Amerikas kranke Präsidenten – die schwachen Seiten der Männer im Weißen Haus

Die schwachen Seiten der US-Präsidenten www.generationengespräch.de


Amerikas kranke Präsidenten: Wilson, Roosevelt, Kennedy – viele amerikanische Präsidenten waren so krank, dass sie eigentlich nicht mehr in der Lage waren, die Amtsgeschäfte fortzuführen.

Aber das hat man in der Öffentlichkeit immer erst hinterher erfahren.

Jalta 1945: Die Konferenz der Sterbenden

Hätten Churchill, Roosevelt und Stalin nicht gerade die Welt retten müssen, wäre ein Kuraufenthalt in Jalta auf der schönen Halbinsel Krim inklusive Tabakentwöhnung, Stressreduktion und einer Diät aus Obst, Gemüse und Vollkornprodukten für ihre Gesundheit zuträglicher gewesen.

Denn als sich die „großen Drei“ im Februar 1945 treffen, um über die Zukunft der Welt nach Hitler zu konferieren, sitzen da eben nicht nur die zukünftigen Sieger des 2. Weltkriegs zusammen, sondern auch drei schwerkranke Männer, die mit einem Bein (Roosevelt mit eineinhalb) im Grab stehen.

Die Konferenz von Jalta im Februar 1945: Churchill, Roosevelt und Stalin
Die Konferenz von Jalta im Februar 1945
Von links nach rechts: Churchill, Roosevelt und Stalin, public domain

Alle drei leiden an weit fortgeschrittener Arteriosklerose, einer unter Spitzenpolitikern und Diktatoren des 20. Jahrhunderts weit verbreiteten Erkrankung, an der die meisten von ihnen frühzeitig starben.

Es ist eine Krankheit, die nicht weh tut; über lange Zeit lagern sich fast unbemerkt gefährliche Plaques aus Fett und Kalk an den Innenwänden von Arterien ab.

Damit lässt es sich eine Weile ganz gut leben und auch regieren – bis sich die verengten und erstarrten Blutgefäße in Form von Herzinfarkten und Schlaganfällen folgenschwer und sehr oft tödlich bemerkbar machen.

Der frühe Tod von Franklin Delano Roosevelt

Als ersten der „großen Drei“ trifft es den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der bereits zwei Monate nach Jalta, am 12. April 1945, im Alter von nur 63 Jahren an einem Schlaganfall stirbt.

Das Ende Hitlers und des Krieges in Europa und Asien erlebt er nicht mehr, die Siegesfeiern und Lorbeeren gehen an seinen Vizepräsidenten und Nachfolger Harry S. Truman.

Noch kein Jahr zuvor, im Juli 1944, hatte Roosevelts Leibarzt, Ross McIntire, Marinearzt im Admiralsrang und HNO-Spezialist, der amerikanischen Öffentlichkeit versichert, dass sich der Präsident bis auf ein paar altersbedingte Ermüdungserscheinungen und gelegentlichen Problemen mit den Nasennebenhöhlen in bestmöglicher Gesundheitsverfassung befände.

Franklin D. Roosevelt (sitzend) und George W. Norris (vorne rechts) bei der Gründung der Tennessee Valley Authority (1933)
Franklin D. Roosevelt (sitzend) und George W. Norris (vorne rechts) bei der Gründung der Tennessee Valley Authority (1933). Gemeinfrei

Dass Roosevelt zu diesem Zeitpunkt bereits ein schwerkranker Mann ist und schon mehrere leichte Schlaganfälle mit Schwindelanfällen und Bewusstseinsstörungen hinter sich hat, wird von seinem Leibarzt entweder nicht registriert oder ignoriert. 

„ … Der Präsident, der um seine gesundheitliche Probleme nie viel Aufheben gemacht hatte, antwortete auf die Frage, wie er sich fühle, ehrlich und knapp: ‚Like Hell!‘
Als Roosevelt im Naval Hospital in Bethesda untersucht wurde, erkannte ein junger Kardiologe, Howard Bruenn, auf der Röntgenaufnahme, dass das Herz des Präsidenten, vor allem im Bereich der linken Herzkammer, massiv vergrößert war: ein Hinweis auf eine ausgeprägte Herzinsuffizienz. Roosevelt wog zu dieser Zeit 85 Kilogramm – zu viel und aufgrund der verkümmerten Beine ungleichmäßig verteilt …“

Aus: Roland D. Gerste, Wie Krankheiten Geschichte machen: Von der Antike bis heute*

Der Präsident wird auf Diät gesetzt, soll seinen Zigarettenkonsum von 30 auf 5 und die Zahl seiner Martinis auf einen vor dem Dinner reduzieren.

Er erhält Digitalis, das damals einzig verfügbare Medikament gegen Herzmuskelschwäche, und soll jede Nacht zehn Stunden schlafen – angesichts der prekären welthistorischen Lage, in deren Zentrum Roosevelt zu diesem Zeitpunkt steht, und dem strapaziösen Wahlkampf für seine vierte Amtsperiode ein eher frommer Wunsch.

Am 7. November 1944 wird Roosevelt zum vierten Mal zum amerikanischen Präsidenten gewählt (die auf George Washington zurückgehende Maxime, dass es amerikanische Präsidenten nach zwei Amtsperioden bewenden lassen sollten, ist eine Tradition, aber kein Gesetz).

Der junger Arzt, der ihn in der Klinik untersucht hat, wird zum Schweigen verdonnert:
Ich wurde gewarnt, meinen Mund zu halten, weil unnötiges Wissen nicht verbreitet werden sollte“, zitiert ihn der Medizinhistoriker Ronald D. Gerste in seinem Buch Wie Krankheiten Geschichte machen – Von der Antike bis heute*.

Roosevelts Erkrankung konnte man nicht zum Stillstand verdonnern.

Im März 1953 stirbt auch Stalin nach einem Schlaganfall, Churchill im Januar 1965.

Woodrow Wilson

Ärztliche Bulletins, die im Stil einer Geheimwissenschaft den tatsächlichen Gesundheits- bzw. Krankheitszustand des Präsidenten verschleiern, haben in den USA eine lange Tradition.

Ein besonders krasser Fall und vielleicht auch der Ursprung des Misstrauens vieler Amerikaner*innen gegenüber den Verlautbarungen aus dem Weißen Hauses ist der von Roosevelts Vor-Vorgänger Woodrow Wilson, ebenfalls ein Kriegspräsident und ebenfalls schwerkrank.

Dabei war Wilson, 1856 als Sohn eines Predigers in Virginia geboren, mit allerhöchsten moralischen Grundsätzen angetreten: die Idee des Völkerbunds und die berühmten „14 Punkte“ für eine gerechte Nachkriegsordnung in Europa nach dem 1. Weltkrieg waren für ihn Anspruch und Lebensziel.

Thomas Woodrow Wilson Präsident der USA 1913 bis 1921
Thomas Woodrow Wilson Präsident der USA 1913 bis 1921

(Wilson hielt zwar viel vom ‚Selbstbestimmungsrecht der Völker‘, aber nichts vom Wahlrecht für Schwarze. Er gilt als einer der rassistischen Präsidenten der USA, erhielt 1919 aber trotzdem den Nobelpreis.)

Als junger Mann schlägt Wilson, der vermutlich an einer Schreib-/Leseschwäche litt und erst mit neun Jahren Lesen und Schreiben lernte, zunächst die akademische Laufbahn ein.

Er arbeitet sich mit Brillanz und ungeheurem Fleiß bis an die Spitze der renommiertesten Universitäten des Landes vor, wendet sich dann aber im Alter von 54 Jahren einem neuen Betätigungsfeld zu, der Politik.

Mit seiner fast fanatischen Willensstärke und Kompromisslosigkeit gelingt ihm auch seine Zweitkarriere als Politiker im Schnellspurt und er steigt in kürzester Zeit vom Newcomer zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten auf.

Am 5. November 1912 wird er nach nur zwei Jahren in der Politik zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt und 1916 im Amt bestätigt.

Mit Schlaganfall zu den Friedensverhandlungen in Versailles

Was die amerikanischen Wähler weder während Wilsons erster noch seiner zweiten Amtszeit erfahren, (Wählerinnen gibt es zu diesem Zeitpunkt auch in den USA noch nicht): Ihr chief executive ist ein sehr kranker Mann.

Denn auch dieser Präsident leidet an Arteriosklerose:

„ … Im Mai 1896 schlug jenes Leiden zu, dass Wilsons Leben beherrschen sollte. In einer Phase großen beruflichen Stresses erlitt er einen Schlaganfall. … Vermutlich war der junge Professor schon in jenen Jahren Hypertoniker, war sein Gefäßsystem vor allem im Kopfbereich permanenten Schädigungen ausgesetzt. Wilson verschanzte sich hinter einer Taktik, der er bis an sein Ende treu blieb. Er negierte die Krankheit, ignorierte soweit wie möglich die daraus resultierende Behinderung und stürzte sich wie ehedem in seine Arbeit …“

Aus: Roland D. Gerste, Wie Krankheiten Geschichte machen: Von der Antike bis heute*

Es folgen viele weitere ‚Ereignisse‘, die Wilson standhaft zu ignorieren versucht.

1906 erblindet er auf dem linken Auge wegen einer Gefäßembolie – eine Komplikation, die häufig bei nicht oder schlecht behandeltem Bluthochdruck auftritt.

Als er 1918/19 an den Friedensverhandlungen in Versailles teilnimmt, ist der amerikanische Präsident nur noch ein Schatten seiner selbst.
Seine Augen zucken nervös, er ist gereizt und verhält sich in vielen Situationen äußerst merkwürdig.

In den Verhandlungen mit den alliierten Briten und Franzosen hat er weder die Kraft noch das Durchhaltevermögen, sich gegen sie durchzusetzen. Statt des von ihm angestrebten Verständigungsfriedens mit Deutschland gibt es am Ende einen Revanchefrieden.

Das ist eine enorme Hypothek für die junge Weimarer Republik.

ANZEIGE

Die dramatische Zwischenkriegszeit 1918 bis 1939 in Europa mit Spielszenen, bislang unveröffentlichtem Original-Filmmaterial und basierend auf Tagebüchern, Briefen und Fotos perfekt in Szene gesetzt. Keine Wissenschaftler aus dem Off – sondern Menschen, ihre Träume und Schicksale zusammengefasst in sehenswerten neuen und alten Bildern, die uns ihre Zeit nahe bringen. Sehenswert!

Krieg der Träume 1918-1939 [3 DVDs]*, 2018, FSK 12

Zurück in den USA droht weiteres Ungemach, denn einflussreiche republikanische Senatoren stemmen sich mit aller Gewalt gegen seine Idee vom Völkerbund, der zukünftig Weltkriege verhindern sollen.

„The president says …“
Die Scharade um Woodrow Wilson

Der schwer angeschlagene Wilson beschließt daraufhin, sich auf eine anstrengende Zugreise durch die Vereinigten Staaten zu begeben, um den Amerikanern seine Vision vom Weltfrieden direkt nahezubringen.

In Wichita, Kansas, ereilt ihn dann in seinem Salonwagen der finale Schlaganfall, der ihn endgültig in die Knie zwingt.

Er überlebt auch diesen Hirnschlag, trägt aber so schwere Schäden davon, dass er ab Herbst 1919 bis zum Ende seiner Amtszeit im März 1921 weitgehend von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden muss.

Es beginnt eine Zeit, die in der Verfassung nicht vorgesehen ist: Die präsidiale Macht übernehmen Wilsons zweite Ehefrau Edith, sein Privatsekretär Joseph Tumulty und sein Leibarzt Cary Grayson, der sich – aus Loyalitätsgründen, wie er sagt –  weigert, Wilson für amtsunfähig zu erklären.

Der Öffentlichkeit wird derweil mitgeteilt, der Präsident leide an Erschöpfungszuständen und sei, wie es in den Statements regelmäßig lapidar heißt, auf dem Weg der Besserung:

„ … So ging die Scharade monatelang weiter. Tumulty, Grayson und Edith kontrollierten den Zugang zu dem Bettlägerigen und trafen Entscheidungen, die eigentlich dem Präsidenten vorbehalten waren. Sie führten seine zitternde, gefühllose Hand bei Unterschriften und versuchten den Eindruck zu erwecken, das Land habe nach wie vor eine funktionierende Administration. Der Schriftverkehr aus dem Weißen Haus begann mit einem stereotypen The president says …
Gelegentlich wurden Besucher in das abgedunkelte Zimmer des Präsidenten geführt, der geringe Lichteinfall wurde vorher jedoch so arrangiert, dass man die verzerrte Gesichtshälfte nicht sehen konnte …“

Aus: Roland D. Gerste, Wie Krankheiten Geschichte machen: Von der Antike bis heute*

Es muss vermutet werden, dass Wilson (oder seine Gattin nebst Privatsekretär und Leibarzt) mit dem Gedanken spielte, für eine – bis dahin nie dagewesene – dritte Amtszeit zu kandidieren, denn in seinem Nachlass fand sich der Entwurf für seine Antrittsrede.

Was auch immer geplant war, es wurde von führenden Demokraten gestoppt.
Die amerikanischen Wähler und  – ab 1920 erstmals auch – Wählerinnen stoppten ihrerseits die Demokraten, indem sie dem republikanischen Kandidaten Warren G. Harding zu einem Erdrutsch-Sieg verhalfen.

Wilsons Nachfolger, Präsident Harding, starb allerdings überraschend 1923.

Sein Begräbnis war der letzte öffentliche Auftritt Wilsons. Ihm blieb noch ein knappes Jahr, bevor er im Februar 1924 im Alter von 67 Jahren endgültig abtrat.

Die Krankenakte Kennedy

Der Vizepräsident schwitzt, was sich vor den Kameras nicht gut macht, und mit seinen dunklen Bartstoppeln sieht er auch immer ein bisschen derangiert aus.

Richard Milhous Nixon, Vizepräsident unter Dwight D. Eisenhower, wird Präsident.

Aber nicht dieses Mal, 1960, das Jahr in dem er den Wahlkampf gegen den zwar jugendlich-frischen, tatsächlich aber schmerzgeplagten Senator John Fitzgerald Kennedy verliert.

Nixons präsidiale Zeit beginnt erst 1969, wobei er fünf Jahre später wegen des Watergate-Skandals noch mehr ins Schwitzen kommen wird.

Erste Fernsehdebatte von Kennedy und Nixon im Wahlkampf 1960
Erste Fernsehdebatte von Kennedy und Nixon im Wahlkampf 1960.
Associated press, Gemeinfrei

Die Leiden des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Kennedy sind groß.

Wenn sein jüngerer Bruder Robert gegenüber Vertrauten witzelte, dass man sich schon in Kennedys Jugend gefragt habe, ob ein Moskito, das ihn sticht, an der Vergiftung durch sein Blut zugrunde gehen würde, verbarg sich dahinter viel kennedy-typischer schwarzer Humor, aber eben auch viel Wahrheit.

Im Gegensatz zu seinen sportlichen Brüdern und Schwestern leidet der 1917 als zweitältester Sohn geborene ‚Jack‘ seit frühster Kindheit unter Allergien, Asthma, Müdigkeit, Durchfällen und häufigen Infekten, vermutlich Symptome eines Reizdarm-Syndroms, das aber weder diagnostiziert noch therapiert worden ist.
(Eine Ausnahme zu den agilen und blitzgescheiten Kindern des Kennedy-Clans ist Jacks‘ jüngere Schwester Rosemary, die geistig leicht behindert ist. Die auf Anordnung des Vaters Joseph P. Kennedy durchgeführte Lobotomie macht sie zum Pflegefall)

ANZEIGE

Nein, etwas völlig Neues bringt diese Mini-Serie nicht, aber sie zeigt sehenswert den Clan, seine Abhängigkeiten, Abgründe und Verstrickungen und natürlich auch den Werdegang und die politischen Entscheidungen, die JFK zu treffen hatte.
Vielleicht gelegentlich etwas weichgespült, aber sehr unterhaltsames Infotainment, mit dem man den Druck, unter dem dieser kranke Präsident stand, besser versteht.
Empfehlenswert! The Kennedys [3 DVDs, deutsch]*, 2012, FSK 12

Zusätzlich hat Kennedy  seit seiner Kindheit Rückenprobleme, die nach einer Football-Verletzung, einer Kriegsverletzung und drei schweren Rückenoperationen, die ihn fast das Leben kosten, immer schlimmer werden.

Er trägt ein Stützkorsett, orthopädische Schuhe und nimmt bis zu fünf Mal am Tag heiße Bäder, um seine Rückenschmerzen in irgendeiner Form aushalten zu können.

1949 wird bei ihm die  Addisonsche Krankheit (Morbus Addinson, Cushing-Syndrom) diagnostiziert, eine selten auftretende Krankheit, bei der die Nebennieren-Rinden nach und nach die Produktion der überlebenswichtigen Steroid-Hormone Cortisol und Aldosteron einstellen.

Typische Anzeichen dieser Krankheit sind neben rascher Ermüdbarkeit, Appetitlosigkeit, Blutdruckabfall und Muskelschwäche auch die Braunfärbung der Haut, weshalb sie auch Bronzehauterkrankung genannt wird.

Ohne Therapie verläuft Morbus Addison tödlich, da der gesamte Stoffwechsel durcheinander gerät. Glücklicherweise war es kurz vor Kennedys schrecklicher Diagnose gelungen, Steroide künstlich herzustellen.

Kennedys Leben wird durch die Gabe künstlicher Hormone gerettet, allerdings konnte man zu dieser Zeit weder die Dosierung noch mögliche Nebenwirkungen abschätzen.

Die dauerhaft hohe Cortisol-Dosierung schädigt den Knochenstoffwechsel – Kennedy erkrankt zusätzlich an Osteoporose, die sein Rückenleiden noch schlimmer macht.
(Ob Kennedys Verlangen nach Sex – zurückhaltend formuliert – auch etwas mit der Steroid-Gabe zu tun hat, ist nicht bekannt.
Tatsache ist, dass er schon in jungen Jahren nichts hatte anbrennen lassen, was ihm leicht fällt, denn er ist einfach der Typ, der bei Frauen gut ankommt: „
Die Wirkung, die er auf weibliche Wähler hat, ist geradezu unanständig“, schreibt beispielsweise die New York Times. Entweder wollen sie ihn heiraten oder bemuttern.)

John F. Kennedy (1963) Von Cecil Stoughton, White House
John F. Kennedy (1963) Von Cecil Stoughton, White House. Gemeinfrei

Fit mit Amphetaminen und Schafsplazenta

Zwar gibt es bereits im Präsidentschaftswahlkampf 1960 Gerüchte, dass der Kandidat nicht ganz gesund sei, aber es gelingt Kennedy und seinen Beratern, die Zweifel zu zerstreuen – ebenso wie es ihm gelungen ist, 1941 als Freiwilliger in die US Army einzutreten, obwohl die zunächst wegen seines schlechten Gesundheitszustandes abgewinkt hat.

„ … Sein Rivale im Lager der Demokraten, sein späterer Vizepräsident und Nachfolger Lyndon B. Johnson, machte zwar Bemerkungen über den (in seiner Diktion) gelbgesichtigen Burschen, hängte Kennedys Gesundheitszustand indes nicht an die große Glocke. Kennedys Biograf Robert Dallek jedenfalls dürfte mit seiner Einschätzung recht haben, dass Kennedy sich seine Hoffnung auf die Präsidentschaft wahrscheinlich hätte abschminken können, wenn das ganze Ausmaß seiner gesundheitlichen Probleme zu seinen Lebzeiten bekannt geworden wäre …“

Aus: Roland D. Gerste, Wie Krankheiten Geschichte machen: Von der Antike bis heute*

In der Öffentlichkeit nicht gut angekommen wäre auf jeden Fall, dass er während seiner Präsidentschaft die Dienste des deutschstämmigen Arztes Max Jacobson (1900–1979) alias „Dr. Feelgood“ häufig in Anspruch nimmt, der ihm mit einer Mixtur aus Amphetaminen und Schafsplazenta wieder fit spritzt, wenn es ihm besonders schlecht geht.

Haben Kennedys Erkrankungen seine Präsidentschaft beeinflusst?

Obwohl mit ihm in den USA ein neues Zeitalter anzubrechen schien, eine Art Camelot, wie es Kennedys Witwe Jackie später beschrieben hat, gilt er bei den meisten Historikern als mittelmäßiger bis schwacher Präsident.

Das amerikanische Fiasko in der Schweinebucht, der Bau der Berliner Mauer 1961, die Kuba-Krise im Oktober 1962, die die Welt an den Rand eines Atomkriegs bringt, markieren die Zeit seiner Präsidentschaft.

Hätte ein gesünderer Präsident sie verhindern können oder besser gemeistert?

ANZEIGE

Die Kuba-Krise: 13 Tage im Oktober 1962,
in denen die Welt am Abgrund eines 3. Weltkriegs mit Atomwaffen stand.
Kein Film für schwache Nerven, denn das, was in diesem Polit-Thriller spannend und mit tollen Schauspielern erzählt wird, hat sich historisch weitgehend so zugetragen.
Empfehlenswert!
Thirteen Days (3 Einzel DVDs, deutsch)*, 2005, FSK 12

In jedem Fall scheint die besondere Tragik seiner Krankheiten zu sein, dass er auch an jenem 22. November 1963 in Dallas ein Stützkorsett für seinen kranken Rücken unter dem Hemd trägt.

Das Korsett verhindert, so die Vermutung, dass er nach dem ersten, nicht tödlichen Schuss schnell genug in Deckung gehen kann und ihn der zweite, tödliche Schuss aufrecht sitzend trifft.

Die einzige Angst ist die Angst selbst

In vielen weltpolitisch entscheidenden Momenten saßen kranke Männer im Weißen Haus.

Es kann nur darüber spekuliert werden, ob – und wenn ja: inwieweit – ihre Erkrankungen den Lauf der Geschichte beeinflusst haben.

Zumindest in einem Fall scheint sich die Krankheit eines Präsidenten positiv auf seine Präsidentschaft ausgewirkt zu haben, und das war die Kinderlähmung (Polymyelitis), an der Franklin D. Roosevelt im Alter von 39 Jahren erkrankte und aus ihm, einem arroganten jungen Mann aus reichem Haus, einen Politiker von Weltrang formte.

Nachdem er sich im August 1921 vermutlich beim Besuch eines Sommerlagers der Boy Scouts infiziert hatte, lag er monatelang mit hohem Fieber und unerträglichen Schmerzen in verschiedenen Kliniken.

Seine Karriere als Politiker, die unter Präsident Wilson bereits Fahrt aufgenommen hatte, schien beendet zu sein.

Doch Roosevelt erholt sich von seinem Schicksalsschlag.

Zwar bleiben seine Beine für immer gelähmt und er konnte sich zeitlebens nur im Rollstuhl oder mit Hilfe eines 50 Kilogramm schweren Stützkorsett fortbewegen, aber seine politische Arbeit nimmt er wieder auf und gibt ihr eine neue Richtung.

Er strahlt dabei so viel Optimismus und Zuversicht aus, dass ihn die von der Weltwirtschaftskrise schwer getroffenen Amerikaner und Amerikanerinnen im November 1932 mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten wählen.

Ein Patentrezept zur Überwindung der Krisen im Laufe seiner 4 Amtsperioden – der Börsencrash 1929 und seine katastrophale Folgen, das Erstarken von Nationalismus und Faschismus diesseits und jenseits des Atlantiks und schließlich der 2. Weltkrieg – hat er nicht.

Aber er besitzt das psychologische Geschick, um Menschen Hoffnung zu geben, und die Empathie, um diese Hoffnungen nicht zu enttäuschen.

Ein Schulspeisungsprogramm gegen die Unterernährung von Kindern war im Rahmen des "New Deal" eine der Maßnahmen zur Linderung der Not
Ein Schulspeisungsprogramm gegen die Unterernährung von Kindern war im Rahmen des „New Deal“ eine der Maßnahmen zur Linderung der Not

The only thing we have to fear is fear itself, sagt er in seiner Inaugurationsrede im März 1933. Den meisten seiner Wählerinnen und Wähler ist in den kommenden 12 Jahren nicht einmal bewusst, dass ihr Präsident eigentlich – nach damaligen Verständnis – ein „cripple“ ist, der selbst schon einmal Hölle und zurück hinter sich hat.

Roosevelts Krankheiten konnten auch verschleiert werden, weil die Kameras der Wochenschauen und Pressefotografen taktvoll wegsahen, wenn er sich, gestützt auf Helfer oder seine Söhne, zu einem Rednerpult schleppte.

Eine präsidiale Welt ohne sensationsheischende Presse, ohne soziale Medien, ohne Enthüllungsjournalismus – und ohne ‚fake news‘ – kann manchmal ein Segen sein.
Manchmal aber auch ein Fluch.  

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2020 (überarbeitet 2022)

Lesen Sie im nächsten Beitrag: In Deutschland ist sie kaum bekannt, in den USA dagegen hochverehrt: Eleanore Roosevelt, die Ehefrau von Franklin D. Roosevelt. Sie ist keine typische Politiker-Gattin, sondern macht sich als Politikerin und Aktivistin für Frauenrechte und die schwarze Bürgerrechtsbewegung einen eigenen Namen.
Über Eleanore Roosevelts nicht ganz einfaches Leben:
Die Zukunft gehört denen, die an ihre Träume glauben

Buch- und Filmempfehlungen:

Die mit * gekennzeichneten Links sind sogenannte Affilate-Links, die helfen, den Blog Generationengespräch zu finanzieren. Wenn Ihnen eine der angegebenen Empfehlungen gefällt und Sie das Buch (oder ein anderes Produkt) über diesen Link bestellen, erhält der Blog dafür eine kleine Provision, ohne dass für Sie Mehrkosten entstehen. Für Ihren Klick: Herzlichen Dank im Voraus!

Ein sehr empfehlenswertes Buch des Führungskräfte-Coaches Peter Modler, in dem er u.a. sehr gekonnt die Fernsehduelle zwischen Trump und Hillary Clinton im Präsidentschaftswahlkampf 2016 zerpflückt. Kaum zu fassen, dass ein Profi wie Clinton Trumps Kasperl-Theater nicht durchschaut und gestoppt hat – und ein Millionenpublikum dem Kasper folgte. Ein Lehrstück – und auch empfehlenswert, wenn man gerade keinen Wahlkampf zu bestreiten hat.
Peter Modler: Mit Ignoranten sprechen: Wer nur argumentiert, verliert*, Campus Verlag, 2019

Die USA auf dem Weg zur Weltmacht.
Bill Bryson in seinem bemerkenswerten Buch wie immer spannend und informativ über Hochwasser und Politik, Charles Lindbergh, das Kino, die Mafia, Einwanderer, Präsidenten und den Grundstein der Weltwirtschaftskrise 1929. Ein dickes Buch (640 Seiten) voller Geschichte und Geschichten, das sich liest wie ein Roman. Lesenswert!
Bill Bryson: Sommer 1927*, Wilhelm Goldmann Verlag, München, Taschenbuchausgabe April 2016

Die großen Seuchen, aber auch die Krankheiten der Mächtigen
haben Geschichte geschrieben.
Medizinhistoriker Gerste schreibt faktenreich und amüsant wie Krankheiten Weltgeschichte gemacht – oder zumindest beeinflusst – haben. Ein großartiges Buch und sehr lesenswert für alle, die sich für Geschichte interessieren.

Roland D. Gerste, Wie Krankheiten Geschichte machen: Von der Antike bis heute*, Klett-Cotta, 2019

Oliver Stones‘ Meisterwerk
über die Suche des Staatsanwalts Jim Garrison (Kevin Costner) nach dem wahren Mörder von John F. Kennedy ist einer der besten Polit-Thriller aller Zeiten – nach wie vor absolut sehenswert und spannend. Nicht zuletzt, weil sich die Besetzungsliste bis in die kleineste Nebenrolle liest wie das „Who-is -who“ Hollywoods in den frühen Neunzigern.
Sehr empfehlenswert: der Director’s Cut aus dem Jahr 2013.

Oliver Stone (Regie), JFK – Tatort Dallas (Director’s Cut)*, 20th Century Fox, 2013, FSK: 12

Die 90 spannendsten Kapitel des beliebten Podcasts „Eine Stunde History“ von Deutschlandfunk-Nova zusammengefasst in einem Buch zum Blättern und Schmökern.Am Ende jedes Kapitels verweist ein QR-Code auf den jeweiligen Podcast, so dass man bei Bedarf das jeweilige Thema nachhören und vertiefen kann. Ein spannendes Format und ein spannendes Buch – sehr lesens- und hörenswert!
Matthias von Hellfeld, Markus Dichmann, Meike Rosenplänter, History für Eilige: Alles, was man über Geschichte muss* Verlag Herder, 2020

Weiterführende Beiträge:

2. Weltkrieg: Dass Hitler den 2. Weltkrieg will, ist den meisten nicht klar.
Seinen Wahn vom “Lebensraum” kann zwar jeder in „Mein Kampf“ nachlesen, aber fast niemand glaubt das, was da zu lesen ist. Eine Chronik des fürchterlichsten Krieges in der Weltgeschichte.
Der 2. Weltkrieg: Kriegsende – Zusammenbruch – Befreiung

Stalin: Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet der sonst bis an die Grenze zur Paranoia misstrauische Stalin die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Er kann sich nicht vorstellen, dass Hitler und seine Generäle einen Zweifrontenkrieg wagen würden und droht, dass Köpfe rollen würden, falls ohne seine Erlaubnis die Rote Armee in Marsch gesetzt wird.
Wer war eigentlich Stalin? Teil 3

Der 1. Weltkrieg: Verdun ist eine kleine Stadt ohne große Bedeutung. Eigentlich ist sie kaum der Rede wert. Doch dann beginnt am Morgen des 21. Februar 1916 die deutsche Operation „Gericht“ und lässt die beschauliche Kleinstadt Verdun – wie 27 Jahre später auch Stalingrad – zum Synonym für die Grausamkeit und Sinnlosigkeit von Kriegen werden.
Vor 100 Jahren: Die Hölle von Verdun

Pandemie: Mit einem Truppentransporter reist ein neuartiges Influenza-Virus aus den USA zu den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs, verbreitet sich in rasender Geschwindigkeit und sorgt 1918 und 1919 für millionenfachen Tod rund um den Globus.
Das große Sterben: Die Spanische Grippe 1918/19

Lebensqualität & Vitalität: Man kann wegsehen und weghören – aber wegriechen kann man nicht. Wie Düfte unsere Erinnerungen und Emotionen beeinflussen und wie man sie umgekehrt für mehr Wohlbefinden und Vitalität nutzen kann.
Die Kraft der feinen Düfte

Was war eigentlich in den letzten 300 Jahren los? Ein Überblick über Biografien, Geschichte und Geschichten, die unsere Welt zu dem gemacht haben, die sie heute ist.
Das Generationengespräch: Geschichte(n) im Überblick

Weiterführende Links:

Die US-Präsidenten und ihre Krankheiten – zusammengefasst in einem spannenden Artikel:
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46106741.html

Bildnachweise:

Churchill, Roosevelt, und Stalin auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945, 2 Monate vor Roosevelts Tod. By US government photographer – This media is available in the holdings of the National Archives and Records Administration, cataloged under the National Archives Identifier (NAID) 531340., Public Domain
Franklin D. Roosevelt (sitzend) und George W. Norris (vorne rechts) bei der Gründung der Tennessee Valley Authority (1933) Von Tennessee Valley Authority, Gemeinfrei
United States President Franklin D. Roosevelt signs the TVA Act, which established the Tennessee Valley Authority. Senator George Norris is on the far right.
Woodrow Wilson (1919) Gemeinfrei
Photo of John F. Kennedy and Richard Nixon taken prior to their first debate at WBBM-TV in Chicago in 1960, Autor: Associated Press, gemeinfrei
Original caption: „(DEB15) CHICAGO, Sept. 26–STARS OF CAMPAIGN DEBATE–Presidential candi­dates Sen. John Kennedy and Vice President Richard Nixon pose tonight following their debate at a Chicago television studio (AP Wirephoto)(rj22310stf)1960
John F. Kennedy (1963) Von Cecil Stoughton, White House, Gemeinfrei
New Deal: Ein Schulspeisungsprogramm gegen die Unterernährung von Kindern war eine der Maßnahmen zur Linderung der Not
Von Uncredited photographer – 1=53227(1771), 00/00/1936, Surplus Commodities: School Lunch Programs, 27-0845a.gifFranklin D. Roosevelt Presidential Library and Museum, Gemeinfrei

Geschichte und Psychologie Vergangenheit verstehen um mit der Zukunft besser klar zu kommen
Geschichte & Psychologie:

Vergangenes verstehen,
um mit der Zukunft besser klar zu kommen.

Ich bringe mit meinem Team Lebens-, Familien- und Unternehmensgeschichten ins Buch und schreibe als Ghostwriterin Bücher mit den Schwerpunkten Geschichte und Psychologie.

Weitere Informationen:
Über uns * Geschenke made for Mama * Facebook * XING * Pinterest
Kontakt * Datenschutz * Impressum

299580cookie-checkAmerikas kranke Präsidenten – die schwachen Seiten der Männer im Weißen Haus

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Scroll to Top