Ihr Flüchtlinge! Flucht und Vertreibung 1944 — 1950

Ost­preu­ßen, Flücht­ling­treck“ von Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1976-072–09 / CC-BY-SA 3.0. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 de

Von ‚Will­kom­mens-Kul­tur‘ kann kei­ne Rede sein, als in den Jah­ren zwi­schen 1944 und 1950 rund 12 Mil­lio­nen Deut­sche und Deutsch­stäm­mi­ge aus Ost­preu­ßen, Pom­mern, Schle­si­en und dem Sude­ten­land in den Wes­ten flie­hen. In den Augen vie­ler Ein­hei­mi­scher sind sie die „Pola­cken“, die ihnen das Weni­ge, das sie nach dem ver­lo­re­nen Krieg noch haben, weg­neh­men wol­len. Heu­te hal­ten Wirt­schafts­his­to­ri­ker den “Brain­gain”, also den Gewinn an Talen­ten durch die Flücht­lings­wel­le, für eine der wich­tigs­ten Grund­la­gen des  „Wirt­schafts­wun­ders“ — wich­ti­ger als Mar­shall-Plan und Lud­wig Erhard.

Überrollt

Lan­ge Zeit war den Bewoh­nern Ost­preu­ßens unter Andro­hung schwe­rer Stra­fen die Flucht aus ihrer Hei­mat ver­bo­ten wor­den.

An den “End­sieg” glaubt schon lan­ge nie­mand mehr, aber Hit­ler will Sta­lins vor­rü­cken­der Roten Armee in Ost­preu­ßen einen mensch­li­chen „Schutz­wall“ ent­ge­gen­stel­len. Die Par­tei­obe­ren hat­ten sich schon längst abge­setzt und da fast alle Män­ner im Krieg kämp­fen, sind es Frau­en, Kin­der und Alte, die Hit­lers Vor­stel­lung vom Schutz­wall Ost­preu­ßen erfül­len sol­len.

 

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U.S. Depart­ment of Sta­te, Kar­te vom 10. Janu­ar 1945: Ger­ma­ny – Poland Pro­po­sed Ter­ri­to­ri­al Chan­ges – Secret („Vor­schlag zur Gebiets­ver­än­de­rung – Geheim“)


Als schließ­lich die sowje­ti­sche Groß­of­fen­si­ve ab dem 12. Janu­ar 1945 in kür­zes­ter Zeit die deut­sche Front ent­lang der Memel und der Weich­sel an vie­len Stel­len durch­bricht, gibt es trotz aller Ver­bo­te kein Hal­ten mehr: die Frau­en, Kin­der und Alten zie­hen in gro­ßen und klei­nen Trecks mit über­la­de­nen Pfer­de­kar­ren, Babys, Klein­kin­dern und Gepäck im Bol­ler­wa­gen oder zu Fuß mit einem Kof­fer in der Hand Rich­tung Wes­ten.

Die Bedin­gun­gen für ihre Flucht sind denk­bar schlecht: Es ist tiefs­ter Win­ter und klir­rend kalt — und die Rote Armee erreicht noch vor den meis­ten Flücht­lings-Trecks das Fri­sche Haff bei Elbing und ver­sperrt ihnen damit den Flucht­weg über Land.

Die Flucht hat für fast alle viel zu spät begon­nen.
Sie wer­den von der Ost­front ein­fach „über­rollt“.

Bundesarchiv_Bild_183-R98401,_Königsberg,_Volkssturm

Königs­berg, Volks­sturm, ADN-ZB/ Archiv II. Welt­krieg 1939–45 Deutsch-sowje­ti­sche Front in Ost­preu­ßen Mit­te Janu­ar 1945: Ange­hö­ri­ge des Volks­stur­mes mit Pan­zer­fäus­ten in einer Stel­lung vor Königs­berg, [Auf­nah­me: 20.1.1945], Bun­des­ar­chiv, Bild 183-R98401 / CC-BY-SA 3.0


Das Unternehmen ‘Hannibal’

Nach­dem der Land­weg abge­schnit­ten ist, lei­tet Groß­ad­mi­ral Karl Dönitz im Janu­ar 1945 das Unter­neh­men „Han­ni­bal“ ein, die größ­te Eva­ku­ie­rungs­maß­nah­me der Welt­ge­schich­te. Mit 700 Schif­fen der Kriegs­ma­ri­ne wer­den über zwei Mil­lio­nen Flücht­lin­ge über die Ost­see nach Meck­len­burg und Schles­wig-Hol­stein gebracht.

Dabei kommt es zu furcht­ba­ren Kata­stro­phen.
Am 30. Janu­ar 1945 wird der zum Flücht­lings­schiff umfunk­tio­nier­te ehe­ma­li­ge Trup­pen­trans­por­ter Wil­helm Gust­loff von 3 sowje­ti­schen Tor­pe­dos getrof­fen und ver­sinkt inner­halb kur­zer Zeit.

Bis heu­te ist die genaue Zahl der Opfer nicht bekannt, es wird geschätzt, dass 5000 bis 9000 Men­schen ertrin­ken. Beim Unter­gang der Tita­nic im Jahr 1912 star­ben etwa 1600 Men­schen.

Die “Wil­helm Gust­loff” ist die schlimms­te Schiffs­ka­ta­stro­phe in der Geschich­te der Mensch­heit.

Das Laza­rett­schiff Wil­helm Gust­loff im Oslo­er Hafen By Bun­des­ar­chiv, Bild 121‑0665 / CC-BY-SA 3.0

Die­se Geschich­te fing lan­ge vor mir, vor mehr als hun­dert Jah­ren an, und zwar in der meck­len­bur­gi­schen Resi­denz­stadt Schwe­rin. Hier wird 1895 jener Mann gebo­ren, der spä­ter als »Blut­zeu­ge« gefei­ert und einem Schiff den Namen geben wird, des­sen Unter­gang am 30. Janu­ar 1945 die größ­te Kata­stro­phe in der Geschich­te der See­fahrt dar­stellt. Das ehe­ma­li­ge Kraft-durch-Freu­de-Kreuz­schiff »Wil­helm Gust­loff« mit Tau­sen­den von Flücht­lin­gen und Sol­da­ten an Bord wird von den Tor­pe­dos eines sowje­ti­schen U-Boots ver­senkt, schät­zungs­wei­se fünf- bis neun­tau­send Men­schen fin­den in der eisi­gen Ost­see den Tod.“

Gün­ther Grass, Im Krebs­gang


Die neue Reichshauptstadt: Flensburg

Im Nor­den Deutsch­lands gab es noch mehr intak­ten Wohn­raum als anders­wo im kriegs­zer­stör­ten ‘Reich’, außer­dem lan­de­ten vie­le Geflüch­te­te nach ihrem lebens­ge­fähr­li­chen Weg über die Ost­see hier. Bei­des führ­te dazu, dass die Pro­vinz Schles­wig-Hol­stein die meis­ten Flücht­lin­ge und Hei­mat­ver­trie­be­nen aus dem Osten auf­nahm.

Für weni­ge Tage wird Flens­burg hoch im Nor­den die neue Reichs­haupt­stadt, denn Ber­lin ist von der Roten Armee ein­ge­kes­selt.
In sei­nem poli­ti­schen Tes­ta­ment hat­te Hit­ler am 30. April 1945
den Ober­be­fehls­ha­ber der deut­schen Kriegs­ma­ri­ne, Groß­ad­mi­ral Karl Dönitz, zu sei­nem Nach­fol­ger als Reichs­prä­si­den­ten und Ober­be­fehls­ha­ber der Wehr­macht erklärt.

Der Admi­ral — Hard­li­ner und bis zur letz­ten Sekun­de treu­er Gefolgs­mann Hit­lers — tritt das Erbe wei­sungs­ge­mäß an, bil­det in Flens­burg-Mür­wik sei­ne geschäfts­füh­ren­de Reichs­re­gie­rung und lässt wei­ter­kämp­fen.

An “End­sieg” oder ein Wun­der kön­nen nach Hit­lers Selbst­mord selbst Hart­ge­sot­te­ne wie er nicht mehr glau­ben; sein Plan ist, so lan­ge durch­zu­hal­ten, bis Ame­ri­ka­nern, Bri­ten und Fran­zo­sen einem Sepa­rat­frie­den zustim­men.

Die­se Hoff­nun­gen wer­den ent­täuscht. Am 8. Mai 1945 muss Dönitz über einen Flens­bur­ger Radio­sen­der die bedin­gungs­lo­se Kapi­tu­la­ti­on der Wehr­macht ver­kün­den, am 9. Mai 1945 unter­zeich­net Gene­ral­feld­mar­schall Wil­helm Kei­tel die bedin­gungs­lo­se Kapi­tu­la­ti­on gegen­über der Sowjet­uni­on.


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Von mi gift dat nix!

Zwölf Jah­re lang hat­te man die „ deut­sche Volks­ge­mein­schaft“  pro­pa­giert und gefei­ert, jetzt ist sie kei­nen Pfif­fer­ling mehr wert.

Die 12 Mil­lio­nen, die  sich kurz vor oder nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges aus Ost­preu­ßen, Pom­mern, Schle­si­en und dem Sude­ten­land auf die gefähr­li­che Flucht in Rich­tung Wes­ten machen oder von den neu­en Macht­ha­bern im Osten ver­trie­ben wer­den, müs­sen schnell fest­stel­len, dass sie nicht will­kom­men sind.

Für die meis­ten Ein­hei­mi­schen sind die Flücht­lin­ge aus dem Osten die „Habe­nicht­se“, die unein­ge­la­den gekom­men sind, um von dem Weni­gen, das noch übrig ist, zu neh­men. Sie sind die ver­laus­ten “Pola­cken” und „Aso­zia­len“, die in Not­un­ter­künf­ten und Bara­cken hau­sen.

Das wird noch eine gan­ze Wei­le so blei­ben. Bis weit in die 1950er und 1960er Jah­re sind Flücht­lin­ge  die “Ande­ren” — die  out­group -, die von den Ein­hei­mi­schen ver­ach­tet wer­den.

“… Hil­de­gard von Kam­cke hat­te kei­ner­lei Talent für die Opfer­rol­le. Den ver­laus­ten Kopf erho­ben, drei­hun­dert Jah­re ost­preu­ßi­schen Fami­li­en­stamm­baum im Rücken, war sie in die eis­kal­te Gesin­de­kam­mer neben der Die­le gezo­gen, die Ida Eck­hoff ihnen als Unter­kunft zuge­wie­sen hat­te.
Sie hat­te das Kind auf die Stroh­ma­trat­ze gesetzt, ihren Ruck­sack abge­stellt und Ida mit ruhi­ger Stim­me und der kor­rek­ten Arti­ku­la­ti­on einer Sän­ge­rin den Krieg erklärt: ‘Mei­ne Toch­ter bräuch­te dann bit­te etwas zu essen.’
Und Ida Eck­hoff, Alt­län­der Bäue­rin in sechs­ter Genera­ti­on, Wit­we und Mut­ter eines ver­wun­de­ten Front­sol­da­ten, hat­te sofort zurück­ge­feu­ert: ‘Von mi gift dat nix!”

Aus: Altes Land von Dör­te Han­sen

Nachstoppeln, Schwarzmarkt und Brennhexe

Man ver­teilt alle Neu­an­kömm­lin­ge so schnell wie mög­lich auf länd­li­che Gebie­te, wo man durch Schre­ber­gär­ten, Ern­te­ar­beit und “Nach­stop­peln” auf eine bes­se­re Ernäh­rungs­si­tua­ti­on hofft. Oft bleibt aber nur der Schwarz­markt, um sich irgend­wie durch­zu­schla­gen.

Da vie­le Not­un­ter­künf­te unge­heizt sind, wer­den pri­mi­tiv zusam­men­ge­zim­mer­te Brenn­he­xen auf­ge­stellt, Torf ist meis­tens das ein­zi­ge erschwing­li­che Heiz­ma­te­ri­al — wenn es über­haupt etwas zum Hei­zen gibt.

War­me Klei­dung ist knapp, man sam­melt von den Zäu­nen hän­gen­ge­blie­be­ne Schafs­wol­le , um sie zu spin­nen. Neue Hosen und Klei­der ent­ste­hen aus alten Uni­for­men, Decken und Bett­zeug.

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Preis: EUR 10,00
Ein Roman über Fami­lie, Flucht und Ver­trei­bung und ihre Nach­we­hen, über ges­tern und heu­te, die Sehn­sucht nach Hei­mat und das Alte Land bei Ham­burg — groß­ar­tig und mit fei­ner Iro­nie geschrie­ben. Ein span­nen­des Buch, das man erst schwe­ren Her­zens aus der Hand legt, wenn man es durch­ge­le­sen hat. Dör­te Han­sen, Altes Land*, Ver­lags­grup­pe Ran­dom House GmbH, 2015

Durch die Umver­tei­lung steigt die Ein­woh­ner­zahl der nord­deut­schen Gemein­den und Klein­städ­te rapi­de an:  In den Krei­sen Eckern­för­de und Stor­marn ver­dop­pelt sie sich, in Groß­hans­dorf zählt man kurz nach Kriegs­en­de 1.500 Ein­hei­mi­schen und 3.500 Flücht­lin­ge, in Rends­burg beträgt der Bevöl­ke­rungs­zu­wachs 65 Pro­zent.

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Lebens­mit­tel­zu­tei­lung bei Kriegs­en­de

Bei der ers­ten gesamt­deut­schen Volks­zäh­lung im Okto­ber 1946 leben in Schles­wig-Hol­stein 2,6 Mil­lio­nen Men­schen, das sind rund eine Mil­li­on Ein­woh­ner mehr als vor Kriegs­be­ginn im Jahr 1939.

In Zah­len “kom­men” nach Kriegs­en­de in Schles­wig-Hol­stein drei Flücht­lin­ge auf auf vier Ein­hei­mi­sche, in Nie­der­sach­sen ist das Ver­hält­nis 1:2, in Bay­ern 1:3.

Wir waren die ‚Russen‘

In der sozia­len Hack­ord­nung ste­hen die Flücht­lin­ge ganz unten.

Man mag ihren Dia­lekt, ihr Brauch­tum und ihre Kul­tur nicht, gele­gent­lich stört man sich auch an ihrer Reli­gi­on: Pro­tes­tan­ti­sche und „Pill­kal­ler“ trin­ken­de Ost­preu­ßen sind für katho­li­sche Dorf­ge­mein­schaf­ten in Ober­bay­ern schlicht­weg eine Zumu­tung.

Es gibt zu vie­le Flücht­lin­ge, sagen die Men­schen.
Es gibt zu wenig Men­schen, sagen die Flücht­lin­ge.
Ernst Ferstl

Als die ers­te Not vor­über ist und in Dör­fern und Gemein­den wie­der Tanz­ver­an­stal­tun­gen und Fes­te statt­fin­den, ach­ten die Müt­ter mit Argus­au­gen dar­auf, dass ihre Söh­ne nicht mit einem Flücht­lings­mäd­chen anban­deln oder ihre Töch­ter einem Flücht­ling schö­ne Augen machen.

Man fürch­tet sie, die aus dem Osten, denn sie spre­chen einen frem­den Dia­lekt, haben ande­re Sit­ten, pfle­gen Tra­di­tio­nen und Fei­er­ta­ge, die man hier nicht kennt.

„Dann kam ich nach Neu­en­dorf, einem Dorf bei Elms­horn. Man wur­de Fami­li­en zuge­wie­sen. Da waren wir dann die ‚Rus­sen‘, wir kamen ja aus dem Osten.”

Ilse, eine jun­ge Mut­ter, die mit Kin­dern und ver­wun­de­tem Ehe­mann aus dem sude­ten­deut­schen Aus­sig ins frän­ki­sche Ster­pers­dorf zum Bru­der ihres Man­nes – einem Pas­tor – geflo­hen war, schreibt spä­ter in ihren Erin­ne­run­gen:

„Jenes Jahr ’45 wur­de das schwers­te unse­res Lebens.

Es waren nicht die vie­len Unzu­läng­lich­kei­ten im Ver­hält­nis zu unse­ren Ver­wand­ten, unter denen wir lit­ten, es war der völ­li­ge Man­gel an Ver­ständ­nis für unse­re Lage, der mein Herz fast stünd­lich wie mit klei­nen Nadel­sti­chen durch­lö­cher­te. Es ist müßig im Ein­zel­nen dar­über zu berich­ten, es war sicher vie­les nicht böser Wil­le, son­dern ein­fach mensch­li­ches Ver­sa­gen, Dumm­heit und Selbst­ge­rech­tig­keit. Mög­li­cher­wei­se war auch unse­re Hal­tung manch­mal unge­schickt. Auf alle Fäl­le wur­de das Zusam­men­le­ben und Haus­hal­ten von Tag zu Tag schwie­ri­ger.”


Der Faktor Mensch

Es ist eine güns­ti­ge Mischung aus vie­len Fak­to­ren, die Deutsch­land so kurz nach dem ver­lo­re­nen Krieg einen Wirt­schafts­auf­schwung beschert, mit dem nie­mand gerech­net hat­te.

Neben dem Export sind es vor allem der Woh­nungs­bau und die tra­di­tio­nell star­ke Auto­mo­bil­in­dus­trie, die zu Kon­junk­tur­lo­ko­mo­ti­ven der boo­men­den Wirt­schaft wer­den, der Nach­hol­be­darf ist rie­sig.

Inner­halb weni­ger Jah­re schaf­fen es die West­deut­schen von der „Stun­de Null“ zur Voll­be­schäf­ti­gung.

Die Wäh­rungs­re­form, die Idee der sozia­len Markt­wirt­schaft und Lud­wig Erhard sind wich­tig, doch die wich­tigs­te Rol­le beim Wirt­schafts­wun­der dürf­te der „Fak­tor Mensch“ gespielt haben: Gut aus­ge­bil­de­te Arbeits­kräf­te, die bereit sind, zu nied­ri­gen Are­beits­löh­nen zu schaf­fen, um sich eine neue Exis­tenz auf­zu­bau­en und vor­an­zu­kom­men.

Beson­ders flei­ßig sind die, die alles ver­lo­ren haben — die Flücht­lin­ge aus dem Osten. Der “Brain­gain”, der Gewinn an neu­en Talen­ten, tut sein Übri­ges, sagen Wirt­schafts­his­to­ri­ker.


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Äußer­lich fand Deutsch­land schnell sei­nen Weg in eine bes­se­re Zukunft, inner­lich blie­ben alte Wun­den und Nar­ben. Ein sehr ein­fühl­sa­mes Buch, her­vor­ra­gend recher­chiert und mit vie­len Fall­bei­spie­len über die Nach­wir­kun­gen von Krieg, Flucht und Ver­trei­bung, die teil­wei­se bis in die Genera­ti­on der Kin­der und Enkel zu spü­ren sind. Anne-Ev Ustorf, Wir Kin­der der Kriegs­kin­der*, Ver­lag Her­der GmbH, 2010


Das hört nicht auf. Nie hört das auf.

Ohne­hin stand für sie fest, dass sowas [wie das Auf­tre­ten jugend­li­cher Neo­na­zis] nur pas­sie­ren konn­te, weil man jahr­zehn­te­lang ‘ieber die Just­loff nich reden jedurft hat. Bai ons im Osten sowie­so nich. Ond bai dir im Wes­ten ham se, wenn ieber­haupt von frie­her, denn immer­zu nur von and­re schlim­me Sachen, von Ausch­witz und sowas jere­det” , lässt Gün­ther Grass die Mut­ter sei­nes Prot­ago­nis­ten, Tul­la Pokrief­ke, in sei­ner Novel­le Im Krebs­gang sagen.

Es ist bereits 2002, als Im Krebs­gang erscheint, und obwohl Flucht und Ver­trei­bung schon vie­le Jahr­zehn­te zurück­lie­gen, ist es ein unge­heu­rer Tabu­bruch: Grass wid­met sich erst­mals dem Leid der Deut­schen am Ende des 2. Welt­krie­ges.

Mit viel Fin­ger­spit­zen­ge­fühl weist er auf die fata­len Fol­gen hin, die Deut­schen ein­sei­tig als “Immer-Schul­di­ge” dar­zu­stel­len und nie ihr Leid als  Opfer des Krie­ges sehen zu dür­fen.

Eine “poli­ti­sche Kor­rekt­heit” mit Kon­se­quen­zen für die nächs­ten Genera­tio­nen:

[…] stell­te sich in deut­scher und eng­li­scher Spra­che eine Web­site vor, die als “www.kameradschaft-konrad-pokriefke.de” für jeman­den warb, des­sen Hal­tung und Gedan­ken­gut vor­bild­lich sei­en, den des­halb das ver­hass­te Sys­tem ein­ge­ker­kert habe. “Wir glau­ben an dich, wir war­ten auf dich, wir fol­gen dir …” Und­so­wei­ter und­so­wei­ter.

Das hört nicht auf. Nie hört das auf.”


Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Nach dem Kriegs­en­de 1945 ist Deutsch­land zwar ein armes und hung­ri­ges Land, ein unter­ent­wi­ckel­tes war es nie. Es sind aber nicht nur Fleiß und Lud­wig Erhard, die das deut­sche  “Wirt­schafts­wun­der” ermög­li­chen, son­dern vor allem der kal­te Krieg, die Tat­sa­che, dass Deutsch­lands Kriegs­geg­ner die­ses Mal dazu­ge­lernt haben, — und nicht zuletzt 12 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge.
1948: Das Mär­chen vom Wirt­schafts­wun­der

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2015 (über­ar­bei­tet 2018)


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Erst im Jahr 2002 brach Gün­ther Grass mit sei­ner Novel­le “Im Krebs­gang” ein Tabu und beschrieb das Leid der Deut­schen am Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges — und die Fol­gen des lan­gen Schwei­gens dar­über. Eine viel­schich­ti­ge Novel­le, meis­ter­haft erzählt und sehr lesens­wert! Gün­ther Grass, Im Krebs­gang*, dtv Ver­lags­ge­sell­schaft, 2004

Ein sehr ein­fühl­sa­mes Buch zum The­ma Kriegs­kin­der und Kriegs­en­kel, mit vie­len Fall­bei­spie­len und her­vor­ra­gend beschrie­be­nen Unter­su­chungs­er­geb­nis­sen. Denn es sind nicht nur Bom­ben, Flucht und Ver­trei­bung, die zum Teil bis heu­te Aus­wir­kun­gen haben, son­dern auch die Erzie­hungs­me­tho­den jener Zeit. Anne-Ev Ustorf, Wir Kin­der der Kriegs­kin­der*, Ver­lag Her­der GmbH, 2010

Preis: EUR 10,00
Ein Roman über Fami­lie, Flucht und Ver­trei­bung und ihre Nach­we­hen, über ges­tern und heu­te, die Sehn­sucht nach Hei­mat und das Alte Land bei Ham­burg — groß­ar­tig und mit fei­ner Iro­nie geschrie­ben. Ein span­nen­des Buch, das man erst schwe­ren Her­zens aus der Hand legt, wenn man es durch­ge­le­sen hat. Dör­te Han­sen, Altes Land*, Ver­lags­grup­pe Ran­dom House GmbH, 2015


Zwi­schen Drill und Miss­hand­lung:
Nach wie vor eine der bes­ten Publi­ka­tio­nen über den NS- Müt­ter- und Erzie­hungs­kult, der bis heu­te Wir­kung zeigt — sehr emp­feh­lens­wert für Betrof­fe­ne und Inter­es­sier­te. Sig­rid Cham­ber­lain, Adolf Hit­ler, die deut­sche Mut­ter und ihr ers­tes Kind*, Psy­cho­so­zi­al-Ver­lag, 2010 (Erst­ver­öf­fent­li­chung: 1997)

Geschich­te und Welt­po­li­tik als Fol­ge geo­gra­phi­scher Gege­ben­hei­ten, span­nend erklärt, so dass Zusam­men­hän­ge und his­to­ri­sche Ent­wick­lun­gen greif­bar wer­den. Tim Mar­shall, Die Macht der Geo­gra­phie*,  dtv Ver­lags­ge­sell­schaft, 2017

35 Jah­re, die die Welt ver­än­dert haben. Die gewal­ti­gen Tur­bu­len­zen in der euro­päi­schen Geschich­te von 1914 bis 1949 meis­ter­haft, fun­diert und fes­selnd vom His­to­ri­ker Ian Kers­haw erzählt:  Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949*. Pan­the­on Ver­lag, 2017

Wei­ter­füh­ren­de Links:


Die Deut­sche Geschich­te nach 1945 in alten Kino­wo­chen­schau­en erle­ben:
filmothek.bundesarchiv.de


Lese­emp­feh­lun­gen:


Sta­lin: Es ist ein Trep­pen­witz der Geschich­te, dass aus­ge­rech­net der sonst bis an die Gren­ze zur Para­noia miss­traui­sche Sta­lin die Zei­chen der Zeit nicht erkennt: Ab März 1941 berich­ten immer mehr sowje­ti­sche Spio­ne von einem nicht enden wol­len­den Strom deut­scher Trup­pen, die Rich­tung Osten mar­schie­ren. Doch Sta­lin wie­gelt ab, er kann sich nicht vor­stel­len, dass Hit­ler und sei­ne Gene­rä­le einen Zwei­fron­ten­krieg wagen wür­den und droht, dass Köp­fe rol­len wer­den, falls ohne sei­ne Erlaub­nis die Rote Armee in Marsch gesetzt wird.
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil3


Sta­lin­grad:Unter der Haken­kreuz­fah­ne, die auf der höchs­ten Rui­ne von Sta­lin­grad weit­hin sicht­bar gehißt wur­de, voll­zog sich der letz­te Kampf. Gene­ra­le, Offi­zie­re Unter­of­fi­zie­re und Mann­schaf­ten foch­ten Schul­ter an Schul­ter bis zur letz­ten Patro­ne. Sie star­ben, damit Deutsch­land lebe.” (Ori­gi­nal­aus­zug aus dem “Völ­ki­schen Beob­ach­ter” vom 29. Dezem­ber 1943)
Sie star­ben, damit Deutsch­land lebe


Der Zwei­te Welt­krieg: Fast nie­mand woll­te ihn: Bri­ten und Fran­zo­sen nicht, die Sowjets nicht und auch nicht die meis­ten Deut­schen. Die ein­zi­ge trei­ben­de Kraft ist Adolf Hit­ler. Seit sei­ner „Macht­er­grei­fung“ im Jahr 1933 wird die deut­sche Außen- und Innen­po­li­tik, die Wirt­schafts- und Finanz­po­li­tik ein­zig und allein auf das Ziel Krieg aus­ge­rich­tet. Eine Chro­no­lo­gie der größ­ten Kata­stro­phe in der Geschich­te der Mensch­heit:
Vor 70 Jah­ren: Welt­kriegs­en­de-Zusam­men­bruch-Befrei­ung


Hit­lers Anhän­ger: Was begeis­ter­te Mil­lio­nen Men­schen an Adolf Hit­ler, war­um folg­ten sie ihm bis in den Unter­gang? Ging es tat­säch­lich nur um Arbeit und Volks­ge­mein­schaft — oder steckt mehr hin­ter dem “Phä­no­men Hit­ler”?
Die Erlaub­nis zu has­sen


Erzie­hung: Es war wäh­rend des Drit­ten Rei­ches ein Best­sel­ler und galt als d e r Leit­fa­den zur Kin­der­er­zie­hung. Über die NS-Päd­ago­gik und Johan­na Haa­rers Mach­werk.
Zwi­schen Drill und Miss­hand­lung: Die deut­sche Mut­ter und ihr ers­tes Kind


Das Genera­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert


Zeit.de: Unse­re Will­kom­mens­kul­tur. Ein Sze­na­rio von Tho­mas Ass­heu­er
https://www.zeit.de/2015/44/fluechtlinge-willkommenskultur-rechte-konservative


Flucht und Ver­trei­bung aus der Sicht von Zeit­zeu­gen:
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg/kriegsverlauf/massenflucht


 Wir müssten das alles mal aufschreibenDie Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en bringt seit 2012 Lebens-. Fami­li­en- und Unter­neh­mens­bio­gra­fi­en als Bild­bio­gra­phi­en ins Buch und bie­tet außer­dem einen Ghost­wri­ting-Ser­vice mit den Schwer­punk­ten Geschich­te und Psy­cho­lo­gie an.
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auch auf unse­rer Home­page www.bildbiographien.de


 Bild­nach­wei­se:
1) „Ost­preu­ßen, Flücht­ling­treck“ von Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1976-072–09 / CC-BY-SA 3.0. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 de
2) Königs­berg, Volks­sturm, ADN-ZB/ Archiv II. Welt­krieg 1939–45 Deutsch-sowje­ti­sche Front in Ost­preu­ßen Mit­te Janu­ar 1945: Ange­hö­ri­ge des Volks­stur­mes mit Pan­zer­fäus­ten in einer Stel­lung vor Königs­berg, [Auf­nah­me: 20.1.1945], Bun­des­ar­chiv, Bild 183-R98401 / CC-BY-SA 3.0

3) U.S. Depart­ment of Sta­te, Kar­te vom 10. Janu­ar 1945: Ger­ma­ny – Poland Pro­po­sed Ter­ri­to­ri­al Chan­ges – Secret („Vor­schlag zur Gebiets­ver­än­de­rung – Geheim“), 4 Vor­schlä­ge des ame­ri­ka­ni­schen Außen­mi­nis­te­ri­ums, genutzt wäh­rend der Kon­fe­renz von Jal­ta und der Pots­da­mer Kon­fe­renz. „Ver­trei­bungs­ge­biet“ von ame­ri­ka­ni­sches Außen­mi­nis­te­ri­um — https://digicoll.library.wisc.edu/cgi-bin/FRUS/FRUS-idx?type=turn&entity=FRUS.FRUS1945Berlinv01.p0881&isize=M https://www.deutschlanddokumente.de/. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0
3) Das Laza­rett­schiff Wil­helm Gust­loff im Oslo­er Hafen By Bun­des­ar­chiv, Bild 121‑0665 / CC-BY-SA 3.0,

4) Pri­vat­ar­chiv
5) Nach Kriegs­en­de, 1945 After the end of the war, 1945, By US Army, Public Domain

6) „Bun­des­ar­chiv B 145 Bild-F004204-0003, Lud­wig Erhard mit sei­nem Buch“ von Bun­des­ar­chiv, B 145 Bild-F004204-0003 / Adri­an, Doris / CC-BY-SA 3.0. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 de



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Ein Gedanke zu „Ihr Flüchtlinge! Flucht und Vertreibung 1944 — 1950

  1. ihr lie­ben men­schen die ihr das alles lest,schaut zurück auf die­se zeit,war das nicht auch traurig+grausam???? und was haben wir dar­aus gelernt ??????
    macht eure her­zen auf,seid nicht so gemein zu euren mitmenschen,schenkt ein biss­chen lie­be +frie­de eurem nächs­ten das ist doch nicht viel oder???
    “denn die freu­de die wir geben kehrt ins eige­ne herz zurück”
    ich weiss von was ich rede,mir als waisenkind,hat auch die lie­be +zunei­gung gefehlt,zum glück gibt es sie noch die “net­ten men­schen”

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