Spanische Grippe 1918/19: Das große Sterben

Das 20. Jahrhundert

Das große Sterben: Die Spanische Grippe 1918/19


Mit einem Trup­pen­trans­por­ter reist ein neu­ar­ti­ges Influ­en­za-Virus aus den USA auf die Schlacht­fel­der des 1. Welt­kriegs.
Es ver­brei­tet sich in rasen­der Geschwin­dig­keit und beginnt in den Jah­ren 1918 und 1919 sei­nen Todes­marsch um die Welt.

Die Spa­ni­sche Grip­pe for­der­te mehr Todes­op­fer  als der Ers­te Weltkrieg.

Die Spanische Grippe 1918/19 während des Ersten Weltkriegs – tödliche Pandemie und weltweite Seuche

Wie die Spanische Grippe in die Welt kam

Die Spa­ni­sche Grip­pe war lan­ge in Ver­ges­sen­heit gera­ten — sie war über­schat­tet vom Trau­ma des Ers­ten Welt­kriegs und den poli­ti­schen Kata­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts.

Dabei ver­än­der­te die Grip­pe-Pan­de­mie 1918/19 die Welt min­des­tens eben­so tief­grei­fend wie der Krieg — und for­der­te mehr Todes­op­fer als die Kämp­fe auf den Schlacht­fel­dern Euro­pas.

Wie bei jeder Pan­de­mie begann es harm­los: Anfang März 1918 regis­trie­ren US-Mili­tär­ärz­te einen unge­wöhn­lich Anstieg von Grip­pe­er­kran­kun­gen bei ihren Rekru­ten, die nach dem Kriegs­ein­tritt der USA 1917 in Mili­tär­la­gern auf den bevor­ste­hen­den Kampf gegen die Deut­schen vor­be­rei­tet wur­den.

Gro­ße Bedeu­tung maß man der Grip­pe­epi­de­mie in der Trup­pe nicht bei, denn die Sol­da­ten, die sich ange­steckt hat­ten, beka­men zwar Hus­ten und hohes Fie­ber, aber die meis­ten erhol­ten sich schnell und waren nach weni­gen Tagen wie­der auf den Bei­nen.

Was ist schon ein biss­chen Fie­ber und Hus­ten in der Mann­schaft im Ver­gleich zur Früh­jahrs­of­fen­si­ve der Deut­schen ab dem 21. März 1918?

Die Welt hat in die­sem Früh­jahr 1918 ganz ande­re Pro­ble­me als ein paar grip­pe­kran­ke Soldaten.


Patient Null der Spanischen Grippe

… Als der ers­te iden­ti­fi­zier­te Pati­ent gilt der Armee­koch Albert Git­chell, der im März 1918 in Fort Riley im ame­ri­ka­ni­schen Bun­des­staat Kan­sas an Fie­ber, all­ge­mei­nen Glie­der­schmer­zen und Abge­schla­gen­heit sowie Hals­schmer­zen litt.
Noch am glei­chen Tag folg­ten ihm meh­re­re Sol­da­ten ins Laza­rett. Bin­nen fünf Wochen erkrank­ten 1127 Sol­da­ten, 46 von ihnen star­ben. Bald befan­den sich die dort trai­nier­ten Ein­hei­ten auf dem Weg nach Frank­reich.

Ob Git­chell wirk­lich der ers­te Erkrank­te die­ser Pan­de­mie war, sei dahin­ge­stellt. Jeden­falls wur­de er eine Sym­bol­fi­gur wie jener berühm­te ‘Pati­ent zero’, jener Flug­be­glei­ter mit aus­ge­präg­tem Sexu­al­le­ben, der als ver­meint­lich ers­ter AIDS-Pati­ent iden­ti­fi­ziert wur­de.“


Aus: Roland D. Gers­te, Wie Krank­hei­ten Geschich­te machen: Von der Anti­ke bis heu­te*


Merkwürdige Krankheit mit epidemischen Charakter

Nach­dem das neue Grip­pe­vi­rus mit einem Trup­pen­trans­por­ter von den USA nach Euro­pa gereist war, ver­brei­tet es sich in rasen­der Geschwin­dig­keit. Vor allem die mise­ra­blen hygie­ni­schen Bedin­gun­gen in Schüt­zen­grä­ben und den über­füll­ten Feld­la­za­ret­ten dies­seits und jen­seits der Front waren ein idea­ler Nähr­bo­den, um sich aus­zu­brei­ten.

Für bedeut­sam hält man die wach­sen­de Zahl hus­ten­der und fie­bern­der Sol­da­ten nicht.

Eine merk­wür­di­ge Krank­heit mit epi­de­mi­schem Cha­rak­ter ist in Madrid auf­ge­tre­ten, Die Epi­de­mie ist von mil­der Natur, Todes­fäl­le wur­den bis­lang kei­ne gemel­det“, heißt es im Mai 1918 lapi­dar in einer Mel­dung der bri­ti­schen Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters, die im all­ge­mei­nen Kriegs­cha­os fast unter­ging.

Man ver­schweigt sie auf bei­den Sei­ten der Front. Nur im neu­tra­len Spa­ni­en, wo die Pres­se­zen­sur weni­ger scharf war, wur­de über das Auf­tre­ten der unge­wöhn­li­chen neu­en Krank­heit berich­tet.

So bekam sie ihren Namen — einen, der der Welt kur­ze Zeit spä­ter das Fürch­ten bei­brin­gen soll­te: Die Spa­ni­sche Grip­pe.
(Es wur­de sogar bekannt, dass sich der spa­ni­sche König Alfons der 13. und eini­ge Regie­rungs­mit­glie­der ange­steckt hat­ten.)

Die Grip­pe kann sich mit höchs­ter Geheim­hal­tungs­stu­fe auf bei­den Sei­ten der Front unge­bremst aus­brei­ten.

Französische Reservisten überqueren 1917 auf Pferden einen Fluss auf dem Weg nach Verdun

Fran­zö­si­sche Reser­vis­ten über­que­ren auf Pfer­den einen Fluss Rich­tung Ver­dun
Natio­nal Geo­gra­phic Maga­zi­ne, Volu­me 31 (1917)

Das „Flandern-Fieber”: Vom Grippevirus zur Pandemie

Im Früh­som­mer 1918 steigt die Zahl der fie­bern­den und hus­ten­den Sol­da­ten in den klam­men Schüt­zen­grä­ben des Kriegs­jahrs 1918 – Deut­sche eben­so wie Fran­zo­sen, Eng­län­der und Ame­ri­ka­ner – rapi­de an.

Bei den Deut­schen hieß die Spa­ni­sche Grip­pe noch „Flan­dern-Fie­ber“, „Blitz-Katarrh“ oder „flan­di­sche Grip­pe“, bei Eng­län­dern und Ame­ri­ka­nern three-day“- oder „knock-me-down“-Fie­ber und in Frank­reich ein­fach „la grip­pe“ oder „Krank­heit 11“ (mala­die onze).

Und für alle wur­de sie zuneh­mend zum stra­te­gi­schen Pro­blem mit­ten im Krieg.

Bei­spiels­wei­se für Erich Luden­dorff, Hin­den­burgs Gene­ral­quar­tier­meis­ter und rech­te Hand, der nun jeden Mor­gen die Her­ren Stab­chefs der Obers­ten Hee­res­lei­tung infor­mie­ren muss­te, wie vie­le Zehn‑, bald Hun­dert­tau­sen­de Grip­peaus­fäl­le es zu ver­zeich­nen gab.

Hygiene, Angst und Überforderung im Jahr 1918

For­schern wie Robert Koch ist es zu ver­dan­ken, dass man zur Zeit des 1. Welt­kriegs eine Vor­stel­lung von krank­ma­chen­den Bak­te­ri­en hat­te.

Aber von Viren, die 10- bis 100-mal klei­ner als Bak­te­ri­en sind, gab es nur eine blas­se Ahnung. Ihre Ent­de­ckung gelingt erst in den 1930er Jah­ren mit der Erfin­dung des Elek­tro­nen­mi­kro­skop, das auch Viren sicht­bar macht.

Ent­spre­chend stief­müt­ter­lich wur­de in den Kli­ni­ken und Laza­ret­ten das The­ma „Hygie­ne” gehand­habt — weil sich ein­fach nie­mand vor­stel­len konn­te, dass Men­schen sich mit unsicht­ba­ren Kei­men aus der Luft anste­cken und krank­wer­den können.

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Charité Staffel 1 – Historienserie über Medizin und das Deutsche Kaiserreich

Der Beginn der modernen Medizin

Sön­ke Wort­manns sehens­wer­te Serie über den Beginn des 20. Jahr­hun­derts im Deut­schen Kai­ser­reich.

Der schnel­le medi­zi­ni­schen Fort­schritt dank Robert Koch, Rudolf Virch­ow und Paul Ehr­lich, aber auch die Geschich­te der wil­hel­mi­ni­schen Epo­che zwi­schen alten Vor­stel­lun­gen und moder­nen Zeiten. 


Es gab weder Schutz­maß­nah­me für Ärz­te und Pfle­ge­per­so­nal noch sau­be­re Wäsche. Und auf die Idee, die Grip­pe-Kran­ken von den ande­ren Pati­en­ten zu iso­lie­ren, ist auch nie­mand gekom­men.

Selbst das Hän­de­wa­schen und ‑des­in­fi­zie­ren war in gro­ßen Tei­len der Ärz­te­schaft – mehr als 50 Jah­re nach Ignaz Sem­mel­weis, dem „Ret­ter der Frau­en“ – noch nicht ange­kom­men.

Sem­mel­weis‘ Erkennt­nis­se, dass das von Bak­te­ri­en ver­ur­sach­te und von Medi­zi­nern durch man­geln­de Hygie­ne über­tra­ge­ne Kind­bett­fie­ber allein durch gründ­li­ches Hän­de­wa­sche wirk­sam bekämpft wer­den kann, wur­de immer noch von vie­len ener­gisch abge­strit­ten.

Sogar Wis­sen­schafts­grö­ßen wie Rudolf Virch­ow mach­ten ungüns­ti­ge Wit­te­rungs­ver­hält­nis­se oder einen lie­der­li­chen Lebens­wan­del (der Frau­en, nicht der Ärz­te!) für das Tau­send­fa­che Ster­ben jun­ger Müt­ter und ihrer Babys in Geburts­häu­sern und Kli­ni­ken ver­ant­wort­lich.

Selbst die ein­fachs­ten hygie­ni­schen Maß­nah­me gal­ten bei vie­len Medi­zi­nern nach wie vor als über­flüs­si­ges und läs­ti­ges Gedöns, das man weg­las­sen konn­te, wenn man es eilig hat­te.

Und da es Ärz­te und Kran­ken­schwes­tern im vier­ten Kriegs­jahr immer eilig hat­ten und zudem auch die Vor­rä­te an Medi­ka­men­ten und des­in­fi­zie­ren­dem Kar­bol erschöpft waren, ver­zich­te­te man lie­ber gleich ganz auf jede Form von Hygiene.

Die Spanische Grippe breitet sich aus und mutiert zur tödlichen Pandemie

Die rät­sel­haf­te Krank­heit bleibt nicht auf die Schüt­zen­grä­ben des Ers­ten Welt­kriegs beschränkt. Mit Ver­wun­de­ten, Trup­pen­trans­por­ten und Heim­keh­rern brei­tet sich die Spa­ni­sche Grip­pe als neu­ar­ti­ge „Kriegs­seu­che“ rasend schnell in Rich­tung Hei­mat aus.

Schon bald erreicht die Epi­de­mie Ber­lin und die ande­ren hun­gern­den Städ­te des Deut­schen Kai­ser­reichs. Nun erkran­ken nicht mehr nur Sol­da­ten an der Front, son­dern immer mehr Zivi­lis­ten. Die Seu­che dringt bis in die ent­le­gens­ten Win­kel Euro­pas vor — in über­füll­te Kran­ken­häu­ser, Laza­ret­te, Fabri­ken und Wohn­vier­tel.

Ver­mut­lich im Spät­som­mer oder Herbst 1918 ver­än­dert sich der Erre­ger der Spa­ni­schen Grip­pe ent­schei­dend: Das Virus mutiert zu einer deut­lich aggres­si­ve­ren Vari­an­te, die die Welt schon bald in Angst und Schre­cken ver­set­zen wird. 

Rekonstruktion des Virus der Spanischen Grippe 1918/19 nach Infektion einer Zellkultur

Rekon­struk­ti­on des Erre­gers der Spa­ni­schen Grip­pe 1918/19 18 Stun­den nach Infek­ti­on einer Zellkultur

Viren funk­tio­nie­ren völ­lig anders als Bak­te­ri­en. Sie sind win­zi­ge Gebil­de aus Erb­ma­te­ri­al und weni­gen Eiweiß­mo­le­kü­len — so sim­pel auf­ge­baut, dass Wis­sen­schaft­ler bis heu­te dar­über strei­ten, ob sie über­haupt als Lebe­we­sen gel­ten kön­nen.

Die­se Ein­fach­heit macht sie so gefähr­lich.
Nach einer Infek­ti­on drin­gen Viren direkt in mensch­li­che Kör­per­zel­len ein. Dort kapern sie wie unsicht­ba­re Pira­ten den Stoff­wech­sel ihrer Wirts­zel­len und zwin­gen sie dazu, unzäh­li­ge neue Viren zu pro­du­zie­ren.

Die­se per­fi­de Stra­te­gie macht Virus­in­fek­tio­nen bis heu­te schwer kon­trol­lier­bar. Denn Medi­ka­men­te, die Viren angrei­fen, gefähr­den gleich­zei­tig auch die mensch­li­chen Zel­len, in denen sie sich verstecken.

Purple Death: Der blau-schwarze Tod

Die neue Mutan­te ver­brei­tet sich uner­kannt, aber schnell.
Als man im Herbst 1918 bereits glaub­te, das Gröbs­te der neu­en „Kriegs­seu­che“ über­stan­den zu haben, bricht plötz­lich die zwei­te Wel­le gleich­zei­tig in Frank­reich, Neu­eng­land und West­afri­ka aus und pflanzt sich mit rasen­der Geschwin­dig­keit um die gan­ze Welt fort.

Die­se zwei­te Epi­de­mie­wel­le lässt sich weder ver­schwei­gen noch schön­re­den, denn der Krank­heits­ver­lauf ist schwe­rer und die Todes­zah­len explo­die­ren. Vie­le Erkrank­te lei­den zunächst unter Kopf­schmer­zen, Mat­tig­keit, Glie­der­schmer­zen und Nasen­blu­ten. Weni­ge Stun­den oder Tage spä­ter sind sie tot.

Beson­ders erschre­ckend ist das Erschei­nungs­bild vie­ler Opfer: Durch mas­si­ven Sau­er­stoff­man­gel ver­färbt sich ihre Haut bläu­lich bis schwarz. Der maka­bre Bei­na­me „Pur­ple Death“ — der blau-schwar­ze Tod - macht die Run­de.

Wie man spä­ter her­aus­ge­fun­den hat, ster­ben die Men­schen nicht am eigent­li­chen Grip­pe-Virus, son­dern ersti­cken jäm­mer­lich an einer Lun­gen­ent­zün­dung, die durch Bak­te­ri­en aus­ge­löst wird.

Das Virus selbst tötet nicht, son­dern schwächt inner­halb kür­zes­ter Zeit das Immun­sys­tem der Infi­zier­ten so mas­siv, dass Bak­te­ri­en leich­tes Spiel haben. Der Virus­in­fek­ti­on folgt eine schwe­re bak­te­ri­el­le Lun­gen­ent­zün­dun­gen, an denen die Erkrank­ten qual­voll ersti­cken. Das Virus öff­net die Tür — die Bak­te­ri­en brin­gen den Tod.

Beson­ders ver­stö­rend ist, dass die Pan­de­mie vor allem jun­ge, kräf­ti­ge Men­schen zwi­schen 20 und 40 Jah­ren trifft, also genau die Gene­ra­ti­on, die auf den Schlacht­fel­dern des 1. Welt­kriegs so gelit­ten haben. Das ist unge­wöhn­lich, denn nor­ma­ler­wei­se sind vor allem Alte und Schwa­che von einer Grip­pe­wel­le beson­ders betroffen.

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Buch über die Spanische Grippe 1918 und den Vergleich mit der COVID-19-Pandemie

Die Spanische Grippe im Vergleich zu COVID-19

Ein lesens­wer­tes Buch, dass die Fra­ge unter­sucht, was die Spa­ni­sche Grip­pe und Covid-19 gemein­sam haben — Epi­de­mio­lo­gie, Pan­de­mie-Mecha­nis­men und gesell­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen.

Mei­ne Emp­feh­lung für alle, die mehr über Pan­de­mie- und Medi­zin­ge­schich­te erfah­ren wollen!

Angst, Gerüchte und Verschwörungsmythen in Zeiten der Pandemie

Wer sich mit der Spa­ni­schen Grip­pe infi­ziert, kann 1918 nur hof­fen und beten. Ein wirk­sa­mes Medi­ka­ment gegen Influ­en­za-Viren exis­tiert bis heu­te nicht.

Ange­sichts der stei­gen­den Opfer­zah­len und der Hilf­lo­sig­keit, mit der die Men­schen der Pan­de­mie aus­ge­lie­fert sind, dau­ert es nicht lan­ge, bis die ers­ten Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen auf­tau­chen: Von einer unge­wöhn­li­chen Form der Lun­gen­pest ist die Rede, ande­re mut­ma­ßen hin­ter der Epi­de­mie den Zorn Got­tes ange­sichts einer aus­ein­an­der­bre­chen­den Welt­ord­nung.

Bei den Kriegs­geg­ner Deutsch­lands hält sich hart­nä­ckig das Gerücht, dass deut­sche Agen­ten das Virus in die Welt gesetzt hät­ten, um die Fein­de des Kai­ser­reichs zu schwä­chen.

Es sind Mut­ma­ßun­gen, die nicht mehr ganz so absurd und aus der Luft gegrif­fen klin­gen, wenn man bedenkt, dass es die Deut­schen waren, die Gift­gas als neue furcht­erre­gen­de Waf­fe erfun­den und als Ers­te in die­sen furcht­erre­gen­den Welt­krieg ein­ge­setzt haben.

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Buchcover von „1918 – Die Welt im Fieber“ über die Spanische Grippe und ihre gesellschaftlichen Folgen

Die Spanische Grippe als gesellschaftliches Trauma

Wie ver­än­dert eine Pan­de­mie das Den­ken, Füh­len und Leben gan­zer Gesell­schaf­ten?
Lau­ra Spin­ney erzählt die Geschich­te der Spa­ni­schen Grip­pe nicht nur als medi­zi­ni­sche Kata­stro­phe, son­dern als welt­wei­ten Umbruch vol­ler Angst, Ver­drän­gung und mensch­li­cher Schick­sa­le. Sehr span­nend zu lesen!

Virus Pandemie: Der stumme Tod

Beson­ders schlimm wütet die Seu­che in den Kran­ken­häu­sern und Laza­ret­ten mit einer Mor­ta­li­täts­ra­te von bis zu zehn Pro­zent.

Sie infi­ziert Ärz­te, Pfle­ge­rin­nen und Sani­tä­ter, aber auch in vie­len Indus­trie­be­trie­ben fal­len wegen der Grip­pe bis zu einem Drit­tel der Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter aus. Der Stra­ßen­bahn­ver­kehr und das gesam­te öffent­li­che Leben kommt zum Erlie­gen.

Ange­sichts ihrer eige­nen Hilf­lo­sig­keit war Igno­rie­ren und Abwie­geln lan­ge Zeit die ein­zi­ge Maß­nah­me, die Regie­run­gen und Behör­den der Grip­pe-Pan­de­mie ent­ge­gen­zu­set­zen hat­ten.

Erst mit dem Ende des 1. Welt­kriegs und auf Initia­ti­ve eini­ger Wis­sen­schaft­ler und Ärz­te wur­den Grip­pe-Kran­ke in Qua­ran­tä­ne genom­men, Schu­len geschlos­sen und der Rei­se­ver­kehr ein­ge­schränkt, um die wei­te­re Aus­brei­tung zu stoppen.

Polizisten in Seattle mit Schutzmasken während der Spanischen-Grippe-Pandemie im Dezember 1918

Poli­zis­ten in Seat­tle wäh­rend der Spa­ni­schen-Grip­pe-Pan­de­mie, Dezem­ber 1918

Die­se Schutz­maß­nah­men ver­lang­sam­ten die Aus­brei­tung. Wesent­lich wich­ti­ger für das Ende der Pan­de­mie war aber die soge­nann­te „Her­den­im­mu­ni­tät”: Wer ein­mal infi­ziert war und über­lebt hat, konn­te sich kein zwei­tes Mal anste­cken.

Eine Infek­ti­on als natür­li­che Imp­fung.
Das war auch der Grund, wes­halb die Spa­ni­sche Grip­pe vor allem jun­ge Men­schen so hart traf: Vie­le der  Älte­ren besa­ßen eine Teil-Immu­ni­tät gegen den neu­en Erre­ger, weil sie bereits eine Grip­pe-Epi­de­mie Ende des 19. Jahr­hun­derts mit einem ähn­li­chen Influ­en­za-Virus­typ er- und über­lebt hat­ten.

Sie hat­ten eine Art natür­li­chen Impf­schutz, der den neu­en Erre­ger erken­nen und zurück­drän­gen konn­te, bevor er sein krank­ma­chen­des Werk begin­nen konnte. 

Die Spanische Grippe: Eine Pandemie verändert die Welt

Fast zwei Jah­re lang — bis weit in die frü­hen 1920er Jah­re hin­ein — zieht die Spa­ni­sche Grip­pe eine Spur des Todes um die Welt. Die Pan­de­mie trifft nicht nur die Schlacht­fel­der des Ers­ten Welt­kriegs, son­dern gan­ze Gesell­schaf­ten, die durch Krieg, Hun­ger und Elend ohne­hin bereits erschöpft sin

Allein in den USA ster­ben rund 775.000 Men­schen an der Grip­pe — zehn­mal mehr Ame­ri­ka­ner als zuvor in den Schüt­zen­grä­ben des Ers­ten Welt­kriegs gefal­len waren. In Deutsch­land for­dert die Pan­de­mie etwa 500.000 Todes­op­fer. Selbst weit ent­fern­te Regio­nen wie Java oder Samoa blei­ben von der „Kriegs­seu­che“ nicht ver­schont.

Wie vie­le Men­schen tat­säch­lich an der Spa­ni­schen Grip­pe ster­ben, wird sich ver­mut­lich nie exakt klä­ren las­sen. His­to­ri­ker und Medi­zi­ner gehen heu­te von min­des­tens 25 bis 40 Mil­lio­nen Todes­op­fern aus, man­che Schät­zun­gen rei­chen sogar bis zu 100 Mil­lio­nen Tote — bei einer dama­li­gen Welt­be­völ­ke­rung von nur rund 1,8 Mil­li­ar­den Menschen.


25 bis 100 Millionen Tote durch die Spanische Grippe

Die Anga­ben über die Toten schwan­ken stark; zwi­schen 25 Mil­lio­nen und 100 Mil­lio­nen Men­schen sol­len dar­an gestor­ben sein, was bis zu 5 Pro­zent der dama­li­gen Welt­be­völ­ke­rung aus­mach­te“

Aus: Roland D. Gers­te, Wie Krank­hei­ten Geschich­te machen: Von der Anti­ke bis heu­te*


Zum Ver­gleich: Die WHO geht davon aus, dass welt­weit mehr als sie­ben Mil­lio­nen Men­schen im Zusam­men­hang mit COVID-19 gestor­ben sind. In Deutsch­land wur­den rund 190.000 Todes­fäl­le durch oder mit einer Coro­na-Infek­ti­on regis­triert.

Die Spa­ni­sche Grip­pe zeigt, wie ver­letz­lich moder­ne Gesell­schaf­ten gegen­über neu­en Krank­heits­er­re­gern blei­ben, selbst dann, wenn sie sich für fort­schritt­lich und sicher hal­ten.

Und sie erin­nert dar­an, dass Pan­de­mien kei­ne Relik­te ver­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te sind: Die nächs­te glo­ba­le Seu­che könn­te jeder­zeit ent­ste­hen. Irgend­wo auf der Welt, viel­leicht genau in die­sem Moment.

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Ruhr­kampf und Hyper­in­fla­ti­on 1923. Reichs­kanz­ler Wil­helm Cuno und sei­ne „Regie­rung der Wirt­schaft” ver­su­chen, die Fran­zo­sen aus dem Ruhr­ge­biet zu ver­trei­ben und las­sen dafür Geld dru­cken. Sehr viel Geld. Mit kata­stro­pha­len Fol­gen für die gebeu­tel­te Wei­ma­rer Repu­blik. Es scheint nur noch eine Fra­ge der Zeit bis zum Kol­laps zu sein.
Vom Ruhr­kampf zum deut­schen Oktober

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phien, www​.bild​bio​gra​phien​.de 2020, über­ar­bei­tet 2026


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Susan­ne Autorin bei Gene­ra­tio­nen­ge­spräch & Agen­tur für Bildbiographien
Dr. Susan­ne Gebert schreibt über Psy­cho­lo­gie, Fami­li­en­ge­schich­te und emo­tio­na­le Prä­gun­gen. In ihrem Blog „Gene­ra­tio­nen­ge­spräch“ zeigt sie, wie unse­re Kind­heit uns formt – und wie wir uns von alten Mus­tern lösen können. 

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