Puppchen, Du bist mein Augenstern“: Das Geheimnis in alten Fotografien

Wanderer W3 Puppchen

In alten Foto­gra­fi­en kann ziem­lich viel „Kri­mi“ ste­cken.
Wenn man genau hin­sieht, offen­ba­ren sie manch­mal völ­lig neue Aspek­te in der Fami­li­en­ge­schich­te. Oder neue Geheim­nis­se.

Urgroßvaters „Puppchen“-Sammlung

Mein Urgroß­va­ter war ein Auto­mo­bi­list der ers­ten Stun­de.
Er war ein begeis­ter­ter Auto- und Motor­rad­fah­rer, der in jeder frei­en Minu­te min­des­tens eine sei­ner vier Töch­ter und/oder Gat­tin Olga auf Sit­ze und Sozi­us sei­nes jeweils aktu­el­len Fahr­zeug­mo­dells zwäng­te und mit ihnen von Chem­nitz aus kreuz und quer durch Deutsch­land reis­te – erst durch das Kai­ser­reich, spä­ter durch die Wei­ma­rer Repu­blik. Dem­entspre­chend sieht auch unser Foto­al­bum aus:
Foto­gra­fi­en von Autos und Motor­rä­dern unter­schied­lichs­ter Bau­art vor unter­schied­li­cher Kulis­se, mal mit der einen, mal mit einer ande­ren Toch­ter und natür­lich sehr oft mit mei­ner Urgroß­mut­ter, sei­ner gelieb­ten Ehe­frau Olga, im, auf oder neben dem jewei­li­gen Fahr­zeug.

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Für ech­te Old­ti­mer-Fans ist es völ­lig unver­ständ­lich, aber der Fuhr­park mei­nes Urgroß­va­ters war mir tat­säch­lich lan­ge Zeit völ­lig schnup­pe, denn sein „Auto- mobilisten“-Gen habe ich defi­ni­tiv nicht geerbt.
Autos sind zum Fah­ren da, und wenn sie dann zusätz­lich noch nett aus­se­hen, umso bes­ser.

Der Form hal­ber und weil eben doch ein biss­chen Fami­li­en­stolz dar­an hängt, habe ich trotz­dem Old­ti­mer-Exper­ti­se gesucht und bei Hei­ko Feld, dem Her­aus­ge­ber des Online-Maga­zins „clas­sic-car-revue“, gefun­den.
Und plötz­lich wur­den Urgroß­va­ters Auto­mo­bi­le doch noch sehr inter­es­sant, denn nicht zuletzt durch die abge­bil­de­ten Fahr­zeu­ge konn­ten bis dahin unda­tier­te Foto­gra­fi­en zeit­lich sehr genau zuge­ord­net wer­den.

Puppchen_Du_bist_mein_Augenstern_3Wie nicht anders zu erwar­ten, hat­te mein Urgroß­va­ter über die Jah­re eine beacht­li­che Anzahl von „Wan­de­rer“-Autos gesam­melt und gefah­ren, wobei ihm vor allem das Modell „Pupp­chen“ beson­ders am Her­zen lag.
„Pupp­chen“ sind die nied­li­chen klei­nen Autos (1,5 m breit, 3 m lang), die die „Wan­de­rer-Wer­ke“ ab 1913 in Serie gebaut und ver­kauft haben. Wan­de­rer – ursprüng­lich ein Her- stel­ler von Werk­zeug- und Büro­ma­schi­nen, Fahr­rä­dern und Motor­rä­dern in Schö­nau bei Chem­nitz – ist rela­tiv spät ins Auto­mo­bil­ge­schäft ein­ge­stie­gen, lan­de­te dann aber mit sei­nem „Wan­de­rer 5/12 PS Typ W3“ (W3 für Wagen3), also dem „Pupp­chen“, einen ech­ten Ver­kaufs­schla­ger mit 8000 ver­kauf­ten Autos.


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Der Erfolg des Pupp­chens basier­te zum einen auf sei­nen hohen tech­ni­schen Rei­fe­grad (es fuhr immer­hin 70 km/h schnell und galt auf Berg­päs­sen als „Klet­ter­ma­xe“), zum ande­ren auf einen geschick­ten Mar­ke­ting-Coup:
In der 1913 urauf­ge­führ­te und sehr belieb­ten Ope­ret­te “Die keu­sche Susan­ne” von Jean Gil­bert stand im 1.Akt ein Wan­de­rer W3 als Requi­si­te auf der Büh­ne, und der aus der Ope­ret­te stam­men­de Gas­sen­hau­er „Pupp­chen, Du bist mein Augen­stern“ war schnell in aller Mun­de und wur­de zum Namens­ge­ber des ers­ten seri­en­rei­fen und nied­li­chen Wan­de­rer-Autos.

Nach dem Ers­ten Welt­krieg wur­de das „Pupp­chen“ erwach­sen: Es bekam mehr PS und wuchs vom Zwei­sit­zer, bei dem Fah­rer und Beifahrer(in) hin­ter­ein­an­der sit­zen muss­ten, zum Drei- und sogar Vier­sit­zer. Den Urgroß­va­ter wird’s gefreut haben, hat­te er doch fünf Damen zu trans­por­tie­ren.

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Eine kurze Erfolgsgeschichte: Die Auto Union AG

Auto­mo­del­le der Mar­ke „Wan­de­rer“ wur­den bis in die 1930er Jah­re pro­du­ziert.
Die 1929 über eine schein­bar flo­rie­ren­de Öko­no­mie her­ein­bre­chen­de Welt­wirt­schafts­kri­se brach­te vie­le Indus­trie­zwei­ge ins Schlin­gern, dar­un­ter natür­lich auch die tra­di­ti­ons­rei­chen deut­sche Auto­mo­bil­in­dus­trie, die größ­ten­teils in Sach­sen ange­sie­delt war. Auch bei Wan­de­rer wur­de der Auto­mo­bil­bau zu einem Geschäft mit roten Zah­len.
Die gesam­te Puppchen_Du_bist_mein_Augenstern_6_kleinMotor­rad­fer­ti­gung war bereits an NSU und an das tsche­chi­sche Unter­neh­men Jan­e­cek ver­kauft wor­den, nun gab es bei der Dresd­ner Bank, dem wich­tigs­ten Aktio­när der Wan­de­rer-Wer­ke, Über- legun­gen, auch den Auto­mo­bil­bau abzu­sto­ßen.

Soweit kam es aber nicht: 1932 fusio­nier­ten Audi, Horch, DKW und der Mit­tel­klas­se­wa­gen­her­stel­ler Wan­de­rer unter dem Namen “Auto Uni­on AG”, wobei alle vier Her­stel­ler wei­ter­hin unter ihrem eige­nen Mar­ken­na­men pro­du­zier­ten.
Als Zei­chen ihres Zusam­men­schlus­ses wur­den nun aber alle Fahr­zeu­ge mit dem Fir­men­zei­chen der Auto Uni­on — vier inein­an­der ver­schlun­ge­ne Rin­ge — ver­se­hen.

Wäh­rend ihres 16jährigen Bestehens agier­te die Auto Uni­on AG außer­or­dent­lich erfolg-reich. Unter ihrem Dach konn­ten Klein-, Mit­tel­klas­se-, Ober­klas­se und Luxus­klas­se­wa­gen ange­bo­ten wer­den: Im Jahr 1938 war in Deutsch­land jeder vier­te zuge­las­se­ne Per­so­nen- wagen ein Auto­mo­bil der Auto Uni­on, die Gesell­schaft war nach Opel der zweit­größ­te Auto­mo­bil­her­stel­ler Deutsch­lands.

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Der Zwei­te Welt­krieg änder­te alles.
Im Jahr 1940 wur­de die gesam­te zivi­le Auto­pro­duk­ti­on bei der Auto Uni­on ein­ge­stellt, alle Unter­neh­men muss­ten ab sofort für die deut­sche Rüs­tung pro­du­zie­ren. 1945 leg­te die US-Armee sämt­li­che Betrie­be still, die sowje­ti­sche Besat­zungs­macht demon­tier­te die Anla­gen als Repa­ra­ti­on für Kriegs­schä­den und trans­por­tier­te sie in die UDSSR ab.
1948 wur­de die Auto Uni­on AG aus dem Han­dels­re­gis­ter Chem­nitz gelöscht.

Doch die vier inein­an­der ver­schlun­ge­ne Rin­ge blie­ben: Im nord­baye­ri­schen Ingol­stadt, einem ehe­ma­li­gen Ver­triebs­zen­trum der Fir­ma, stan­den damals glück­li­cher­wei­se eini­ge vor­mals mili­tä­ri­sche Gebäu­de leer und waren unbe­schä­digt … aber das ist eine ande­re Geschich­te.

Ein unbekanntes „Ur-Puppchen“?

In den Wan­de­rer-Autos des Urgroß­va­ters kann man Kind­heit und Jugend mei­ner Groß­mut­ter und ihrer Schwes­tern ver­fol­gen, ziem­lich genau datiert, da er sich regel­mä­ßig die neus­ten Model­le zuleg­te.
Mitt­ler­wei­le konn­te Hei­ko Feld vie­les aus Urgroß­va­ters Modell­pa­let­te klas­si­fi­zie­ren – im Wesent­li­chen alles, bis auf eines. Und die­ser eine, nicht ein­zu­ord­nen­de Wagen­typ lässt mich tat­säch­lich fast zum Old­ti­mer-Fan wer­den.

Das PuppchenDie Foto­gra­fie die­ses Auto­mo­bils ist auf das Jahr 1910 datiert und zeigt laut Fami­li­en­ge­schich­te „Urgroß­va­ters ers­tes Auto“; gleich­zei­tig soll es auch eines der ers­ten Auto­mo­bi­le gewe­sen sein, die in Chem­nitz fuh­ren.
Doch trotz der stol­zen, lie­be­vol­len und jahr­zehn­te­lan­gen Betrach­tung die­ser Foto­gra­fie, ist nie­man­den der Küh­ler des „ers­ten Autos“ auf­ge­fal­len. Da ist näm­lich unty­pi­scher­wei­se — nichts.
Kein Schrift­zug, kein Mar­ken­em­blem, nichts, was auf die Her­kunft die­ses Auto­mo­bils hin­weist. War Urgroß­va­ter in sei­nen jun­gen Jah­ren etwa Fah­rer eines „Geister“-Mobils?

Das wohl nicht, aller­dings hat er ab 1903 über vier­zig Jah­re lang als Inge­nieur (und spä­ter Betriebs­lei­ter) bei den „Wan­de­rer-Wer­ken“ gear­bei­tet.
Sein Spe­zi­al­ge­biet – und damit sei­ne zwei­te Lei­den­schaft – waren jedoch Schreib-maschi­nen, wobei es inner­fa­mi­li­är hart­nä­cki­ge Gerüch­te gab, er habe kurz­fris­tig auch „etwas“ mit Autos und Motor­rä­dern zu tun gehabt; hät­te Autos oder Motor­rä­der zum Tes­ten gefah­ren und damit Gat­tin Olga ver­är­gert.
Die emblem­freie Küh­ler­hau­be könn­te für die­se Gerüch­te spre­chen (und dafür, dass Olga zu Recht sau­er war. Wel­che Ehe­frau sieht ihren Mann und den Vater ihrer Kin­der schon ger­ne als Test­fah­rer in einem noch zu ent­wi­ckeln­den Auto-Modell — damals, ohne Air­bags, Kopf­stüt­zen und Sicher­heits­gur­te?).
Wanderer Puppchen Unfall

Neben neu­em Spe­ku­la­ti­ons­stoff für die hei­mi­sche Gerüch­te­kü­che könn­te die­ses Foto natür­lich auch ein inter­es­san­ter Bau­stein in der Fir­men­ge­schich­te der „Wan­de­rer-Wer­ke“ sein.
Bevor das „Pupp­chen“ – der W3 – 1913 das Licht der Welt erblick­te und in Serie ging, hat­te Wan­de­rer schon ab 1903 den „W1“ (Wagen 1 oder „Wan­der­er­mo­bil“, heu­te im Ver­kehrs­mu­se­um in Dres­den zu besich­ti­gen) und 1906 den vier­sit­zi­gen „W2“ als Ein­zel­stü­cke und Ver­suchs­fahr­zeu­ge gebaut. Die Wan­de­rer-Wer­ke hat­ten aber auch mit dem damals noch unbe­kann­ten Etto­re Bugat­ti ver­han­delt und von ihm einen Klein­wa­gen für zwei Mona­te zu Test­zwe­cken erhal­ten, sich aber dann doch für die Ent­wick­lung eines eige­nen Wagens ent­schie­den.
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Fest steht, dass kei­ne die­ser Mög­lich­kei­ten zu „Urgroß­va­ters ers­tem Auto“ passt.
Das Auto ist ange­mel­det, ein Zwei­sit­zer und hat die Küh­ler­form der ers­ten „Wanderer“-Jahre, aber kein Emblem. Ein nicht oder nur wenig bekann­tes Zwi­schen­mo­dell? Der Urgroß­va­ter also doch ein wage­mu­ti­ger Test­pi­lot?

Man weiß es nicht, und wir wer­den wei­ter recher­chie­ren.
Es ist nur eine win­zig klei­ne Epi­so­de in der Geschich­te der „Wanderer“-Werke oder gar in der „ganz gro­ßen“ Geschich­te. Und trotz­dem ist es span­nend, was man bei genau­er Betrach­tung so alles in den Foto­al­ben kle­ben oder ste­cken hat….


Bildbiographie Buchbeispiel Irmgard Charlotte BuschmannPupp­chen, du bist mein Augen­stern“, ist ein Aus­zug aus der Bild­bio­gra­phie Irmgard Char­lot­te Busch­mann, Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, 2013. (Zum Blät­tern im Buch bit­te hier kli­cken)


 

Wei­ter­füh­ren­de Links:

Wie zu Kai­sers Zei­ten: Ein Stmmungs­be­richt über Kai­ser und Reich vor dem Ers­ten Welt­krieg:
http://generationen-gespräch.de/ein-platz-an-der-sonne-oder-wilhelm-das-grossmaul/


Wir müssten das alles mal aufschreiben

Die Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en ver­öf­fent­licht seit 2012 hoch­wer­ti­ge Bild­bän­de und Chro­ni­ken über Fami­li­en- und Unter­neh­mens-geschich­te. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf unse­rer Home­page Bild­bio­gra­phi­en: Wir müss­ten das alles mal auf­schrei­ben!


Bild­nach­weis: Archiv Busch­mann

Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2013

2 Gedanken zu „Puppchen, Du bist mein Augenstern“: Das Geheimnis in alten Fotografien

  1. Tol­le Idee, Fami­li­en­ge­schich­te aus Fotos über Autos & Fami­lie abzu­lei­ten, so nimmt das Auto noch heu­te einen Platz als wich­ti­ges Fami­li­en­mit­glied ein, oder? Span­nend, amü­sant und tref­fend. Nicht nur, wenn es vor der Tür steht, schon lan­ge vor­her und am Ende ist jedes Auto ein wenig “my car is my cast­le…”
    Grü­ße, Kers­tin

    • DAS ist mal ein Spruch ganz in Urgroß­va­ters Sinn! 🙂 Aber wie wahr, das Auto war (und ist) ein nicht zu ver­nach­läs­si­gen­des Fami­li­en­mit­glied. Wei­ter­hin gute Fahrt und herz­li­che Grü­ße! Susan­ne

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