr?
Als Hit­ler wütend auf Papens Mar­bur­ger Rede reagiert, zeigt ihm Papen ein Glück­wunsch­te­le­gramm Hin­den­burgs. Der alte Reichs­prä­si­dent, mitt­ler­wei­le 86 Jah­re alt, hat sich die­ses Jahr bereits Anfang Juni beson­ders früh auf sei­nen Land­sitz Gut Neu­deck in Ost­preu­ßen zurück­ge­zo­gen. Er ist krank. Ein Bla­sen­lei­den heißt es.

Noch ist Hin­den­burg Ober­be­fehls­ha­ber der Reichs­wehr, aber selbst­ver­ständ­lich will Hit­ler ihn nach sei­nem Tod beer­ben. Dafür braucht er aller­dings auch die Zustim­mung der Gene­ra­li­tät der Reichs­wehr, die nach wie vor loy­al zum Welt­kriegs­hel­den und Staats­ober­haupt steht.

Der größ­te Teil der Mili­tärs sieht Hit­ler und sei­ne Expan­si­ons­plä­ne mitt­ler­wei­le posi­tiv; man hat sogar frei­wil­lig den „Arier­pa­ra­gra­fen“ für das Berufs­be­am­ten­tum über­nom­men und aus frei­en Stü­cken jüdi­sche Sol­da­ten aus der Reichs­wehr entlassen.

Aber die Zusi­che­rung, unwi­der­ruf­lich im Reich das Waf­fen­mo­no­pol zu besit­zen, braucht man schon, um Hit­ler als neu­en Ober­be­fehls­ha­ber zu akzeptieren.

Das bedeu­tet, Röhm muss end­gül­tig kalt­ge­stellt wer­den, bevor er wie­der Por­zel­lan zer­schla­gen kann.
Und Papen, der schon immer einen guten Draht zu Hin­den­burg hat­te, und der rechts­kon­ser­va­ti­ve Kreis um ihn her­um, am bes­ten auch. Auf kei­nen Fall will Hit­ler die­sem Droh­po­ten­zi­al Zeit geben, sich zu for­mie­ren und mög­li­cher­wei­se auch noch den alten Reichs­prä­si­den­ten auf ihre Sei­te zu ziehen.

Mit Röhm hat Hit­ler Anfang Juni ein vier­stün­di­ges Gespräch.
Es gibt kei­ne Zeu­gen und auch kein Pro­to­koll für die­se Unter­hal­tung, aber nichts deu­tet dar­auf hin, dass die bei­den anein­an­der­ge­ra­ten wären oder Hit­ler Röhm droht. Das Ergeb­nis der Unter­re­dung ist, dass die SA – 4 Mil­lio­nen Män­ner – im Juli für 4 Wochen in den Urlaub geschickt wird. Röhm selbst will sich wegen eines alten Rücken­lei­dens auf Kur an den Tegern­see begeben.

Mord unter Freunden

In der Zwi­schen­zeit haben SS-Füh­rer Hein­rich Himm­ler und SS-Mann Rein­hard Heyd­rich, der seit April die Gesta­po lei­tet, beim Zusam­men­tra­gen von Beweis­ma­te­ri­al gegen Röhm gan­ze Arbeit geleis­tet. Es ist ein heik­les Unter­fan­gen, denn die SS (Schutz­staf­fel) ist for­mal der SA unter­stellt; Röhm ist also eigent­lich der Chef von Himm­ler und Heydrich.

Das stört die bei­den nicht, son­dern sta­chelt statt­des­sen ihren Ehr­geiz noch an.
Ihr Kal­kül ist, dass sie bei­de und die SS nach einer Ent­mach­tung Röhms end­lich aus sei­nem Schat­ten lösen und Kar­rie­re machen können.

Dazu kommt Röhms reichs­weit bekann­te Homosexualität.

  • Die wird im “Drit­ten Reich” schwer bestraft: Zehn­tau­sen­de que­e­re Män­ner und Frau­en wer­den ver­haf­tet und ins KZ gesteckt; vie­le ster­ben. Zwar kennt auch die Wei­ma­rer Repu­blik jenen Para­graf 175, der Homo­se­xua­li­tät unter Stra­fe stellt, aber er wur­de vor allem in Groß­städ­ten wie Ber­lin rela­tiv locker gehand­habt. Es gab sogar Über­le­gun­gen, ihn abzuschaffen.

Für Hit­ler ist die sexu­el­le Nei­gung Röhms nie ein The­ma, für Himm­ler schon: Der „Reichs­füh­rer SS“, Sohn aus gut katho­li­schem Hau­se mit dem Cha­ris­ma eines früh geal­ter­ten und freud­lo­sen Ober­leh­rers, hat sich aus ver­schie­de­nen Quel­len sei­ne ganz per­sön­li­che Phi­lo­so­phie über Homo­se­xua­li­tät zurecht­ge­zim­mert. Die besagt, dass homo­se­xu­el­le Män­ner danach stre­ben, staat­li­che Struk­tu­ren zu unter­wan­dern und zu zer­stö­ren. Außer­dem ist Schwul­sein verboten.

Da die Beweis­la­ge trotz aller Anstren­gun­gen dünn bleibt, wer­den Himm­ler und Heyd­rich krea­tiv, um Hit­ler end­lich den Vor­wand für einen Schlag gegen Röhm lie­fern zu können.

Beson­ders Heyd­rich gibt sich aller­größ­te Mühe, um das Gespenst eines bevor­ste­hen­den Putschs der SA zu fabri­zie­ren; Doku­men­te wer­den gefälscht, Falsch­mel­dun­gen und Gerüch­te in die Welt gesetzt, schwa­che Indi­zi­en zu Bewei­sen auf­ge­bla­sen. Heyd­rich erstellt außer­dem akri­bisch Todes­lis­ten mit den Namen der wich­tigs­ten SA-Füh­rern – und allen ande­ren, die man bei der Gele­gen­heit auch aus dem Weg mor­den kann.

Ende Juni taucht in den Rei­hen der Reichs­wehr plötz­lich ein (offen­bar gefälsch­ter) Befehl Röhms an die SA auf, sich für einen Schlag gegen die Reichs­wehr zu bewaff­nen. Ein Schock für die Reichs­wehr, die dar­auf­hin der SS zusi­chert, deren Ent­haup­tungs­schlag gegen die SA mit Waf­fen und Trans­port­mit­teln zu unterstützen.

Am 28. Juni 1934 sind die Vor­be­rei­tun­gen für die „Nacht der lan­gen Mes­ser“ abgeschlossen. 

Wann es los­geht, weiß nie­mand; Hit­ler zögert noch. Ver­mut­lich irgend­wann Ende Juli, kurz bevor die SA aus ihren Feri­en zurück­kehrt. Oder viel­leicht auch später.

30. Juni 1934: Die Nacht der langen Messer

Es ist ein Tele­fon­an­ruf, der die Akti­on schließ­lich ins Rol­len bringt: Am Nach­mit­tag des 28. Juni erhält Hit­ler auf der Hoch­zeit des NSDAP-Gau­lei­ters von Essen tele­fo­nisch die Nach­richt, dass Papen in zwei Tagen nach Ost­preu­ßen rei­sen wer­de, um den kran­ken Reichs­prä­si­den­ten noch ein­mal zu sehen.

Wie alle Betrü­ger und Lüg­ner wit­tert der „Füh­rer“ dahin­ter sofort Lüge und Betrug und legt als Ter­min für den Schlag gegen Röhm und die SA den 30. Juni fest, den Tag, an dem sein Vize­kanz­ler Hin­den­burg besu­chen will.

Er tele­fo­niert mit dem Adju­tan­ten Röhms, der sich bereits zur Kur in Bad Wies­see auf­hält, und erteilt den Befehl, dass alle höhe­ren SA-Füh­rer sich am 30. Juni vor­mit­tags in Röhms Domi­zil am Tegern­see, dem Kur­heim Han­sel­bau­er, ein­zu­fin­den hät­ten, er habe mit ihnen zu reden.

Am 30. Juni, früh­mor­gens um 2.00 Uhr, flie­gen Hit­ler und sei­ne Entou­ra­ge nebst Goeb­bels von Bonn aus nach Mün­chen, wo sie um 3.30 Uhr lan­den. Göring ist der­weil zurück nach Ber­lin geflo­gen, um dort die Akti­on zu koordinieren.

Hit­ler befin­det sich am Rand eines hys­te­ri­schen Zusam­men­bruchs.
Mit drei Limou­si­nen bre­chen er, sei­ne Beglei­ter und eini­ge Kri­mi­nal­po­li­zis­ten von Mün­chen in Rich­tung Bad Wies­see auf. Auf den ange­for­der­ten SS-Begleit­schutz kann der „Füh­rer“ jetzt nicht warten.

Gegen 6.30 Uhr stür­men er und sei­ne Beglei­ter an der ver­blüff­ten Wir­tin vor­bei in den zwei­ten Stock der Pen­si­on Han­sel­bau­er zum Zim­mer 7, wo Röhm logiert. Schlaf­trun­ken und im Schlaf­an­zug öff­net der die Tür sei­nes Hotel­zim­mers, muss Hit­lers Gebrüll über ihn als „Ver­rä­ter“ über sich erge­hen las­sen, sich anzie­hen und wird zusam­men mit den ande­ren SA-Füh­rern, die bereits im Han­sel­bau­er abge­stie­gen sind, in den Kel­ler der Pen­si­on gesperrt. Sei­nen Unschulds­be­teue­run­gen glaubt kein Mensch, vor allem nicht sein „Füh­rer“.

Nach und nach kom­men die zur Kon­fe­renz nach Bad Wies­see beor­der­ten SA-Füh­rer an und wer­den auf der Stel­le ver­haf­tet. Goeb­bels ruft Göring in Ber­lin an und gibt das ver­ein­bar­te Code­wort durch, so dass nun auch dort die Todes­schwa­dro­nen aus­ge­rüs­tet mit Heyd­richs Todes­lis­ten ausschwärmen.

Gegen Mit­tag fährt Hit­ler zurück nach Mün­chen und spricht dort vor Par­tei- und SA-Füh­rern im „Brau­nen Haus“, der NSDAP-Par­tei­zen­tra­le. Er ist in einem deso­la­ten Zustand; wäh­rend sei­ner Rede lau­fen ihm Spu­cke­fä­den und Schaum aus dem Mund.
Röhm habe zwölf Mil­lio­nen Reichs­mark vom fran­zö­si­schen Bot­schaf­ter erhal­ten, um ihn umbrin­gen zu las­sen und Deutsch­land an sei­ne Fein­de aus­zu­lie­fern, behaup­tet er jetzt.

Es gibt kein Ent­kom­men.
Die meis­ten mut­maß­li­chen Ver­rä­ter wer­den bei oder kurz nach ihrer Ver­haf­tung exe­ku­tiert. Röhm wird ins Mün­che­ner Gefäng­nis Sta­del­heim gebracht. Erst am nächs­ten Tag wird Hit­lers Weg- und Kampf­ge­fähr­te dort exe­ku­tiert, nach­dem er sich wei­gert, sich selbst zu erschießen.

In der „Nacht der lan­gen Mes­ser“ ster­ben auch Edgar Jung, Papens Pres­se­re­fe­rent Bose und wei­te­re Mit­ar­bei­ter des Vize­kanz­lers einen grau­sa­men Tod. Franz von Papen bekommt einen Tipp von Göring, ver­lässt am 30. Juni das Haus nicht und ent­geht so der Ver­wüs­tung sei­nes Büros und der Liqui­die­rung sei­ner Mit­ar­bei­ter. Man stellt ihn unter Hausarrest.

Am 7. August 1934 tritt Papen als Vize­kanz­ler zurück, schei­det aus der Reichs­re­gie­rung aus und wird von Hit­ler als Gesand­ter nach Öster­reich geschickt.

Ande­re haben weni­ger Glück: Im Kugel­ha­gel der staat­lich orga­ni­sier­ten Exe­ku­ti­ons­kom­man­dos ster­ben Hit­lers ehe­ma­li­ger Par­tei­vi­ze Gre­gor Stras­ser eben­so wie Gus­tav Rit­ter von Kahr, jener erz­kon­ser­va­ti­ve baye­ri­sche Poli­ti­ker, der 1923 den Hit­ler­putsch nie­der­schla­gen ließ.

In ihrer Vil­la in Neu­ba­bels­berg ster­ben Hit­lers Vor­gän­ger im Amt des Reichs­kanz­lers Gene­ral Kurt von Schlei­cher und sei­ne Frau, weil er ver­sucht hat­te, Hit­ler von der Macht fern­zu­hal­ten. Es gibt unzäh­li­ge wei­te­re Todes­op­fer, die nichts mit Röhm, der SA oder Franz von Papen zu tun haben. Vie­le von Himm­lers und Heyd­richs Scher­gen nut­zen die Gunst der Stun­de, um auch pri­va­te offe­ne Rech­nun­gen zu begleichen.

Genaue Opfer­zah­len gibt es nicht, aber man ver­mu­tet, dass dem „Röhm-Putsch“ unge­fähr 200 Men­schen zum Opfer gefal­len sind, dar­un­ter etwa 50 SA-Angehörige.

Der Röhm-Putsch und seine Folgen

Selbst in der gleich­ge­schal­te­ten NS-Dik­ta­tur des Jah­res 1934 ver­sto­ßen die poli­ti­schen Morde im Zusam­men­hang mit dem – mut­maß­lich – ein­ge­bil­de­ten „Röhm-Putsch“ gegen gel­ten­des Recht.

Zumin­dest einen Hauch von Unrechts­be­wusst­sein scheint es zu geben, denn Göring lässt kur­ze Zeit spä­ter sämt­li­che Unter­la­gen, Akten und Todes­lis­ten der “Nacht der lan­gen Mes­ser” ver­nich­ten. Am 3. Juli wer­den die Mor­de dank eines neu­en Geset­zes als „Staats­not­wehr“ nach­träg­lich legalisiert.

Offi­zie­re der Reichs­wehr fei­ern die Akti­on gegen Röhm und sei­ne SA am Abend des 30. Juni mit Sekt, und auch die deut­sche Öffent­lich­keit, durch Goeb­bels gleich­ge­schal­te­te Pres­se über die „Nacht der lan­gen Mes­ser“ infor­miert, reagiert erleich­tert und nicht bestürzt. Vie­le bewun­dern Hit­lers Durch­set­zungs­kraft und Ent­schlos­sen­heit; der Füh­rer­kult im Reich nimmt ange­sichts der grau­sa­men Mor­de zu und nicht ab.

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Peter Lon­ge­rich, Abrech­nung: Hit­ler, Röhm und die Mor­de vom 30. Juni 1934*. Mol­den Ver­lag, März 2024 

Die SS unter Himm­ler und Heyd­rich und beherrscht bald den gesam­ten Poli­zei­ap­pa­rat, wäh­rend die SA wei­ter­hin durch Aus­schlüs­se gesäu­bert wird, auf eine Mil­lio­nen Mit­glie­der schrumpft, deren Auf­ga­be es ist, bei NS-Fei­ern zu mar­schie­ren und beim Kata­stro­phen­schutz zu helfen.

Am 2. August 1934 stirbt Reichs­prä­si­dent Paul von Hin­den­burg.
Das Amt des Reichs­prä­si­den­ten hat­te Hit­ler sich bereits einen Tag vor Hin­den­burgs Tod von sei­nem Kabi­nett per Gesetz zusi­chern las­sen, den Titel will er nicht. Statt­des­sen soll die Bezeich­nung „Füh­rer“, die sich bis­lang nur auf sein Par­tei­amt bezo­gen hat, nun auch eine staat­li­che Bezeich­nung sein.

Am 19. August fin­det eine Volks­ab­stim­mung über das Staats­ober­haupt des Deut­schen Reichs statt, in der 90% der Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler mit „Ja“ für die Neu­re­ge­lung stimmen.

Wunsch­ge­mäß wird der „Füh­rer“ nach Hin­den­burgs Tod nun auch Ober­be­fehls­ha­ber der Reichs­wehr.
Nach einer Initia­ti­ve des Reichs­wehr­mi­nis­te­ri­um wird das Gelöb­nis der Sol­da­ten geän­dert; ab sofort schwö­ren sie dem „Füh­rer des Deut­schen Rei­ches und Vol­kes, Adolf Hit­ler“ abso­lu­ten Gehor­sam – und nicht mehr ihrem Land.

Hit­lers Herr­schaft ist ab August 1934 so gefes­tigt wie nie zuvor: „Füh­rer“, Ober­be­fehls­ha­ber der Reichs­wehr, mit einem Fah­nen­eid, der zum abso­lu­ten Gehor­sam ihm gegen­über ver­pflich­tet, aus­ge­stat­tet mit abso­lu­ter Macht und ver­ehrt vom „Volk“.

Nur das demo­kra­ti­sche Aus­land ist besorgt über die Säu­be­rungs­ak­tio­nen im Som­mer 1934 in Deutsch­land.
Vie­le Beob­ach­ter sehen in den Ereig­nis­sen rund um den „Röhm-Putsch“ aller­dings eher eine Art mafiö­sen Ban­den­krieg, in dem ein Böse­wicht einen ande­ren ermordet.

Was offen­bar nie­mand rea­li­siert, ist das, was hin­ter Röhm-Putsch und der “Nacht der lan­gen Mes­ser” steck­te: Adolf Hit­ler ist ein Dik­ta­tor, der bereit ist, über Lei­chen zu gehen, um sei­ne Macht zu sichern.

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Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: 1938 geht es den Deut­schen wirt­schaft­lich so gut wie nie, aber das „Drit­te Reich“ steht kurz vor der Staats­plei­te. Es ist aller­höchs­te Zeit für den zwei­ten Teil von Hit­lers Plan: Krieg und Ver­nich­tung.
Krieg, Hun­ger und Ver­nich­tung: Adolf Hit­ler, die deut­sche Wirt­schaft und der 2. Weltkrieg

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Die Macht­er­grei­fung 1933, der Mythos Auto­bahn­bau, der Röhm-Putsch
- und vie­les mehr über­sicht­lich und sehr infor­ma­tiv beschrie­ben und mit tol­len Bil­dern gezeigt. Der Wer­de­gang Hit­lers und der NSDAP und die ers­ten 1000 Tage des Nazi-Regimes in span­nen­den Tex­ten und Fotos — sehr lesens­wert!
GEO Epo­che, Deutsch­land unter dem Haken­kreuz, Teil 1: 1933 — 1936. Die ers­ten 1000 Tage der Dik­ta­tur*
Gru­ner + Jahr, 2013

All­tags­ge­schich­ten aus dem “Drit­ten Reich“
Wie leb­te es sich in der NS-Dik­ta­tur zwi­schen “Ein­topf­sonn­tag”, Hit­ler­ju­gend und Ehe­stands­dar­le­hen? Wel­che Wit­ze erzähl­te man sich und wie kam man mit dem oft sehr selt­sa­men Geba­ren der Nazi-“Größen” zurecht? Ein span­nen­des und sehr lesens­wer­tes Buch über den All­tag im Natio­nal­so­zia­lis­mus, über den unse­re Groß- und Urgroß­el­tern oft ent­we­der über­haupt nicht oder nur sehr ver­klärt gespro­chen haben.
Hans-Jörg Wohl­fromm, Gise­la Wohl­fromm, Und mor­gen gibt es Hit­ler­wet­ter! — All­täg­li­ches und Kurio­ses aus dem Drit­ten Reich*. Ana­con­da Ver­lag, 2017 

Bon­zo­kra­tie:
Die His­to­ri­ke­rin Hei­ke Gör­tema­ker in einem sehr lesens­wer­ten Buch über Hit­lers ‘inner cir­cle’. Wer gehör­te dazu? Wie leb­te es sich als High-Socie­ty der Natio­nal­so­zia­lis­ten? Und wel­che Seil­schaf­ten über­leb­ten den Krieg und funk­tio­nier­ten noch in der Bun­des­re­pu­blik? Span­nend zu lesen — sehr emp­feh­lens­wert!

Hei­ke B. Gör­tema­ker: Hit­lers Hof­staat. Der inne­re Kreis im Drit­ten Reich und danach*, C.H.Beck Ver­lag, 2019

Die letz­ten 10 Wochen der Repu­blik
Die Intri­gen und Rän­ke­spie­le hin­ter den Kulis­sen der Macht, die zum kata­stro­pha­len Ende der Wei­ma­rer Repu­blik führ­ten — ver­packt in einem sehr lesens­wer­ter Geschichts-Thril­ler. Ein Lehr­stück, wie es nicht geht, das jeder ken­nen soll­te. Emp­feh­lens­wert!

Rüdi­ger Barth, Hau­ke Fried­richs, Die Toten­grä­ber: Der letz­te Win­ter der Wei­ma­rer Repu­blik*, S. FISCHER Ver­lag, 2018

Wirt­schaft im “Drit­ten Reich”: Wirt­schaft­lich stand das “Drit­te Reich” nie auf sta­bi­len Bei­nen. Die Öko­no­mie im Natio­nal­so­zia­lis­mus war von Anfang an auf Täu­schung und Expan­si­on – Krieg – gebaut. Über Hit­lers Auto­bah­nen, MeFo-Wech­sel, Lügen und Täu­schun­gen – ohne die Hit­lers Weg in den Krieg nie funk­tio­niert hät­te.
Auto­bahn und Mefo-Wech­sel: Adolf Hit­ler, die deut­sche Wirt­schaft und der Weg in den 2. Weltkrieg

Franz von Papen: Selbst Franz von Papen war über­rascht, als Hin­den­burg ihn im Juni 1932 plötz­lich zum neu­en Reichs­kanz­ler der gefähr­lich schlin­gern­den Wei­ma­rer Repu­blik ernennt. Und selbst einem wie Papen muss klar gewe­sen sein, dass er die­ses Amt nicht sei­nem begrenz­ten Talent als Poli­ti­ker ver­dankt, son­dern sei­nem alten Kriegs­ka­me­ra­den Kurt von Schlei­cher. Über Hit­lers Steig­bü­gel­hal­ter Franz von Papen:
1932 — Das Ende der Repu­blik. Papen und Schleicher

Kurt von Schlei­cher: Ende 1932 scheint Hit­lers Auf­stieg zur Macht end­gül­tig gestoppt zu sein.: Die NSDAP ist plei­te, zer­strit­ten und hat am 6. Novem­ber 1932 – das ers­te Mal seit zwei Jah­ren – Wäh­ler­stim­men ver­lo­ren. Und trotz­dem ernennt der Prä­si­dent der Wei­ma­rer Repu­blik, Paul von Hin­den­burg, Adolf Hit­ler am 30. Janu­ar 1933 zum Reichs­kanz­ler. Wie konn­te das pas­sie­ren?
1933 — Das Ende der Repu­blik. Hit­lers Auf­stieg zur Macht

Joseph Goeb­bels, im Volks­mund auch als “Bock von Babels­berg” bekannt, weil ver­mut­lich kei­ne ein­zi­ge ehr­gei­zi­ge Schau­spie­le­rin im Reich an sei­ner Beset­zungs­couch vor­bei­kommt, ist der erge­bens­te Vasall Adolf Hit­lers. Der “Füh­rer” ist und bleibt für ihn seit dem ers­ten Ken­nen­ler­nen Mit­te der 1920er Jah­ren das Son­nen­sys­tem, um das sich sein gan­zes Leben dreht. Kein ande­rer in Hit­lers Füh­rungs­rie­ge ist von ihm so abhän­gig wie Goeb­bels. Über das Leben und das Ster­ben von Joseph und Mag­da Goeb­bels:
Joseph und Mag­da Goeb­bels (2): “Der Bock von Babelsberg”

Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1982-159–21A / CC-BY-SA 3.0
Nürn­berg.- Reichs­par­tei­tag; Adolf Hit­ler und Ernst Röhm (SA-Uni­form) Gespräch, 30. August — 3. Sep­tem­ber 1933
Von Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1982-159–21A / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​5​4​1​9​284
Gre­gor Stras­ser (2. von links) im Kreis der Füh­rungs­grup­pe der NSDAP bei einer Bespre­chung in Berch­tes­ga­den im Som­mer 1932 (Adolf Hit­ler, Gre­gor Stras­ser, Ernst Röhm and Her­mann Göring during a gathe­ring in Berch­tes­ga­den in 1932)
Von Rudolf Voll­muth (+1943) — Ber­lin Docu­ment Cent­re, Gemein­frei
Ernst Röhm (Mit­te) kurz nach sei­ner Ernen­nung zum Minis­ter ohne Geschäfts­be­reich im Kabi­nett Hit­ler (Dezem­ber 1933). Rechts SA-Grup­pen­füh­rer Karl Ernst, links Franz von Ste­pha­ni (in der Tuni­ka des Stahl­helms), Public domain
SA — Mit­glie­der kle­ben an das Schau­fens­ter eines Ber­li­ner jüdi­schen Geschäfts ein Schil­der mit der Auf­schrift “Deut­sche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden” Bun­des­ar­chiv, Bild 102–14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA
Ernst Röhm (rechts) mit Kurt Dalue­ge und Hein­rich Himm­ler im August 1933
Von Bun­des­ar­chiv, Bild 102–14886 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​5​4​8​1​337
Bun­des­ar­chiv, Bild 183-S00017 / CC-BY-SA 3.0, Franz von Papen im Jah­re 1936
Franz von Papen Der deut­sche Bot­schaf­ter v. Papen, der im Auf­tra­ge der Reichs­re­gie­rung in Anka­ra den Deutsch-Tür­ki­schen Freund­schafts­ver­trag unter­zeich­ne­te. Scherl Archiv [1936] [Franz von Papen (Por­trät)] Abge­bil­de­te Per­so­nen: Papen, Franz von: Reichs­kanz­ler, Vize­kanz­ler, Bot­schaf­ter, Deutschland

Geschichte und Psychologie Vergangenheit verstehen um mit der Zukunft besser klar zu kommen
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567170coo­kie-checkDeutsch­land 1934: Die Nacht der lan­gen Mes­ser

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