Ein Platz an der Sonne oder: Wilhelm, das „Großmaul”

410px-Bain_News_Service_-_The_Library_of_Congress_-_Kaiser_Wilhelm_(LOC)_(pd)

Kai­ser Wil­helm II zwi­schen 1910 und 1914, E. Bie­ber, Hof­pho­to­graph, Libra­ry of Con­gress, Prints and Pho­to­graphs Divi­si­on, Washing­ton, D.C. 20540 US

In Ber­lin hat man mit Ser­bi­en und dem Bal­kan eigent­lich nichts am Hut, sei­ne Majes­tät, der 55-Jäh­ri­ge Kai­ser Wil­helm II — auch „Wil­helm das Großmaul”´genannt — sucht den “Platz an der Son­ne” eher in Über­see. Trotz­dem gibt es für ihn und sei­ne Entou­ra­ge gute Grün­de, war­um die Deut­schen auf die Ermor­dung des öster­rei­chisch-unga­ri­schen Thron­fol­ger­paars mit einem “Denk­zet­tel für Ser­bi­en” ant­wor­ten sol­len.

Es wäre bes­ser gewe­sen, Du wärest nie gebo­ren wor­den“, soll ihm sei­ne Mut­ter Vic­to­ria, die ältes­te Toch­ter der legen­dä­ren bri­ti­schen Queen Vic­to­ria (1819 – 1901), an den Kopf gewor­fen haben.

Ob die­ser müt­ter­li­che Aus­bruch tat­säch­lich so statt­ge­fun­den hat, ist nicht bekannt, aber eine glück­li­che Kind­heit hat­te Kai­ser Wil­helm II, in spä­te­ren Jah­ren auch „Wil­helm das Groß­maul“ genannt, mit Sicher­heit nicht.
Sein per­sön­li­cher Kampf galt aber weni­ger der Mut­ter, son­dern zeit­le­bens vor allem sei­nem ver­kürz­ten lin­ken Arm.

Der war — ver­mut­lich — nicht unwe­sent­lich für den wei­te­ren Lauf der Geschich­te.

Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt

Victoria_Princess_Royal_,_1857

Kai­ser Wil­helms II Mut­ter Vic­to­ria: „Vic­to­ria Princess Roy­al , 1857“ von Franz Xaver Win­ter­hal­ter — Win­ter­hal­ter and the courts of Euro­pe. Trans­fe­red from de:Image:Victoria Princess Roy­al , 1857.jpg. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons

Die­ser Arm ist von Geburt an zu kurz und zu unbe­weg­lich gera­ten.
Es wird alles ver­sucht, um das unglück­se­li­ge Kör­per­teil mit diver­sen schmerz­haf­ten Pro­ze­du­ren wie Streck­ver­bän­den, Strom­stö­ßen oder auch „ani­ma­li­schen“ Bädern in Hasen­blut zu kurie­ren, durch­schla­gen­de Erfol­ge blei­ben aus. Der jun­ge Thron­fol­ger bringt Schmer­zen und Maß­nah­men fast trä­nen­los hin­ter sich, doch der Arm bleibt zu kurz, und Wil­helm ent­wi­ckelt sich zu einem Mann, bei dem man aus heu­ti­ger Sicht ver­mut­lich eine gestör­te Per­sön­lich­keit dia­gnos­ti­zie­ren wür­de.

Ob es nun der Arm, die Mut­ter oder sein Natu­rell war: Wil­helm wird zu einem Herr­scher, der zu Beginn des kri­sen­ge­schüt­tel­ten 20. Jahr­hun­derts ein­fach der fal­sche Mann am fal­schen Platz ist.
Mehr­ma­li­ger Kos­tüm­wech­sel pro Tag – vor allem jede Art von Uni­form stan­den hoch im Kurs –, Pomp, Eitel­keit und das krampf­haf­te Ver­ste­cken des behin­der­ten Armes mögen in sei­ner Posi­ti­on durch­aus erklär­bar sein.
Sei­ne Groß­mäu­lig­keit hin­ge­gen, ver­bun­den mit sei­ner unbe­darf­ten Un-Infor­miert­heit waren für den Kai­ser eines der fort­schritt­lichs­ten Län­der der Erde aber eigent­lich ein „No-Go“.

Und tat­säch­lich ver­such­ten deut­sche Poli­ti­ker und Mili­tärs ihren Mon­ar­chen soweit es ging aus der Tages­po­li­tik her­aus­zu­hal­ten.
Wil­helms Lau­nen waren gefürch­tet, er han­del­te unüber­legt und undi­plo­ma­tisch, aber vor allem glänz­te er damit, dass er von den Din­gen, über die er ent­schei­den soll­te, meis­tens kei­ne Ahnung hat­te.
War „Wil­helm Zwo“ also nur ein Ope­ret­ten-Kai­ser?

Wohl nicht ganz.
Denn natür­lich such­te er sich als Kai­ser sei­ne mili­tä­ri­schen und poli­ti­schen Bera­ter ein­schließ­lich sei­nes jewei­li­gen Kanz­lers aus. Wer etwas vom Kai­ser woll­te, der brach mit ihm nach dem Essen zu einem aus­ge­dehn­ten Wald­spa­zier­gang auf; traf er beim Spa­zie­ren­ge­hen den rich­ti­gen Ton, so traf der Kai­ser die „rich­ti­ge“ Ent­schei­dung.

Gele­gent­lich gab Wil­helm aber auch ger­ne den abso­lu­tis­ti­schen Allein­herr­scher, der vor allem mit unbe­darf­tem Reden­schwin­gen Volk und Vater­land gehö­rig in die Bre­douil­le brach­te: So etwa im Jahr 1908 bei der soge­nann­ten „Dai­ly Tele­graph-Affä­re“, einem unkon­trol­liert frei­ge­ge­be­nen Inter­view für die bri­ti­sche Zei­tung, in dem Wil­helm sich als ein­zig wah­rer Freund Eng­lands im ansons­ten anti­bri­tisch gesinn­ten Deut­schen Reich dar­stell­te und zudem behaup­te­te, er habe sei­ner Groß­mut­ter Queen Vic­to­ria wich­ti­ge Rat­schlä­ge im Buren­krieg gege­ben, die den Bri­ten letzt­end­lich zum Sieg ver­hol­fen hät­ten.
Wil­helm Groß­maul eben.
Die Bri­ten nah­men des Kai­sers Behaup­tun­gen erstaun­lich gelas­sen hin, auch wenn sie sich weder damals noch heu­te ger­ne sagen las­sen, dass sie angeb­lich nur wegen deut­scher Rat­schlä­ge erfolg­reich waren.


Die “Urka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts” und ihre Fol­gen:
Ab dem 25. August 2017 ist die hoch­ka­rä­ti­ge BBC-Mini­se­rie “Gene­ra­ti­on der Ver­damm­ten”* in deut­scher Spra­che als DVD oder Blu-ray erhält­lich.

Im Kai­ser­reich wur­de das Inter­view trotz­dem zur Affä­re: Nach einer hit­zi­gen Debat­te im Reichs­tag for­der­ten alle Abge­ord­ne­ten ein­schließ­lich der kai­ser­treu­en Kon­ser­va­ti­ven, der Kai­ser möge sich zukünf­tig in sei­nen Äuße­run­gen etwas zurück­neh­men.

Das wilhelminische Deutschland

Die „wil­hel­mi­ni­sche“ Epo­che war das Spie­gel­bild eines Kai­sers, der offen­bar nur die See­len-zustän­de „him­mel­hoch jauch­zend“ oder „zu Tode betrübt“ kann­te.

Sie ist einer­seits geprägt durch einen vor­her nie gekann­ten Fort­schritt im Bereich Tech­nik, Medi­zin und Indus­tria­li­sie­rung. Einen „Platz an der Son­ne“ hat­te man den Unter­ta­nen ver- spro­chen, denn nun end­lich soll­te nach Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Spa­ni­en und Por­tu­gal auch das deut­sche Kai­ser­reich eine Kolo­ni­al­macht wer­den und man raff­te in Über­see zusam­men, was noch übrig und erreich­bar war.

“Die ‘Welt der Frau’, eine Bei­la­ge der ‘Gar­ten­lau­be’, mel­det in Num­mer 5: ” Das Abend­kleid die­ser Sai­son zeich­net sich durch luxu­riö­ses Geprä­ge und phan­tas­ti­sche Dra­pie­rung aus, die auch der geschick­tes­ten Schnei­de­rin manch har­te Nuss zu kna­cken geben.” Man kann sich für die schöns­ten Klei­der direkt Schnitt­mus­ter bestel­len. Inter­es­sant sind die mög­li­chen Hüft­brei­ten: 116, 112, 108, 104, 100 und 96. Dar­un­ter ist nichts denk­bar. Erst in der Num­mer 9 hat dann die Redak­ti­on ein Erbar­men und kün­dig­te groß an ‘Mode für schlan­ke Damen!’. Und es folgt mit gro­ßer Anteil­nah­me der schö­ne Satz: ‘Sie haben es nicht immer leicht, die schmäch­ti­gen, über­schlan­ken Evas­töch­ter, sich gut und der Mode ent­spre­chend anzu­zie­hen. Da heißt es zu Kom­pro­mis­sen zu grei­fen und das, was die Natur ver­sagt, durch geschick­te, fal­ti­ge Arran­ge­ments zu kaschie­ren.’ Was die Natur ver­sagt — Schlank­heit gilt 1913 noch als eine Art Schick­sals­schlag.”
Flo­ri­an Illies, 1913. Der Som­mer des Jahr­hun­derts

Ande­rer­seits zer­schlug man durch Auf­rüs­tung, Mili­ta­ris­mus (in die­ser Zeit kamen die Matro­sen­an­zü­ge und -klei­der für Kin­der in Mode) und einer außer­or­dent­lich unge­schick­ten Diplo­ma­tie Stück für Stück die von Reichs­kanz­ler Bis­marck sorg­sam aus­ba­lan­cier­te euro­päi­sche Bünd­nis­po­li­tik und ver­grätz­te einen euro­päi­schen Nach­barn nach dem ande­ren.

Nach eini­gen Jah­ren außer­or­dent­lich unge­schick­ten Agie­rens stand das deut­sche Kai­ser­reich fast völ­lig iso­liert da, als ein­zi­ger Bünd­nis­part­ner blieb Öster­reich-Ungarn übrig.

Wäh­rend man all­ge­mein in einem Kli­ma der Groß­manns­sucht dem Man­gel an Bünd­nis­part­nern und der ste­tig wach­sen­den Zahl von unfreund­lich gesinn­ten Nach­barn wenig Beach­tung schenk­te („Viel Feind, viel Ehr‘“), berei­te­ten die „Sozia­lis­ten“ zuneh­mend Kopf­zer­bre­chen.
Denn auf der Schat­ten­sei­te der boo­men­den Wirt­schaft ent­stand als neue Bevöl­ke­rungs­schicht das Pro­le­ta­ri­at; Indus­trie­ar­bei­ter und Zechenkum­pel, die ihre Arbeits­kraft, ihre Gesund­heit und oft genug ihr Leben gaben, um die Schif­fe und Waf­fen zu bau­en, die der Kai­ser brauch­te, oder den „Treib­stoff“ des Booms – die Koh­le – zu för­dern.
Immer mehr Men­schen zog es in die Indus­trie­an­la­gen und Elends­quar­tie­re der Städ­te, um sich und ihre meist beacht­lich gro­ße Kin­der­schar für einen Hun­ger­lohn irgend­wie durch­zu­brin­gen.

Familie_um_1900

Fami­lie um 1900“ von Ori­gi­nal uploa­der was St.Krekeler at de. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons

Die Bevöl­ke­rung wuchs rasant, die Zahl der Arbeits­plät­ze konn­te damit nicht Schritt hal­ten. In den Städ­ten und Indus­trie­ge­bie­ten leb­ten zeit­wei­se min­des­tens 50 bis 60 Pro­zent der Bevöl­ke­rung in Schmutz, Elend und immer am Ran­de des Hun­gers.
Aus die­ser Unter­schicht rekru­tier­te sich die neue gesell­schaft­li­che Klas­se des Indus­trie-pro­le­ta­ri­ats. Bei vie­len die­ser Pro­le­ta­ri­er, die täg­lich zehn, zwölf oder mehr Stun­den für einen küm­mer­li­chen Lohn ihre Arbeits­kraft (und die ihrer Kin­der) in dre­cki­gen, lau­ten und oft gefähr­li­chen Fabri­ken oder Berg­wer­ken „ver­kau­fen“ muss­ten, reg­te sich schließ­lich Wider­stand gegen ihre erbärm­li­chen Lebens­be­din­gun­gen:
Ein Gespenst geht um in Euro­pa – das Gespenst des Kom­mu­nis­mus“ (der ers­te Satz des „Mani­fest der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei“, von Karl Marx und Fried­rich Engels, erschie­nen 1848).

Ein Platz an der Sonne

Wäh­rend sich in Wien, Ber­lin, Paris, und Lon­don wohl­ha­ben­de Bür­ger und Aris­to­kra­ten über Kunst, Kul­tur und – in ihren Augen merk­wür­di­ge – neue Ide­en wie etwa das Frau­en­wahl­recht die Köp­fe heiß reden, erschre­cken euro­pa­weit Sozia­lis­ten und Kom­mu­nis­ten die Mon­ar­chi­en und ihre Gefol­ge.
Wirk­li­ches Ver­ständ­nis hat man für das Elend der klei­nen Leu­te nicht; in jener Zeit gilt die Idee des Sozi­al­dar­wi­nis­mus: „Jeder ist sei­nes Glü­ckes Schmied“, heißt es.
Für die, die im Elend leben — Fabrik- und Zechen­ar­bei­ter und ihre Fami­li­en — bedeu­tet das nichts ande­res als „selbst Schuld“.
Es gibt ein paar halb­her­zi­ge Ver­su­che, die Situa­ti­on der ver­elen­de­ten Mas­sen zu ver­bes­sern, um sie wie­der fried­lich zu stim­men (die Idee der Ren­ten- und Kran­ken­ver­si­che­rung stammt von Bis­marck); im Gro­ßen und Gan­zen ver­sucht man aber in allen Staa­ten Euro­pas das Pro­blem mit den auf­müp­fi­gen Unter­ta­nen durch Repres­sio­nen zu lösen.

Deckel drauf, wird schon gut­ge­hen.

 

Kamerun, Duala, Polizeitruppe

Hoch­ru­fe anläss­lich des Geburts­tags Kai­ser Wil­helm II., 27. Janu­ar 1901, Carl Hohl. Bun­des­ar­chiv Bild 163–161, Kame­run, Dua­la, Poli­zei­trup­pe“ von Bun­des­ar­chiv, Bild 163–161 / CC-BY-SA

Sozi­al­dar­wi­nis­tisch wird in jener Zeit nicht nur nach innen son­dern auch nach außen gedacht.
Es ist nicht nur das Deut­sche Kai­ser­reich, das sei­nen „Platz an der Son­ne“ fin­den möch­te, es sind alle Euro­pä­er, die bei dem Spiel „grö­ßer, schnel­ler, wei­ter“ mit­spie­len.
Allen vor­an Eng­land – Groß­bri­tan­ni­en –, das sich mit sei­ner Insel­la­ge und der dafür not­wen­di­gen Schiffs­flot­te ein Kolo­ni­al­reich auf­ge­baut hat, in dem die Son­ne nie­mals unter­geht.

Im deut­schen Kai­ser­reich steht dage­gen der vie­le Jah­re alles beherr­schen­de Reichs­kanz­ler Bis­marck auf der Brem­se und ver­tritt die Ansicht, dass sich Deutsch­land „kei­ne ver­wund­ba­ren Punk­te in fer­nen Welt­tei­len“ leis­ten dür­fe.
Bis­marcks Augen­merk liegt auf einer aus­ge­feil­ten inner­eu­ro­päi­schen Bünd­nis­po­li­tik, denn die „ein­ge­kes­sel­te“ Lage Deutsch­lands in der Mit­te Euro­pas und damit die Gefahr eines Zwei- oder sogar Mehr­fron­ten­krie­ges sind ihm sehr bewusst.


412px-1890_Bismarcks_RuecktrittAls Bis­marck sich ab dem Jahr 1884 in Bezug auf deut­sche Kolo­ni­en umori­en­tiert, ist es reich­lich spät – die ande­ren sind alle schon längst unter­wegs und haben sich in Über­see die „Filet­stü­cke“ gesi­chert.

Und als schließ­lich der 29jährige schnei­di­ge „Wil­helm Zwo“ den Groß­va­ter und kur­ze Zeit spä­ter auch sei­nen Vater beerbt und Kai­ser wird (das „Drei­kai­ser­jahr“ 1888), sind die Tage des über 70jährigen Dau­er­kanz­lers eben­falls gezählt – 1890 muss der Lot­se von Bord gehen.


Nach Bis­marcks Abgang wird vie­les anders aber auf lan­ge Sicht gese­hen nichts bes­ser.
Wer einen Platz an der Son­ne haben und Groß­macht wer­den möch­te, braucht Schif­fe – und die hat das Kai­ser­reich nicht, geschwei­ge denn Werf­ten, die sol­che Schif­fe hät­ten bau­en oder auch nur repa­rie­ren kön­nen.
Muss­te eines der Kriegs­schif­fe sei­ner Majes­tät – ein paar ält­li­che Pan­zer­schif­fe, die im Win­ter vor­sichts­hal­ber im Hafen blei­ben – zum Kes­sel­fli­cken, so muss­te es das eng­li­sche Ports­mouth anlau­fen.

Das ändert Wil­helm II gründ­lich.
Im Jahr 1891 lernt er den Mari­ne­of­fi­zier Alfred von Tir­pitz ken­nen – den „bösen Geis­te der deut­schen Außen­po­li­tik“, wie ihn His­to­ri­ker nen­nen –, und die­ser hat ganz erstaun­li­che Ide­en, die dem Kai­ser außer­or­dent­lich gut gefal­len.
In den kom­men­den 20 Jah­ren peit­schen der Kai­ser und sein Admi­ral meh­re­re Rüs­tungs-pro­gram­me durch den geld­ge­ben­den Reichs­tag, der den kai­ser­li­chen Schiffs­plä­nen zunächst sehr skep­tisch gegen­über steht.
Doch der Kai­ser bekommt sei­ne Schif­fe, und auf­merk­sa­men Beob­ach­tern wird nach und nach klar, dass die­se Flot­te viel zu groß ist, um nur die deut­schen Kolo­ni­en zu schüt­zen.

Doch zunächst ist alles gut.
Auch die Han­dels­ma­ri­ne pro­fi­tiert, und mit den Werf­ten für Groß­schif­fe ent­steht ein völ­lig neu­er Indus­trie­zweig im boo­men­den Deut­schen Kai­ser­reich.
Der Kai­ser-Wil­helm-Kanal (Nord­ost­see­ka­nal), der 1895 ein­ge­weiht wird, ver­kürzt die Weg- stre­cke zwi­schen Nord- und Ost­see um 85 Pro­zent für Han­dels- und Kriegs­schif­fe glei­cher­ma­ßen.
Ein wei­te­rer posi­ti­ver Neben­ef­fekt ist, dass Wil­helms Schiffs-Enthu­si­as­mus anste­ckend wirkt; un- abhän­gig von Her­kunft oder Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit wer­den die Deut­schen stol­ze und patrio­ti­sche Flot­ten­lieb­ha­ber, die loy­al zu Kai­ser und Vater­land (und sei­nen Schif­fen) ste­hen.
Die Kriegs­ma­ri­ne als Schmier­mit­tel der Gesell­schaft – auch eine Mög­lich­keit, um Unter­ta­nen glück­lich zu machen.

Gott strafe England“

Die, denen die Plä­ne des kai­ser­li­chen Admi­rals Tir­pitz eigent­lich von vor­ne her­ein gal­ten, beob­ach­te­ten die Ent­wick­lun­gen im deut­schen Kai­ser­reich sehr genau.
Bis etwa ins Jahr 1905 wur­den Deutsch­lands Flot­ten-Anstren­gun­gen, sei­ne kolo­nia­len Träu­me und das all­jähr­lich statt­fin­den­de „Kai­ser­ma­nö­ver“ (am liebs­ten bei „Kai­ser­wet­ter“) von den Bri­ten mil­de belä­chelt.

HMS_Dreadnought_1906

Die “Dre­ad­nought” (frei über­setzt: Fürch­te­nichts) war ein revo­lu­tio­när neu­es Schlacht­schiff , das sowohl in Pan­ze­rung wie auch in Bewaff­nung alles bis­her Dage­we­se­ne in den Schat­ten stellt. Das ers­te Schiff die­ser Art sticht 1906 in Eng­land in See. „HMS Dre­ad­nought 1906“ von not sta­ted — US Navy His­to­ri­cal Cen­ter Pho­to # NH 63367. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons

Doch der Ton wird rau­er und die ent­spre­chen­de bri­ti­sche Reak­ti­on bleibt nicht aus: Im Jahr 1906 sticht in Eng­land das ers­te Schiff der „Dre­ad­nought“-Klas­se (frei über­setzt etwa „Fürch­te­nichts“) in See, ein völ­lig neu­es Schlacht­schiff mit über­le­ge­ner Pan­ze­rung und Bewaff­nung.
Nach „Dre­ad­nought“ hat­ten der Kai­ser und sein Admi­ral das mari­ne Wett­rüs­ten eigent­lich ver­lo­ren, denn durch die­se revo­lu­tio­nä­re schwim­men­de Fes­tung war ihre gesam­te sorg­sam auf- gebau­te Flot­te mit einem Schlag ver­al­tet.
Aber sie machen wei­ter, wol­len ihre eige­nen „Fürchtenichts“-Schiffe bau­en und legen das nächs­te Rüs­tungs­pro­gramm auf. 1908 beträgt das Haus­halts­de­fi­zit des Kai­ser­rei­ches eine hal­be Mil­li­ar­de Mark; die eigens für den Schlacht­schiff­bau erfun­de­ne Sekt­steu­er ist uns bis heu­te erhal­ten geblie­ben.

Etwa ab dem Jahr 1909 wird „Gott stra­fe Eng­land“ zu einer all­ge­mein gebräuch­li­chen Begrü­ßungs­for­mel im deut­schen Kai­ser­reich, häu­fig gedan­ken­los dahin gesagt, aber mit sehr erns­tem Hin­ter­grund.
Denn „Wil­helm das Groß­maul“ und sei­ne Entou­ra­ge haben es inner­halb kur­zer Zeit geschafft, die gesam­te inner­eu­ro­päi­sche Bünd­nis­po­li­tik von den Füßen auf den Kopf zu stel­len.
Jetzt ist das Kai­ser­reich tat­säch­lich ein­ge­kes­selt und von Fein­den umringt: Frank­reich ist und bleibt der Erb­feind, die Rus­sen fürch­tet man und will sie klein­hal­ten, denn das rie­si­ge Zaren­reich Russ­land ist im Ver­gleich zum Rest der Welt – noch – ein rück­stän­di­ges Land, aller­dings eines mit einem gewal­ti­gen Poten­zi­al an Men­schen und Res­sour­cen. Und Groß­bri­tan­ni­en steht spä­tes­tens mit sei­ner „Dreadnought“-Flotte den impe­ria­len Groß­macht­träu­men im Weg.

Krieg als Aus­weg, als „Flucht nach vor­ne“ oder als „rei­ni­gen­des Gewit­ter“ wird von Mili­tärs wie arri­vier­ten Bür­gern im deut­schen Kai­ser­reich schon lan­ge dis­ku­tiert, als im Juli 1914 die töd­li­chen Schüs­se in der bos­ni­schen Haupt­stadt Sara­je­vo fal­len.

In jener Zeit gibt es auf allen Sei­ten nur weni­ge War­ner.
Nie­mand will den Krieg wirk­lich, aber die meis­ten wol­len ihn auch nicht ver­hin­dern.
Als der Ser­be Gavri­lo Princip (nicht ohne Hin­ter­män­ner) das öster­rei­chisch-unga­ri­sche Thron­fol­ger­paar ermor­det, zün­det er damit gleich­zei­tig und unbe­ab­sich­tigt die Lun­te am hoch­ex­plo­si­ven Pul­ver­fass Euro­pa, das über vie­le Jah­re hin­weg durch feh­len­de Kom­mu­ni­ka­ti­on, Aggres­si­on und ein euro­pa­weit ver­brei­te­tes sozi­al­dar­wi­nis­ti­sches Welt­bild ent­stan­den ist.

Eine fata­le Kriegs­ma­schi­ne­rie wird in Gang gesetzt: Öster­reich-Ungarn fürch­tet um sei­ne Vor­macht auf dem Bal­kan und will den wider­spens­ti­gen Ser­ben schon lan­ge einen „Denk­zet­tel“ ver­pas­sen.
Man sucht in Ber­lin um Unter­stüt­zung nach; dort hat man nicht so sehr die Ser­ben als viel­mehr die mit den Ser­ben ver­bün­de­ten Rus­sen im Visier.
Sowohl in Ber­lin wie auch in Wien erwar­tet (und erhofft) man jedoch, dass Russ­land dem „Denk­zet­tel“ taten­los zuse­hen und sei­nem Bünd­nis­part­ner Ser­bi­en nicht zu Hil­fe eilen wür­de.

Ein „klei­ner“, lokal begrenz­ter Krieg; ein klei­nes „rei­ni­gen­des Gewit­ter“ wird erwar­tet, um zumin­dest sym­bo­lisch eini­ge Gren­zen neu zu zie­hen, als man Wien die Unter­stüt­zung gegen Ser­bi­en zusagt.

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2015


Buch- und Film­emp­feh­lun­gen:
(Die mit * gekenn­zeich­ne­ten Links sind soge­nann­te Affi­la­te-Links, die hel­fen, den Blog Gene­ra­tio­nen­ge­spräch zu finan­zie­ren. Wenn Ihnen eine der ange­ge­be­nen Buch­emp­feh­lun­gen
gefällt und Sie das Buch über die­sen Link bestel­len, erhält der Blog dafür eine klei­ne Pro­vi­si­on, ohne dass für Sie Mehr­kos­ten ent­ste­hen. Für Ihren Klick: Herz­li­chen Dank im Vor­aus!)

Die Geschich­te Preu­ßens infor­ma­tiv und unter­halt­sam erzählt, span­nend wie eine Repor­ta­ge.
Chris­to­pher Clark, Preu­ßen. Auf­stieg und Nie­der­gang 1600 — 1947*, Pan­the­on Ver­lag, Ver­lags­grup­pe Ran­dom Hou­se GmbH, 2008


Chris­to­pher Clark, Geschichts­pro­fes­sor aus Cam­bridge, über die Vor­ge­schich­te des 1. Welt­krie­ges: 900 Sei­ten, die völ­lig zurecht zum Best­sel­ler gewor­den sind. Prä­di­kat: beson­ders lesens­wert!
Chris­to­pher Clark, Die Schlaf­wand­ler. Wie Euro­pa in den 1. Welt­krieg zog*, Pan­the­on Ver­lag, Ver­lags­grup­pe Ran­dom Hou­se GmbH, 2015
 
Flo­ri­an Illies’ Meis­ter­werk über Köni­ge und Kai­ser, Ril­ke, Kaf­ka, Sta­lin, Hit­ler und alle ande­ren, die 1913 zum Som­mer des Jahr­hun­derts wer­den lie­ßen. Her­vor­ra­gend recher­chiert und mit fei­ner Iro­nie geschrie­ben, ein Buch, das mit klei­nen Epi­so­den eine gan­ze Welt erklärt. Sehr lesens­wert — jede Sei­te lohnt sich!
Flo­ri­an Illies, 1913. Der Som­mer des Jahr­hun­derts*, S. Fischer Ver­lag GmbH, Taschen­buch, 2015


Die “Urka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts” und ihre Fol­gen:
Ab dem 25. August 2017 ist die hoch­ka­rä­ti­ge BBC-Mini­se­rie “Gene­ra­ti­on der Ver­damm­ten”* in deut­scher Spra­che als DVD oder Blu-ray erhält­lich.

Wei­ter­füh­ren­de Arti­kel:


Er war das 13. Kind eines däni­schen Juden in Ham­burg und hat sich mit nur weni­gen Schul­jah­ren und ohne Stu­di­um zum Gene­ral­di­rek­tor der größ- ten Ree­de­rei der Welt, der Hapag, hoch­ge­ar­bei­tet. Mit Geschick und Fleiß wird er schließ­lich zum „Ree­der des Kai­sers“, der ihm, den „jüdi­schen Par­ve­nü“, wie ihn nei­di­sche Höf­lin­ge nen­nen, freund­schaft­lich ver­bun­den ist. In vie­lem sind sich der Kai­ser und sein Ree­der einig, aber in der Fra­ge über Krieg oder Frie­den schei­den sich ihre Geis­ter.
Die Welt ist fried­los gewor­den. Albert Bal­lin, der Ree­der des Kai­sers


Sara­je­vo, die Julikri­se und ein alter Kai­ser vor der Ent­schei­dung sei­nes Lebens:
Sis­sis Franzl und der gro­ße Knall


Ver­dun ist eine klei­ne Stadt ohne gro­ße Bedeu­tung.
Es ist eine Fes­tungs­stadt in Loth­rin­gen mit noch nicht ein­mal 20.000 Ein­woh­nern, an einer Fluss­schlei­fe der Maas (Meu­se) gele­gen und mit einer schma­len Durch­gangs­stra­ße als ein­zi­ger Ver­bin­dung zum Rest der Welt. Eigent­lich ist sie kaum der Rede wert. Doch dann beginnt am Mor­gen des 21. Febru­ar 1916 die deut­sche Ope­ra­ti­on „Gericht“ und lässt die beschau­li­che Klein­stadt Ver­dun –  wie 27 Jah­re spä­ter auch Sta­lin­grad – zum Syn­onym für die Grau­sam­keit und Sinn­lo­sig­keit von Krie­gen wer­den.

Vor 100 Jah­ren: Die Höl­le von Ver­dun


ZDF „Wel­ten­brand“: Die Höl­le von Ver­dun
https://www.youtube.com/watch?v=–gDhlsJAQU


Opa twit­tert aus dem Schüt­zen­gra­ben”: Chris­ti­an Macks Fami­li­en­for­schung “Opas Krieg”
Opas Krieg


Queen Victoria (1819 - 1901) anlässlich ihres Thronjubiläums 1887Queen Vic­to­ria drück­te dem 19. Jahr­hun­dert ihren Stem­pel auf und bestimm­te als „Groß­mut­ter Euro­pas“ auch die Geschich­te des 20., mit sei­nen bei­den gro­ßen Krie­gen, der Tei­lung Euro­pas und den Nach­we­hen des kolo­nia­len Zeit­al­ters, die wir noch heu­te schmerz­haft spü­ren. Dabei fing ihr Leben mehr als beschei­den an – und eigent­lich auch nur als Not­lö­sung …
Die Groß­mut­ter Euro­pas (1)


Por­trät: Wil­helm II
http://www.zeit.de/2014/08/kaiser-wilhelm-der-zweite-erster-weltkrieg


 Wir müssten das alles mal aufschreibenDie Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en ver­öf­fent­licht seit 2012 hoch­wer­ti­ge Bild­bän­de und Chro­ni­ken über Fami­li­en- und Unter­neh­mens-geschich­ten. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf unse­rer Home­page Bild­bio­gra­phi­en: Wir müss­ten das alles mal auf­schrei­ben!


Film:

Trai­ler zur Mini-Serie “Gene­ra­ti­on der Ver­damm­ten”, Pan­da­storm Pic­tures, You­Tube
https://www.youtube.com/watch?v=z8kXNZXxc8c

Bild­nach­wei­se:

1) Kai­ser Wil­helm II zwi­schen 1910 und 1914, E. Bie­ber, Hof­pho­to­graph, Libra­ry of Con­gress, Prints and Pho­to­graphs Divi­si­on, Washing­ton, D.C. 20540 USA
2) Kai­ser Wil­helms II Mut­ter Vic­to­ria: „Vic­to­ria Princess Roy­al , 1857“ von Franz Xaver Win­ter­hal­ter — Win­ter­hal­ter and the courts of Euro­pe. Trans­fe­red from de:Image:Victoria Princess Roy­al , 1857.jpg. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons.
3) Hoch­ru­fe anläss­lich des Geburts­tags Kai­ser Wil­helm II., 27. Janu­ar 1901, Carl Hohl. Bun­des­ar­chiv Bild 163–161, Kame­run, Dua­la, Poli­zei­trup­pe“ von Bun­des­ar­chiv, Bild 163–161 / CC-BY-SA.
4) „Fami­lie um 1900“ von Ori­gi­nal uploa­der was St.Krekeler at de. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons
5) “Drop­ping the Pilot”. Kar­ri­ka­tur von Sir John Ten­ni­el (1820–1914), März 1890 im bri­ti­schen Maga­zin “Punch”.Lizenziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia
6) Die “Dre­ad­nought” (frei über­setzt: Fürch­te­nichts) war ein revo­lu­tio­när neu­es Schlacht­schiff , das sowohl in Pan­ze­rung wie auch in Bewaff­nung alles bis­her Dage­we­se­ne in den Schat­ten stellt. Das ers­te Schiff die­ser Art sticht 1906 in Eng­land in See. „HMS Dre­ad­nought 1906“ von not sta­ted — US Navy His­to­ri­cal Cen­ter Pho­to # NH 63367. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.