9. November 1938: „Kristallnacht“

Die “Kris­tall­nacht” im Novem­ber 1938 war kein plötz­li­cher Aus­bruch des “Volks­zorns” als spon­ta­ne Reak­ti­on auf das Atten­tat des 17jährigen pol­ni­schen Juden Her­schel Grynsz­pan auf den deut­schen Diplo­ma­ten Ernst Edu­ard vom Rath.

Sie war eine lang geplan­te und akri­bisch vor­be­rei­te­te Gewalt­ak­ti­on gegen Juden — zur Finan­zie­rung des längst beschlos­se­nen Welt­krie­ges.

Kristallnacht am 9. November 1938

Nach der “Macht­er­grei­fung” im Janu­ar 1933 mach­ten sich die Natio­nal­so­zia­lis­ten dar­an, Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land mehr und mehr zum guten Ton wer­den zu las­sen.

Bereits in ihrer Auf­stiegs- und “Kampf“phase in den 1920er und 1930er Jah­ren hat­te es die NSDAP ver­stan­den, alt­ein­ge­ses­se­ne Vor­ur­tei­le und Res­sen­ti­ments zu schü­ren und vom weit ver­brei­te­ten Witz­chen­ma­chen und “schlech­ten Gefühl” zum knall­har­ten “Abstam­mungs-Ant­se­mi­tis­mus*” zu bün­deln.

Mit gro­ßem Erfolg.
Fünf Jah­re nach der Macht­er­grei­fung hat­ten sich vie­le Deut­sche an die sys­te­ma­ti­sche Aus­gren­zung von Men­schen jüdi­schen Glau­bens aus dem sozia­len und wirt­schaft­li­chen Leben der neu­en deut­schen ‘Volks­ge­mein­schaft’ gewöhnt.

Beschimp­fun­gen, Benach­tei­li­gun­gen und auch Gewalt gegen Juden waren für die meis­ten zur Nor­ma­li­tät gewor­den.

SA - Mitglieder kleben an das Schaufenster eines Berliner jüdischen Geschäfts ein Schilder mit der Aufschrift "Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden" Bundesarchiv, Bild 102-14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0
SA — Mit­glie­der kle­ben an das Schau­fens­ter eines Ber­li­ner jüdi­schen Geschäfts ein Schil­der mit der Auf­schrift “Deut­sche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden” Bun­des­ar­chiv, Bild 102–14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

Es sind vor allem Neid, Pro­fit­gier und Geld, die den Anti­se­mi­tis­mus der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Obrig­keit ab 1933 prä­gen. Ideo­lo­gie und Hit­lers Juden­hass, den er bereits in ‘Mein Kampf’ mit sämt­li­chen Fol­gen beschreibt, spie­len zwar auch eine Rol­le, aber eine deut­lich gerin­ge­re als häu­fig ver­mu­tet.

Juden sind die Sün­den­bö­cke für alles, was schief läuft — ja. Aber der eigent­li­che Grund ist ein ande­rer. Es geht um Geld – um viel Geld.

Man braucht das jüdi­sche Ver­mö­gen für das gigan­ti­sche Rüs­tungs­pro­gramm, mit dem der bevor­ste­hen­den Krieg — längst eine beschlos­se­ne Sache — vor­be­rei­tet wird.
Wohl­ha­ben­de jüdi­sche Fami­li­en und Unter­neh­mer sol­len dabei die Rol­le des „Ass im Ärmel“ zur Finan­zie­rung der Kriegs­plä­ne spie­len.

… Es gibt wohl kaum ein zuver­läs­si­ge­res Bin­de­glied unter den Völ­kern Euro­pas als den Juden­hass.
Er ist seit jeher ein geschätz­tes Mani­pu­la­ti­ons­mit­tel der Regie­ren­den und eig­net sich offen­bar vor­züg­lich zur Ver­schleie­rung von sehr ver­schie­de­nen Inter­es­sen, so dass auch extrem mit­ein­an­der ver­fein­de­te Grup­pie­run­gen sich über die Gefähr­lich­keit oder Gemein­heit der Juden völ­lig einig sein kön­nen.
Der erwach­se­ne Hit­ler wuss­te das und sag­te ein­mal zu Rau­sch­ning, dass, „ …wenn es den Juden nicht gäbe, man ihn erfin­den müss­te“.

Aus: Ali­ce Mil­ler, Am Anfang war Erzie­hung*


Jüdisches Vermögen zur Kriegsfinanzierung

Bereits zwei Mona­te nach Hit­lers Macht­er­grei­fung, am 1. April 1933, wur­de in einer ers­ten Wel­le anti­jü­di­scher Het­ze deutsch­land­weit zum Boy­kott jüdi­scher Geschäf­te auf­ge­ru­fen.

Kur­ze Zeit spä­ter ver­lo­ren mit dem „Berufs­be­am­ten­ge­setz“ und dem „Gesetz über die Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft“ etwa 37.000 Men­schen ihre beruf­li­che Exis­tenz.

Danach flau­te die öko­no­mi­sche Dis­kri­mi­nie­rung von Deut­schen jüdi­scher Her­kunft ab. Zeit­wei­se wur­den jüdi­sche Unter­neh­men aus­drück­lich nicht benach­tei­ligt, weil man nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf das Wirt­schafts­le­ben befürch­te­te.

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Ber­lin 1933 Gere­on Raths fünf­ter Fall führt sei­ne Leser direkt in die Zeit der ‘Macht­er­grei­fung’: Reichs­tags­brand, Kom­mu­nis­ten­het­ze, die letz­te Reichs­tags­wahl im März 1933. Hit­ler-Geg­ner, sei­ne Befür­wor­ter und die gro­ße schwei­gen­de Mehr­heit, die hofft, dass die­ser Spuk bald vor­bei sein wird. Ein groß­ar­ti­ger Kri­mi­nal­ro­man vor his­to­ri­schem Hin­ter­grund — sehr lesens­wert! Vol­ker Kut­scher, März­ge­fal­le­ne*, KiWi-Taschen­buch, März 2016 (März­ge­fal­le­ne Gra­tis-Down­load im Audi­ble-Pro­be­mo­nat)


Anders, als häu­fig dar­ge­stellt, wuchs in den ers­ten Zeit nach der Macht­er­grei­fung die Unzu­frie­den­heit mit dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regime; vie­le Deut­sche, Juden eben­so wie Nicht-Juden, hoff­ten auf ein bal­di­ges Ende des brau­nen Spuks und harr­ten aus.

Doch mit der bewähr­ten Metho­de aus “Zucker­brot und Peit­sche” gelingt es, das lei­se Mur­ren in der deut­schen Bevöl­ke­rung zu ersti­cken, zudem ver­bes­sern sich die öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se vie­ler Fami­li­en spür­bar.
Im Sep­tem­ber 1935 fühlt sich das Regime wie­der sat­tel­fest genug, um mit den „Nürn­ber­ger Geset­zen“ zur Ras­sen­tren­nung den Druck zu ver­stär­ken. Unter­neh­mer jüdi­scher Her­kunft haben nach Nürn­berg kei­ne Opti­on mehr; sie geben auf, ver­kau­fen ihre Betrie­be weit unter Wert oder schei­den aus der Geschäfts­lei­tung aus.

Ab 1937 wird die Aus­gren­zung wei­ter zur exis­ten­zi­el­len Bedro­hung aus­ge­baut.
Man braucht drin­gen­der denn je das jüdi­sche Ver­mö­gen zur Finan­zie­rung des längst beschlos­se­nen Zwei­ten Welt­krie­ges.
Die recht­mä­ßi­gen Besit­zer die­ses Ver­mö­gens braucht man nicht.

So wird im Novem­ber 1937 Reichs­wirt­schafts­mi­nis­ter Hja­l­mar Schacht ent­las­sen, ein erklär­ter Geg­ner jeg­li­cher Boy­kott­kam­pa­gnen. Schacht hat­te vor allem den Han­del im Sinn, den er durch Boy­kott­maß­nah­men gegen jüdi­sche Unter­neh­mer und Fir­men in Gefahr sah, und damit die Preis- und Wäh­rungs­sta­bi­li­tät der Reichs­mark und die wich­ti­gen Devi­sen­ein­nah­men, letzt­end­lich also die Finan­zie­rung der deut­schen Wie­der­auf­rüs­tung.

Ausstellung "Der ewige Jude" im Deutschen Museum, 7.-8.11.1937, Bundesarchiv, Bild 119-04-29-38 / CC-BY-SA 3.0
Aus­stel­lung “Der ewi­ge Jude” im Deut­schen Muse­um, 7.–8.11.1937

Die Ablö­sung des ver­gleichs­wei­se mode­ra­ten Wirt­schafts­mi­nis­ters mach­te sich bald bemerk­bar; bereits für das Weih­nachts­ge­schäft 1937 wur­de ein wei­te­rer Boy­kott gegen jüdi­sche Betrie­be und Läden orga­ni­siert.

Mehr und mehr ver­än­der­te sich die Stra­te­gie von der schlei­chen­den „Ent­ju­dung“ des deut­schen Wirt­schafts­le­bens in Rich­tung Zwangs­ent­eig­nung, die – so „Reichs­füh­rer-SS“ Hein­rich Himm­ler – am bes­ten durch Mobi­li­sie­rung des „Volks­zorns“ und Aus­schrei­tun­gen erreicht wer­den kön­ne.

Mefo-Wechsel und der Anschluss Österreichs

Zu Beginn des Jah­res 1938 geht es gro­ßen Tei­len der deut­schen Bevöl­ke­rung wirt­schaft­lich so gut wie nie, wäh­rend das Drit­te Reich kurz vor der Staats­plei­te steht.

Das offi­zi­el­le staat­li­che Haus­halts­de­fi­zit liegt bei zwei Mil­li­ar­den Reichs­mark, die Schul­den­auf­nah­me stößt an ihre Gren­zen und soge­nann­te Mefo-Wech­sel zur Finan­zie­rung der Auf­rüs­tung wer­den fäl­lig, müs­sen also bezahlt wer­den.

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Die Macht­er­grei­fung 1933, der Mythos Auto­bahn­bau, Röhm-Putsch, Volks­ge­mein­schaft, die Olym­pia­de 1936 — aber auch die deso­la­te Wirt­schafts­po­li­tik des Regimes - span­nend, über­sicht­lich und sehr infor­ma­tiv beschrie­ben und in tol­len Bil­dern dar­ge­stellt. Ein lesens­wer­ter Blick hin­ter die Kulis­sen der ers­ten 1000 Tage des Nazi-Regimes. GEO Epo­che, Deutsch­land unter dem Haken­kreuz, Teil 1: 1933 — 1936. Die ers­ten 1000 Tage der Dik­ta­tur*, Gru­ner + Jahr, 2013


Die Kriegs­vor­be­rei­tun­gen wer­den durch die deso­la­te wirt­schaft­li­che Situa­ti­on gefähr­det. Um das zu ver­hin­dern, über­nimmt Hit­ler per­sön­lich das Ober­kom­man­do der Wehr­macht und lässt sie am 4. März 1938 in Öster­reich ein­rü­cken.

Mit dem „Anschluss“ Öster­reichs ver­grö­ßert sich das Reich nicht nur, son­dern es kom­men auch wei­te­re 192.000 Men­schen jüdi­scher Her­kunft zu den noch 350.000 im „Alt­reich“ ver­blie­be­nen.
Beson­ders in Wien mit einem jüdi­schen Bevöl­ke­rungs­an­teil von neun Pro­zent ver­ste­hen vie­le Hit­ler-Anhän­ger die Zei­chen aus Ber­lin falsch und schla­gen los: In wochen­lan­gen Aus­schrei­tun­gen wer­den jüdi­schen Laden­be­sit­zer in unor­ga­ni­sier­ten Aktio­nen aus ihren Geschäf­ten geprü­gelt und von mit­tel­stän­di­schen NSDAP-Mit­glie­dern de fac­to zwangs­ent­eig­net.

Her­mann Göring, zu die­ser Zeit Gene­ral­feld­mar­schall und ver­ant­wort­lich für die Umset­zung des Vier­jah­res­plans, tobt ange­sichts der anar­chi­schen öster­rei­chi­schen Raub­zü­ge, die schließ­lich kein „Ver­sor­gungs­sys­tem untüch­ti­ger Par­tei­ge­nos­sen“ sei­en. Der bank­rot­te NS-Staat braucht das jüdi­sche Geld selbst.

Ende April 1938 erlässt Göring ein Gesetz, das alle Juden im Reich zunächst zwingt, ihre Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se beim Finanz­amt detail­liert offen zu legen.
Das geschätz­te Gesamt­ver­mö­gen von etwa 8,5 Mil­li­ar­den Reichs­mark sol­le das Haus­halts­de­fi­zit ver­rin­gern und die Beraub­ten ins Aus­land ver­trei­ben.

Die Konferenz von Evian: Keine Chance für jüdische Flüchtlinge

Auf Betrei­ben des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten  Theo­do­re Roo­se­velt fin­det im Juli 1938 im fran­zö­si­schen Städt­chen Evi­an eine inter­na­tio­na­le Kon­fe­renz statt, um die Mög­lich­kei­ten der Aus­wan­de­rung von Juden aus Deutsch­land und Öster­reich zu ver­bes­sern.

Die euro­päi­schen Nach­barn Deutsch­lands befürch­te­ten eine Flücht­lings­wel­le und ver­such­ten, sie abzu­wen­den; jedoch war kei­ner der 32 Teil­neh­mer­staa­ten von Evi­an bereit, jüdi­sche Flücht­lin­ge in grö­ße­rem Maß­stab auf­zu­neh­men.
Die Kon­fe­renz schei­ter­te, man trenn­te sich ergeb­nis­los.

Die Schweiz pro­tes­tier­te statt­des­sen gegen die „Ver­ju­dung“ durch Flücht­lin­ge aus Öster­reich und droh­te mit einer all­ge­mei­nen Visums­pflicht. Und auch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sahen kei­ne Mög­lich­keit, den jüdi­schen Flücht­lin­gen aus Euro­pa Zuflucht zu gewäh­ren hiel­ten an ihrer nor­ma­len Quo­te von jähr­lich 27.370 Ein­wan­de­rern aus Deutsch­land und Öster­reich fest.

Juden” hat­ten in den meis­ten euro­päi­schen Staa­ten kein gro­ßes Anse­hen.
Vie­le glaub­ten, dass die Ver­fol­gung der Juden im Drit­ten Reich ihren Gip­fel bereits erreicht hät­te — und in vie­len Län­dern, bei­spiels­wei­se in den USA, ist Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung eben­falls bekannt und poli­tisch erlaubt: Hier sind “Neger” — Men­schen mit dunk­ler Haut­far­be — die Bür­ger 2. Klas­se.

Soli­da­ri­tät mit den Ver­folg­ten gibt es nicht.

Als im Drit­ten Reich am 9. Novem­ber 1938 die Lage eska­liert (wird) und die blu­ti­ge Jagd beginnt, hält Luxem­burg sei­ne Gren­zen fest ver­schlos­sen und ver­stärkt die Grenz­kon­trol­len gegen Flücht­lin­ge.

Die staatlich organisierte Hetzjagd auf Menschen

Im Okto­ber 1938, kurz nach­dem auch das Sude­ten­land mit dem Segen des „Münch­ner Abkom­mens“ ver­meint­lich fried­lich „Heim ins Reich“ geholt wor­den war und Hit­ler intern die „Zer­schla­gung der Rest-Tsche­chei“ ange­ord­net hat­te, ver­kün­det Her­mann Göring ein wei­te­res gigan­ti­sches Rüs­tungs­pro­gramm.

Die Pri­vat­wirt­schaft müs­se dar­an mit­wir­ken, die „Ari­sie­rung“ sei nun unum­gäng­lich, betont er.

Das Atten­tat des 17jährigen pol­ni­schen Juden Her­schel Grynsz­pan auf den deut­schen Lega­ti­ons­se­kre­tär Ernst Edu­ard vom Rath kommt gera­de recht.

Als vom Rath zwei Tage nach dem Anschlag an sei­nen Ver­let­zun­gen stirbt, wird sein Tod als „Blut­zeu­ge“ zum Anlass für eine seit dem Mit­tel­al­ter bei­spiel­lo­se Men­schen­jagd genutzt. Hit­ler und sei­ne Entou­ra­ge beschlie­ßen, die­se Gele­gen­heit zum lan­ge vor­be­rei­te­ten Aus­bruch des „Volks­zorns“ zu nut­zen.

Herschel Grynspan kurz nach seiner Verhaftung am 7. November 1938, Autor: Unknown, Gemeinfrei
Her­schel Gryn­span kurz nach sei­ner Ver­haf­tung am 7. Novem­ber 1938, Autor: Unknown, Gemein­frei

Die Hetz­jagd beginnt bereits am spä­ten Nach­mit­tag des 7. Novem­ber 1938 in Kur­hes­sen und Mag­de­burg-Anhalt durch Ange­hö­ri­ge der SA und SS in Zivil­klei­dung.

In einer Rede vor Gau­lei­tern und SA-Füh­rern mach­te Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Joseph Goeb­bels die „jüdi­sche Welt­ver­schwö­rung“ für das Atten­tat ver­ant­wort­lich und lobt die „spon­ta­nen“, anti­jü­di­schen Aktio­nen, nament­lich in Kur­hes­sen und Mag­de­burg-Anhalt.

Die Par­tei wol­le nicht als Orga­ni­sa­tor sol­cher Aktio­nen in Erschei­nung tre­ten, wer­de sie aber dort, wo sie ent­stün­den, nicht behin­dern, ver­spricht Goeb­bels.

Zufrie­den ver­merkt er spä­ter in sei­nem Tage­buch, wie die Funk­tio­nä­re nach sei­ner Rede „gleich an die Tele­pho­ne saus­ten“ und ent­spre­chen­de Anwei­sun­gen an die Basis wei­ter­ga­ben.

Zerstörtes jüdisches Geschäft in Magdeburg, November 1938 Von Bundesarchiv, Bild 146-1970-083-44 / Friedrich, H. / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de
Zer­stör­tes jüdi­sches Geschäft in Mag­de­burg, Novem­ber 1938, Bun­des­ar­chiv
Magdeburg, zerstörtes jüdisches Geschäft By Bundesarchiv, Bild 146-1972-033-39 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de
Mag­de­burg, zer­stör­tes jüdi­sches Geschäft Bun­des­ar­chiv

In der Nacht vom 9. auf den 10. Novem­ber begin­nen die mehr­tä­gi­gen Exzes­se, die unter dem Namen “Reichs­kris­tall­nacht” in die Geschich­te ein­ge­gan­gen sind.
Etwa 400 Men­schen wer­den ermor­det oder in den Selbst­mord getrie­ben, 1400 Syn­ago­gen und Ver­samm­lungs­räu­me zer­stört, tau­sen­de Woh­nun­gen und Geschäf­te ver­wüs­tet und geplün­dert.

Ab dem 10. Novem­ber wer­den 30.000 deut­sche Juden (oder jüdi­scher Abstam­mung) ver­haf­tet und in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger gebracht, Hun­der­te ster­ben dort oder spä­ter an den Fol­gen der Haft.

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, 2013 (Über­ar­bei­tet 2019)

Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Was begeis­ter­te Mil­lio­nen Men­schen an Adolf Hit­ler, war­um folg­ten sie ihm bis in den Unter­gang? Ging es tat­säch­lich nur um Arbeit und Volks­ge­mein­schaft — oder steckt mehr hin­ter dem “Phä­no­men Hit­ler”?
Die Erlaub­nis zu has­sen

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Einer der wich­tigs­ten Fil­me unse­rer Zeit - und zugleich einer der trau­rigs­ten:
Jeder soll­te ihn ken­nen. Liam Nee­son, Sir Ben Kings­ley, Ralph Fien­nes und vie­le mehr in:
Schind­lers Lis­te, Uni­ver­sal Pic­tures Ger­ma­ny GmbH, Okto­ber 2004. FSK: 12
(Kos­ten­los über Ama­zon prime)

Die His­to­ri­ke­rin Bri­git­te Hamann in ihrem exzel­len­ten Buch über Adolf Hit­lers Lehr­jah­re in Wien. Ein groß­ar­ti­ges Por­trät Wiens, des Zeit­geists der nie­der­ge­hen­den k.u.k. Mon­ar­chie, der vor­herr­schen­den Denk­rich­tun­gen — und des jun­gen, halt­lo­sen Adolf Hit­ler, der in sei­ner Zeit im Män­ner­wohn­heim sogar enge, fast freund­schaft­li­che Ver­bin­dun­gen zu Juden pfleg­te. Span­nend geschrie­ben und sehr lesens­wert!
Bri­git­te Hamann, Hit­lers Wien. Lehr­jah­re eines Dik­ta­tors*. Piper Ver­lag, 2012

Die Macht­er­grei­fung 1933, der Mythos ‘Auto­bahn­bau’, Röhm-Putsch, Ver­fol­gung von Anders­den­ken­den und Juden - und vie­les mehr über­sicht­lich und sehr infor­ma­tiv beschrie­ben und mit tol­len Bil­dern gezeigt. Ein lesens­wer­ter Ein- und Über­blick für die ers­ten 1000 Tage des Nazi-Regimes. Sehr emp­feh­lens­wert! GEO Epo­che, Deutsch­land unter dem Haken­kreuz, Teil 1: 1933 — 1936. Die ers­ten 1000 Tage der Dik­ta­tur*, Gru­ner + Jahr, 2013

Die Geschich­te der Deut­schen gut, über­sicht­lich und ver­ständ­lich erklärt. Neben allen wich­ti­gen Daten und Fak­ten gibt es vie­le Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen, die das Lesen zum Ver­gnü­gen machen und das Ver­ste­hen von his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen erleich­tern. Für’s Nach­schla­gen und zum Quer­le­sen pri­ma geeig­net.
Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2012

Ein sehr lesens­wer­ter Geschichts-Thril­ler über die letz­ten 10 Wochen der Wei­ma­rer Repu­blik. Fak­ten­reich und span­nend wird das zähe Rin­gen aller Akteu­re — Hin­den­burg, Hit­ler, Papen, Schlei­cher — um die Macht beschrie­ben. Ein tol­les Lese­er­leb­nis; nur ein Jam­mer, dass die­ses Buch kein Roman, son­dern ein Sach­buch über die größ­te Kata­stro­phe in der deut­schen Geschich­te ist. Rüdi­ger Barth, Hau­ke Fried­richs, Die Toten­grä­ber: Der letz­te Win­ter der Wei­ma­rer Repu­blik*, S. FISCHER Ver­lag, 2018

Wie konn­te es so weit kom­men?
Alle, die sich mit die­ser Fra­gen beschäf­ti­gen, wer­den in die­ser glän­zend geschrie­be­nen und recher­chier­ten Ana­ly­se des Hit­ler-Mythos Ant­wor­ten fin­den.

Ian Kers­haw, Der Hit­ler-Mythos. Füh­rer­kult und Volks­mei­nung*, Pan­the­on Ver­lag, bro­schiert, März 2018

Ali­ce Mil­lers Klas­si­ker „Am Anfang war Erzie­hung“ ist heu­te aktu­el­ler denn je –
gesell­schaft­lich, für vie­le aber auch sehr per­sön­lich.
Die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin über Kind­heit, Erzie­hung und “schwar­ze Päd­ago­gik” und ihre Fol­gen.
Ali­ce Mil­ler, Am Anfang war Erzie­hung*. Suhr­kamp Ver­lag, Frank­furt am Main, Taschen­buch, unge­kürz­te Ausgabe,1980

Basie­rend auf Tage­buch­no­ti­zen und Brie­fen von Unity Mit­ford, Pola Negri und vie­len ande­ren wird die dra­ma­ti­sche Zwi­schen­kriegs­zeit 1918 bis 1939 mit Spiel­sze­nen und bis­lang unver­öf­fent­lich­tem Ori­gi­nal-Film­ma­te­ri­al per­fekt in Sze­ne gesetzt. Kei­ne Wis­sen­schaft­ler aus dem Off — son­dern Men­schen, ihre Träu­me und Schick­sa­le zusam­men­ge­fasst in tol­len neu­en und alten Bil­dern, die uns ihre Zeit nahe brin­gen. Sehens­wert! Krieg der Träu­me 1918–1939 [3 DVDs]*, 2018, FSK 12


Wei­ter­füh­ren­de Bei­trä­ge:

Hit­ler Bio­gra­fie: Der Wer­de­gang Adolf Hit­lers vom geprü­gel­ten Sohn eines „erzie­hen­den“ Vaters und einer lie­be­vol­len, aber schwa­chen Mut­ter zu einem der grau­sams­ten Dik­ta­to­ren der Mensch­heit.
Vom ver­bor­ge­nen zum mani­fes­ten Grau­en: Kind­heit und Jugend Adolf Hit­lers

NS-Erzie­hung: Es war wäh­rend des Drit­ten Rei­ches ein Best­sel­ler und galt als d e r Leit­fa­den zur Kin­der­er­zie­hung. Über die NS-Päd­ago­gik und Johan­na Haa­rers Mach­werk.
Zwi­schen Drill und Miss­hand­lung: Die deut­sche Mut­ter und ihr ers­tes Kind

Hit­ler und die Frau­en: Adolf Hit­ler hat­te ein sehr gro­ßes Inter­es­se an Frau­en (und umge­kehrt) und war bei wei­tem nicht der “ein­sa­me Wolf”, als der er sich in der Öffent­lich­keit ger­ne dar­stel­len ließ. Adolf Hit­ler, die Frau­en, sein deutsch-bri­ti­sches Tech­tel­mech­tel und die Fra­ge: Wäre Hit­ler ein guter Schwie­ger­sohn gewe­sen?
Vom It-Girl zur Wal­kü­re: Die Welt der Unity Mit­ford

Das Ende der Repu­blik: Die letz­ten frei­en Wah­len am 6. Novem­ber 1932 besie­geln das Schick­sal der Deut­schen. Es ist aber nicht das Wäh­ler­vo­tum, das den roten Tep­pich für Adolf Hit­ler aus­rollt, son­dern das kata­stro­pha­le Agie­ren von mehr oder min­der demo­kra­ti­schen Poli­ti­kern, die mit einer Mischung aus Igno­ranz, Dumm­heit und Selbst­sucht die ers­te Demo­kra­tie auf deut­schem Boden gegen die Wand fah­ren.
1932- das Ende der Repu­blik. Brü­ning: Der Hun­ger­kanz­ler

Welt­wirt­schafts­kri­se 1929: Tat­säch­lich ist der „Schwar­ze Frei­tag“ ein Don­ners­tag. Am 24. Okto­ber 1929 begin­nen an der New Yor­ker Wall Street die Akti­en­kur­se zu rut­schen. Gegen Mit­tag wird aus Ner­vo­si­tät Panik, der Dow Jones sackt ab, der Han­del bricht mehr­mals zusam­men. Der Crash wird schließ­lich zur Wirt­schafts­kri­se, als jeder ver­sucht zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist — egal, zu wel­chem Preis.
Der Schwar­ze Frei­tag: Vom Bör­sen­krach zur Welt­wirt­schafts­kri­se

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Erschüt­ternd aktu­ell: BAP – Kris­tall­naach
Wolf­gang Nie­de­cken, Autor und Sän­ger von BAP, sie­delt sei­nen Song in der Gegen­wart an (also zu Beginn der 1980er Jah­re), in der Neo­na­zis euro­pa­weit gro­ßen Zulauf haben und wie­der salon­fä­hig zu wer­den dro­hen – und warnt vor einer Wie­der­ho­lung der Geschich­te.
„Neid“, „Pro­fit­gier“ und „Geld“ wer­den im Text als Ursa­chen von Gewalt und Ver­fol­gung benannt: In dem 1982 ver­öf­fent­lich­ten Lied „Kris­tall­naach“ heißt es:
https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​N​K​c​u​1​i​M​H​jJA

Lyrics — Kris­tall­naach
https://​www​.bap​.de/​s​t​a​r​t​/​m​u​s​i​k​/​s​o​n​g​t​e​x​t​e​/​t​i​t​e​l​/​k​r​i​s​t​a​l​l​n​a​ach

Ole Löding, „… täg­lich Kris­tall­naach“. NS-Ver­gan­gen­heit und bun­des­deut­sche Gegen­wart in einem Song von BAP (1982), in: Zeit­his­to­ri­sche Forschungen/Studies in Con­tem­pora­ry Histo­ry, Online-Aus­ga­be, 9 (2012), H. 1,
https://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Loeding‑1–2012

Mefo-Wech­sel
https://www.zeitklicks.de/nationalsozialismus/zeitklicks/zeit/propaganda/frag-doch-mal‑4/was-ist-ein-mefowechsel/

Bild­nach­wei­se:

1. Her­schel Gryn­span kurz nach sei­ner Ver­haf­tung am 7. Novem­ber 1938, Autor: Unknown, Gemein­frei — https://​digi​tal​as​sets​.ushmm​.org/​p​h​o​t​o​a​r​c​h​i​v​e​s​/​d​e​t​a​i​l​.​a​s​p​x​?​i​d​=​3​1​253

2. Boy­kott der Natio­nal­so­zia­lis­ten gegen jüdi­sche Geschäf­te in Deutsch­land,
SA — Mit­glie­der kle­ben an das Schau­fens­ter eines Ber­li­ner jüdi­schen Geschäfts ein Schil­der mit der Auf­schrift “Deut­sche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden” Bun­des­ar­chiv, Bild 102–14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

3. Aus­stel­lung “Der ewi­ge Jude” im Deut­schen Muse­um, 7.–8.11.1937, Bun­des­ar­chiv, Bild 119–04-29–38 / CC-BY-SA 3.0

4.Zerstörtes jüdi­sches Geschäft in Mag­de­burg, Novem­ber 1938 Von Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1970-083–44 / Fried­rich, H. / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​5​4​1​8​871

5. Mag­de­burg, zer­stör­tes jüdi­sches Geschäft By Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1972-033–39 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​5​4​1​8​923


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Ein Gedanke zu „9. November 1938: „Kristallnacht“

  1. Ich habe einen Groß­teil des Welt­krie­ges und die Nach­kriegs­zeit als Kind im Ruhr­ge­biet mit all sei­nen Scheuß­lich- und Schreck­lich­kei­ten erlebt.
    Gott sei Dank aber blieb mir das oben Beschrie­be­ne wegen der Gna­de der
    spä­ten Geburt erspart.

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