Sisis ‘Franzl’ und der große Knall: Krieg oder Frieden?
1914: Ein alter Kaiser, ein auseinanderbrechender Vielvölkerstaat und jugendliche Attentäter, die bereit sind, für ihre Überzeugung zu morden. Das ist der Stoff, aus dem Albträume sind. Oder Weltgeschichte.
Ein Hintergrundbericht über Kaiser Franz Joseph und seinen Weg in den Ersten Weltkrieg.

Seine k. u. k. (kaiserliche und königliche) apostolische Majestät Franz Joseph I, Kaiser von Österreich und König von Ungarn, scheint eigentlich ein netter Mensch gewesen zu sein — zumindest wenn man dem jungen Karlheinz Böhm als „Franzl“ in Ernst Marischkas Sissi-Filmen* aus den 1950er Jahren Glauben schenken mag.

Austria-Hungary 1914,
physical/Mapa fizyczna Austro-Węgier 1914.
Quelle: Mariusz Paździora, own work, 2008
In der Realität des Jahres 1914 ist Franz Joseph ein alter Mann, der die Zeichen seiner Zeit schon lange nicht mehr versteht.
Im Jahr 1914 regierte der 83jährige schon mehr als ein halbes Jahrhundert sein Riesenreich Österreich-Ungarn, einen auseinanderbrechenden Vielvölkerstaat, der von seinen zahlreichen Feinden auch gerne als Völkerkerker bezeichnet wird.
Es ist ein wackliges Konstrukt; ein “Ei mit zwei Dottern” (Historiker Christopher Clark), denn das Königreich Ungarn hat in vielen Belangen ein Mitspracherecht und muss zu allen wichtigen Entscheidungen seine Zustimmung geben.
An der schönen blauen Donau: Wien 1914
Fast täglich lässt sich der alte Kaiser in seiner vergoldeten Kutsche von acht Schimmeln in sein Büro in der Wiener Hofburg ziehen, um dort zu regieren und alles beim Alten zu halten.
Während Franz Joseph bei seinen Staatsgeschäften vielleicht gelegentlich von der schönen blauen Donau oder seiner geliebten Frau Sisi träumt, die 1898 in Genf von einem Attentäter erstochen wurde, braut sich in Wien und andernorts einiges zusammen.

Kaiserin Elisabeth von Österreich mit ihrem Lieblingshund Shadow
Anders als ihr alter Kaiser sind viele Untertanen vom enormen technologischen Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte beflügelt.
Das Bürgertum ist selbstbewusst geworden, neue Ideen und Lebenskonzepte sind entstanden, zu denen die staubige Bürokratie der 640 Jahre alten Herrschaft der Habsburger nicht mehr passt.
Außer vergoldete Kutschen, Droschken und Radfahrer fahren auf Wiens Alleen seit einiger Zeit auch moderne und gefährliche Neuheiten wie das Automobil in wachsender Zahl.
Auch vor Architektur, Malerei, Musik und Literatur macht die Moderne keinen Halt.
Das kommt beim Wiener Establishment nicht immer gut an: Im März 1913 muss beispielsweise ein „Watsch’nkonzert“ abgebrochen werden, denn nach Tumulten und Handgreiflichkeiten konnte nicht mehr für die Sicherheit des Orchesters garantiert werden.
Die Wiener haben sich an die empörenden Werke zeitgenössischer Komponisten schon fast gewöhnt: Viele bringen zu Konzerten dicke Schlüsselbunde mit, mit denen sie laut klappern, wenn ihnen nicht gefällt, was sie hören.
Aber diese Aufführung im Wiener Musikvereinssaal unter der Leitung von Arnold Schönberg war selbst für routinierte Schlüsselklapperer zu viel des Guten.
Hitler und Stalin in Wien
Alles wird anders liegt in der Luft.
Besonders in Wien, aber auch in anderen Haupt- und Großstädten Europas, herrscht Aufbruchs‑, Umbruchs- und auch ein bisschen Weltuntergangsstimmung.
Vieles ist neu, unbekannt, spannend – und auch ein bisschen morbide.
Eine Merkwürdigkeit dieser Zeit ist, dass sich ausgerechnet ein Jahr vor Kriegsbeginn, im Jahr 1913, in der Donaumetropole die beiden kommenden Tyrannen des 20. Jahrhunderts gleichzeitig aufhalten.
Iosseb Wissarionowitsch Dschugaschwili, der sich seit einem Jahr „Stalin“ nennt, ist im Auftrag Lenins vor Ort, um einen grundlegenden Aufsatz über Marxismus und die nationale Frage zu verfassen. Lenins „Mann für’s Grobe“ logiert während seiner Zeit in Wien im hochherrschaftlichen Appartement des Aristokraten, Heeresoffizier und Marxisten Alexander Trojanowski in der Schönbrunner Schlossstraße 30.

Der Wiener Graben, fotografiert von August Stauda um 1890
Einige Straßenzüge weiter haust in einem Männerwohnheim in der Meldemannstraße der dreiundzwanzigjährige Adolf Hitler. Der versucht sich ziemlich glücklos als Kunstmaler und kann sich gerade so vom Verkauf seiner handgemalten Postkarten über Wasser halten.
Hitler und Stalin, die zwei Jahrzehnte später als die grausamsten Diktatoren aller Zeiten in die Geschichte eingehen werden, gehen gerne im Park des kaiserlichen Schlosses Schönbrunn spazieren. Ob sie sich dort jemals begegnet sind, ist nicht bekannt.
Die Welt als Pulverfass
Die Welt in jenen Tagen gleicht einem Pulverfass.
Unbeeindruckt von permanenten Krisen, Kriegen, Unruhen und Aufständen haben allen Großmächten Europas den Wunsch nach mehr Macht, mehr Einfluss und mehr Land.
Im Zeitalter des Imperialismus schaltete man beim Zusammenraffen neuer Bürger und Ländereien sogar noch einen Gang höher. Dass mit dieser Strategie Ärger zwangsläufig wird, scheint niemanden aufzufallen: Wenn alle “mehr” wollen, wird es irgendwann eng.
Bereits im Vorfeld des Jahres 1914 jagt eine weltpolitische Krise die nächste, und nicht nur Militärs und Politiker haben sich schon längst an den Gedanken gewöhnt, dass es irgendwann zum Knall kommen wird. Allerdings rechnen alle mit einem kleinen.
Bei den annektierten Völkern braut sich ebenfalls etwas zusammen: Nationalismus ist das Zauberwort, das in jener Zeit viele Menschen in Europa bewegt — die Vorstellung, dass jedes Volk einen eigenen Staat haben sollte.
Die großen Mächtigen — Großbritannien, Frankreich, Russland, Österreich-Ungarn und das deutsche Kaiserreich — stört das wenig. Die einen suchen weiterhin ihren imperialen „Platz an der Sonne“ in Übersee, die anderen, wie etwa Österreich-Ungarn, expandieren lieber vor der eigenen Haustür: auf dem Balkan.
“… Ein Krieg zwischen Österreich und Russland”, schrieb Lenin 1913 an Maxim Gorki, “würde der Revolution in Westeuropa sehr nützlich sein. Allerdings kann man sich kaum vorstellen, dass Franz Joseph und Nikolaus uns diesen Gefallen tun werden.”
Aus: Florian Illies, 1913. Der Sommer des Jahrhunderts*
Und so gliedert Österreich im Jahr 1908 das von den Türken befreite Bosnien-Herzegowina, das man bereits seit 30 Jahren besetzt hält, auch offiziell ins Reich der Habsburger ein.
Das stört Russland, dass nach einer verheerenden Niederlage gegen Japan im Osten gerade beginnt, sich auch wieder auf den Balkan zu fokussieren.
Das kleine Königreich Serbien, das einen großen Traum vom lange untergegangenen großserbischen Reich träumt, fühlt sich ebenfalls bedrängt. Denn man hegt eigene Expansionspläne, die einen Zugang zum Meer verschaffen sollen, von dem man sich den langen erhofften Wirtschaftsaufschwung verspricht.
Oft sind es nicht Ethnien und Weltanschauungen,
um die es geht, sondern Sicherheit, Machterhalt und Einfluss. Der BBC-Journalist Tim Marshall erklärt ins seinem hochaktuellen Buch sehr anschaulich und lesenswert Zusammenhänge, historische Entwicklungen und mögliche künftige Szenarien.
Panslawismus: Die Serben und der Balkan
Beim imperialen Wettlauf wollen auch die Kleinen mitmischen.
Serbien bedient sich dafür der romantischen Idee des „Panslawismus“ – Slawen aller Länder vereinigt Euch! – und verfolgt mit der nicht ganz uneigennützigen Unterstützung des Zarenreiches Russland ebenfalls aggressive und expansive Ziele in seiner Nachbarschaft.
Die Idee ist, alle Balkanstaaten, in denen Serben leben, in einem Königreich zu vereinen und das untergegangene Großserbien neu zu erschaffen (dass das Gebiet von Bosnien-Herzegowina nie dazugehört hat und außerdem viele andere, nicht-serbische Ethnien wie Kroaten und Muslime beheimatet, stört dabei nicht).

Russland unterstützt den “kleinen slawischen Bruder” bei dieser Idee.
Doch so viel man an Österreich-Ungarn auch ausetzen kann: Die Doppelmonarchie sorgt in allen Ländern ihres Herrschaftsgebiets für Infrastruktur, einen funktionierenden Beamtenapparat, wirtschaftlichen Aufschwung und Schulen für alle.
Deshalb gibt es in den “eingekerkerten” Nationen des “Völkerkerkers” auch viele Stimmen, die ganz zufrieden sind und sich für den Verbleib im ungeliebten Habsburger Reich aussprechen.
Wollen alle auf dem Balkan verstreut lebendend Serben ein großserbisches Reich?
Nicht unbedingt. Denn das Königreich Serbien gilt als rückständig, lebt von Krediten und hat eine überwiegend bäuerliche Gesellschaft, die sich weigert, ihre Kinder zur Schule zu schicken.
Warum Franz Ferdinand?
Erzherzog Franz Ferdinand ist alles andere als beliebt.
Er mag keine Speichellecker, Widerspruch duldet er aber auch nicht; selbst von Ministern und hohen Beamten wird berichtet, dass sie nie ohne Herzklopfen zu ihm gingen, denn der Erzherzog ist für seine Tobsuchtsanfälle gefürchtet.
“Franz Ferdinand war kein Publikumsliebling. Er hatte kein Charisma, war reizbar und neigte zu unvermittelten Wutausbrüchen. Das rundliche, unbewegliche Gesicht hatte überhaupt nichts Einnehmendes für jene, die niemals erlebt hatten, wie sein Gesicht in der Gesellschaft seiner Familie oder enger Freunde zum Leben erwachen konnte, erhellt von tiefblauen Augen.”
Aus: Christopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den 1. Weltkrieg zog*
Franz Ferdinand ist der Neffe des alten Kaisers; er wurde erst zum Thronfolger, nachdem sich Franz Josephs und Sisis gemeinsamer Sohn Rudolf zusammen mit seiner jungen Geliebten, der 17-jährigen Baroness Mary Vetsera, im Jahr 1889 auf Schloss Mayerling erschossen hatte.
Die späte Berufung vermutlich Franz Ferdinands größtest Glück, denn trotz der strengen Habsburger Etikette konnte er die Hochzeit mit seiner große Liebe Sophie durchsetzen und musste nicht eine aus dynastischen Erwägungen ausgewählte Prinzessin zur Braut nehmen. Das Paar hat drei gemeinsame Kinder und führt ein für diese Zeit außergewöhnlich glückliches Familienleben.
Die Heirat “meiner Soph” sei das “Allergescheiteste”, was er je in seinem Leben getan habe, sagt er einmal zu seiner Stiefmutter; seine Kinder waren seine “ganze Wonne und Stolz”. “Den ganzen Tag sitze ich bei ihnen und bewundere sie, weil ich sie so lieb habe.”
Der 28. Juni ist der Hochzeitstag des erzherzöglichen Paares.
Politisch gilt Franz Ferdinand als sehr modern; er will in jedem Fall den Frieden erhalten und den Ausgleich mit den Völkern des Habsburger Reiches und den europäischen Nachbarn suchen.
Nach dem Tod des alten Kaisers plant er Strukturreformen, durch die Kroatien, Bosnien und Dalmatien zu einem eigenständigen dritten Reichsteil der k.u.k. Monarchie werden würden.
Wären diese Reformen umgesetzt worden, hätte die Geheimorganisation Schwarze Hand und ihre serbischen Hintermänner das eigene Projekt — die panslawistischen Vereinigung aller Serben in einem eigenen großserbischen Reich — vermutlich ad acta legen können.
28. Juni 1914: Der Attentatsversuch auf Erzherzog Franz Ferdinand
Der 28. Juni 1914 ist ein strahlend schöner Sommertag. Hunderte Schaulustige säumen seit dem Morgen die Straßen, um die Autokolonne zu sehen, die den Erzherzog und seine Gattin Sophie vom Bahnhof zum Rathaus der bosnischen Hauptstadt Sarajevo bringt.
Es ist die letzte Station einer längeren Reise, auf der der Erzherzog Sommermanöver besucht hat, dass Ehepaar aber auch ein paar Tage privaten Urlaub vom Wiener Hofstaat gemacht hat.
Der Termin für den Besuch in der bosnischen Haußtstadt ist außerordentlich unglücklich gewählt, denn am 28. Juni feiert man in Serbien traditionell Vidovdan, den Sankt-Veits-Tag, der Gedenktag an die verheerende serbische Niederlage gegen die muslimischen Osmanen (Türken) in der Schlacht auf dem Amselfeld im Jahr 1389, die das Ende des großserbischen Reiches besiegelte.
Für die jungen bosnischen Serben, die sich in Sarajevo unter die Menschenmenge gemischt haben, eine weitere Provokation, die sie jetzt ein für alle Mal tilgen wollen.
Das Attentat der jugendlichen Verschwörer auf das Thronfolgerpaar ist lange vorbereitet, verläuft aber völlig chaotisch.
Zwei Zellen mit insgesamt sieben potenziellen Attentätern warten auf die Autokolonnen; sie alle sind ausgerüstet mit kleinen Bomben, die sie am Gürtel tragen, Pistolen und je einer Phiole mit Zyanid, denn sie haben die strenge Weisung, sich nach dem Attentat selbst zu richten und keinesfalls in die Fänge der Polizei zu gelangen.
Es sind sind sieben schmächtige junge Männer, bosnische Serben, die da am Straßenrand stehen und warten.
Sie alle sind glühende Anhänger der panslawistischen Idee und wurden von einer serbischen Geheimorganisation namens “Schwarze Hand” rekrutiert, ausgebildet und mit Waffen versorgt.
Die Kontakte und Hintermänner der “Schwarzen Hand” reichen bis in die höchsten serbischen Regierungskreise; inwieweit die serbische Regierung die konkreten Pläne für dieses Attentat kannte, weiß bis heute niemand.
Als sich der Autokorso mit dem Erzherzog und der Erzherzogin nähert und die Menschenmenge zu jubeln beginnt, stürzt das die Verschwörer in Verwirrung.
Die Kolonne fährt am ersten Attentäter vorbei, ohne dass er erkennen kann, in welchem Auto Franz Ferdinand und seine Frau Sophie sitzen, weshalb er seine Bombe stecken lässt und den Platz verlässt.
” … Die offiziellen Sicherheitsvorkehrungen glänzten durch Abwesenheit. Trotz der Warnung, dass ein Terroranschlag wahrscheinlich sei, fuhren der Erzherzog und seine Frau im offenen Wagen an einer Menschenmenge vorbei, noch dazu auf einer Route, die alles andere als eine Überraschung war.
Von einem Kordon aus Soldaten, der bei solchen Gelegenheiten für gewöhnlich am Randstein steht, war nichts zu sehen, sodass die Wagenkolonne praktisch ungeschützt an der dichten Menschenmenge vorbeifuhr.
Sogar die eigene Leibwache fehlte: Ihr Chef war irrtümlich mit drei bosnischen Offizieren in ein Auto gestiegen und hatte den Rest seiner Männer am Bahnhof zurückgelassen.”
Aus: Christopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den 1. Weltkrieg zog*
Ein zweiter Attentäter, der 19-jährige bosnische Serbe Nedeljko Čabrinović, erkundigt sich bei einem Polizisten nach dem richtigen Fahrzeug, zündet, wirft – und rechnet nicht mit der schnellen Reaktion des Chauffeurs, der einen dunklen Gegenstand auf sich zufliegen sieht und Gas gibt.

Franz Ferdinand hebt seinen Arm, um seine Frau zu schützen, die Bombe prallt ab, fällt hinter das offene Verdeck und explodiert erst dort.
Sie reißt ein großes Loch in die Straße und verletzt die vier Insassen des dahinter fahrenden Wagens sowie einige Zuschauer teilweise schwer.
Nach dem Bombenwurf schluckt Čabrinović weisungsgemäß das Zyanid aus seiner Phiole und springt außerdem über die Brückenbrüstung der Miljacka.
Je nachdem, wie man es nimmt, hat er doppeltes Glück — oder doppeltes Pech. Das Zyanid ist von so schlechter Qualität, dass es ihn nicht umbringt, sondern nur seine Speiseröhre und die Magenschleimhaut verätzt, und die Miljacka führt im Sommer Niedrigwasser, weshalb er nach seinem Sturz aus sieben Metern Höhe nicht im Wasser, sondern im weichen sandigen Flussbett landet, wo er schreiend vor Schmerzen von Passanten und Polizisten aufgegriffen wird.
Auf dem Weg zum Rathaus fährt die Wagenkolonne noch an mehreren Attentätern vorbei, die aber nichts unternehmen.
So wäre eines der verheerendsten und folgenreichsten Attentate der Weltgeschichte fast verhindert worden.
„Herr Bürgermeister, da kommt man nach Sarajevo, um einen Besuch zu machen, und wird mit Bomben beworfen! Das ist empörend!“, unterbricht Franz Ferdinand Sarajevos Bürgermeister ärgerlich, als der im Rathaus zur Begrüßungsrede für das Thronfolgerpaar ansetzen will.
Man ist peinlich berührt, doch schließlich gelingt es, den Erzherzog zu beruhigen.
Das Attentat auf Franz Ferdinand und seine Frau Sophie
Alle denken, es wäre vorbei.
Es wäre vorbei gewesen, wenn man nicht wegen der Attentatsversuche den Tagesplan und die Fahrtroute geändert hätte.
Nach dem Besuch im Rathaus, beschließt man, das restliche Tagesprogramm zu streichen und den Erzherzog und die Erzherzogin so schnell wie möglich aus der Stadt zu bringen. Allerdings besteht Franz Ferdinand darauf, vor ihrer Abreise die Verletzten im Krankenhaus zu besuchen.
Die Fahrtroute wird entsprechend angepasst, aber man versäumt, das auch den Fahrern der Wagenkolonne mitzuteilen.
Als der Chauffeur des Wagens mit Franz Ferdinand und Sophie auf die ursprüngliche Route abbiegen will, brüllt ihn der Landeschef von Bosnien, Oskar Potiorek, an, dass er auf der Hauptstraße bleiben müsse. Der Fahrer kuppelt aus und rollt langsam zurück auf die Hauptstraße. In diesem Moment taucht einer der sieben Verschwörer, der 19-jährige Gavrilo Princip, genau auf der Höhe des Autos auf.

Gavrilo Princip, from raven.cc.ukans.edu
Der jugendliche Selbstmordattentäter ist offenbar selbst überrascht, als der Wagen des Erzherzogs nach dem Termin im Rathaus ganz in der Nähe seines Standortes vorfährt und dann auch noch langsamer wird, weil der Chauffeur falsch abgebogen ist und zurückstoßen muss.
Princip zieht seine Pistole und schießt aus anderthalb Metern Entfernung auf das Thronfolgerpaar.
Zunächst trifft er Erzherzogin Sophie in den Bauch. Ihre Bauchschlagader ist getroffen und in kürzester Zeit verblutet sie qualvoll in den Armen ihres Mannes. Dann zerfetzt eine weitere Kugel Franz Ferdinands Halsvene.
Der Wagen rollt zurück und rast dann los, um das Erzherzog-Paar im Palast Konak in Sicherheit zu bringen. Als sie dort ankommen, ist Sophie bereits tot; Franz Ferdinand fällt ins Koma und stirbt wenig später.
” … Hinter dem zurückrollenden Fahrzeug umstellte die Menge Gavrilo Princip.
Die Pistole wurde ihm aus der Hand geschlagen, als er sie zur Schläfe führte, um sich das Leben zu nehmen. Das Gleiche galt für das Päckchen Zyanid, das er verzweifelt zu schlucken versuchte.
Er wurde von den umstehenden Menschen geschlagen, getreten und mit Spazierstöcken verdroschen. Man hätte ihn auf der Stelle gelyncht, wäre es Polizeibeamten nicht gelungen, ihn in Gewahrsam zu nehmen.”
Aus: Christopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den 1. Weltkrieg zog*
1914: Rutschbahn in den Abgrund
Es ist ein warmer, schläfriger Sommersonntag im Prater und in den Kaffeehäusern, als die Nachricht über den Anschlag auf das Thronfolgerpaar in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo über Wien hereinbricht.
Musik und Gespräche verstummen.
Schockstarre, nicht nur in Wien, sondern in ganz Europa.
Die Morde von Sarajevo sind wie ein halbes Jahrhundert später der Mord an John F. Kennedy in Dallas 1963 ein Blitzlicht im Gedächtnis der Menschen. Jeder erinnert sich genau, wo er war, als er von der Nachricht hörte.
Zwei der insgesamt sieben Attentäter sind lebend gefasst, durch ihre Ermittlungsarbeiten gelingt es den Behörden schnell, zwei weitere ausfindig zu machen.
Zunächst hüllen sie sich in Schweigen oder behaupten, sie hätten auf eigene Faust gehandelt, aber es gelingt der Polizei, sie gegeneinander auszuspielen und erste Teilgeständnisse zu bekommen. Immer mehr Indizien weisen darauf hin, dass Belgrad und die serbische Regierung ihre “Schwarze Hand” im Spiel hat; auch die gefundenen Waffen und die Munition stammen aus serbischen Beständen.
In Wien beginnen nun fieberhaft die Überlegungen, wie man damit umgehen soll.
Schließlich gewinnen die “Falken” in der österreichisch- ungarischen Regierung die Oberhand, die darauf drängen, dass es einen “Denkzettel gegen Serbien” geben müsse; alles andere wäre ein Zeichen von Schwäche, würde die Glaubwürdigkeit der Habsburger Doppelmonarchie untergraben und wäre eine Einladung für weitere Attentate.
Kabinettschef Graf Hoyos wird als Emissär nach Berlin geschickt, um dort die Stimmung für einen eventuellen “Denkzettel” auszuloten.
Da Serbien mit Russland verbündet ist, Russland wiederum Bündnisse mit Frankreich und Großbritannien hat, fürchtet man internationale Verwicklungen, weshalb man nichts ohne den einzigen eigenen Bündnispartner unternehmen will.
Es ist schließlich Kaiser Wilhelm II. selbst, der sämtliche Bedenken seiner Berater, die zur Vorsicht mahnen, vom Tisch wischt.
Er glaubt — wie viele andere in seiner Entourage — nicht daran, dass von Russland bei einer österreichisch-ungarischen Intervention in Serbien mehr als die üblichen Protestnoten zu erwarten ist.
Das Zarenreich würde nach Meinung des Kaisers stillhalten, zumal Österreich-Ungarn Serbien nicht besetzen will, sondern nur eine angenehmere Regierung ohne Verbindung zu panslawistischen Attentätern einsetzen möchte (über die genauen Ziele des “Denkzettels” ist man sich nicht im Klaren …).
Julikrise 1914: Frieden ist keine Option mehr
Am 6. Juli 1914 trifft aus Berlin jener verhängnisvolle Blankoscheck ein, mit dem das Deutsche Reich Österreich seine bedingungslose Unterstützung für das weitere Vorgehen gegen Serbien zusichert.
Jubel bricht aus, denn die hochgerüsteten Deutschen gelten in Österreich-Ungarn als unbesiegbar.
Eine Art Kriegsdiplomatie wird in Gang gesetzt, die sich schon bald nicht mehr stoppen lässt. Frieden ist in der Julikrise 1914 schon bald keine Option mehr.
” … Die Schüsse von Sarajevo schürten nicht nur die Kriegshetze der Falken. Sie machten auch die beste Hoffnung auf einen Frieden zunichte. Wenn Franz Ferdinand seine Bosnienreise 1914 überlebt hätte, hätte er wie schon so oft weiterhin vor den Risiken eines militärischen Abenteuers gewarnt …
‘Die Welt weiß nicht, dass der Erzherzog immer gegen den Krieg war’, sagte ein hoher österreichischer Diplomat dem Politiker Jospeh Redlich in der letzten Juliwoche. ‘So hat er uns durch seinen Tod zu der Energie verholfen, die er nie aufbringen wollte, solange er lebte!’ “
Aus: Christopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den 1. Weltkrieg zog*
Am 23. Juli überreicht man den Serben ein Ultimatum, das binnen 48 Stunden beantwortet werden soll — ansonsten werde Österreich-Ungarn seine Truppen gegen Serbien mobilmachen.
Wie Schlafwandler
steuern die Mächtigen Europas auf die Katastrophe 1914 zu.
Christopher Clark, Geschichtsprofessor in Cambridge, schreibt spannend und informativ über die wahre Vorgeschichte des 1. Weltkrieges: 900 Seiten, die völlig zurecht zum Bestseller geworden sind.
Das Ultimatum enthält 10 Forderungen, die das Königreich Serbien zu erfüllen hat, um einen Militärschlag seitens Österreich-Ungarn zu verhindern.
Neben Verpflichtungen wie beispielsweise anti-österreichische Propaganda in serbischen Zeitungen zu unterbinden, enthält das Ultimatum auch zwei Klauseln, die als besonders hart angesehen werden: In den berüchtigten Forderungen 5 und 6 soll Serbien einer gemeinsamen Untersuchungskommission zustimmen, um die Morde von Sarajevo aufzuklären, zu denen die serbische Regierung jede Verbindung vehement abstreitet.
Nach der Übergabe des Ultimatums bricht in der serbischen Regierung zunächst Panik aus und für kurze Zeit scheint es, dass Belgrad auf die Forderungen eingehen würde.
Auf allen Kanälen versucht man Russland zu erreichen, um auszuloten, wie die endgültige Haltung des “großen Bruders” ist, und ob er im Falle eines Krieges Serbien militärisch beistehen würde.
Nachdem St. Petersburg endlich beruhigende Nachrichten sendet und die militärische Unterstützung auch im Kriegsfall zusichert, macht man sich ans Abfassen der Replik, in der wortgewandt auf die österreichisch-ungarischen Forderungen eingegangen wird, ohne konkrete Zugeständnisse zu machen.
Serbiens Antwort ist diplomatisch so geschickt formuliert, dass Kaiser Wilhelm in Berlin der Meinung ist, dass Österreich einen “großen moralischen Erfolg” errungen und Serbien “eine Kapitulation demüthigster Art hingenommen” habe.
Der deutsche Kaiser ist sich sicher, dass nun “jeder Grund zum Kriege” entfalle. Und ist entsetzt und erstaunt, als er hört, dass Österreich eine Teilmobilmachung angeordnet hat.
Am 28. Juli 1914, vier Wochen nach dem verhängnisvollen Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie, unterzeichnet der 83jährige österreichische Kaiser Franz Joseph in seinem Urlaubsort Bad Ischl die Kriegserklärung gegen Serbien.
Ein „kleiner“, lokal begrenzter Krieg soll es werden, um Druck aus dem Kessel zu nehmen, symbolisch ein paar Grenzen neu zu ziehen und nach den Morden in Sarajevo die Ehre und die Glaubwürdigkeit der k. u. k. Doppelmonarchie Österreich-Ungarn wiederherzustellen.
Es wird zur Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts.
Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiograhien.de 2017 (überarbeitet 2025)
Lesen Sie im nächsten Beitrag: In Berlin hat man mit Serbien und dem Balkan eigentlich nichts am Hut, denn seine Majestät Kaiser Wilhelm II — auch „Wilhelm das Großmaul”´genannt — sucht den “Platz an der Sonne” in Übersee. Trotzdem gibt es für ihn und seine Entourage gute Gründe, warum die Deutschen beim “Denkzettel für Serbien” mitmischen sollten.
Ein Platz an der Sonne oder: Wilhelm, das Großmaul
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Warte nur, bis Vati kommt! Kindheit in den 1950er und 1960er Jahre
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https://www.spiegel.de/geschichte/mord-an-kaiserin-sisi-1898-luigi-lucheni-stach-mit-der-feile-zu-a-1226403.html
Bilder und Texte rund um die Habsburger Dynastie:
https://www.habsburger.net/de/habsburger
Bildnachweise:
Photo of Franz Josef, Emperor of Austria (1830–1916), ca. 1915, Photographer to the court of His Imperial Majesty, L. Schumann (1843–1912). — Scanned from the book The Imperial House of Hapsburg by Johann Kaufmann. Published by Braxton, 1968. Photo of Franz Josef, Emperor of Austria (1830–1916)
Austria-Hungary 1914, physical/Mapa fizyczna Austro-Węgier 1914. Quelle: Mariusz Paździora, own work, 2008
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Gavrilo Princip, from raven.cc.ukans.edu/~kansite/ww_one/photos/greatwar.html
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Dr. Susanne Gebert
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