Vom Ruhrkampf zum Deutschen Oktober

Einzug französischer Truppen in Essen, 1923, Von Bain News Service, publisher – Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C., Gemeinfrei

1923. Reichskanzler Wilhelm Cuno und seine „Regierung der Wirtschaft“ versuchen, die Franzosen aus dem Ruhrgebiet zu vertreiben und lassen dafür Geld drucken. Sehr viel Geld. Mit katastrophalen Folgen für die gebeutelte Weimarer Republik. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit bis zum Kollaps zu sein. Bis zum rechten oder linken Kollaps, das ist auch noch nicht so ganz klar …

Der Hammer fällt im Januar 1921: 269 Milliarden Goldmark, das sind umgerechnet rund 1 Billion Euro, fordern die Alliierten von Deutschland als Reparationszahlung für den verlorenen Krieg.
Sogar die Briten halten diese Bedingung des Versailler Vertrags für zu hart, können sich aber gegen die Franzosen nicht durchsetzen. Der dritte große Kriegsgegner des untergegangenen deutschen Kaiserreichs, die USA, hat von den europäischen Querelen genug und zieht sich nach und nach aus dem politischen Chaos, in das sich „good old europe“ manövriert hat, zurück.

In Deutschland bricht wieder mal Streit aus.
Auf der einen Seite stehen die sogenannten „Erfüllungspolitiker“ – Vertreter des liberalen bis linken Spektrums (SPD, Zentrum, DDP) –, die das Unmögliche tun und die immens hohe Schuldenlast begleichen wollen. Auf der anderen Seite gibt es die „Katastrophenpolitiker“, überwiegend Vertreter des rechten Spektrums, die die absurd hohe Summe ablehnen und weder zahlen noch verhandeln wollen, auch wenn das einen neuen Krieg bedeuten könnte.

Mehr schlecht als recht behalten Erfüllungspolitiker in wechselnden Koalitionen im Reichstag die Oberhand und versuchen, wenigstens die diplomatische Ächtung Deutschlands am Katzentisch der Weltpolitik durch Wohlverhalten zu durchbrechen.

Ruhrkampf und Hyperinflation

Wilhelm Cuno (links) mit Reichspräsident Ebert bei der Verfassungsfeier vor dem Reichstag (1923). Von Bundesarchiv, Bild 146-1973-076-58 / CC-BY-SA 3.0

Seit November 1922 ist der HAPAG-Generaldirektor Wilhelm Cuno als Reichskanzler an der Macht und bemüht sich mit seiner „Regierung der Wirtschaft“, das Nachkriegschaos im Land und die ehemaligen Kriegsgegner Deutschlands in Schach zu halten.

Das gelingt ihm nur mäßig.
Am 11. Januar 1923 tut Frankreich ungeachtet der innerdeutschen Auseinandersetzungen – Dolchstoßlegende, „Novemberverbrecher“ – das, was schon lange auf der Agenda französischer Politiker und Militärs stand: Gemeinsam mit belgischen Truppen besetzen die Franzosen das industrielle Herzstück Deutschlands, das Ruhrgebiet.
Angeblich dient die Besatzung dazu, den Reparationsforderungen Nachdruck zu verleihen, aber eigentlich hofft man, Deutschland mit dem Ruhrgebiet endlich den Reißzahn ziehen zu können, der es reich und mächtig gemacht hat und mit dessen Hilfe Deutschland zum „Erbfeind“ und zur ständigen militärischen Bedrohung Frankreichs werden konnte.

Kohle und Stahl können die Franzosen außerdem selbst gut gebrauchen.

Die Regierung unter Reichskanzler Cuno kann und will die Besetzung des Ruhrgebietes nicht hinnehmen und ruft zum passiven Widerstand auf, der sogenannte Ruhrkampf beginnt. Kein Arbeiter, kein Angestellter, kein Beamter, kein Gewerbetreibender und kein Unternehmer soll mit den Besatzern zusammenarbeiten; ein Generalstreik wird angeordnet, um zu verhindern, dass sich Frankreich aus den Zechen und Stahlwerken des Ruhrgebiets bedient.
Um die Kosten des Generalstreiks finanzieren zu können, setzen Cuno und sein Experten-Kabinett auf ein altbewährtes Mittel, das man bereits zu Kaisers Zeiten genutzt hat, um liquide zu bleiben: Man druckt einfach frisches Geld.

Ein einfacher Plan, der der deutschen Wirtschaft den Rest gibt.

Durch das ungebremste Gelddrucken wird aus der bereits galoppierenden Inflation im Laufe des Jahres eine Hyperinflation, die schon geschwächte Goldmark fällt ins Bodenlose.
D
as neugedruckte Geld ist bald das Papier nicht mehr wert, auf dem es steht, ein Stück Butter kostet zeitweise mehrere Millionen. Weil die deutschen Arbeiter im Ruhrkampf streiken, karren die Franzosen eigene Bergleute heran, die unter militärischem Schutz die Kohle aus den Zechen im Ruhrgebiet schaufeln und nach Frankreich transportieren.

Mieterhöhung während der Zeit der Hyperinflation: Von 579,50 Mark (31. September 1922) auf 9004 Mark (1. April 1923) und schließlich auf 154.913.000 Mark (2. Oktober 1923). Foto: Agentur für Bildbiographie

Die Lage der deutschen Bevölkerung wird immer prekärer.
Mehr und mehr setzt sich der Eindruck durch, dass der Ruhrkampf zum einen nicht zu gewinnen ist, zum anderen nicht zu finanzieren. Geld verliert buchstäblich stündlich an Wert: Am Zahltag fangen Frauen und Kinder die Väter an den Fabriktoren ab und rennen mit dem Lohn zum nächsten Laden, um schnell alles auszugeben, bevor sich ein paar Stunden später die Preise weiter vervielfacht haben.

Streiks, Plünderungen und Hungerunruhen erschüttern die junge, von allen Seiten angefeindete Weimarer Republik. Rechte Politiker, Militärs und Unternehmer denken über die Errichtung einer „nationalen Diktatur“ nach.

Auch die Kommunisten denken nach, zögern aber noch. Josef W. Stalin, inzwischen Generalsekretär der russischen KP und Mitglied der „Troika“, einem Dreiergremium, das die Regierungsgeschäfte für den todkranken Lenin übernommen hat, hält Deutschland noch nicht reif für eine Revolution und mahnt zum Abwarten:

„Wenn heute in Deutschland die Macht sozusagen stürzt und die Kommunisten sie aufheben, dann werden sie mit Pauken und Trompeten scheitern. Im besten Falle. Im schlechtesten wird man sie in Stücke hauen und weit zurückwerfen.“
Stalin, 1923

Die zweite, wirklich proletarische Revolution

Es dauert ein halbes Jahr, dann sind am 13. August 1923 Reichskanzler Cuno und seine „Regierung der Wirtschaft“ politisch am Ende. Nach Massenprotesten treten er und sein Kabinett der Experten geschlossen zurück.

Die Lage in Deutschland hat sich durch zähen Ruhrkampf und die Talfahrt der Goldmark so verschlimmert, dass Grigorij Sinowjew, Vorsitzender der „Kommunistischen Internationale“ (Komintern) und ebenfalls Mitglied der „Troika“, davon ausgeht, die „zweite, wirklich proletarische Revolution“ in Deutschland stünde unmittelbar bevor, jetzt müsse alles zu deren Unterstützung getan werden.
Nach der vertanen Chance im November 1918, als sowohl der SPD-Politiker Scheidemann als auch der USPD-Mann Karl Liebknecht die Republik ausriefen, scheint jetzt endlich die Stunde für eine echte proletarische Revolution gekommen zu sein.

Eine „Sowjetrepublik Deutschland“ käme den Russen sehr gelegen.
Die Sowjetunion gibt es gerade einmal seit sechs Jahren, das Land ist bitterarm und vom Bürgerkrieg gezeichnet, man steht selbst unter großem wirtschaftlichen Druck, um das riesige sowjetische Reich aus seinem rückständigen Zustand zwischen „Kakerlaken und Ikonen“ endlich ins industrielle 20. Jahrhundert zu holen.
Deutschland ist nach wie vor die mächtigste Industrienation des Kontinents, wäre es kommunistisch geführt, könnte das auch bei der sowjetischen Industrialisierung helfen und zudem andere westeuropäische Staaten auf den Weg zur Weltrevolution führen.

In großer Eile beginnt man mit den Vorbereitungen für einen Umsturz, der für den historischen 9. November geplant ist, aber als „Deutscher Oktober“ bezeichnet wird.
Ende August 1923 setzt die KPD mit Unterstützung sowjetischer Militärberater ein Revolutionskomitee ein, im September reist eine Delegation deutscher Revolutionäre zu weiteren Besprechungen nach Moskau.
Die Erwartungen an die Deutschen sind hoch. Die KPD steht unter Erfolgsdruck und KPD-Chef Heinrich Brandler lässt sich bei seiner Visite in Moskau zu der Bemerkung hinreißen, jeder Thüringer Arbeiter habe ein Gewehr hinterm Ofen stehen. 253.000 Kommunisten stünden zum Kampf bereit, Waffen seien genügend vorhanden, im Laufe von 6 bis 8 Wochen könnten fünfzehn Divisionen gebildet werden.
Er irrt sich.

„Entweder scheitert die Revolution in Deutschland und erschlägt uns, oder die Revolution gelingt dort, alles läuft gut, und unsere Lage ist gesichert.“
Stalin, August 1923

Der „Deutsche Oktober“

In der Zwischenzeit überschlagen sich im Reich die Ereignisse.
Als das Chaos am größten ist, die Weimarer Republik sowohl wirtschaftlich als auch politisch kurz vor einem Kollaps steht und das rechte und linke Lager eifrig Umsturzpläne schmieden, tritt Gustav Stresemann als neuer Reichskanzler auf den Plan, im Weltkrieg noch überzeugter Monarchist, mittlerweile „Vernunftrepublikaner“ und Versöhner.
Stresemann krempelt die Ärmel hoch und verkündet am 26. September den Abbruch des „Ruhrkampfs“. Außerdem ist er der Erste, der es wagt, den Abwärtsstrudel der von vielen ungeliebten Weimarer Republik zu durchbrechen und bereitet mit seiner Großen Koalition aus SPD, DDP, Zentrum und DVP eine Währungsreform vor, die im November 1923 in Kraft treten soll.
Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte ist, dass sich die SPD nicht entschließen kann, ob sie staatstragend oder revolutionär sein will.

Gartenfest für Vertreter der Ausländischen Presse beim Reichskanzler Dr. [Gustav] Stresemann. Der Reichskanzler inmitten ausländischer Journalisten. Von Bundesarchiv, Bild 102-00169 / CC-BY-SA 3.0

In Bayern putscht derweil die rechtskonservative Staatsregierung und ernennt Gustav Ritter von Kahr, Ex-Ministerpräsident und bis zum Putsch Regierungspräsident von Oberbayern, zum „besonderen Generalstaatskommissar“. In Analogie zu Mussolinis erfolgreichen faschistischen „Marsch auf Rom“ kündigen die Bayern einen „Marsch auf Berlin“ an.
Reichspräsident Ebert verhängt den Ausnahmezustand über Deutschland.

In Sachsen, später auch in Thüringen, tritt am 10. Oktober die KPD in die SPD-geführten Landesregierung ein. Die beiden SPD-KPD Koalitionen der „republikanischen-proletarischen Verteidigung“ sollen den angekündigten „Marsch auf Berlin“ der bayerischen Putschisten stoppen, außerdem hoffen die linksgerichteten sächsischen und thüringischen Sozialdemokraten, endlich die alte Feindschaft zwischen den Arbeiterparteien zu überwinden.
Für die KPD bedeutet die Regierungsbeteiligung in Sachsen und Thüringen aber noch viel mehr: Sie ist einer ihrer wichtigsten strategischen Ausgangspunkte für den „Deutsche Oktober“ und soll zusätzlich zur Mobilisierung der Arbeiterschaft dienen.

Es kommt anders.
Während Stresemanns Koalitionskabinett beim bayerischen Rechtsputsch zurückhaltend und fast hilflos reagiert hat, fackelt sie mit den (legitimen) Landesregierungen in Sachsen und Thüringen nicht lange und beginnt schnell, „geordnete Verhältnisse“ – Landesregierungen ohne KPD-Beteiligung – wiederherzustellen.
Am 20. Oktober marschiert die Reichswehr in Sachsen, einige Tage später auch in Thüringen ein. Später werden per „Reichsexekution“ beide Länderparlamente aufgelöst und kommunistische Minister ihrer Ämter enthoben. Bei Demonstrationen und Straßenschlachten gibt es mehrere Dutzend Tote und Verletzte.
Das sozialdemokratische Hin und Her – rot-rote Landesregierungen, die mit Billigung der Berliner SPD-Führung wieder zerschlagen werden – nimmt die KPD ausgesprochen übel. Mit fatalen Folgen.

Vorgehen der Reichswehr gegen die kommunistischen Hundertschaften in Sachsen.
Verhaftung eines kommunistischen Rädelsführers durch Reichswehr.

Als Reaktion auf den Einmarsch der Reichswehr soll am 21. Oktober eine kommunistische Betriebs- und Arbeiterkonferenz zum Generalstreik aufrufen, der den monatelang geplanten „deutschen Oktober“ einläuten soll.
Aber die Revolutionäre sind müde.

Anders als von KPD-Chef Heinrich Brandler behauptet, sind die „Proletarischen Hundertschaften“ nicht zum bewaffneten Widerstand gegen die Reichsregierung bereit, sie wollen nicht einmal gegen den Angriff der Reichswehr auf die beiden unliebsamen, aber legitimen Länderparlamente in Sachsen und Thüringen streiken. Die Mehrheit der 450 Delegierten entscheidet sich gegen jegliche Aktionen.
Die Revolution wird abgeblasen.

Nur in Hamburg erfährt man nichts davon.
Oder man will dort nichts davon wissen?

Lesen Sie im zweiten Teil: Hamburg auf den Barrikaden – Warum gerade Hamburg? – Der Aufstand und seine Folgen – Die Sozialfaschismustheorie
Hamburg auf den Barrikaden

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2017


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Weiterführende Links zum Thema:


Iosseb Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, gilt neben Adolf Hitler als einer der grausamsten Diktatoren in der Geschichte der Menschheit. Als Lenins „Mann fürs Grobe“ beginnt er seine Karriere mit Intelligenz und Skrupellosigkeit. Durch menschenverachtende Härte wird er ab 1924 zum allmächtigen KP-Generalsekretär, zum gefürchteten Alleinherrscher über die Sowjetunion und zum Diktator mit weltweitem „Sendungsbewusstsein“.
Wer war eigentlich Stalin? Teil 1


1923. Fünf Jahre sind seit dem Ende des Weltkrieges vergangen, aber Deutschland kommt nicht zur Ruhe. In Hamburg üben die Kommunisten Weltrevolution und für wenige Stunden gibt es eine „Sowjetrepublik Stormarn“. Ernst Thälmann, Hamburgs charismatischer KPD-Führer, bringt sich für seine weitere Karriere in Position, Stalin und Hitler mischen auch schon mit, aber das eigentliche Desaster ist, dass die KPD wieder mal von der SPD enttäuscht wird und in der Folge mit dem Begriff „Sozialfaschismus“ eine These in die Welt gesetzt wird, die brandgefährlich ist.
Hamburg auf den Barrikaden


Für Wilhelm II. gibt es gute Gründe, warum sich die Deutschen nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgerpaars an einem „Denkzettel für Serbien“ beteiligen sollen. Ist das deutsche Kaiserreich deswegen schuld am 1. Weltkrieg, der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“? Mit Sicherheit nicht:
Ein Platz an der Sonne oder: Wilhelm, das Großmaul


Bundeszentrale für politische Bildung: Der Kampf um die Republik 1919 – 1923.
http://www.bpb.de/izpb/55958/kampf-um-die-republik-1919-1923?p=all


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Bildnachweise:
1. Einzug französischer Truppen in Essen, 1923, Von Bain News Service, publisher – Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C., Gemeinfrei
2. Wilhelm Cuno (links) mit Reichspräsident Ebert bei der Verfassungsfeier vor dem Reichstag (1923). Von Bundesarchiv, Bild 146-1973-076-58 / CC-BY-SA 3.0
3. „Miets-Quittungen“ 1922/23, Agentur für Bildbiographien

4. Stresemann 1923 mit Journalisten. Von Bundesarchiv, Bild 102-00169 / CC-BY-SA 3.0
5. Verhaftung eines Mitglieds der Proletarischen Hundertschaften durch Reichswehr-Truppen.Bundesarchiv, Bild 102-00191 / CC-BY-SA 3.0

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