Ihr Flüchtlinge! Flucht und Vertreibung 1944 bis 1950

Ihr Flüchtlinge! Flucht und Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg

Von ‚Will­kom­mens-Kul­tur‘ kann kei­ne Rede sein, als in den Jah­ren zwi­schen 1944 und 1950 rund 12 Mil­lio­nen Deut­sche und Deutsch­stäm­mi­ge aus dem Osten vor der her­an­rü­cken­den Roten Armee in den Wes­ten flie­hen.
In den Augen vie­ler Ein­hei­mi­scher sind sie die „Pola­cken“, die ihnen das Weni­ge, das sie nach dem ver­lo­re­nen Krieg noch haben, weg­neh­men wol­len.

Überrollt

Lan­ge Zeit war den Bewoh­nern Ost­preu­ßens unter Andro­hung schwe­rer Stra­fen die Flucht aus ihrer Hei­mat ver­bo­ten.
An den “End­sieg” glaubt nach Sta­lin­grad außer Hit­ler zwar fast kei­ner mehr, aber der Füh­rer hat einen per­fi­den Plan: Er will Sta­lins vor­rü­cken­der Roten Armee in Ost­preu­ßen einen „Schutz­wall“ aus Men­schen ent­ge­gen­stel­len. Dafür braucht er die Bevöl­ke­rung und des­halb müs­sen sie blei­ben.

Gro­ßes Ver­trau­en in die­sen ost­preu­ßi­schen Wall, der das Reich vor dem Ein­fall der “rasen­den Bol­sche­wis­ten” beschüt­zen soll, hat offen­sicht­lich kei­ner, denn zumin­dest die ost­preu­ßi­schen Par­tei­bon­zen set­zen sich schnellst­mög­lich ab.
Und da fast alle Män­ner im Krieg kämp­fen, sind es Frau­en, Kin­der und Alte, die Hit­lers Vor­stel­lung vom Schutz­wall Ost­preu­ßen erfül­len sol­len.

Als schließ­lich die Rote Armee in einer Groß­of­fen­si­ve ab dem 12. Janu­ar 1945 in kür­zes­ter Zeit die deut­sche Front ent­lang der Memel und der Weich­sel durch­bricht, gibt es trotz aller Ver­bo­te auch für sie kein Hal­ten mehr.

Frau­en und Kin­der flie­hen mit Groß­el­tern, alten Tan­ten und Onkeln und ihren wich­tigs­ten Hab­se­lig­kei­ten vor den Rus­sen in gro­ßen und klei­nen Trecks mit über­la­de­nen Pfer­de­kar­ren, Babys, Klein­kin­dern und Gepäck im Bol­ler­wa­gen oder zu Fuß mit einem Kof­fer in der Hand Rich­tung Wes­ten.

Flüchtlingtreck im Raum von Braunsberg (Ostpreußen), 1945
„Ost­preu­ßen, Flücht­ling­treck“ von Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1976-072–09 / CC-BY-SA 3.0. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 de

Die Bedin­gun­gen für ihre Flucht sind denk­bar schlecht.
Es ist tiefs­ter Win­ter und klir­rend kalt — und die Rote Armee erreicht noch vor den meis­ten Flücht­lings-Trecks das Fri­sche Haff bei Elbing und ver­sperrt ihnen damit den Flucht­weg über Land.

Die Flucht hat für fast alle viel zu spät begon­nen und sie wer­den von der Ost­front ein­fach „über­rollt“.

Das ‘Unternehmen Hannibal’

Nach­dem der Land­weg abge­schnit­ten ist, wer­den für die Flücht­lin­ge immer­hin Hilfs­maß­nah­men — so gut es geht — ein­ge­lei­tet.
Groß­ad­mi­ral Karl Dönitz ord­net im Janu­ar 1945 das Unter­neh­men „Han­ni­bal“ an, die größ­te Eva­ku­ie­rungs­maß­nah­me der Welt­ge­schich­te. Mit 700 Schif­fen der Kriegs­ma­ri­ne wer­den über zwei Mil­lio­nen Flücht­lin­ge über die Ost­see nach Meck­len­burg und Schles­wig-Hol­stein gebracht.

Dabei kommt es zu furcht­ba­ren Kata­stro­phen.
Am 30. Janu­ar 1945 wird der zum Flücht­lings­schiff umfunk­tio­nier­te ehe­ma­li­ge Trup­pen­trans­por­ter Wil­helm Gust­loff von 3 sowje­ti­schen Tor­pe­dos getrof­fen und ver­sinkt inner­halb kur­zer Zeit.

Bis heu­te ist die genaue Zahl der Opfer nicht bekannt, es wird geschätzt, dass 5000 bis 9000 Men­schen in der eis­kal­ten Ost­see ertrin­ken. Beim Unter­gang der Tita­nic im Jahr 1912 star­ben etwa 1600 Men­schen.

Die “Wil­helm Gust­loff” ist die schlimms­te Schiffs­ka­ta­stro­phe in der Geschich­te der Mensch­heit.

„ … Die­se Geschich­te fing lan­ge vor mir, vor mehr als hun­dert Jah­ren an, und zwar in der meck­len­bur­gi­schen Resi­denz­stadt Schwe­rin.
Hier wird 1895 jener Mann gebo­ren, der spä­ter als »Blut­zeu­ge« gefei­ert und einem Schiff den Namen geben wird, des­sen Unter­gang am 30. Janu­ar 1945 die größ­te Kata­stro­phe in der Geschich­te der See­fahrt dar­stellt.
Aus: Gün­ther Grass, Im Krebs­gang*

Das Laza­rett­schiff Wil­helm Gust­loff im Oslo­er Hafen

Die neue Reichshauptstadt Flensburg

Die meis­ten Flücht­lin­ge stran­den im Nor­den Deutsch­lands.
Hier gab es noch mehr intak­ten Wohn­raum als anders­wo im kriegs­zer­stör­ten ‘Reich’, außer­dem lan­de­ten vie­le Geflüch­te­te nach ihrem lebens­ge­fähr­li­chen Weg über die Ost­see in einer der Häfen, die noch eini­ger­ma­ßen intakt waren.
Bei­des führ­te dazu, dass die Pro­vinz Schles­wig-Hol­stein die meis­ten Flücht­lin­ge und Hei­mat­ver­trie­be­nen aus dem Osten auf­nahm.

Für weni­ge Tage wird sogar Flens­burg hoch im Nor­den die neue Reichs­haupt­stadt, denn Ber­lin ist von der Roten Armee ein­ge­kes­selt.

Hit­lers Erbe Groß­ad­mi­ral Karl Dönitz

Tief ent­täuscht von sei­ner rest­li­chen Entou­ra­ge hat­te Hit­ler am 30. April 1945 in sei­nem poli­ti­schen Tes­ta­ment den Ober­be­fehls­ha­ber der deut­schen Kriegs­ma­ri­ne, Groß­ad­mi­ral Karl Dönitz, zu sei­nem Nach­fol­ger als Reichs­prä­si­den­ten und Ober­be­fehls­ha­ber der Wehr­macht erklärt.

Der Admi­ral — Hard­li­ner bis zur letz­ten Sekun­de und treu­er Gefolgs­mann Hit­lers — tritt das Erbe wei­sungs­ge­mäß an, bil­det in Flens­burg-Mür­wik sei­ne geschäfts­füh­ren­de Reichs­re­gie­rung und lässt wei­ter­kämp­fen.
An einen “End­sieg” oder ein Wun­der kön­nen nach Hit­lers Selbst­mord selbst Hart­ge­sot­te­ne wie er nicht mehr glau­ben; er ver­folgt einen ande­ren Plan: So lan­ge wei­ter­kämp­fen wie mög­lich und mit Ame­ri­ka­nern, Bri­ten und Fran­zo­sen über einen Sepa­rat­frie­den ver­han­deln.

Denn irgend­wann, das ist auch den Natio­nal­so­zia­lis­ten klar, wird die Alli­anz aus West­mäch­ten und Sta­lins Sowjet­uni­on aus­ein­an­der­fal­len — müs­sen.

Die­se Hoff­nun­gen wer­den ent­täuscht.
Am 8. Mai 1945 muss Dönitz über einen Flens­bur­ger Radio­sen­der die bedin­gungs­lo­se Kapi­tu­la­ti­on der Wehr­macht im Wes­ten ver­kün­den, am 9. Mai 1945 unter­zeich­net Gene­ral­feld­mar­schall Wil­helm Kei­tel die bedin­gungs­lo­se Kapi­tu­la­ti­on gegen­über der Sowjet­uni­on.

ANZEIGE

Die gewal­ti­gen Tur­bu­len­zen in der euro­päi­schen Geschich­te von 1914 bis 1949,
vom bri­ti­schen His­to­ri­ker Ian Kers­haw meis­ter­haft, fun­diert und fes­selnd erzählt, mit vie­len inter­es­san­ten Hin­ter­grün­den und Aspek­ten, die wenig bekannt sind. Lesens­wert!

Ian Kers­haw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949*. Pan­the­on Ver­lag, 2017


Von mi gift dat nix!

Zwölf Jah­re lang hat­te man die „ deut­sche Volks­ge­mein­schaft“  pro­pa­giert und gefei­ert, jetzt ist sie kei­nen Pfif­fer­ling mehr wert.

Die 12 Mil­lio­nen, die  sich kurz vor oder nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges aus Ost­preu­ßen, Pom­mern, Schle­si­en und dem Sude­ten­land auf die gefähr­li­che Flucht in Rich­tung Wes­ten machen oder von den neu­en Macht­ha­bern im Osten ver­trie­ben wer­den, müs­sen schnell fest­stel­len, dass sie nicht will­kom­men sind.

Für die meis­ten Ein­hei­mi­schen sind die Flücht­lin­ge aus dem Osten die „Habe­nicht­se“, die unein­ge­la­den gekom­men sind, um von dem Weni­gen, das noch übrig ist, zu neh­men.
Sie sind die ver­laus­ten “Pola­cken” und „Aso­zia­len“, die in Not­un­ter­künf­ten und Bara­cken hau­sen.

Das wird noch eine gan­ze Wei­le so blei­ben.
Bis weit in die 1950er und 1960er Jah­re sind Flücht­lin­ge  die “Ande­ren” — die  out­group -, die von den Ein­hei­mi­schen ver­ach­tet wer­den:

“… Hil­de­gard von Kam­cke hat­te kei­ner­lei Talent für die Opfer­rol­le. Den ver­laus­ten Kopf erho­ben, drei­hun­dert Jah­re ost­preu­ßi­schen Fami­li­en­stamm­baum im Rücken, war sie in die eis­kal­te Gesin­de­kam­mer neben der Die­le gezo­gen, die Ida Eck­hoff ihnen als Unter­kunft zuge­wie­sen hat­te.
Sie hat­te das Kind auf die Stroh­ma­trat­ze gesetzt, ihren Ruck­sack abge­stellt und Ida mit ruhi­ger Stim­me und der kor­rek­ten Arti­ku­la­ti­on einer Sän­ge­rin den Krieg erklärt: ‘Mei­ne Toch­ter bräuch­te dann bit­te etwas zu essen.‘
Und Ida Eck­hoff, Alt­län­der Bäue­rin in sechs­ter Genera­ti­on, Wit­we und Mut­ter eines ver­wun­de­ten Front­sol­da­ten, hat­te sofort zurück­ge­feu­ert: ‘Von mi gift dat nix!“

Aus: Altes Land* von Dör­te Han­sen


Man ver­teilt alle Neu­an­kömm­lin­ge so schnell wie mög­lich vor allem auf länd­li­che Gebie­te, wo man durch Schre­ber­gär­ten, Ern­te­ar­beit und “Nach­stop­peln” auf eine bes­se­re Ernäh­rungs­si­tua­ti­on hofft. Oft bleibt aber nur der Schwarz­markt, um sich irgend­wie durch­zu­schla­gen.

Da vie­le Not­un­ter­künf­te unge­heizt sind, wer­den pri­mi­tiv zusam­men­ge­zim­mer­te Brenn­he­xen auf­ge­stellt, die mit Torf beheizt wer­den, meis­tens das ein­zi­ge erschwing­li­che Heiz­ma­te­ri­al — wenn es über­haupt etwas zum Hei­zen gibt.
War­me Klei­dung ist knapp, man sam­melt Schafs­wol­le, die an den Zäu­nen hän­gen­ge­blie­ben ist, um sie zu spin­nen. Neue Hosen und Klei­der wer­den aus alten Uni­for­men, Decken und Bett­zeug geschnei­dert.

Durch die Umver­tei­lung steigt die Ein­woh­ner­zahl der nord­deut­schen Gemein­den und Klein­städ­te rapi­de an:  In den Krei­sen Eckern­för­de und Stor­marn ver­dop­pelt sie sich, in Groß­hans­dorf zählt man kurz nach Kriegs­en­de 1.500 Ein­hei­mi­schen und 3.500 Flücht­lin­ge, in Rends­burg beträgt der Bevöl­ke­rungs­zu­wachs 65 Pro­zent.

Lebens­mit­tel­zu­tei­lung bei Kriegs­en­de

Bei der ers­ten gesamt­deut­schen Volks­zäh­lung im Okto­ber 1946 leben in Schles­wig-Hol­stein 2,6 Mil­lio­nen Men­schen, das sind rund eine Mil­li­on Ein­woh­ner mehr als vor Kriegs­be­ginn im Jahr 1939.
In Zah­len “kom­men” nach Kriegs­en­de in Schles­wig-Hol­stein drei Flücht­lin­ge auf auf vier Ein­hei­mi­sche, in Nie­der­sach­sen ist das Ver­hält­nis 1:2, in Bay­ern 1:3.

Wir waren die ‘Russen’

In der sozia­len Hack­ord­nung ste­hen die Flücht­lin­ge ganz unten.
Man mag ihren Dia­lekt, ihr Brauch­tum und ihre Kul­tur nicht, ihre ande­ren Sit­ten und Tra­di­tio­nen und gele­gent­lich stört man sich auch an ihrer Reli­gi­on: Pro­tes­tan­ti­sche und „Pill­kal­ler“ trin­ken­de Ost­preu­ßen sind für katho­li­sche Dorf­ge­mein­schaf­ten in Ober­bay­ern schlicht­weg eine Zumu­tung.

Ihr Flüchtlinge! Flucht und Vertreibung 1944 bis 1950

Als die ers­te Not vor­über ist und in Dör­fern und Gemein­den wie­der Tanz­ver­an­stal­tun­gen und Fes­te statt­fin­den, ach­ten die Müt­ter mit Argus­au­gen dar­auf, dass ihre Söh­ne nicht mit einem Flücht­lings­mäd­chen anban­deln oder ihre Töch­ter einem Flücht­ling schö­ne Augen machen.

Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand wer­den sie “Rus­sen” oder “Pola­cken” genannt, denn sie sind ja aus dem Osten, und sie sind eben alle­samt Habe­nicht­se.

Ilse, eine jun­ge Mut­ter, die mit ihren Kin­dern und dem ver­wun­de­tem Ehe­mann aus dem sude­ten­deut­schen Aus­sig ins frän­ki­sche Ster­pers­dorf zum Bru­der ihres Man­nes – einem Pas­tor – geflo­hen war, schreibt spä­ter in ihren Erin­ne­run­gen:

Jenes Jahr ’45 wur­de das schwers­te unse­res Lebens.
Es waren nicht die vie­len Unzu­läng­lich­kei­ten im Ver­hält­nis zu unse­ren Ver­wand­ten, unter denen wir lit­ten, es war der völ­li­ge Man­gel an Ver­ständ­nis für unse­re Lage, der mein Herz fast stünd­lich wie mit klei­nen Nadel­sti­chen durch­lö­cher­te.
Es ist müßig im Ein­zel­nen dar­über zu berich­ten, es war sicher vie­les nicht böser Wil­le, son­dern ein­fach mensch­li­ches Ver­sa­gen, Dumm­heit und Selbst­ge­rech­tig­keit. Mög­li­cher­wei­se war auch unse­re Hal­tung manch­mal unge­schickt. Auf alle Fäl­le wur­de das Zusam­men­le­ben und Haus­hal­ten von Tag zu Tag schwie­ri­ger.”


Der ‘Faktor Mensch’

Es ist eine güns­ti­ge Mischung aus vie­len Fak­to­ren, die Deutsch­land so kurz nach dem ver­lo­re­nen Krieg einen Wirt­schafts­auf­schwung beschert, mit dem nie­mand gerech­net hat­te.
Neben dem Export sind es vor allem der Woh­nungs­bau und die tra­di­tio­nell star­ke Auto­mo­bil­in­dus­trie, die zu Kon­junk­tur­lo­ko­mo­ti­ven der boo­men­den Wirt­schaft wer­den, der Nach­hol­be­darf ist rie­sig.

Inner­halb weni­ger Jah­re schaf­fen es die West­deut­schen von der „Stun­de Null“ zur Voll­be­schäf­ti­gung.

Die Wäh­rungs­re­form, die Idee der sozia­len Markt­wirt­schaft und Lud­wig Erhard sind wich­tig, doch die wich­tigs­te Rol­le beim Wirt­schafts­wun­der dürf­te der „Fak­tor Mensch“ gespielt haben:
Gut aus­ge­bil­de­te Arbeits­kräf­te, die bereit sind, für nied­ri­gen Löh­ne zu arbei­ten, um sich eine neue Exis­tenz auf­zu­bau­en und vor­an­zu­kom­men.
Beson­ders flei­ßig sind die, die alles ver­lo­ren haben — die Flücht­lin­ge aus dem Osten.
Der “Brain­gain”, der Gewinn an neu­en Talen­ten, war für’s Wirt­schafts­wun­der ein wesent­li­cher Fak­tor, sagen Wirt­schafts­his­to­ri­ker heu­te.

Ludwig Erhard und das Wirtschaftswunder

Das hört nicht auf. Nie hört das auf …

“… Ohne­hin stand für sie fest, dass sowas [wie das Auf­tre­ten jugend­li­cher Neo­na­zis] nur pas­sie­ren konn­te, weil man jahr­zehn­te­lang ‘ieber die Just­loff nich reden jedurft hat. Bai ons im Osten sowie­so nich. Ond bai dir im Wes­ten ham se, wenn ieber­haupt von frie­her, denn immer­zu nur von and­re schlim­me Sachen, von Ausch­witz und sowas jere­det”,
lässt Gün­ther Grass die Mut­ter sei­nes Prot­ago­nis­ten, Tul­la Pokrief­ke, in sei­ner Novel­le Im Krebs­gang* sagen.

Es ist bereits 2002, als Im Krebs­gang erscheint, und obwohl Flucht und Ver­trei­bung schon vie­le Jahr­zehn­te zurück­lie­gen, ist es ein unge­heu­rer Tabu­bruch: Grass wid­met sich erst­mals dem Leid der Deut­schen am Ende des 2. Welt­krie­ges.

Mit nobel­preis-ver­däch­ti­gem Fin­ger­spit­zen­ge­fühl weist er auf die fata­len Fol­gen hin, die Deut­schen ein­sei­tig als “Immer-Schul­di­ge” dar­zu­stel­len und nie ihr Leid als Opfer des Krie­ges sehen zu dür­fen.

Eine “poli­ti­sche Kor­rekt­heit” mit Kon­se­quen­zen für die nächs­ten Genera­tio­nen:

[…] stell­te sich in deut­scher und eng­li­scher Spra­che eine Web­site vor, die als “www​.kame​rad​schaft​-kon​rad​-pokrief​ke​.de” für jeman­den warb, des­sen Hal­tung und Gedan­ken­gut vor­bild­lich sei­en, den des­halb das ver­hass­te Sys­tem ein­ge­ker­kert habe. “Wir glau­ben an dich, wir war­ten auf dich, wir fol­gen dir …” Und­so­wei­ter und­so­wei­ter.

Das hört nicht auf. Nie hört das auf.”


Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www​.bild​bio​gra​phi​en​.de, 2015 (über­ar­bei­tet 2018)

Lesen Sie im nächs­ten Bei­trag: Nach dem Kriegs­en­de 1945 ist Deutsch­land zwar ein armes und hung­ri­ges Land, ein unter­ent­wi­ckel­tes war es nie. Es sind aber nicht nur Fleiß und Lud­wig Erhard, die das deut­sche  “Wirt­schafts­wun­der” ermög­li­chen, son­dern vor allem der kal­te Krieg, die Tat­sa­che, dass Deutsch­lands Kriegs­geg­ner die­ses Mal dazu­ge­lernt haben, — und nicht zuletzt 12 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge.
1948: Das Mär­chen vom Wirt­schafts­wun­der

Buch­emp­feh­lun­gen:

Die mit * gekenn­zeich­ne­ten Links sind soge­nann­te Affi­la­te-Links, die hel­fen, den Blog Genera­tio­nen­ge­spräch zu finan­zie­ren. Wenn Ihnen eine der ange­ge­be­nen Emp­feh­lun­gen gefällt und Sie das Buch (oder ein ande­res Pro­dukt) über die­sen Link bestel­len, erhält der Blog dafür eine klei­ne Pro­vi­si­on, ohne dass für Sie Mehr­kos­ten ent­ste­hen. Für Ihren Klick: Herz­li­chen Dank im Vor­aus!

Erst im Jahr 2002 brach Gün­ther Grass mit “Im Krebs­gang” ein Tabu
und beschrieb das Leid der Deut­schen am Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges — und die Fol­gen des lan­gen Schwei­gens dar­über. Eine viel­schich­ti­ge Novel­le, meis­ter­haft erzählt und sehr lesens­wert!
Gün­ther Grass, Im Krebs­gang*, dtv Ver­lags­ge­sell­schaft, 2004

Die letz­ten Tage des Drit­ten Rei­ches. Der gan­ze Irr­witz des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Sys­tems in einem Film. Nach einem Tat­sa­chen­ro­man des Hit­ler-Bio­gra­fen Joa­chim Fest, mit Bru­no Ganz (Adolf Hit­ler), Corin­na Har­fouch (Mag­da Goeb­bels), Alex­an­dra Maria Lara (Hit­lers Sekre­tä­rin Traudl Jun­ge) und vie­len ande­ren. Sehens­wert! Oli­ver Hirsch­bie­gel (Regie), Der Unter­gang*, Con­stan­tin Film, 2005, FSK 12

Es sind nicht nur Bom­ben, Flucht und Ver­trei­bung, die zum Teil bis heu­te Aus­wir­kung auf die nach­fol­gen­den Genera­tio­nen haben, son­dern auch die NS-Erzie­hungs­me­tho­den, die vie­le Kriegs­kin­der am eige­nen Leib spü­ren muss­ten und die tie­fe Spu­ren hin­ter­las­sen hat. Ein sehr ein­fühl­sa­mes Buch zum The­ma Kriegs­kin­der und Kriegs­en­kel, mit vie­len Fall­bei­spie­len und her­vor­ra­gend beschrie­be­nen Unter­su­chungs­er­geb­nis­sen. Anne-Ev Ustorf, Wir Kin­der der Kriegs­kin­der*, Ver­lag Her­der GmbH, 2010

Zwi­schen Drill und Miss­hand­lung:
Nach wie vor eine der bes­ten Publi­ka­tio­nen über den NS- Müt­ter- und Erzie­hungs­kult, der bis heu­te Wir­kung zeigt — sehr emp­feh­lens­wert für Betrof­fe­ne und Inter­es­sier­te.
Sig­rid Cham­ber­lain, Adolf Hit­ler, die deut­sche Mut­ter und ihr ers­tes Kind*, Psy­cho­so­zi­al-Ver­lag, 2010 (Erst­ver­öf­fent­li­chung: 1997)

Vier Jahr­zehn­te, die die Welt ver­än­dert haben.
Die gewal­ti­gen Tur­bu­len­zen in der euro­päi­schen Geschich­te von 1914 bis 1949 meis­ter­haft, fun­diert und fes­selnd vom His­to­ri­ker Ian Kers­haw erzählt.

Ian Kers­haw,  Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949*. Pan­the­on Ver­lag, 2017

Die Geschich­te der Deut­schen gut, über­sicht­lich und ver­ständ­lich erklärt. Neben allen wich­ti­gen Daten und Fak­ten gibt es vie­le Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Anek­do­ten, die das Lesen zum Ver­gnü­gen machen und das Ver­ste­hen von his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen erleich­tern. Für’s Nach­schla­gen und zum Quer­le­sen pri­ma geeig­net. Sehr emp­feh­lens­wert! Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2012


Wei­ter­füh­ren­de Bei­trä­ge:

Der Bom­ben­krieg: In der Nacht zum 28. Juli 1943 ent­zün­den 3000 bri­ti­sche und US-ame­ri­ka­ni­sche Bom­ber im Ham­bur­ger Osten einen Feu­er­sturm, in dem über 30.000 Men­schen ster­ben. Der Schock danach sitzt in Ber­lin tief. Reichs­rüs­tungs­mi­nis­ter Speer sagt zu Hit­ler, noch sechs sol­che Angrif­fe, und der Krieg sei zu Ende. Und Feld­mar­schall Erhard Milch, der Gene­ral­inspek­teur der Luft­waf­fe, erklärt: ‘Wir haben den Krieg ver­lo­ren! End­gül­tig ver­lo­ren!’
Ham­burg 1943: Die Ope­ra­ti­on Gomor­rha

Der Zwei­te Welt­krieg: Fast nie­mand woll­te ihn: Bri­ten und Fran­zo­sen nicht, die Sowjets nicht und auch nicht die meis­ten Deut­schen. Die ein­zi­ge trei­ben­de Kraft ist Adolf Hit­ler. Seit sei­ner „Macht­er­grei­fung“ im Jahr 1933 wird die deut­sche Außen- und Innen­po­li­tik, die Wirt­schafts- und Finanz­po­li­tik ein­zig und allein auf das Ziel Krieg aus­ge­rich­tet. Eine Chro­no­lo­gie der größ­ten Kata­stro­phe in der Geschich­te der Mensch­heit:
Der 2. Welt­krieg: Kriegs­en­de-Zusam­men­bruch-Befrei­ung

Hit­lers Anhän­ger: Was begeis­ter­te Mil­lio­nen Men­schen an Adolf Hit­ler, war­um folg­ten sie ihm bis in den Unter­gang? Ging es tat­säch­lich nur um Arbeit und Volks­ge­mein­schaft — oder steckt mehr hin­ter dem “Phä­no­men Hit­ler”?
Die Erlaub­nis zu has­sen

Schwar­ze Päd­ago­gik: Es war wäh­rend des Drit­ten Rei­ches ein Best­sel­ler und galt als d e r Leit­fa­den zur Kin­der­er­zie­hung. Über die NS-Päd­ago­gik und Johan­na Haa­rers Mach­werk.
Zwi­schen Drill und Miss­hand­lung: Johan­na Haa­rers “Die deut­sche Mut­ter und ihr ers­tes Kind”

Resi­li­enz ist die Fähig­keit, “an furcht­ba­ren Pro­ble­men zu wach­sen” , wie es der „Vater der Resi­li­enz­for­schung“, Boris Cyrul­nik, aus­drückt — übri­gens auch ein Kriegs­kind. Aber was ist Resi­li­enz, wie ent­steht sie — und kann man sie erwer­ben?
Die Ener­gie folgt der Auf­merk­sam­keit

Das Genera­tio­nen­ge­spräch über ein Jahr­hun­dert mit Dik­ta­tu­ren, Welt­krie­gen, Mil­lio­nen Kriegs­to­ten, Ver­letz­ten, Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen, das uns heu­te noch in den Kno­chen steckt.
Das 20. Jahr­hun­dert

Link­emp­feh­lun­gen:

Die Deut­sche Geschich­te nach 1945 in alten Kino­wo­chen­schau­en:
fil​mo​thek​.bun​des​ar​chiv​.de

Flucht und Ver­trei­bung aus der Sicht von Zeit­zeu­gen:
https://​www​.dhm​.de/​l​e​m​o​/​k​a​p​i​t​e​l​/​z​w​e​i​t​e​r​-​w​e​l​t​k​r​i​e​g​/​k​r​i​e​g​s​v​e​r​l​a​u​f​/​m​a​s​s​e​n​f​l​u​cht

Zeit​.de: Unse­re Will­kom­mens­kul­tur. Ein Sze­na­rio von Tho­mas Ass­heu­er
https://​www​.zeit​.de/​2​0​1​5​/​4​4​/​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​e​-​w​i​l​l​k​o​m​m​e​n​s​k​u​l​t​u​r​-​r​e​c​h​t​e​-​k​o​n​s​e​r​v​a​t​ive

Bild­nach­wei­se:

Ost­preu­ßen, Flücht­ling­treck“ von Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1976-072–09 / CC-BY-SA 3.0. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 de
Das Laza­rett­schiff Wil­helm Gust­loff im Oslo­er Hafen By Bun­des­ar­chiv, Bild 121‑0665 / CC-BY-SA 3.0
Pri­vat­ar­chiv


AGENTUR FÜR BILDBIOGRAPHIEN DR. SUSANNE GEBERT

ShopFACEBOOK * XING * PINTEREST
Kon­takt * Daten­schutz * Impres­sum

Geschichte und Psychologie Vergangenheit verstehen um mit der Zukunft besser klar zu kommen

Die Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en bringt seit 2012 Lebens-. Fami­li­en- und Unter­neh­mens­bio­gra­fi­en als Bild­bio­gra­phi­en ins Buch und bie­tet außer­dem einen Ghost­wri­ting-Ser­vice mit den Schwer­punk­ten Geschich­te und Psy­cho­lo­gie an.
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auch auf unse­rer Home­page www​.bild​bio​gra​phi​en​.de

2 Gedanken zu „Ihr Flüchtlinge! Flucht und Vertreibung 1944 bis 1950

  1. ihr lie­ben men­schen die ihr das alles lest,schaut zurück auf die­se zeit,war das nicht auch traurig+grausam???? und was haben wir dar­aus gelernt ??????
    macht eure her­zen auf,seid nicht so gemein zu euren mitmenschen,schenkt ein biss­chen lie­be +frie­de eurem nächs­ten das ist doch nicht viel oder???
    “denn die freu­de die wir geben kehrt ins eige­ne herz zurück”
    ich weiss von was ich rede,mir als waisenkind,hat auch die lie­be +zunei­gung gefehlt,zum glück gibt es sie noch die “net­ten men­schen”

  2. Mei­ner­seits möch­te ich bemer­ken das wir, ich 1946 ich als 1/2 jäh­ri­ges Baby, mit mei­nen bei­den Schwes­tern 6 und 4 und Jah­re mit unse­ren Eltern aus unse­rer ange­stamm­ten Hei­mat, dem Sude­ten­land, (mein Geburts­ort Anna­berg) “damals“Wohnort Wüst­sei­bers­dorf “/ Merich ‑Schönberg,emal. CSSR im Herbst des glei­chen Jah­res, ver­trie­ben wur­den.
    Nach Befehl,der Cechi­schen Sol­da­ten zwags­läüfig fol­gend, in Fieh­wa­gongs ver­la­den und Rich­tung Wes­ten gekarrt wurden.Wir hat­ten etwa zwei Std Zeit,nur mit dem mann was man am Lei­be trug, an der Bahn uns zum Abtrans­port ein­zu­fin­den.
    Ich mitt­ler­wi­le bin 73 Jahre,knapperer immer­noch an mei­nen Erfah­run­gen und den psüchi­schen Aus­wir­kun­gen aus der dama­li­gen Aus­gren­zugs und Büßer­zei, “als Aus­sät­zi­ge” aus dem Ost­len, der Jah­re (1946 bis weit in die 1970 ger) aus unser Zwangs­ein­wei­sung bei den Ein­hei­mi­schen, in Hes­sen.
    Unser zuge­wie­se­nes Quartier,ein Schwei­ne­stall!
    Der “Vieh­trans­port” “, wur­de auf dem Weg in den Wes­ten, “so auf­ge­löst:, In dem man immer 10 Per­so­nen abzählte,die zu Aus­stei­gen gezwun­gen wuren,egal ob Kin­der, oder Eltern ‚Ver­wan­te von­ein­an­der getrennt wur­den.
    War­um las­tet man nun immer den Nach­kriegs­ge­nera­ti­on, noch Jahr­hun­der­te die­se .Wet­kriegssver­bre­chen an? Wir befin­den uns doch schon fast in einer vier­ten
    Genera­ti­on! Die­se Mensch haben nich mal einen Hauch von dem dama­li­chen Kriegsgeschehen,im Dru­de ich selbst,nur aus Doku­men­tar­erzäh­lun­gen mei­ner Eltern und Ver­wan­ten!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.