Das große Sterben: Die Spanische Grippe 1918/19
Mit einem Truppentransporter reist ein neuartiges Influenza-Virus aus den USA auf die Schlachtfelder des 1. Weltkriegs.
Es verbreitet sich in rasender Geschwindigkeit und beginnt in den Jahren 1918 und 1919 seinen Todesmarsch um die Welt.
Die Spanische Grippe forderte mehr Todesopfer als der Erste Weltkrieg.

Wie die Spanische Grippe in die Welt kam
Die Spanische Grippe war lange in Vergessenheit geraten — sie war überschattet vom Trauma des Ersten Weltkriegs und den politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts.
Dabei veränderte die Grippe-Pandemie 1918/19 die Welt mindestens ebenso tiefgreifend wie der Krieg — und forderte mehr Todesopfer als die Kämpfe auf den Schlachtfeldern Europas.
Wie bei jeder Pandemie begann es harmlos: Anfang März 1918 registrieren US-Militärärzte einen ungewöhnlich Anstieg von Grippeerkrankungen bei ihren Rekruten, die nach dem Kriegseintritt der USA 1917 in Militärlagern auf den bevorstehenden Kampf gegen die Deutschen vorbereitet wurden.
Große Bedeutung maß man der Grippeepidemie in der Truppe nicht bei, denn die Soldaten, die sich angesteckt hatten, bekamen zwar Husten und hohes Fieber, aber die meisten erholten sich schnell und waren nach wenigen Tagen wieder auf den Beinen.
Was ist schon ein bisschen Fieber und Husten in der Mannschaft im Vergleich zur Frühjahrsoffensive der Deutschen ab dem 21. März 1918?
Die Welt hat in diesem Frühjahr 1918 ganz andere Probleme als ein paar grippekranke Soldaten.
Patient Null der Spanischen Grippe
„ … Als der erste identifizierte Patient gilt der Armeekoch Albert Gitchell, der im März 1918 in Fort Riley im amerikanischen Bundesstaat Kansas an Fieber, allgemeinen Gliederschmerzen und Abgeschlagenheit sowie Halsschmerzen litt.
Noch am gleichen Tag folgten ihm mehrere Soldaten ins Lazarett. Binnen fünf Wochen erkrankten 1127 Soldaten, 46 von ihnen starben. Bald befanden sich die dort trainierten Einheiten auf dem Weg nach Frankreich.
Ob Gitchell wirklich der erste Erkrankte dieser Pandemie war, sei dahingestellt. Jedenfalls wurde er eine Symbolfigur wie jener berühmte ‘Patient zero’, jener Flugbegleiter mit ausgeprägtem Sexualleben, der als vermeintlich erster AIDS-Patient identifiziert wurde.“
Aus: Roland D. Gerste, Wie Krankheiten Geschichte machen: Von der Antike bis heute*
Merkwürdige Krankheit mit epidemischen Charakter
Nachdem das neue Grippevirus mit einem Truppentransporter von den USA nach Europa gereist war, verbreitet es sich in rasender Geschwindigkeit. Vor allem die miserablen hygienischen Bedingungen in Schützengräben und den überfüllten Feldlazaretten diesseits und jenseits der Front waren ein idealer Nährboden, um sich auszubreiten.
Für bedeutsam hält man die wachsende Zahl hustender und fiebernder Soldaten nicht.
„Eine merkwürdige Krankheit mit epidemischem Charakter ist in Madrid aufgetreten, Die Epidemie ist von milder Natur, Todesfälle wurden bislang keine gemeldet“, heißt es im Mai 1918 lapidar in einer Meldung der britischen Nachrichtenagentur Reuters, die im allgemeinen Kriegschaos fast unterging.
Man verschweigt sie auf beiden Seiten der Front. Nur im neutralen Spanien, wo die Pressezensur weniger scharf war, wurde über das Auftreten der ungewöhnlichen neuen Krankheit berichtet.
So bekam sie ihren Namen — einen, der der Welt kurze Zeit später das Fürchten beibringen sollte: Die Spanische Grippe.
(Es wurde sogar bekannt, dass sich der spanische König Alfons der 13. und einige Regierungsmitglieder angesteckt hatten.)
Die Grippe kann sich mit höchster Geheimhaltungsstufe auf beiden Seiten der Front ungebremst ausbreiten.

Französische Reservisten überqueren auf Pferden einen Fluss Richtung Verdun
National Geographic Magazine, Volume 31 (1917)
Das „Flandern-Fieber”: Vom Grippevirus zur Pandemie
Im Frühsommer 1918 steigt die Zahl der fiebernden und hustenden Soldaten in den klammen Schützengräben des Kriegsjahrs 1918 – Deutsche ebenso wie Franzosen, Engländer und Amerikaner – rapide an.
Bei den Deutschen hieß die Spanische Grippe noch „Flandern-Fieber“, „Blitz-Katarrh“ oder „flandische Grippe“, bei Engländern und Amerikanern three-day“- oder „knock-me-down“-Fieber und in Frankreich einfach „la grippe“ oder „Krankheit 11“ (maladie onze).
Und für alle wurde sie zunehmend zum strategischen Problem mitten im Krieg.
Beispielsweise für Erich Ludendorff, Hindenburgs Generalquartiermeister und rechte Hand, der nun jeden Morgen die Herren Stabchefs der Obersten Heeresleitung informieren musste, wie viele Zehn‑, bald Hunderttausende Grippeausfälle es zu verzeichnen gab.
Hygiene, Angst und Überforderung im Jahr 1918
Forschern wie Robert Koch ist es zu verdanken, dass man zur Zeit des 1. Weltkriegs eine Vorstellung von krankmachenden Bakterien hatte.
Aber von Viren, die 10- bis 100-mal kleiner als Bakterien sind, gab es nur eine blasse Ahnung. Ihre Entdeckung gelingt erst in den 1930er Jahren mit der Erfindung des Elektronenmikroskop, das auch Viren sichtbar macht.
Entsprechend stiefmütterlich wurde in den Kliniken und Lazaretten das Thema „Hygiene” gehandhabt — weil sich einfach niemand vorstellen konnte, dass Menschen sich mit unsichtbaren Keimen aus der Luft anstecken und krankwerden können.
Der Beginn der modernen Medizin
Sönke Wortmanns sehenswerte Serie über den Beginn des 20. Jahrhunderts im Deutschen Kaiserreich.
Der schnelle medizinischen Fortschritt dank Robert Koch, Rudolf Virchow und Paul Ehrlich, aber auch die Geschichte der wilhelminischen Epoche zwischen alten Vorstellungen und modernen Zeiten.
Es gab weder Schutzmaßnahme für Ärzte und Pflegepersonal noch saubere Wäsche. Und auf die Idee, die Grippe-Kranken von den anderen Patienten zu isolieren, ist auch niemand gekommen.
Selbst das Händewaschen und ‑desinfizieren war in großen Teilen der Ärzteschaft – mehr als 50 Jahre nach Ignaz Semmelweis, dem „Retter der Frauen“ – noch nicht angekommen.
Semmelweis‘ Erkenntnisse, dass das von Bakterien verursachte und von Medizinern durch mangelnde Hygiene übertragene Kindbettfieber allein durch gründliches Händewasche wirksam bekämpft werden kann, wurde immer noch von vielen energisch abgestritten.
Sogar Wissenschaftsgrößen wie Rudolf Virchow machten ungünstige Witterungsverhältnisse oder einen liederlichen Lebenswandel (der Frauen, nicht der Ärzte!) für das Tausendfache Sterben junger Mütter und ihrer Babys in Geburtshäusern und Kliniken verantwortlich.
Selbst die einfachsten hygienischen Maßnahme galten bei vielen Medizinern nach wie vor als überflüssiges und lästiges Gedöns, das man weglassen konnte, wenn man es eilig hatte.
Und da es Ärzte und Krankenschwestern im vierten Kriegsjahr immer eilig hatten und zudem auch die Vorräte an Medikamenten und desinfizierendem Karbol erschöpft waren, verzichtete man lieber gleich ganz auf jede Form von Hygiene.
Die Spanische Grippe breitet sich aus und mutiert zur tödlichen Pandemie
Die rätselhafte Krankheit bleibt nicht auf die Schützengräben des Ersten Weltkriegs beschränkt. Mit Verwundeten, Truppentransporten und Heimkehrern breitet sich die Spanische Grippe als neuartige „Kriegsseuche“ rasend schnell in Richtung Heimat aus.
Schon bald erreicht die Epidemie Berlin und die anderen hungernden Städte des Deutschen Kaiserreichs. Nun erkranken nicht mehr nur Soldaten an der Front, sondern immer mehr Zivilisten. Die Seuche dringt bis in die entlegensten Winkel Europas vor — in überfüllte Krankenhäuser, Lazarette, Fabriken und Wohnviertel.
Vermutlich im Spätsommer oder Herbst 1918 verändert sich der Erreger der Spanischen Grippe entscheidend: Das Virus mutiert zu einer deutlich aggressiveren Variante, die die Welt schon bald in Angst und Schrecken versetzen wird.

Rekonstruktion des Erregers der Spanischen Grippe 1918/19 18 Stunden nach Infektion einer Zellkultur
Viren funktionieren völlig anders als Bakterien. Sie sind winzige Gebilde aus Erbmaterial und wenigen Eiweißmolekülen — so simpel aufgebaut, dass Wissenschaftler bis heute darüber streiten, ob sie überhaupt als Lebewesen gelten können.
Diese Einfachheit macht sie so gefährlich.
Nach einer Infektion dringen Viren direkt in menschliche Körperzellen ein. Dort kapern sie wie unsichtbare Piraten den Stoffwechsel ihrer Wirtszellen und zwingen sie dazu, unzählige neue Viren zu produzieren.
Diese perfide Strategie macht Virusinfektionen bis heute schwer kontrollierbar. Denn Medikamente, die Viren angreifen, gefährden gleichzeitig auch die menschlichen Zellen, in denen sie sich verstecken.
Purple Death: Der blau-schwarze Tod
Die neue Mutante verbreitet sich unerkannt, aber schnell.
Als man im Herbst 1918 bereits glaubte, das Gröbste der neuen „Kriegsseuche“ überstanden zu haben, bricht plötzlich die zweite Welle gleichzeitig in Frankreich, Neuengland und Westafrika aus und pflanzt sich mit rasender Geschwindigkeit um die ganze Welt fort.
Diese zweite Epidemiewelle lässt sich weder verschweigen noch schönreden, denn der Krankheitsverlauf ist schwerer und die Todeszahlen explodieren. Viele Erkrankte leiden zunächst unter Kopfschmerzen, Mattigkeit, Gliederschmerzen und Nasenbluten. Wenige Stunden oder Tage später sind sie tot.
Besonders erschreckend ist das Erscheinungsbild vieler Opfer: Durch massiven Sauerstoffmangel verfärbt sich ihre Haut bläulich bis schwarz. Der makabre Beiname „Purple Death“ — der blau-schwarze Tod - macht die Runde.
Wie man später herausgefunden hat, sterben die Menschen nicht am eigentlichen Grippe-Virus, sondern ersticken jämmerlich an einer Lungenentzündung, die durch Bakterien ausgelöst wird.
Das Virus selbst tötet nicht, sondern schwächt innerhalb kürzester Zeit das Immunsystem der Infizierten so massiv, dass Bakterien leichtes Spiel haben. Der Virusinfektion folgt eine schwere bakterielle Lungenentzündungen, an denen die Erkrankten qualvoll ersticken. Das Virus öffnet die Tür — die Bakterien bringen den Tod.
Besonders verstörend ist, dass die Pandemie vor allem junge, kräftige Menschen zwischen 20 und 40 Jahren trifft, also genau die Generation, die auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs so gelitten haben. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise sind vor allem Alte und Schwache von einer Grippewelle besonders betroffen.
Die Spanische Grippe im Vergleich zu COVID-19
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Angst, Gerüchte und Verschwörungsmythen in Zeiten der Pandemie
Wer sich mit der Spanischen Grippe infiziert, kann 1918 nur hoffen und beten. Ein wirksames Medikament gegen Influenza-Viren existiert bis heute nicht.
Angesichts der steigenden Opferzahlen und der Hilflosigkeit, mit der die Menschen der Pandemie ausgeliefert sind, dauert es nicht lange, bis die ersten Verschwörungserzählungen auftauchen: Von einer ungewöhnlichen Form der Lungenpest ist die Rede, andere mutmaßen hinter der Epidemie den Zorn Gottes angesichts einer auseinanderbrechenden Weltordnung.
Bei den Kriegsgegner Deutschlands hält sich hartnäckig das Gerücht, dass deutsche Agenten das Virus in die Welt gesetzt hätten, um die Feinde des Kaiserreichs zu schwächen.
Es sind Mutmaßungen, die nicht mehr ganz so absurd und aus der Luft gegriffen klingen, wenn man bedenkt, dass es die Deutschen waren, die Giftgas als neue furchterregende Waffe erfunden und als Erste in diesen furchterregenden Weltkrieg eingesetzt haben.
Die Spanische Grippe als gesellschaftliches Trauma
Wie verändert eine Pandemie das Denken, Fühlen und Leben ganzer Gesellschaften?
Laura Spinney erzählt die Geschichte der Spanischen Grippe nicht nur als medizinische Katastrophe, sondern als weltweiten Umbruch voller Angst, Verdrängung und menschlicher Schicksale. Sehr spannend zu lesen!
Virus Pandemie: Der stumme Tod
Besonders schlimm wütet die Seuche in den Krankenhäusern und Lazaretten mit einer Mortalitätsrate von bis zu zehn Prozent.
Sie infiziert Ärzte, Pflegerinnen und Sanitäter, aber auch in vielen Industriebetrieben fallen wegen der Grippe bis zu einem Drittel der Arbeiterinnen und Arbeiter aus. Der Straßenbahnverkehr und das gesamte öffentliche Leben kommt zum Erliegen.
Angesichts ihrer eigenen Hilflosigkeit war Ignorieren und Abwiegeln lange Zeit die einzige Maßnahme, die Regierungen und Behörden der Grippe-Pandemie entgegenzusetzen hatten.
Erst mit dem Ende des 1. Weltkriegs und auf Initiative einiger Wissenschaftler und Ärzte wurden Grippe-Kranke in Quarantäne genommen, Schulen geschlossen und der Reiseverkehr eingeschränkt, um die weitere Ausbreitung zu stoppen.

Polizisten in Seattle während der Spanischen-Grippe-Pandemie, Dezember 1918
Diese Schutzmaßnahmen verlangsamten die Ausbreitung. Wesentlich wichtiger für das Ende der Pandemie war aber die sogenannte „Herdenimmunität”: Wer einmal infiziert war und überlebt hat, konnte sich kein zweites Mal anstecken.
Eine Infektion als natürliche Impfung.
Das war auch der Grund, weshalb die Spanische Grippe vor allem junge Menschen so hart traf: Viele der Älteren besaßen eine Teil-Immunität gegen den neuen Erreger, weil sie bereits eine Grippe-Epidemie Ende des 19. Jahrhunderts mit einem ähnlichen Influenza-Virustyp er- und überlebt hatten.
Sie hatten eine Art natürlichen Impfschutz, der den neuen Erreger erkennen und zurückdrängen konnte, bevor er sein krankmachendes Werk beginnen konnte.
Die Spanische Grippe: Eine Pandemie verändert die Welt
Fast zwei Jahre lang — bis weit in die frühen 1920er Jahre hinein — zieht die Spanische Grippe eine Spur des Todes um die Welt. Die Pandemie trifft nicht nur die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, sondern ganze Gesellschaften, die durch Krieg, Hunger und Elend ohnehin bereits erschöpft sin
Allein in den USA sterben rund 775.000 Menschen an der Grippe — zehnmal mehr Amerikaner als zuvor in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs gefallen waren. In Deutschland fordert die Pandemie etwa 500.000 Todesopfer. Selbst weit entfernte Regionen wie Java oder Samoa bleiben von der „Kriegsseuche“ nicht verschont.
Wie viele Menschen tatsächlich an der Spanischen Grippe sterben, wird sich vermutlich nie exakt klären lassen. Historiker und Mediziner gehen heute von mindestens 25 bis 40 Millionen Todesopfern aus, manche Schätzungen reichen sogar bis zu 100 Millionen Tote — bei einer damaligen Weltbevölkerung von nur rund 1,8 Milliarden Menschen.
25 bis 100 Millionen Tote durch die Spanische Grippe
„ … Die Angaben über die Toten schwanken stark; zwischen 25 Millionen und 100 Millionen Menschen sollen daran gestorben sein, was bis zu 5 Prozent der damaligen Weltbevölkerung ausmachte“
Aus: Roland D. Gerste, Wie Krankheiten Geschichte machen: Von der Antike bis heute*
Zum Vergleich: Die WHO geht davon aus, dass weltweit mehr als sieben Millionen Menschen im Zusammenhang mit COVID-19 gestorben sind. In Deutschland wurden rund 190.000 Todesfälle durch oder mit einer Corona-Infektion registriert.
Die Spanische Grippe zeigt, wie verletzlich moderne Gesellschaften gegenüber neuen Krankheitserregern bleiben, selbst dann, wenn sie sich für fortschrittlich und sicher halten.
Und sie erinnert daran, dass Pandemien keine Relikte vergangener Jahrhunderte sind: Die nächste globale Seuche könnte jederzeit entstehen. Irgendwo auf der Welt, vielleicht genau in diesem Moment.
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Bildnachweise
French train horses resting in a river on their way to Verdun. National Geographic Magazine, Volume 31 (1917), S. 338. Public Domain.
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