1914: Sarajevo, Franz Joseph und die Julikrise

1914 Ers­ter Weltkrieg

Sisis ‘Franzl’ und der große Knall: Krieg oder Frieden?


1914: Ein alter Kai­ser, ein aus­ein­an­der­bre­chen­der Viel­völ­ker­staat und jugend­li­che Atten­tä­ter, die bereit sind, für ihre Über­zeu­gung zu mor­den. Das ist der Stoff, aus dem Alb­träu­me sind. Oder Welt­ge­schich­te.

Ein Hin­ter­grund­be­richt über Kai­ser Franz Joseph und sei­nen Weg in den Ers­ten Weltkrieg.

Kaiser Franz Joseph von Österreich-Ungarn um 1915 während des Ersten Weltkriegs

1914: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg taumelte

1914 steht Euro­pa am Abgrund: Natio­na­lis­mus, Macht­po­li­tik und Angst vor dem Bedeu­tungs­ver­lust trei­ben die Groß­mäch­te immer wei­ter in Rich­tung Krieg.
Ein Atten­tat in Sara­je­vo genügt schließ­lich, um eine Ket­ten­re­ak­ti­on aus­zu­lö­sen, die Mil­lio­nen Men­schen das Leben kos­ten wird.

Im Zen­trum der Kri­se steht ein alter Kai­ser: Franz Joseph von Öster­reich-Ungarn. Der „Franzl“ aus den roman­ti­schen Sis­si-Fil­men regiert ein Reich, das inner­lich längst zer­fällt — und trifft Ent­schei­dun­gen, die Euro­pa in die Kata­stro­phe füh­ren.

Der Ers­te Welt­krieg beginnt nicht durch einen ein­zel­nen Schuss.
Er ent­steht aus ver­letz­tem Stolz, poli­ti­schen Fehl­ent­schei­dun­gen, natio­na­lis­ti­scher Ver­blen­dung und einer Welt, die glaubt, einen Krieg kon­trol­lie­ren zu können.

Ein alter Kaiser und sein zerrissenes Reich

Sei­ne k. u. k. (kaiser­li­che und könig­li­che) apos­to­li­sche Majes­tät Franz Joseph I, Kai­ser von Öster­reich und König von Ungarn, scheint eigent­lich ein net­ter Mensch gewe­sen zu sein — zumin­dest wenn man dem jun­gen Karl­heinz Böhm als „Franzl“ in Ernst Marisch­kas Sis­si-Fil­men* aus den 1950er Jah­ren Glau­ben schen­ken mag.

In der Rea­li­tät des Jah­res 1914 ist Franz Joseph ein alter Mann, der die Zei­chen sei­ner Zeit schon lan­ge nicht mehr ver­steht.

Im Jahr 1914 regier­te der 83-jäh­ri­ge schon mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert sein Rie­sen­reich Öster­reich-Ungarn, einen aus­ein­an­der­bre­chen­den Viel­völ­ker­staat, der von sei­nen zahl­rei­chen Fein­den auch ger­ne als Völ­ker­ker­ker bezeich­net wird.

Karte von Österreich-Ungarn 1914 vor dem Ersten Weltkrieg mit den Ländern der Habsburger Monarchie

Kar­te von Öster­reich-Ungarn im Jahr 1914. Die Habs­bur­ger Dop­pel­mon­ar­chie umfass­te zahl­rei­che Völ­ker, Spra­chen und Regio­nen und galt als poli­tisch insta­bi­ler Viel­völ­ker­staat Euro­pas vor dem Ers­ten Welt­krieg. Quel­le: Mari­usz Paźd­zio­ra, 2008

Es ist ein wack­li­ges Kon­strukt; ein „Ei mit zwei Dot­tern”, wie es der His­to­ri­ker Chris­to­pher Clark for­mu­liert. Denn auch wenn es Franz Joseph nicht gefällt — das König­reich Ungarn hat in vie­len Belan­gen ein Mit­spra­che­recht und muss zu allen wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen sei­ne Zustim­mung geben.

Und außer­dem ärgern den alten Kai­ser vie­ler sei­ner Unter­ta­nen in sei­nem gro­ßen Reich. Vor allem die­je­ni­gen, die neu­mo­di­sche Ideen wie “Natio­nal­staat” oder sogar „Demo­kra­tie” anhängen …

Wien 1914: Zwischen Walzerseligkeit und „Watsch’nkonzert“

Fast täg­lich lässt sich der alte Kai­ser in sei­ner ver­gol­de­ten Kut­sche von acht Schim­meln in sein Büro in der Wie­ner Hof­burg zie­hen, um dort zu regie­ren und alles beim Alten zu hal­ten.

Wäh­rend Franz Joseph bei sei­nen Staats­ge­schäf­ten viel­leicht gele­gent­lich von der schö­nen blau­en Donau oder sei­ner gelieb­ten Frau Sisi träumt, die 1898 in Genf von einem Atten­tä­ter ersto­chen wur­de, braut sich in Wien und andern­orts eini­ges zusammen.

Kaiserin Elisabeth von Österreich („Sisi“) mit ihrem Lieblingshund Shadow im Jahr 1867

Kai­se­rin Eli­sa­beth von Öster­reich, bes­ser bekannt als „Sisi“, mit ihrem Lieb­lings­hund Shadow im Jahr 1867. Die legen­dä­re Kai­se­rin galt als schön, frei­heits­lie­bend und unglück­lich am Wie­ner Hof der Habsburger.

Anders als ihr alter Kai­ser sind vie­le Unter­ta­nen vom enor­men tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te beflü­gelt.

Das Bür­ger­tum ist selbst­be­wusst gewor­den, neue Ideen und Lebens­kon­zep­te sind ent­stan­den, zu denen die stau­bi­ge Büro­kra­tie der 640 Jah­re alten Herr­schaft der Habs­bur­ger nicht mehr passt.

Außer ver­gol­de­te Kut­schen, Drosch­ken und Rad­fah­rer fah­ren auf Wiens Alleen seit eini­ger Zeit auch moder­ne und gefähr­li­che Neu­hei­ten wie das Auto­mo­bil  in wach­sen­der Zahl.

Auch vor Archi­tek­tur, Male­rei, Musik und Lite­ra­tur macht die Moder­ne kei­nen Halt.

Das kommt beim Wie­ner Estab­lish­ment nicht immer gut an: Im März 1913 muss bei­spiels­wei­se ein „Watsch’nkonzert“ abge­bro­chen wer­den, denn nach Tumul­ten und Hand­greif­lich­kei­ten konn­te nicht mehr für die Sicher­heit des Orches­ters garan­tiert wer­den.

Die Wie­ner haben sich an die empö­ren­den Wer­ke zeit­ge­nös­si­scher Kom­po­nis­ten schon fast gewöhnt: Vie­le brin­gen zu Kon­zer­ten dicke Schlüs­sel­bun­de mit, mit denen sie laut klap­pern, wenn ihnen nicht gefällt, was sie hören.
Aber die­se Auf­füh­rung im Wie­ner Musik­ver­eins­saal unter der Lei­tung von Arnold Schön­berg war selbst für rou­ti­nier­te Schlüs­sel­klap­pe­rer zu viel des Guten.

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Buchcover von „Elisabeth: Kaiserin wider Willen“ von Brigitte Hamann

Eine der besten Biografien, die jemals geschrieben worden ist.

Die His­to­ri­ke­rin Bri­git­te Hamann über das Leben der ech­ten Eli­sa­beth, Kai­se­rin von Öster­reich und Köni­gin von Ungarn.

Sie zeigt Kai­se­rin Sisi als wider­sprüch­li­che, hoch­ge­bil­de­te und oft zutiefst unglück­li­che Frau — und zeich­net gleich­zei­tig ein fas­zi­nie­ren­des Bild der unter­ge­hen­den Habs­bur­ger Welt vor 1914.

Hitler und Stalin in Wien

Alles wird anders” liegt in der Luft.
Beson­ders in Wien, aber auch in ande­ren Haupt- und Groß­städ­ten Euro­pas, herrscht Aufbruchs‑, Umbruchs- und auch ein biss­chen Welt­un­ter­gangs­stim­mung.

Vie­les ist neu, unbe­kannt, span­nend – und auch ein biss­chen mor­bi­de.

Eine Merk­wür­dig­keit die­ser Zeit ist, dass sich aus­ge­rech­net ein Jahr vor Kriegs­be­ginn, im Jahr 1913, in der Donau­me­tro­po­le die bei­den kom­men­den Tyran­nen des 20. Jahr­hun­derts gleich­zei­tig auf­hal­ten.

Ios­seb Wis­sa­ri­o­no­witsch Dschu­g­aschwi­li, der sich seit einem Jahr „Sta­lin“ nennt, ist im Auf­trag Lenins vor Ort, um einen grund­le­gen­den Auf­satz über Mar­xis­mus und die natio­na­le Fra­ge zu ver­fas­sen. Lenins „Mann für’s Gro­be“ logiert wäh­rend sei­ner Zeit in Wien im hoch­herr­schaft­li­chen Appar­te­ment des Aris­to­kra­ten, Hee­res­of­fi­zier und Mar­xis­ten Alex­an­der Tro­ja­now­ski in der Schön­brun­ner Schloss­stra­ße 30.

Der Wiener Graben um 1890 mit Straßenleben und historischen Gebäuden in der Kaiserzeit

Der Wie­ner Gra­ben um 1890, foto­gra­fiert von August Stau­da. Die Auf­nah­me zeigt das ele­gan­te Stra­ßen­le­ben der kai­ser­li­chen Donau­me­tro­po­le Wien kurz vor den Umbrü­chen des 20. Jahrhunderts.

Eini­ge Stra­ßen­zü­ge wei­ter haust in einem Män­ner­wohn­heim in der Mel­de­mann­stra­ße der drei­und­zwan­zig­jäh­ri­ge Adolf Hit­ler. Der ver­sucht sich ziem­lich glück­los als Kunst­ma­ler und kann sich gera­de so vom Ver­kauf sei­ner hand­ge­mal­ten Post­kar­ten über Was­ser hal­ten.

Hit­ler und Sta­lin, die zwei Jahr­zehn­te spä­ter als die grau­sams­ten Dik­ta­to­ren aller Zei­ten in die Geschich­te ein­ge­hen wer­den, gehen ger­ne im Park des kai­ser­li­chen Schlos­ses Schön­brunn spa­zie­ren. Ob sie sich dort jemals begeg­net sind, ist nicht bekannt.

Die Welt als Pulverfass

Die Welt in jenen Tagen gleicht einem Pul­ver­fass.
Unbe­ein­druckt von per­ma­nen­ten Kri­sen, Krie­gen, Unru­hen und Auf­stän­den haben allen Groß­mäch­ten Euro­pas den Wunsch nach mehr Macht, mehr Ein­fluss und mehr Land.

Im Zeit­al­ter des Impe­ria­lis­mus schal­te­te man beim Zusam­men­raf­fen neu­er Bür­ger und Län­de­rei­en sogar noch einen Gang höher. Dass mit die­ser Stra­te­gie Ärger zwangs­läu­fig wird, scheint nie­man­den auf­zu­fal­len: Wenn alle “mehr” wol­len, wird es irgend­wann eng.

Bereits im Vor­feld des Jah­res 1914 jagt eine welt­po­li­ti­sche Kri­se die nächs­te, und nicht nur Mili­tärs und Poli­ti­ker haben sich schon längst an den Gedan­ken gewöhnt, dass es irgend­wann zum Knall kom­men wird. Aller­dings rech­nen alle mit einem klei­nen.

Bei den annek­tier­ten Völ­kern braut sich eben­falls etwas zusam­men: Natio­na­lis­mus ist das Zau­ber­wort, das in jener Zeit vie­le Men­schen in Euro­pa bewegt — die Vor­stel­lung, dass jedes Volk einen eige­nen Staat haben soll­te.

Die gro­ßen Mäch­ti­gen — Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Russ­land, Öster­reich-Ungarn und das deut­sche Kai­ser­reich — stört das wenig.

Die einen suchen wei­ter­hin ihren impe­ria­len „Platz an der Son­ne“ in Über­see, die ande­ren, wie etwa Öster­reich-Ungarn, expan­die­ren lie­ber vor der eige­nen Haus­tür: auf dem Balkan.

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Buchcover Die Macht der Geografie von Tim Marshall über Weltpolitik und geopolitische Konflikte

Weltpolitik ist Geopolitik

War­um kämp­fen Staa­ten um bestimm­te Regio­nen? Wes­halb gera­ten Impe­ri­en immer wie­der anein­an­der?

Tim Mar­shall zeigt ein­drucks­voll, wie Geo­gra­fie Welt­ge­schich­te prägt — von den Kon­flik­ten vor 1914 bis zu den Kri­sen der Gegen­wart. Ein klu­ges und sehr ver­ständ­li­ches Buch, um Macht, Gren­zen und geo­po­li­ti­sche Inter­es­sen nach­voll­zie­hen zu können.

1908: Bosnien-Herzegowina wird österreichisch

Und so glie­dert Öster­reich im Jahr 1908 das von den Tür­ken befrei­te Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na, das man bereits seit 30 Jah­ren besetzt hält, auch offi­zi­ell ins Reich der Habs­bur­ger ein.

Das stört Russ­land, dass nach einer ver­hee­ren­den Nie­der­la­ge gegen Japan im Osten gera­de beginnt, sich auch wie­der auf den Bal­kan zu fokus­sie­ren.

Das klei­ne König­reich Ser­bi­en, das einen gro­ßen Traum vom lan­ge unter­ge­gan­ge­nen groß­ser­bi­schen Reich träumt, fühlt sich eben­falls bedrängt. Denn man hegt eige­ne Expan­si­ons­plä­ne, die einen Zugang zum Meer ver­schaf­fen sol­len, von dem man sich den lan­gen erhoff­ten Wirt­schafts­auf­schwung ver­spricht.

Schon damals liegt Krieg in der Luft — aber außer Säbel­ras­seln und den übli­chen Pro­test­no­ten pas­siert erst­mal nichts.


Krieg und Revolution

Ein Krieg zwi­schen Öster­reich und Russ­land”, schrieb Lenin 1913 an Maxim Gor­ki, „wür­de der Revo­lu­ti­on in West­eu­ro­pa sehr nütz­lich sein. Aller­dings kann man sich kaum vor­stel­len, dass Franz Joseph und Niko­laus uns die­sen Gefal­len tun wer­den.“

Aus: Flo­ri­an Illies, 1913. Der Som­mer des Jahr­hun­derts*


Panslawismus: Die Serben und der Balkan

Beim impe­ria­len Wett­lauf wol­len auch die Klei­nen mit­mi­schen.

Ser­bi­en bedient sich dafür der roman­ti­schen Idee des „Pan­sla­wis­mus“ – Sla­wen aller Län­der ver­ei­nigt Euch! – und ver­folgt mit der nicht ganz unei­gen­nüt­zi­gen Unter­stüt­zung des Zaren­rei­ches Russ­land eben­falls aggres­si­ve und expan­si­ve Zie­le in sei­ner Nach­bar­schaft.

Die Idee ist, alle Bal­kan­staa­ten, in denen Ser­ben leben, in einem König­reich zu ver­ei­nen und das unter­ge­gan­ge­ne Groß­ser­bi­en neu zu erschaf­fen. Dass das Gebiet von Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na nie dazu­ge­hört hat und außer­dem vie­le ande­re, nicht-ser­bi­sche Eth­ni­en wie Kroa­ten und Mus­li­me behei­ma­tet, stört dabei nicht.

Karte Bündnisse Julikrise 1914 Erster Weltkrieg 1914 Generationengespräch

Russ­land unter­stützt den „klei­nen sla­wi­schen Bru­der” bei die­ser Idee.

Die Idee von Großserbien

Doch so viel man an Öster­reich-Ungarn auch aus­et­zen kann: Die Dop­pel­mon­ar­chie sorgt in allen Län­dern ihres Herr­schafts­ge­biets für Infra­struk­tur, einen funk­tio­nie­ren­den Beam­ten­ap­pa­rat, wirt­schaft­li­chen Auf­schwung und Schu­len für alle.

Des­halb gibt es in den „ein­ge­ker­ker­ten” Natio­nen des „Völ­ker­ker­kers” auch vie­le Stim­men, die ganz zufrie­den sind und sich für den Ver­bleib im unge­lieb­ten Habs­bur­ger Reich aus­spre­chen.

Wol­len alle auf dem Bal­kan ver­streut leben­dend Ser­ben ein groß­ser­bi­sches Reich?

Nicht unbe­dingt.
Denn das König­reich Ser­bi­en gilt als rück­stän­dig, lebt von Kre­di­ten und hat eine über­wie­gend bäu­er­li­che Gesell­schaft, die sich wei­gert, ihre Kin­der zur Schu­le zu schicken.

Franz Ferdinand, der ungeliebte Thronfolger

Erz­her­zog Franz Fer­di­nand ist alles ande­re als beliebt.
Er mag kei­ne Spei­chel­le­cker, Wider­spruch dul­det er aber auch nicht; selbst von Minis­tern und hohen Beam­ten wird berich­tet, dass sie nie ohne Herz­klop­fen zu ihm gin­gen, denn der Erz­her­zog ist für sei­ne Tob­suchts­an­fäl­le gefürchtet.


Kein Publikumsliebling

… Franz Fer­di­nand war kein Publi­kums­lieb­ling. Er hat­te kein Cha­ris­ma, war reiz­bar und neig­te zu unver­mit­tel­ten Wut­aus­brü­chen. Das rund­li­che, unbe­weg­li­che Gesicht hat­te über­haupt nichts Ein­neh­men­des für jene, die nie­mals erlebt hat­ten, wie sein Gesicht in der Gesell­schaft sei­ner Fami­lie oder enger Freun­de zum Leben erwa­chen konn­te, erhellt von tief­blau­en Augen.“

Aus: Chris­to­pher Clark, Die Schlaf­wand­ler. Wie Euro­pa in den 1. Welt­krieg zog*


Franz Fer­di­nand ist der Nef­fe des alten Kai­sers; er wur­de erst zum Thron­fol­ger, nach­dem sich Franz Josephs und Sis­is gemein­sa­mer Sohn Rudolf zusam­men mit sei­ner jun­gen Gelieb­ten, der 17-jäh­ri­gen Baro­ness Mary Vetse­ra, im Jahr 1889 auf Schloss May­er­ling erschos­sen hat­te.

Die spä­te Beru­fung zum Thron­fol­ger ist ver­mut­lich Franz Fer­di­nands größ­test Glück — denn trotz der stren­gen Habs­bur­ger Eti­ket­te konn­te er die Hoch­zeit mit sei­ner gro­ße Lie­be Sophie durch­set­zen und muss­te nicht eine aus dynas­ti­schen Erwä­gun­gen aus­ge­wähl­te Prin­zes­sin zur Braut neh­men.

Das Paar hat drei gemein­sa­me Kin­der und führt ein für die­se Zeit außer­ge­wöhn­lich glück­li­ches Fami­li­en­le­ben.

Die Hei­rat „mei­ner Soph” sei das „Aller­ge­schei­tes­te”, was er je in sei­nem Leben getan habe, sagt er ein­mal zu sei­ner Stief­mut­ter; sei­ne Kin­der waren sei­ne „gan­ze Won­ne und Stolz”. „Den gan­zen Tag sit­ze ich bei ihnen und bewun­de­re sie, weil ich sie so lieb habe.“

Der 28. Juni ist der Hoch­zeits­tag des erz­her­zög­li­chen Paares.

Warum Franz Ferdinand?

Poli­tisch gilt Franz Fer­di­nand als sehr modern; er will in jedem Fall den Frie­den erhal­ten und den Aus­gleich mit den Völ­kern des Habs­bur­ger Rei­ches und den euro­päi­schen Nach­barn suchen.

Nach dem Tod des alten Kai­sers plant er Struk­tur­re­for­men, durch die Kroa­ti­en, Bos­ni­en und Dal­ma­ti­en zu einem eigen­stän­di­gen drit­ten Reichs­teil der k.u.k. Mon­ar­chie wer­den wür­den. Mit die­sen Ideen stößt er bei vie­len in Kai­ser Franz Josephs Hof­staat auf Kopf­schüt­teln und Unmut.

Aber auch ande­ren gefal­len Franz Fer­di­nands Plä­ne nicht: Wären die­se Refor­men umge­setzt wor­den, hät­te die Geheim­or­ga­ni­sa­ti­on Schwar­ze Hand und ihre ser­bi­schen Hin­ter­män­ner das eige­ne Pro­jekt — die pan­sla­wis­ti­schen Ver­ei­ni­gung aller Ser­ben in einem eige­nen groß­ser­bi­schen Reich — aller Vor­aus­sicht ad acta legen kön­nen.

Das kos­tet dem Thron­fol­ger ver­mut­lich das Leben.

Sarajevo, 28. Juni 1914

Der 28. Juni 1914 ist ein strah­lend schö­ner Som­mer­tag. Hun­der­te Schau­lus­ti­ge säu­men seit dem Mor­gen die Stra­ßen, um die Auto­ko­lon­ne zu sehen, die den Erz­her­zog und sei­ne Gat­tin Sophie vom Bahn­hof zum Rat­haus der bos­ni­schen Haupt­stadt Sara­je­vo bringt.

Es ist die letz­te Sta­ti­on einer län­ge­ren Rei­se, auf der der Erz­her­zog Som­mer­ma­nö­ver besucht hat, dass Ehe­paar aber auch ein paar Tage pri­va­ten Urlaub vom Wie­ner Hof­staat gemacht hat.

Der Ter­min für den Besuch in der bos­ni­schen Haußt­stadt ist außer­or­dent­lich unglück­lich gewählt, denn am 28. Juni fei­ert man in Ser­bi­en tra­di­tio­nell Vidov­dan, den Sankt-Veits-Tag, der Gedenk­tag an die ver­hee­ren­de ser­bi­sche Nie­der­la­ge gegen die mus­li­mi­schen Osma­nen (Tür­ken) in der Schlacht auf dem Amsel­feld im Jahr 1389, die das Ende des groß­ser­bi­schen Rei­ches besie­gel­te.

Für die jun­gen bos­ni­schen Ser­ben, die sich in Sara­je­vo unter die Men­schen­men­ge gemischt haben, eine wei­te­re Pro­vo­ka­ti­on, die sie jetzt ein für alle Mal til­gen wollen.

Der Attentatsversuch

Das Atten­tat der jugend­li­chen Ver­schwö­rer auf das Thron­fol­ger­paar ist lan­ge vor­be­rei­tet, ver­läuft aber völ­lig chao­tisch.

Zwei Zel­len mit ins­ge­samt sie­ben poten­zi­el­len Atten­tä­tern war­ten auf die Auto­ko­lon­nen; sie alle sind aus­ge­rüs­tet mit klei­nen Bom­ben, die sie am Gür­tel tra­gen, Pis­to­len und je einer Phio­le mit Zya­nid, denn sie haben die stren­ge Wei­sung, sich nach dem Atten­tat selbst zu rich­ten und kei­nes­falls in die Fän­ge der Poli­zei zu gelan­gen.

Es sind sind sie­ben schmäch­ti­ge jun­ge Män­ner, bos­ni­sche Ser­ben, die da am Stra­ßen­rand ste­hen und war­ten.

Sie alle sind glü­hen­de Anhän­ger der pan­sla­wis­ti­schen Idee und wur­den von einer ser­bi­schen Geheim­or­ga­ni­sa­ti­on namens „Schwar­ze Hand” rekru­tiert, aus­ge­bil­det und mit Waf­fen ver­sorgt.

Die Kon­tak­te und Hin­ter­män­ner der “Schwar­zen Hand” rei­chen bis in die höchs­ten ser­bi­schen Regie­rungs­krei­se; inwie­weit die ser­bi­sche Regie­rung die kon­kre­ten Plä­ne für die­ses Atten­tat kann­te, weiß bis heu­te nie­mand.

Als sich der Auto­kor­so mit dem Erz­her­zog und der Erz­her­zo­gin nähert und die Men­schen­men­ge zu jubeln beginnt, stürzt das die Ver­schwö­rer in Ver­wir­rung.

Die Kolon­ne fährt am ers­ten Atten­tä­ter vor­bei, ohne dass er erken­nen kann, in wel­chem Auto Franz Fer­di­nand und sei­ne Frau Sophie sit­zen, wes­halb er sei­ne Bom­be ste­cken lässt und den Platz verlässt.


Leibwache am Bahnhof vergessen

… Die offi­zi­el­len Sicher­heits­vor­keh­run­gen glänz­ten durch Abwe­sen­heit. Trotz der War­nung, dass ein Ter­ror­an­schlag wahr­schein­lich sei, fuh­ren der Erz­her­zog und sei­ne Frau im offe­nen Wagen an einer Men­schen­men­ge vor­bei, noch dazu auf einer Rou­te, die alles ande­re als eine Über­ra­schung war.

Von einem Kor­don aus Sol­da­ten, der bei sol­chen Gele­gen­hei­ten für gewöhn­lich am Rand­stein steht, war nichts zu sehen, sodass die Wagen­ko­lon­ne prak­tisch unge­schützt an der dich­ten Men­schen­men­ge vor­bei­fuhr.
Sogar die eige­ne Leib­wa­che fehl­te: Ihr Chef war irr­tüm­lich mit drei bos­ni­schen Offi­zie­ren in ein Auto gestie­gen und hat­te den Rest sei­ner Män­ner am Bahn­hof zurück­ge­las­sen.“


Aus: Chris­to­pher Clark, Die Schlaf­wand­ler. Wie Euro­pa in den 1. Welt­krieg zog*


Ein zwei­ter Atten­tä­ter, der 19-jäh­ri­ge bos­ni­sche Ser­be Nedel­j­ko Čab­ri­no­vić, erkun­digt sich bei einem Poli­zis­ten nach dem rich­ti­gen Fahr­zeug, zün­det, wirft – und rech­net nicht mit der schnel­len Reak­ti­on des Chauf­feurs, der einen dunk­len Gegen­stand auf sich zuflie­gen sieht und Gas gibt.

Franz Fer­di­nand hebt sei­nen Arm, um sei­ne Frau zu schüt­zen, die Bom­be prallt ab, fällt hin­ter das offe­ne Ver­deck und explo­diert erst dort.

Sie reißt ein gro­ßes Loch in die Stra­ße und ver­letzt die vier Insas­sen des dahin­ter fah­ren­den Wagens sowie eini­ge Zuschau­er teil­wei­se schwer.

Im Rathaus von Sarajevo

Nach dem Bom­ben­wurf schluckt Čab­ri­no­vić wei­sungs­ge­mäß das Zya­nid aus sei­ner Phio­le und springt außer­dem über die Brü­cken­brüs­tung der Mil­ja­cka.

Je nach­dem, wie man es nimmt, hat er dop­pel­tes Glück — oder dop­pel­tes Pech.

Das Zya­nid ist von so schlech­ter Qua­li­tät, dass es ihn nicht umbringt, son­dern nur sei­ne Spei­se­röh­re und die Magen­schleim­haut ver­ätzt, und die Mil­ja­cka führt im Som­mer Nied­rig­was­ser, wes­halb er nach sei­nem Sturz aus sie­ben Metern Höhe nicht im Was­ser, son­dern im wei­chen san­di­gen Fluss­bett lan­det, wo er schrei­end vor Schmer­zen von Pas­san­ten und Poli­zis­ten auf­ge­grif­fen wird.

Auf dem Weg zum Rat­haus fährt die Wagen­ko­lon­ne noch an meh­re­ren Atten­tä­tern vor­bei, die aber nichts unter­neh­men.

So wäre eines der ver­hee­rends­ten und fol­gen­reichs­ten Atten­ta­te der Welt­ge­schich­te fast ver­hin­dert worden.

Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie verlassen am 28. Juni 1914 das Rathaus von Sarajevo kurz vor dem Attentat
Erz­her­zog Franz Fer­di­nand und sei­ne Frau Sophie ver­las­sen am 28 Juni 1914 das Rat­haus von Sara­je­vo Weni­ge Minu­ten spä­ter wer­den bei­de beim Atten­tat von Gavri­lo Prin­cip erschossen

Herr Bür­ger­meis­ter, da kommt man nach Sara­je­vo, um einen Besuch zu machen, und wird mit Bom­ben bewor­fen! Das ist empö­rend!“, unter­bricht Franz Fer­di­nand Sara­je­vos Bür­ger­meis­ter ärger­lich, als der im Rat­haus zur Begrü­ßungs­re­de für das Thron­fol­ger­paar anset­zen will.

Man ist pein­lich berührt, doch schließ­lich gelingt es, den wüten­den Erz­her­zog zu beruhigen.

Das Attentat auf Franz Ferdinand und seine Frau Sophie

Alle den­ken, es wäre vor­bei.
Es wäre vor­bei gewe­sen, wenn man nicht wegen der Atten­tats­ver­su­che den Tages­plan und die Fahrt­rou­te geän­dert hät­te.

Nach dem Besuch im Rat­haus, beschließt man, das rest­li­che Tages­pro­gramm zu strei­chen und den Erz­her­zog und die Erz­her­zo­gin so schnell wie mög­lich aus der Stadt zu brin­gen. Aller­dings besteht Franz Fer­di­nand dar­auf, vor ihrer Abrei­se die Ver­letz­ten im Kran­ken­haus zu besu­chen.

Die Fahrt­rou­te wird ent­spre­chend ange­passt, aber man ver­säumt, das auch den Fah­rern der Wagen­ko­lon­ne mit­zu­tei­len.

Als der Chauf­feur des Wagens mit Franz Fer­di­nand und Sophie auf die ursprüng­li­che Rou­te abbie­gen will, brüllt ihn der Lan­des­chef von Bos­ni­en, Oskar Potio­rek, an, dass er auf der Haupt­stra­ße blei­ben müs­se.

Der Fah­rer kup­pelt aus und rollt lang­sam zurück auf die Haupt­stra­ße.
In die­sem Moment taucht einer der sie­ben Ver­schwö­rer, der 19-jäh­ri­ge Gavri­lo Prin­cip, genau auf der Höhe des Autos auf.

Porträt von Gavrilo Princip, dem Attentäter von Sarajevo 1914

Der Atten­tä­ter Gavri­lo Prin­cip nach sei­ner Verhaftung

Der jugend­li­che Selbst­mord­at­ten­tä­ter ist offen­bar selbst über­rascht, als der Wagen des Erz­her­zogs nach dem Ter­min im Rat­haus ganz in der Nähe sei­nes Stand­or­tes vor­fährt und dann auch noch lang­sa­mer wird, weil der Chauf­feur falsch abge­bo­gen ist und zurück­sto­ßen muss.

Prin­cip zieht sei­ne Pis­to­le und schießt aus andert­halb Metern Ent­fer­nung auf das Thronfolgerpaar.

Zunächst trifft er Erz­her­zo­gin Sophie in den Bauch. Ihre Bauch­schlag­ader ist getrof­fen und in kür­zes­ter Zeit ver­blu­tet sie qual­voll in den Armen ihres Man­nes. Dann zer­fetzt eine wei­te­re Kugel Franz Fer­di­nands Hals­ve­ne.

Der Wagen rollt zurück und rast dann los, um das Erz­her­zog-Paar im Palast Konak in Sicher­heit zu brin­gen. Als sie dort ankom­men, ist Sophie bereits tot; Franz Fer­di­nand fällt ins Koma und stirbt wenig später.


Mit Spazierstöcken verdroschen

… Hin­ter dem zurück­rol­len­den Fahr­zeug umstell­te die Men­ge Gavri­lo Prin­cip.
Die Pis­to­le wur­de ihm aus der Hand geschla­gen, als er sie zur Schlä­fe führ­te, um sich das Leben zu neh­men. Das Glei­che galt für das Päck­chen Zya­nid, das er ver­zwei­felt zu schlu­cken ver­such­te.

Er wur­de von den umste­hen­den Men­schen geschla­gen, getre­ten und mit Spa­zier­stö­cken ver­dro­schen. Man hät­te ihn auf der Stel­le gelyncht, wäre es Poli­zei­be­am­ten nicht gelun­gen, ihn in Gewahr­sam zu neh­men.“


Aus: Chris­to­pher Clark, Die Schlaf­wand­ler. Wie Euro­pa in den 1. Welt­krieg zog*


1914: Rutschbahn in den Abgrund

Es ist ein war­mer, schläf­ri­ger Som­mer­sonn­tag im Pra­ter und in den Kaf­fee­häu­sern, als die Nach­richt über den Anschlag auf das Thron­fol­ger­paar in der bos­ni­schen Haupt­stadt Sara­je­vo über Wien her­ein­bricht.

Musik und Gesprä­che ver­stum­men.
Schock­star­re, nicht nur in Wien, son­dern in ganz Euro­pa.

Die Mor­de von Sara­je­vo sind wie ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter der Mord an John F. Ken­ne­dy in Dal­las 1963 ein Blitz­licht im Gedächt­nis der Men­schen. Jeder erin­nert sich genau, wo er war, als er von der Nach­richt hör­te.

Zwei der ins­ge­samt sie­ben Atten­tä­ter sind lebend gefasst, durch ihre Ermitt­lungs­ar­bei­ten gelingt es den Behör­den schnell, zwei wei­te­re aus­fin­dig zu machen.

Zunächst hül­len sich die jugend­li­chen Ver­schwö­rer in Schwei­gen oder behaup­ten, sie hät­ten auf eige­ne Faust gehan­delt, aber es gelingt der Poli­zei, sie gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len und ers­te Teil­ge­ständ­nis­se zu bekom­men.

Immer mehr Indi­zi­en wei­sen dar­auf hin, dass Bel­grad und die ser­bi­sche Regie­rung ihre „Schwar­ze Hand” im Spiel hat; auch die gefun­de­nen Waf­fen und die Muni­ti­on stam­men aus ser­bi­schen Beständen.

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Buchcover von „Der Attentäter“ von Ulf Schiewe über das Attentat von Sarajevo 1914

Die letzten Tage vor Sarajevo

Ulf Schie­we erzählt die letz­ten Tage vor dem Atten­tat von Sara­je­vo als packen­den his­to­ri­schen Thril­ler — span­nend wie ein Polit­kri­mi und gleich­zei­tig erschre­ckend nah an den rea­len Ereig­nis­sen.

Ein fas­zi­nie­ren­der Blick auf jene ver­häng­nis­vol­le Woche im Juni 1914, in der Euro­pa unwi­der­ruf­lich auf den Ers­ten Welt­krieg zusteuerte.

Denkzettel gegen Serbien”

In Wien begin­nen nun fie­ber­haft die Über­le­gun­gen, wie man mit dem Atten­tat auf den Erz­her­zog und sei­ne Frau umge­hen soll.

Schließ­lich gewin­nen die „Fal­ken” in der öster­rei­chisch- unga­ri­schen Regie­rung die Ober­hand, die dar­auf drän­gen, dass es einen „Denk­zet­tel gegen Ser­bi­en” geben müs­se; alles ande­re wäre ein Zei­chen von Schwä­che, wür­de die Glaub­wür­dig­keit der Habs­bur­ger Dop­pel­mon­ar­chie unter­gra­ben und wäre eine Ein­la­dung für wei­te­re Atten­ta­te.

Kabi­netts­chef Graf Hoy­os wird als Emis­sär nach Ber­lin geschickt, um dort die Stim­mung für einen even­tu­el­len „Denk­zet­tel” aus­zu­lo­ten.

Da Ser­bi­en mit Russ­land ver­bün­det ist, Russ­land wie­der­um Bünd­nis­se mit Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en hat, fürch­tet man inter­na­tio­na­le Ver­wick­lun­gen, wes­halb man nichts ohne den ein­zi­gen eige­nen Bünd­nis­part­ner unter­neh­men will.

Es ist schließ­lich Kai­ser Wil­helm II. selbst, der, gewohnt impul­siv, sämt­li­che Beden­ken sei­ner Bera­ter vom Tisch wischt.

Er glaubt — wie vie­le ande­re in sei­ner Entou­ra­ge — nicht dar­an, dass von Russ­land bei einer öster­rei­chisch-unga­ri­schen Inter­ven­ti­on in Ser­bi­en mehr als die übli­chen Pro­test­no­ten zu erwar­ten ist.

Das Zaren­reich wür­de nach Mei­nung des Kai­sers still­hal­ten, zumal Öster­reich-Ungarn Ser­bi­en nicht beset­zen will, son­dern nur eine ange­neh­me­re Regie­rung ohne Ver­bin­dung zu pan­sla­wis­ti­schen Atten­tä­tern ein­set­zen möch­te (über die genau­en Zie­le des „Denk­zet­tels” ist man sich nicht im Klaren …).

Die Julikrise 1914

Am 6. Juli 1914 trifft aus Ber­lin jener ver­häng­nis­vol­le Blan­ko­scheck ein, mit dem das Deut­sche Reich Öster­reich sei­ne bedin­gungs­lo­se Unter­stüt­zung für das wei­te­re Vor­ge­hen gegen Ser­bi­en zusi­chert.

Jubel bricht aus, denn das hoch­ge­rüs­te­te Deut­sche Kai­ser­reich gilt in Öster­reich-Ungarn als unbe­sieg­bar.

Eine Art Kriegs­di­plo­ma­tie wird in Gang gesetzt, die sich schon bald nicht mehr stop­pen lässt. Frie­den ist in der Julikri­se 1914 sehr schnell kei­ne Opti­on mehr.


Franz Ferdinands Warnung vor dem Krieg

… Die Schüs­se von Sara­je­vo schür­ten nicht nur die Kriegs­het­ze der Fal­ken. Sie mach­ten auch die bes­te Hoff­nung auf einen Frie­den zunich­te. Wenn Franz Fer­di­nand sei­ne Bos­ni­en­rei­se 1914 über­lebt hät­te, hät­te er wie schon so oft wei­ter­hin vor den Risi­ken eines mili­tä­ri­schen Aben­teu­ers gewarnt …

Die Welt weiß nicht, dass der Erz­her­zog immer gegen den Krieg war’, sag­te ein hoher öster­rei­chi­scher Diplo­mat dem Poli­ti­ker Jos­peh Red­lich in der letz­ten Juli­wo­che. ‘So hat er uns durch sei­nen Tod zu der Ener­gie ver­hol­fen, die er nie auf­brin­gen woll­te, solan­ge er leb­te!’.“

Aus: Chris­to­pher Clark, Die Schlaf­wand­ler. Wie Euro­pa in den 1. Welt­krieg zog*


Am 23. Juli über­reicht man den Ser­ben ein Ulti­ma­tum, das bin­nen 48 Stun­den beant­wor­tet wer­den soll — ansons­ten wer­de Öster­reich-Ungarn sei­ne Trup­pen gegen Ser­bi­en mobilmachen.

Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts braut sich zusammen

Das Ulti­ma­tum ent­hält 10 For­de­run­gen, die das König­reich Ser­bi­en zu erfül­len hat, um einen Mili­tär­schlag sei­tens Öster­reich-Ungarn zu ver­hin­dern.

Neben Ver­pflich­tun­gen wie bei­spiels­wei­se anti-öster­rei­chi­sche Pro­pa­gan­da in ser­bi­schen Zei­tun­gen zu unter­bin­den, ent­hält das Ulti­ma­tum auch zwei Klau­seln, die als beson­ders hart ange­se­hen wer­den: In den berüch­tig­ten For­de­run­gen 5 und 6 soll Ser­bi­en einer gemein­sa­men Unter­su­chungs­kom­mis­si­on zustim­men, um die Mor­de von Sara­je­vo auf­zu­klä­ren, zu denen die ser­bi­sche Regie­rung jede Ver­bin­dung vehe­ment abstrei­tet.

Nach der Über­ga­be des Ulti­ma­tums bricht in der ser­bi­schen Regie­rung zunächst Panik aus und für kur­ze Zeit scheint es, dass Bel­grad auf die For­de­run­gen ein­ge­hen wür­de.

Auf allen Kanä­len ver­sucht man Russ­land zu errei­chen, um aus­zu­lo­ten, wie die end­gül­ti­ge Hal­tung des „gro­ßen Bru­ders” ist, und ob er im Fal­le eines Krie­ges Ser­bi­en mili­tä­risch bei­ste­hen wür­de.

Nach­dem St. Peters­burg end­lich beru­hi­gen­de Nach­rich­ten sen­det und die mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung auch im Kriegs­fall zusi­chert, macht man sich ans Abfas­sen der Replik, in der wort­ge­wandt auf die öster­rei­chisch-unga­ri­schen For­de­run­gen ein­ge­gan­gen wird, ohne kon­kre­te Zuge­ständ­nis­se zu machen.

Ser­bi­ens Ant­wort ist diplo­ma­tisch so geschickt for­mu­liert, dass Kai­ser Wil­helm in Ber­lin der Mei­nung ist, dass Öster­reich einen „gro­ßen mora­li­schen Erfolg” errun­gen und Ser­bi­en „eine Kapi­tu­la­ti­on demüt­higs­ter Art hin­ge­nom­men” habe.

Der deut­sche Kai­ser ist sich sicher, dass nun jeder Grund zum Krie­ge” ent­fal­le. Und ist ent­setzt und erstaunt, als er hört, dass Öster­reich eine Teil­mo­bil­ma­chung ange­ord­net hat.

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Die Schlafwandler von Christopher Clark – Standardwerk über die Ursachen des Ersten Weltkriegs und Kaiser Wilhelm II

Wie Schlafwandler

steu­ern die Mäch­ti­gen Euro­pas auf die Kata­stro­phe 1914 zu.

Chris­to­pher Clark, Geschichts­pro­fes­sor in Cam­bridge, schreibt span­nend und infor­ma­tiv über die wah­re Vor­ge­schich­te des 1. Welt­krie­ges: 900 Sei­ten, die völ­lig zurecht zum Best­sel­ler gewor­den sind.

Am 28. Juli 1914, vier Wochen nach dem ver­häng­nis­vol­len Atten­tat auf Erz­her­zog Franz Fer­di­nand und sei­ne Frau Sophie, unter­zeich­net der 83-jäh­ri­ge öster­rei­chi­sche Kai­ser Franz Joseph in sei­nem Urlaubs­ort Bad Ischl die Kriegs­er­klä­rung gegen Ser­bi­en.

Ein „klei­ner“, lokal begrenz­ter Krieg soll es wer­den, um Druck aus dem Kes­sel zu neh­men, sym­bo­lisch ein paar Gren­zen neu zu zie­hen und nach den Mor­den in Sara­je­vo die Ehre und die Glaub­wür­dig­keit der k. u. k. Dop­pel­mon­ar­chie Öster­reich-Ungarn wie­der­her­zu­stel­len.

Er wird zur Ur-Kata­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts.

Mehr lesen:

In Ber­lin hat man mit Ser­bi­en und dem Bal­kan eigent­lich nichts am Hut, denn sei­ne Majes­tät Kai­ser Wil­helm II — auch „Wil­helm das Großmaul”´genannt — sucht den „Platz an der Son­ne” in Über­see. Trotz­dem gibt es für ihn und sei­ne Entou­ra­ge gute Grün­de, war­um die Deut­schen beim „Denk­zet­tel für Ser­bi­en” mit­mi­schen soll­ten.
Ein Platz an der Son­ne oder: Wil­helm, das Großmaul

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phien, www​.bild​biog​ra​hien​.de 2017, über­ar­bei­tet 2026


Buch- und Filmempfehlungen

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Buchcover von „Kronprinz Rudolf: Ein Leben“ von Brigitte Hamann

Sis­is ver­lo­re­ner Sohn

Ein fas­zi­nie­ren­des Por­trät des öster­rei­chisch-unga­ri­schen Thron­er­ben Rudolf, der zwi­schen Pflicht und Frei­heits­drang zer­rie­ben wur­de.

Bri­git­te Hamann erzählt das kur­ze, tra­gi­sche Leben von Kron­prinz Rudolf – Sohn von Kai­ser Franz Joseph und Kai­se­rin Eli­sa­beth – und gewährt tie­fe Ein­bli­cke in die poli­ti­schen, fami­liä­ren und see­li­schen Span­nun­gen, die zu sei­nem dra­ma­ti­schen Ende führten.


1913 Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies – Bestseller über Europa vor dem Ersten Weltkrieg

Die Welt kurz vor dem Abgrund

Flo­ri­an Illies erzählt das Jahr 1913 wie einen fas­zi­nie­ren­den Tanz auf dem Vul­kan: Künst­ler, Den­ker und spä­te­re Dik­ta­to­ren begeg­nen sich in einer Welt vol­ler Auf­bruchs­stim­mung — ohne zu ahnen, dass der Ers­te Welt­krieg unmit­tel­bar bevor­steht.

Ein klu­ges, wit­zi­ges und über­ra­schend aktu­el­les Buch über das letz­te Frie­dens­jahr Europas.


Skandale und Intrigen an Europas Königs- und Kaiserhäusern im 19 und 20 Jahrhundert

Hin­ter den Kulis­sen der Monarchien

In „Eine fei­ne Gesell­schaft“ erzählt Mar­ti­na Win­kel­ho­fer span­nend und detail­reich vom Leben an Euro­pas Königs- und Kai­ser­hö­fen vor dem Ers­ten Welt­krieg.

Hin­ter Glanz, Uni­for­men und höfi­scher Eti­ket­te ver­ber­gen sich Intri­gen, Affä­ren, poli­ti­sche Span­nun­gen und fami­liä­re Kata­stro­phen. Das Buch zeigt ein­drucks­voll, wie brü­chig die schein­bar sta­bi­le Welt der Mon­ar­chien bereits vor 1914 gewor­den war.


Sissi Trilogie DVD Purpurrot-Edition mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm als Kaiserpaar in den klassischen Sissi-Filmen

Ein Film­ju­wel

Die Sis­si-Tri­lo­gie mit Romy Schnei­der hat das Bild der öster­rei­chi­schen Kai­se­rin für Gene­ra­tio­nen geprägt — roman­tisch, dra­ma­tisch und vol­ler emo­tio­na­ler Kon­flik­te am Wie­ner Hof.

Zwi­schen gro­ßer Lie­be und höfi­schen Zwän­gen erzählt die Film­rei­he die beweg­te Geschich­te von Kai­se­rin Eli­sa­beth und Kai­ser Franz Joseph. Herz­er­grei­fend und defi­ni­tiv ein Film­ju­welnicht nur für Romy-Fans!


Weiterführende Beiträge Geschichte & Psychologie

Romy Schnei­der, Jahr­gang 1938, Kriegs­kind: Auf die Fra­ge, war­um kei­ne Schau­spie­le­rin das Herz der Deut­schen so berührt wie ihre Toch­ter, ant­wor­te­te Romys Mut­ter Mag­da Schnei­der, die in den Fil­men Her­zo­gin Ludo­vi­ka, Sis­sis „paten­te“ Mut­ter, spielt: „War­um sprin­gen die Men­schen so auf Romy an? Weil sie spü­ren, dass hier end­lich mal ein Geschöpf ist, das mit dem Dreck der Welt nicht in Berüh­rung gekom­men ist.
Der Dreck fliegt Romy Schnei­der in dem Moment um die Ohren, als sie beschließt aus­zu­stei­gen, und auch nicht län­ger das Geschöpf ihrer Mut­ter sein will.
War­te nur, bis Vati kommt! Kind­heit in den 1950er und 1960er Jahre

Ers­ter Welt­krieg: Ver­dun ist eine klei­ne Stadt ohne gro­ße Bedeu­tung. Eigent­lich ist sie kaum der Rede wert. Doch dann beginnt am Mor­gen des 21. Febru­ar 1916 die deut­sche Ope­ra­ti­on „Gericht“ und lässt die beschau­li­che Klein­stadt Ver­dun — wie 27 Jah­re spä­ter auch Sta­lin­grad — zum Syn­onym für die Grau­sam­keit und Sinn­lo­sig­keit von Krie­gen wer­den.
Die Höl­le von Verdun

Heim ins Reich: Zu den schil­lernds­ten Figu­ren der Welt­ge­schich­te zählt Kon­rad Hen­lein, der Mann, mit des­sen Hil­fe Adolf Hit­ler die Sude­ten­deut­schen im Herbst 1938 „heim ins Reich“ hol­te. Hen­lein, Sude­ten­deut­scher mit tsche­chi­schem Groß­va­ter, war Turn­leh­rer und woll­te nach eige­nem Bekun­den nichts ande­res sein. Er wur­de zum Aus­hän­ge­schild einer Bewe­gung, die in den 1930er Jah­re kräf­tig am Welt­frie­den zün­del­te. War Kon­rad Hen­lein nur Mario­net­te und Brand­stif­ter, ein ver­blen­de­ter Natio­nal­so­zia­list? Oder auch Bie­der­mann mit einem eigent­lich ernst­haf­ten Anlie­gen?
Bie­der­mann oder Brand­stif­ter? Kon­rad Henlein

Sta­lin: Ios­seb Wis­sa­ri­o­no­witsch Dschu­g­aschwi­li, genannt Sta­lin, gilt neben Adolf Hit­ler als einer der grau­sams­ten Dik­ta­to­ren in der Geschich­te der Mensch­heit. Als Lenins „Mann fürs Gro­be“ beginnt er sei­ne Kar­rie­re, mit Intel­li­genz und Skru­pel­lo­sig­keit; durch men­schen­ver­ach­ten­de Här­te wird er nach Lenins Tod zum gefürch­te­ten Allein­herr­scher über die Sowjet­uni­on.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil1

Das Gene­ra­tio­nen­ge­spräch im Über­blick: Bio­gra­fien, Lie­be, Opfer, Mord, Krieg und ande­re Geschich­ten der letz­ten 300 Jah­re, die unse­re Welt zu der gemacht haben, die sie heu­te ist.
Das Gene­ra­tio­nen­ge­spräch: Geschichte(n) im Überblick


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Hät­te Luche­ni, der zufäl­li­ge Mon­ar­chie­has­ser, nur fünf Minu­ten mit Sisi gespro­chen, wäre ihm klar­ge­wor­den, dass er sich das völ­lig fal­sche Opfer aus­ge­sucht hat­te.
Über die Ermor­dung der unglück­li­chen Kai­se­rin Sisi in Genf:
https://​www​.spie​gel​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​m​o​r​d​-​a​n​-​k​a​i​s​e​r​i​n​-​s​i​s​i​-​1​8​9​8​-​l​u​i​g​i​-​l​u​c​h​e​n​i​-​s​t​a​c​h​-​m​i​t​-​d​e​r​-​f​e​i​l​e​-​z​u​-​a​-​1​2​2​6​4​0​3​.​h​tml

Bil­der und Tex­te rund um die Habs­bur­ger Dynas­tie:
https://www.habsburger.net/de/habsburger


Bild­nach­wei­se

Ori­gi­nal: L. Schu­mann, Hof­pho­to­graph Sei­ner Kai­ser­li­chen und König­li­chen Apos­to­li­schen Majes­tät, ca. 1915 — Scan aus The Impe­ri­al House of Haps­burg von Johann Kauf­mann, Brax­t­on, 1968. Gemein­frei.
Mari­usz Paźd­zio­ra, „Aus­tria-Hun­ga­ry 1914, phy­si­cal / Mapa fizy­cz­na Aus­tro-Węgier 1914“, eige­ne Arbeit, 2008.
Emil Raben­ding (1823–1886), „Kai­se­rin Eli­sa­beth von Öster­reich mit ihrem Lieb­lings­hund Shadow“, 1867. Public Domain / gemein­frei.
Foto: August Stau­da, um 1890 — Aus­stel­lungs­ka­ta­log des Wien Muse­ums: Blick­fän­ge einer Rei­se nach Wien. Gemein­frei.
Franz Fer­di­nand and his wife Sophie lea­ve the Sara­je­vo Guild­hall after rea­ding a speech on June 28 1914. They were ass­as­si­na­ted five minu­tes later. Quel­le: Euro­pea­na 1914–1918, ver­mut­lich Foto von Karl Tröstl, 28. Juni 1914. Gemein­frei / Public Domain.
Quel­le: raven.cc.ukans.edu/~kansite/ww_one/photos/greatwar.html — His­to­ri­sches Archiv­fo­to von Gavri­lo Prin­cip, gemein­frei / Public Domain.


Generationengespräch

Geschich­te und Psy­cho­lo­gie
Ver­gan­ge­nes ver­ste­hen, um mit der Zukunft bes­ser klar zu kommen.


Geschichte und Psychologie Vergangenheit verstehen um mit der Zukunft besser klar zu kommen
Dr. Susanne Gebert

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Geschich­te & Psy­cho­lo­gie
Die Ver­gan­gen­heit ver­ste­hen, um mit der Zukunft bes­ser klar zu kommen

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Susan­ne Autorin bei Gene­ra­tio­nen­ge­spräch & Agen­tur für Bildbiographien
Dr. Susan­ne Gebert schreibt über Psy­cho­lo­gie, Fami­li­en­ge­schich­te und emo­tio­na­le Prä­gun­gen. In ihrem Blog „Gene­ra­tio­nen­ge­spräch“ zeigt sie, wie unse­re Kind­heit uns formt – und wie wir uns von alten Mus­tern lösen können. 

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