Kleine Schwester, großer Bruder: Geschwisterkonstellationen

Kleine Schwester großer Bruder Geschwisterkonstellationen

Geschwister sind die Menschen, mit denen wir die längste Beziehung unseres Lebens führen.
Egal, ob wir ewige Rivalität oder immerwährende Liebe pflegen, nicht nur der Charakter unserer Geschwis-terbeziehung, sondern auch der Platz in der Geschwister-Reihenfolge ist von Bedeutung.

 

Beeinflussen kann man es nicht, ob man als große Schwester, als Einzel- oder Sandwichkind oder als Nesthäkchen geboren worden ist.

Ebensowenig hat man Einfluss auf die Rollenmodelle, die alle Eltern unbewusst ihren Kindern zuweisen.

Ein Vater, der in seiner Kindheit von seinem älteren Bruder gepiesackt wurde, wird bei Streitereien zwischen seinen eigenen Söhne mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr schnell die Position des jüngeren Sohnes ergreifen, ohne darüber nachzudenken.

Eine Mutter, die in ihrer Herkunftsfamilie als älteste Tochter zu viele Verpflichtungen im Haushalt oder bei der Betreuung jüngerer Geschwister hatte, wird ihre eigene erstgeborene Tochter eher schonen und verwöhnen.
Und sie, wenn überhaupt, sehr selten zum Babysitten jüngerer Geschwister oder zur Hausarbeit verpflichten.

Als ‚transgenerationale Vererbung‘ wird die unbewusste Weitergabe von Verhaltensweisen, Stimmungen oder Einstellungen von einer Generation auf die nachfolgende(n) bezeichnet.


Held, Spaßvogel oder Nesthäkchen?

Familien- und Geschwisterkonstellationen bleiben über viele Jahre erhalten.

Auch wenn aus den Kindern schon längst Leute geworden sind, schlüpfen sie bei Familientreffen scheinbar widerstandslos in altbewährte Kindheitsmuster.
Bündnisse, Scherze aber auch Reibereien aus längst vergangenen Tagen werden ganz automatisch aus der Vergangenheit hervorgeholt.
Zur Freude der einen, denen die alten Rollen aus der Kinderzeit Sicherheit geben, zum Ärger der anderen, für die Geschwistertreffen Stress pur bedeuten.

Denn oft sind die Muster als Held, Bösewicht, Spaßvogel oder Opfer hoffnungslos veraltet. Viele alte Muster haben eine Revision dringend nötig, nicht zuletzt auch, um das mittlerweile erwachsene (Geschwister-) „Kind“ aus seiner Vergangenheit zu befreien und ihm die Rolle zu erlauben, die es außerhalb der Familie vielleicht schon seit Jahrzehnten eingenommen hat.

Das zarte Nesthäkchen, das traditionell immer von allen beschützt wurde, ist mittlerweile eine erfolgreiche erwachsene Frau, die nicht mehr behütet – und bevormundet – werden möchte.

Der jüngste verspielte Bruder, der immer soviel Unsinn im Kopf und schlechte Noten in der Schule hatte, hat mittlerweile Karriere gemacht und ist beruflich erfolgreich.

„Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem Kinder lesen.“
Augustinus Aurelius


Wem also Weihnachts- und sonstige Familientreffen schon lange vor dem eigentlichen Festessen schwer im Magen liegen, sollte einen Blick hinter die Familienkulisse werfen und althergebrachte Geschwister-Etikettierungen auf den Prüfstand stellen.

Denn: Viele Charakterisierungen, die uns seit unserer Kindheit in unserer Herkunftsfamilie (ver-)folgen, haben mit unserem eigentlichen Charakter und unseren Fähigkeiten gar nichts zu tun, sondern sind die Überreste und das Ergebnis der jeweiligen Rolle als Geschwisterkind aus längst vergangenen Kindertagen.


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Das älteste Kind

Der älteste Sohn oder die älteste Tochter seiner Eltern zu sein, ist ein zweischneidiges Vergnügen.

Einerseits genießen Erstgeborene – zumindest für eine gewisse Zeit – die volle Aufmerksamkeit und Zuwendung der gesamten Familie, andererseits ruhen auf „den Großen“ viele bewusste und unbewusste Hoffnungen und Erwartungen.
Im Laufe ihres Lebens kann es den Ältesten gelingen, sich – wenigstens teilweise – von der Erwartungshaltung ihrer Familie zu befreien, oft werden sie dann ein Leben lang von Gewissensbissen oder Schuldgefühlen geplagt.

Die Geburt eines jüngeren Geschwisterkindes „entthront“ die Erstgeborenen, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, bleibt aber meistens.
Dazu passt die Beobachtung, dass älteste Kinder oft mit dem Empfinden aufwachsen, im Leben eine wichtige Aufgabe erfüllen zu müssen.

Den Eltern stehen die Ältesten am nächsten, und da sie sich häufig mit ihnen identifizieren und bei ihnen bis ins Erwachsenenalter eine besondere Position als „Bannerträger der Familie“ einnehmen, sind älteste Kinder meistens konservativer als ihre jüngeren Geschwister.

Älteste Söhne und Töchter sind im Vergleich zu jüngeren Geschwistern besonders gewissenhaft, eher ernst als verspielt und in der Regel sehr verantwortungsbewusst.
Da sie häufig nicht nur Verantwortung für jüngere Schwetern und Brüder übernehmen, sondern auch Autorität ausüben (müssen), sind sie in ihrem Erwachsenenleben ‚geborene‘ Führungspersönlichkeiten.
Erstgeborene können sehr selbstkritisch sein, vertragen aber Kritik von anderen nicht unbedingt gut.

Die älteste Tochter verfügt in der Regel über die gleiche Führungsfähigkeiten wie ein ältester Sohn, auch sie ist verantwortungsbewusst, ernst- und gewissenhaft und hat eine besondere Gabe, für andere Sorge zu tragen.
Werden ihr aber – wie es früher häufig der Fall war – nicht auch die gleichen Vorrechte wie einem ältesten Sohn eingeräumt, trägt sie zwar Verpflichtungen und Verantwortung, hat aber nicht die Möglichkeit, daraus auch das entsprechende Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Das jüngste Kind

Kindheit in der Zeit nach dem Zweiten WeltkriegDa der „Thron“ bereits besetzt ist, müssen sich alle nachgeborenen Geschwisterkinder müssen erst müh- sam eine Nische innerhalb der Fa- milie suchen und erobern, in der sie konkurrenzlos sind.
Psychologen bezeichnen diesen Prozess als „Deidentifikation“ und sehen darin einen der Gründe, weshalb Geschwister oft sehr unter-schiedlich sind, obwohl sie im Schnitt die Hälfte ihrer Gene gemeinsam haben.

Als Faustregel gilt: Je geringer der Altersabstand zwischen Geschwistern ist, desto größer sind in der Regel die Unterschiede zwischen ihren Temperamenten und Neigungen.

Der Sinn der Deidentifikation liegt wahrscheinlich darin, Rivalität, Eifersucht und Neid zu verringern; trotzdem kann es besonders zwischen Brüdern mit geringem Altersabstand zu heftigen Konkurrenzkämpfen kommen.

Da die Nische „Führung und Verantwortung“ bei ihrer Geburt bereits besetzt ist, suchen und finden jüngere Geschwisterkinder ihre Besonderheit innerhalb der Familie meistens im Bereich Kreativität.

Marie Curie, Benjamin Franklin oder der ebenso erfinderische wie exzentrische Thomas Alva Edison sind klassische Beispiele für jüngste Kinder, die – frei von Verantwortung und Verpflichtungen, gewöhnt an ältere Geschwister, die sich um sie kümmern – un- konventionell ihren ganz eigenen Weg gegangen sind.

Auch jüngste Kinder haben häufig das Gefühl, etwas Besonderes zu sein; im Gegensatz zu den ältesten dürfen sie aber ihre Neigungen stärker ausleben.

Nesthäkchen sind freier und nicht durch Verantwortung für andere belastet, oft wirken sie viel unbekümmerter als ihre älteren Geschwister und sind viel seltener von Selbstzweifeln geplagt.

Oft sind die Jüngsten diejenigen, die bereit sind, Dinge auszuprobieren, die ihren älteren Geschwistern nicht im Traum einfallen würden.

„Woher wissen die Mütter immer alles, was sie ihren Töchtern verbieten?“
Unbekannt


Zwar sind jüngste Kinder meistens fest entschlossen, ihren eigenen, unkonventionellen Weg zu gehen, gleichzeitig sind sie aber auch daran gewöhnt, das zu tun, was andere ihnen sagen.

Eigeninitiative oder Führungsrollen sind in der Regel nicht ihr Ding, umgekehrt erwarten sie schnelle Hilfe und Unterstützung, sobald sie das Gefühl haben, nicht mehr aus eigener Kraft weiterzukommen.
Einige jüngste Kinder wirken selbstbezogen und verwöhnt, und das enttäuschte Gefühl, dass ihnen eigentlich ALLES zustünde, kann zu großer Frustration führen; andere rebellieren und versuchen ihrem Status als „Familienbaby“ zu entfliehen.

Das „Sandwich“-Kind

Raufende Jungs in den 1950er JahrenMöglicherweise haben mittlere Kinder die schwierigste Position innerhalb ihrer Familie erwischt. Oder die einfachste.

Besonders dann, wenn alle Geschwis-terkinder das gleiche Geschlecht haben, laufen Sandwichkinder große Gefahr, einfach vergessen zu werden.

Mittlere Kinder haben keine be- sondere Rolle.
Das kann einerseits große Freiräume bieten, um de facto unter dem elterlichen Radar durchzusegeln und das eigene Ent- wicklungspotenzial ungestört von „erzieherischen Bemühungen“ auszuschöpfen, andererseits kann es auch sehr frustrierend sein, sich ständig abstrampeln zu müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

„Meine Mutter hatte einen Haufen Ärger mit mir, aber ich glaube, sie hat es genossen.“
Mark Twain


Sandwichkinder sind häufig die ‚geborenen‘ Diplomaten und Verhandlungsführer.

Sie sind oft deutlich ausgeglichener als die stärker getriebenen ältesten Kinder, aber auch nicht so verspielt und wagemutig wie die Nesthäkchen.
Allerdings müssen sie ihren Platz innerhalb der Familie finden, andernfalls können sie als Erwachsene Schwierigkeiten haben, sich anderen anzupassen.
Ohne die Privilegien des ältesten Kindes und die „Narrenfreiheit“ des jüngsten können sich Sandwichkinder manchmal verloren fühlen, es sei denn, sie sind die einzge Tochter oder der einzige Sohn in ihrer Familie.

Das Einzelkind

Mutter und kleine Tochter 1930er JahreFür Kinder sind ihre Geschwister die ersten Sparringspartner für das Erlernen sozialer Beziehungen.

Im Spiel wie im Streit lernen sie den Umgang mit Gleichaltrigen – und genau das kann Einzelkindern fehlen, wenn sie, wie etwa Jean-Paul Sartre, ohne die Gesellschaft anderer Kinder groß werden.

Da sie keine Geschwister haben, orientieren sich Einzelkinder oder auch Geschwisterkinder, die mit großem zeitlichen Abstand zueinander geboren worden sind, stärker an Erwachsenen, deren Liebe und Aufmerksamkeit sie suchen.
Auch im späteren Leben bleiben sie ihren Eltern oft stärker verbunden als Kinder, die mit Geschwistern aufgewachsen sind.

Einzelkinder vereinen oft die Ernsthaftigkeit und Gewissenhaftigkeit des ältesten Kindes mit der Überzeugung, auf alles ein Recht zu haben, die charakteristisch für das jüngste Kind ist.

Die Herausforderung von Einzelkindern ist, den sozialen Umgang mit Gleichaltrigen möglichst früh zu lernen.
Über Sartre wird beispielsweise berichtet, dass er – bei Mutter und Großeltern aufgewachsen – erst im Alter von 12 Jahren in eine Schule geschickt worden ist und dort das erste Mal in seinem Leben Kontakt zu anderen Kindern hatte.
Die anderen Jungen aus seiner Schulklasse konnten mit dem mürrischen und streitbaren Neuzugang überhaupt nichts anfangen, zumal er wichtigtuerisch und affektiert auftrat, sobald er die Ablehnung seiner Klassenkameraden spürte
.

Später versuchte er, sich Freunde zu kaufen, und durch besonders spektakuläre Schülerstreiche auf sich aufmerksam zu machen.
Er verbrachte viel Zeit alleine mit lesen und schreiben und fand schließlich in einem anderen Einzelkind eine verwandte und freundschaftlich verbundene Seele.

„Eine glückliche Mutter ist für ihre Kinder lehrreicher als hundert Lehrbücher über Erziehung.“
Sprichwort


Geschwister: Die längste Beziehung des Lebens

Ehepartner kommen und gehen, Eltern sterben; die eigenen Kinder wachsen auf und werden flügge.
Die Einzigen, die ein Leben lang bleiben, sind Geschwister.

Und sie bleiben wirklich, denn auch wenn nach einem Familienkrach der Kontakt ab- gebrochen sein sollte, kann man sich von Schwestern oder Brüdern weder trennen noch scheiden lassen; sie sind da, auch wenn sie nicht da sind.

Selbst wenn man sich nur noch sehr selten oder gar nicht mehr sieht, bleiben die ent- scheidenden Prägungen, Erinnerungen und Erfahrungen einer langen gemeinsamen Kindheit erhalten.
Das gilt nicht nur ‚lebenslänglich‘, sondern auch für alle Kulturen weltweit:

„Schwester oder Bruder von …“ zu sein, wird in Hamburg, New York oder am Amazonas von allen Menschen gleichermaßen verstanden.

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2015

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Monica McGoldrick, Wieder heimkommen. Auf Spurensuche in Familiengeschichten*,
Carl-Auer-Verlag, 2013

 


Unzufriedenheit und ungelöste Probleme machen uns manchmal das Leben schwer. Anstöße für mehr Zufriedenheit bietet dieses Buch, das in einer klar verständlichen Sprache und anhand vieler Beispiele erklärt, wie wir uns selbst gelegentlich in unbefriedigende Lebenssituationen manövrieren – und wie wir aus ihnen wieder herauskommen.
Reinhard K. Sprenger: Die Entscheidung liegt bei dir! Wege aus der alltäglichen Unzufriedenheit*, Campus Verlag GmbH, Frankfurt/Main, überarbeitete Neuauflage 2015, broschiert


 

 

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 Weiterführende Links zum Thema Familie:


Mutterliebe sorgt dafür, dass Frauen über sich hinauswachsen und Dinge tun, die sie normalerweise für andere Menschen nicht tun würden. Fehlt Mutterliebe, muss ein Kind also „mutterseelenallein“ aufwachsen, wird es diesen Mangel ein Leben lang spüren.
Aber was ist Mutterliebe, und wie lässt sie sich erklären?

Was heißt schon Mutterliebe?


Geschwister können für die Entwicklung von „Resilienz“ außerordentlich wichtig sein.
Über Verletzungen, Lebenskrisen und die drei Formen eines glücklichen Lebens:
Die Energie folgt der Aufmerksamkeit


Sei spontan! Paul Watzlawick über die Absurdität der Forderungen „Sei spontan!“ oder „Sei fröhlich!“. Denn die Erwartungen der anderen sind die Erwartungen der anderen …
Sei spontan!


Mit erlernter Hilflosigkeit und selbsterfüllenden Prophezeiungen kann man sich selbst sehr wirkungsvoll sabotieren.
Noch ein Watzlawick über die Stolperfallen auf dem Weg zum Lebensglück:
Selbsterfüllende Prophezeiungen


Der Beginn unserer vierteiligen Serie zum Thema ‚Mutterliebe‘
Mythos Mutter: Die Hand an der Wiege bewegt die Welt


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Bildnachweis:
Agentur für Bildbiographien, 2015

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