Die Großmutter Europas (II): Onkel Leopold

Leopold I., König der Belgier, Gemälde von Franz Xaver Winterhalter

Manchmal sind Männer einfach die besseren Mütter.
Onkel Leopold, seit 1831 gewählter König von Belgien, hilft der zukünftigen britischen Königin Victoria durch ihre einsame und trostlose Jugend. Jetzt sitzt sie als 18jährige Queen auf dem britischen Thron, strotzt vor Selbstbewusstsein und weigert sich zu heiraten.
Wieder ist es Onkel Leopold, der dafür sorgt, dass seine störrische Nichte endlich unter die Haube kommt. Mit ihrem Cousin Albert findet sie dank ihres Onkels nicht nur den passenden Prinzgemahl, sondern auch – und das ist keine Schmonzette – die große Liebe ihres Lebens. 

Was bisher geschah

Nach dem frühen Tod ihres Vaters wächst Prinzessin Victoria bei ihrer deutschen Mutter Victoire, der Duchesse of Kent, im Kensington Palace auf.
Außer der kleinen Prinzessin hat Edward, Duke of Kent, seiner Witwe nichts als Schulden hinterlassen. Am britischen Königshof werden die Duchesse und ihre Tochter nicht gern gesehen, denn König George IV., Victorias dicker Onkel George, war gegen die Heirat seines jüngeren Bruders mit der Deutschen. Vermutlich mag er sie einfach nicht (so wie er eigentlich fast niemanden mag).
Ohne Geld für ein standesgemäßes Leben, ohne Beziehungen und ohne Familie steht Duchesse Victoire ziemlich verzweifelt da. Sie überlegt sich, ob sie mit der kleinen Victoria und ihrer älteren Tochter Feodora aus erster Ehe nicht besser nach Deutschland zurück-kehren sollte.
Erst Victoires Bruder Leopold kann sie überreden, in England zu bleiben:

Leopold hat für seinen Rat gute Gründe: Die kleine Victoria ist weit und breit als einzige Erbin der nächsten Generation für den britischen Thron in Sicht und dieser Status soll erhalten bleiben. Von Victoires Heimat aus, dem kleinen Fürstentum Leiningen, ist der Anspruch auf den britischen Thron ein unmögliches Unterfangen.

Die Duchesse of Kent bleibt.
Mit ihr bleibt allerdings auch John Conroy, Soldat, dubioser Freund des Hauses und Nachlassverwalter ihres verstorbenen Mannes, der sich nach und nach im Kensigton Palace zur unentbehrlichen Stütze macht.
Das wohl nicht aus Zuneigung oder purer Menschenfreundlichkeit, sondern ebenfalls mit dem Hintergedanken, dass Victoria den britischen Thron besteigen wird, und damit ihre Mutter – und er – die tatsächliche Regentschaft übernehmen können.

Gemeinsam mit der Duchesse etabliert Conroy das sogenannte Kensington System, eine Art goldener Käfig, ein System, das Victoria von der Welt abschotten soll, statt sie ihr zu zeigen. Mutters Hausfreund bestimmt Gouvernanten und Hauslehrer, legt ihre Spielgefährten fest – Victorias ältere Halbschwester Feodora und seine eigene Tochter – und wacht über jeden Schritt, den die Prinzessin tut. Victorias Leben wird immer einsamer und un- glücklicher; ihre einzige Freude ist Spaniel Dash, der Hund ihrer Mutter.


Eine Kindheit in besseren Kreisen

Eine Kindheit als Spross einer Adelsfamilie oder einer bürgerlichen Upper-Class-Sippe war zu jener Zeit kein Zuckerschlecken; für schreckliche Kindheitserfahrungen brauchte es keinen John Conroy.
Wer als höhere Tochter oder höherer Sohn zur Welt kam, musste in der Regel mit einem gelegentlichen Händedruck als Höhepunkt elterlicher Zuwendung auskommen.
Selbstgenügsamkeit, Fleiß, Pflichtbewusstsein und Gehorsam – vor allem Gehorsam – waren erste Kinderpflicht. Die Erziehung zu einem ordentlichen und charakterstarken Menschen war natürlich keine Sache der vielbeschäftigten Eltern, sondern lag in den Händen von Gouvernanten und Hauslehrern, denen die Kinder unbeaufsichtigt und hilflos ausgeliefert waren.
Es kam schon vor, dass im Kinderzimmer ein ganz persönliches Süppchen in Fragen der Erziehung gekocht wurde: Kinder die zu pädagogischen Zwecken stundenlang in Schränke eingesperrt wurden, waren keine Seltenheit (böse Zungen behaupten, dass sich die Gouvernante in der Zeit ein Päuschen gegönnt hat). Schauermärchen zur Abschreckung waren üblich und galten als pädagogisch sinnvoll.

In den öffentlichen Schulen und Internaten wurde geprügelt, was die Rute hergab. Die körperliche Züchtigung galt neben Furcht und Angst als d a s pädagogische Allheilmittel gegen alles, und kam auch zur Vorbeugung zum Einsatz.
So mancher hatte übrigens wegen seiner Jugenderlebnisse Gefallen an der Rute gefunden; so wird beispielsweise von Victorias Lieblings-Premier, Lord Melbourne, behauptet, er hätte sich als Erwachsener privat gerne verhauen lassen (Jean-Jacques Rousseau auch; er berichtet darüber sogar selbst in einem seiner Bücher).


Europa ist nach der französischen Revolution und Napoleons Kriegen im Umbruch. Auch mental. Die Einstellungen in Sachen Mutterliebe und romantischer Liebe ändern sich, doch dieser Prozess verläuft sowohl auf dem Kontinent als auch auf den britischen Inseln quälend langsam.

Bis auf wenige goldene Ausnahmen ist die Botschaft Jean-Jacques Rousseaus bei den meisten Eltern und Pädagogen noch nicht angekommen.

König leopold und seine Seine Sorgenkinder

Ein Lichtblick in Victorias Jugend-Tristesse ist Onkel Leopold, der Bruder ihrer Mutter.
Leopold ist nicht nur ihr Onkel, sondern war auch der Prinzgemahl der britischen Thronerbin Charlotte Auguste, die 1817 im Wochenbett nach vielen qualvollen Stunden bei der Geburt ihres ersten gemeinsamen Kindes stirbt.
Ein Schicksalsschlag für die Briten, der den Lauf der Geschichte verändert.

Onkel Leopold, seit 1831 gewählter König Leopold I. von Belgien, hat trotz – oder vielleicht: gerade wegen – seines eigenen schrecklichen Verlustes von Frau und Kind ein Herz für seine unglücklichen Nichten und Neffen.
Fast unbemerkt und über viele Jahre unterhält er einen regen Briefwechsel mit seiner einsamen Nichte Victoria. Er versucht mit seinen Briefen, ihre mangelhafte Bildung zu verbessern, empfiehlt die Lektüre ausgewählter Bücher, schickt Manuskripte als Lesestoff und hat auch sonst ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte.

Victoria ist allerdings nicht Leopolds einziges Sorgenkind, auch sein Neffe Albert, Sohn seines Bruders Ernst von Sachsen-Coburg-Saalfeld, leidet unter schwierigen Familienverhältnissen.
Prinz Albert, wie seine Cousine Victoria 1819 geboren, ist der jüngste Sohn im winzigen Herzogtum Sachsen-Coburg-Saalfeld, das mit knapp 1500 Quadratkilometern nicht viel größer als ein herzögliches ‚Lummerland‘ ist.

Doch der Haussegen in diesem ‚Lummerland‘ hängt schief. Bereits fünf Jahre nach Alberts Geburt ist die Ehe seiner Eltern zerrüttet.
Alberts Vater, Herzog Ernst, hat nach der Geburt seiner beiden Söhne kein Interesse mehr an seiner jungen Frau Luise. Er beansprucht für sich das Recht, eine außereheliche Beziehung zu führen, seiner Frau will er das gleiche Recht nicht einräumen.
Herzogin Luise hält sich nicht daran und wird drei Mal erwischt.
Das erste Mal bei einer vermutlich nur platonischen Tändelei, deren Aufdeckung zu einem heftigen Ehekrach führt. Das zweite Mal ist ernster, denn Luise hat eine richtige Affäre mit einem Kammerjunker namens von Bülow, die schließlich vor einer herzoglichen Kommission landet und akribisch untersucht wird. Nach dem dritten Mal ist für den Herzog Schluss, die Scheidung unausweichlich. Außerdem verbannt er seine untreue Gattin und sorgt dafür, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihren Söhnen hat.
Albert sieht seine Mutter als Fünfjähriger zum letzten Mal.
Als er 11 Jahre alt ist, stirbt sie in Paris an Gebärmutterhalskrebs.

Äußerlich wächst Albert zu einem gutaussehenden, ernsten, pflichtbewussten und ein wenig pedantischen jungen Mann heran, dem der frühe Verlust seiner Mutter nicht an- zumerken ist.
Nur seiner ältesten Tochter Victoria (der späteren Mutter des deutschen Kaisers Wilhelm II.), zu der er ein besonderes Verhältnis hat, vertraut er einmal an, dass seine Kindheit unglücklich und elend gewesen sei und er sich oft aus dieser Welt fortgewünscht habe.

Alberts Erziehung zum Prinzgemahl

Vermutlich liegt Onkel Leopold das Schicksal seiner Nichte Victoria und seines Neffen Albert wirklich am Herzen; aber er ist eben auch König, Politiker, Stratege und ein „Kind seiner Zeit“.
Nachdem Napoleon mit seinen Armeen und Verbündeten den europäischen Kontinent überrannt und die alte Ordnung weggefegt hatte, war man politisch nach zähem Ringen zu einem halbwegs umsetzbaren neuen europäischen Miteinander großer und kleiner Staaten gekommen. Ob dieses System tatsächlich stabil und funktionstüchtig sein würde, wusste allerdings niemand.
Zur Stabilisierung setzt Leopold auf das zur damaligen Zeit stärkste vorstellbare Bündnis: auf’s vernünftige Heiraten, so wie es Hunderte Jahre lang zwischen den Herrscherhäusern Europas praktiziert worden war,


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Leopold selbst hatte kurz nach seiner Thronbesteigung die französische Königstochter Louise von Orléans geheiratet, um eventuellen Begehrlichkeiten des großen Nachbarn Frankreich am kleinen und jungen Königreich Belgien vorzubeugen; seinen Coburger Neffen Ferdinand bringt er bei der portugiesischen Königin Maria II. unter.
Und selbstverständlich hat Leopold auch Pläne für seine Schützlinge Victoria und Albert.

Die Idee, seinen Neffen Albert mit seiner Nichte Victoria zu verheiraten, hat er schon lange.
Um herauszubekommen, ob sein Neffe tatsächlich für die nicht einfache Position eines britischen Prinzgemahls geeignet ist, hält er nicht nur Kontakt zu seinem Neffen, sondern lässt sich auch regelmäßig von dessen Hauslehrer Bericht erstatten.
Als absehbar wird, dass Victoria die neue Königin der Briten werden würde, schickt er Albert einen seiner engsten Berater, der einen Maßnahmenkatalog für die Erziehung des zukünftigen Prinzgemahls festlegt.

Unter anderem wird vorgeschlagen:


„… so verlangt die Gewissenhaftigkeit, dass man zuerst ihm das Schwierige des Unternehmens von allen Seiten darstelle. Schreckt ihn dies nicht ab, so treten nach meiner Meinung zwei Notwendigkeiten ein. Die erste ist die einer planmäßigen, konsequent durchgeführten Erziehung für seine künftige Laufbahn mit steter Rücksicht auf das so eigentümliche Land und Volk, und die zweite ist die, sich die Neigung der Prinzessin noch vor der Bewerbung zu gewinnen und die Bewerbung selbst nur erst auf diese Neigung zu gründen.“


Eine Königin wird verheiratet

Victoria denkt gar nicht daran, sich verheiraten zu lassen.
Sie ist froh, dem Kensington-System entkommen zu sein, und fürchtet, dass ein Mann versuchen würde, sie wie ihre Mutter und deren Berater John Conroy in ihrer Kindheit und Jugend zu beherrschen.
Außerdem hat sie Angst vor Schwangerschaften.

Doch ihre Untertanen beginnen zu murren, und nach zwei unangenehmen politischen Affären, in die Victoria trotz ihres umsichtigen Ratgebers, Premierminister Lord Melbourne, gestolpert ist, werden immer häufiger Forderungen laut, sie solle sich endlich verheiraten.
Ein Ehemann, so die allgemeine Hoffnung, könnte sie vielleicht etwas mäßigen, denn mit zunehmendem Selbstbewusstsein entwickelt Victoria auch den Eigensinn, für den sie später berühmt sein wird.

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2017


Lesen Sie im ersten Teil mehr über Familienverhältnisse und Kindheit der „Großmutter Europas“:
Die Großmutter Europas (I)


Weiterführende Links zu Queen Victoria und ihren Verwandten:


Das Drama beginnt. Der Prince of Wales George kann seine Finanzen nicht in Ordnung halten. Von seinem aufwändigen Lebensstil fast ruiniert, willigt er schließlich in einen Heiratshandel mit dem Parlament ein: Seine Schulden werden bezahlt, dafür heiratet er seine Cousine Caroline von Braunschweig. Das einzige Problem: Das Brautpaar kann sich nicht ausstehen …
Szenen einer arrangierte Ehe


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Pains and Penalities: Scheidung auf britisch


Victorias Enkelsohn, der deutsche Kaiser Wilhelm II., auf der Suche nach seinem Platz an der Sonne. Ungeachtet seiner englischen Großmutter und Mutter geraten er und die Deutschen mit dem Empire in Konkurrenz. „Gott strafe England“ wird ab 1905 zum geflügelten (Un-)Wort und 1914 kommt es schließlich zur „Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts“: dem 1. Weltkrieg
Ein Platz an der Sonne oder: Wilhelm das Großmaul


Mit „Mutterliebe“ hat der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau nichts im Sinn, als er 1762 seinen Roman „Emile oder über die Erziehung“ publiziert, eigentlich wollte er ein Zeichen gegen die festzementierte absolutistische Ständegesellschaft setzen, die ihn anwidert.
Rund 40 Jahre später ist Rousseau posthum zum Helden der Französischen Revolution geworden und „Emile“ zur Grundlage moderner Erziehung.
Lesen Sie mehr über Umbrüche und Aufbrüche in Sachen Liebe:
Die Erfindung der Mutterliebe


Nicht erst seit Onkel Leopold ist bekannt, dass Tanten und Onkel nicht zu unterschätzen sollte. Erich Mühsam hat den „unkaputtbaren“ Erbtanten ein literarisches Denkmal gesetzt, mehr dazu im Beitrag:
Die Psychologie der Erbtante


Mutterliebe, wahre Liebe und das Scheidungsrecht kamen in Kontinental-Europa als Folge der französischen Revolution und mit Napoleon in Mode. Mehr über die „neuen“ großen Gefühle:
Mätressenwirtschaft, Revolution und die große Liebe


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Bildnachweise:

1) Leopold I., König der Belgier, Gemälde von Franz Xaver Winterhalter, gemeinfrei.
2) Victoire mit ihrer Tochter Victoria, Von Henry Bone, http://www.telegraph.co.uk/culture/donotmigrate/3560626/Queen-Victoria-the-original-peoples-princess.html, Gemeinfrei,

3) Prinzessin Victoria mit Spaniel Dash, Sir George Hayter, 1833, Von nach George Hayter – First upload: Scanned from Hibbert, Christopher (2000) Queen Victoria: A Personal History, London: HarperCollins, ISBN 0-00-638843-4, and then colour adjusted and repaired for flaws. This version is of the copy in the British Royal Collection.Second upload: unknown, Gemeinfrei
4) Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, Lithographie von Franz Hanfstaengl, 1840, Gemeinfrei
5) Victoria, 1847, Ölgemälde von Franz Xaver Winterhalter – Original painting owned by the Royal Collection. Source of photograph unknown., Gemeinfrei


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