1923: Vom Ruhrkampf zum Deutschen Oktober
1923. Reichskanzler Wilhelm Cuno und seine Regierung der Wirtschaft versuchen, die Weimarer Republik trotz Ruhrkampf und Generalstreik auf Kurs zu halten, indem sie Geld drucken lassen.
Sehr viel Geld. Mit katastrophalen Folgen für das zerrissene Land: Eine nie dagewesene Hyperinflation bringt Deutschland an den Rand des endgültigen Kollaps.

Krisenjahr 1923: Deutschland am Rand des Zusammenbruchs
1923 wird für die junge Weimarer Republik zum Schicksalsjahr.
Französische Truppen besetzen das Ruhrgebiet, die Reichsregierung finanziert den Widerstand mit frisch gedrucktem Geld — und löst damit eine der schlimmsten Inflationen der Geschichte aus, die Hyperinflation.
Während Millionen Deutsche innerhalb weniger Monate ihre Ersparnisse verlieren, wächst auf den Straßen die Angst vor Hunger, Revolution und Bürgerkrieg. Rechte und linke Extremisten hoffen auf den Zusammenbruch der Demokratie und schmieden Umsturzpläne.
Ruhrkampf, Hyperinflation, politische Unruhen und Revolutionspläne brachten Deutschland damals an den Rand des Zusammenbruchs.
Der Versailler Vertrag und die explosive Reparationsfrage
Der Hammer fällt im Januar 1921.
269 Milliarden Goldmark — das wären heute umgerechnet rund 1 Billion Euro — fordern die Alliierten von Deutschland als Reparationszahlung für den verlorenen Krieg.
Für den Ausbruch des 1. Weltkriegs wird außerdem einzig und allein das Deutsche Kaiserreich verantwortlich gemacht, was historisch nicht der Wahrheit entspricht.

Mit Schlaganfall zu den Friedensverhandlungen in Versailles: Thomas Woodrow Wilson Präsident der USA 1913 bis 1921
Sogar die Briten halten die Bedingungen des Versailler Vertrags für zu hart, können sich aber gegen Frankreich nicht durchsetzen.
Der dritte große Gegner des untergegangenen deutschen Kaiserreichs, die eigentlichen Kriegsgewinner USA, haben nach Versailles genug von den innereuropäischen Querelen.
Ihr Präsident Woodrow Wilson ist zwar ein ambitionierter Mann, aber auch ein sehr kranker: Bei den Friedensverhandlungen fehlen ihm nach einem Schlaganfall Kraft und Durchsetzungsvermögen, um einen Revanchefrieden zu verhindern.
Nach einem Schlaganfall im Oktober 1919 verschwindet der amerikanische Präsident mehr und mehr in der Versenkung und die USA ziehen sich aus dem politischen Chaos zurück, in das sich Europa gestürzt hat.
Reichskanzler Wilhelm Cuno und seine „Regierung der Wirtschaft“
Die hohen Reparationsforderungen verbunden mit der Kriegsschuldfrage zünden in der jungen und tief gespaltenen Weimarer Republik die nächste Eskalationsstufe.
Neue Unruhen flammen in einem Land auf, das sich seit dem Ende des großen Krieges nur mit knapper Not an einem offenen Bürgerkrieg vorbeilaviert hat.

Wilhelm Cuno (links) mit Reichspräsident Ebert bei der Verfassungsfeier vor dem Reichstag (1923).
Bild: Bundesarchiv, Bild 146‑1973-076–58 / CC-BY-SA 3.0
Seit November 1922 ist die „Regierung der Wirtschaft“ unter Reichskanzler Wilhelm Cuno (der vorher HAPAG-Generaldirektor war) an der Macht.
Sie bemüht sich, das Nachkriegschaos im Land und gleichzeitig die ehemaligen Kriegsgegner Deutschlands in Schach zu halten.
Das bedeutet auch: Die desolaten Finanzen der jungen Republik stabilisieren.
Eine Mammut-Aufgabe, an der bislang alle kurzlebigen Vorgänger-Regierungen Cunos in der Weimarer Republik gescheitert sind.
Cuno und seine Minister gehören zu den sogenannten „Erfüllungspolitikern“ –Vertreter des liberalen bis linken Spektrums (SPD, Zentrum, DDP) –, die das Unmögliche zu tun versuchen und die Schuldenlast der jungen Republik durch die Reparationsforderungen irgendwie begleichen wollen.
Ihnen gegenüber stehen die „Katastrophenpolitiker“ vor allem aus dem rechten Spektrum, die die absurd hohe Summe ablehnen und weder zahlen noch verhandeln wollen. Für sie bleiben die Deutschen „auf dem Schlachtfeld unbesiegt”. Einen neuen Krieg wegen Reparationen und Kriegsschuldfrage würden sie in Kauf nehmen.
Mehr schlecht als recht behalten die Erfüllungspolitiker in wechselnden Koalitionen im Reichstag die Oberhand und versuchen, wenigstens die diplomatische Ächtung Deutschlands am Katzentisch der Weltpolitik durch Wohlverhalten zu durchbrechen.
Januar 1923: Der Ruhrkampf beginnt
Die nächste Katastrophe beginnt am Morgen des 11. Januar 1923.
Ungeachtet des wackligen inneren Friedens in Deutschland tut Frankreich das, was schon lange auf der Agenda seiner Politiker und Militärs stand: Französische und belgische Truppen besetzen gemeinsam das Ruhrgebiet, das industrielle Herzstück der Republik.

Einzug französischer Truppen in Essen, 1923
Von Bain News Service, publisher — Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C.
Angeblich dient die Besatzung dazu, den Reparationsforderungen Nachdruck zu verleihen — aber tatsächlich geht es wohl mehr darum, Deutschland mit dem Ruhrgebiet endlich den Reißzahn zu ziehen, der sie 1870 und 1914 zum gefährlichen Kriegsgegner Frankreichs werden ließ.
Denn Kohle und Erz aus dem Ruhrpott haben Deutschland reich und mächtig gemacht — und gefährlich für seine Nachbarn. Jetzt scheint für Frankreich der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein, um sich dieser ständigen Bedrohung zu entledigen. Außerdem kann man in Frankreich Kohle und Stahl gratis selbst gut gebrauchen.
Hyperinflation 1923: Als das Geld wertlos wurde
Die Regierung unter Reichskanzler Cuno kann sich die fransösische Besetzung des Ruhrgebietes weder wirtschaftlich noch politisch leisten und ruft die Bevölkerung zum passiven Widerstand auf.
Der sogenannte Ruhrkampf beginnt: weder Arbeiter noch Angestellte oder Beamte sollen mit den Franzosen zusammenarbeiten; von Berlin aus wird ein Generalstreik angeordnet, um zu verhindern, dass sich Frankreich aus den Zechen und Stahlwerken des Ruhrgebiets bedient.
Um die Kosten dieses Streiks finanzieren zu können — die Löhne der streikenden Arbeiter, Angestellten und Beamten müssen bezahlt werden -, setzen Cuno und sein Experten-Kabinett auf ein altbewährtes Mittel, das man bereits zu Kaisers Zeiten genutzt hat, um liquide zu bleiben: Man druckt einfach frisches Geld.
Ein einfacher Plan.
Frisches Geld ohne Gegenwert. Es wird der bereits angeschlagenen deutschen Nachkriegs-Wirtschaft den Rest geben.
Denn aus der bereits vorhandenen Inflation wird durch das ungebremste Gelddrucken im Laufe des Jahres eine Hyperinflation — die schon vorher geschwächte Goldmark fällt ins Bodenlose.
Das Geld ist bald das Papier nicht mehr wert, auf dem es gedruckt wird. Es als Klopapier zu benutzen ist günstiger, als sich Klopapier davon zu kaufen.

Mieterhöhung während der Zeit der Hyperinflation: Von 579,50 Mark (31. September 1922) auf 9004 Mark (1. April 1923) und schließlich auf 154.913.000 Mark (2. Oktober 1923).
Foto: Agentur für Bildbiographie
Ein Stück Butter kostet zeitweise mehrere Millionen, wer Brot oder Milch kaufen will, transportiert seine fast wertlosen Geldbündel mit Schubkarren zum nächsten Einkaufsladen.
Am Zahltag fangen Frauen und Kinder die Väter an den Fabriktoren ab und rennen mit dem Lohn zum nächsten Krämer, um schnell alles auszugeben, bevor sich ein paar Stunden später die Preise weiter vervielfacht haben.
Angst, Hunger und Radikalisierung der Gesellschaft
Noch mehr Hunger, Armut und Elend sind die Folgen des Ruhrkampfs — und treffen eine Bevölkerung, die bereits im Ersten Weltkrieg unermesslich gelitten hat.
Fünf Jahre nach dem Kriegsende scheint sich für die Deutschen nichts verbessert zu haben. Statt Hoffnung wächst das Gefühl, in die nächste Katastrophe zu taumeln. Viele Menschen haben längst das Vertrauen in Politik, Wirtschaft und Zukunft verloren.
Am Abgrund
Hyperinflation, Ruhrkampf, Hitlerputsch und politische Gewalt: Volker Ullrich erzählt das Krisenjahr 1923 spannend wie einen Thriller — und zeigt, wie nah Deutschland damals am Abgrund stand.
Ein faszinierender Blick auf ein Jahr voller Angst, Radikalisierung und extremer gesellschaftlicher Spannungen, die bis heute erstaunlich aktuell wirken.
Der Ruhrkampf zehrt nicht nur an den letzten Kräften der Deutschen, immer mehr setzt sich auch der Eindruck durch, dass er weder zu gewinnen noch zu finanzieren ist. Die Mark verliert buchstäblich stündlich an Wert.
Die französischen Besatzer zeigen sich davon wenig beeindruckt.
Weil deutsche Arbeiter streiken, werden französische Bergleute ins Ruhrgebiet gebracht, die unter militärischem Schutz Kohle und Rohstoffe nach Frankreich transportieren. Für viele Deutsche wird die Besatzung damit endgültig zum Symbol nationaler Demütigung.
Die junge Demokratie gerät immer stärker unter Druck.
Streiks, Plünderungen und Hungerunruhen erschüttern das Land. Rechte Politiker, Unternehmer und Militärs sprechen offen über die Errichtung einer „nationalen Diktatur“ und beginnen bereits mit konkreten Planungen für einen Umsturzversuch am 9. November. Gleichzeitig überlegen auch die Kommunisten, ob die Zeit für eine Revolution gekommen ist — zögern jedoch noch.
Stalin, mittlerweile mächtiger Generalsekretär der russischen KP und Mitglied der „Troika“, einem Dreiergremium, das die Regierungsgeschäfte für den todkranken Lenin übernommen hat, hält Deutschland noch nicht reif für eine Revolution und mahnt zum Abwarten:
„ … Wenn heute in Deutschland die Macht sozusagen stürzt und die Kommunisten sie aufheben, dann werden sie mit Pauken und Trompeten scheitern. Im besten Falle. Im schlechtesten wird man sie in Stücke hauen und weit zurückwerfen.“
Stalin, 1923
Stalins Hoffnung auf eine „zweite proletarische Revolution“
Im August 1923, ein halbes Jahr nach Beginn des Ruhrkampfs, ist Reichskanzler Wilhelm Cuno mit seiner „Regierung der Wirtschaft“ politisch am Ende.
Massenproteste erschüttern das Land, die Hyperinflation gerät völlig außer Kontrolle und das Vertrauen der Bevölkerung in Staat und Demokratie zerbricht immer schneller. Schließlich treten Cuno und sein gesamtes Kabinett geschlossen zurück.
In Moskau verfolgt man die Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit.
Die Lage in Deutschland hat sich durch den zermürbenden Ruhrkampf und den Absturz der Mark derart verschärft, dass Grigorij Sinowjew, Vorsitzender der Kommunistischen Internationale (Komintern) und Mitglied der sowjetischen „Troika“, glaubt, die „zweite, wirkliche proletarische Revolution“ stehe unmittelbar bevor.
Eine kommunistische Revolution in Deutschland käme der Sowjetunion äußerst gelegen.
Sechs Jahre nach der Oktoberrevolution ist das Land selbst bitterarm, vom Bürgerkrieg gezeichnet und wirtschaftlich erschöpft. Lenin liegt nach mehreren Schlaganfällen im Sterben, während Stalin, Sinowjew und Kamenew unter enormem Druck stehen, die rückständige Sowjetunion zwischen „Kakerlaken und Ikonen“ endlich ins industrielle Zeitalter zu führen.
Eine kommunistische Revolution in Deutschland würde bedeuten, die nach wie vor mächtigste Industrienation des Kontinents in die Sphäre der Kommunistische Internationale zu bringen.
Es wäre ein enormer Schub für die sowjetische Industrialisierung und man hofft, dass danach auch andere westeuropäische Staaten dem deutschen Beispiel folgen und wie Dominosteine in Richtung Weltrevolution kippen.
Nachdem sich die Lage in Deutschland durch den Rücktritt der Regierung dramatisch zugespitzt hat, beginnt man deshalb in großer Eile mit den Vorbereitungen für einen kommunistischen Umsturz, der für den historischen 9. November geplant ist, aber als „Deutscher Oktober“ bezeichnet wird.
Ende August 1923 setzt die KPD mit „Unterstützung” sowjetischer Militärberater ein Revolutionskomitee ein, im September reist eine Delegation deutscher Revolutionäre zu weiteren Besprechungen nach Moskau.
Die Erwartungen der Komintern an die deutschen Genossen sind riesig.
Die KPD steht so unter Erfolgsdruck, dass sich KPD-Chef Heinrich Brandler bei seiner Visite in Moskau zu der Bemerkung hinreißen lässt, „jeder Thüringer Arbeiter hat ein Gewehr hinterm Ofen stehen” und sei bereit für die Revolution.
253.000 deutsche Kommunisten stünden zum Kampf bereit, Waffen seien genügend vorhanden, im Laufe von 6 bis 8 Wochen könnten fünfzehn rote Divisionen gebildet werden.
Er irrt sich.
„ … Entweder scheitert die Revolution in Deutschland und erschlägt uns, oder die Revolution gelingt dort, alles läuft gut, und unsere Lage ist gesichert.“
Stalin, 1923
Gustav Stresemann und die Rettung der Republik
Als das Chaos am größten ist, die Weimarer Republik sowohl wirtschaftlich als auch politisch kurz vor ihrem Kollaps steht und rechts und links eifrig Umsturzpläne geschmiedet werden, tritt Gustav Stresemann sein Amt als neuer Reichskanzler an.
Im Weltkrieg war Stresemann noch ein überzeugter Monarchist, mittlerweile ist er Vernunftrepublikaner und Versöhner.

Gartenfest für Vertreter der Ausländischen Presse beim Reichskanzler Dr. [Gustav] Stresemann. Der Reichskanzler inmitten ausländischer Journalisten.
Von Bundesarchiv, Bild 102–00169 / CC-BY-SA 3.0
Er macht sich zunächst (fast) alle Parteien und Parlamentarier zum Feind, als er am 26. September den Abbruch des ruinösen „Ruhrkampfs“ verkündet.
Außerdem wagt Stresemann es, den Abwärtsstrudel der von vielen ungeliebten Weimarer Republik zu durchbrechen: Mit seiner Großen Koalition aus SPD, DDP, Zentrum und DVP bereitet er eine Währungsreform vor, die im November 1923 in Kraft tritt.
Kompromissbereitschaft als Tugend
„ … Unter Prinzipienreitern galt Kompromissbereitschaft nicht als Tugend, sondern als Schwäche, Stresemann hingegen machte sie zu seiner Leidenschaft. Persönlich eher konservativ, zählte er zu den ‘Vernunftrepublikanern’, die dem Pluralismus viel abgewannen, auch wenn ihr Herz eher für die Monarchie schlug.
Elegant und pragmatisch waren seine Kommunikationsformen. Der ‘Stresemann’ genannte Look — gestreifte Hose, schwarzes Jackett, Weste, hochgeschlagener Hemdkragen — ersetzte den abendlichen Wechsel zwischen Büroanzug und festlichem Cut: Man konnte gleich vom Amt zum Empfang eilen. Stresemann liebte es, festgefahrene Fronten aufzulösen, indem er sich in einen Gegenspieler hineinversetzte, dessen Sichtweise teilte und mit der eigenen abglich. Für die Militaristen galt schon das als Hochverrat … “
Aus: Harald Jähner, Höhenrausch: Das kurze Leben zwischen den Kriegen*
Der Deutsche Oktober 1923
Nur dreieinhalb Monate bleibt Gustav Stresemann Reichskanzler — doch in dieser kurzen Zeit gelingt ihm etwas, woran viele seiner Vorgänger gescheitert sind: Er bringt die schwer erschütterte Republik zumindest vorläufig wieder in ruhigeres Fahrwasser. Mit dem Abbruch des ruinösen Ruhrkampfs und der Vorbereitung der Währungsreform stoppt seine Regierung den wirtschaftlichen Absturz Deutschlands.
Nach seinem Rücktritt als Reichskanzler bleibt Stresemann bis zu seinem Tod 1929 Außenminister in allen folgenden Kabinetten. Mit großem diplomatischem Geschick bemüht er sich um die Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern des Ersten Weltkriegs. Für seine Verständigungspolitik erhält er 1926 gemeinsam mit dem französischen Außenminister Aristide Briand den Friedensnobelpreis.
Das ist die gute Nachricht.
Die schlechte ist: Obwohl der Ruhrkampf beendet ist, bleibt die politische Lage in Deutschland explosiv.
Die SPD kann sich nicht entscheiden, ob sie staatstragend oder revolutionär sein will und die rechtskonservative bayerische Staatsregierung putscht.
Die bayerische Staatsregierung ernennt Gustav Ritter von Kahr, den ehemaligen Ministerpräsidenten und Regierungspräsidenten von Oberbayern, zum „Generalstaatskommissar“ mit weitreichenden Sondervollmachten. Kahr und seine Unterstützer liebäugeln offen mit einem autoritären Umsturz und einem „Marsch auf Berlin“ — nach dem Vorbild von Benito Mussolinis erfolgreichem faschistischen Marsch auf Rom im Jahr zuvor.
Reichspräsident Friedrich Ebert reagiert alarmiert und verhängt den Ausnahmezustand über Deutschland.
Gleichzeitig kommt es in Sachsen und wenig später auch in Thüringen zu einem politischen Tabubruch: Dort tritt die KPD erstmals in SPD-geführte Landesregierungen ein. Offiziell geschieht dies als „republikanisch-proletarische Verteidigung“ gegen die drohende Gefahr eines rechten Putsches aus Bayern.
Vor allem die linken Sozialdemokraten in Sachsen und Thüringen hoffen, gemeinsam mit den Kommunisten endlich die tiefe Spaltung der Arbeiterbewegung überwinden zu können. Nach Jahren gegenseitiger Feindschaft träumen viele von einer gemeinsamen Front gegen Nationalisten, Militaristen und Putschisten.
Doch hinter den Kulissen verfolgt die KPD längst eigene revolutionäre Ziele.
Die Revolution wird abgeblasen
Während die Sozialdemokraten in Sachsen und Thüringen auf ein friedlicheres Miteinander mit der KPD als Regierungsfraktion hoffen, treibt die KPD ein doppeltes Spiel.
Für sie ist die Regierungsbeteiligung in beiden Ländern ein wichtiger Baustein in ihren Planungen für die Weltrevolution, denn als Regierungspartei können sie — so die Erwartung — noch mehr Arbeiter für den „Deutsche Oktober” und damit für die zweite, wirklich proletarische Revolution in Deutschland mobilisieren.
(Als erste Revolution gilt die — gescheiterte — Novemberrevolution 1918.)
1923: Hamburg auf den Barrikaden.
Mehr lesen: Stalin und Thälmann
Aber es kommt anders.
Stresemann und Ebert schicken die Reichswehr, die am 20. Oktober in Sachsen, einige Tage später auch in Thüringen einmarschiert.
Per „Reichsexekution“ werden beide rot-rote Länderparlamente aufgelöst und alle kommunistischen Landesminister ihrer Ämter enthoben.
Bei den folgenden Demonstrationen kommt es zu Straßenschlachten; es gibt mehrere Dutzend Tote und Verletzte.
Das sozialdemokratische Hin und Her — mit den Kommunisten in den Ländern, gegen sie in Berlin — nimmt die KPD den Sozialdemokraten ausgesprochen übel. Mit fatalen Folgen für den weiteren Lauf der Geschichte.
Doch zunächst wird als Reaktion eine kommunistische Betriebs- und Arbeiterkonferenz einberufen, die den monatelang geplanten „deutschen Oktober” jetzt endgültig einläuten und zum bewaffneten Kampf aufrufen soll.
Womit allerdings niemand gerechnet hat: Die Revolutionäre sind müde.
Oder eingeschüchtert durch das harte Vorgehen Eberts und Stresemanns in Thüringen und Sachsen.
Denn anders als von KPD-Chef Heinrich Brandler behauptet, sind die „Proletarischen Hundertschaften“ nicht zum bewaffneten Widerstand gegen die Reichsregierung bereit, sie wollen nicht einmal streiken. Die Mehrheit der 450 Delegierten entscheidet sich gegen jegliche Aktionen.
Die Revolution wird abgeblasen.
Nur in Hamburg erfährt man nichts davon und geht auf die Barrikaden.
Für kurze Zeit gibt es eine Sowjetrepublik Stormarn und in Barmbek Straßenschlachten.
Mehr lesen:
1923. Fünf Jahre sind seit dem Ende des Weltkrieges vergangen, aber Deutschland kommt nicht zur Ruhe. In Hamburg üben die Kommunisten Weltrevolution und für wenige Stunden gibt es eine „Sowjetrepublik Stormarn“. Ernst Thälmann, Hamburgs charismatischer KPD-Führer, bringt sich für seine weitere Karriere in Stellung, Stalin, Hitler und die berüchtigte “Sozialfaschismustheorie” mischen auch mit.
Hamburg auf den Barrikaden
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Bildnachweise
Thomas Woodrow Wilson, Harris & Ewing, 1919 – gemeinfrei
Quelle: Wikimedia Commons – Harris & Ewing (Public Domain)
Wilhelm Cuno (links) mit Reichspräsident Ebert bei der Verfassungsfeier vor dem Reichstag (1923). Von Bundesarchiv, Bild 146‑1973-076–58 / CC-BY-SA 3.0
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Geschichte und Psychologie
Vergangenes verstehen, um mit der Zukunft besser klar zu kommen.

Dr. Susanne Gebert
Generationengespräch
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Geschenke made for Mama
Geschichte & Psychologie
Die Vergangenheit verstehen, um mit der Zukunft besser klar zu kommen








Hallo Susanne,
die “Goldmark” war schon seit 1914 nicht mehr durch Gold gedeckt und hieß ganz einfach Reichsmark, siehe auch den Wikipedia-Artikel zur Rentenmark:
“1914 war die Golddeckung jedoch aufgehoben worden; aus der „Goldmark“ wurde die Papiermark.”
Interessant auch daß alle drei Währungen (Goldmark, Reichsmark und Rentenmark) bis zur Währungsreform 1948 parallel weiter existierten, nur ab Kriegsende noch ergänzt durch die “Zigarettenwährung”.
Also alles schon mal da gewesen wenn man nun von Bitcoin und digitalen Zentralbankwährungen CBCD spricht.
In Goldmark wird ja noch bis heute der Versicherungswert von Gebäuden im ehemaligen Westdeutschland angegeben.
Bin gestern durch Zufall auf Deine Webseiten gestossen und aus dem Lesen nicht mehr heraus gekommen. Es ist das Beste zu Politik und Psychologie was ich bisher gesehen habe.
Vielen Dank und freundliche Grüße
Max Rudolf Schneider
Lieber Max Rudolf, herzlichen Dank für deine Ergänzungen — und dein Lob! 🙂 Für Korrekturen und Ergänzungen brauche ich meine Leserinnen und Leser, deshalb an dieser Stelle ganz, ganz lieben Dank für diesen (und alle anderen) Kommentar/e, die das Bild schärfen. Uns alle eint das Wissen, dass Geschichte eben nicht aus drögen Fakten und Zahlen besteht, sondern von Menschen aus Fleisch und Blut ‘gemacht’ wird. Also auch von uns. Denn: Wer aus seiner Geschichte nicht lernt, ist gezwungen, sie zu wiederholen. Und das muss in vielen Fällen nicht sein … Herzlichen Dank und liebe Grüße Susanne