Appeasement: Hitler und die Briten
Ab Mitte der 1930er Jahren wirbt der „Führer“ für ein deutsch-britisches Bündnis — und ganz abgeneigt ist man zumindest in Teilen der britischen Upperclass nicht.
Über blaublütige Hitler-Fans in Großbritannien, die britische Appeasement Politik und weshalb Beschwichtigung meistens nicht die beste Antwort auf Erpressung ist.

Hitlers Werben um Großbritannien: Pilgerreisen und ein britischer Ex-König
Das britische Establishment hat in den 1930er Jahren große Schwierigkeiten, eine passende Haltung zum Dritten Reich zu finden.
Das liegt unter anderem auch an Hitlers Charme-Offensive, denn nach der „Machtergreifung“ wirbt er hartnäckig für ein umfassendes deutsch-britisches Bündnis. Die britische Oberschicht – und nur die – ist in seinem Weltbild dem deutschen „Herrenmenschen“ „rassisch“ ebenbürtig.
Ab dem Jahr 1934 finden sogenannte „Pilgerreisen“ statt, britische Adlige, Politiker, Journalisten und Industrielle bereisen auf Einladung des braunen Regimes das nationalsozialistische Deutschland.
In Berlin und auf dem Obersalzberg werden sie vom „Führer” persönlich empfangen, umschmeichelt und hofiert, um sie für seine Bündnis-Idee zu erwärmen.

Der Berghof Photo of the Berghof from a tourist.
Tillmann Vogt, 22 September 1936, Tillmann Vogt, CCBY-SA 4.0
Auf der Insel scheint man zumindest in Teilen der Upperclass nicht völlig abgeneigt zu sein.
Einer der prominentesten blaublütigen Hitler-Fans ist der britische Kurzzeit-König Edward VIII., Urenkel von Queen Victoria und Prinz Albert und ein Onkel der 2021 verstorbenen Queen Elizabeth II.
Gemeinsam mit Gattin Wallis Simpson besucht er 1937 als Duke of Windsor den Berghof.
Zwar findet die Reise erst nach seiner Abdankung als König im Dezember 1936 statt, ein Politikum ist sie trotzdem.
Der Duke und die Duchess of Windsor und das “Dritte Reich”
Die königlichen Familie zuhause in Großbritannien ist not amused und findet Edwards Besuch bei Hitler in etwa so hilfreich wie seine Hochzeit mit Wallis.
Nämlich gar nicht.
Schon gar nicht, weil sich das Paar neben dem „Führer“ stehend auch noch mit zum „Hitlergruß“ erhobenen Armen fotografieren lässt.

Zum Tee bei Herrn Hitler: Der Herzog und die Herzogin von Windsor zu Besuch bei Hitler auf dem Berghof, Oktober 1937
Doch Edwards Schwärmerei für den Faschismus ist möglicherweise viel mehr als eine ärgerliche Anekdote in der an ärgerlichen Anekdoten reichen Geschichte des britischen Königshauses.
In einem 227 Seiten umfassenden Bericht, den das FBI im Auftrag Roosevelts 1941 bei einem Besuch des Dukes und der Duchesse in Florida anfertigt, ist von großen Sympathien des herzoglichen Paars für Hitler und das Dritte Reich die Rede, aber auch von Konspiration und Verrat.
Edward, so heißt es, habe seine erzwungene Abdankung 1936 nie verwunden und fühle sich als verstoßener Paria der königlichen Familie.
Er wäre gerne trotz seiner Hochzeit mit Wallis — einer undurchsichtigen und außerdem zweifach geschiedenen Amerikanerin — König geblieben und hat sich keineswegs damit abgefunden, dass er abdanken und mit seiner Braut sogar das Land verlassen musste.
Das Verhältnis zu den Royals ist seitdem mehr als angespannt: Seine Schwägerin Elizabeth Bowes-Lyon, besser bekannt als fröhliche und Gin-trinkende „Queen Mum”, sprach über Wallis beispielsweise zeitlebens nur von „dieser Frau“.
Nach dem Sieg des Dritten Reichs über England, so wird kolportiert, wäre Edward gerne als König von Hitlers Gnaden auf den britischen Thron zurückgekehrt.
Faschismus als europaweiter Kult — auch in Großbritannien: Hail Mosley! Der britische Flirt mit dem Nationalsozialismus
Inwieweit er sich tatsächlich auf so einen Deal eingelassen hätte, weiß niemand.
Auch nicht, ob er Äußerungen wie: It would be a tragic thing for the world if Hitler was overthrown („Es wäre eine Tragödie für die Welt, wenn Hitler gestürzt würde“), von sich gegeben hat.
„Something must be done“
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Edward ein „moderner König“ sein wollte, wie er in einem BBC-Interview 1969, drei Jahre vor seinem Tod, sagt.
Gemeinsam mit Wallis führt er zwar ein luxuriöses Jet-Set Leben, aber die Belange der Ärmsten und sozial Benachteiligten waren ihm wohl nicht egal.
Während seiner kurzen ungekrönten Regentschaft besucht er die Slums von London und die Kohleminen in Südwales, wo er sieht, unter welchen prekären und oft menschenunwürdigen Bedingungen ein großer Teil seiner Untertanen leben und arbeiten.
Bei einem dieser Besuche entfährt ihm ein „Something must be done“ („Es muss etwas getan werden“), eine Bemerkung, die einem britischen König eigentlich nicht zusteht.
Die konservative Regierung ist zutiefst besorgt und man fürchtet, dass Edward sich in die Politik des Landes einmischen könnte, statt sein Amt als König wie es sich gehört neutral als konstitutioneller Monarch auszuführen.
War Edward VIII. ein Verräter – oder ein verhinderter Erneuerer?
Denn genau das — Erneuerung — ist die Idee, die den Faschismus in den 1930er Jahren für viele so anziehend macht.
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Ken Folletts spannende Familien-Saga
“Winter der Welt” ist der zweite Teil der Jahrhundert-Trilogie, in der sehr spannend der Weg in den Abgrund des 2. Weltkriegs, aber auch politische und gesellschaftliche Verhältnisse geschildert werden.
Zeitgeschichte sehr anschaulich in einem lesens- bzw. hörenswerten Roman verpackt!
Die britische Appeasement-Politik
Dass Großbritannien viele Jahre lang die Augen zudrückt, wegsieht und hofft, den „Führer“ irgendwie beschwichtigen zu können, indem man ihm gibt, was er verlangt, beruht keineswegs auf einer naiven Fehleinschätzung der wahren Absichten Hitlers.
Appeasement gegenüber den immer maßloser werdenden Forderungen des „Führers“ hat vor allem ein Ziel: Einen neuen Krieg verhindern, koste es, was es wolle.
Denn auch die Briten sind kriegsmüde und haben das Trauma des 1. Weltkriegs noch längst nicht überwunden.
Großbritanniens einst stolze Flotte und die britischen Streitkräfte sind in einem erbärmlichen Zustand. Und auch die Staaten des Empire wie Indien wollen auf gar keinen Fall in einen neuen bewaffneten Konflikt hineingezogen werden; viele kämpfen stattdessen für ihre Unabhängigkeit.
Das britische Mutterland befindet sich Mitte der 1930er Jahre wie der Rest der Welt immer noch im Würgegriff von Deflation, Massenarbeitslosigkeit und bitterer Armut in weiten Teilen der britischen Klassengesellschaft.

“Auch ich sage jetzt: Heil Hitler!“
Der ehemalige britische Premierminister David Lloyd George nach einer “Pilgerreise” auf Hitlers Berghof
Viele blicken nach der „Machtergreifung” 1933 durchaus voller Bewunderung und manchmal auch neidisch auf die scheinbar aufblühende Volksgemeinschaft in Hitlers Deutschland.
Auch in Großbritannien
Das Dritte Reich dagegen scheint sich nach Hitlers Machtergreifung 1933 wirtschaftlich wie ein Phönix aus der Asche zu erheben.
Was niemand sieht (oder sehen will), ist, dass das deutsche Wirtschaftswunder nichts anderes als die heraufziehende Götterdämmerung eines neuen Weltkrieges ist.
Mit Zuckerbrot und Peitsche: Wie Hitler die Welt erpresste
Unter dem Deckmäntelchen von Autobahnbau und „Arbeitsschlachten“, glücklichen Volksgenossen und Vollbeschäftigung wird im “Dritten Reich” nach der Machtergreifung die Rüstungsindustrie hochgefahren und die Staatsverschuldung in schwindelerregende Höhen geschraubt.
Was so gut wie niemand weiß: Deutschlands Wirtschaftswunder ist auf ungedeckten Mefo-Wechseln und heimlichen Kriegsvorbereitungen gebaut.
Ökonomisch steht Deutschland ab 1936 mit dem Rücken an der Wand. Um die Staatspleite abzuwenden, gibt es in Hitlers Augen nur einen Ausweg.
Volksgemeinschaft statt Butter, Volkswagen und Autarkie: Deutschland 1937: Der Weg in den Zweiten Weltkrieg
Im November 1937 findet in der Reichskanzlei in Berlin eine Geheimkonferenz statt, bei der es eigentlich um die Verteilung der knappen Rohstoffe gehen soll.
Aber Hitler kommt in Fahrt und erklärt in einem vierstündigen Monolog seine außenpolitischen Ziele: Krieg.
Für ihn gibt es kein Zurück mehr.
Hitler hat leichtes Spiel: Dank Appeasement und einer bemerkenswerten Uneinigkeit unter den Mächten des Versailler Vertrags stößt er nur auf wenig Widerstand.
Den Rest erledigt man mit Erpressung und politischen Nadelstichen.
„Der Weg zur Hölle, sagt das Sprichwort, ist mit guten Vorsätzen gepflastert.
Freundlicher lässt sich nicht bewerten, wie die westlichen Demokratien versuchen, mit Hitler umzugehen. Ihre fehlgeleiteten Versuche, Deutschlands expansionistischen Drang entgegenzutreten, verschafften Hitler die Möglichkeit, Ereignisse zu diktieren, auf die sie nur kraftlos reagieren konnten.
Auf ihre Zugeständnisse antwortete er wie ein Erpresser, er verlangte mehr. Das übrige Europa schaute immer ängstlicher zu. Überall wurden Vorbereitungen auf einen Krieg getroffen, der sehr gefürchtet, doch mehr erwartet wurde.“
Aus: Ian Kershaw, Höllensturz: Europa 1914 bis 1949*
März 1935: Aufrüstung und Wiedereinführung der Wehrpflicht
Ein erster außenpolitischer Schritt, um das “Reich” zu “alter Größe” zu führen, ist die Volksabstimmung am 13. Januar 1935, in dem sich die Saarländer für einen Verbleib beim Deutschen Reich entscheiden.
Die Abstimmung entspricht dem Versailler Vertrag.
Zwei Monate später verkündet Hermann Göring in seiner Eigenschaft als Reichsminister für Luftfahrt, dass man sich nicht mehr an das Verbot einer eigenen deutschen Luftwaffe zu halten gedenke und räumt ein, dass bereits über 800 deutsche Kampfflugzeuge in den Hangars der Wehrmacht stehen.
Laut dem Versailler Vertrag dürfte Deutschland kein einziges besitzen.

Flugzeug Junkers Ju 88, Bau, Fotograf unbekannt, Bundesarchiv, Bild 146‑1976-097–22 / CC-BY-SA 3.0,
Original-Bildunterschrift: Der Einflieger erprobt “V I” Die neue Flugzeugtype hat alle Gewaltproben, die ihr der Einflieger zumuten musste, überstanden und sich als volltauglich erwiesen. Die Fabrikation in Großserie kann erfolgen. Flugzeug um Flugzeug verläßt täglich die großen Werke, um dem Feind immer von neuem zu zeigen, daß er mit einem Geringerwerden des deutschen Rüstungspotentials nicht zu rechnen hat.
Als die erwarteten internationalen Proteste eher als vereinzelte Protestchen ausfallen, kündigt Hitler eine Woche später, am 16. März 1935, die Wiedereinführung der ebenfalls im Versailler Vertrag verbotenen allgemeinen Wehrpflicht an.
- Aus der Berufsarmee mit 115.000 Soldaten soll das neue deutsche “Friedensheer” aus 36 Divisionen mit insgesamt 580.000 Soldaten entstehen — und 1939 kriegsfähig sein, so die interne Beschlussvorlage des “Führers”, die im Ausland selbstverständlich nicht bekannt ist.
Juni 1935: Deutsch-britisches Flottenabkommen
Im Juni 1935 einigen sich das “Reich” und Großbritannien auf das britisch-deutsche Flottenabkommen, dass die Tonnage der deutschen Kriegsmarine auf 35 Prozent der britischen festlegt.
Für die deutsche Kriegsmarine bedeutet das Abkommen eine Verdreifachung der bislang erlaubten Quote von 144.000 auf 420.000 Tonnen.
Ein klarer Bruch des Versailler Vertrags — und ein Affront gegen Frankreich, denn die deutsche Kriegsmarine hat nun dank der Briten ganz offiziell die Genehmigung, fast auf die Stärke der französischen Marine aufzurüsten.
- Für Großbritannien bedeutet das Abkommen Entspannung für die angespannte Haushaltslage, denn ein ruinöses Wettrüsten mit den Deutschen kann und will man sich nicht leisten; für Frankreich ist es eine Zunahme der Bedrohung durch Deutschland.
Die französische Volksfrontregierung aus Sozialisten und Kommunisten verärgert die Briten im Mai 1935 ihrerseits mit einem Beistandsabkommen mit der international nach wie vor geächteten Sowjetunion, in dem sich beide Nationen verpflichten, der anderen zur Hilfe zu kommen, sollte sie angegriffen werden.
1936: “Operation Winterübung”
Als nach der Verkündung der Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland und der Wiederaufrüstung 1936 klar wird, dass Mussolini Frankreich und Großbritannien nicht gegen Deutschland unterstützen würde, lässt Hitler nur wenige Monate vor Beginn der Olympischen Sommerspielen in Berlin seine Truppen ins entmilitarisierte Rheinland einmarschieren.
Ein riskantes Vabanque-Spiel, das der “Führer” in den kommenden Jahren noch öfter zu spielen gedenkt.
Für Frankreich ist die Besetzung der entmilitarisierten Zone ein Kriegsgrund, für Großbritannien nicht.
Der einflussreiche britische Appeasement-Politiker Lord Lothian vertritt die Meinung, die Deutschen gingen ja „nur in ihren eigenen Hintergarten“. Viele seiner Landsleute stimmen ihm zu.
Um das nach dem Flottenabkommen bessere Verhältnis zum “Reich” nicht zu gefährden und wegen der verbreiteten Antikriegsstimmung in der Bevölkerung, nimmt Großbritannien den Einmarsch Deutschlands in seinen „Hintergarten“ hin. Paris, London und der von ihnen alarmierte Völkerbund können sich nicht einmal auf Wirtschaftssanktionen einigen.
“Wären die Franzosen damals ins Rheinland eingerückt”, wird Hitler später sagen, “dann hätten wir uns mit Schimpf und Schande wieder zurückziehen müssen”.
August 1936: “Feuerzauber”
Am zweiten Tag der Olympischen Spiele in Berlin 1936 setzt Hitler seine Truppe wieder in Marsch; dieses Mal per Geheimbefehl und verdeckt, um den putschenden spanischen General Francisco Franco aus der Klemme zu helfen.
Mussolini schickt 80.000 Soldaten für Franco, Hitler Kampfflugzeuge und die Legion Condor, Stalin Waffen, “Berater” und Freiwillige gegen die Putischsten.
Die Welt zu Gast bei Freunden? 1936: Das Jahr des Scheiterns
Der Spanische Bürgerkrieg, der erste Stellvertreter-Krieg gegen eine faschistische Diktatur, entbrennt.
Großbritannien entscheidet sich dagegen, der legitimen und gewählten republikanischen Regierung in Madrid gegen Franco zur Hilfe zu kommen, Frankreich schließt sich der britischen Entscheidung an.
März 1938: Der Anschluss Österreichs
Der „Anschluss Österreichs“ im März 1938, ebenfalls ein Bruch des Versailler Vertrags, wird wegen der nicht vorhandenen österreichischen Gegenwehr als innere Angelegenheit des Deutschen Reichs nach den üblichen Protestnoten achselzuckend zur Seite gelegt.
Sommer 1938: Die „Sudetenkrise”
Im Sommer 1938 heizt Hitler mit Hilfe seiner Marionette Konrad Henlein die „Sudetenkrise“ an.
Der „Fall Grün“, Hitlers unabänderlicher Entschluss, die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit durch eine militärische Aktion zu zerschlagen – möglichst ohne Konflikt mit Großbritannien – liegt seit dem 30. Mai 1938 auf dem Tisch und soll am 1. Oktober von der Wehrmacht vollzogen werden.
Heim ins Reich: Biedermann oder Brandstifter: Konrad Henlein
Als sich die Krise zuspitzt, besteigt der fast 70jährige britische Premier Neville Chamberlain in dunklem Gehrock und dem unvermeidlichen Regenschirm das erste Mal in seinem Leben ein Flugzeug und reist nach Deutschland zu Hitler auf den Obersalzberg.
Nach einigem Hin und Her verständigt man sich schließlich im „Münchener Abkommen“ ohne Beteiligung eines tschechoslowakischen Vertreters auf die Amputation der Tschechoslowakei: Deutschland erhält rund 20 Prozent ihrer Fläche, weitaus mehr als das Sudetenland, die Wehrmacht rückt am 1. Oktober 1938 ein.
Dies sei nun die letzte Forderung, die er zu stellen habe, behauptet Hitler. Die Deutschen und die ganze Welt atmen auf, der Frieden scheint jetzt ein für alle Mal gerettet zu sein.
„… Daladier schlug erwartungsvoll den Mantelkragen hoch, als er in Paris aus dem Flughafengebäude schritt, wegen möglicher Eierwerfer. Doch starker Beifall kam auf. »Die Idioten«, zischte der französische Regierungschef zu einem Begleiter.“
Aus: SPIEGEL Politik: Der Griff nach dem letzten Grasbüschel
März 1939: „Zerschlagung der Rest-Tschechei”
Der Frieden ist mit dem Münchener Abkommen 1938 keineswegs gerettet.
Schon ein halbes Jahr später beginnt der „Führer“ nach altbekanntem Muster mit seinem nächsten Coup — inklusive Kriegsandrohung: Die „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ im März 1939.
Nach der völkerrechtswidrigen Besetzung Prags kommt die britische Nachgiebigkeit erstmals ins Wanken.
Auch in der britischen und französischen Bevölkerung ändert sich die Stimmung und viele Briten und Franzosen sind nicht mehr bereit, jeden Preis für den Frieden zu bezahlen.
Kaum ist die Tschechoslowakei endgültig zerstört, will Hitler die freie Stadt Danzig, die überwiegend von Deutschen bewohnt wird und seit dem 1. Weltkrieg unter dem Schutz des Völkerbunds steht, “Heim ins Reich” holen.
Außerdem soll der„Korridor”, die extraterritoriale Verbindung zwischen dem Reichsgebiet und Westpreußen durch polnisches Staatsgebiet, abgeschafft werden.
Es ist eine Forderung zuviel; Großbritannien und Frankreich geben Polen eine Garantie für seine Unabhängigkeit und Unversehrtheit.
Edward VIII. und Wallis Simpson: Vom Ex-König zur fünften Kolonne?
Nachdem Großbritannien dem “Dritten Reich” am 3. September 1939 den Krieg erklärt hat, werden der Duke und die Duchess of Windsor nach Großbritannien zurückbeordert.
Ihre Rückkehr in die alte Heimat wird zum Desaster.
Nach nur drei Wochen flüchtet das Herzogpaar zurück in seine Villa nach Südfrankreich, nicht zuletzt weil Wallis — „diese Frau“ — von der königlichen Familie weiterhin mehr ertragen als herzlich empfangen wird.
Die Missachtung seiner Frau bestimmt Edwards Leben.
Seit ihrer Hochzeit kämpft er um ihren königlichen Status. Die Royals verweigern ihn.
Nur Hitlers Deutschland war diesem Wunsch nachgekommen und hatte Wallis bei ihrem Besuch in Deutschland 1937 wie eine Königin empfangen.
“Ich werde nach England zurückkehren …
und die Sache bis zum bitteren Ende ausfechten”, soll Wallis Simpson kurz nach der Abdankung ihres zukünftigen Ehemanns Edward VIII. gesagt haben.
Wer war diese Frau, die unbedingt Königin werden wollte?
Eine spannende Biografie und ein Blick hinter die Kulissen einer der “größten Liebesgeschichten” aller Zeiten:
Als die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 Frankreich überfällt und große Teile des Landes besetzt, weilt das Herzogpaar noch immer in Südfrankreich.
Nach einer strapaziösen Flucht gelangen sie schließlich nach Portugal, von wo aus, so Edwards Hoffnung, eine Weiterreise nach Großbritannien möglich sein sollte.
Doch Edwards kleiner Bruder, König George VI., verweigert ihnen die Rückkehr.
Stattdessen beauftragt er den neuen britischen Premier Winston Churchill, seinem Bruder den Posten als Gouverneur und Oberbefehlshaber der kleinen britischen Kolonie Bahamas anzubieten, einer der verschlafensten Winkel des britschen Empires.
Edward empfindet dieses Angebot — zurecht — als Affront.
Da er nicht geneigt ist, Gouverneur einer „drittklassigen britischen Kolonie“ (Edward) zu werden, lässt sich das herzogliche Paar in einem Badeort nördlich von Lissabon nieder und wohnt in einer Villa, die dem als Nazi-Sympathisant bekannten portugiesischen Bankier Santo Silva gehört.
Im Sommer 1940, als Großbritannien als alleiniger Kriegsgegner Nazi-Deutschlands mit dem Rücken zur Wand steht und sogar eine deutsche Invasion Englands befürchtet, verleben der Duke und die Duchesse einen traumhaft schönen Sommer in Portugal mit Golfpartien, Casinobesuchen und Partys.
Ein britischer Spion, der das Paar weiterhin im Auftrag des britischen Geheimdienstes rund um die Uhr beobachtet, berichtet Erschreckendes in die Heimat: “Sie sind eindeutig 5. Kolonne!“
Großbritannien habe Frankreich in einen Krieg gezwungen, den es verloren habe — und tue jetzt gut daran, den Krieg gegen Hitler schnellstmöglich zu beenden, so der Herzog und die Herzogin laut einem Ohrenzeugenbericht.
Sind der ehemalige britische König und Gattin Wallis überzeugte Nazis?
Naive Opportunisten, die nach wie vor an Appeasement glauben? Oder spielt der verärgerte Edward nur mit den Gefühlen seiner alten Heimat, die ihn so augenscheinlich nicht mehr haben will?
Fest steht: Die royale Familienkrise entwickelt sich mehr und mehr zur nationalen Sicherheitsfrage.
Das umso mehr, nachdem dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6 Dokumente zugespielt werden, die belegen (sollen?), was die Deutschen mit Edward vorhaben: Man erwarte Unterstützung vom Herzog und der Herzogin.
Und da letztere um jeden Preis Königin werden will, regen die Deutschen eine Oppositionsregierung unter der Führung des Herzogs an.
Der Fluch der Karibik: “Edwards Elba”
Kurz nach dem Auftauchen der Papiere, die Edward, aber auch Wallis schwer in Misskredit bringen, werden der Herzog und die Herzogin erneut aufgefordert, auf die Bahamas zu reisen, wo Edward Gouverneur werden soll.
Dieses Mal mit Nachdruck: Churchill droht mit einem Verfahren vor dem Kriegsgericht.
Wohl oder übel nehmen Edward und Wallis den Vorschlag der britischen Regierung unter Schirmherrschaft des britischen Königs, Edwards Bruder König George VI., an. Man hofft, dass die beiden dort, am anderen Ende der Welt, keinen Schaden mehr anrichten können.
Mitte August 1940 treffen der Herzog und die Herzogin auf den Bahamas ein.
Die Karibik trifft nicht den Geschmack der Herzogin; sie nennt die Bahamas “Edwards Elba”. Edward stimmt ihr zu.
Mittlerweile wird das Herzogpaar nicht nur vom britischen Geheimdienst überwacht, sondern auch vom amerikanischen FBI, dass sich ab 1940 auch mit Spionageabwehr befasst.
Bei einer fünftägigen Golf- und Partyreise des Herzogs und der Herzogin in den exklusiven Everglades Club in Palm Beach, Miami, ist ihre Suite verwanzt, ihr Telefon wird abgehört und es befinden sich Personen in ihrem engeren Umfeld, die ans FBI bzw. sogar direkt an Präsident Roosevelt berichten (William Rhinelander Stewart).
Diesen Aufwand betreibt das FBI in der Regel nur zur Überwachung von Schwerstkriminellen und Mafiabossen.
Im Frühjahr 1941 steht Großbritanniens einsamer Krieg gegen Hitler-Deutschland auf Messers Schneide.
Hitler hat mittlerweile die Luftschlacht um England und die “Operation Seelöwe” zugunsten seiner Kriegspläne gegen die Sowjetunion aufgegeben. Aber die britische Armee scheitert im Mittelmeer; im Atlantik unterliegt die Royal Navy der Rudeltaktik deutscher U‑Boote.
Die Lage ist verzweifelt.
Und Edward erhält nun doch noch eine staatstragende Aufgabe, nach der er sich immer gesehnt hat. Erfüllt sie aber nicht.
Denn dem britischen Premierminister Winston Churchill ist schon lange klar, dass Großbritannien Hitlers Krieg in Europa alleine und ohne Bündnispartenr nicht stoppen kann. Die Briten brauchen dringend Verstärkung — militärisch, aber auch wirtschaftlich.
Seit Monaten wirbt er deshalb um die Unterstützung der USA. Präsident Roosevelt ist dem nicht abgeneigt, doch weite Kreise der amerikanischen Gesellschaft wollen sich aus dem Krieg in Europa, der ihnen hoffnungslos erscheint, heraushalten.
Churchill bittet Edward deshalb mehrmals inständig, seine guten Kontakte in den Vereinigten Staaten zu nutzen und für die britische Sache und einen Kriegseintritt der USA gegen Hitler zu werben.
Wie man heute weiß, tun der Herog und die Herzogin genau das Gegenteil.
Aus Geheimdienstunterlagen, die Jahrzehnte unter Verschluss waren, geht hervor, dass sowohl Edward als auch Wallis gegenüber einflussreichen amerikanischen Golf- und Partybekanntschaften geäußert haben, es sei für die USA viel zu spät, diesem längst verlorenen Krieg beizutreten.
Der Streit der Windsors wegen Wallis Simpson ist für Großbritannien zur Bedrohung geworden.
Doch dann ändert der 7. Dezember 1941 alles: Nach dem völlig unerwarteten japanischen Luftangriff auf den Stützpunkt der US-Pazifikflotte Pearl Harbor mit über 2400 Toten erklärt Präsident Roosevelt Japan den Krieg.
Hitler, der mit dem japanischen Kaiserreich seit 1937 verbündet ist, erklärt daraufhin in einer Mischung aus Größenwahn und Verkennung der Lage seinerseits den USA den Krieg.
Das britische Appeasement ist gescheitert.
Der britische Ex-König Edward VIII., der seinen Thron aus Liebe zu Wallis aufgab, auch.
1945 wird er als Gouverneur der Bahamas abgelöst.
Der Herzog und die Herzogin kehren nach Frankreich zurück, wo sie ihr luxuriöses Jetset-Leben wieder aufnehmen.
Edward stirbt 1972 im Alter von 76 Jahren an Kehlkopfkrebs, Wallis 1986 im Alter von 89 Jahren.
Lesen Sie im nächsten Beitrag: Nach der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940 ist Großbritannien Hitlers einziger verbliebener Kriegsgegner. Im August 1940 beginnt die Luftschlacht um England, mit der die widerspenstigen Briten zum Einlenken gezwungen werden sollen.
Aber Hitler verliert diese Schlacht. Er scheitert an Winston Churchill und dem Widerstandswillen der britischen Bevölkerung.
Hitlers Krieg 1940: Luftschlacht um England
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Sir Oswald Mosley (1896 — 1980), seines Zeichens Erbe und 6. Baronet, hat nicht nur Schlag bei den Frauen, sondern auch wechselnde politische Einstellungen, die seine Berufskarriere sehr abwechslungsreich machen. Nachdem er in Großbritannien sämtlichen demokratischen Parteien angehört hat, gründet er 1932 die faschistische BUF und versucht sich als britische Kopie von Adolf Hitler.
Hail Mosley! Der britische Flirt mit dem Nationalsozialismus
Unity Mitford ist in den 1930er Jahren eines der angesagtesten „It-Girls“ der feinen Londoner Gesellschaft, verwandt mit jedem, der in Großbritannien Rang und Namen hat. Sie ist schön, exzentrisch und wild, wird zur glühenden Faschistin und fasst den Plan, Adolf Hitler kennen zu lernen. Ihr Plan gelingt, aber Hitlers „Gunst“ stürzt auch sie – wie viele andere — ins Verderben.
Vom It-Girl zur Walküre
Wer waren Hitlers Anhänger? Schläge und schweigen, verdrängen und neu inszenieren, sind die Muster, die Kinderseelen brechen und das Konzept der ‘Erziehung mit harter Hand’ von einer Generation auf die nächste überträgt. Über Alice Miller, Hitlers Mitläufer und Mörder — und schwarze Pädagogik, die aus Opfern Täter machte.
Die Erlaubnis zu hassen
Konrad Henlein, Sudetendeutscher mit tschechischem Großvater, war Turnlehrer und wollte nach eigenem Bekunden auch nie etwas anderes sein. Er wurde zum Aushängeschild nationalsozialistischer Sudetendeutscher, die in den 1930er Jahre kräftig am Weltfrieden zündelten. War Henlein nur Hitlers Marionette und Brandstifter — oder auch Biedermann mit einem eigentlich ernsthaften Anliegen?
Konrad Henlein — Biedermann oder Brandstifter?
Bildnachweise:
The Duke and Duchess of Windsor photographed with Mr. Hitler, 22 October 1937, during their visit to The Berghof, his country house in Berchtesgaden“
By Unknown author — Le Nouvelliste d'Indochine, 14 novembre 1937 Gallica, Public Domain
Flugzeug Junkers Ju 88, Bau, Fotograf unbekannt, Bundesarchiv, Bild 146‑1976-097–22 / CC-BY-SA 3.0, Original-Bildunterschrift:
Die Sudetenkrise:
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Dr. Susanne Gebert
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