Das Glücks-Tagebuch

Das Glückstagebuch_Agentur für BildbiographienIm „Erin­nern – wie­der­ho­len – durch­ar­bei­ten“ liegt die Kraft des Schrei­bens. Gedan­ken allein sind oft flüch­tig, wer sie dage­gen zu Papier bringt, setzt sich noch ein­mal beson­ders mit dem aus­ein­an­der, was ihm im Kopf her­um­schwirrt und sein Herz bewegt. Wer schreibt, kann sein Leben ver­än­dern – und glück­li­cher wer­den.

Ken­ne Dich selbst!“ und: „Jeder muss sein eige­nes Leben füh­ren“ sind Auf­for­de­run­gen, die so oft wie­der­holt wer­den, dass sie fast schon abge­dro­schen und tri­vi­al klin­gen.

Doch trotz stän­di­ger Wie­der­ho­lung wer­den sie auch stän­dig unter­lau­fen.
Sein eige­nes Leben füh­ren? Nach sei­ner eige­nen Façon selig wer­den?
Ja aber … nur so lan­ge, solan­ge es nie­man­den stört (oder zum Nach­den­ken bringt).

Und schon wird’s kom­pli­ziert.
Denn natür­lich sieht jeder sei­nen Weg als den “rich­ti­gen” an.
Und es sind nicht nur Eltern (die meis­ten zumin­dest), die möch­ten, dass ihre Söh­ne und Töch­ter ihre vor­ge­leb­ten Wert­vor­stel­lun­gen über­neh­men und sie dadurch als “rich­ti­gen” Weg aner­ken­nen.

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Das Leben eines ande­ren zu füh­ren, macht auf Dau­er unglück­lich; die Vor­lie­ben und Wert­vor­stel­lun­gen ande­rer aus Höf­lich­keit oder Bequem­lich­keit zu über­neh­men, ist kei­ne (Lebens-)Lösung.
Das Pro­blem: Wir plä­die­ren einer­seits für indi­vi­du­el­le Lebens­we­ge, aber zu sehr soll die­ser Weg von unse­ren eige­nen Vor­stel­lun­gen nicht abwei­chen — das ver­un­si­chert uns..


Aber es hilft nichts: Jeder Mensch kann tat­säch­lich nur auf sei­ne eige­ne Art glück­lich wer­den und muss sei­nen eige­nen Weg fin­den.

Star­ke Emo­tio­nen wie Angst, Freu­de, Trau­er und Zorn erle­ben wir alle ähn­lich, doch unse­re Vor­lie­ben und Abnei­gun­gen sind sehr per­sön­lich.
Ob man bei­spiels­wei­se Hard­rock mag oder lie­ber in die Oper geht, ist eine spe­zi­fi­sche und sehr indi­vi­du­el­le Mischung aus Genen und Erzie­hung.

Ken­ne Dich selbst!“ ist und bleibt des­halb die wich­tigs­te Basis unse­res Lebens­glücks – man muss nur den Mut haben, es auch ehr­lich zu tun.

Die Tagebücher des Giovanni Fava

Ein Weg, sich selbst bes­ser ken­nen zu ler­nen, ist das Schrei­ben.

Was ver­sier­te Tage­buch-Schrei­ber schon lan­ge (zumin­dest intui­tiv) wis­sen, wird mehr und mehr auch Gegen­stand wis­sen­schaft­li­cher For­schung: die wun­der­ba­re Kraft des Schrei­bens.
Unge­dach­tes und Unaus­ge­spro­che­nes wer­den durchs Auf­schrei­ben greif­bar, denn beim Schrei­ben kann sich nie­mand so leicht selbst über’s Ohr hau­en.
Erin­ne­run­gen und Erfah­run­gen, die man schwarz auf weiß sei­nem Tage­buch anver­traut hat, ste­hen da und kön­nen nach­träg­lich nicht mehr ver­än­dert wer­den (was unser Gehirn ansons­ten sehr ger­ne tut). Schrei­ben macht Schmerz­haf­tes erträg­li­cher.


Wel­che Kraft das Schrei­ben hat, hat unter ande­rem der ita­lie­ni­sche Psych­ia­ter Gio­van­ni Fava unter­sucht und dabei sei­nen Pati­en­ten mit Depres­sio­nen das Schwarz­se­hen durch „Tage­bü­cher des Glücks“ abge­wöhnt.

Er for­der­te sei­ne Pati­en­ten auf, alle guten Momen­te schrift­lich fest­zu­hal­ten.
In einem klei­nen Notiz­buch soll­ten sie so genau wie mög­lich ihre beson­de­ren Glücks­mo­men­te notie­ren und ihr Wohl­be­fin­den von 0 bis 100 Pro­zent ange­ben.
Vie­le sei­ner Pati­en­ten wei­ger­ten sich zunächst und ver­mu­te­ten, dass sie mit lee­ren Sei­ten zur nächs­ten The­ra­pie­stun­de erschei­nen wür­den.
Das war nie der Fall.
Denn Fava behielt mit sei­ner dem Expe­ri­ment zugrun­de lie­gen­den Hypo­the­se recht: Sogar Men­schen mit Depres­sio­nen haben glück­li­che Momen­te – sie bemer­ken sie nur nicht.

Das Fazit: Men­schen mit Depres­sio­nen, aber auch alle ande­ren, tun sich häu­fig schwer, sich ihr Glück ein­zu­ge­ste­hen. Oft genug geben wir uns unse­rer mensch­li­chen Nei­gung hin und sehen aus alter Gewohn­heit alles „Schwarz-in-Schwarz“.

Mit den “Glücks-Tage­bü­chern” konn­te Fava zei­gen, dass wir sogar im Zustand größ­ter Nie­der­ge­schla­gen­heit und Unzu­frie­den­heit vie­le glück­li­che Momen­te erle­ben, uns aber wei­gern, sie zu regis­trie­ren.

Der menschliche Hang zur Tragik

Nach­dem die Ergeb­nis­se sei­ner “Glücks-Tage­bü­cher” so ein­deu­tig waren, ent­wi­ckel­te Fava ein wei­te­res Expe­ri­ment, mit dem er Fehl­ur­tei­le und Selbst­sa­bo­ta­ge durch unse­ren mensch­li­chen “Hang zur Tra­gik” auf­deck­te.

Er ließ sei­ne Pati­en­ten genau auf­schrei­ben, wie sie ihre Glücks­mo­men­te emp­fun­den haben — und wel­ches Ereig­nis das Glück des Augen­blicks wie­der zer­stö­ren konn­te.
Auch das Ergeb­nis die­ser Unter­su­chung war ent­lar­vend: So berich­te­te bei­spiels­wei­se ein Pati­ent über das schö­ne Gefühl, beim Besuch sei­nes Nef­fen freu­dig emp­fan­gen wor­den zu sein, gefolgt von dem Gedan­ken:
„Er freut sich nur über mei­ne Geschen­ke“.

Die­se – meis­tens völ­lig unbe­grün­de­te – Schwarz­se­he­rei ist es, mit der wir viel zu oft unse­re Glücks­mo­men­te selbst unter­gra­ben.
Wer sich spä­ter erin­nert, wird sich mög­li­cher­wei­se nur an das Nega­ti­ve, also an die Zwei­fel erin­nern, und nicht an die Freu­de.

Wir Men­schen haben einen Hang zur Tra­gik, und beson­ders in unse­ren Erin­ne­run­gen ver­fes­ti­gen wir viel zu bereit­wil­lig und viel zu häu­fig nega­ti­ve Gefüh­le.
Wer bedrückt ist, dem kommt alles ande­re auch bedrü­ckend vor, Posi­ti­ves wird schlicht und ergrei­fend über­se­hen oder nicht erin­nert.


Psych­ia­ter Fava hat mit sei­nen Glücks-Tage­bü­chern die­se mensch­li­che Eigen­art (oder: Unart?) umgan­gen, indem er die Auf­merk­sam­keit sei­ner Pati­en­ten auf ihre guten Momen­te rich­te­te statt auf die schlech­ten.
Mit vol­lem Erfolg: Wer freu­di­ge Augen­bli­cke schwarz auf weiß fest­hält, kann sie spä­ter in sei­ner Erin­ne­rung nicht weg­dis­ku­tie­ren – und erin­nert sich bes­ser an sie.

Genau die­se schö­nen Erin­ne­run­gen ent­schei­den aber, ob wir uns als „Glücks-Kind“ oder als „Unglücks-Rabe“ füh­len.

Nicht unser Lei­den führt uns wei­ter, son­dern unse­re Lei­den­schaft.
Rein­hard K. Spren­ger


Nichts ist gut oder schlecht,
nur Dein Denken macht es dazu

Favas Glücks­ta­ge­bü­cher waren bei sei­nen Pati­en­ten so erfolg­reich, dass er dar­aus eine „Wohl­fin­densthe­ra­pie“ ent­wi­ckelt hat, die auch Men­schen ohne Depres­sio­nen hilft.

Sein zen­tra­ler Ansatz­punkt ist das Schrei­ben als „Mög­lich­keits­raum“, „Schutz­raum“ und „Frei­raum“, wie es in der Fach­spra­che der Exper­ten heißt.
Denn wer sei­ne (guten) Erin­ne­run­gen auf­schreibt, kann sie nach­träg­lich nicht in „unglück­lich“ umschrei­ben.

Wer schreibt, hat zudem die Mög­lich­keit, Umstän­de und Per­spek­ti­ven zu wech­seln, kann das Für und Wider von Ein­drü­cken und Erfah­run­gen abwä­gen, sich aus­pro­bie­ren und sich auch ein biss­chen neu erfin­den.
Wenn wir schrei­ben, müs­sen wir so ehr­lich wie sel­ten zu uns selbst sein – auch und beson­ders, was unser per­sön­li­ches Glück angeht.

Denn ein glück­li­ches Leben ist nicht die Fol­ge eines ein­zi­gen gro­ßen Glücks, son­dern ein Puz­zle aus vie­len klei­nen Glücks­mo­men­ten.
Glück ist die Kon­se­quenz aus unse­rer Wahr­neh­mung, unse­rer Sicht der Din­ge.
Es kommt viel stär­ker dar­auf an, wie wir eine Situa­ti­on wahr­neh­men und mit ihr umge­hen, und viel weni­ger, wie die Situa­ti­on tat­säch­lich ist.

Schö­ner sagt es natür­lich Shake­speare:
Nichts ist gut noch schlecht, nur Dein Den­ken macht es dazu.

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2016


Wei­ter­füh­ren­de Links zum The­ma Glück und Unglück:


Laven­del­duft beru­higt, Zitrus­öle machen gute Lau­ne und mensch­li­che Eizel­len duf­ten nach Mai­glöck­chen. Hirn­ge­s­pns­te? Nein, die “Kraft der fei­nen Düf­te” und ihre Wir­kung auf unser kör­per­li­ches und emo­tio­na­les Wohl­be­fin­den sind schon längst in der medi­zi­ni­schen For­schung ange­kom­men:
Die Kraft der fei­nen Düf­te


Posi­ti­ve Psy­cho­lo­gie ist nicht gleich posi­ti­ves Den­ken! Men­schen mit schlim­men Erfah­run­gen bleibt ihr Trau­ma immer im Gedächt­nis, aber sie haben gelernt, damit umzu­ge­hen. Über Resi­li­enz und die drei For­men des glück­li­chen Lebens:
Die Ener­gie folgt der Auf­merk­sam­keit


Das Leben ist manch­mal wie eine Ketch­up-Fla­sche, lan­ge Zeit pas­siert nichts, dann kommt es knüp­pel­dick. Wer’s mit sei­nem Leben gera­de schwer hat, flüch­tet sich ger­ne in schö­ne Erin­ne­run­gen. War frü­her alles bes­ser? Jein.
Aus unse­rer Nost­al­gie kön­nen wir neue Kraft gewin­nen — oder uns mit ihr noch unglück­li­cher machen.

Das Spiel mit der Ver­gan­gen­heit. Erin­nern wir uns. Oder lie­ber doch nicht?


Sei spon­tan! Über die Absur­di­tät der For­de­run­gen “Sei spon­tan!” oder “Sei fröh­lich!”. Auf Knof­druck geht weder das eine noch das ande­re und außer­dem gilt: Die Erwar­tun­gen der ande­ren sind die Erwar­tun­gen der ande­ren …
Sei spon­tan


Wer sei­ne Zie­le in uner­reich­ba­re Höhe hängt, erspart sich zum einen Ärger und Anstren­gung, zum ande­ren den Kat­zen­jam­mer des Ankom­mens. Ein wei­te­rer “Watz­la­wick” über die bei­den Tra­gö­di­en des Lebens: Die Nicht­er­fül­lung eines Her­zens­wun­sches — und sei­ne Erfül­lung.
Vor Ankom­men wird gewarnt


Mit erlern­ter Hilf­lo­sig­keit und selbst­er­fül­len­den Pro­phe­zei­un­gen kann man sich selbst sehr wir­kungs­voll sabotieren.Noch ein Watz­la­wick über die Stol­per­fal­len auf dem Weg zum Lebens­glück:
Selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­un­gen


Wir müssten das alles mal aufschreibenDie Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en bringt seit 2012 Lebens-. Fami­li­en- und Unter­neh­mens­bio­gra­fi­en als Bild­bio­gra­phi­en ins Buch und bie­tet rund um die The­men Psy­cho­lo­gie und Geschich­te auch einen Ghost­wri­ting-Ser­vice an.
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf unse­rer Home­page
www.bildbiographien.de


Bild­nach­weis:
Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, 2016

2 Gedanken zu „Das Glücks-Tagebuch

  1. Sehr inter­es­san­ter Arti­kel. Hof­fe Sie ver­öf­fent­li­chen in regel­mä­ßi­gen Abstän­den sol­che Arti­kel dann haben Sie eine Stamm­le­se­rin gewonnen.Vielen Dank für die tol­len Infor­ma­tio­nen.

    Gruß San­dra

  2. Herz­li­chen Dank, San­dra!
    Im Moment fas­se ich die wich­tigs­ten Arti­kel zum The­ma ‘Glück’ zum ebook zusam­men — aber danach geht’s wei­ter!
    Vie­le Grü­ße an hof­fent­lich eine neue Stamm­le­se­rin 🙂

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